Das Pirnaische Elend

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Autor: Friedrich Bernhard Störzner
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Titel: Das Pirnaische Elend
Untertitel:
aus: Was die Heimat erzählt. Sagen, geschichtliche Bilder und denkwürdige Begebenheiten aus Sachsen, S. 417–425
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Erscheinungsdatum: 1904
Verlag: Arwed Strauch
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Erscheinungsort: Leipzig
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Obertor von Pirna (nach dem Gemälde von Canaletto).
Aus: Neue Sächs. Kirchengalerie, Ephorie Pirna.

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182. Das Pirnaische Elend.

Namenlosen Jammer durchlebte die an der Elbe gelegene Stadt Pirna in dem Kriegsjahre 1639. Man bezeichnet jene Zeit als das „Pirnaische Elend.“ Pirna zählte damals gegen 1000 Einwohner. Das Städtchen war wohlbewahret, hatte feste Mauern, Türme und Tore, und die starke Burg „Sonnenstein“ droben, die noch heute im Süden der Stadt auf mächtigen Felsen sich erhebt, war schier uneinnehmbar. Tapfer hatten die Bürger sich stets gehalten, doch trotzdem war die Stadt bisher von den Feinden wiederholt schwer heimgesucht worden. Das größte Unglück traf die Stadt Pirna jedoch im Jahre 1639. Es soll hier das wörtlich angeführt werden, was Herr Realschul-Oberlehrer Osk. Speck in Pirna, ein gründlicher Kenner der Geschichte der genannten Stadt, hierüber in der Neuen Sächsischen Kirchengalerie, Band Ephorie Pirna, Seite 56–58 schreibt:

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Die Stadtkirche in Pirna um 1800.

„Um sich des Engpasses zu bemächtigen, rückten die Schweden unter Baner am 16. April 1639 vor Pirna, das nur schwach besetzt war. Der Befehlshaber über Schloß und Stadt, Oberstleutnant Johann Siegmund von Liebenau, ließ, um sie möglichst noch fernzuhalten, die nächsten Häuser in den Vorstädten auf 50 Schuh im Umkreise vom Stadtgraben niederbrennen. Aber die Schweden belagerten die Stadt nun regelrecht und erstürmten sie am 23. April. Als der Kommandant von Liebenau keine Möglichkeit mehr sah, die Feinde wieder hinauszudrängen, zog er sich aufs [420] Schloß zurück. Die Bürger waren teilweise schon vorher von ihren Posten entwichen. So kam die Stadt in die Hände der erbarmungslosen Feinde, die ihrer Mordsucht und Raublust zügellos fröhnten.“ –

„Die Schweden fuhren Pirna so unmenschlich mit, daß man dergleichen wenig in der Geschichte finden wird. Viele Hundert Bürger wurden auf den Gassen niedergehauen, und weder Weiber noch Kinder blieben verschont. Ja, selbst die Kirche, in welche sich viele Hundert Menschen gerettet, blieb von ihren entsetzlichen Grausamkeiten nicht frei. Sie erbrachen sie mit Gewalt, hieben viele, die auf den Altarstufen auf den Knieen flehentlich um ihr Leben baten, in Stücken.“

(Götzinger, Chronik von Sebnitz, 1786, Seite 287.)

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Klosterkirche zu Pirna (nach einer im städt. Museum befindlichen Zeichnung).

„Erst nach 3 Tagen tat der Feldmarschall dem Wüten seiner entmenschten Horden Einhalt. Die Leichen der Erschlagenen blieben 8 Tage lang auf den Gassen liegen. Etwa 600 Leute waren getötet worden. Ueber 400 Bürger und Einwohner, die gänzlich ausgeplündert waren, verließen Pirna. –

Ein halbes Jahr lang blieb die Stadt von zwei schwedischen Regimentern besetzt. Auch des Schlosses suchten sich die Feinde zu bemächtigen, jedoch vergeblich. Als am 20. Septem. kaiserliche Truppen unter dem Grafen Hatzfeld und sächsische unter dem Kurfürsten die Stadt zu belagern begannen, um die Schweden daraus zu vertreiben, kam am 22. September Feldmarschall Baner mit einem Hilfsheer aus Böhmen herbei, worauf sich jene an die Festung Dresden zurückzogen. Baner wollte die Besatzung aus der Stadt herausziehen, diese aber niederbrennen. Dieses Unglück hatte ein braver Bürger, der Apotheker Theophilus Jacobäer, von der Stadt abgewendet. Unter größter Lebensgefahr ritt er nach Dresden an den Hof und erwirkte ein Schreiben, in welchem Magdalena Sibylla, die mit der Königin

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Ansicht des Dohnaischen Tores und der Abendseite des Sonnensteins 1755 nach dem Gemälde von Canaletto.
Aus: Neue Sächs. Kirchengalerie, Ephorie Pirna.

[423] Christine von Schweden verwandte Gemahlin des Kurprinzen Johann Georg, den Feldmarschall um Schonung der Stadt bat. Der rauhe Kriegsmann gab nach Ueberreichung dieses Schreibens den Bescheid, er wolle die Stadt zwar mit dem angedrohten Brande verschonen, aber nach Kriegsgebrauch ihre Befestigungswerke anzünden und zerstören. Am 25. September, nachmittags 4 Uhr, marschierte die Besatzung unter Oberst Jitzwitzky mit fliegenden Fahnen aus der Stadt hinaus in’s Hauptlager nach Zehista und von hieraus mit dem ganzen Heere Baners über Berggießhübel und Gottleuba nach Böhmen zu. Während des Abzugs steckten die Schweden

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Nikolaikirche zu Pirna 1875.

Tore, Türme und andere Posten in Brand. Glücklicherweise konnten die Feuersbrünste von der herbeieilenden Schloßbesatzung und von Bewohnern benachbarter Dörfer gelöscht werden. Die an den vorhergehenden Tagen aus der Stadt verjagten Bewohner kehrten, durch Boten zurückgerufen, zum Teil noch am Abend in die Stadt zurück. Ein trauriger Anblick bot sich ihnen: ein großer Teil der Stadtmauern geschleift, Türme und Tore ausgebrannt, 70 Häuser ganz oder teilweise zerstört, Gassen und Plätze durch Schutt und Unrat verunreinigt. Von etwa 900 Bürgern lebte kaum noch der dritte Teil, und deren Wohlstand war vernichtet. Das Jahr 1639 hat die Entwickelung der Stadt um ein Jahrhundert aufgehalten. Unter dem furchtbaren Kriegsgetümmel der nächsten Jahre konnte sie sich nicht erholen; [424] denn während die Abgaben und die Kriegsleistungen sich bis zu unerschwinglicher Höhe steigerten, lag der bürgerliche Erwerb völlig darnieder.“

Wandert man durch die Straßen Pirnas, so trifft man hie und da an den Häusern Inschriften, die an jenes Schreckensjahr der Stadtgeschichte erinnern. Am Marktplatze befindet sich die Löwenapotheke, welche die Nummer 17 trägt. An diesem altehrwürdigen Gebäude ist eine Gedenktafel angebracht, welche in goldenen Buchstaben folgende Inschrift hat:

Hier wohnte
Th. Jacobäer,
Retter unserer Stadt
am 25. Sept. 1639.


In der Plane Gasse befindet sich an dem Hause Nummer 6 ein alter Denkstein mit der Inschrift:

Anno 1639 am Tage Jacobi
ist die gantze gemeine bies
auf eine inige Bau Stadt
von Schwedischen Völckern in
einer Stunde Jemmerlich
in Brandt gestecket. Gott wolle
die gemeine weiter behütten.

Michael Grundt.

Das alte Gebäude, an welchem sich vordem dieser Denkstein befand, wurde im Jahre 1903 abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt. Der Besitzer hat aber in pietätvoller Weise den betreffenden Denkstein an dem neuen Gebäude zur bleibenden Erinnerung wieder anbringen lassen.

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Marktplatz von Pirna 1755 nach dem Gemälde von Canaletto.
Aus: Neue Sächs. Kirchengalerie, Ephorie Pirna.