Das Rheinthal

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Autor: Alois Wilhelm Schreiber
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Titel: Das Rheinthal
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch II, S. 1–2
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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[1]
Das Rheinthal.

Strom der Heimath, mir so lieb! hast Jahrtausende gesehen,
Die nicht auf den Tafeln stehen, welche die Geschichte schrieb.

Doch verzeichnet sind sie dort in den wild gethürmten Schichten;
Was die Berge uns berichten, ist ein unvergänglich Wort.

5
Eine neue Sonne scheint, seit die treuen Heliaden

An den öden Schilfgestaden um des Bruders Tod geweint.

Haben nicht den Dattelwein fromme Völker hier getrunken?
Doch die Palmen sind versunken und ihr Mark gefror zu Stein;

Und des Oelbaums heilig Laub, das des Markwalds Höhen schmückte,

10
Das der Schlangentödter pflückte, wurde des Gewässers Raub.


Ja, ein Eden hat geblüht in des Rheines mildem Thale,
In des Himmels erstem Strahle, eh’ der Kaiserstuhl geglüht;

Eh’ noch Jovis Sternenring sich zum festen Kern verdichtet,
Eh’ ein Gott die Welt gerichtet, und die Nacht den Styr umfing.

15
Ach, in dunklen Sagen nur hat sich jene Zeit erhalten,

Und des Nordes Stürme walten auf der Paradieses-Flur.

Das dämonische Geschlecht, dessen Hüften wir entsprungen,
Spie zum Himmel Lästerungen, trotzend auf ein Götterrecht.

„Menschen, unsre Kinder, ihr mögt die Erde von uns erben,

20
Jenes bessre Reich erwerben über Sternen wollen wir.“


Und sie klimmen keck hinan zu dem hohen Wolkensitze,
Und sie achten nicht der Blitze auf des Kampfes luft’ger Bahn.

[2]

Aber plötzlich braußt das Meer, Feuerbäche gießen nieder,
Ueber der Titanen Glieder wälzen sich die Berge her.

25
Eine Wüste steigt empor: Lavafelsen aus den Gluthen,

Knochenberge aus den Fluthen – Sinnend steht der Mensch davor;

Wohl, die Todten schweigen nicht, reden müssen, die verwesen,
In der Asche kann er lesen, in den Gräbern brennt ein Licht.

Bald auch regen ihm die Hand Kräfte seiner Riesen-Ahnen,

30
Stimmen hört er, die ihn mahnen an sein altes Vaterland.


Und zum Kampfe faßt er Muth, zwingt die Erde, ihm zu dienen,
Weiß die Gottheit zu versühnen, muß es seyn, mit eignem Blut.

Und des Rheines öder Grund wandelt sich zum Blnmengarten,
Und die Hände, die ihn warten, schlingen sich zum Freiheitsbund;

35
Städte spiegeln sich im Strom, Schönheit waltet in dem Leben,

In die Wolken hoch erheben muß sich Erwins stolzer Dom.

Und in Ton und Farb’ erblüht, was kein ird’scher Sinn vernommen,
Was von Oben nur gekommen in das liebende Gemüth. –

Schönes Thal am blauen Rheine, mit versunknen Heldenmalen!

40
Herrlich wird dein Name strahlen bis zum letzten Sternenschein.


Deiner Söhne heil’ge Schaar, nimmer wird sie Niedres dulden,
Was die Zeiten auch verschulden, löst sie fromm am Blutaltar.

Aloys Schreiber.
(In Bezug auf vorstehendes Gedicht, welches uns wieder in das lachende Rheinthal einführt, vergleiche die zweite Note zu Jos. Baders Einleitung im 1ten Bande.)