Das Schmerzensasyl eines Dichters

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Autor: F. Hbg.
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Titel: Das Schmerzensasyl eines Dichters
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aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 517–519
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Das Schmerzensasyl eines Dichters.

Zwischen Jena und Camburg. von beiden Städten gleich weil entfernt, erheben sich am linken Ufer der Saale kühn aufstrebende Felsen, von welchen herab drei Schlösser, grünende Wein- und Gartenanlagen und eine kleine Stadt dem Wanderer freundlich zuwinken. Wer dem Winke folgt, die Steile des Weges nicht scheuend, der betritt droben eine „geweihte Stätte“. Sie ist eine geweihte, wenn anders eine große geschichtliche Vergangenheit eine solche Weihe verleihen kann und wenn das Wort desjenigen wahr ist, der hier am Abend seines Lebens ein Asyl für die Wunden seines Herzens gefunden hat, das Wort Goethe’s, daß „die Stätte, die ein guter Mensch betrat, geweiht ist für alle Zeilen“.

Schloß und Stadt Dornburg an der Saale im Großherzogthum Weimar, das alte Kaiserpalatium, ist diese geweihte Stätte.

Das am 14. Juni 1828 zu Torgau erfolgte Hinscheiden seine

Die Gartenlaube (1861) b 517.jpg

Schloß Dornburg.

hochedlen Herrn und genialen Freundes, des Großherzogs Karl August von Weimar, hatte Goethe, den schon Hochbetagten, so tiefschmerzlich berührt, daß er, um die Stätte der Trauer und die Vorbereitungen zu den fürstlichen Exequien zu fliehn, deren aufregenden Eindruck er nur zu sehr fürchten zu müssen glaubte, die weimarische Residenz verließ und sich am 7. Juli 1828 nach dem großherzoglichen Schlosse Dornburg begab. Und dort, in der Einsamkeit und ländlichen Abgeschlossenheit, an dem Herzen der Trösterin Natur, leitete er den wildanstürmenden Schmerzensquell in die ruhige Strömung philosophischer Resignation.

In der Betrachtung der Anmuth, eines solchen wahrhaften Lustorts verflüchtete sich allmählich der Schmerz des großen Mannes über das Dahinscheiden seines letzten geistesebenbürtigen Freundes – nachdem er 23 Jahr früher, im Maimond des Jahres 1805, schon dem ersten aus der schönen Fürsten- und Dichlertrias nachgeweint hatte – ein Schmerz, der für den nun ganz Vereinsamten so groß war, daß er nach seinem eignen Geständniß erst nach Verlauf von einigen in stillem Schmerzhinbrüten verlebten Tagen und Nächten sich in’s Freie wagte.

Hier arbeitete er an dem zweiten Theile des Faust, von hier datiren sich Briefe an Zelter, und hier schrieb er als Entgegnung auf die Zuschrift, durch welche die junge Großfürstin Marie Paulowna ihm ihre Theilnahme und Tröstung hatte versichern lassen, jenen Brief an den Kammerherrn Obersten von Beulwitz[1], in welchem wir folgende Beschreibung Dornburgs finden, die gleichsam als eine Apotheose dieses schönen Landsitzes gelten kann und die wir hier einzuschalten uns darum nicht versagen können.

„Da sah ich vor mir, auf schroffer Felskante, eine Reihe einzelner Schlösser hingestellt, in den verschiedensten Zeiten erbaut, zu den verschiedensten Zwecken errichtet. Hier, am nördlichen Ende, ein hohes, altes, unregelmäßig-weitläufiges Schloß, große Säle zu kaiserlichen Pfalzlagen umschließend, nicht weniger genügsame Räume zu ritterlicher Wohnung; es ruht auf starken Mauern zu Schutz und Trutz. Dann folgen später hinzugesellte Gebäude, haushälterischer Benutzung des umherliegenden Feldbesitzes gewidmet. Die Augen an sich ziehend aber steht weiter südlich, auf dem solidesten Unterbau, ein heiteres Lustschloß neuerer Zeit, zu anständigster Hofhaltung und Genuß in günstiger Jahreszeit. Zurückkehrend hierauf an das südlichste Ende des steilen Abhanges, finde ich zuletzt das alle, nun auch mit dem Ganzen vereinigte Freigut wieder, welches mich so gastfreundlich einlud.

„Auf diesem Wege nun hatte ich zu bewundern, wie die bedeutenden Zwischenräume, einer steil abgestuften Lage gemäß, durch Terrassengänge zu einer Art von auf- und absteigendem Labyrinth architektonisch auf das Schicklichste verschränkt worden, indessen ich zugleich die sämmtlichen, über einander zurückweichenden Localitäten auf das Vollkommenste grünen und blühen sah. Weithin gestreckte, der belebenden Sonne zugewendete, hinabwärts gepflanzte, tiefgrünende Weinhügel, aufwärts an Mauergeländern üppige Reben, reich an reifenden, Genuß zusagenden Traubenbüscheln; hoch an Spalieren sodann eine sorgsam gepflegte, ausländische Pflanzenart, das Auge nächstens mit hochfarbigen, an leichtem Gezweige herabspielenden Glocken zu ergötzen versprechend; ferner vollkommen geschlossen gewölbte Landwege, einige in dem lebhaftesten Flor durchaus blühender Rosen höchlich reizend geschmückt; Blumenbeete zwischen Gesträuch aller Art. Von diesen würdigen landesherrlichen Höhen seh’ ich ferner in einem anmuthigen Thale so Vieles, was, dem Bedürfniß der Menschen entsprechend, weit und breit in allen [518] Landen sich wiederholt. Ich sehe zu Dörfern versammelte ländliche Wohnsitze, durch Gartenbeete und Baumgruppen gesondert; einen Fluß, der sich vielfach durch Wiesen krümmt, wo eben eine reichliche Heuernte die Emsigen beschäftigt; Wehr, Mühle, Brücken folgen aufeinander, die Wege verbinden sich auf- und absteigend. Gegenüber erstrecken sich Felder an wohlbebauten Hügeln bis an die steilen Waldungen hinan, bunt anzuschauen nach Verschiedenheit der Aussaat und des Reisegrades. Büsche hie und da zerstreut, dort zu schattigen Räumen zusammengezogen. Reihenweis, auch den heitersten Anblick gewährend, seh’ ich große Anlagen von Fruchtbäumen, sodann aber, damit der Einbildungskraft ja nichts Wünschenswerthes abgehe, mehr oder weniger aufsteigende, alljährlich neu angelegte Weinberge.“

Aus diesem ruhigen, wohlgeordneten und die Spuren einer schon früh thätig besorgten Vergangenheit enthüllenden Wesen um sich her abstrahirt sich Goethe den für ein „bekümmertes Gemüth wohlthuenden“ Schlußsatz: „daß die vernünftige Welt von Geschlecht zu Geschlecht auf ein folgerechtes Thun entschieden angewiesen ist.“

Goethe wohnte in dem äußersten, auf der Seite nach Jena zu gelegenen Gebäude, welches früher ein Freigut, aber bereits zur Zeit von Goethe’s Aufenthalt ein Besitzthum des weimarischen Fürstenhauses war. Ueber dem Portale dieses Hauses empfängt uns das schöne lateinische Distichon:

Gaudeat ingrediens, laetetur et aede recedens!
His, qui praetereunt, det bona cuncta Deus!

nach Goethe’s eigener Uebersetzung:

Freudig trete herein und froh entferne Dich wieder!
Ziehst Du als Wandrer vorbei, segne die Pfade Dir Gott!

Diesen menschenfreundlichen Spruch nahm Goethe zum Eingang jenes Beulwitz’schen Briefes und findet in ihm sinnig den Wahlspruch seines verewigten Herrn, seines „Herrn, welcher nach seiner erhabenen Sinnesart jederzeit mehr für die Kommenden, Scheidenden und Vorüberwandelnden besorgt war, als für sich selbst, der, wie der Anordner jener Inschrift, weniger seiner Wohnung, seines Daches gedachte, als derjenigen, welche da zu herbergen, mit Gunst zu verabschieden oder vorbeigehend zu begrüßen wären.“

Das Zimmer, welches Goethe bewohnte, befindet sich im zweiten Stock auf der südöstlichen Seite. Es ist in seiner innern Einrichtung wie ein unantastbares Heiligthum als „Goethezimmer“ getreu wie zu des Dichters Aufenthalt erhalten. Ein kleines Täfelchen erzählt uns, daß Goethe hier vom 7. Juli bis 12. September 1828 gewohnt hat, ein anderes enthält von Goethe’s eigener Hand Notizen über Barometerstände, zeigt uns also den Dichter als Naturforscher.

Einen Haupttheil seiner Studien auch während dieses Landaufenthalts, wie überhaupt in jener spätern Periode seines Lebens, scheinen naturwissenschaftliche Forschungen gebildet zu haben. Darunter namentlich „botanische Betrachtungen“, wozu ihn der reichausgestattete Blumengarten des Schlosses einlud, und „da thut sich“ bei ihm „eine alte wohlfundirte Liebschaft wieder hervor.“ Insbesondere aber füllen – merkwürdig genug – die letzten Dornburger Briefe an Zelter die ausgedehntesten Beobachtungen über – das Wetter. Der große Mann erstrebte nichts mehr und nichts weniger als dem Geheimniß des hundertjährigen Kalendermannes auf die Spur zu kommen. Er sucht die Grundlagen, auf welchen sich die scheinbar so regellosen Erscheinungen des Wetters basiren, zu entdecken und tritt mit Glück als Wetterprophet auf. Wohin geräth nicht die Universalität des menschlichen Geistes! An diese Studien erinnern uns jene noch vorhandenen Barometeraufzeichnungen auf dem Täfelchen, dessen wir oben Erwähnung thaten. Denn an den Stand des Barometers, den er täglich zum Oeftern untersuchte, namentlich an die Vergleichnng „seines Steigens und Fallens mit der Physiognomie der Atmosphäre und der Bewegung der Wolken“ knüpfte er hauptsächlich die gedachten Untersuchungen.

Das Zimmer ist hoch, hell und geräumig. Unter dem einfachen Meublement fällt namentlich ein Ofen auf, dessen Aufsatz eine Thurmruine von einer Schlange umwunden darstellt. Der Eintritt zu dem Zimmer ist jeder Zeit durch den jetzigen Bewohner des Hauses, den großherzoglichen Hofgärtner Sckell, zu ermöglichen, der damals Goethe’s freundlichen Wirth machte und in dessen Herzen die Erinnerung an den Goethe’schen Aufenthalt einen unverlöschlichen Heerd hat. Da erfahren wir genau, wie Goethe lebte, wie er um 6 Uhr aufstand, nach dem Kaffee und Frühstück von halb bis 9 Uhr in dem Schloßgarten lustwandelte, nach einem weiteren regelmäßig von einem Glas Moselwein begleiteten Frühstücke dann bis zum Mittagstisch seinem Secretair John dictirie und bis 4 Uhr Nachmittags Besuche empfing. Nach einem weitern kurzen Spaziergang fuhr er im Dictiren fort bis 6 Uhr Abends, wo er statt eines Abendessens regelmäßig ein Glas Wein nebst Zwieback genoß. Nach dieser Erfrischung verkehrte er gern im Gespräch mit vertrauten Freunden, an deren Besuch es ihm selten mangelte. Um 9 Uhr, spätestens eine halbe Stunde vor 10 Uhr ging er zu Bett.[2]

Dieses regelmäßige Leben, das ihm wohl schon sein hohes Alter vorschrieb, hielt er streng ein. Während der ganzen Dauer seines Aufenthalts verließ er Dornburg nur drei Mal, einmal fuhr er in Begleitung Sckell’s nach Großheringen, einem gegen vier Stunden entfernten Dorfe in der Nähe von Sulza, wo er bei dem dasigen Schultheiß Pietzel Einkehr nahm, ein zweites Mal nach Camburg, die dortigen Ruinen in Augenschein zu nehmen, und ein drittes und einziges Mal nach Jena, wo er bei dem Bibliothekar Legationsrath Weller abstieg.

Goethe eimfing, wie erwähnt, fast täglich Besuch von nah und fern. Außer seiner Familie, Eckermann und dem gedachten Legationsrath Weller besuchte ihn zum Oeftern der Kanzler Müller und der Landesdircetionsrath Töpfer von Weimar, der Bauinspector Götze von Jena, von Fremden namentlich viele Engländer, worunter der Herzog von Wellington.

Am 12. September reiste Goethe ab. und nur noch zwei Mal vor seinem Tode, in den Jahren 1829 und 1830, kam er, und auch dies auf ganz kurze Zeit, in das ihm liebgewordene Dornburg. Als er das letztere Mal da war, sagte er beim Scheiden zu dem Hofgärtner: „Lieber Freund, es ist wohl das letzte Mal, daß ich Sie besuche, wollen Sie nicht einmal zu mir nach Weimar kommen?“ Sckell entgegnete, daß seine Geschäfte ihm keine Zeit zu einem solchen Besuche übrig lassen würden. „Nun,“ sagte Goethe, indem er ihm mit der einen Hand[WS 1] die seinige drückte, die andere aber gen Himmel hob, „dann sehen wir uns dort wieder,“ – und es ward denn auch sein letztes Mal. – Nur noch einen Sommer schenkte ihm der Genius des Lebens, dann forderte der Tod auch von ihm sein ewiges Recht. Noch eine andere Ahnung begleitete [519] Goethe, indem er schon früher einmal zu dem Hofgärtner Sckell äußerte, es werde eine Zeit kommen, wo sich die Jugend und das Volk gegen seine angestammten Herrscher erheben würde – und zwei Jahr darnach war die Julirevolution und zwanzig Jahre später die des März 1848.

Soviel von Goethe! Aber wie wir Eingangs erwähnten, knüpfen sich an Dornburg auch noch große historische Erinnerungen. Und auch bei diesen können wir uns nicht versagen, etwas zu verweilen. Dornburg ist eine der ältesten Städte in Thüringen. Sie hatte schon im Jahre 937 Stadtrecht und war früher weit größer als heutzutage. Schon in der Goethe’schen obigen Beschreibung wird angedeutet, daß das obere nördliche Schloß in seiner alten Herrlichkeit ein kaiserliches Schloß war. So ist denn auch urkundlich nachgewiesen, daß Dornburg zu Zeiten der sächsischen Kaiser eine kaiserliche Pfalzstadt war. Hier hielt Mathilde, Aebtissin von Quedlinburg, im Jahre 999 in Vertretung ihres in Italien abwesenden Neffen, des Kaiser Otto III., einen Reichstag, zu welchem sie auch die schöne Luitgarde, Markgraf Eckardt’s von Thüringen und Meißen liebliches Töchterlein, mitgenommen hatte, welche vom gestrengen Herrn Vater der Aebtissin Schutz und Obhut anvertraut war, um mit dem rückkehrenden Kaiser verlobt zu werden. Nun aber wollte es das Schicksal, daß das Fräulein dem jungen Sohne eines nordthüringischen Grafen, Namens Werner, von Herzen zugethan, auch früher schon mit ihm versprochen war. Während nun die hochehrwürdige Frau Aebtissin in dem Rittersaal zu Dornburg saß, um mit den Ständen über das Wohl und Wehe des Reiches zu berathen, ersah sich Herr Werner die Gelegenheit, mit einigen Getreuen in Dornburg einzudringen und die mathildische Schutzbefohlene auf schnellem Rosse nach Walberk zu entführen. Vergebens eilten die aufgeschreckten Getreuen des Reiches dem kühnen Räuber nach, es gelang demselben inzwischen die schützenden Mauern des genannten Ortes zu erreichen. Dennoch aber brachte nicht das kühne Wagniß, sondern erst der bald erfolgende Tod des hartherzigen Brautvaters das treu ausharrende Paar an das ersehnte Ziel. Also ein schön Stück mittelalterlicher Romantik! Noch jetzt zeigt man Mathildens vergoldete Bettstelle. Auch im Jahre 1004 wurde von Heinrich II. ein Reichstag zu Dornburg abgehalten, bei welchem es sich namentlich um die Wiederaufrichtung des Bisthums Merseburg handelte. Später kam Dornburg in den Besitz der Schenken von Vargula und Tautenburg, von denen sich dann ein besonderer Zweig als die Schenken von Dornburg bildete. Durch Kauf ging es an die Grafen von Orlamünde und Schwarzburg über, und in dem sogenannten thüringischen Grafenkriege wurde es nach einer fünftägigen Belagerung durch den Friedensschluß vom 26. Juli 1345 ein Lehn der Landgrafen von Thüringen, welche es seit dem Jahre 1358 in völligen Besitz nahmen und Burgmannen drein setzten.

Das vordere Schloß ist gegenwärtig der Sitz eines Justiz- und Rechnungsamtes und Beamtenwohnung. In dem ursprünglich sehr geräumigen, aber jetzt durch Bauten verkleinerten Rittersaale, wo einst die Großen des damals so herrlichen deutschen Reiches rathend und thatend saßen, erschallen jetzt die Stimmen kreischender Männer und Weiber, die sich um eine nichtbezahlte Rechnung oder um ein ausgestoßenes Schimpfwort zanken, und wie grollend schauen von den Wänden hernieder die edlen Häupter aus den Zeiten alter deutscher Herrlichkeit. Sie transit gloria mundi!

Das kleinere Schloß in der Mitte ist in den Jahren 1728 bis 1748 vom Herzog Ernst August in dem pittoresken Geschmacke damaliger Zeit erbaut worden und ist das eigentliche Wohnhaus der großherzoglichen Familie im Falle ihrer Anwesenheit in Dornburg. Und wie in dem ersten vor fast tausend Jahren Reichstage, so wurde in diesem Schlößchen im Jahre 1818 der erste verfassungsmäßige weimarische Landtag, einer der ersten in Deutschland abgehalten.

So vereinigt die Erinnerung auf einem kleinen Stück Erde des Großen und Schönen gar viel. Dir aber, freundlicher Leser, ruft es von dort her scheidend und einladend zu:

Freudig trete herein und froh entferne Dich wieder,
Ziehst Du als Wandrer vorbei, segne die Pfade Dir Gott.“

F. Hbg.



  1. Ein Abdruck dieses Briefes findet sich bei Vogel, Goethe in amtlichen Verhältnissen. Jena 1834
  2. Aus jener Zeit erzählt man sich die folgende Anekdote: Eine junge Engländerin, qlühende Verehrerin Goethe’s, kam nach Weimar, um dort den Dichter persönlich aufzusuchen und zu sprechen. Zu ihrem nicht geringen Erschrecken erfuhr sie da, daß Goethe nach Dornburg gereist sei und von dort auch nicht bald zurückkehren werde. Einige Stunden darauf saß sie im Postwagen nach Jena und kam endlich erschöpft und ermüdet in Dornburg an, fest entschlossen, den nächsten Morgen den bestimmten Besuch zu machen. Es wird allgemein bekannt sein, wie sehr Goethe durch Besuche, die oft der langweiligsten Art waren, in Anspruch genommen wurde, Oft gab er dann seinen Leuten Befehl, Niemanden zu ihm zu lassen, aber die Zahl der Besucher minderte sich deshalb nicht. Viele derselben wußten dann durch Geschenke an die Kammerdiener sich Zutritt zu verschaffen, und so war es auch mit unserer Heldin, die kein anderes Mittel fand, um zu ihrem Zwecke zu gelangen. Sie wurde in das Empfangszimmer geführt. Ein Sturm der verschiedensten Gedanken bewegte sie; der Moment, den sie so sehnlichst erwartet hatte, war da. Jetzt trat Goethe herein und grüßte mit leichter Verbeugung. Aber war es nun die Größe des Augenblicks oder die Hoheit des Mannes, der sie unverwandt betrachtete und sich an dem Eindruck, den er auf sie machte, zu ergötzen schien – kurz, die junge Dame verlor alle Fassung und stand verwirrt, keines Wortes mächtig vor dem Dichter. Ein böser Genius schwebte über ihr! Da endlich raffte sie sich auf. Unbehülflich lenkte sie das Gespräch auf das Wetter, sprach von der Unbeständigkeit der Witterung und wurde nicht satt, Betrachtungen über den gerade herabströmenden Regen anzustellen. Goethe, auf’s Aeußerste gelangweilt, schützte Geschäfte vor und empfahl sich kurz. Die junge Dame war unglücklich. Einer solchen Art hatte sie sich diesen Besuch nicht geträumt. Was sollte sie ihren Freundinnen in England davon erzählen? Sie war einschlossen, ihren Fehler wieder gut zu machen und einen zweiten Besuch, falle dieser nun auch aus wie er wolle, zu wagen. Nach mancherlei Schwierigkeiten gelang es ihr angenommen zu werden. Goethe empfing sie auf das Freundlichste, unterhielt sich viel mit ihr von Literatur und war so artig, daß sie es endlich wagte, ihm ihr Album zu überreichen und ihn zu bitten, dasselbe durch einige Zeilen zu verherrlichen. Er nahm es lächelnd, schrieb, und unsere Heldin eilte mit demselben, nachdem sie sich beim Dichter mit den größten Danksagungen verabschiedet hatte, in ihr Wirthshaus. Wer beschreibt aber ihren Schreck, als sie dort angekommen die folgenden Worte las:

    „Es regnet, wenn es regnen soll.
    Es regnet seinen Lauf.
    Und wenn’s genug geregnet hat.
    Dann hört es wieder aus!“

    D. Red.

  1. Vorlage: Hund