Das Testament eines Millionärs

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Autor: E. Rudorff
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Titel: Das Testament eines Millionärs
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 559–560
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[559] Das Testament eines Millionärs. In Paris starb vor wenigen Jahren Herr Dupont, ein liebenswürdiger alter Herr, dessen Baarvermögen auf mindestens zwei Millionen Franken geschätzt wurde, und welchem außerdem eine elegante Villa in Passy gehörte, die auf’s Reizendste mit Kunstgegenständen aller Art ausgestattet war. Da Herr Dupont seine Gattin schon vor langer Zeit verloren hatte und weder Kinder noch nahe Verwandte besaß, so waren seine zahlreichen Freunde auf den Inhalt seines Testaments sehr gespannt. Diese Spannung war noch dadurch erhöht worden, daß Herr Dupont in den letzten Monaten vor seinem Tode zu lieben Freunden, sowie zu entfernten Verwandten die Aeußerung gemacht hatte: sie würden dereinst erkennen, wie ängstlich er danach gestrebt habe, sich für eine ihm bewiesene wahre Zuneigung dankbar zu beweisen.

Herr Dupont war stets gastfrei gewesen und hatte für seine Freunde und Verwandten – in Fällen wirklicher, unverschuldeter Bedrängniß – jeder Zeit bereitwillig und auf’s Großmüthigste gesorgt. –

Vierzig Personen, Damen und Herren verschiedenen Alters, erhielten bald nach dem Heimgange des Herrn Dupont von dem Notar L., dessen vieljährigem Rechtsbeistande, die Einladung, sich zu ihm zu begeben, um, dem Wunsche des Testators gemäß, den Inhalt seines letzten Willens zu vernehmen. Nach dem letzteren waren die Armen der Stadt Paris Universalerbe geworden, und sie hatten, nach den in dem Testamente enthaltenen Bestimmungen, mehr als eine Million baar und den Erlös aus den zu verkaufenden Mobilien, so weit nicht darüber von dem Testator durch Errichtung von Legaten verfügt worden, zu erwarten.

[560] Sämmtliche vierzig Personen nun, mit welchen Herr Dupont in freundschaftlicher Verbindung gestanden, waren von ihm durch Legate reich bedacht worden, und der alte Herr hatte bei der Wahl seiner Gaben die Neigungen, den Geschmack und die Bedürfnisse seiner Freunde sorgsam in Betracht gezogen.

Einer Dame, welche oftmals Herrn Dupont’s Sammlung geschnittener Steine bewundert hatte, waren mehrere prächtige Cameen nebst einer entsprechenden Summe, um dieselben zu reichen Schmuckgegenständen verarbeiten zu lassen, vermacht worden. Ein junger Maler empfing sechstausend Franken zu einer Reise nach Italien, ein Kunstliebhaber ein Gemälde und herrliche venetianische Glasgefäße, ein entfernter Verwandter von Herrn Dupont, welcher ein kleines Gut besaß, Wagen und Pferde des Verstorbenen; die Wittwe eines Obristen – ebenfalls eine Seitenverwandte des alten Herrn und in bescheidenen Verhältnissen lebend – erhielt das Mobiliar zu drei Zimmern und deren siebenzehnjährige Tochter Madeleine sechstausend Franken, um sich zur Musiklehrerin ausbilden zu können.

Alle Legatare waren, in Bezug auf den Werth der erhaltenen Geschenke, beinahe gleichgestellt worden, und die vierzig Spenden repräsentirten einen Werth von 240,000 Franken.

In dem Testamente hatte Herr Dupont seinen Freunden und Verwandten noch voll Herzlichkeit für die liebevollen Gesinnungen gedankt, welche sie oft gegen ihn ausgesprochen, und die Bitte hinzugefügt, sie möchten ihm ein freundliches Andenken bewahren. Daß für die Dienerschaft ansehnliche Pensionen ausgeworfen worden waren, durfte bei den stets bewiesenen humanen Gesinnungen des alten Herrn nicht Wunder nehmen. – Nachdem das Verzeichniß der Legate verlesen war, erfuhren die Anwesenden aus einem neuen Paragraphen des Testaments, daß Herr Dupont auch noch bei der Bank von Frankreich ein Kästchen niedergelegt habe, welches eine Million Franken enthielte, und sämmtliche Legatare wurden aufgefordert, sich nach Jahresfrist – am 10. December – wiederum bei dem Notar einzufinden. Derselbe werde alsdann das Kästchen öffnen und sie erfahren, wem von ihnen der reiche Inhalt zugedacht worden sei.

Betroffen schauten die Legatare einander an. Wer unter ihnen mochte wohl der Glückliche sein? Aus dem Wortlaute des Testamentes war auch nicht die geringste Andeutung hierfür zu entnehmen, und mit verschiedenen Empfindungen verließen sie das Zimmer des Notars. Einige unter den reich Bedachten waren Herrn Dupont aufrichtig dankbar für diesen neuen Beweis seiner liebevollen Gesinnung. Andere vermeinten ein Anrecht auf viel beträchtlichere Gaben zu besitzen und verfügten sich grollend nach Hause. Wie sonderbar fanden diese das Verlangen des Testators, nochmals bei dem Notar erscheinen zu sollen, um vielleicht auf’s Neue einen Aerger hinnehmen zu müssen, falls ein Anderer ihnen vorgezogen wäre! Wenn aber eine noch unbekannte Klausel des Testaments auf dieses pünktliche Erscheinen besonderen Werth legte? Man würde dennoch – wohl oder übel – sich fügen müssen, um nicht einen möglichen großen Gewinn auf’s Spiel zu setzen.

Am beglücktesten fühlte sich Madeleine, das junge Mädchen, welcher sechstausend Franken zugefallen waren, um sich zur Musiklehrerin ausbilden zu können. Ihre Mutter hatte stets mit Sorgen kämpfen müssen, um mit der geringen Pension, welche sie erhielt, den einfachen Haushalt in anständiger Weise zu führen, und obwohl sie mit Herrn Dupont entfernt verwandt war, hatte Zartgefühl sie stets zurückgehalten, den reichen Mann um eine Unterstützung anzugehen. Beträchtliche Geschenke zum neuen Jahre waren das Einzige gewesen, was sie von ihm erhalten hatte. Das junge Mädchen, welches eine schöne biegsame Stimme besaß, hatte einmal, nachdem sie Herrn Dupont ein Lied vorgesungen, flüchtig geäußert, wie glücklich sie sein würde, wenn es ihr möglich werden sollte, ihre musikalischen Anlagen auszubilden und sich eine selbstständige Existenz zu gründen. Das war dem menschenfreundlichen Herrn im Gedächtnisse geblieben, und Madeleine dankte es ihm mit warmem Herzen, nicht nur in dem Augenblicke, in dem sie von dem Legate erfuhr, sondern an jedem Tage, wo sie freudig ihr Wissen vermehren, dem erstrebten Ziele sich nähern konnte.

Es war nur ein natürlicher Act der Pietät, daß sie an dem ersten heitern Sonntagmorgen, einen schönen Strauß in der Hand, auf den Kirchhof eilte, um das Grab ihres Wohlthäters damit zu schmücken. Wie erstaunte das Mädchen, als sie das Grab des reichen Mannes in einem Zustande fand, der deutlich zeigte, daß seit dem Tage der Beerdigung auch nicht die mindeste Sorgfalt darauf verwendet worden.

Sie fragte den Kirchhofsdiener, welcher mit der Beaufsichtigung der Gräber betraut war, ob niemand sich um die Erhaltung der letzten Ruhestätte des Entschlafenen kümmere? Er vermochte nichts darüber zu sagen; ihm selbst war keinerlei Auftrag dazu geworden.

Madeleine ging zu dem Notar, der ihr das Legat ausgezahlt hatte, und machte ihm Mittheilung von der traurigen Verfassung des Grabhügels. Der Herr erwiderte achselzuckend und mit einer Miene des Bedauerns, daß Herr Dupont in seinem Testamente jede künftige Ausgabe auf das Sorgsamste vorgesehen und die nöthigen Summen dafür bestimmt habe. Für die Pflege seines Grabes sei nichts ausgeworfen, auch keinerlei Fond dazu vorhanden.

Die Augen des jungen Mädchens füllten sich mit Thränen. „Nein, so soll der Mann nicht ruhen, welcher so Vielen Freude bereitet, so vieles Elend gelindert hat; mein Amt wird es bleiben, seinen Grabhügel zu schmücken und zu pflegen.“

Das liebe Mädchen hielt Wort. Ein einfaches Kreuz mit dem Namen des Dahingeschiedenen zierte bald den Hügel, und Veilchen, Immergrün und Rosen sproßten weiterhin daraus hervor. Madeleine und ihre Mutter gingen oftmals zu der ihnen liebgewordenen Stätte und säuberten und schmückten das einsame Grab.

Nach Jahresfrist wurde das bei der Bank deponirte Kästchen, enthaltend eine Million Franken, in Gegenwart aller Legatare geöffnet und man fand darin auch eine schriftliche Anordnung von Herrn Dupont’s eigener Hand; sie lautete:

„Wohl zehnmal habe ich mein Testament geändert und mir niemals dabei Genüge gethan. Wem ein großes Vermögen anvertraut worden ist, der hat auch moralische Verpflichtungen schwerwiegender Art. Ich hielt es für geboten, einen bedeutenden Theil meines Besitzes edeln Händen anzuvertrauen und nach Kräften dafür zu sorgen, daß auch ferner segensreich damit gewaltet werde. So mancher freundliche Mund hat Worte innigster Zuneigung für mich ausgesprochen und die menschenfreundlichsten Gesinnungen zu erkennen gegeben. Aber Gott nur siehet das Herz, und ich fühlte mich von Zweifeln hin- und hergeworfen. Von allen Tugenden schien mir stets die Dankbarkeit eine der reinsten und seltensten zu sein; möge man daher nicht lächeln, wenn ich nur einem dankbaren Herzen den Theil meines Vermögens hinterlassen will, welchen ich persönlich, durch redlichen Fleiß und von Gottes Gnade beschirmt, erworben habe. Alle, welche mir nahe standen, habe ich zu erfreuen gestrebt; ich durfte daher die Hoffnung hegen, daß in Denjenigen, welche oft zu mir kamen und stets liebevoll empfangen wurden, auch einmal der Wunsch sich regen würde, den Grabhügel zu besuchen, der einen treuen Freund in sich schließt.

Nach der getroffenen Anordnung wird mein Grab ungepflegt bleiben und einem baldigen Verfall entgegengehen, wenn Niemand aus freiem Antriebe sich desselben annimmt. Den Freunden nun, welche mein Andenken dadurch ehren möchten, daß sie der einsamen Ruhestätte Pflege angedeihen ließen, ihnen gedachte ich einen besonderen Beweis meines Vertrauens und meiner Dankbarkeit zu geben. Ich bestimme daher, daß, wenn mehrere unter ihnen sich vereint haben, mein Grab unter ihre Obhut zu nehmen, die noch vorhandene Million Franken zu gleichen Theilen ihnen zufallen, und wenn nur ein Einziger in dieser Weise meiner gedacht, dieser allein die ganze Summe erhalten solle. Würde aber Niemand unter den Legataren zu einem solchen Liebesdienst – binnen Jahresfrist nach meinem Tode – sich angeschickt haben, so soll auch diese Million meinen Erben, den Armen der Stadt Paris, zufallen.“

Die arme, brave Madeleine hatte zu ihrem Erstaunen das nicht zu bestreitende alleinige Anrecht auf die Million Franken erlangt. Und sie zeigte sich würdig, die Erbin eines so großmüthigen, gewissenhaften Mannes geworden zu sein. Das Gold in ihrer Hand blieb kein todtes Metall, sondern spendete Segen nach allen Seiten hin.
E. Rudorff.