Das Thurmzimmer

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Autor: Levin Schücking
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Titel: Das Thurmzimmer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5–9
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Geistergeschichte aus Herder’s Leben
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[65]
Das Thurmzimmer.
Geistergeschichte aus Herder’s Leben.
Von Levin Schücking.
1.

In den Weserbergen, unweit des Bades Eilsen, liegt eine reizende kleine Ritterburg, die jetzt als Sommer- und Jagdschloß dem fürstlichen Hause Schaumburg-Lippe dient. Auf einer mäßigen Anhöhe erhebt sie sich über den Wipfelkronen prächtiger alter Eichen und Buchen; zu ihren Füßen, in der Thalschlucht, die sich nach Nordwest hinabsenkt, ruhen dunkle Weiher, die man die Hexenteiche nennt, einer über dem anderen, so schattig, so kühl, so still, von den mächtigen Aesten überhangen, von der Phaläne überflattert, an den Stellen, wo die Sonne durchbricht, ein helles Grün zeigend, neben dem um desto schneeiger die Kelche der weißen Seerosen leuchten – es ist eine Welt wie ein Waldmärchen, in deren duftige Stille von der Höhe herab die zierliche mittelalterliche Burg wie ein Traum niederblickt.

Märchen und Traum … das waren wenigstens die Eindrücke, welche ein junger Mann zu empfinden schien, der – es war im Jahre 1772 – eines Abends, um die Zeit, wo der Sommer in den Herbst überzugehen beginnt, in diesem kleinen Thale hinaufschritt, auf reinlich gehaltenen Kiespfaden, die neben den Weihern emporführten. Er ging das Haupt gesenkt, die Blicke auf den Boden heftend und nicht immer der Berührung mit den grünbelaubten Zweigen ausweichend, die sich weithin über Pfad und Teich ausstreckten.

Er mochte etwa achtundzwanzig bis dreißig Jahre alt sein; ein aristokratisches Gesicht mit scharfen grauen Augen und etwas gekrümmter Nase, deren Flügel scharf und weit geschnitten waren, verrieth einen ursprünglich hellen und feinen Teint, der aber offenbar in Wetter und Wind Schaden gelitten; der junge Mann mußte sich um seinen Teint eben so wenig gekümmert haben wie um den regelmäßigen Schnitt des schönen, stolzen Mundes, denn er hatte einen starken braunen Bart, welcher die ganze Oberlippe bedeckte, darüber wachsen lassen.

Gekleidet war er in grünes Jägergewand nach dem kleidsamen Schnitte der Zeit. Das kastanienbraune Haar bedeckte ein dreieckiges Hütchen mit weißblauem Federbesatz; um den grünen Rock mit breiten Klappen und Aufschlägen war ein Hirschfänger geschnallt, und zierliche silberne Sporen klirrten an den feinen Klappenstiefeln.

Dieser durch sein Aeußeres so einnehmende junge Herr also ging an den Weihern am Fuße der Ronsburg hinauf, wie ein Mensch verloren in das „doux cossire“ von dem Pierre Vidal, der Troubadour, singt, oder in süßschmerzlich Liebessinnen, wie wir es ausdrücken. Und wie ihn dies Sinnen so zerstreut machte, daß sein feiner Castorhut jetzt schon zum zweiten Male durch einen Baumzweig von seinem Haupte ab und zu Boden geworfen war, so nahm er auch nicht wahr, daß er von einer Steinbank aus, die am obersten der Weiher am Fuß einer mächtigen alten Eiche stand, aufmerksam beobachtet wurde. Sonst, und wäre er nicht so sehr in seine Träumerei verloren gewesen, hätte er die Gestalt, welche ihn von da oben beobachtete, so viel die Baumstämme und die Zweige es ihr erlaubten, längst entdeckt, sie war auffallend genug. Schon dadurch, daß es eine Dame war, die allein hier saß, mit einem Buche in der Hand, über das sie auf den Kommenden hinwegblickte, eine Dame in dunkelgrünem Kleide, welches am Knie aufgesteckt das silbergraue Untergewand und den Fuß im Schuh mit hohem rothen Absatz sehen ließ. Auf der Bank neben ihr lag ein weißer Strohhut mit lang herabhängenden weißen Bändern, ein Fächer, ein Strauß von Feldblumen und eine kleine braune Arbeitstasche.

Erst als der grüne Jägersmann am Rand des obersten Weihers angelangt war, erblickte er die Gestalt der einsamen Dame und eilte nun rasch zu ihr hin.

Als er in ihre Nähe gekommen, machte er ihr eine tiefe Verbeugung, die sie mit einem freundlichen Kopfnicken erwiderte, zugleich nahm sie den Strauß und den Hut von ihrer Seite, um ihm auf der Steinbank Platz zu machen.

Er erfaßte ihre Hand, die vom langen weit über die Knöchel reichenden dänischen Handschuh verhüllt war, und zog sie an die Lippen, dann sagte er, indem er sich auf die Steinbank niederließ:

„Welche Ueberraschung, Antonie, Sie hier zu sehen … aber welch Wagniß, Ihre einsamen Spaziergänge so weit auszudehnen!“

„Ich bin nicht allein,“ versetzte die Dame, „ich habe mein Mädchen nach oben in’s Schloß gesendet, um mir ein Glas Milch zu verschaffen. Auch ist es nicht hübsch von Ihnen, Herr Rittmeister Baron Fauriel de Saint Roche, daß Sie mich schelten, statt über diese unerwartete Begegnung in Entzücken zu gerathen!“

„Sie haben Recht, Antonie,“ versetzte er noch einmal ihre Hand erfassend, die sie ihm eine Weile ließ, um sie ihm dann wieder zu entziehen und mit dem Strauße zu spielen. „Sie haben Recht, ich bin entzückt, Sie zu sehen und sie nach Eilsen heim begleiten zu können; welches Glück, mit Ihnen im Scheine des Mondes unter den Wipfelkronen der alten Buchen durch den Wald zu schreiten!“

„So ist’s recht,“ antwortete Antonie lachend, „das ist die Sprache, die ein Verliebter führen muß; es steht fast wörtlich so in dem Buche, worin ich eben las. und worin Sie böser Mensch mich zu stören kamen, in diesem Romane da. Aber geben Sie sich nicht so sehr Ihren Hoffnungen auf die empfindsamen mondscheindurchwobenen [66] Entzückungen eines nächtlichen Spaziergangs hin, daraus wird nichts!“

„Daraus wird nichts?“ sagte der junge Mann fast erschrocken, „Sie werden mir doch nicht verwehren, Sie zu Ihrem Schutze heimzubegleiten?“

„Ich verwehre es Ihnen!“

„Aber weshalb … das ist ja unbegreiflich, ich darf Sie doch nicht allein heimgehen lassen …“

„Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß mein Mädchen bei mir ist?“

„Aber, Antonie, weshalb mir das Glück rauben wollen?“

„Weshalb?“ versetzte sie lächelnd. „Ist mein Wille nicht genug? Ich will es nicht!“

„Ihr Wille ist mir genug, ich entsage, Antonie,“ sagte der Rittmeister mit einer Stimme, deren trauriger, entsagungsvoller Ton ein Kieselherz erweicht hätte.

Antonie lachte.

„Aber Sie leiden furchtbar unter meinen Launen, nicht wahr, Herr von Fauriel?“ sagte sie.

Der junge Mann nickte, schwermüthig zu Boden sehend.

„Ja sehen Sie,“ fuhr sie fort, „eine Schauspielerin muß ihre Launen haben dürfen … wehe dem, der sich in ihren Netzen fangen läßt! Weshalb waren Sie so thöricht, sich darin fangen zu lassen?“

Sie sah ihn mit einem unendlich schelmischen und spöttischen Blicke an.

„Ach ja,“ antwortete er mit einem tiefen Seufzer und einen tragischen Ton annehmend, „das muß freilich wahr sein, es ist nicht das erste Mal, daß ich es mir heute sagen lassen muß. Sie sagen es jetzt und Er sagte es vorhin… Die beiden Menschen, die mir am höchsten stehen in der Welt, sagen es, es muß also wohl wahr sein!“

„Er?“ fiel Antonie ernsteren Tones ein, „wer ist der Er, der es wagt, Sie zu beklagen, weil Sie an den Triumphwagen einer Kokette gespannt seien?“

„Wer?“ antwortete der Rittmeister seufzend, „wer kann es anders sein als mein erlauchter Gebieter, der Graf?“

„Der Graf … und der hat eine so schlechte Meinung von mir … was muß ich hören … sagen Sie mir Alles … Alles!“

„Ach, es war nicht recht, daß ich davon begann!“

„Zuerst, wie kamen Sie und Er dazu, von mir zu sprechen?“ „Antonie,“ antwortete der junge Mann zärtlich ihre Hand erfassend, „ich will Ihnen Alles gestehen … zürnen Sie mir nicht … wollen Sie es mir versprechen?“

„Versprechen? Ich will nichts versprechen, aber Sie sollen mir Alles gestehen, auf der Stelle, hören Sie?“

„Nun ja, nun ja. Ich sprach den Grafen heute, um ihn um die Erlaubniß zu bitten, um Ihre Hand zu werben.“

„Verwegener! Das wagten Sie?“ antwortete sie betroffen, aber, wie es schien, mehr erregt als erzürnt durch diese Mittheilung. „Und was antwortete der Graf?“

„Der Graf antwortete: ‚Nein!‘ Sein Bescheid lautete scharf und bestimmt. ‚Ich kann nicht dulden, daß die Officiere in meinem Elite-Corps solche Verbindungen eingehen,‘ sagte er. ‚Eine Dame, die sich‘… aber ich kränke Sie, Antonie… es ist genug, um Ihnen zu erklären, weshalb ich sehr ernst gestimmt, sehr traurig und doch sehr entschlossen bin.“

„Es ist nicht genug … ich will Alles wissen und Sie haben mir versprochen, Alles zu sagen. Mir liegt in diesem Augenblicke weit mehr daran, zu erfahren, was der Graf gesagt, als wozu Sie entschlossen sind, Baron Fauriel!“

„Wie heftig Sie sind! Der Graf sagte: ‚Eine Dame, die allein in einem Badeort auftaucht, ohne daß man weiß, von wannen sie kommt, die einen unbekannten Namen angiebt, die sich eine Schauspielerin nennt und von der man nicht einmal weiß, ob sie es wirklich ist, eine solche Dame ist keine passende Partie für den Rittmeister Baron Fauriel. Sie werden niemals meine Einwilligung zu einer Ehe mit einer Schauspielerin erhalten, lassen Sie sich das vergehen!‘“

Antonie hatte sich während dieser Worte zornig auf die Lippen gebissen.

„Vortrefflich,“ sagte sie jetzt bitter auflachend. „Die Welt verehrt diesen Grafen Wilhelm zu Schaumburg als einen der genialsten und größten Männer seiner Zeit. Und dieser gepriesene Geist liegt so angebunden in den Fesseln des Vorurtheils, so schwergekettet unter dem Joch philisterhafter Engherzigkeit, daß auch er glaubt, ein Mädchen, welches sich von einem mächtigen Gefühle für das Ideale hinreißen läßt und die Bühne betritt, um dort für die Darstellung und Verkündigung erhabener und schöner Gefühle zu leben, welches den Muth hat, der inneren Stimme zu gehorchen, die es auf den dornenvollen Pfad, der Kunst führt … ein solches Mädchen sei ein verlorenes Geschöpf, und seine Kriegsknechte, seine Rittmeister entehrten sich …“

„Halten Sie ein, Antonie,“ unterbrach Fauriel sie hier, „ich theile ja völlig Ihre Entrüstung, und wenn der Graf bei seiner Ansicht bleibt … und das wird er, fürcht’ ich … werde ich sofort meinen Abschied verlangen.“

„Ihren Abschied verlangen? Armer Schäfer Sie! Was wollen Sie beginnen? Haben Sie mir nicht gesagt, daß Sie ein armer Glücksritter sind, ohne andere Habe als Ihren Degen?“

„In der That, das bin ich … aus dem Blut hugenottischer Flüchtlinge, vom Grafen durch die Aufnahme in sein berühmtes Muster-Corps hoch geehrt und …“

„Und ihm für immer zu Dankbarkeit verpflichtet; denn ich weiß, wie er Sie schätzt und bevorzugt …“

„Alles das ist wahr und dennoch werde ich, sobald ich noch einmal mit dem Grafen gesprochen und ihn bei seinem Nein beharrend gefunden, mein Entlassungsgesuch einreichen. Ich werde anderswo Dienste suchen.“

„Wollten Sie in der That so viel für mich opfern?“ fragte sie ihn ernst und groß ansehend.

„Das und noch mehr … mein Leben gäbe ich für Sie dahin, Antonie. Das hat in mir fest gestanden, dies Gefühl ist in mir unwandelbar dasselbe geblieben, seit ich Sie vor vier Wochen drüben im Badeort sah und es mir gelang, mich Ihnen zu nähern. Aber freilich, ich muß, bevor ich jenes Opfer bringe, Ihres Herzens sicher sein und daß ich das sein kann, hat leider, leider nicht so unwandelbar in mir festgestanden, ich habe oft schwere Stunden seitdem verlebt, wo …“

„Wo meine Launen Sie verzweifeln machten, wo Sie mich eine Kokette nannten, ist’s nicht so, Baron?“

Er nickte traurig mit dem Kopfe, dann aber sagte er:

„Nein, nein, nicht ganz so schlimm! Aber nun, Antonie, nun ist die Stunde gekommen,“ fuhr er, ihre Hand ergreifend und mit seinem treuherzigsten Blicke sie ansehend, fort, „die Stunde, wo Sie mir’s sagen müssen, ob Ihr Herz …“

„Ach,“ fiel sie mit einer gewissen Härte ein, „Sie wählen nicht den rechten Augenblick, mein Herz erweichen zu wollen … mein Herz fühlt nur beleidigten Stolz, Zorn und Rachsucht!“

Dabei entzog sie ihm ihre Hand.

„Wie furchtbar grausam Sie sind, Antonie!“ sagte der Rittmeister mit flehendem Ton. „Sie wissen, weshalb ich Sie drängen muß, ich habe Ihnen den Schritt genannt, den ich thun will …“

„Den Schritt eines unbesonnenen Kindes! Sie sollen ihn nicht thun. Ich verbiete es Ihnen!“

„Wenn ich nun aber will?“

„Wohl denn, dann breche ich Ihren Willen, indem ich Ihnen zuflüstere,“ fügte sie sich zu ihm hinüberneigend und plötzlich ihrer stark und voll tönenden Stimme einen wahren Sirenenklang schmelzender Weiche gebend, „indem ich Ihnen zuflüstere, daß es dessen nicht bedarf, daß ich mit dem Grafen reden und ihm eine andere Ansicht beibringen werde …“

„O, glauben Sie nicht, daß Sie das können … Sie kennen ihn nicht!“

„Ich kann’s, ich verspreche es Ihnen … wenige Stunden Geduld und Graf Wilhelm wird nichts mehr einwenden gegen die Verbindung seines geliebten Rittmeisters Baron Fauriel von Saint Roche mit der armen Antonie Sponheim. Es wird sich dann nur fragen, ob sie nichts mehr einzuwenden hat – nur das noch!“

Der Rittmeister sah sie eine Weile mit ernstem, forschendem Blicke an.

„Sie antworten nicht, was denken Sie?“ fragte sie.

„Ich denke, daß Sie aufrichtiger gegen mich sein sollten!“

„Bin ich das nicht?“

„Nein! Ich weiß längst, daß Sie nicht das sind, wofür Sie sich geben. Sie sind keine arme Antonie Sponheim, wenigstens keine Schauspielerin!“

[67] Antonie lachte, ein wenig gezwungen, laut auf.

„Nein,“ fuhr der Rittmeister unbeirrt dadurch fort, „Sie sind es nicht. Dieses zuversichtliche Versprechen, den starren, an Befehlen gewöhnten Sinn des Grafen Wilhelm durch wenig Worte umwandeln zu wollen, beweist es mir auf’s Neue. Glauben Sie, ich hätte das nicht längst erkannt? Sie haben nichts vom Wesen einer Schauspielerin …“

„Nicht alle ihre Launen, Koketterien und was man uns sonst noch schuld giebt?“

„Nein, nichts als das Wesen der schönen, verwöhnten Frau. Sie haben nicht die Toilette einer Schauspielerin, nicht den Geschmack – Sie suchen die Einsamkeit, Sie entziehen sich den Menschen, den Huldigungen der Männerwelt, der Bewunderung des Publicums, das Eilsen erfüllt …“

„Nichts als Schauspielerkunst, nichts als eine raffinirte Art, Netze zu spannen,“ lachte Antonie fröhlich auf, „der Graf selbst hat es Ihnen ja noch heute gesagt …“

„Lassen wir den Grafen und bleiben beim Thema; ich weiß, ich fühle es, Antonie, daß um Sie die Atmosphäre reinster und bezauberndster Weiblichkeit liegt …“

„Aber, mein Gott, weshalb sollte ich denn das ‚landgräflich hessische Hofschauspielerin‘ in meinen Paß haben setzen, weshalb mich dafür halten lassen? – ist es ein so beneidenswerthes Loos, von der Welt als Schauspielerin über die Achsel angesehen zu werden, daß man versucht sein könnte, die Schauspielerin zu spielen, wenn man’s nicht ist?“

„Ihren Paß, Fräulein Antonie Sponheim, habe ich nicht gesehen,“ antwortete mit einer gewissen Ironie der Rittmeister … „und das ‚Weshalb‘ ist es eben, was Sie mir anvertrauen sollten! So lange Sie es nicht thun, muß ich glauben, das Weshalb läge in Ihrem Wunsche nach Freiheit, Unabhängigkeit, in dem Wunsche, der Aufmerksamkeit der Welt zu entgehen und ihrer lästigen Neugier! Bei einer Künstlerin, einer Schauspielerin findet man nichts Auffallendes, wenn sie allein steht, allein reist, allein einen Badeort besucht und keine Gesellschaft, keine Anlehnung an irgend Jemand sucht. Eine andere junge Dame, die dasselbe thäte, wäre der ganzen Spürsucht, der ganzen Klatschleidenschaft des Badepublicums ausgesetzt, man würde nicht ruhen, bis man sie in den großen Kreis, in das ermüdende Tretrad der täglichen Vergnügungen gepreßt! Eine Schauspielerin aber läßt man ihre Wege gehen –“

„Richtig,“ fiel Antonie spöttisch ein, „denn man compromittirt sich ja durch ihre Gesellschaft.“

„Also Sie räumen ein, Antonie …“

„Ich räume nichts ein. Nein, nein, nichts. Aber Ihre Worte beunruhigen und betrüben mich, Fauriel. Sie lieben mich also in der Voraussetzung, daß ich nicht bin, was ich scheine, würden mich, wenn ich wirklich eine Schauspielerin wäre, nicht lieben …“

„O mein Gott, Antonie,“ rief der Rittmeister aufspringend, eifrig, das Gesicht hell geröthet, aus, „welches Wort! Sie wissen, daß meine ganze Seele, mein Leben, der letzte meiner Gedanken Ihnen gehört, daß ich Sie liebe mit einem Wahnsinn …“

„Genug, genug, mein wahnsinniger Freund, ich sehe, da kommt mein Mädchen, hören Sie nur noch dies,“ sie legte lächelnd die Hand auf seinen Arm und mit schelmischem Blick in sein Auge schauend sagte sie: „Sie sollen den Beweis haben, daß ich eine Schauspielerin bin, eine große Schauspielerin, und Ihr Graf soll erfahren, was es heißt, eine Künstlerin zu beleidigen, er soll es bald erfahren, und nun gehen Sie, gehen Sie!“

Sie nahm ihren Hut, ihren Strauß, ihren Fächer und ihre Tasche auf und ging hastig einem jungen Mädchen entgegen, das von der Heerstraße, die rechts an der Berghöhe entlang lief, zu ihr in das Thal niederstieg.

Der Rittmeister wagte nicht, ihrem Befehle zu trotzen; er sah sie hinaufwanden und zwischen den Bäumen verschwinden. Nachdem er noch lange so gestanden, erst ihr nachschauend und dann in Gedanken verloren, wandte auch er sich und stieg linkshin empor, wo die Pfade der das Thal ausfüllenden Anlage oben an der Rückseite des Schlosses zusammenliefen.

Als die junge Dame mit ihrem Mädchen sich dem vorderen Eingang in das kleine Burgschloß genähert – denn nach der Vorderfronte des Schlosses hat sich Antonie gewendet – war ihr ein Lakai entgegengetreten, der bereits seit einer Stunde sich müßig schlendernd hier umgetrieben hatte.

Er machte eine höchst respectvolle Verbeugung vor der Dame und sagte, seinen Hut in der Hand: „Ich habe die Demoiselle erwartet, um sie gleich in ihre Wohnung zu führen; dem Herrn Grafen soll ich sofort Ihre Ankunft melden, haben Sie die Güte, mir zu folgen; ich denke, es wird uns Niemand sehen.“

„Ist der Herr aus der Stadt, welcher zur morgigen Jagd eingeladen, bereits angekommen?“ fragte die Dame.

„Noch nicht. Der Herr Hofprediger wird wohl bald eintreffen.“

Die Fremde und ihr Mädchen folgten dem Diener, der sie in das Gebäude und dort eine breite Treppe hinaufführte; oben schritt er mit ihnen durch einen Corridor, dann führte er sie eine zweite, aber kürzere Treppe hinauf und über einen kleineren Corridor in ein Entresolzimmer, dessen Fenster auf den Hof hinausgingen.

„Dies ist das Zimmer für die Demoiselle,“ sagte er dabei und fügte, indem er auf eine dem Eingange gegenüberliegende Thür zuschritt und diese öffnete, hinzu: „Hier ist das Schlafzimmer für die Demoiselle sowohl, wie für die Jungfer. Wenn die Demoiselle jetzt nichts weiter zu befehlen hätten, so will ich gehen und Sie Sr. Erlaucht melden.“

„Hat denn die Meldung solche Eile?“ sagte die Dame, indem sie, auf der Schwelle des Schlafzimmers stehend, einen prüfenden Blick in dasselbe warf. „Laß Er uns doch erst ein wenig zu Athem kommen und uns ausruhen. Bring Er mir ein Glas frisches Wasser sogleich, und Seinen Grafen in einer halben Stunde, nicht eher!“

Der Lakai warf einen Blick des Erstaunens über solch’ respectwidrige Sprache auf das übermüthige junge Mädchen, doch wagte er keine Bemerkung zu machen und ging.

„Wo ist der Handkoffer?“ fragte, als er verschwunden war, Antonie ihre Begleiterin.

„Hier steht er, hinter dem Waschtisch! Soll ich ihn öffnen?“

„Ja. Nimm das helle Kleid heraus, ich will es anziehen.“

Antonie war mit ihrer Toilette bald fertig, während ihr Mädchen unaufhörlich von dem Grafen plauderte, wie er wohl aussehen und ob er auch sie anreden würde, der berühmte Kriegsheld, dessen schöne Garde so merkwürdige Reiterstücklein ausgeführt im siebenjährigen Kriege, und trat dann in das vordere Zimmer, wo sie sich niedersetzte, um die Erlaucht zu erwarten. Unterdeß senkte sich draußen der Abend nieder; in dem Entresolzimmer zog die Dämmerung ein.

Nach einer Weile klopfte er. Dann steckte der Lakai den Kopf durch die Thür und meldete flüsternd: „Der gnädige Herr!“

Gleich darauf warf er weit die Thür auf und der Graf trat über die Schwelle.

Es war eine schlanke, geschmeidige Gestalt, deren stolze Haltung sie höher erscheinen ließ, als sie war. Die Züge zeigten, trotzdem, daß der Graf keineswegs mehr jung war, das bleibende Gepräge männlicher Schönheit, gehoben durch den Glanz eines feurig leuchtenden, blauen Auges; es war eine gewinnende Erscheinung, die auffallen mußte, auch wenn sie nicht den Nimbus ihrer erlauchten Geburt und ihres Ruhmes gehabt hätte.

Antonie trat ihm ein paar Schritte entgegen, doch blieb sie dabei in dem von stärkerer Dämmerung erfüllten Hintergrunde des Entresolzimmers.

„Seien Sie mir willkommen, meine gute Demoiselle,“ sagte der Graf, ihr die Hand reichend, im freundlichsten Tone. „Es freut mich, Sie zu sehen; Sie haben alle meine Sympathie, nicht allein durch das, was meine hochverehrte Freundin, Prinzessin Sidonie, mir über Sie schreibt, sondern auch durch den Muth, mit dem Sie hierher kamen, um die geniale, prächtige Idee unserer liebenswürdigen Prinzessin auszuführen … ich habe gern, wenn Frauen sich nicht damit begnügen, ihr Schicksal wie eine passive Blume hinzunehmen, die Regen und Sonnenschein gleich still über sich ergehen läßt; wir Menschen sind keine Blumen und man muß schon selber die Hände rühren …“

„Und doch, Erlaucht,“ versetzte Antonie mit einer überaus schüchternen Stimme und in gebeugter Haltung, „finden Sie mich in einer erklärlichen Zaghaftigkeit und in der ängstlichsten Aufregung. Auf Prinzessin Sidoniens Rath habe ich zugesagt und bin gekommen … und nun ich hier bin, ist mir zu Muthe wie Jemandem, der eine große Sünde begehen will … mein Gott, wenn der ganze Anschlag nur dahin führte, daß mir mein Bräutigam [68] auf ewig zürnte, daß er mir niemals vergäbe, daß ich die Hände in einem kleinen Complot wider ihn gehabt … auch finde ich es so verwegen, so ruchlos, mit solch’ übernatürlichen Dingen seinen Spott zu treiben …“

„Beruhigen Sie sich, Demoiselle, die übernatürlichen Dinge thun uns am wenigsten, wenn wir herzhaft ihrer spotten.“

„Aber Erlaucht haben doch der Prinzessin geschrieben, daß wirklich in diesem Schlosse ein Gemach sei, worin den Bewohnern die Gestalt dessen, an dem sie am meisten gesündigt, erscheine, und dadurch ist die Prinzessin ja erst auf den Gedanken gekommen, da müßte ich meinem Bräutigam erscheinen … ach, es war gewiß ein recht frevler, verwegener Gedanke … aber wenn eine Prinzessin ihn einmal gefaßt hat und auf solch’ einer Idee besteht … wozu läßt unsereins, ein armes unglückliches Mädchen, das noch obendrein von ihrem Herzen gedrängt wird und wie ein Vertrinkender nach einem Strohhalm greift, sich nicht überreden!“

Antonie sprach das Alles in einem überaus kläglichen und beinahe weinerlichen Tone.

„Beruhigen sie sich doch, meine gute Demoiselle Flachsland,“ sagte der Graf lachend. „Es handelt sich ja im Grunde nur um eine recht hübsche Mystification, einen Scherz mit einer tant soit peu moralischen Nutzanwendung am Ende … weshalb die Sache so tragisch ernst nehmen? Man wird doch noch heitern Muths in solch einer alten Ritterburg, wie diese, eine kleine Spukscene aufführen dürfen! Wenn es Ihnen gefällig ist, so will ich Sie jetzt in die Localitäten einweihen und Ihnen zeigen, wie Alles auf’s Beste vorbereitet ist. Kommen Sie, wir müssen gehen, weil sonst die Dunkelheit zu groß wird!“

Der Graf ging voraus und Antonie folgte ihm. Er schritt durch das Schlafzimmer, durch dessen halboffene Thür das Mädchen gespannt der Unterredung zugehorcht hatte, und am Ende des Schlafzimmers riegelte er eine Thür auf, welche auf eine kleine schmale Galerie führte, die, an einer Wand entlang laufend, rechts über die niedrige Brüstung fort in ein großes hohes Gemach hinunter blicken ließ. Am andern Ende der Galerie verschwand der Graf mit der ihm folgenden Dame in einer schmalen gewölbten Bogenthür, welche durch eine dicke Mauerwand gebrochen war.

Nach etwa zehn Minuten kamen Beide zurück. Der Graf beurlaubte sich nun von der mit tiefen Knixen ihn entlassenden Dame.

„Nun gute Nacht, meine liebe Demoiselle Flachsland,“ sagte er, „Sie haben gesehen, wie Alles einfach und leicht auszuführen ist, und haben, hoffe ich, Ihre Aengstlichkeit verloren … gute Nacht!“

„Der liebe Gott wird mir Muth geben, gnädiger Herr,“ antwortete Antoine, indem sie ihn bis an die Thür des Wohnzimmers begleitete. „Und das Versprechen, welches Sie mir gaben, Erlaucht?“ fügte sie hinzu.

„Ich denke daran, seien Sie darüber ruhig!“

Er trat mit einem freundlichen Kopfnicken über die Schwelle.


2.

Eine Stunde später saß der regierende Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe mit einer ziemlich zahlreichen Gesellschaft von Gästen zu Tische, Herren seines kleinen Hofstaates und nächsten Gefolges, und mehreren Eingeladenen, die an den Hofjagden Theil nehmen sollten, welche für die nächsten Tage angeordnet waren – es fand am anderen Tage die Eröffnung der niederen Jagd statt.

Neben dem Grafen, zu seiner Rechten, saß ein Herr von Bülow, ein General des großen Friedrich, dann ein junger Herr in schwarzer Tracht, neben diesem der Rittmeister Baron Fauriel in seiner grünen Jagduniform – alle übrigen Herren trugen diese Jagduniform, nur ein Adjutant des Grafen waren voller Militairuniform. Schon dies mußte die Augen auf den allein schwarzgekleideten Gast lenken. Der schwarze Gast war aber schon durch seine persönliche Erscheinung ein Mann, der die Aufmerksamkeit fesselte. Er war etwa siebenundzwanzig Jahre alt, eine wohlgebaute Gestalt von mittlerer Größe, eher mager als stark, frei und ungezwungen in seinen Bewegungen; es lag etwas Selbstbewußtes in seinem ganzen Wesen, das sich offenbar nicht im Mindesten von der fremden Atmosphäre, in welcher er sich befand, beengt fühlte. Und weshalb auch sollte er es? der Mann mit dem ansprechenden Gesicht hat eine Stirn, auf der Intelligenz und geistige Energie ausgeprägt lagen, ein schönes kühn blickendes dunkles Auge und einen auffallend hübschen weichen, von feiner Empfindung und tiefem Gemüth sprechenden Mund – er war offenbar eine Persönlichkeit, welche sich in keinem Kreise gedrückt zu fühlen brauchte. Vielleicht auch hatten ihn seine Umgebungen bisher gerade an das Gegentheil gewöhnt und ihn – verwöhnt. Es lag etwas in seinem Wesen, was auf das Bewußtsein, Gegenstand der Aufmerksamkeit zu sein, deutete.

Es war nur etwas, das seinen ansprechenden Kopf entstellte: seine Augen waren ein wenig entzündlich geröthet und am obern Nasenbein trug er die Narbe irgend einer Operation oder Verwundung.

Der Graf erzählte seinen Gästen von England, wo er, ein Enkel König Georg’s des Ersten, seine Jugend verlebt hatte. Er sprach von den wunderbaren Gegensätzen im Character des englischen Volkes, von der Genialität, womit es in seiner Politik sich von allen Rechtsbegriffen emancipirt, während es sein inneres Leben nach einem Rechtswesen geregelt habe, wie es nicht gebundener, drückender, in unbeugsamem und grausamem Formalismus erstickender gedacht werden könne.

„Und ein anderer Gegensatz, fast noch greller,“ sagte, als der Graf eine Pause machte, der schwarze Gast, „liegt in dem Nationalcharakter der Engländer. Der hervorstechendste Zug darin, die Welt ist darüber einig, besteht aus dem nüchtern praktischen Sinn, der Richtung auf das Reale und Zweckmäßige, dem klugen Scharfsinn, der Alles um sich her so zu gestalten strebt, daß es, was es leisten soll, auf die beste und einfachste, sicherste und dauerhafteste Weise leistet. Dieser practische Verstand des Engländers jagt weder in seinen politischen Bestrebungen noch in seinem Industrialismus irgend Chimären nach. Und daneben steht die Thatsache, daß es kein Volk giebt, auf welches das Chimärische, Abenteuerliche, Phantastische mehr Reiz übt als gerade die Engländer. Die Engländer haben einen Sinn für das Wunderbare, eine Leidenschaft für alles Excentrische, einen Hang zum Phantastischen, eine Schwäche für alles Abenteuerliche, die uns ‚unpraktischen‘ Deutschen unbegreiflich sind.“

„Sie haben Recht, mein lieber Hofprediger,“ fiel hier der Graf ein, „wenn wir einen dieser schroffen, kühlen, zugeknöpften und blasirten Briten sehen, sollten wir nicht glauben, daß der Aberglaube eine so große Herrschaft auf ihn übe – der hängt ja auch mit dem abenteuerlichen und phantastischen Naturell zusammen – daß das Gemüth dieser Menschen so weit offen stehe allen Eindrücken von Grauen und Schauern vor den Schatten des Jenseits. Ich habe ein ganz ernhaftes, durch geriebene Betriebsamkeit reich gewordenes Parlamentsmitglied aus Sheffield in einer Gesellschaft vom schottischen ‚Zweiten Gesicht‘ lange Geschichten erzählen hören, ohne daß auch nur ein einziges Wort des Zweifels laut geworden wäre!“

[87] „Der Glaube an dieses ‚Zweite Gesicht‘ könnte doch auch in unserm guten Deutschland vorkommen, Erlaucht,“ bemerkte hier der Hofmarschall, der an der linken Seite des Grafen saß.

„Mag sein,“ fiel der Hofprediger ein; „aber daß nicht eine einzige Stimme aufgeklärterer Einsicht sich erhöbe und geradezu ausspräche, was eine Hallucination werth ist, das könnte in gebildeten Kreisen Deutschlands nicht mehr vorkommen, hoffe ich behaupten zu dürfen.“

„Mit Unrecht, Herr Hofprediger,“ entgegnete der Hofmarschall, „ich bin überzeugt, man braucht in einer Gesellschaft nur zu sagen: ‚alle Menschen von tieferem Gemüth glauben an das Wunderbare und alle Menschen von ausgebildeterem Seelenleben haben in ihrem Leben irgend eine Erfahrung gemacht, welche die Philosophie nicht erklären kann‘: so verstummt der Zweifel und jedes Mitglied einer Tafelrunde fühlt das Siegel von seinem Munde genommen und erzählt eine Geschichte, die ihm begegnet ist!“

„Um sein ausgebildetes Seelenleben zu beweisen,“ versetzte der Hofprediger lachend, „aber versuchen Sie diesen Terrorismus nicht heute Abend, ich würde seinem Schrecken trotzen!“

Die Erlaucht streifte mit einem spöttischen Blick den Hofprediger und sah dann mit einem Augenzwinkern des Einverständnisses den Hofmarschall an.

„Vielleicht,“ sagte der Graf lächelnd, „würde morgen der Herr Hofprediger anders reden, wenn er in der obern Thurmstube das Quartier unsers theuren Gastes, des Herrn Generals, inne hätte.“

„Mein Quartier?“ rief hier der General von Bülow, „ich hoffe nicht, daß Sie mich in eine Gespensterstube einlogirt haben, Herr Hofmarschall?“

„O nein, so schlimm ist’s nicht,“ entgegnete der Hofmarschall, „ich habe das beste Fremdenzimmer für den Herrn General herrichten lassen; das Gemach ist allerdings Gegenstand einer Volkssage oder eines Aberglaubens der Gesindestube, wenn Sie wollen, aber es ist seit Jahren nicht mehr die Rede davon gewesen und zu einem General des großen Friedrich würden sich keine Gespenster wagen!“

„Redensarten, lieber Herr, Redensarten,“ rief der General aus, „ich habe nicht die geringste Lust, das auf den Versuch ankommen zu lassen, ich liebe eine ungestörte Ruhe …“

„Aber in der That, Herr General,“ fuhr der Hofmarschall fort, „es ist seit so langer Zeit nicht …“

„Nichts da,“ unterbrach ihn der General, „ich bekenne mich zum crassesten Gespensterglauben, ich bedanke mich für Ihr Thurmzimmer und …“

„So weisen Sie dem Herrn General ein anderes an, Hofmarschall,“ fiel der Graf ein.

„Erlaucht, alle Zimmer sind besetzt und ich müßte dann einen der anderen Herren bitten, das seine dem Herrn General zu überlassen. Wenn der Herr Hofprediger nichts dawider hätte …“

„Nicht das Mindeste,“ sagte dieser kühl.

„Desto besser,“ fuhr der Hofmarschall fort, und die Erlaucht fiel mit den Worten ein:

„Ein Mann, wie der Herr Hofprediger, hätte jedenfalls auch die wenigste Gefahr zu laufen, wenn an dem besagten Zimmer wirklich etwas Unheimliches haftete!“

„Und weshalb ich die wenigste, wenn Ew. Erlaucht geruhen?“ fragte der Hofprediger.

„Deshalb,“ entgegnete der Graf mit einem etwas malitiösen Lächeln, das um seine feinen, beredten Lippen spielte, „weil der alten Sage nach dem, welcher in dem Thurmzimmer schläft, dort dasjenige Wesen erscheinen soll, an welchem er in seinem Leben das größte Unrecht beging, sich am schwersten versündigte.“

„Das ist ja eine ganz besondere Art von Spuk,“ rief lachend der General von Bülow aus, „jetzt erst bedank’ ich mich recht für ein solches Nachtquartier … eine alte, graue Kriegsgurgel, wie Unsereins, die in ihrer Jugend nicht besser war, als andere auch, wär’ da ja ihres Lebens nicht sicher!“

„Aber Sie werden mir eingestehen, daß ein Mann, wie unser Hofprediger da, am wenigsten von uns grauen oder grünen Sündern zu befahren hat!“

Der Hofprediger zuckte die Achseln. Er fühlte sich verstimmt, zu einer Gefälligkeit gegen den preußischen General gepreßt zu sein, denn obwohl das Land seine Heimath war, haßte er doch Preußen seit den Tagen, wo er in langer, schwerer Furcht geschwebt, daß man ihn zum Militär ausheben und ihn gewaltsam in das grausenhafte Soldatenelend jener Tage hinabziehen werde. Und dann lag etwas in dem Mienenspiel des Grafen, in den Blicken des Generals und des Hofmarschalls, was ihn betroffen machte. War es Spott, war es auf eine Neckerei abgesehen … glaubte diese hochmüthige Militär- und Hofwelt, den Bücherwurm und muthlosem Kirchenmann in ihm hänseln zu können? Der schwarze Gast hatte seine Eitelkeit; schon der bloße Gedanke an so etwas reizte ihn … er beschloß, auf seiner Hut zu sein.

„Es ist allerdings eine ganz absonderliche Art von Sage,“ bemerkte er mit großer Ruhe; „sie ist wesentlich verschieden von allen gewöhnlichen Vorstellungen des Aberglaubens, die eine bestimmte und individuelle Form übernatürlicher Erscheinung an einen bestimmten Ort knüpfen. In dieser Sage aber, wie Ew. Erlaucht sie uns mittheilen, wechselt die Form der Erscheinung je nach der Persönlichkeit, die das Spukzimmer bewohnt; sie ist nicht an den Raum, sondern an die Person gebunden; weshalb folgt sie dann nicht der Person, wenn sie an diese sich knüpft, auch außerhalb des Raumes? Was hat sie überhaupt mit dem Raume zu thun?“

„Ich kann Ihnen nur sagen, was ich selbst, schon als Knabe, darüber gehört habe,“ entgegnete der Graf. „Man soll in alten Zeiten und noch im vorigen Jahrhundert in kritischen Fällen das Gemach der Rechtspflege zur Verfügung gestellt haben. Mau hat Mörder da einquartiert und ohne ihr Wissen einen Wächter nächtlicher Weile im selben Raum versteckt, überzeugt, daß die Gestalt des blutigen Erschlagenen ihnen erscheine, daß diese Thatsache sie überführen und durch die auf sie ausgeübte Schreckenswirkung zum Geständniß zwingen würde. So wird erzählt wenigstens!“

Die Gesellschaft lauschte, wenn nicht gläubig, doch sehr still und aufmerksam dieser Mittheilung der Erlaucht; nur der Hofprediger schüttelte den schönen, ausdrucksvollen Kopf und sagte:

„Das lautet Alles sehr märchenhaft! Märchenhaft mehr als volkssagenhaft, und das Einzige, was daraus hervorgeht, ist, daß man in den düstern Zeiten der umnachteten Vergangenheit arme Gefangene nicht allein einer physischen Folter, sondern auch einer moralischen durch Gespensterschrecken unterwarf. Dem Himmel sei Dank, daß alles das hinter uns liegt und über uns die Morgenröthe einer Humanität tagt, die alle Schatten der Nacht und des Aberglaubens als eines freien, klaren Menschengeistes unwürdig verjagt.“

„Sie haben Recht, mein lieber Herr Hofprediger, und wer ein reines Gewissen hat, fürchtet sich nicht vor Erscheinungen derer, an welchen er ein Unrecht beging!“

Bei diesen Worten des Grafen glaubte der Hofprediger abermals das spöttische Lächeln aufzucken zu sehen, das ihn schon früher beunruhigt. Aber zur Beobachtung blieb ihm keine Zeit, der Graf machte dem General eine leichte, wie anfragende, Verbeugung und stand dann auf, um die Tafel aufzuheben.

Die Gäste traten zur weitern Unterhaltung in Gruppen zusammen oder zerstreuten sich.

Der Graf aber zog sich in seine Gemächer zurück. Hier kam nach einer Weile der Hofmarschall zu ihm, der eine kurze, heimliche Unterredung mit ihm hatte; dann trat der Hofjägermeister ein, um noch einige Befehle für die morgende Jagd entgegenzunehmen. Als auch er gegangen, ließ der Graf durch den Kammerdiener die Armleuchter mit den brennenden Wachskerzen auf seinen Schreibtisch stellen und verbot jede weitere Störung für den Rest des Abends.

Er ging eine Weile, wie sich sammelnd, auf und ab, dann setzte er sich nieder und schrieb:

[88] „Sie wissen es, Prinzessin, nach dem Verlust meiner holden Marie, dieses auf Erden wandelnden, Engels, die auch Ihnen nahe stand, sind Sie mein einziges Glück; der Verkehr mit Ihnen, wenn auch, ach! durch die Ferne gehemmt, giebt meinem Leben seinen theuersten Werth. Von dem Augenblick an, wo Sie mir schrieben, um mich wie ein süßer Engel des Trostes in meinem Schmerz aufzurichten, ich Ihnen antwortete und so unser Briefwechsel sich entspann, von dem Augenblick an ist aller Inhalt meiner Seele nur noch die Freundin, die mit mir empfindet.

Unser kleiner Plan ist seiner Ausführung nahe gerückt. Er ist Ihre Erfindung, nur ein Gemüth, wie das Ihre, Prinzessin, konnte in der warmen Empfindung für eine tief leidende Freundin einen solchen Plan entwerfen, um ihrem Leiden ein Ende zu machen. Daß er der Erfinderin würdig ausgeführt werde, dafür habe ich alle Sorge getragen. Caroline Flachsland hat mir von Eilsen geschrieben, daß sie dort unter einem andern Namen angekommen und sich daselbst in stiller Zurückgezogenheit halten werde, bis sie Weiteres von mir höre. Ich habe sie heute hierhin beschieden, in der Abendstunde ist sie ungesehen hier angelangt. Herder ist mit anderen Herren zu einer Jagdpartie geladen und befindet sich unter meinen Gästen, unter Einem Dach mit Carolinen! Auf die Entwickelung bin ich gespannt … jedenfalls der kleinen Demüthigung meines jungen Consistorialrathes und Hofpredigers mit Behagen entgegensehend! Nicht allein die kühle Zurückhaltung, worin dieser eitle Mann sich meinem offenen, herzlichen Entgegenkommen gegenüber verhält und meinem Hofe, zu dessen Schmuck ich ihn berief, fern bleibt, hat mich gegen ihn eingenommen. Auch sein Betragen gegen seine Braut ist verletzend für mich. Welches Licht wirft es auf einen Souverain, wenn seine hochgestellten Diener und Beamten, wenn seine Consistorialräthe und Hofprediger vorwenden, ihre Braut nicht zum Altare führen zu können, weil der Landesherr sie zu karg besolde, um eine Frau ernähren zu können! Konnte dieser Mann eine größere Undankbarkeit gegen mich begehen, nachdem ich Alles gethan, um ihm seine Stellung so angenehm und so einträglich zu machen, wie ich irgend vermochte? Aber ich glaube, es giebt nichts Undankbareres in der Welt, als einen Dichter binden und sich verbinden zu wollen; nichts, was mehr eine wolkenhaft sich auseinanderwälzende Expansionskraft besäße, als der Dampf in eines Gelehrten Hirn.

Ich werde diesen Brief morgen mit der Erzählung dessen schließen, wie sich die Sache entwickelt.“

Während der Graf diesen Brief schrieb und darin an den Tag, legte, wie sehr auch er, der berühmte Soldat, der Mann der exacten Wissenschaften, der starke, schöpferische Geist, von der Strömung seiner Zeit beherrscht wurde und im Verkehr mit den tonangebenden Menschen seiner Tage dem Banne jener thränenfeuchten Sentimentalität und Verhimmelungssucht verfallen war, worin alle tiefen „Seelen“ von damals sich spiegelten; während dessen, sagen wir, hatte der Consistorialrath Herder – der Graf hat uns des Mannes erlauchten Namen verrathen – sein Thurmzimmer sich angeschaut. Die Dienerschaft brachte sein Reisegeräth herein und verließ ihn dann, des Generals von Bülow Koffer und Gepäck mit sich fortnehmend. Herder sah nichts Auffallendes an dem Raume; er war nicht einmal ein rechtes Thurmzimmer, er stieß nur an den runden Burgthurm und mochte daher den Namen haben.

Das Einzige, was es von gewöhnlichen Zimmern in alten Schlössern unterschied, war, daß es sehr hoch war und über den durch die dicken Mauern gebrochenen auf den Hof hinaus gehenden kleinen beiden Fenstern eine oben an der Wand herlaufende hölzerne Galerie hatte. An beiden Enden führten Thüren auf diese Galerie, eine niedrige links, eine etwas höhere, aber schmälere, von einem breiten Mauerbogen überwölbte rechts in den Thurm hinein.

Im Uebrigen war es mit der Ausstattung von bürgerlicher Bescheidenheit versehen, die ja dazumal auch in Fürstenschlössern noch herrschte. Eine grüne Tapete, eingelegte Möbel mit blankem Messingbeschlag, einige Kupferstiche an den Wänden, ein Bett mit grün- und weißgestreiften Umhängen von Baumwollenstoff … das genügte damals im Landhause eines regierenden Herrn für die anspruchsvollsten seiner Gäste.

Herder warf den schwarzen Frack ab, um seinen bequemen und wärmeren grauen Jagdrock anzulegen, und nahm seinen Hut, um das Schloß zu verlassen. Er wollte draußen noch eine Stunde die Luft der schönen Sommernacht genießen und still mit sich allein seinen Gedanken nachhängen.

Still war es draußen. Alles Leben hatte sich in das Schloß und seine Höfe zurückgezogen; obwohl der Mond aufdämmerte, und ein lauer Abendwind leise die träumenden Wipfel des die Burg einhüllenden Waldes bewegte, obwohl all’ ihren wunderbaren Zauber die Nacht entfaltete: Niemand von diesem kleinen Hofe war dadurch hinausgelockt worden.

Herder wünschte sich Glück dazu, so allein jenen Zauber auf sich wirken lassen zu können. Er durchwanderte die Anlagen; er zog die frische und doch noch so milde Luft, den würzigen Duft des Waldgeruches ein, er sah zur groß und glänzend aufsteigenden Mondesscheibe empor; er beobachtete das Spiel des bläulichen Lichts mit den flüsternd bewegten Blättern und den sanft geschaukelten Seerosen auf den Hexenteichen … aber er war ein wenig unwillig mit sich selbst, daß dies Alles ihn nicht mit jenen Entzückungen erfülle, von denen eine tiefe, schwärmerische, auf der Höhe der Empfindungsfülle jener Zeit stehende Seele sich pflichtschuldigst dabei hätte überströmt fühlen müssen. Daß in solchen Entzückungen nicht das wahre und gesunde Gefühl besteht, kam in ihm nicht zum Bewußtsein, wenn ihm auch die Ahnung davon kam. Zum Bewußtsein aber kam ihm, daß er nicht die Stellung in seinem jetzigen Wirkungskreise gefunden, die ihn auf die Dauer befriedigen und fesseln könne. Der Graf hatte in ihm den geistvollen, in der Aufgangsperiode seines Ruhmes stehenden Mann an sich ziehen, mit dem Egoismus des großen Herrn ihn für sich vorwegnehmen, gesellschaftlich ausbeuten wollen. Herder aber war gekommen mit dem vollen Selbstgefühl, der vollen Ichlebigkeit, die er besaß; er wollte seinem eigenen Leben, seiner geistigen Arbeit nachgehen und er wollte ganz und vollaus seinen Beruf erfüllen. Er wollte als Prediger sich in keine Rücksichten verschlingen lassen, die ihn hinderten, in der Kirche das Wort der Wahrheit zu künden, das Antlitz dem Volke im Schiffe zuwendend, wie den Chorstühlen der Privilegirten und dem fürstlichen Oratorium.

Während Herder diese persönlichen Verhältnisse überdachte, hatte er sich nach langem Auf- und Abwandern endlich ermüdet gefühlt und unfern des Schlosses in der Gegend des obersten Hexenteichs Platz zum Ausruhen auf einer Gartenbank genommen. Er übersah von hier aus einen Theil des Burghauses, das den Hauptbau des kleinen Schlosses bildete, und das obere Stockwerk des sich rechts daran schließenden runden Thurmes. Der Mond stand hell und voll über dem Gebäude … und – Herder rieb die Augen, um dann schärfer hinzusehen – oben auf dem flachen, nur von einem Zinnenkranz umgebenen Dache des Thurmes, das ein oft benutzter Aussichtsstandpunkt war, sah er eine helle weibliche Gestalt, die, zwischen einem Paar der Zinnen, die Hände auf diese gelegt, stille dastand und in die Nacht hinauszublicken schien.

Die Erscheinung war überraschend, doch auch erklärlich; es konnte eine Person vom weiblichen Hofgesinde da oben die Nachtluft genießen wollen. Was für den jungen Hofprediger nur Auffallendes, Aufregendes dabei, das war, daß die Umrisse der Gestalt, ihre Haltung ihn eigenthümlicher Weise an seine Braut erinnerten. Diese Erinnerung war mit keinem Gefühle verbunden, welches seine Stimmung rosiger machte. Sein Verhältniß zu der unglücklichsten Freundin in Riga, aus deren Armen er sich vor zwei Jahren gerissen, und jetzt das zu seiner Braut Caroline Flachsland war nicht so, daß er darin die Ermuthigung zu gesteigertem Selbstbewußtsein sehen konnte. Er hatte mit glühender Seelenschwärmerei Carolinen zu Füßen gelegen und Beide hatten sich ausgiebigst verhimmelt. Aber zarter Frauensinn ist realerer Natur, um aus bloßer Verhimmelung auf die Dauer Befriedigung zu schöpfen. Was der Hofprediger seelenhafter im Sinne idealer Freundschaftshingabe gedeutet sehen wollte, hatte Caroline einfacher und klarer, vielleicht auch ein wenig praktischer aufgefaßt. Der Briefwechsel, den Beide führten, war deshalb eine Quelle unsäglichen Schmerzes für Caroline geworden. Bald von Hoffnungen, bald von Gedanken der Entsagung bewegt, bald neuen Ergüssen der Leidenschaft und dann wieder tiefer Niedergeschlagenheit sich hingebend, befand die Arme sich in einem Zustande rastloser Pein, die verschärft wurde durch die Misère einer höchst drückenden äußeren Lage, worin sie sich befand.

So war das Verhältniß Herder’s zu Caroline Flachsland, die in ihrem Aufenthaltsort Darmstadt an einer unvermählten, am [89] dortigen Hofe sich aufhaltenden und durch Bildung und Liebenswürdigkeit glänzenden Prinzessin von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld, – dieselbe, an welche wir den Grafen vorhin schreiben sahen – eine warme Freundin und Vertraute ihrer Schmerzen gefunden hatte.

Wir erklären uns jetzt, weshalb Herder, nachdem er lange die befremdliche Erscheinung im Mondlicht da oben angeschaut, die ihm das Bild der fernen leidenden Geliebten vor die Seele zauberte, tief aufseufzte, dann mit einem leisen Schütteln, das durch seine Gestalt hinlief, aufstand und mit raschen Schritten, als wolle er der über ihn gekommenen Stimmung entgehen, dem Schlosse zueilte. Als er die dunkle Baumpartie, welche ihn von diesem trennte, hinter sich hatte und wieder zur Plattform des Thurmes aufblickte, war die Gestalt verschwunden. Die Schloßuhr schlug Zehn, ein großer Theil der Bewohner schien schon zur Ruhe gegangen, um sich für die Anstrengungen des morgenden Jagdtages zu stärken.


3.

Ein Lakai begleitete Herder in sein großes Thurmzimmer und zündete dort die Lichter auf dem Spiegeltisch an. Nachdem er gegangen, untersuchte Herder den Raum, überzeugte sich, daß die Thüren und die Blendläden wohl geschlossen und an seinem Bette nichts Verdächtiges zu bemerken, und dann nahm er sein Jagdgewehr und lud beide Läufe, um es so an das Fußende seines Bettes zu stellen.

„Man wird sich hoffentlich keinen rohen Jagdspaß mit mir erlauben wollen,“ sagte er sich, „sollte es aber dennoch sein, nun wohl, man wird sehen, daß ich auch mein Jagdgeräth habe. Gegen Geister giebt’s keine Gesetze, sondern gegen sie gilt nur Nothwehr!“ Er hätte die Lichter brennen lassen mögen, aber sie verhinderten ihn alsdann am Schlafen. So blies er sie aus, in dem Gedanken, daß er nur die Blenden der Fenster aufzureißen habe, um das Mondlicht oder später die Dämmerung der Sommernacht in den Raum eindringen zu lassen.

Er legte sich nieder. Seine Gedanken wendeten sich sehr bald wieder ihrer früheren Richtung zu. Der Argwohn, daß der Graf irgend ein Gaukelspiel, um ihn zu necken, beabsichtige, trat dabei in den Hintergrund und entschwand ihm endlich fast völlig. Es verstieß zu sehr gegen den ernsten Charakter des Grafen, zu sehr wider die Würde, die der junge Mann bereits einnahm, und ohnehin war ja nicht daran zu denken, weil man dies Spukzimmer eigentlich und ursprünglich nicht ihm bestimmt, sondern dem preußischen General eingeräumt hatte, er, Herder, war ja nur so zu sagen durch einen Zufall in den Raum, an dem eine Burgsage haften sollte, gekommen, nur, weil der alte preußische Degenknauf sich als einen solchen Hasen ausgewiesen hatte!

Herder’s Augen schlossen sich endlich. Er entschlief.

Er entschlief, ruhig und fest. Nur ein heftiges Geräusch in seiner Nähe hätte ihn wecken können. Das Geräusch, das ihn – er wußte natürlich nicht, ob nach längerer oder kürzerer Zeit – plötzlich erweckte, war auch heftig genug. Es war wie das Rollen eines Donners über seinem Haupte, das, rasch wieder an Stärke abnehmend, wie in der Ferne leise verhallte. Herder fuhr empor, er fühlte sein Bett unter der Heftigkeit der ersten Schläge erzittern … war ein Gewitter ausgebrochen? Es konnte nicht sein, am Nachthimmel war ja vorher nicht die geringste Wolke zu bemerken gewesen, und doch, ein Blitzstrahl zuckte auf und schnitt in die völlige Finsterniß, die im Raume herrschte, hinein, aber nein, es war kein Blitz, es war ein Lichtstrahl, ein heller Schein, oben rechts auf der Galerie.

Herder’s Bett stand an der der Galerie gegenüberliegenden Wand. Er konnte die Galerie übersehen ihrer ganzen Länge nach. So wie sein Auge dem oben auftauchenden Lichte zuflog, erblickte er eine Erscheinung, welche ihn völlig athemlos machte, welche ihm fast die Sinne wieder raubte, die er so eben rasch und schnellkräftig dem Traumleben entrissen und gesammelt hatte … eine Erscheinung, die ihn wie in den Schwindel des Traumlebens zurückstürzte und in schwerem Auf- und Niedergehen seine Brust sich heben ließ.

Die kleine Thür, die von der Galerie in den Thurm führte, hatte sich geöffnet. Unter dem Bogen derselben, in dem Rahmen der gewaltigen Thurmmauern stand eine hohe weibliche Gestalt, umflossen von einem hellgrauen Kleide, das braune Haar gelöst; es hing reich um die Schultern nieder; das Haupt, die schöne Stirn ein wenig gesenkt, die Wangen bleich, die Züge wie von tiefem Schmerze ausgeprägt, in ihrer Hand ein alterthümlicher Leuchter mit einem brennenden Lichte, welches diese von tiefer Schwermuth sprechenden Züge beleuchtete … und diese Züge, diese Gestalt – der erschrockene junge Mann konnte keinen Augenblick im Zweifel darüber sein – waren die seiner Braut!

Caroline!

[103] „Caroline!“ Der Ausruf lag auf Herder’s Lippen, aber der Athem fehlte ihm, ihn laut werden zu lassen. Sein ganzes Leben war in seinen Augen. Die Gestalt bewegte sich. Sie ging nicht, sie schwebte über die Galerie fort, unhörbar, mit Geisterschritten; schon war sie am Ende der Galerie, die Thür öffnete sich vor ihr, oder nahm die Wand, die Luft sie auf? Sie war verschwunden, nicht sieben oder acht Secunden lang hatte die Erscheinung gedauert.

Alles war still und finster im Thurmzimmer wie früher.

Herder warf sich zurück in seine Kissen, er rang tief Athem holend nach Luft, und indem er beide Arme wie in tiefster Mattigkeit auf die Bettdecke legte, sagte er:

„Das ist entweder sehr wunderbar, oder sehr arg … sehr arg!“

Er hatte seine ganze Fassung wiedergefunden.

„Es ist unglaublich!“ fuhr er nach einer Weile ruhigen Besinnens fort… „Caroline! Dem Grafen könnte ich verzeihen… Diese großen Herren halten sich zu jedem Scherz auf Kosten niedrig geborener Sterblicher berechtigt. Aber Caroline! Sie … daß sie sich hergiebt zu einer solchen Komödie … mit mir … daß sie hier sein kann und sich mir verbirgt … daß sie die Vorwürfe, welche ihre Briefe mir machen, so in Scene setzen … mir wie in einem Pantomimenspiel als das Wesen, an dem ich mich im Leben am schwersten versündigt, erscheinen kann … o mein Gott! … greift ein Mädchen, welches den Mann ihrer Liebe achtet, zu solchen Mitteln? … Blendwerk, widriges Gaukelspiel … es ist nicht möglich, nicht möglich!“

In furchtbarer Aufregung sprang Herder aus dem Bette. Er eilte zu den Fenstern und riß die Läden auf. Ueber dem Berge im Osten dämmerte Morgengrauen. Um Untersuchungen anzustellen, war es zu dunkel. Herder legte sich wieder nieder. Den peinigendsten Gedanken hingegeben, erwartete er das Wachsen des Lichts; es stieg allmählich, unmerkbar, nach einer Viertelstunde schon konnte er sich erheben und sich ankleiden, aber was half es, gekleidet zu sein … es war noch Niemand im ganzen Schlosse schon aufgestanden. Er mußte sich gedulden noch lange, lange Zeit.

Endlich hörte er Geräusch … die Portalthür unten wurde geöffnet. Er verließ nun sein Zimmer. Draußen auf dem Corridor herrschte noch Dämmerung; auf der Treppe war schon volles Licht. Am Fuße derselben fand Herder den Hausmeister oder Burgvogt in Filzschuhen und in einer Leinwandjacke als seiner Morgentoilette.

„Herr Consistorialrath,“ sagte dieser betroffen, „Sie schon so zeitig aufgestanden?“

Die ehrlichste Verwunderung sprach aus den gebräunten Zügen des alten Mannes. Er wenigstens konnte nicht im Complot sein. Herder drückte ihm ein Goldstück in die Hand.

„Verrathen Sie Niemandem, daß ich so früh auf war, und führen Sie mich augenblicklich über die Galerie in meinem Zimmer in den Burgthurm.“

Der Mann blickte noch verwunderter auf den Ducaten in seiner Hand, und dann in die Züge des Hofpredigers.

„In den Burgthurm können wir schon gehen,“ sagte er zögernd, „aber von unten her, über die Wendelstiege … über die Galerie geht’s nicht!“

„Und weshalb nicht über die Galerie?“

„Weil in den Entresolzimmern, aus denen die Galerie durch’s Thurmzimmer in den Thurm führt, Gäste schlafen, die wir nicht wecken dürfen.“

„Gäste? … und wer sind diese Gäste? sagen Sie mir’s, wer?“

Der Mann stockte, er lächelte verlegen.

„Ich will, ich muß es wissen,“ rief Herder heftig aus, als er das erste Aufzucken dieses Lächelns wahrnahm.

„Nun ja,“ sagte der Burgvogt, „soll ich den Herrn Consistorialrath nicht verrathen, daß er so frühe bei der Hand war, so wird mich auch der Herr Consistorialrath nicht verrathen, daß ich’s ihm sagte. Es ist eine schöne, fremde Dame da einquartiert, die gestern Abend in der Dämmerung, von einem Mädchen begleitet, zu Fuße aus Eilsen ankam; der Herr Hofmarschall haben mir, und wer sonst noch davon weiß, auf’s Strengste verboten, davon zu reden … also …“

Der Mann legte, mit den Wimpern blinzelnd, den Finger auf den Mund.

„Eine Dame … also doch?!“ rief Herder wie zu Boden geschmettert aus.

„Sollen wir gehen?“ fragte der Burgvogt, sich dem Wege zuwendend, der zum untern Thurmeingang führte.

Die Untersuchung des Thurmes konnte nicht mehr ergeben, als was Herder bereits erfahren. Doch folgte er dem Burgvogt; er bestieg mit ihm die Wendelstiege, die in den alten Bau führte.

Als sie etwa auf halber Höhe waren, bemerkte Herder eine kleine Thür zu seiner Linken.

„Es ist die Thür zur Galerie,“ sagte der Burgvogt.

Herder sah, daß sie unverriegelt war; ein Druck auf das alte Schloß öffnete sie leicht und ohne das geringste Geräusch.

„Auf’s Beste eingeölt!“ murmelte Herder ironisch zwischen den Zähnen, „sie leistet einem Geist nicht den geringsten Widerstand!“

Er schritt durch die Thür über die Galerie bis an das Ende derselben.

Als er hier langsam und leise die Hand auf den Drücker der kleinen Thür legte, die den Eingang in die Entresolzimmer bildete, von denen der Burgvogt geredet, fand er sie verschlossen.

Er ging zurück, in den Thurm hinein, dem voraufsteigenden Führer nach.

Sie kamen in ein kleines, rundes Gemach unmittelbar unter der Plattform des Thurmes, das zu einem Wohnzimmerchen hergerichtet war, zu einem stillen Versteck, welches in der Hochsommerhitze einen sehr gemüthlichen, heimlichen Aufenthalt bilden mochte für Jemand, der mit sich allein zu sein wünschte; der mit Steinplatten belegte Boden, die dicken Mauern, die kleinen Fenster, die ursprünglich Schießscharten waren, hielten es kühl und dämmerig.

„Die hochselige Gräfin hat die Kammer so aufputzen und einige Möbel hineinbringen lassen,“ sagte der Burgvogt, „früher sah’s wüst hier aus, die alten Harnische und Gewaffen aus den Ritterzeiten hatte man auf einen Haufen hier zusammengeworfen.“

Herder hörte schon nicht mehr auf ihn … er schritt zu einem der schmalen Fenster, vor dem ein Tisch stand, neben dem Tische ein Stuhl.

Ein Stück weißen Papiers, das auf dem Boden unter dem Tische lag, hatte seine Aufmerksamkeit erregt, es war ein abgerissener Streifen, wie man sie macht, um sie als Lesezeichen in ein Buch zu legen.

Herder nahm den Streifen auf; als er ihn umwandte, fuhr ein leiser Ausruf über seine Lippen … das Papier war von einem Billet abgerissen, und die einzelnen Worte, welche auf dem Streifen standen, unzusammenhängende, gleichgültige Worte, waren von der Handschrift Carolinens.

Herder war außer sich. Mit zitternder Hand steckte er den Streifen zu sich.

Um seinem Begleiter seine Bewegung zu verbergen, sagte er mit möglichst ruhiger Stimme, auf die Platte des kleinen Tisches deutend, auf die eben sein Auge fiel:

„Da liegen Tropfen von geschmolzenem Wachs. Ganz frisch. Es muß Jemand hier in der Nacht mit einem Licht sich aufgehalten haben!“

„Es ist wahr,“ antwortete der Burgvogt herantretend … „das ist seltsam; bei Licht pflegt hier sonst Keiner von den Herrschaften heraufzukommen …“

„Kommen Sie jetzt nur hinab, ich habe genug gesehen,“ unterbrach ihn Herder und wandte sich der Wendelstiege wieder zu.

„Sie war es wirklich,“ sagte er sich im Niederschreiten im höchsten Zorn und Schmerz, „sie war es wirklich … sie hat da oben gesessen und gelesen, bis das Zeichen zum Beginn der Komödie [104] gegeben wurde. Es ist unglaublich, aber es ist wahr! O mein Gott, Caroline, Caroline … weshalb hast du mir das angethan?“

Er verabschiedete den Burgvogt und zog sich wieder in sein Zimmer zurück, das abermals für lange Zeit die Folterkammer für ihn wurde, in welcher er, von entsetzlicher Ungeduld gepeinigt, Alles auf sich einstürzen lassen mußte, was ihn innerlich empörte, durchwühlte und beschämte.

Endlich war im kleinen Schlosse das volle Leben erwacht; die Stallthüren öffneten sich und die Pferde wurden herausgeführt, um gestriegelt zu werden; die Hunde heulten bei der Morgenfütterung. Die Revierjäger sammelten sich auf dem Hofe. Im Innern des Gebäudes wurden Thüren aufgemacht und geschlossen; Diener eilten über Corridor und Stiegen; Herder ging hinaus und forderte den ersten ihm begegnendem Lakaien auf, ihn beim Grafen zu melden; er bitte um eine Audienz, er verlange dringend Gehör.

Der Diener führte ihn in das Arbeitszimmer des Grafen und hieß ihn hier warten. Dann trat er in das Schlafcabinet des gnädigen Herrn; wenige Augenblicke nachher erschien er wieder, beschäftigt, die beiden Flügel der Thür vor der Erlaucht zu öffnen, der Graf trat bereits völlig gekleidet ein. Er war Soldat und der früheste Morgen fand ihn stets in voller Thätigkeit.

Ein triumphirendes Lächeln zuckte um seine Lippen, als er in Herder’s Züge blickend die unverkennbarsten Zeichen furchtbarer Aufregung wahrnahm.

„Mein lieber Hofprediger,“ rief er aus, „so früh schon wollen Sie mich sprechen? Was ist’s, was führt Sie her? Sie scheinen aufgeregt, haben Sie unruhige Träume gehabt in Ihrem Thurmzimmer?“

„Träume, Erlaucht? nein, man wirft den Dichtern ihre Träume vor, ich bin kein Träumer und war nie wacheren Sinnes, als in der vergangenen Nacht…“

„Sie erschrecken mich, was machte Sie so wach? Sie haben doch nicht am Ende ein Erlebniß gehabt von jener Art, die nach Shakespeare’s Ausspruch ein Philosoph wie Sie sich nicht träumen läßt, also mit ‚wachem Sinne‘ beobachtet? Setzen Sie sich, erzählen Sie mir, was ist Ihnen begegnet?“

Der Graf warf sich in einen Sessel und sah Herder mit Blicken an, die in diesem Alles, was von Zorn in ihm war, hätten aufkochen machen, wenn sein Zorn nicht schon ohnehin in Siedehitze gewesen wäre.

„Erlaucht,“ sagte er bleich, leise, mit zitternder Lippe, „ich bin es meiner Stellung und meinem Namen schuldig, nicht zuzugeben, daß man mich wie ein Kind behandelt, welchem man eine Komödie vorspielen kann, um dasselbe eine Moral daraus ziehen zu lassen…“

Des Grafen Gesicht verlor den spöttischen Ausdruck, seine Brauen zogen sich zusammen.

„Eine Komödie?“

„Ja, eine Komödie,“ versetzte Herder sehr laut und heftig.

„Mein lieber Hofprediger, es scheint, Sie nehmen eine Komödie sehr tragisch,“ entgegnete der Graf. „Eine hübsche Komödie mit einer guten Moral anzusehen, kann auch uns Erwachsenen nicht schaden, besonders wenn die Moral auf uns paßt!“

„Ich kann Niemandem das Recht einräumen, zu beurtheilen, ob eine Moral auf mich paßt oder nicht, darüber ist allein mein Gewissen Richter.“

„Gewiß, gewiß, wer leugnet das? Auch giebt kein Dichter sein Stück mit einer Moral anders, als in der Absicht unser Gewissen anzuregen, damit es sein Richteramt übe.“

„Aber wenn das Stück verfehlt und schlecht ist, so übt nicht unser Gewissen, sondern die Kritik ihr Richteramt. Lassen wir es, Erlaucht. Ich bin gekommen, um Ew. Erlaucht zu sagen, daß ich verlange mit der Hauptdarstellerin in der Komödie, von der wir sprechen, zu reden. Sie verbirgt sich hier im Schlosse vor mir, ich aber habe den festen Willen, sie zu sehen, augenblicklich, bevor sie etwa von hier abreist.“

Der Graf antwortete in offenbarer Verlegenheit.

„Ich sehe, unsere kleine Komödie hat nicht ganz die Wirkung gehabt, welche bei ihrer Aufführung beabsichtigt war,“ sagte er lächelnd. „Ich bin der ‚Hauptdarstellerin‘, wie Sie sagen, jetzt jedoch schuldig, sie vor einer zu scharfen Kritik, die, wie es scheint, auf sie eindringen will, in Schutz zu nehmen.“

„Demoiselle Caroline Flachsland ist meine Braut,“ sagte Herder mit größter Bestimmtheit, „ich bestehe darauf, sie augenblicklich zu sprechen.“

„Ich habe ihr versprochen, sie wieder von hier abreisen zu lassen, ohne daß sie mit irgend Jemandem in Berührung gekommen; ich werde dies Versprechen halten.“

„Mir gegenüber kann es keine Gültigkeit haben, ich bitte Ew. Erlaucht auf das Allerdringendste und Entschiedenste, mir zu sagen, wo Demoiselle Flachsland sich befindet, wenn Ew. Erlaucht die ganze Angelegenheit nicht eine für uns Alle gleich ärgerliche und verdrießliche Wendung nehmen sehen wollen…“

„Hartnäckiger Schwarzrock!“ murmelte der Graf zornig zwischen den Zähnen. „Ich glaube, er droht mir in meinem eigenen Hause … aber was ist da zu thun? Wohl denn,“ fuhr er laut fort, „ich will mit der Dame reden; wenn dieselbe mich des Wortes, das ich ihr gab, entbindet und einwilligt, Sie zu empfangen, so ist’s gut; willigt sie nicht ein, dann müssen Sie sich darein finden und die Predigt, welche Sie ihr zu halten beabsichtigen, schon aufschieben, bis sie außerhalb meines Schutzes ist. Vorher möchte ich jedoch, lieber Herder, daß Sie freundlich anhörten, was ich Ihnen als Freund sagen muß. Ich habe mir allerdings einen kleinen Scherz, eine kleine ‚Komödie‘ wenn Sie wollen, mit Ihnen erlaubt, aber ich habe geglaubt, Sie würden sie leichter nehmen und nicht so zornig eine Kränkung darin sehen. Was ist geschehen, was Sie so empört? Ist meine Neckerei mit einer Gespenster-Erscheinung etwas so gar Ungewöhnliches? Hat diese einen so wunden Nerv bei Ihnen getroffen…“

„Ja, als ein Einmengen in meine persönlichsten, innersten Angelegenheiten,“ fuhr Herder auf.

„Aber sie geht aus von Ihren wärmsten Freunden, von der Prinzessin Sidonie, der treuesten und theilnehmendsten Gönnerin Ihrer Braut, von mir und endlich von Ihrer Braut selbst, die wir dazu überredet, verführt haben, wenn Sie wollen… Niemand anders weiß darum; die wenigen meiner Diener, welche dabei in’s Geheimniß gezogen werden mußten, der Hofmarschall, ein Lakai, ahnen nichts von der eigentlichen Bedeutung; sie wissen nur ganz im Allgemeinen, daß es sich um eine kleine Neckerei handelt… Bedenken Sie das und seien Sie vor allen Dingen sanft gegen Ihre Braut. Wir, die Prinzessin und ich, sind ja allein die, von denen der Gedanke ausging, und bedenken Sie, daß ein liebendes Herz, welches sich von dem Gegenstand seiner Leidenschaft gekränkt fühlt, oft zu chimärischen, schwärmerischen Mitteln greift, diesen Gegenstand zu sich zurückzuführen; daß die Phantasie in solchen Lebenslagen erkrankt und auf Wege geräth, welche ein nüchterner Geist thörichte nennt … denken Sie, daß Demoiselle Flachsland gewiß nicht in leichtsinnigem Muthwillen handelte, als sie dem Drängen der Prinzessin nachgab, sondern sich sehr unglücklich fühlte…“

„Ich danke Ihnen, Herr Graf, für diese Freundes-Ermahnung,“ antwortete Herder kühl, „aber ich muß Ew. Erlaucht jetzt in der That bitten …“

„Nun ja, ich gehe schon,“ versetzte der Graf.

Der Graf ging. Herder schloß sich ihm an.

„Wie, Sie wollen nicht hier warten? Bleiben Sie, bis ich zurückkomme!“

„Es ist sicherer daß ich Ew. Erlaucht begleite,“ erwiderte Herder entschlossen.

Der Graf schwieg, innerlich in großer Empörung über seinen harten, unbeugsamen Hofprediger, von dem nun einmal alle seine Worte abprallten ohne Eindruck zu machen, der einen gnädigen Spaß eines regierenden Herrn mit so stolzer Unschmiegsamkeit und respectwidriger Männlichkeit aufnahm. Er ärgerte sich bereits und verwünschte es, im Eifer der Bewunderung für Alles, was Prinzessin Sidonie in ihrer „schönen Seele“ trug, auch auf diesen ihren Einfall eingegangen zu sein, der nun eine so ernsthafte Wendung nahm, und so schickte er einen herzhaften Soldatenfluch durch den grauwerdenden Bart, als er in das kleine Entresolzimmer trat, welches als Wohnzimmer der jungen Dame diente.

„Wenn wir drüben an der Thür des Schlafzimmers anklopfen, werden wir sie erschrecken,“ sagte er dann, „gehen Sie, ein Frauenzimmer von der Schloßdienerschaft herbeizuholen, das uns bei der Demoiselle anmeldet, ich warte hier! Oder ziehen Sie die Klingelschnur dort!“

Herder wollte die Klingelschnur ziehen, auf welche der Graf deutete.

[105] In diesem Augenblicke aber öffnete sich die gegenüberliegende Thür und der Kopf eines jungen Mädchens blickte heraus. Es war die Zofe der Dame.

„Ist Deine Herrin auf, Kind?“ sagte der Graf, „dann sag’ ihr, daß ich sie zu sprechen wünsche; kennst Du mich?“ „Ja, Erlaucht, die Demoiselle sind auf und werden sogleich erscheinen.“

Die Thür schloß sich. Nach etwa fünf Minuten öffnete sie sich wieder; die Zofe kam und sagte:

„Die Demoiselle sind fertig und werden erscheinen, wünschen aber mit dem Herrn Grafen allein unter vier Augen zu reden.“

„Wohl, Sie sehen, Herder, Sie müssen gehen; warten Sie draußen, sobald Demoiselle Flachsland mich meines Versprechens entbunden hat, komme ich, um Ihnen zu sagen, daß Ihre Braut Sie erwartet.“

Herder verließ schweigend das Gemach. Gleich darauf trat von der anderen Seite die Dame ein. Sie war in demselben Anzuge wie gestern, als wir sie im Zwiegespräch mit dem Rittmeister Baron Fauriel sahen. Mit einer ruhigen und ernsten Gemessenheit, mit einem eigenthümlichen Ausdruck stiller Würde trat sie dem Grafen entgegen.

Dieser hatte sie, wie erwähnt, am vorigen Abende im Dämmerlicht gesehen und gesprochen. Jetzt staunte er über die große, schöne, bezaubernde Erscheinung, welche ihm mit einer Art fürstlicher Hoheit entgegentrat. Sie übte einen eigenthümlichen Reiz auf ihn aus, er fühlte sein Herz höher und wärmer schlagen unter dem Einfluß des großen, stolzen, blauen Auges, das auf ihm lag; er wußte, daß Caroline Flachsland recht hübsch sei, aber er war weit davon entfernt gewesen, sie für so schön, so fast von junonischer Hoheit umflossen zu halten, er hatte das gestern nicht entfernt erkannt.

Sie trat ihm schweigend entgegen und erwartete seine Anrede.

„Demoiselle Flachsland,“ sagte der Graf, nachdem er sie einen Augenblick in stummer Ueberraschung angeblickt, man läßt sich nicht ungestraft mit den Geistern ein. Es scheint, sie haben es uns übel genommen, daß wir ihre Rollen spielen wollten, und rächen sich nun. Dies ist ein sehr übler Morgen für uns Beide. Die Moral unseres Stücks hat taube Ohren und ein steinernes Herz gefunden. Herder hat sich auch nicht im Mindesten mystificiren lassen…“

„O, er hat es doch wohl!“ fiel die Demoiselle ruhig ein.

„Nein, nein, nicht im Mindesten,“ fuhr die Erlaucht eifrig fort, „er ist außer sich, er hat mir die fürchterlichsten Dinge gesagt; Sie hätten hören sollen, wie der geistliche Herr mit mir armem, altem Sünder umsprang, und jetzt verlangt er störrisch eine Unterredung mit Ihnen … machen Sie sich auf eine kleine Scene gefaßt!“

„Auf eine Scene bin ich gefaßt,“ sagte die Demoiselle mit derselbe Ruhe; „aber Herder wird keine Rolle darin spielen. Was liegt an Herder … mir an Herder!“

„Wie, an Herder, an Ihrem Bräutigam…“

„Er ist nicht mein Bräutigam!“

„Sie betrachten Ihr Verhältniß gelöst?“

„Gelöst? Nein; es hat nie eines bestanden. Sehen Sie mich an, Herr Graf. Seh’ ich aus wie ein Mädchen der Bourgeoisie, wie die schmachtende Braut solch’ eines eitlen Mannes, die zu verzweifelten Mitteln greift, um eine wankende Treue zu befestigen? Ich meine, Sie müßten auf meiner Stirn geschrieben lesen, daß ich zu stolz dazu bin. Wenn die Treue wankt, so mag sie gehen. Was von uns sich zu trennen vermag, ist nie unser ehrliches Eigen gewesen. Geflickte Gefühle verachte ich.“

„Aber, Demoiselle Flachsland,“ fiel der Graf erstaunt ein.

„Ich bin nicht Demoiselle Flachsland, wie ich die Ehre hatte Ihnen zu sagen.“

„Aber wer … wer sind Sie denn?“

Sie sah ihn ernst und vorwurfsvoll an.

„Da Sie’s nicht wissen, nicht mit einem Blick auf mich erkennen, so schweige ich. Ich habe hier gethan, was Sie von mir wünschten, und jetzt lassen Sie mich heimkehren.“

Der Graf war von dem Allen auf’s Aeußerste betroffen. In großer Erregung rief er aus: „Mit einem Blick auf Sie soll ich erkennen, wer Sie sind? … Welch’ seltsames Verlangen … aber ich lasse Sie nicht, ich will von Ihnen hören, wer diese schöne, stolze, königliche Frau ist, die mein Schloß beherbergt, ich will es wissen…“

„Nun wohl, wenn ich’s denn sagen muß, Ihnen sagen muß: ich bin die Prinzessin Sidonie!“

„Sidonie! Prinzessin Sidonie!“ rief der Graf betroffen, einen Schritt zurückfahrend, aus … Sie … Sie selbst … o mein Gott, wie glücklich machen Sie mich!“

[135] Graf Wilhelm traf Herder an demselben Ort, wie früher, und sandte ihn in’s Zimmer der Prinzessin. Dann eilte er die nöthigen Befehle zu ertheilen; die Hornfanfaren der Jäger weckten gleich darauf das Echo der alten Burgmauern, um das Signal zum Ausziehen zu geben, und bald darauf war der ganze Schwarm da unten im Hofe versammelt; zehn Minuten später war das kleine Schloß verlassen und menschenleer.

Der Tag war schön, die Jagdbeute war reich; aber Graf Wilhelm war an der Spitze seines fröhlichen Jagdgefolges heute eigenthümlich schweigsam und verschlossen. Niemand erinnerte sich, ihn je so völlig in sich versunken und theilnahmlos für Alles, was ihn umgab, gesehen zu haben. Auch zeigte er sich als einen der schlechtesten Schützen heute; nur ein einziges Häslein erlag seinem Geschoß. Und am frühen Nachmittage wurde die Jagd schon eingestellt, als die eifrigsten der Theilnehmer der Ansicht waren, daß die eigentliche Lust erst beginnen müsse.

Herder war sofort, als er des Grafen Erlaubniß endlich erhalten, in das Zimmer der Prinzessin geeilt. Der zornige Ausruf: „Caroline!“ der auf seinen Lippen lag, erstarb, als er in ein ihm ganz fremdes Antlitz blickte. Diese stolze Schönheit vor ihm hatte in Gestalt und Zügen Aehnlichkeit mit Caroline Flachsland, eine große Aehnlichkeit, aber sie selbst war es nicht; sie war schöner, höher, blendender als diese.

Ueberrascht stand er vor ihr.

„Herr Hofprediger,“ begann sie, nachdem sie mit einem huldvollen Wink ihn eingeladen, auf einem Stuhl in der tiefen Fensternische Platz zu nehmen, wo sie sich ihm gegenübersetzte, „wir sind Ihnen eine Erklärung schuldig, und ich bin bereit, sie Ihnen zu geben. Zuerst lassen Sie mich Ihnen sagen, daß an der Mystification, welche man sich mit Ihnen erlaubte und die an Ihrem unerhörten und völlig unmoralischen Mangel auch am leisesten Gespensterglauben scheiterte, Ihre Braut nicht den allermindesten Antheil hat. Mein Wort darauf, sie ahnt nicht das Geringste davon!“

Herder athmete sichtlich erleichtert auf.

„Ich danke Ihnen von Herzen für diese Versicherung,“ sagte er, „der ich unbedingt Glauben beimesse, wenn ich auch nicht weiß –“

„Wer sie Ihnen giebt? Sie haben Recht! Ich bin eine Freundin, eine Vertraute des edlen Mädchens, von dem wir reden, deren Werth Sie nie, niemals hoch genug anschlagen können, ich bin die Prinzessin Sidonie von Birkenfeld…“

Herder fuhr in die Höhe.

„Durchlaucht – Sie – Sie sind es? Caroline hat mir mit so begeisterten Worten von Ihnen geschrieben … o lassen Sie mich Ihnen alle Huldigungen darbringen, welche ein unter allen Frauen der Zeit so hervorleuchtendes Wesen verdient…“

„Bitte, bleiben Sie ruhig sitzen, Huldigungen verlange ich nicht, nur daß Sie mich ganz geduldig und sanft anhören und mein Verlangen erfüllen.“

„O reden Sie, Durchlaucht!“

„So hören Sie. Ich stand zu dem Grafen Wilhelm in einem ähnlichen Verhältniß, wie Sie zu dem Mädchen, das ich mit Stolz meine Freundin nenne. Ich spielte in der vergangenen Nacht eine Rolle, die Sie gegen Caroline empört hat, die Sie ihrer unwürdig fanden. Nun wohl, Sie sehen, Sie thaten ihr Unrecht. Ich spielte die Rolle. Und was gegen Sie gemünzt schien, das sollte allerdings auch Ihnen eine Mahnung sein, denn Sie haben Unrecht, Sie betragen sich gegen Ihre Braut gewissenlos. Aber gerichtet war das Ganze ebenso sehr wider den Grafen; mir lag der Gedanke, daß der Graf bei der Operation, die Ihnen den Splitter aus dem Auge ziehen sollte, an den Balken in seinem eigenen denken würde, zunächst. Darum handelte ich, thöricht, kindisch vielleicht … ich überlasse Ihnen es zu nennen, wie Sie wollen, aber ich verlange von Ihnen, daß Sie dem Grafen, der die Sache als einen harmlosen Scherz nahm, verzeihen!“

Herder hatte ihr äußerst überrascht zugehört.

„Ich verstehe, Durchlaucht,“ sagte er jetzt, „am französischen und spanischen Hofe wurden ehemals junge Edelleute neben den Prinzen erzogen, welche die Prügel erhielten, die sich die kleinen königlichen Hoheiten verdient hatten. Ich habe Euerer Durchlaucht als Prügelknabe gedient!“

Die Prinzessin lächelte.

„Sie dürfen es allerdings am Ende so nennen. Doch litten Sie auch für eigene Schuld. Wollen Sie das einsehen, mir bekennen und mir versprechen, dem Grafen zu verzeihen? ihm keinerlei Groll nachzutragen?“

Wer hätte dem huldvollen, bezaubernden Lächeln der hohen Dame widerstehen können? Herder hatte seinen Groll längst dahinschmelzen gefühlt.

„Wälzen Sie alle Schuld auf mich,“ fuhr sie fort. „Und nun, da ich Ihr Versprechen habe … nicht wahr, ich habe es? nun führen Sie mich augenblicklich aus diesem Schlosse fort, so daß Niemand uns sieht. Begleiten Sie mich, da Sie doch einmal von der Jagd sich ausgeschlossen haben, nach meiner Wohnung in Eilsen zurück. Wollen Sie? Es ist vielleicht viel verlangt, aber ich kann dem Wunsch nicht widerstehen, länger in der Gesellschaft eines Mannes wie Herder zu sein.“

„Gebieten Sie über mich, Durchlaucht,“ fiel Herder entzückt ein, die Huld der Prinzessin hatte den letzten Rest von Unmuth in ihm geschmolzen.

„Gehen Sie, sich fertig zu machen,“ antwortete sie, „mein Mädchen packt eben meine Sachen drinnen zusammen, in zehn Minuten erwarte ich Sie.“

„Wollen Sie auch dies zu Ihren Sachen legen lassen?“ fragte Herder lächelnd, einen Papierstreifen aus der Brieftasche hervorziehend.

„Was ist das? Ach, ein Stück eines Billets von Caroline, ein Lesezeichen, das mir entfiel; nein, das dürfen Sie als Andenken behalten!“


5.

Als Herder für den Ausflug nach Eilsen fertig und gerüstet in das Vorzimmer der Prinzessin trat, fand er sie beschäftigt, einen Brief zu siegeln und zu adressiren, den sie eben geschrieben hatte. Er lautete:

„Prinzessin Sidonie ist gegangen und Sie werden sie hier nicht wiedersehen, erlauchter Graf, weder hier, noch in Eilsen. Sie hat vollführt, was sie gewollt; weshalb sollte sie noch länger weilen? Sie hat zwei Männer an die Wahrheit gemahnt, einen Schriftsteller, dem man die Wahrheit selten, und einen Fürsten, dem man sie nie sagt. Und nur das wollte sie. Wollen Sie Sidonie wiedersehen, so suchen Sie dieselbe auf in ihrer Heimath, in ihrer Angehörigen Mitte, in ihren eigenen Räumen daheim, wo Sie längst erwartet wurden. Vielleicht tritt Ihnen Prinzessin Sidonie dort jedoch in einer anderen Gestalt entgegen, und Sie sagen sich, diese Sidonie sei nicht die, welche Sie heute sahen. Möglich … eine persische Mythe sagt, über jedem Menschen schwebe das reine Gedankenleben desselben als seine zweite Gestalt, als sein Urbild. Sagen Sie sich also, es sei heute diese zweite Gestalt Sidoniens vor Sie hingetreten, nur ihr reines Gedankenleben, der ganze Inhalt dessen, was sie glaubt und fühlt und wie sie urtheilt, sei Ihnen erschienen, um sich vor Ihnen auszusprechen. Nur das, ohne daß die irdische Gestalt der Prinzessin irgend etwas davon geahnt, davon gewußt, was ihre seelische Doppelgängerin gethan. Vielleicht auch – Sie wissen, daß die Menschen, welche so sensitive Naturen sind, wie Prinzessin Sidonie, in einen magnetischen Schlummer verfallen können, während dessen ihre Seelen sie verlassen und sich weit, weit fort über Länder und Gebirge versetzen, um da zu erscheinen, wohin Sehnsucht und Liebe sie ziehen. Denken Sie, so sei’s gewesen, wenn Prinzessin Sidonie Ihnen ableugnen sollte, heute in dieser stillen Waldburg gewesen zu sein, Sie gesehen, mit Ihnen geredet zu haben … denken Sie, die magnetisch entrückte Seelengestalt Ihrer Freundin sei Ihnen erschienen. Sie haben begonnen, Geister zu citiren, sie zum Scherze in Ihr Haus locken wollen, nun dürfen Sie sich nicht beklagen, daß sie gekommen [136] sind und Sie umsponnen haben mit ihren Räthseln und Geheimnissen.

Herder ist vollständig besänftigt, beruhigt und versöhnt.“

Nachdem die Dame diesen Brief an den Grafen Wilhelm zu Schaumburg adressirt und auf den Tisch gelegt, ließ sie sich von ihrem Mädchen Shawl, Hut und Fächer reichen und sich von Herder aus dem Schlosse führen. Es war leicht, dies ungesehen zu verlassen; die wenigen Diener, welche darin zurückgeblieben, waren im Innern, in den einzelnen Zimmern mit ihren Arbeiten beschäftigt.

Die lebhafte und anziehende Unterhaltung, welche die Prinzessin mit ihm führte, ließ Herdern den Weg nach dem Badeorte nur zu kurz erscheinen. Als man im Angesichte desselben angekommen war, beurlaubte sie ihn. Auf seine Bitte, ihr am andern Tage aufwarten zu dürfen, entgegnete sie, sie werde noch am heutigen Nachmittage abreisen.

„Werden Sie mich dabei zur Ueberbringerin eines Briefes an Ihre Braut machen?“ fragte sie zugleich, ihn ernst ansehend.

„Ich werde noch heute durch die Post an sie schreiben,“ versetzte er leicht erröthend.

Mit freundlichem Lächeln reichte sie ihm die Hand und wandte sich ab, um jetzt, von ihrem Mädchen allein geleitet, ihre Wohnung aufzusuchen.

Herder schlug den Weg nach seinem Wohnort ein. Er war dabei bald in sehr ernste Gedanken versunken.

Er war freilich überzeugt, daß seine Braut völlig unschuldig an dem sei, was ihn so furchtbar empört hatte, so lange er an ihre Mitwirkung dabei geglaubt. Er war auch dem Grafen versöhnt; alle Schuld trug ja diese bezaubernde Prinzessin, von der als einem Engel von Güte Caroline ihm oft geschrieben und deren persönlicher Liebenswürdigkeit sein Zorn nicht hatte widerstehen können. Aber das Ergebniß des ganzen Abenteuers war für ihn die Erfahrung, daß sein Verhältniß zu seiner Braut Gegenstand längerer Erörterung und Besprechung zwischen diesen Frauen und dem Grafen Wilhelm gewesen sein mußte, vielleicht der Besprechung bei vielen Personen noch außer diesen, und bei diesem Gerede, diesen Erörterungen, so viel war ebenfalls klar, ward auf ihn nicht das vortheilhaftere Licht geworfen. Wie viel Kränkendes, wie viel Verleumdendes mochte da schon von vorschnell und giftig urtheilenden Zungen gesprochen sein! Es war hohe Zeit, dem Allen ein Ende zu machen!

Als Herder heimgekommen, setzte er sich sofort nieder, um an Caroline Flachsland zu schreiben. Er sagte ihr, daß sie ihn in der kürzesten Zeit erwarten könne, daß er kommen werde, um die Schritte zu thun, welche nöthig, ihr Schicksal auf immer mit dem seinen zu vereinigen.

Im Frühjahre 1773 führte er seine Braut in seine stille Pfarrwohnung in Bückeburg heim.

Am Nachmittage jenes Tages aber trat der Rittmeister Baron Fauriel sehr bewegt, in hohem Grade aufgeregt in das kleine Wohnzimmer, welches Fräulein Antonie Sponheim sich während der Dauer ihrer Badecur in einem der einsamst gelegenen Häuser des Bades Eilsen gemiethet hatte. Er fand sie ruhig lesend am Fenster sitzen.

„Antonie,“ rief er eifrig aus, als er kaum die Schwelle überschritten, „welche Begebenheiten sind das! wie ist Ihnen das möglich geworden! der Graf hat mir heute auf der Jagd gesagt: ‚Ich willige in Ihren Wunsch, gehen Sie noch heute zu Ihrer Braut, es ihr anzukündigen‘, und als ich ihm danken wollte für diese rasche Sinnesänderung, hat er mich abgewiesen mit den Worten: ‚Ach, danken Sie mir nicht, aber fragen Sie nicht, gehen Sie.‘ .… Wie haben Sie das zu Stande gebracht!?“

„Ganz einfach,“ antwortete sie lächelnd, „wie ich es Ihnen sagte, durch meine Kunst, als Schauspielerin; ich habe ein paar Rollen gespielt! Es ist nur schade, daß Sie mich nicht darin sehen konnten, in diesen Rollen, aber ich denke, der Erfolg meines Spiels reicht hin, Sie zu überzeugen, daß ich’s gut gemacht habe und daß ich weiter nichts bin, als wofür ich mich gebe – eine Schauspielerin. Willst Du mich nun auch noch als solche, mein Freund?“

Der Officier zog sie an seine Brust und drückte sie freudig an sein Herz, dann aber fuhr er fort:

„Das ist jedoch noch nicht Alles! Als wir von der Jagd zurückgekommen, war der Graf kaum einige Minuten in die Arnsburg getreten, als ein Diener herbeigestürzt kam, der mich augenblicklich zu ihm beschied. Der Diener führte mich in ein kleines Entresolzimmer, eines der Fremdenzimmer; dort stand der Graf, einen Brief in der Hand, offenbar in hohem Grade betroffen, zornig, erregt. Er rief mir entgegen: ‚Lassen Sie sich ein Pferd satteln, Baron, und sprengen Sie augenblicklich nach Eilsen. Gehen Sie zu Ihrer Braut, fragen Sie dieselbe nach der Prinzessin Sidonie von Birkenfeld … ich will wissen, wo sie ist, augenblicklich, Ihre Braut muß Kunde davon haben, eilen Sie!‘“

„Sagen Sie dem Grafen,“ versetzte Antonie, „die Prinzessin, meine hohe Gönnerin, weile, so viel ich wisse, an ihrem gewöhnlichen Aufenthaltsorte Darmstadt …“

„Aber weshalb setzt denn der Graf voraus, daß sie hier ist, daß Sie darum wissen, Antonie, Sie haben doch nicht am Ende …“

„Die Prinzessin gespielt? Ja, mein Freund, ich war so kühn! In Ihrem Mitleid mit dem leidenden Herzen der Freundin hatte die Prinzessin einen Plan ersonnen, den die Freundin auszuführen sich weigerte; ich übernahm ihn und in meinem Mitleid mit dem leidenden Herzen der Prinzessin setzte ich dem kleinen moralischen Lustspiel einen zweiten Act zu, worin noch Herder und Caroline, Graf Wilhelm von Schaumburg und Prinzessin Sidonie auftraten …“

„Um Gotteswillen,“ rief der Rittmeister erschrocken aus, „wenn das der Graf erfährt …“

„So muß er sich sagen, daß er selbst Regisseur des Stückes war, und darf nicht klagen, daß der Vorhang nicht eher fiel, oder besser, die Darstellerin der Hauptrolle nicht eher hinter den Coulissen verschwand, als bis das Stück zu Ende war. Und zu Ende ist es, kehren Sie zu Ihrem Gebieter zurück und sagen Sie ihm, von Prinzessin Sidonie wisse ich nichts, aber ich sei sehr glücklich durch seine Huld und sehe mit freudiger Spannung der Stunde entgegen, wo Seine Erlaucht sich die Gemahlin hochihres Rittmeisters Baron Fauriel werde vorstellen lassen. Er wird dann ein schüchternes, unter Theaterschminke verblühtes, überall gegen die Hofsitte verstoßendes Wesen an mir finden, das ihn nicht im Geringsten an Prinzessin Sidonie erinnern soll!“

Antonie lachte hell und fröhlich auf bei diesem Gedanken, während sie in das ein wenig verdutzte Mienenspiel ihres Geliebten blickte.

„Ich sehe,“ sagte sie, ihren Arm um seinen Nacken schlingend, „die Angst erfaßt Sie vor einem solchen Chamäleon von Mädchen, vor einem solchen rollenwechselnden Geschöpf; seien Sie ruhig, Geliebter, für Sie werde ich immer nur die eine Rolle des treuesten Weibes spielen.“

„Auch als Rolle?“ fragte der Rittmeister neckend.

„Nein, nein, keine auswendig gelernte Rolle, sondern mehr als Heldin der italienischen Komödie, die nur spricht, was Kopf und Herz im Augenblicke eingeben.“

„Also doch immer Komödie!“ rief der Rittmeister lächelnd aus.

„Ja, Freund, eine Komödie ist nun einmal das Leben. Seien Sie zufrieden, wenn es für Sie nie zum Trauerspiel wird! Und nun eilen Sie zu Sr. Erlaucht zurück, der ungeduldig Ihrer harren wird!“

Das that die Erlaucht in der That, und ihre Ungeduld steigerte sich zu zornigem Verdruß, als sie den Bericht des Rittmeisters vernommen, daß Demoiselle Sponheim nichts von der Prinzessin wisse, daß diese nicht in Eilsen sein könne. Er kam jetzt auf den Gedanken, daß Demoiselle Flachsland es gewesen, welche ihn mystificirt habe, und um es zu ergründen, um sich zu überzeugen, ob er Prinzessin Sidonie gesehen oder eine Andere, ließ er sofort Postpferde bestellen und reiste am andern Morgen nach Darmstadt ab.

Er kam nach acht Tagen zurück, wie er gegangen, unverlobt … er muß die wirkliche Prinzessin Sidonie nicht ganz der Vorstellung entsprechend gefunden haben, welche ihr persisch-mythisches Urbild in ihm erweckt hatte. Der Graf ist als Wittwer gestorben. Man weiß nicht, ob er je den Zusammenhang der Dinge erfahren; vielleicht hat Prinzessin Sidonie diesen Zusammenhang errathen und den Seelenfreund eingeweiht, denn so viel ist gewiß, Seine Erlaucht haben nie geruht, den Rittmeister Baron Fauriel aufzufordern, ihm seine Braut vorzustellen.