Das Todaustreiben – der weiße Mann

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Autor: Heinrich Gottlob Gräve
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Titel: Das Todaustreiben – der weiße Mann
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aus: Volkssagen und volksthümliche Denkmale der Lausitz, S. 50–54
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Erscheinungsdatum: 1839
Verlag: F. A. Reichel
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Erscheinungsort: Bautzen
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Quelle: MDZ München, Commons
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X. Das Todaustreiben – der weiße Mann.

Noch vor einigen sechzig Jahren wurde zu Budissin am Sonntage Oculi nach abgehaltenem Nachmittagsgottesdienste ein ordentliches Auto-da-fé auf dem Protschenberge über eine große, weißgekleidete Puppe von einer zahlreichen Schaar Knaben und Mädchen vor den Augen erwachsener Zuschauer gehalten, welche, nachdem man ihr alles Uebles und Böses angethan hatte, unter lautem Jubelgeschrei verbrannt wurde. Dieses hieß das Todaustreiben und ist in frühern Zeiten diese Puppe durch die ganze Stadt getragen worden.

An andern Orten (wie Schneider Chron. Lips. Lib. IV. Cap. 143 meldet) trugen die Slaven am 4ten Sonntage vor Fasten der Marzana (Marzawa) Todesgöttin und Zievonia (Dżjewana oder Dżjewnja) Göttin der Jagd, Bildniß an Stangen gesteckt, unter traurigen [51] Gesängen und kläglicher Stimme in Prozession herum und warfen es in’s Wasser.[1]

Einige wollten diesen Gebrauch von dem Februare agros der Römer herleiten, Andere hingegen halten es für eine aus dem Heidenthume der Wenden herstammende Sitte, zum Gedächtniß der Verstorbenen, indem ihr Abgott Flyns durch seine Todtengestalt die Sterblichkeit der Menschen, der auf der Schulter brüllende Löwe, die Erweckung aus dem Grabe und die lodernde Fackel die Unsterblichkeit der Seele andeutete, welche Idee – indem bekanntlich selbst die zum Christenthume übergetretenen Heiden sich lange nicht von den gewohnten Gebräuchen trennen konnten – aus dem Heidenthume eingeschmuggelt worden sey. Noch Andere aber behaupten, wie es eine bildliche Vorstellung der Entsagung aller heidnischen Sitten und Gewohnheiten gewesen wäre, wodurch man habe anzeigen wollen, wie man sich durch Vernichtung durch Feuer selbiger gänzlich begebe, alle Idole vernichten, den alten Adam aus- und einen neuen Menschen anzuziehen gesonnen sey. – Alles recht gut, aber nur nicht das Wahre, welches folgende Sage liefert.

[52] Lebte nicht lange nach Einführung des Christenthums ein Zauberer, Namens Draho,[2] welcher durchaus nicht die reine, wahre Lehre annehmen wollte. Dieser hatte sich auf dem jetzt mit Birken und Kiefern bewachsenen Berge, unweit des Dörfleins Teichnitz – welcher damals wahrscheinlich ein wilderes Ansehen haben mochte – angesiedelt und trieb daselbst zum Schauder und Entsetzen der Umgegend sein teuflisches Handwerk, Menschen, Vieh, Feldfrüchten und Obstgärten, wo er nur immer wußte und konnte, nicht geringen Schaden zufügend. Dem Arm der Gerechtigkeit sprach er Hohn, indem seine dienstbaren Geister ihm allemal Nachricht ertheilten, wenn man Etwas gegen ihn unternehmen wollte.

Hatte auch einen Diener, Banko genannt, den er in Teufelskünsten unterrichtete und an ihm einen gelehrigen Schüler fand. Weiß nicht, wie es gekommen, daß das Reich einstmals uneins und der Zauberlehrling von dem Meister derb gezüchtiget wurde, welches diesem so kränkte, daß er ihm ewige Rache schwur und der Obrigkeit zu überliefern beabsichtigte. Wohl bekannt war ihm jedoch, daß der Zauberer eine Pfeife, deren Ton die mächtigsten Geister bannte, besäße, welche er sich – es koste, was es wolle – anzueigenen vorsetzte. Hin begab er sich daher zur Obrigkeit, sich reuig und bußfertig stellend, zusichernd sich taufen zu lassen und den Teufelsmann unentgeldlich einzuliefern. [53] Da nun der Zauberer einstens nach reichlich genossenem Mahle und des vielen Meths in einem todtähnlichen Schlummer versunken war, machte sich Banko zum Eigenthümer des Instruments und dadurch zum Gebieter der mächtigsten Geister, die nun alle nach seiner Pfeife tanzen mußten. Augenblicklich wurde der Magistrat davon in Kenntniß gesetzt, welcher sofort Knechte mit Schwertern, Spießen und Stangen ausschickte, um den Herrn Urian zu fahen. Dieser, auf seine geheime Kunst pochend, blickte hohnlachend auf die Bewaffneten, sich schon im Geiste eine Freude vorspiegelnd, wie sie mit Schimpf und Spott würden abziehen müssen; doch, man denke sich seinen Schreck, als er seinen mächtigen Geisterbändiger vermißte und nun zu spät einsahe, daß nach dessem Verluste ihn die Geister von der bevorstehenden Gefahr nicht gewarnt hatten. In dieser Verlegenheit nahm er seine Zuflucht zu den untergeordneten Dämonen; allein auch diese waren nach Banko’s Befehl von den Obern entwaffnet worden, so, daß sich nun der Schwarzkünstler im eigentlichen Wortsinne verrathen und verkauft sahe.

Die Schergen fesselten ihn und vor Gericht gestellt ward er zum Flammentode verurtheilt.

In dem Sinne damaliger Zeiten wurde dieser Spruch sofort an ihm vollzogen und er in einem, mit abenteuerlichen Figuren bemalten Kleide, mit sammt seinem Apparate und der wundervollen Pfeife – die der in einen Christ umgekehrte Banko treugläubig übergeben hatte – in seiner Behausung verbrannt und seine Asche in die Luft gestreut.

[54] In besagter Tracht nun erscheint er in der Nacht an seinem Todestage am Vorabende vor dem Oculisonntage, wobei der Sturmwind auf der Pfeife accompagnirt.

Zur Erinnerung an seine Uebelthaten, theils aber auch aus Freude über seines Gehasi’s Bekehrung, wiederholte man daher am Oculisonntage diese Execution an einer ihm vorstellen sollenden Puppe.


  1. Destructum idolum seculo X. a Mislao s. Misco, Polonorum rege est. Cum enim maximam partem ad fidem tunc Christianam perducerentur, in desuetudinem haec superstitio abiit, ipsaque idola die VII. Martii ad annum Christi 965 dominica Laetare, jubente ac imperante Mislao, in cineres cremata partim, et in flumen praecipitata; partim ex altissimis locis dejecta, et nullis non contumeliis acta sunt. Mich. Frenzel de idol. Slauorum diss. III. in Hoffman. script. lus. T. II. pag. 82.
  2. Vielleicht gar ein Anverwandter der gottlosen Drahomira, welche – wie noch das auf dem Hradschin zu Prag befindliche Gemälde unwidersprechlich beweis’t – lebendig von der Erde verschlungen wurde.