Volkssagen und volksthümliche Denkmale der Lausitz

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Autor: Heinrich Gottlob Gräve
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Titel: Volkssagen und volksthümliche Denkmale der Lausitz
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Erscheinungsdatum: 1839
Verlag: F. A. Reichel
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[I]
Volkssagen
und
volksthümliche Denkmale
der
Lausitz


von
Heinrich Gottlob Gräve
Senator und Advocat in Kamenz, auch Mitglied der Oberlausitzer Gelehrten-Gesellschaft zu Görlitz.

Perge age, Tartareae mecum simul omnia noctis Musa sequi.
Val. Flaccus Argon.



Bautzen 1839.
Verlag von F. A. Reichel.


Inhalt.

Seite
Vorwort III
Einleitung 11
I. Der schwarze Hund 27
II. Die Landeskrone (Tmolus Lusatiae) 29
III. Der Schatz auf dem Oybin 33
IV. Der Feuerpuhtz 37
V. Das wandernde Stiefelpaar 38
VI. Die Wunderblume 41
VII. Der Mönch 44
VIII. Das kleine graue Männchen bei Kamenz 46
IX. Die Wehklage, wend. Boże Sedleschko 47
X. Das Todaustreiben – der weiße Mann 50
XI. Der Pan Dietrich 54
XII. Das Holzweibchen, wend. Pschipołonza oder Pschipołniza 56
XIII. Die Koboldkammer auf dem Cżornebog 57
XIV. Die Teufelsschmiede bei Friedersdorf an der Spree 61
XV. Die kostbaren Kegel 68
XVI. Die freigebigen Juden 70
XVII. Der Thronberg 71
XVIII. Das Alraunmännchen – Heinzelmännchen – Galgenmännlein 72
XIX. Die verbannten Bauernburschen 75
XX. Die beiden Zauberer 77
XXI. Der Frosch 79
XXII. Die Erscheinung 81
XXIII. Der Basilisk 82
XXIV. Martin Pumphut 83
XXV. Die Goldquelle 86
XXVI. Sybilski 88
XXVII. Das heilende Wasser 94
XXVIII. Das versunkene Schloß 94
XXIX. Der unruhige Geist 95
XXX. Der Wundervogel 95
XXXI. Der blutende Geist 97
XXXII. Die drei goldnen Kronen 98
XXXIII. Das Nachtessen 99
XXXIV. Der klingende Stein 103
XXXV. Die drei Kreuze 103
XXXVI. Der Schalkstein 104
XXXVII. Feensmännel – Heinchen – 105
XXXVIII. Der Teufelsstein 106
XXXIX. Der Zwerg 107
XL. Der Geldkeller 108
XLI. Tanz von Steinmännern 109
XLII. Dutschmann 110
XLIII. Der Nix 111
XLIV. Der Schatz in der Mönchskirche zu Budissin 112
XLV. Die Vampyre – Qualmenschen – Verdammte 113
XLVI. Das Silbergeschenk 114
XLVII. Mönch und Nonne 116
XLVIII. Das steinerne Kreuz zu Kommerau 119
XLIX. Der Heidut 120
L. Der Brunnen 122
LI. Beschreien – berufen – 123
LII. Der Teufelsgang 124
LIII. Der Pelzmann 125
LIV. Das Bergmännlein, der Wichtel, Unterirdische auf dem Hochwalde 130
LV. Der Holzmann 134
LVI. Der Schatz auf dem Hutberge 134
LVII. Der Nonnenkopf am gubener Rathhause 137
LVIII. Die Wechselbälge 138
LIX. Der Flynß 138
LX. Die weiße Dame 139
LXI. Die Luchsenburg 142
LXII. Der Teufelsberg 145
LXIII. Der Schatz im kirschauer Raubschlosse 145
LXIV. Der Leichenzug 149
LXV. Der Mordkeller 150
LXVI. Der Eichenbaum 161
LXVII. Das Kreuz am elstraer Wege 162
LXVIII. Das Kloster St. Marienstern 163
LXIX. Das Teufelswehr 164
LXX. Die Teufelsstube 166
LXXI. Die leuchtenden Flämmchen 167
LXXII. Die Kirche 168
LXXIII. Die achteckige Spitzsäule 168
LXXIV. Der rothe Görge 169
LXXV. Noch ein Schatz auf dem Protschenberge 171
LXXVI. Die Riesenkeule 172
LXXVII. Die Zwerghochzeit 174
LXXVIII. Das Kreuz am Wege zur Königsmühle bei Budissin 175
LXXIX. Die böse Frau (wend. ta sła żona) 175
LXXX. Des Teufels Ruhebank 176
LXXXI. Das Militairgespenst 177
LXXXII. Der Goldvogel 178
LXXXIII. Die Heinenhäuser 179
LXXXIV. Der Becher 180
LXXXV. Das Todsehen 183
LXXXVI. Das Weihnachtsgeschenk 184
LXXXVII. Die gewonnene Wette, oder der weiße Stein 186
LXXXVIII. Der Kopf des Verräthers 188
LXXXIX. Der Ameisenberg 189
XC. Der Keuler 190
XCI. Der Währwolf 192
XCII. Das Kreuz bei Schwosdorf 192
XCIII. Der Feuermann 193
XCIV. Der Teufel, als Kleidermachermeister 194
XCV. Der Kochjunge 194
XCVI. Der einsame Stein 195
XCVII. Die Zwerge 196
XCVIII. Der Teufelskeller 197
XCIX. Der kopflose Fuhrmann 197
C. Der Krystallsarg 204


[III]
Vorwort.

So manche Feldblume, weder von anziehender Gestalt, noch würzig anlockendem Geruch, entblüht dem grasigen Raine und entblättert ungesehen, indem der Blumenfreund nur diejenigen, die entweder durch Farbe, Geruch, oder durch das Fremdartige ihren Empfehlungsbrief vorzeigen, in seinen Garten verpflanzt, oder in Blumenscherben pflegt, indeß der fleißige, aufmerksame Gewächskundige sie zur Vervollständigung des Ganzen sorgsam sammelt, trocknet und seinem lebenden Kräuterbuche einverleibt, oder einmal ein heiterer, sorgloser Knabe, dem Lilien, Rosen und andere angenehm duftende, oder durch Gestalt entzückende Blumen mangeln, diesen unbeachteten Kindern Flora’s seine Aufmerksamkeit schenkt, und sie zu einem Kranz windet, um die ernste Stirn des geliebten Vaters damit zum Geburtstage zu schmücken. Nicht [IV] weniger lieb wird daher dem Erzeuger diese kleine Mühwaltung erscheinen, als wenn des guten Sohnes Rechte ihm ein murrhinisches Gefäß mit Enna’s duftenden Schatz weihte, indem er dabei gewiß denkt: Daß gesalzenes Mehl diejenigen, denen Weihrauch mangelt, opfern.

Eben so würdig einer Aufnahme schienen auch mir gegenwärtige Volkssagen und Denkmale zu seyn, wo von Erstern schon manche verklungen und über Letztere man keine Auskunft zu geben vermag – mögen sie auch immer gelehrte und gescheute Leute für abgeschmackt halten; so betrachtet sie doch ein Anderer, der in ihnen so manche geschichtliche Wahrheit erblickt, aus einem günstigern Gesichtspunkte, ja – wäre auch selbst dieses nicht der Fall – so gewähren sie wenigstens einen Hinblick auf den Charakter und die Begriffe unserer Vorfahren und beleuchten so manches Dunkle aus der Vorwelt.

Hielt es der liebenswürdige Musäus, die wackern Gebrüder Grimm, der geniale Bechstein, der lebhafte Widar Ziehnert, selbst der ernste Büsching u. a. m. nicht unter ihrer Würde in dem Sagen- und Mährchenschatz herumzukramen, so dächte ich, brauchte sich auch ein Anderer nicht zu [V] schämen und nicht seiner Landsleute Stirnrunzeln befürchten, wenn er sie mit dem, was ihre Altvordern in der Provinz, – die noch keine Sagensammlung besitzt, – bekannt zu machen beabsichtigt.

Wenn aber auch selbst dieses nicht beachtet werden sollte, so versetzen uns doch wenigstens dergleichen Erzählungen in die schuldlosen Jahre der Kindheit, führen uns auf die Plätze, wo wir in der blühenden Natur, auf Triften und in Hainen bei des Frühlingsbeginn, bei der Ruhe an schwülen Sommertagen im wohlthätigen Schatten, bei’m Obstlesen im fruchtreichen Herbst, oder bei schneestürmenden Nächten in trüben Wintertagen, in der rusigen Bauernstube am flackernden Kamin, aufmerksam diesen Mähren horchten und sich feuerhauchende Drachen, scheußliche Lindwürmer, wie andre befiederte, beschuppte, wolletragende, oder beborstete Ungeheuer, Riesen, Zwerge, Feen und Zauberer, Erscheinungen, Geister und Gespenster, unserer Phantasie zeigten und sich lebhaft vor unsere Augen stellten.

Anlangend aber die Denkmale, welche an irgend ein alterthümliches Ereigniß erinnern, so rütteln sie nicht selten den Forschergeist aus dem Schlafe, [VI] geben uns Gelegenheit genauer nachzuforschen und leiten vielleicht auf einen nicht unbedeutenden geschichtlichen Gegenstand. – Denn führte nicht das zufällige Herabfallen einer Eichel auf den Kopf jenes großen Mathematikers, der unter der Eiche saß, ihn auf die Entwickelung der Körperstrebung zum Mittelpunkte? –

Welchen reichlichen Sagenschatz würden wir nicht besitzen, wenn unsere Vorfahren – wie alle Naturkinder dem treuen Gedächtnisse trauend – dieses weniger gethan, und ihre Nachkommen im vierzehenten und fünfzehenten Jahrhundert – wo Schreibekunst Fortschritte gemacht und Buchdruckerei erfunden worden, selbige zu sammeln, die Mühe lohnend gehalten hätten? Wie würde dadurch das Studium der vaterländischen Geschichte seyn erleichtert, so Manches aus dem Dunkel zu Tage gefördert, so mancher Zweifel gelöset worden seyn und welche richtige und untrügliche Ansicht von Denkart, Sitten und volksthümlichen Gebräuchen unserer Vorfahren, wäre uns nicht geworden? In jener gedachten Epoche nun war es die schicklichste Zeit, diese Volkssagen zu sammeln, weil an Verfälschung und Ausschmückung derselben, bei der damaligen einfachen, schlichten Ausbildung, [VII] nicht zu denken war, wohl aber das reine, kräftige Volksthümliche unverändert in seiner wahren Gestalt uns erhalten worden seyn würde; ja! nicht blos dieses, sondern auch unsre Dichtkunst würde dadurch kein nutzloses, unkörniges Geschenk erhalten haben, indem ja der epische Grund volksthümlicher Dichtung dem durch die ganze Natur in mannigfachen Abstufungen sich verbreitenden Grün, welches sättigt und sänftigt, ohne jedoch zu ermüden, gleicht.

Die Oberlausitz hat wegen ihrer Lage schon dasjenige mit gebirgigen Ländern gemein, daß sie – wie z. B. Schottland und andere Hochländer – so wie ihre Kleidung, alte Sitten und Ueberlieferungen, länger und besser, als die Niederungen aufbewahrt. Die Abwechselungen, welche diese Provinz unter ihren Herrschern erfuhr, – ich will keinesweges der im Dunkel und Ungewißheit mit Fabeln durchwebten Geschichte der alten, grauen Vorzeit gedenken, sondern blos auf die Sorbenwenden, jenes Urvolk, aufmerksam machen, deren Einfällen der Thüringer Radulf i. J. 633 Grenzen setzte – indem sie bekanntlich bald unter meißner, polnische, böhmische, brandenburger, österreichische und endlich sächsische Hoheit kam, welcher Wechsel [VIII] schon hinlänglich für die Menge und Mannigfaltigkeit der dasigen Sagen bürgt, indem von jedem Volke etwas von dessen Sitten und Gebräuchen, Denk- und Handlungsweise, Religion und Aberglauben übrig geblieben ist; denn so wie dem vom mütterlichen in einen andern Boden verpflanzten Gewächse immer noch heimische Erde an der Wurzel hangt, so wird auch die hier und dort vorkommende Aehnlichkeit lausitzer Volkssagen und Mährchen mit den aus gedachten Ländern, sich erklären lassen.

Die Art und Weise, wie ich gesammelt habe, ist die, daß ich blos – so wie ich die Erzählung empfangen, – wiedergegeben habe und nichts, als die Styleinkleidung – mit Ausnahme dessen, was ich dem bereits Gedruckten entnommen – in der Maße, wie ich es rein und wahr erhalten zu haben glaube, auftische. Sehr leicht hätt’ ich mir ja den Anstrich eines recht mühsamen Forschers geben können, wenn ich z. B. bei der Sage vom Kochjungen die Zeit der polnischen Herrschaft angenommen, bei’m Mordkeller, so wie bei’m Krystallsarge ein verloschenes adeliches Geschlecht – damit ich keine Ehrensache zu befürchten gehabt – namhaft gemacht und den Wundervogel für einen brandenburgischen Prinzen etc. ausgegeben hätte etc. Allein, [IX] dieß war nicht mein Wille; indem ich durch Abfeilung oder Hinzusetzung – gleichviel, ob wahr oder falsch – das Volksthümliche gestört und Lüge für Wahrheit gegeben haben würde. Also, um noch einmal es zu sagen: „Ich habe erzählt, wie ich es vernommen, ohne durch Verbesserungen Anachronismen zu heben, oder durch Erdichtungen zu unterhalten und das Werk dickleibiger zu machen.“

Hier – da ich keine authentische Geschichte, kein Werk, von dessen strenger Wahrheit Krieg oder Friede eines Staats, Glück oder Unglück eines Individuums abhangt, schrieb – bedurfte es wohl nicht Nachweisungen auf alte Schriftsteller, nicht kühne gewagte Vermuthungen, und nicht anmaßendes Absprechen über diesen oder jenen Vorwurf. Ich schmeichle mir, daß nicht anders, als wie ich hierbei verfahren, verfahren werden mußte und daß es ganz hier am unrechten Orte gewesen wäre, wenn ich – selbst, wenn ich gekonnt – hier den Hochgelahrten hätte spielen wollen.

Ich glaube daher, daß, da ich – so viel mir bekannt – der Erste bin, welcher eine so viel als möglich vollständige Sammlung von denen in [X] Lusatiens Gauen herrschenden, noch übrig gebliebenen Volkssagen und Denkmalen an’s Licht treten lasse; (und indem ich hiermit nochmals jeden vaterländischen Alterthumsfreund um gütige Mittheilung der in seinem Bereiche im Schwunge gehenden Volkssagen – und vorhandenen Denkmale ergebenst ersuche) ich wohl dieses Werk nachsichtsvollen Augen und liebevollen Händen zu übergeben, zutrauungsvoll hoffen darf.

Derjenigen Tafel aber, welche – wie bei manchem Feinschmecker – nur mit leckern und kostspieligen Speisen besetzt wird, dieser kann allerdings rein, gesunde Hausmannskost nur Ueberdruß gewähren, daher ich nicht wünsche, damit nicht zu belästigen.

Kamenz, im Jänner 1839.

H. G. Gräve.


[11]
Einleitung.

Der auf der Bildung untersten Stufe sich befindende Naturmensch merkte doch trotz dem Gefühl seiner Körpergesundheit und Kraft, daß er demungeachtet zu schwach sey, sich zu leiten, und sah wohl ein, wie noch über ihm Wesen walteten – denn einem Einzigen traute er seinen beschränkten, unzureichenden Begriffen zu Folge nicht das Allumfassende, nicht die regelmäßige Ordnung in dem Weltall zu – die stärker und mächtiger als er seyn mußten, die über das Ganze herrschten und selbst seine Handlungen leiteten und führten, ihn und die Seinigen beschützten und seine Hab’ und Vermögen schirmten.

Die Klügsten unter ihnen, deren Geistesfähigkeiten oder größere Wohlhabenheit sie über die Uebrigen erhob, benutzten diese Ueberlegenheit, ihre Mitbürger nach ihrem Willen zu gängeln, schufen daher Götter, mit deren Zorn und Strafe sie den Uebermüthigen drohten, den Schmiegsamen aber irdische Güther und Wohlseyn im Namen der Gottheit zusicherten und sie so handeln ließen, wie sie gehandelt haben würden, wenn sie höhere Wesen gewesen wären. Mit vollem Recht sagt daher jener Weise: „Die Götter sind, wie das Volk, das Volk, wie die Götter!“

[12] Je üppiger die umgebende Natur bei einem Volke war, desto lebhafter war seine Phantasie, die sich um so mehr Gottheiten schuf, welchen sie wiederum andere unterordnete, indem ja schon in der sublunarischen Welt vornehme Herren ihre Diener haben, die jener Willensmeinung den Erdensöhnen verkünden, Arme und Leidende unterstützen und die Verstockten bestrafen. Ja, wie in der wirklichen Welt man sich auch nicht gerade zu an den Herrscher, sondern an seine Diener wendet, die das Anliegen zum Ohr des Herrn gelangen lassen, eben so wendete man sich bei religiösen Angelegenheiten an die Untergottheiten oder dienstbaren Geister. Man schuf, da nach der Ansicht der Philosophen der Mensch zwei Naturen, eine gute und böse hat – auch gute und böse Gottheiten, zur Belohnung des Guten und Bestrafung des Bösen, welche wiederum ihre Diener, als Willensvollstrecker ihrer Befehle hatten. Je lebenslustiger, je gesellschaftlicher ein Volk war, destomehr Gottheiten und göttliche Wesen schuf seine Phantasie. Der Mensch liebte es nicht allein zu seyn; daher ahnete er überall, in der ihn umgebenden Natur, überirdische Geschöpfe, die – wie gedacht – ihn leiteten, führten, schützten, verführten oder schadeten. Um ihn, den Menschen her, lebte und webte Alles. Erde, Wald und Fluß, Berg, Thal, Baum und Strauch hatten ihre Gottheiten, was über und unter der Erde war, seine geistige Bewohner. Die Natur, indem sie mehr oder weniger auf die Phantasie wirkte und selbige erregte, hatte auf die Geisterwelt ihren Einfluß. Ein vom Sturm durchbraußter, ehrwürdiger Eichenwald rief in dem Menschen ernste Gedanken hervor, [13] indem er darin ein höheres Wesen ahnete, welches seine Handlungen beobachte; in dem vom rollenden Donner begleiteten Blitz, wähnte er der Gottheit Zorn zu vernehmen, die ihm wegen verzögerter Besserung zu bestrafen drohe. Der über Felsmassen mit wildem Tosen herabstürzende Bergstrom verkündete ihm einen unbändigen Wasserherrscher, in den aus Strömen, Seen und Wiesen in mancherlei Gestalten aufsteigenden Nebeln erblickte er Nixe und Elfen, die um Sümpfe gaukelnden Irrlichter schienen ihm neckende Tückebolde; Sternschnupfen und andere feurige Lufterscheinungen hielt er für Mondmenschen und Zwerge, für von bösen Zauberern verwünschte, vernünftige Geschöpfe, die das ihnen geschehene Unrecht Andern entgelten zu lassen sich bemühten. In dem von ihm göttlich verehrten Fliederbaum (sambucus) – der von ihm wegen seiner auf den thierischen Körper wohlthätig wirkenden Blätter, Blüthen, Beeren und Markes geschätzt wurde, erblickte er die Wohnung des Beschützers der Haine und die Kraft des Wachholders (juniperus communis) dünkte ihm von einer darin wohnenden Gottheit auszuströmen.[1] Ein duftender [14] Birkenhain mit seiner weißen Rinde, lieblich glänzenden Blättern und reinigenden Saft, war ihm der Aufenthalt der Lebensgöttin und mit lieblichen Blumen bunt ausgeschmückte Wiesen der Wohnsitz wohlthätiger Feen, den des Tages Stunden freundlich umgaukelten.

Bei ihnen gab es, wie bei den Griechen und Römern, einen Gott der Reichthümer: Pilvit, (Bohastwo) der geringere Geister unter sich hatte, die der Erde Schätze bewachten, eine Göttin des Lebens Siwa, Swantwitz, Radigast, Gottheiten des Kriegs, Vith, Gott der Rache, Porevith, Gott der Beute und Beschützer der im Kriege unterdrückten, Provo, der Gerechtigkeit Gott, Poremuth, der Ungeborenen (Embryonen) Gottheit, Slota Baba (kostbarer als Gold) Göttin der Hebammen, Ciza, der Säugenden Schützerin, Potrimpo, des menschlichen Nothbedarfs Helfer, Occopirno, Lenker des Blitzes, Perkun, Herr des Donners und Blitzes, Perdoito, Gott der Winde, Podaga, Göttin der reinen Luft, wodurch Seuchen hinweggeweht werden, Jutrebog, Gott der Morgenröthe, Schwaixtixio (Zviczio), Gott des Feuers und Lichts, Zievonia (Dziewana oder Dziewnia), Göttin der Jagd, Vorskaito und Schwaibrato, Gott des Viehs, Antympo, Gott der Quellen, Flüsse und Seen, Pergubrio, der Früchte und Aernte Gott, Curcho die Gottheit, welche Jedem das ihm Gebührende ertheilt (rex Jupiter omnibus idem), Hennilo, der Bewacher des menschlichen Eigenthums (excubitor), [15] Trigla, Göttin der Pole, des Salzes und der Sonne, Puscet, Beschützer der heil. Haine, Zuttiber, Holzgötze, Püstrich, der die Gottesdienst-Verächter bestraft, Pikoll[2], Gott der Unterwelt, Ausweit, Gott der Kranken und Gesunden, Flynß, der Erwecker der Todten, Czernebog, Gott der Bösen, der Teufel.[3]

Ihnen folgte das Heer der untergeordneten Götter (dii minorum gentium), Dämonen, Genien, dienstbare Geister (Engel, diaconi, apostoli), welche von Teutschen und Wenden – wenn schon nicht gleich den wirklichen Göttern – doch, wie bei den Griechen und Römern, gleich den Hausgötzen (lares, penates, lemures) – theils gefürchtet, theils verehrt, gehegt, gefüttert und verpflegt wurden.

Man glaubte von letztern sich auf allen Schritten und Tritten begleitet, hielt sie für Schirmer gegen des Teufels Trug und List, wie gegen der Menschen Bosheit und Ränke, sah sie, als Beistand im Treffen, als Wächter im Lager gegen die Feinde an, man war versichert, daß sie sich über ein ordentliches Leben ihrer Schützlinge freuten, ihnen Linderung auf dem Krankenlager verschafften, den Todesschweiß vom Gesichte trockneten und nach dem Tode [16] die Seele in die Wohnungen der Seligen führten.[4] Von ihnen nennt man die Barstukken (von Barstuk, gleichsam Prestak von Prosty, aufrecht, weil sie aufrecht, bereit den Wink der Gottheit und den Wunsch des Menschen zu erfüllen, dastehen) und Markopeten (von Mrok, die Dämmerung und pece oder peze, die Fürsorge, weil sie im Zweilicht die Geschäfte besorgten und die Menschen bei Nacht bewachten). Ihnen wurde Abends in der Scheure auf einem gedeckten Tische Butter, Brot, Käse und Bier aufgetragen, sie zu Tische geladen und wenn am folgenden Morgen die Geber das Aufgetragene ganz oder zum Theil verzehrt fanden, so folgerten sie daraus Glück und Segen für ihr Hauswesen, und die Speisengattung, wovon am meisten genossen war, wurde in größerm Maaße wiederum aufgesetzt. Wenn aber die Speisen unberührt geblieben waren, so überfiel den Hausbesitzer ein Bangen, indem er Unglück für sein Hauswesen befürchtete. Wo diese Dämonen weilen, tragen sie in der Nacht Holzspähne zusammen und legen Koth von verschiedenen Thieren in die Milchgelten. Merkt dieses der Hausbesitzer, so läßt er die Holzspähne unberührt und speist mit den Seinigen die vom Koth ungereinigte Milch, wodurch die Geister versöhnt werden und ihm treu verbleiben. Eine andere Art Geister, die vorzüglich bei den Wenden in Ansehen standen, sind die Kobolde (Koltki), welche wiederum in gute und böse zerfallen. Letztere werden verfolgt, gefangen und getödtet, Erstere mit Speis’ und Trank erquickt werden, wofür sie [17] ihren Wohlthätern Getreide, das sie aus den Speichern Anderer nehmen, bringen. Kranke, denen sie wohlwollen, beschenken sie in Vollmondsnächten mit Früchten, die sie denen, so ihnen nichts gegeben haben, stehlen. – In diese Kategorie sind auch die Mittagsmännchen zu stellen.[5]

Der Vollständigkeit wegen mögen hier die kleinen und Spuckgeister, Geister, wie sie Prätorius[6] angiebt, die Heerschau passiren, als da sind: Irrwische, Kobolde, Korn- und Mittagsmännchen, Alpe oder Mahre, Vampire, Hausunken, Glücksmännchen, Schrötel, Bergmännchen, Wichtel, Unterirdische, chemische Menschen, Wettermännchen, Moosweibchen, Trollen, Drachenkinder, Elben, erbildete Menschen, Säulleute, Feuermänner, Tückebolde, gestorbene Leute, wilde Jäger, wüthendes Heer, Hausmänner, Gürgen, indianische Abenteuer, Kühlkröpfe, Wechselbälge, Luft- und Windmenschen, Mondleute, Seleniten, Nixe, Sirenen, oceanische oder Seemänner, Qualmenschen, Verdammte, Pflanzleute, Alraunen, Riesen, Hühnen, Thierleute, bestialische Wehrwölfe, Steinmänner, verwünschte Leute, Satirs, Zwerge, Dünten, Lutki, Däumlinge, Liliputaner und Querxe. Selbst Götter von andern Völkern, die mit ungebildetern in einiger Berührung standen, wurden von Letztern als Götzen angenommen und allenfalls die Namen verändert, – wie aus der Bibel hin und wieder erhellt – oder gebildetere Regionen [18] brachten sie zu Letztern und unterrichteten sie von ihrem Werthe und Eigenschaften.[7]

Aus diesem nur oberflächlich Aufgestellten ersieht man nun wohl, daß die Dämonologie der Teutschen und der von ihnen besiegten Wenden eben so reichhaltig – wenn gleich nicht so ansprechend und freundlich – wie die der Griechen und Römer war, und daß jener Phantasie ebenfalls Götter und Geister nach ihren Begriffen sich schuf, oder wenigstens die von andern Völkern entlehnten, nach ihrem Geiste ummodelte. Da – wie bemerkt wird – sich in den Göttern der Volkscharakter ausspricht, so erblicken wir hier natürliche Gutmüthigkeit, so wie Strenge, Rachsucht und Ingrimm bei erfahrenen Beleidigungen. Gütig und wohlthätig gegen die Gehorsamen, sträflich und unerbittlich streng gegen die Bösen und Halsstarrigen, zeigt sich hier die Gottheit, in dem eben so der reine und unverdorbene Mensch handelt. – Um zu erfahren, ob es mit der Reue und Besserung ernst sey, gab es Geister, welche die Menschen zu necken und irrezuleiten suchten; folgten sie diesen Lockungen, so war es ihr Nachtheil; beharrten sie aber beim Guten, so ward ihnen schöner Lohn. Wohlthätige Dämonen sandte die Gottheit um die Sterblichen vor Gefahren zu schützen, den Thätigen und Arbeitsamen wurden Wohlthaten zu Theil und belohnt ihre Anstrengungen [19] und Mühen. Gute Geister bewachten die unter der Erde ruhenden Schätze, willig den Guten und Bedürftigen ihre milde Hand öffnend, den bösen Geistern mußten sie durch Zauberformeln und andere Mühwaltungen entrissen werden, um darzuthun, daß der Sterbliche nichts ohne Anstrengung erlangen könne und er sich der Weisheit befleißigen solle.

Wird es übrigens nun wohl Einen Wunder nehmen, wenn der unwissende, rohe Naturmensch – da er sich überall von größern, mächtigeren Wesen, als er selbst ist, umgeben sieht – Erscheinungen, deren Ursachen ihm unbekannt sind, Geistern zuschreibt und diesen Wesen nach seinen Begriffen Eigenschaften beilegt, wodurch sie dieß und das – was er sich nicht zu erklären vermag, – bewirken? – Er erspart dabei das Nachgrübeln und ist ohne Mühe am Ziele.

Daher nun schreiben sich die meisten Sagen. Ihre reichhaltigste Erzeugerin ist das Mittelalter, wo noch so zu sagen das Heidenthum mit dem Christenthume rang. Erblickte man daher z. B. einen künstlichen Thurm, eine prachtvolle Kirche, oder sonst ein anderes Meisterwerk, dessen Erblicken Staunen und Bewunderung erregte, und da man eignen Kräften es nicht zutraute, ein ähnliches auszuführen; so hatte es entweder der Teufel selbst, oder irgend ein Meister oder Geselle, der mit dem Schwarzen einen Bund geschlossen, gefertiget. So bekam der Aberglaube reichliche Nahrung und vervielfältigte sich gleich einer schädlichen Pflanze in fruchtbarem Boden.

Der Teufel (bekanntlich Czornebog bei den Wenden genannt) spielte also nebst seinen Vasallen eine bedeutende [20] Rolle, denn diesen bildete man sich als der bösen Geister Mächtigsten und der am meisten schaden könne und wolle. Er war des Bösen Urquell, den man fürchtete, und – damit er nicht schadete – verehrte und opferte man ihm. Traf Mißwachs die Fluren, zerschellte Hagelschlag die Früchte, wurde durch giftigen Mehlthau das Obst verderbt, schlug die Weinlese fehl, verheerten Heuschrecken oder andres Ungeziefer die Felder, rafften Seuchen die Menschen dahin; so war es der Böse, der es gethan hatte, und während man den bösen Gott zu besänftigen sich bemühte, ließ den guten Göttern der schwache Mensch durch Abbruch an Opfern empfinden, daß sie es nicht verhindert hatten, ja die Hausgötzen wurden dafür bestraft und sogar nicht selten hart gezüchtiget. Also auch hier wieder ein Beweis, daß der Mensch seine Götter nach sich selbst beurtheilte und wie im Erdenleben dem Mächtigen – weil er schaden kann, – dort durch Gebethauch und Opfersteuern zu beschwichtigen wähnte, hier wie ein Wurm sich im Staube wälzte, und die er im unschuldigen Verdacht, ob dem, was ihm widerfahren, hatte, mißhandelte. Nicht wenig trugen auch ferner nach Einführung des Christenthums manche Mönche dazu bei, den Aberglauben zu begünstigen und die Ideen von geistigen, gespenstischen Wesen, die Einfluß auf den Menschen hätten, auf dem Erdballe herumwallten und Alles, was Gutes und Böses in Häusern, wie in der Natur sich ereigne, erzeugten, zu erhalten, indem sie sich dabei recht wohl befanden, da sie Schwächlingen glauben machten, daß jene Geister nur durch Beschwörungen, Räuchern, Exorzisiren u. dgl. zu bannen und [21] zu beschwichtigen wären, wodurch sich ihre Beutel und Bäuche trefflich füllten. Ihre treuen – zwar unprivilegirten – Helfershelfer waren die Astrologen, Nekromanten, Traumdeuter, Krystallkugelbesitzer, Chiromanten, Schatzgräber, Theosophen und nach Erfindung der Spielkarten und Einführung des levantischen Tranks, die Kartenschläger und Kaffeegießerinnen, so wie ihnen ähnliches Gesindel, welches treufleißig Kohlen herbeitrug, um durch Rauch und Dampf des Aberglaubens stinkenden Nebel noch zu verdicken; und so traten denn immer neue Erzählungen von überirdischen unbegreiflichen Gegenständen in’s Leben und alte, von fremden Völkern entlehnte Mährchen und Ueberlieferungen wurden wiederum aufgewärmt, mit Zusätzen verbrämt und auf teutschen Grund und Boden verpflanzt. Da, wo sonst den Göttern geweihte Haine gestanden hatten, erblickte man nun hier und dort Kapellen und Kirchen; allein mit dem Taufwasser, geweihten Kerzen, Glockenschmalze, Weihwasser, Glockensträngen, heiligem Oel u. a. d. wurde eben so viel Unfug und Aberglauben getrieben, als ehemals mit dem heiligen Holze und in den geweihten Wäldern wachsenden Wurzeln. Nur der Name, nicht die Sache, blos die Form, hatte sich geändert. Aber auch in den spätern Zeiten, wo schon die Aufklärung ihre Fackel geschwungen, Philosophie und eine nüchterne Ueberlegung in die Höhlen des Aberglaubens gedrungen war, – war, und ist vielleicht noch nicht, das alte Weib – wie Dryden sagt – aus dem Herz gerissen, indem beim Krähen einer Henne, Heulen eines Hundes, Schreien des Leichhuhns, Zusammenschlagen der [22] Glocken u. s. w. immer ein unangenehmes Ereigniß befürchtet wird. – Kurz, man spottet Tags des Teufels und der Geister, die man beide bei Nacht fürchtet. Noch herrscht der Aberglaube und das Vertrauen auf unmittelbare Einwirkung der Geister und Dämonen beim Bleigießen am Weihnachtsabende, Holzscheitchen raffen, Brunnengucken, Krystallsehen, Fensterladenklopfen, Schuhwerfen, Kirchthürhorchen u. s. w. am Andreas-, Neujahr-, St. Veit- und Johannisabende.

Manche der Geister treiben sogar am hellen Tage ihr Wesen, andre hingegen spuken nur bei Nacht, schalten und walten bei’m Mondlicht und begeben sich bei’m Hahnenruf oder Anbruch der Morgenröthe wieder in ihre Schlupfwinkel.[8]

So gingen nun aus dem Heidenthume die Begriffe in’s Christenthum über und wurden – weil sich der Mensch [23] nur schwer von dem, woran er einmal gewöhnt ist, trennt, – beibehalten und von den Schwachen geglaubt, indem auch der kenntnißlose Christ dasjenige, was er sich nicht zu erklären vermochte, übernatürlichen Kräften und überirdischen Wesen zuschrieb und vielleicht noch zuschreibt.

Doch eine Götterlehre hier zu liefern, ist nicht meine Absicht gewesen; Jeder, welcher darüber mehr zu wissen verlangt, wird in den von mir angezeigten Schriften hinlängliche Auskunft finden. Man verzeihe mir daher gütigst diese Abschweifung, nach welcher ich zu meinem Vorwurf wiederum zurückkehre.

Sagen und Mährchen also, deren Entstehung so eben angegebene Gründe hervorbrachten, waren bei allen Völkern – gleichviel, ob gebildet oder ungebildet – vom aufgeklärten Griechen bis zum rohen Karaiben, beim schlichten, ruhigen Feldbebauer, wie beim furchtlosen Seemann gleich beliebt, gleich geachtet, indem sie – wie mehreremalen bemerkt – den Charakter des Landes, des Elements und des Volks trugen. Dort reden Thiere, singen Blumen, sprechen Steine u. s. w., indeß hier diese Gegenstände größtentheils stumm sind, jedoch, wie auf dem Theater die Statisten, ebenfalls eine Rolle spielen. Da sind wohlthätige, gut gesinnte Menschen, freigebige Feen, großmüthige Magier, hier böse Zauberer, trügerische Nixen, neckende Gnomen und wohl gar Satanas in hocheigener Person; dort ist das Streben nach Kenntnissen, Klugheit und Weisheit, hier das Angeln nach Reichthümern und geheimen Künsten sichtbar.

[24] Vor der Bekanntschaft mit Schriftzügen, ja selbst nach Erfindung der Buchdruckerkunst gingen vom Mund zu Mund diese Sagen umher und nur erst spät ließen sie Männer durch Druck an’s Licht treten.[9]

Ernster, als bei andern Nationen, erscheint schon die Dämonologie bei den Teutschen, ja, nicht selten sogar furchtbar, bei den Sorben. Ist gleich, wie bei andern Völkern, auch bei ihnen die ganze Natur belebt; so hat sie doch nicht jene lachende, heitere Seite, wie bei den Griechen – selbst bei den Römern ist sie finsterer. – Gleich den aus ihren Morästen aufsteigenden Dämpfen, ähnlich dem ihre Urwälder umhüllenden Dunkel, wallen im Nebelgewande ihre Geister hervor, selbst die wohlthätigen haben kein reizendes Aeußeres. Rauh und schroff, wie die Felsen des Landes, sind der Wenden Dämonen, nicht melodisch murmeln die Quellen, sondern wild brausen sie über Steinwacken einher, Baumstämme und Felsstücken mit sich fortrollend und nur selten kühlen Westwinde die Flur, welche öfters durch Sturm, Windsbraut, Donner [25] und Blitz erschüttert wird.[10] Nicht, wie bei den Griechen und Römern, oder in den spätern Zeiten bei den Indiern, stiegen der Teutschen oder der Wenden Götter (denn nur selten fallen deren Erscheinungen auf der Erde bei den Teutschen – bei den Wenden niemals vor) vom Himmel herab und machen Gemeinschaft mit den Sterblichen, am allerwenigsten treiben sie dergleichen Unfertigkeiten auf Erden, wie der leichtfertigen Hellenen Götter. Denn, wie die Teutschen die höchste Meinung und Achtung für ihre Herrscher hatten,[11] so war selbige noch größer bei den Wenden, daher hielten sie ihre Götter zu erhaben und zu ehrwürdig, als daß sie selbige zu Dienstleistungen herabgewürdiget haben sollten, nur daß sie bei Schlachten gegenwärtig wären[12] und auf feurigen Blitzen, oder in einem Sturmwinde zur Erde herabstiegen oder sich auf dunkeln Wolken wiegend, dem Kampf mit Wohlgefallen zusähen, war vester und zuversichtlicher Glaube.

[26] Im Ganzen aber enthalten diese Volkssagen immer eine Lehre und Warnung, indem sie entweder den Teufel, (d. i. das Böse, was wir fliehen sollen), wie er die Menschen zu umgarnen und zu verderben strebt, aufstellen, wie von guten Gottheiten gute Menschen belohnt und böse bestraft werden, wie Arme Glücksgüther erwerben und Reiche solche verlieren, wie man sich vor Lastern hüten und der Tugend nachjagen soll, andeuten, und endlich lassen sie uns in einem Spiegel ein unverwischtes Bild von der Anschauungs- und Auffassungsgabe, Religion, Charakter, Denk- und Handlungsweise unserer Vorfahren und jener alten, oft zur Ungebühr gepriesenen Zeiten, erblicken, wobei denn wohl Mancher der Jetztwelt ihr Dichten und Trachten nach Güthererwerbung oben angestellt finden wird, doch – raunt hier ein Alraune ihm heimlich in’s Ohr: „daß er dieserwegen nicht mit stolzem Kopfschütteln auf seine biedern Altvordern herabblicken, sondern in seinen eigenen Busen fühlen solle.“


  1. Der Hollunder, Flieder (wend. Bos), Puscet – der Hain-Götze, welcher unter einem Fliederbaume verehrt wurde (Puschwitz). – Der Machandelbaum, d. i. der Leben verleihende, verjüngende – Kranaweds, Kronaweds-Strauch – Wachholder-Strauch. – Diese beide Art Bäume wurden, wie schon angeführt, hoch gehalten und eben so, wie von den Aegyptiern Zwiebeln, Kohl und Knoblauch verehrt, so daß von Letztern der freimüthige Juvenal sagt:

    O heilige Völker, bei den die Götter wachsen in Gärten.

    Doch reiht sich an erstere eine etwas melancholische Idee; indem der Hollunder einschläfert und der Wachholder durch sein finstres Grün und verletzende Stacheln eben nicht anlockt. – Aehnlich dem finstern Charakter derer, die sie verehrten.
  2. S. Pusterus, vetus Germanorum idolum praes. Webero censurae subjicit Joh. Phil. Christ. Staudius Giesae 1717.
  3. S. Mich. Frencelii dtss. III. de idol. Slavorum et Abrah. Frencelii de diis Sorabor. aliorumque Slavorum, in Hoffmanni script. rer. Lus. p. 63. seqq. Lips. et Budissae 1719. in Fol. Daß übrigens viel Aehnlichkeit der Götter der Wenden mit den bei den Letten herrschte, erhellt aus G. Merkels Vorzeit Livlands. Leipzig 1798. 2 Bde. 8vo.
  4. S. Johannis Fechtius in philocalia Rostoch. 1707 et Joannis Meletius epist. ad Sabin. p. 167.
  5. S. Hartknoch diss. VII p. 142. seqq.
  6. S. Anthropodemus Platonicus d. i. Weltbeschreibung von allerlei wunderbaren Menschen von Prätorius. Leipzig 1668. 12.
  7. Die Juden nahmen die Götter der Aegypter (das goldne Kalb d. i. den Apis), Amoriter, Moabiter u. a. an, Rahel stahl die Götter ihres Vaters, wahrscheinlich um die Einwohner des Landes, wohin sie mit ihrem Mann zog, damit bekannt und sich geneigt zu machen. – Denn von Golde waren sie nicht. – 1 B. Mos. 31, 13.
  8. Ferunt vagantes daemonas
    Laetos tenebris noctium,
    Gallo canente exterritos,
    Sparsim timere et cedere,
    Invisa nam vicinitas Lucis.
     Prudentius.

    Nocte vagi ferimur, nox clausas liberat undas,
    Errat et abjecta Cerberus ipse sera.
    Luce jubent leges Lethaea ad stagna reverti
    Nos vehimur, vectum nauta recenset opus.
    Jamque vale, torquet medios nox humida cursus,
    Et me saevus oriens afflavit anhelis
    Dixerat, et tenuis fugit ceu fumus in auras.
     Propert. IV. 17.

    und Shakespeare läßt den Geist zum Hamlet sagen: Ich muß kurz seyn, ich wittre Morgenluft. –

    Rapp’, Rapp’, ich wittre Morgenluft,
    Rapp’! tummle dich von hinnen.
     Bürger.

  9. S. z. B. Sagen vom Rübezahl. Breslau 1818. 8. – Musäus Volksmährchen der Teutschen und dessen Strausfedern, – Kinder- und Hausmährchen, gesammelt durch die Gebrüder Grimm. Berlin 1819. 12. – Wöchentl. Nachrichten für Freunde der Geschichte, Kunst und Gelahrtheit des Mittelalters, von D. J. F. Büsching. Breslau 1816–1819. 4 Bde. 8. – Der Sagenschatz und die Sagenkreise des thüringer Landes, herausgegeben von Ludwig Bechstein. Hildburghausen 1833. – Maltens neuste Weltkunde. 8tes, 9tes, 10tes Stück. 1837. – Rübezahl, von Prätorius. Leipzig 1668. 12. – Das Buch vom Rübezahl, von Lyser. – Sagen der nordamerikanischen Indianer. Leipzig 1836. 8. u. a. m.
  10. S. im Allgemeinen was davon Gregorius Turonensis hist. franc. II, 10. Sed haec generatio fanaticis semper cultibus visa est obsequium praebuisse nec prorsus agnovere deum, sibique sylvarum atq. aquarum, avium bestiarumque et aliorum quoque elementorum fluxere formas, ipsaque ut deum colere eisque sacrificia delibari consueti.
  11. V. Tacit. German. Cap. VII.
  12. So soll der Sage nach z. B. als die Hussiten die Stadt Budissin hart drängten, der Engel St. Michael, auf der Stelle, wo jetzt die St. Michaeliskirche steht, in einer Wolke über den kämpfenden budissiner Bürgern geschwebt, sie zum Siege geführt und die feindlichen Anfälle zurückgeschlagen haben. Abermals ein Beweis, wie heidnische Ansichten in das Christenthum hineingeschmuggelt worden.