Martin Pumphut

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Textdaten
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Autor: Heinrich Gottlob Gräve
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Titel: Martin Pumphut
Untertitel:
aus: Volkssagen und volksthümliche Denkmale der Lausitz, S. 83–86
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1839
Verlag: F. A. Reichel
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Erscheinungsort: Bautzen
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Quelle: MDZ München, Commons
Kurzbeschreibung:
Siehe auch Pumphut
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[83]
XXIV. Martin Pumphut.

Wenn gleich diese Erscheinung nicht mit einem Simson der Hebräer, Bacchus der Indier, Herkules der Griechen verglichen werden kann; so scheint doch das, was Mehrere von Ränken, Schwänken und Gaukelkünsten verrichtet haben sollen – gleich Jenen – auf ihn (dessen Name noch in dem Munde der sogenannten Strömer unter den Mühlburschen lebt) übertragen, gehäuft und mit tüchtigen Mährchen und Erzählungen so verbrämt worden zu seyn, daß er in seiner Art, als ein wahrer Proteus, erscheint. Hier nur Einiges von den vielen Sagen, die über ihn im Schwunge sind.

Gleich nach seiner Geburt (als der Ort, wo er das Licht der Welt erblickte, wird das kleine, bei Hoyerswerda liegende Dörfchen Spuhle genannt) soll er – man weiß [84] nicht wie – aus der Wiege genommen und Statt seiner eine große unschädliche Schlange (wahrscheinlich die Ringelnatter, (coluber natrix) die in dortiger Gegend nicht selten) gefunden worden seyn. Die erschrockenen Aeltern eilten sofort in alle Himmelsgegenden, um das Knäblein zu suchen, mußten aber fruchtlos wiederum zurückkehren, wo sie es dann zu ihrer großen Freude frisch und gesund in der Wiege fanden.

Als er sechs Jahre alt geworden, zog eine Zigeunerhorde durch das Dorf und da sich einzelne Mitglieder derselben, um Lebensmittel zu sammeln, Vieh zu heilen, oder Amulete, Pflaster, Salben u. dgl. zu verkaufen, am Orte zerstreut hatte, trat ein Mann nebst Frau, auch in seiner Aeltern Wohnung, wo der Knabe ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, so, daß sie ihm die Nativität stellten und ihn wahrsagend versicherten: „Wie er weit in der Welt herumkommen, zwar im untern Stande bleiben, jedoch Reichthümer erwerben, viel Aufsehen erregen und endlich durch ein Frauenzimmer enden würde.“

Der Knabe wuchs nun heran, lernte, außer seiner wendischen Muttersprache, noch die teutsche – bedeutende Gelehrsamkeit bei gemeinen Leuten damaliger Zeit! – und trieb, wie alle Knaben seines Alters, sein Wesen. Nachts – wenn er im Bette schlief – will man sonderbare Gestalten über seinem Haupt schweben gesehen haben, die aber – weil sie unschädlich waren – eben nicht weiter beachtet wurden, auch soll – wenn er bei Nachtzeit ausging, ein Flämmchen in Kegelgestalt vor und hinter ihm bemerkt worden seyn.

[85] In gereiftern Jahren erlernte er die Müllerprofession, trat seine Wanderzeit an, wo man ihm, wegen seines hohen, spitzen, breitgerandeten Huts, jenen Spitznamen beilegte. Wie und auf was für Art und Weise er zu den geheimen Wissenschaften und sonderbaren Künsten, die man von ihm rühmt, gelangt sey, berichtet die Sage nicht, und wir müssen es glauben, daß er sie wirklich besessen habe, indem er wirklich Wunderdinge verrichtete. Fast war er wie der Alte überall und Nirgends, wovon uns Spieß die Sage aufbewahrt hat, bald hier, bald dort. Denn bald segelte er in einem papierenen Nachen über die Saale, Elbe und Mulde, bald ritt er auf einer großen Heuschrecke (vermuthlich gryllus locusta migratorius) durch die Luft; hier zerschnitt er, gleich jenem bekannten römischen König – wie z. B. zu Budissin in der großen Mühle noch im Stein gehauen zu sehen ist – einen Mühlstein, dort setzte er bei Dresden – indem er nur durch ein Nasenloch bließ – alle Windmühlen in Bewegung. Zu Volkersdorf, wo man eine Mühlenwelle bereitete, bemerkte er im Vorbeigehen, daß sie zu kurz sey – man lachte ihn aus. – Da er zurückkehrte, überzeugte man sich von der Wahrheit und bat um seine Hilfe. Er dehnte sie wie Prezelteig aus und setzte so die fehlende Elle zu. Zu Heiligenbeil schleuderte er seine Axt an den Kirchenthurm, wo sie einhieb und noch heutigen Tages zu sehen ist. In Leipzig, im Gasthofe zum goldnen Siebe, ließ er am hellen Tage eine Menge Haasen aus dem Kacheltopfe heraus, und wieder hinein spazieren. Hier leitete er die Saale aus ihrem Bette und wieß ihr einen andern Lauf an, damit die [86] Müller, die ihm kein Geschenk gereicht hatten, nicht mahlen konnten, indeß andern, die ihn freundlich aufgenommen, das Wasser zu keiner Zeit mangelte, wodurch sie zu Vermögen gelangten. Bald verwandelte er die Pferde eines betrügerischen, groben Roßhändlers, der ihm, dem Ermüdeten, einen Sitz auf dem Handpferde verweigert hatte, in Strohwische, bald ließ er bei eingetretenem Mißwachse einem Bauer, der ihn in der Krankheit gepflegt, eine überreiche Aernte sammeln, bald half er dem General Sybilski – wie er zu diesem gekommen, ist unbekannt – durch gespenstische Soldaten seine Feinde bekämpfen, bald flog er mit diesem durch die Lüfte auf glänzende Bälle nach Warschau u. s. w.

Er muß übrigens mehrere Jahrhunderte hindurch gelebt haben; denn so soll er sich zu Hildesheim als der bekannte Geist Hütchen gezeigt, bald dem Herzog von Friedland, Albrecht von Wallenstein, als graues Männchen wesentliche Dienste geleistet haben und endlich mit einem reizenden Frauenzimmer unter Hinterlassung jenes ominösen Hutes aus einem Gasthofe zu Paderborn zu Ende des siebenjährigen Krieges verschwunden seyn. Wenigstens hat man seit gedachter Zeit von seinem Treiben und Thun nichts vernommen.