Der rothe Görge

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Autor: Heinrich Gottlob Gräve
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Titel: Der rothe Görge
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aus: Volkssagen und volksthümliche Denkmale der Lausitz, S. 169–171
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Erscheinungsdatum: 1839
Verlag: F. A. Reichel
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Erscheinungsort: Bautzen
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Quelle: MDZ München, Commons
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[169]
LXXIV. Der rothe Görge.

Bei Ober-Gerlachsheim, ungefähr hundert und funfzig Schritte am Abhange des Queisserberges in einer schönen, wild romantischen Gegend, steht ein großer über zwanzig Ellen hoher Quarzfelsen von wunderbarer Gestalt, in dortiger Gegend nur der weiße Stein genannt. Etwa hundert Schritte in Entfernung von ihm, auf böhmischer Seite zu, finden sich ebenfalls weiße, doch größere und viel weiter ausgedehnte Quarzfelsen, deren Richtung sowohl, als Steinart beweisen, daß der weiße Stein ehemals mit ihnen zusammengehangen. Man erzählt sich davon:

Es habe in dieser ehemaligen Wildniß ein frommer Klausner gewohnt, welcher ein stilles, ruhiges, Gott gefälliges Leben geführt, den Armen unendlich Gutes gethan und an den Kranken und Leidenden Wunderkuren verrichtet, so daß er in den Geruch der Heiligkeit gekommen und zu ihm, wie zu einem Wunderthäter ordentlich gewallfahrtet worden. Dabei aber habe er seine Bescheidenheit beibehalten, sey sanftmüthig und von Herzen demüthig gewesen und habe den ihm häufig dargebrachten Weihrauch verschmäht und die, denen er wohlgethan, gebeten, ihn ja nicht zu sehr zu verehren, damit er nicht in Versuchung gerathe.

[170] Dieses nun habe den Bösen verdrossen und er beschlossen, den frommen Mann vom rechten Wege abzuleiten, für sich zu gewinnen und in sein Reich zu bringen; daher er denn alle mögliche Mittel angewendet, um dieß zu bewerkstelligen. Allein weder Versprechungen von Geld, Ehrenstellen, weder von Lebensgenüssen, noch gründlicher Gelehrsamkeit mit Weltberühmtheit verbunden, seyen vermögen gewesen, ihn von dem wahren Glauben abzuziehen, an welchem er – der ewigen Strahlenkrone gewiß – vest und unverbrüchlich gehangen habe. Dieses nun sey von dem Teufel übel vermerkt worden, daß er daher seinen Untergang unvermeidlich beschlossen habe. Um es auszuführen, sey er am Abende des St. Georgentages ausgefahren, bewaffnet mit einem mächtigen Felsstück in der rechten Kralle, um den Arglosen in seiner Klause zu zerschmettern und jenen Fels zu seinem Leichensteine zu machen, damit Niemand wisse, wohin er gekommen, sein Gedächtniß von der Erde gewehet werde, wie leichte Spreu vom Winde, und die Wellen eines Baches sein Andenken aus dem Buche der Menschheit spülen.

Hin brauste er durch die Luft, eben als der Einsiedler seine Tagesrechnung abgelegt, sein Abendgebet verrichtet und sich dem Schutz der Engel übergeben hatte. Immer wollte er den Fels herabschleudern, aber eine höhere, stärkere Macht lähmte ihm den Arm. Entschlafen war der Waldbruder, Engel in leuchtenden Kleidern bewachten sein Lager.

Ergrimmt sahe sie der Teufel, erkannte seine Ohnmacht und schleuderte im wüthenden Zorn das Felsstück zur Erde, [171] daß es in Stücken zerschellte und der zwischen selbigen durchströmende Bach die Wiedervereinigung hinderte.

Von dieser Zeit an sendet nun der Höllenfürst alljährig – denn ihm ist die Gegend wegen des mißlungenen Plans verhaßt – einen seiner Obersten am St. Georgs-Abende, um sich umzusehen, ob sich etwa wieder ein Klausner, der mit leichterer Mühe zu umgarnen sey, daselbst angesiedelt habe. Da schleicht nun umher die Höllenbrut, nicht wie ein brüllender Löwe, sondern gleich einem listigen Fuchs. Zwar sprühen Feuer seine Augen, allein klüglich deckt ein spitzer Hut, dem eine Hahnenfeder entweht, die verdächtigen Hörner, so wie ein langer rother Mantel den Roßfuß und Drachenschwanz verbirgt. Oft haben ihn – am hellen, lichten Tage – Holzbauern in wunderbaren, grotesken Sprüngen auf gedachten Felsen herumgaukeln, widrig lachen hören und andre Possen treiben gesehen und ihm – weil sie ihn allemal am St. Georgstage erblickten – wegen des rothen Mantels, den Namen des rothen Görge ertheilt.