Der Becher (Gräve)

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Textdaten
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Autor: Heinrich Gottlob Gräve
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Titel: Der Becher
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aus: Volkssagen und volksthümliche Denkmale der Lausitz, S. 180–183
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Erscheinungsdatum: 1839
Verlag: F. A. Reichel
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Erscheinungsort: Bautzen
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Quelle: MDZ München, Commons
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[180]
LXXXIV. Der Becher.

Als im Jahre 1706 der unerschrockene Schwedenkönig Karl XII. mit seinem sieggewohnten Heere Sachsen überschwemmte, wovon eine Abtheilung in die Herrschaft Pförten, unweit des Dorfes Beitsch kam und daselbst einen Rasttag hielt, zog der daselbst hochliegende Berg die Aufmerksamkeit des unter dem kronemannschen Regimente stehenden, damals sehr jugendlichen Fähndrichs Malcolm Sinclaire, auf sich, so daß er beschloß eine heitere Septembernacht auf selbigem zuzubringen und die aufgehende Sonne daselbst zu erwarten, in welcher Absicht er auch Abends in der zehnten Stunde mit einigen Lebensmitteln, Degen, Pistolen – zur etwa nöthigen Vertheidigung – und Mantel versehen, aufbrach und auf dem Platze angelangt, überall hin und her wandelte, sich an der vor ihm ausgebreiteten, vom Mondstrahl erhellten Landschaft ergötzend.

In der eilften Nachtstunde – da noch kein Schlaf auf seine Augenlieder gefallen war – hörte er ein seltsames Geräusch auf der einen Seite des Berges. Vorsichtig eilte er dahin, um zu sehen, was sich daselbst ereigne, sich hier und dort durch das vorhandene Gebüsch deckend, so wie seines Degens und der im Gürtel verborgenen Pistolen versichernd. Er fand den Berg geöffnet, und bemerkte in dem Hintergrunde von dessen Höhlung eine mit Speis und [181] Trank reichlich ausgestattete Tafel, um welche herum mehrere Krieger im Kostüm des siebenzehnten Jahrhunderts saßen, deren Schärpen, und weil sie die Becher wacker leerten, in ihnen Schweden jener Zeit ihn erkennen ließen. Furchtlos, wie es einem Schweden ziemt, trat er näher, wo er dann bemerkte, daß das Tafelgeschirr in reinem Gold und Silber bestünde. Nachdem er schweigsam in ruhiger Stellung verweilt hatte, trat ein hochgestalteter, kräftiger Mann, einen großen Pokal in seiner Hand haltend und ihn mit vestem Blick fassend vor ihn und winkte ihm zu trinken. Sinclaire stellte sich, als wenn er es thäte, ließ jedoch – da er nicht versuchen wollte, ob Geister (denn für etwas Anderes konnte er die Gesellschaft nicht halten) reinen oder verfälschten Wein tränken, auch er die Sorte nicht neugierig zu wissen verlangte – dessen Inhalt über seine Achsel laufen, worauf denn in einem Nu die Gestalten nebst Tafel und Zubehör verschwanden und Sinclaire, den Becher in der Hand haltend, sich an dem Platze, wo er anfänglich gestanden, befand. Als er am Morgen in seinem Quartiere erwachte, bemerkte er, wie die Flüssigkeit aus dem Becher, in so weit sie die Wolle seiner Montur berührt, selbige abgefressen hatte, daß der Becher von reinem Silber und stark vergoldet das sinclairsche Wappen enthielt und ein unten an dessen Fuß befindlicher Pergamentzettel die Worte:

Vaeh tibi, cruenta morte, misere peribis.[1] 1739.

lesen ließ.

[182] Dieser Becher nebst Inschrift soll sich noch vor einigen und vierzig Jahren in der königl. alterthümlichen Sammlung zu Stockholm befunden haben und daselbst vorgezeigt worden seyn.

Die Sage verlautet ferner, wie in der Zeit des dreißigjährigen Krieges in dieser Gegend ein hartnäckiges Gefecht zwischen den Oesterreichern und Schweden Statt gehabt, worinnen die Schweden den Kürzern gezogen, viele Todte und Verwundete auf dem Platze gelassen und sämmtliches Gepäck und Kriegskasse verloren hätten, die Schweden wären aber sogleich verstärkt zurückgekehrt, hätten jenen Alles wiederum entrissen, ihre Todten begraben, und da sie von dem abermaligen Anrücken der Oesterreicher noch bei Zeiten Kunde erhalten, wäre eine starke Abtheilung von ihnen vorgeschoben worden, die den Feind so lange hingehalten, bis sie dasjenige, was sie von gehaltreichen Gegenständen nicht hätten fortbringen können, dem Innern dieses Berges, wo es noch befindlich sey, indem es böse Geister – die diesen Ort nicht geheuer machten – anvertraut hätten.

Auf dem Gipfel dieses Berges, der jetzt mit Weinreben bepflanzt ist, befand sich sonst eine ungewöhnlich hohe Fichte, welche die Schweden eine kurze Zeit nach jenem Vorgange dahin gepflanzt haben sollen, weil sie ebenfalls nicht sicher gewesen, nachzugraben – um den Ort des Einschlagens zu bezeichnen. Allein diejenigen, welche wußten, wo der Schatz lag, sind ebenfalls ein Opfer der Kriegsfurie geworden. – Der Schenker des Bechers war – da sich mehrere Irländer unter des großen [183] Gustav’s Armee befanden – allem Vermuthen nach der Geist eines Ahnen Sinclaire’s und wollte seinen Enkel vor seinem traurigen Ende warnen.[2]


  1. Wehe Dir, Du wirst im Jahr 1739 elendiglich eines blutigen Todes sterben. 1739.
  2. Der Major Sinclaire (Malcolm) hatte im J. 1739 von der schwedischen Regierung Auftrag erhalten, einen Subsidientraktat mit der Pforte abzuschließen und die Schuldscheine Königs Karl XII. in Empfang zu nehmen. Auf der Rückreise wurde er zwischen Naumburg und Christianstadt am 17. Juni g. J. gräßlich ermordet gefunden. Der Herzog Biron v. Kurland, die Grafen Münnich und Ostermann waren Anstifter dieses Mordes, die Vollstrecker desselben Hauptmann Küttler, Lieutenant Lesawitzky und fünf Unteroffiziers. Man nahm ihm Alles ab, sendete es jedoch in einem Beutel versiegelt nach Stockholm. S. Briefe eines schwed. Offiziers etc. Görlitz b. Anton. 1811. 8vo. 2ter Th. S. 233. 11tes St. der europ. Annalen v. J. 1806. No. 1.