Sybilski

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Textdaten
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Autor: Heinrich Gottlob Gräve
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Titel: Sybilski
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aus: Volkssagen und volksthümliche Denkmale der Lausitz, S. 88–94
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1839
Verlag: F. A. Reichel
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Erscheinungsort: Bautzen
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Quelle: MDZ München, Commons
Kurzbeschreibung:
Siehe auch Pumphut
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[88]
XXVI. Sybilski.

Der alte, brave königl. polnische und kurfürstliche sächs. General Johann Paul Sybilski von Wolfsberg [89] wird – ich weiß in der That nicht, warum? – für einen wahren Teufelsbanner, Hexenmeister und Zauberer ausgegeben, der mit dem – Gott sey bei uns! – einen vesten Bund abgeschlossen gehabt – und noch sind von ihm und seinem Adjutanten in Teufelskünsten (dem bereits meinen Lesern bekannten Martin Pumphut, dem Idol der Müllerburschen) mancherlei Sagen im Munde des gemeinen Mannes. – Ich will einige davon zum Besten geben.[1]

[90] So ließ er z. B., ehe er jenen Streich zwischen Lommatzsch und Zehren ausführte, am Tage vorher sein [91] Regiment zu drei Mann über einen auf der Erde ausgebreiteten schwarzen Mantel marschiren und rief ihnen zu: „Bursche, wenn ihr in’s Gefecht kommt, vergeßt nur meinen Namen nicht, es bleibt kein Mann, der Feind verlieret einen Großen!“ Er griff daher am 13. Decbr. 1745 die feindliche Nachhut an, eroberte drei Fahnen, zwei Paar silberne Paucken, und soll – mirabile dictu! keinen Mann verloren haben. – Preußischer Seits fiel der General v. Röhl.[2] Vor der Schlacht bei Kollin am 18. Juni 1757 soll er allemal bei’m neunten Mann jedes Gliedes einige unverständliche Worte gemurmelt und seinen Leuten den Sieg versprochen haben. Der glückliche Zufall bewahrheitete es, denn dieß brave Regiment erbeutete neun Fahnen. Da er noch als junger Offizier in Polen stand, fand einst, wie damals nicht selten – in Dresden ein glänzender Maskenball Statt, worüber Einer seiner Kameraden äußerte, wie er seelengern ihm beizuwohnen wünsche; allein es fehle ihm an Gelde, auch sey – indem der Ball übermorgen beginne – die Zeit zu kurz – selbst wenn man Dr. Faust’s Mantel besäße – zur rechten Zeit daselbst einzutreffen. Sybilski, der es gehört, nahte sich und raunte ihm in’s Ohr: „Geld ist’s wenigste, vertraue mir, Kamerad! Uebermorgen Nachmittags um drei Uhr stell dich vor’m Thore bei der großen Fichte ein, wir brechen auf und sind noch vor dem Beginn [92] der Redoute in Dresden!“ Verblüfft sah ihn der Balllustige an, wollte sprechen; allein Sybilski gebot ihm Stillschweigen und entfernte sich. Zur bestimmten Zeit und Orte erschien der Krieger und fand bald Sybilski, der in seinem rothen Mantel gehüllt, angeschritten kam, er schlang selbigen um ihn, befahl ihm, weder rück- noch vorwärts zu blicken, und nun ging’s fort durch die Luft, als flögen sie davon. Abends Schlag fünf Uhr befanden sie sich in Dresden, hatten noch Zeit genug sich zu sammeln und einen Maskenanzug zu wählen, worauf sie mit jugendlichem Frohsinn der Redoute beiwohnten, am andern Morgen um neun Uhr Dresden verließen und auf dem Mantelfuhrwerke Mittags um eilf Uhr auf dem Paradeplatze in Warschau probemäßig gekleidet, eintrafen.

In Großsärchen bei Hoyerswerda soll er den vorbeifließenden Bach – um ihm eine andere Richtung zu geben – umgeackert haben, da ihm aber der vorgespannte polnische Ochse scheu geworden, so habe der Bach seinen noch gegenwärtigen krummen Lauf erhalten. Nach Dresden fuhr er von Särchen aus in unglaublich kurzer Zeit, lenkte die Pferde und befahl dem Kutscher sich hinten in dem Wagen schlafen zu legen. Endlich wachte der Kutscher auf, sahe sich um und bemerkte mit Staunen, daß ihre Reise nicht auf der Erde fort, sondern durch die Luft ging. Im ersten Schreck schrie er laut auf und wollte aufstehen, allein sein Herr bedrohte ihn hart, und hieß ihm, sich ruhig niederlegen, indem sie sonst beide sehr unglücklich seyn könnten. Während des Gesprächs waren sie auch wirklich schon in Gefahr gekommen, indem sie aus [93] Unachtsamkeit des Herrn sich nicht hoch genug gehalten, daher der Wagen an die Thurmspitze der kamenzer Hauptkirche angefahren und sie gebogen habe, in welchem Zustande sie sich auch noch bis zum 15. Jänner 1791, wo der Blitz in den Thurm schlug und die Haube desselben bis auf die Mauer verbrannte, befand.

Kam einst der verrufene Pumphut, welcher ihm seine Künste anprieß (und nachher sein treuer Achates wurde), zu ihm. Sybilski warf schwarze Haferkörner in den Kacheltopf, welche sich sofort in Fußvolk verwandelten, herauskletterten, sich auf dem Schloßhofe versammelten, manövrirten, sich wieder in ihre kupferne Kaserne begaben und als schwarze Haferkörner darinnen lagen. Pumphut langte aus einer am Fenster stehenden Mulde einige Erbsenkörner heraus, warf sie ebenfalls in den Kacheltopf, welchem flugs völlig equipirte Reiter entstiegen. Allein da er Sybilski’s Worte nicht wußte, vermochte er sie nicht wiederum in den Kacheltopf zu bringen, vielmehr setzten sich ihre Klingen auf seinem Buckel in unangenehme Bewegung und nur Sybilski’s Machtworten gehorchten sie.[3]

Wäre doch diese Kunst nicht verloren gegangen, so würden mehr Kriege geführt und nicht so viel Klagen über Rekrutenaushebungen laut werden!

[94] Einst soll er auch dem Pachter auf dem Ostravorwerke bei Dresden die Schaafe in Schweine verwandelt haben, wobei selbiger – selbst wenn daselbst schon Elektoralwolle gäng und gebe gewesen wäre – nicht viel eingebüßt haben wird. Auch behauptet man, wie er – noch vor Hufelands Makrobiotik – eine Essenz, das menschliche Leben zu verlängern, besessen habe. – Richtig, denn er wurde 86 Jahre alt.


  1. Einige kurze Nachrichten über ihn möchten – da, so viel mir bewußt, nichts über ihn vorhanden ist, – manchem Leser nicht unwillkommen seyn. Er wurde 1677 in Polen geboren (sein Bruder war Heiducke bei dem bekannten Minister Graf Brühl, der – ein wenig unzart – wenn er dem General Etwas sagen ließ, es stets durch diesen ehrlichen Heiducken that), wurde Soldat, zeichnete sich bei jeder Gelegenheit so aus, daß er – von geringer Geburt – von der niedrigsten Staffel zur höchsten stieg. Im J. 1733 erblicken wir ihn als Oberstlieutenant, 1733 war er Oberster über eine aus zwei Compagnien bestehende Escadron leichter Reiter, die theils in Sachsen, theils in der Gegend von Fraustadt, Lissa u. Thunin aus von Sachsen abgegebenen Mannschaften und in Polen Geworbenen zusammengesetzt war. Montirungs- und Armirungskosten wurden zu 12362 Volkssagen und volksthuemliche Denkmale der Lausitz b1.jpg. 12 Volkssagen und volksthuemliche Denkmale der Lausitz b2.jpg., die jährl. Verpflegung aber zu 23484 Volkssagen und volksthuemliche Denkmale der Lausitz b1.jpg. angeschlagen. Diese in ein Regiment Geformten fochten bis 1735 ausgezeichnet gegen die Conföderirten in Polen. Am 28. Februar 1736 ward S. Generalmajor der Reiterei und wahrscheinlich nicht lange nachher vom Kaiser Karl VI. unter dem Namen Wolfsberg, unter dem Prädikate Wohlgeboren in den Freiherrenstand erhoben. In der Mitte des 1742sten Jahres ward sein Regiment, welches theils in Fraustadt, theils im Voigtlande stand, in die Ober- und Niederlausitz beordert, um sofort zur Armee in Polen stoßen zu können; jedoch erhielt es im Julius g. J. den Befehl nach Großpolen, wegen der daselbst ausgebrochenen Unruhen, zu marschiren. (Beiläufig gesagt, schreibt sich aus dieser Epoche das ehemals so bekannte Soldatenlied: „Was helfen mir tausend Dukaten etc.“ her.) Im Jahre 1744 bekam es Ordre nach Sachsen zu rücken und wurde ihm der Kanzellist v. Löben als Kurier entgegen gesendet, um dessen Chef 2500 Volkssagen und volksthuemliche Denkmale der Lausitz b1.jpg. versiegelt zu behändigen. Den 13. Decbr. 1745 griff das Regiment, welches bereits die Feldzüge 1742 und 1744 mitgemacht hatte, in Verbindung mit Ulanen – wie bereits bemerkt worden – zwischen Lommatzsch und Zehren, die preuß. Arrieregarde an, nahm ihr drei Fahnen und zwei Paar silberne Paucken, wovon es ein Paar als Andenken behielt, worauf Sybilski den 17. Novbr. 1745 zum Generallieutenant der Reiterei ernannt wurde. Sein Regiment erhielt darauf den Obersten Monro als Kommandant, der es den 2. Juni 1748 dem Premier-Minister und General Grafen von Brühl verkaufte. Nicht lange vorher hatte Sybilski, den 1. Februar 1748, resignirt. In den Feldzügen von 1742, 1744 und 1745 scheint er die damals nach Sachsen gegangenen sechs Pulks tatarische Hoffahnen, oder Ulanen kommandirt zu haben, wenigstens zeigte er im Jänner 1746 an, wie jene Pulks rücksichtlich noch rückständiger Quartiergelder ziemlich deutlich verlauten ließen, daß, wenn man sie nicht bald befriedigte, sie sich selbst verabschieden und auseinander gehen würden, wo dann durch dergleichen undisciplinirtes Volk die öffentliche Sicherheit gefährdet werden könnte; daher er so bald als möglich Geld zu schaffen rieth, welches denn auch geschah; indem den 22. Jänner 1746, als sie bei der Leitmeritzer Brücke gemustert wurden, drei Pulks derselben 5000 Dukaten abschlägig erhielten, 2500 Dukaten aber für die andern Pulks innen behalten werden sollten, bis die Rittmeister selbst quittiren würden. In Krackau wurden endlich jene Pulks durch S. aufgelöset und er 1753 zum General ernannt. Er starb im Juni 1763. Der Kriegssecretair Henrici, welcher wegen Zahlung der erforderlichen Gelder mit ihm Geschäfte hatte, giebt in dem Berichte an den Kriegspräsident und geheimen Rath Grafen v. Unruh nicht die beste Schilderung von ihm, indem er von seinen contrairen Anstalten und veränderlichen Resolutionen spricht, daß diejenigen, welche er einmal intimidirt, nicht mit ihm auszukommen vermöchten, auch daß er mehr rede und schreibe, als er verantworten könne. – Doch, dieß ist das einseitige Urtheil eines einzelnen Mannes.
  2. Ein in seinem Regimente gestandener, vorurtheilsfreier Mann versicherte mich die Wahrheit dieser Gauckelei, worüber der Unbefangene gelächelt, der Abergläubige – deren es zur damaligen Zeit noch mehr, als gegenwärtig, gab – vest daran geglaubt hätte. – Mundus vult decipi, ergo –
  3. Diese, so wie die drei folgenden Sagen, welche sich im 15ten Heft neue Folge 2. Bd. 3. Heft des Laus. Mag. 1837 S. 201. befinden, sind mit ganz unbedeutenden Abweichungen dem Hrn. Diakonus Haupt in Görlitz nacherzählt worden.