Das wandernde Stiefelpaar

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Heinrich Gottlob Gräve
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das wandernde Stiefelpaar
Untertitel:
aus: Volkssagen und volksthümliche Denkmale der Lausitz, S. 38–41
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1839
Verlag: F. A. Reichel
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Bautzen
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: MDZ München, Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Volkssagen und volksthuemliche Denkmale der Lausitz 038.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[38]
V. Das wandernde Stiefelpaar.[1]

Auf dem, unfern Lauban gelegenen sogenannten Steinberge geht am Abende des 6ten Novembers ein sonderbarer Spuk in Form eines Paars alter Reiterstiefeln mit klirrenden Spornen um. Von ihm erzählt man sich Folgendes:

[39] Im beginnenden Lenz des 1632sten Jahrs streifte ein Trupp buttlerischer Dragoner durch die ehemalige Sechsstadt Lauban. Sie zogen in diesen von Kriegsvolke entblößten Ort mit Triumph ein und lebten – weil sie so sicher, wie in Abrahams Schooß daselbst waren – mehrere Stunden herrlich und in Freuden, besuchten nach den Wein- Bier- und Speisehäusern auch die Werkstätten einiger Handwerker und nahmen daselbst ohne Bezahlung, was ihren Augen lüstete und ihr Herz begehrte.

Unter ihnen zeichnete sich durch Wildheit und Habgier vorzüglich Einer aus, dem nichts schön, nichts theuer, nichts gut genug war und der ordentlich eine Ehre darinnen suchte, Menschen recht ausgesucht zu martern. Endlich kam er mit seinen Kameraden auch zu einem Schuhmacher, welcher sich – da die Zeit der Jahrmärkte in dortiger Gegend eintrat – reichlich mit Schuh und Stiefeln versorgt hatte. Des Reiters nimmer satte und immer durstige Sippschaft that sich mit des Schuhmachers Küche und Keller gütlich; allein Albrecht – so wollen wir ihn indeß, bis sich sein Heimathsschein auffindet und wir dessen wahren Namen erfahren, nennen, ohne dieserwegen von seinen Namensvettern einen Injurienprozeß zu befürchten – dessen Stiefeln vielleicht wirklich nicht in dem besten Zustande sich befinden mochten, verlangte außer der Mund-Provision auch eine Fußbekleidung, von welcher er diejenige, die er zu klein fand, zersprengte, andre für zu plump erklärte, wiederum an andern die Größe oder Kleinheit der Stülpe tadelte und somit selbige dem Eigenthümer nebst einigen Klingenhieben zurückgab. Dieser nun, vielleicht aus Gewohnheit an [40] solche Kost im Kriege gewöhnt, oder durch die Passauer Kunst gepanzert, oder vielleicht gar – wie die Folge lehren wird – ein wenig in der Hexerei erfahren, und daher den Punkt, wenn er sie anwenden könne, erwartend, ertrug mit Geduld die Ruthen und Schläge, so bitter sie ihm auch immer seyn mochten. Da aber die Klingenblitze einzuschlagen nicht aufhörten, so wurde seiner Nachsicht Becher doch endlich geleert, und unwirrsch langte er aus einer von den Reitern zufällig unbemerkt gebliebenen Truhe, ein Paar prachtvolle Stiefeln mit den Worten: „Dieser braucht sich der Friedländer nicht zu schämen!“ heraus. Glücklicherweise genügten sie dem Stürmer. Der arme Laubaner Crispin, über die freundliche Umwandelung des Kriegsknechts erfreut, bildete sich ein, wie jetzt Zeit und Stunde geschlagen haben könnte, wenigstens die Arbeit bezahlt zu erhalten, wenn er auch das Leder in Kauf geben müsse; daher er denn ein Spottgeld dafür verlangte. Allein er irrte, indem sich die Klinge wieder in Bewegung setzte und ihm eben so viel Hiebe, als er Groschen verlangt hatte, ertheilte, worauf er im vollen Aerger sagte: „Nun so wollt’ ich, daß diese Stiefeln ewig herumirren müßten!“ welches denn von der Bande mit schallendem Hohngelächter beantwortet und somit Abschied genommen wurde.

Am 6. Novbr. 1632 wurde bekanntlich die ewig merkwürdige Schlacht in Lützens Ebenen geschlagen, wobei denn unserm Reiter beide Beine abgeschossen und vom Sturm in die Laubaner Gegend geweht wurden. Schon am dritten Abende nach der Schlacht bemerkte man die [41] klirrenden Fußtritte bald auf, bald ab, um den Berg herum gehen und Geisterstimmen ähnlich will man dabei die Worte:

Wir machen hier die Runde,
die Beine ha’n nit Ruh!

vernommen haben.

Doch, weil Winterszeit diese Gegend nur wenig besucht wurde, merkte man nicht sonderlich darauf und die Sache gerieth bald in Vergessenheit. Allein einige Jahre darnach, wo Fuhrleute und andere an diesem Orte Beschäftigte den Spuk ebenfalls vernommen und die bespornten Stiefeln hatten klirren hören, ja Holz lesende Kinder am hellen Tage sogar von ihnen waren umgerennt und getreten worden, verbreitete sich diese Sage von dem wandelnden Stiefel-Paar.


  1. Nicht zu verwechseln mit jener finnischen Sage, nach welcher ein Zauberer einem Krüppel ein magisches Bein von Holze, mit welchem er laufen oder nach Belieben gehen konnte, gefertiget. Da er aber einst die Schnelllauf-Feder gezogen, habe sich das Bein nicht länger halten lassen, habe ihn zu Tode gerennt und laufe immer noch mit dem Beingerüste in der Welt umher.