Der Krystallsarg

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Textdaten
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Autor: Heinrich Gottlob Gräve
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Titel: Der Krystallsarg
Untertitel:
aus: Volkssagen und volksthümliche Denkmale der Lausitz, S. 204–208
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Erscheinungsdatum: 1839
Verlag: F. A. Reichel
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Erscheinungsort: Bautzen
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Quelle: MDZ München, Commons
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[204]
C. Der Krystallsarg.[1]

Auf dem Kottmarwalde bei Kottmarsdorf unweit Löbau findet sich gegen Morgen zu im Felsen ein Einbug, den die Einbildungskraft bald für eine Thüre erklären kann. Von ihr wird erzählt:

Im grauen Alterthum lebte in dieser Gegend ein Graf mit seinem Ehegespons, der Gräfin. Sie hatten ein einziges Töchterlein, wunderschön von Gestalt und gar lieblich und freundlich von Sitten, so daß Alle, die sie sahen, ihre Lust und Freude an ihr hatten, die Aeltern, ob des holden Töchterleins, theils beneideten, theils ihnen ob dieses seltenen Schatzes Glück wünschten. Aeltern und Töchterlein liebten sich zärtlich und wünschten aufrichtig sich nie trennen zu dürfen und selbst nach dem Tode mit einander vereint zu bleiben.

Daß sich nun viele Freier um dieses schönen, reichen und guten Mädchens Hand bewarben, ist wohl überflüßig erst anzuführen; allein Wiarda – so hieß die Holde – [205] erklärte: „Wie sie aus Liebe zu ihren Aeltern bei deren Lebzeiten nie heirathen und nach deren Hinscheiden nach Rom gehen, eine Christin werden und den Schleier nehmen wolle,“ von welchem Entschlusse sie weder ihre Aeltern, noch die rüstigen, reichen Freier abzuziehen vermochten.

Die sanfte, begütigende Art, womit sie die Brautwerber entließ, beruhigte dieselben zwar und ließ nur bei Einem den Groll Wurzel schlagen. Dieser war ein schöner, aber bösherziger Mann, von finsterm, tückischem Gemüthe, welcher nebenbei Zauberkünste trieb und sich empfindlich wegen der Verneinung zu rächen, höchlich vermaß. Dieses nun vermochte die Aeltern das theure Töchterlein sorgsam zu bewahren und fast nie aus den Augen zu lassen, wodurch denn des bösen Zauberers Ränke und Versuche vereitelt wurden, vorzüglich aber schützte ein silbernes Kreuz das Kind, welches sie von einem frommen Manne, dem sie sich entdeckt, zum Geschenk erhalten hatte und das sie fortwährend am Halse trug, vor aller List und Umgarnung.

Einst aber – es war gleich in der ersten Nachmittagsstunde – als sie Almosen vertheilte und die Aeltern dieser Beschäftigung mit Wohlgefallen vom Söller zusahen, rauschte es plötzlich durch die Luft und zwei Greife, die einen vergoldeten Wagen, in welchem ein schöner, goldgelockter Knabe saß, senkten sich nieder. Wiarda, nichts Gutes ahnend, wollte fliehen; allein das Schloß war eingesprungen und die Arme fand sich ausgesperrt. Der Knabe trug sie – ehe die bestürzten Aeltern Hilfe leisten konnten – [206] in den Phaeton und braußte mit seinen gefiederten Rossen durch die Lüfte. Den Jammer der Aeltern, – welche, nachdem sie Alles, was der Guten angehört hatte, gleich Heiligthümern aufbewahrten, auch das silberne Kreuz fanden, welches so lange gegen des Bösen Arglist ihr ein Talisman gewesen war und das sie an jenem unglücklichen Tage umzuhängen vergessen hatte – über diesen unschätzbaren Verlust, vermag keine Feder zu beschreiben. Traurig und freudenlos entschlichen ihre Tage – denn kein heilender Balsam lindert Seelenwunden. – So vergingen Jahre in Wehmuth, da keine Nachricht von der Verlorenen einging. – Eines Abends, da ein schreckliches Unwetter den Gau geißelte, klopfte es hastig an’s Schloßthor. Man fragte, wer da sey? und da die Antwort: „Ein armer Verirrter, der um ein Nachtlager bittet“, gegeben wurde, öffnete sich die Pforte und ein langer, hagerer Mann, mit Zutrauen erweckendem Angesicht, trat ein, den man sogleich zum Sitzen nöthigte und mit Speis’ und Trank erquickte. Nachdem dieses geschehen, forschte der Alte nach der so tiefen Betrübniß des gütigen Paars, die ihm denn bekannt gemacht wurde, worauf er entgegnete: „Ich weiß recht wohl, wo euer geliebtes Kind hingekommen ist; der böse Zauberer entführte sie in’s Böhmerland auf sein vestes Schloß, das jeder Entzauberung trotzt und aus welchem kein Erlös zu hoffen. Dort ist sie – da selbige seinen Lockungen kein Gehör gab, sondern vest an der Tugend hielt, nachdem sie heimlich den christlichen Glauben, in welchem sie, da sie noch unter euch weilte, durch fromme Männer, denen sie Gutes that, unterrichtet wurde, nach [207] vielem Gram und Sorgen um Euch – vor einem Jahre sanft und selig verschieden, und wandelt jetzt als verklärter Geist auf einem jener leuchtenden Sterne, die bei dunkeln Nächten mit ihrem Glanze den Wanderer wohlthuend erfreuen.

„Ach! – seufzten tief die von Herzen Betrübten – könnten wir doch nur einmal vor dem Hingange zum ewigen Frieden, nur noch einmal, die uns ewig theuern Züge jenes unsers Lieblings sehen!“

„Euer Wunsch soll gewährt werden,“ versicherte der Alte; denn nur er war es, der ihr gedachtes Kreuz geschenkt und sie im christlichen Glauben unterrichtet hatte; „harret nur, bis des Mondes Sichel sich zum zweitenmale krümmt; dann geht Abends auf den nahe liegenden Berg, dort werdet ihr sie ohne langes Suchen finden.“

Da sich nun des Mondes Sichel zum zweitenmale am blauen Himmel erhob, wandelten eines Abends Beide – gleich Baucis und Philemon – zu dem ihnen bezeichneten Berge, den sie schon in der Ferne hell erleuchtet erblickten. Als sie näher kamen, fanden sie eine geöffnete Thüre, die in ein mit tausend Lampen erleuchtetes Gewölbe führte, in dessen Mitte ein krystallener Sarg stand, der der geliebten Tochter irdische Hülle barg. Lebensfrische, blühende Röthe und alle Reize, die sie im Leben schmückten, gewahrte man auch an der Entseelten; eben so wallte das goldgelockte Haar um die heitre Stirn und eben so schwebte das seraphische Lächeln um den wohlgeformten Mund, daß man sie eher für eine sanft [208] Schlummernde, als Entseelte halten mußte. Die zärtlichen Aeltern konnten sich nicht satt an dem Anblick sehen, weinten Freudenthränen und segneten dankbar den Alten. „Ach!“ riefen sie, „nun fürchten wir den Knöchler nicht, ruhig können wir aus diesem Jammerthale scheiden, denn unsre Augen haben unsers Herzens Liebling gesehen!“

Sie gingen fast alle Abende auf den Berg in das Gewölbe, freuten sich, sprachen mit der theuern Tochter, als wenn sie lebte, bekränzten in der schönen Jahreszeit den Sarg mit süß duftenden Blumen, den sie, wenn die Tage sich zu kürzen begannen, mit Immortellen und Epheukränzen behingen, und bei jedesmaligem Fortgange einen Stein unter denselben legten. Nachdem sie noch viele Jahre hindurch dieses gethan hatten, starben sie alt und lebenssatt in der beseligenden Hoffnung, dort jenseits der Sterne mit der, die ihre Seele liebte, auf ewig vereint zu werden. Nach ihrem Willen wurden ihre irdischen Ueberreste in jenes Gewölbe begraben, wo sich zwar die zusammengelegten Steine, doch kein Krystallsarg, noch Lampen befanden. Die Mutter legte man zur rechten, den Mann zur linken Seite, in der Mitte lag deren Herzblatt: Wiarda.

Noch erblickt man nicht selten zur Nachtzeit an gedachtem Orte drei helle Flämmchen, unter denen das mittelste (die Tochter) das schönste, stärkste und hellstrahlendste ist.


  1. Etwas Aehnliches von dieser Sage enthält Sneewittchen im 1sten Th. No. 53. S. 262 der Kinder- und Hausmährchen gesammelt durch die Brüder Grimm. Berlin 1819. 12mo.