Der kopflose Fuhrmann

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Autor: Heinrich Gottlob Gräve
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Titel: Der kopflose Fuhrmann
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aus: Volkssagen und volksthümliche Denkmale der Lausitz, S. 197–204
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1839
Verlag: F. A. Reichel
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Erscheinungsort: Bautzen
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Quelle: MDZ München, Commons
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[197]
XCIX. Der kopflose Fuhrmann.

Zur Zeit, da die Lausitz noch zu Böhmen gehörte – also im eilften Jahrhunderte – lebte in der Gegend, wo sich gegenwärtig das freundliche Oppach erhebt, ein Fuhrmann, Namens Peter Glausch, wegen seiner grauen [198] Kleidung, die er gewöhnlich trug, nur der graue Peter genannt. Dieser trieb sein Gewerbe weit und breit, innerhalb und außerhalb des Landes. Sein Stall barg die schönsten Zughengste, deren sich kein Magnat, Starost oder Woywode hätte schämen dürfen, indem sie von so stattlicher Gestalt waren, wohlgenährt, gestriegelt, gewaschen und gekämmt, daß sie gleich den Schnecken im Sommermonate glänzten und dabei so feurig und muthig, daß sie nur Phöbus Viergespann übertraf. Diese zogen nun in mehrern Zügen unter Aufsicht seiner Knechte im Lande umher, kamen in die Kaiserstadt Wien, in das freie Frankfurt am Main, in das reizerfüllte Florenz, stolze Rom, in das durch Handel blühende Triest, reiche Venedig u. s. w. Doch nicht allein die Pferde waren es, denen man Bewunderung zollen mußte, nein! auch Glausche’s Hornvieh und Schaafe erregten der Nachbarn Neid, denn sie glichen den berühmten Heerden des Klitumnus und Admet.

Daß also Ehren Glausch unter solchen Umständen begütert und wohlhabend war, darf wohl nicht erst bemerkt werden; es ging ihm daher, wie so Manchem, für welchen Andere arbeiten, wobei er sich mästet. Allein, woher kam diese Wohlhabenheit, dieser Reichthum? Die Sage gibt dafür an, wie folget:

Hatten sich Stallmännchen in sein Gehöft’ und Ställe eingefunden, welche das Vieh treufleißig besorgten, daher auch von dem Gesinde, welches dabei ruhige, gute Tage hatte, gern gesehen und mit Speis und Trank reichlich, so wie mit abgelegten Kleidungsstücken versorgt wurden. [199] Im Sommer wiegten sich die Stallmännchen auf einem Heu- oder Strohhalme zur Ruhe, oder schlummerten in dem Kelche einer Klee- oder andern süß duftenden Wiesenblume; sobald aber der Wind über die Stoppeln wehte, die Blätter an Bäumen sich bräunten, oder gar Regen und Schneegestöber mit den Weinranken an der niedern Hütte die Fenster peitschte, krochen sie einem Gaul oder Stier in’s Ohr, um in der Wärme behaglich ihrer Ruhe zu pflegen.

So gingen sie mehrere Jahre hindurch Knechten und Mägden – die sie fast gar nicht oder nur selten bemerkten – liebevoll an die Hand, wurden von Allen geliebt und sorgsam verpflegt – denn das junge, lebenslustige Volk brauchte sich um nichts zu bekümmern, konnte sorglos in Schänken sitzen, jubelnd den Reihen tanzen, sich bei Kirchweihschmäusen gütlich thun, in warmen Stuben zur Winterszeit beim flackernden Kamin bald schauerlichen Mährchen der Vorzeit lauschen, bald frohe Neckereien oder Rockenstubenspäschen, oder zur Faschingszeit lustige Streiche und fröhliche Mummereien treiben; indem das Vieh gehörig besorgt wurde. Ohne eine Hand anzurühren, fanden sie am Morgen Küchen- und Stallgeräthe im besten Stande, rein, hell und blank geputzt, gescheuert, geschniegelt, gebügelt und eingeschmiert; es war Alles ohne ihr Zuthun in der schönsten Ordnung und blos die Hände brauchten sie zu bewegen, um den erfoderlichen Gebrauch davon zu machen. Knechte und Mägde konnten sich reinlich und sauber kleiden und behielten noch immer einige Kreuzer in der Tasche. Kurz, was sie anfingen, gerieth wohl und [200] ihr Dienstbauer wurde in geraumer Zeit zum wohlhabenden, aber auch stolzen und aufgeblasenen Manne. Er wußte selbst nicht, wie es so eigentlich zuging, wunderte sich zwar über das mächtige Gedeihen seines Hausstandes, das er seiner klugen Anordnung und der Thätigkeit und Folgsamkeit seines Gesindes zuschrieb. – Seine Nachbarn aber behaupteten, er habe den Kobold oder Drachen. Doch bekam er bald zufällig darüber Licht und zwar folgendermaßen. Als er einst bei einem Aerntefeste seine Untergebenen lobte – wobei er jedoch seiner rühmlich zu gedenken nicht vergaß – und sie ermahnte in ihrem Eifer fortzufahren und ihnen Lohnserhöhung zusicherte, entfuhren dem Mittelknecht Veit, einem lustigen, nur etwas vorlauten Burschen, die Worte:

„Nun mit eurer Anstellung, so wie mit uns Allen, wär’s halt nix, wenn’s die kleinen Dingerchen nicht thäten!“

Was denn vor Dingerl? fragte Peter aufbrausend. „Je nun – entgegnete Veit – werdet’s wul kennen, sind kleine, fast unsichtbare Dingerle von Menschengestalt, schlafen oft drei bis vier in einem Pferdeohr, man nennt’s halt’s in’s geme’n Däumlinge. Die arbeiten für uns und besorgen Alles nach der Taffeltur (Tabulatur d. i. Genauigkeit), wofür wir ihnen die Ueberbleibsel vom Tische geben und sonst alles Lieb’s und Gutes thun.“

„Possen!“ rief Peter erzürnt, der so nach Manches Art am Tage den Freigeist spielte und Abends ohne Licht nicht über die Stubenthürschwelle schritt, „Alfanzereien, die nach dem blinden Heidenthume, das euch immer noch anklebt, riechen, und die ich durchaus nicht leiden kann. [201] Die kleinen Dingerl mögen wohl halt’s große, vierschrötige, aber arbeitslustige Kerle seyn, die sich gern ein Paar Batzen verdienen wollen und die ihr, um eurer Faulheit zu fröhnen, aus meiner Küche speist und aus meinem Keller tränkt. Das will mir halt’s künftig bei Dienstverlust verbitten. – Bet’ und arbeite! sagt die Schrift – und morgen werden die Ställe gereinigt, ich werde dabei seyn und dem Herrn Däumling – oder, wie der Bengel sonst heißt – der sich etwa blicken läßt, will ich die Wache ansagen.“

Daß Veit, nachdem der Herr Abtritt genommen, eben nicht von seinen Kameraden Dank erhalten haben wird, läßt sich wohl ohne Erinnern denken. – „Plaudermaul, Plappertasche, Stallklatsche, Krippenreiter, Liebediener! waren die Ehrentitel, die ihm unter Accompagement von Rippenstößen wurden. „Ob sie wohl nicht unsre Sprache verstehen sollten?“ fragte, nach Veits Entfernung, – welcher von nun an ordentlich in Verruf gethan wurde – Matthäus, der Großknecht.

„Je, warum sollte das nicht seyn,“ ergriff sogleich Michael das Wort; „denn, wißt ihr nicht, wenn wir manchmal so Abends an der Stallthüre sitzen und über dieses und jenes in unserm Fache plaudern und einen billigen Wunsch aussprechen, so finden wir ihn Morgens straks gewährt. Denn wißt ihr noch, wie Gottfried die Genesung des Rappens, der so stark in Drüsen lag, wünschte und Anne Liese wegen dem bösen Euter der Schnippe weinte, daß beide Morgens darauf gesund waren? – Alles wäre gewiß nicht geschehen, wenn sie uns nicht verstanden hätten.“

[202] „Hast Recht!“ rief Johannes, „drum laßt uns diese guten Geister warnen, damit ihnen kein Unheil widerfahre.“ „Ja, ja! warnen wollen wir sie!“ riefen Alle einstimmig. Was man beschlossen hatte, geschah, die Däumlinge horchten, und befolgten den Wink.

Am andern Tag stand Peter schon früh im Gehöfte und freute sich der Thätigkeit seines Gesindes, das für heute nicht auf die Hilfe seiner Wohlthäter rechnen konnte.

„Nun – knurrte er, als die Mittagsglocke ertönte und Ruhe von der Arbeit verkündete – es geht ja heut ganz ohne Geisterhilfe.“ Indem er aber über die Stallschwelle schritt, entwand sich unter derselben eine dergleichen kleine Kreatur, welche die Morgenruhe am längsten gepflegt hatte. – Es war dieses der ämsigste und drolligste der Gnomen, daher auch die Knechte, um ihn auszuzeichnen, ihm ein rothes Käppchen hatten machen lassen.

„Halt!“ ertönte der Schreckensruf der Stallpräfekten, „halt! schont unsern Liebling.“ Da horchte Peter auf, sah nieder, stieß das gute Geschöpf verächtlich mit dem Fuße fort und zürnte: „Abermals ein neues Insekt, vermuthlich aus Spanien, woher so nichts Gescheutes als Fliegen, Pfeffer und Moden kommt!“ „Schone meiner!“ erinnerte das Männchen; „ich will dir’s wohl vergelten!“ „Ach, was hier, was da!“ polterte Peter, „wer ein rothes Käppchen trägt, ist verdächtig, denn unter so einem Dache wohnt nichts Gutes!“ und so zerquetschte der Barbar es fühllos durch einen Fußtritt.

Von diesem Augenblicke an blieben die Däumlinge aus; das Gesinde, verwöhnt durch ihre Güte, betrieb [203] laß und träge die Arbeit; Alles ging den Krebsgang. – Der Hausherr entließ daher seine Brötlinge und nahm neue, die nicht besser waren. Er wurde betrogen und bestohlen, und aus der Stockung entstand ein förmlicher Geschäftsstillestand; so daß er sich genöthiget sah, mit dem ihm einzig überbliebenen Sechsspänner selbst zu fahren. Dieß war nun freilich besonders für ihn, der nur gute Tage erlebt, in seinem Bereich, was sein Herz begehrte und seinen Augen gelüstete, sich hatte verschaffen können, ein gewaltiger Unterschied. Seine Frau war übrigens auch gestorben und er stand kinderlos ganz allein. Nicht minder bemühten sich seine Anverwandten, um nur seine bis jetzt noch unverschuldet liegenden Grundstücke baldigst zu besitzen, ihn in ein unordentliches Leben zu verwickeln, das ihm um so mehr behagte, weil er aus Unwillen über seinen Rückgang in Lüsten und Genüssen aller Art Zerstreuung suchte. Sein früherer Dünkel verwandelte sich in rohen, stürmischen Trotz, leidenschaftlich liebte er Spiel und Trunk, fluchte, tobte, lärmte, schimpfte, lästerte, kümmerte sich nicht um Gott und sein Wort, und trieb so mehrere Jahre dieses Schand- und Sündenleben. Einst kehrte er am grünen Donnerstage vom Budissiner Jahrmarkte mit seinem Gespann nach Hause, als ein furchtbares Gewitter aufzog. Die Pferde scheuten sich vor den kreuzenden Blitzen und wild rollenden Donner. Peter rasaunte schrecklich und ließ seinen Grimm ob der Durchnässung an den unschuldigen Thieren aus. Endlich rief er in der äußersten Wuth: „Ich wollte, daß euch und mich der Donner erschlüge!“ Da öffnete sich auf einmal [204] der Himmel, Blitz und Schlag stürzte zugleich herab, tödtete ihn, die Pferde und verbrannte den Wagen. Von dieser Zeit an sieht man in der Geisterstunde des grünen Donnerstags ihn ohne Kopf mit seinem Gespann die Kreuz und Quer auf dem Worbisberge hin und her fahren und die Leute sagen dann: „Der graue Peter treibt sein Wesen!“