Das Todtenlied des Kanarienvogels

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Autor: A. Bitter
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Titel: Das Todtenlied des Kanarienvogels
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 279-280
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[279]
Aus dem Thierleben.
I.
Das Todtenlied des Kanarienvogels.

Treten wir einmal aus unserm stolzen aristokratischen Kreise heraus, legen unsere Vorurtheile ein wenig beiseite, und mischen uns in die große kriechende, schwimmende, kletternde und im blauen Aether schwebende Gesellschaft unserer Mitkostgänger bei der guten Mutter Natur, sehen uns das bunte, wirbelnde und doch wieder harmonische Treiben des bei der Erschaffung blos mit Instinkt abgefertigten Völkleins an, so entdecken wir bald in diesem bewegten Leben einzelne Momente, die unsern Glauben an den von vielen Philosophen bewiesenen Satz: daß der Mensch allein Vernunft, das Thier nur Instinkt besäße, über den Haufen wirft. Woher kommt zum Beispiel die Empfänglichkeit des edeln Rosses für das Unheimliche, die dieses Thier so ganz mit dem Menschen gemein hat? Der Renner, der seinen Reiter über ein Schlachtfeld trägt, oder mit ihm des Nachts an einem Friedhofe vorbeitrabt, reißt seine Nüstern weit auf, die Augen quellen aus ihren Höhlen hervor und durch den ganzen riesig starken Körper geht ein Schauder, der von dem eisigen Frösteln, das im gleichen Moment den Leib des Reiters durchzuckt, sich nicht viel mehr zu unterscheiden scheint, als die Liebe Hansens zu seiner Dorfgrete von derjenigen des zarten Stadtjünglings zu seiner Amaranthe. Der Unterschied besteht einzig in der mindern oder größern Heftigkeit der Wirkung der innerlichen Empfindung nach Außen. Die gewaltigen Sehnen und Nerven des Rosses fibriren heftiger, als die feinern Saiten, welche den Geist und den Körper des höhern Wesens mit einander in Verbindung setzen.

Das Moralgesetz, welches sich der gebildete Mensch gegeben hat, hat seine Basis in der Menschenliebe: die schönste Idee der Menschheit ist diejenige der Brüderlichkeit und des gegenseitigen Wohlthuns. Der Socialismus in seinem edelsten und praktischen Sinne regelt und bestimmt sogar diese Richtung, und wandelt sie zur unabänderlichen, durch das weltliche Gesetz gebotenen Pflicht um, und so tief ist das Gefühl der Wahrheit derselben in’s Mark der Menschheit gedrungen, daß sie am Ende den Sieg über alle ihre Gegner behalten wird, so langsam loyal das gefürchtete Gespenst Socialismus einherzuschreiten genöthigt ist. Uebt aber der Mensch, das vernünftige Wesen, einzig diese schöne Idee aus? Keineswegs! – Der Hund des Klosters St. Bernhard wandert in den Tagen des Sturmes und Schneegestöbers unverdrossen auf den eisigen Pfaden und in den unwirthbaren Klüften des schauerlichen Gebirgs umher, um den verirrten oder unter der stürzenden Lawine vergrabenen Wanderer aufzusuchen, dem Erstarrten erwärmende Labung zu bringen und ihn den gastlichen Räumen des Stiftes zuzuführen. Nun, freilich, Alles das hat ihm der Mensch, das vernünftige Wesen, gelehrt. Die Idee ist nicht im Kopfe des Hundes geboren, aber die Ausführung wenigstens geschieht von seiner Seite mit einer Lust, mit so freudigem Eifer, daß eine gewisse Tiefe des Verständnisses seiner Handlung kaum wegzuleugnen ist.

Selbst die edleren Regungen, deren Sitz wir sonst im Menschenherzen allein zu suchen gewohnt sind, und welche gewiß nicht durch die prügelgewürzte Dressur hervor gerufen werden können, die Anhänglichkeit und Dankbarkeit für empfangene Wohlthaten, sind dem Thiere edlerer Gattung keineswegs so fremd, als wir es uns gemeinhin vorstellen. Wir können hierbei ganz vom Hunde, dem gebornen Freunde des Menschen absehen. Züge von seiner Treue, Anhänglichkeit und Liebe sind genug bekannt. Von den Pferden, die bei dem todten Herrn auf dem Schlachtfelde Tage lang stehen blieben und vor Trauer starben, wollen wir ebenfalls schweigen. Weniger bekannt dürfte dagegen sein, daß selbst die Kuh, dieses anscheinend so stumpfsinnige Hausthier, die gleiche rührende Anhänglichkeit an ihre Wohlthäter an den Tag legen kann. Und dennoch ist es so.

Ein Bekannter des Schreibers dieser Zeilen, ein großer Freund von Hausthieren, besaß eine Kuh, nur eine einzige, und diese wurde von ihm selbst mit außerordentlicher Sorgfalt gepflegt, und bei jeder Gelegenheit geliebkost. Umstände veranlaßten ihn indeß, das liebe Hausthier zu veräußern. Mit kläglichem Gebrülle, gleich als fasse sie genau die Umstände, verließ die Kuh den Stall und das Haus. Nach Verfluß von drei Tagen kam der neue Eigenthümer zum Verkäufer, erklärend: er wisse nicht, was mit seiner Kuh anfangen. Seit sie in ihrem neuen Aufenthalt angekommen sei, habe sie weder Futter noch Trank berührt, und – hier das Sonderbarste – Thränen geweint wie ein Mensch. Unaufhörlich rinnen große Zähren über ihre Backen nieder. Leider verweigerte es der Verkäufer, das treue Thier in diesem Zustande zu sehen, sonst hätte bei dieser Zusammenkunft manche interessante Beobachtung gemacht werden können.

Interessanter noch als das so eben Erzählte, dürfte dem Leser folgende Begebenheit erscheinen. Sie beweist, daß gewissen Thiergattungen, namentlich den eigentlichen Musikanten von Profession unter den Thieren – den Vögeln, selbst die Poesie des Schmerzes, die Klage im Liede möglich ist. Ich habe sie einmal vernommen, diese Klage, aus der Kehle eines goldgefiederten Sängers, und ich kann versichern, sie hat mein Herz mächtiger angeregt, als manches stöhnende Schmerzlied unserer menschlichen Poeten.

Ich bin immer ein großer Freund von Kanarienvögeln gewesen. Vor einigen Jahren starb mir ein außerordentlich schönes und zahmes Exemplar dieser muntern Gattung. Der Verlust ging mir nahe, ich ließ den kleinen Leichnam ausstopfen, was so gut gelang, daß dem Vögelchen nichts als die Bewegung fehlte, um für lebendig zu gelten. Lange Zeit stand er so auf meinem Secretär, mit den klugen schwarzen Aeuglein unverwandt auf den gleichen Punkt hinschauend.

Ein anderes Exemplar seiner Gattung nahm seine Stelle als Kammersänger bei mir ein, und war bald eben so zahm, wie sein Vorgänger, so daß man ihn wie ein Hühnchen locken konnte, um das Futter von der Hand weg zu picken.

Eines Morgens – er hatte während der Nacht in seinem Käfig vor dem Fenster gestanden – war der kleine Musikus verschwunden. Ich hatte vergessen, die Thüre seines Gefängnisses zu schließen, und der Flüchtling hatte nach Demokratenweise von seinem ewigen Rechte Gebrauch gemacht und war ohne Abschied davon gegangen. Ich ließ den leeren Käfig offen an seiner Stelle, hoffend, daß der Flüchtige vielleicht blos einen kleinen Ausflug beabsichtigt habe, und sich ein wenig in der Nachbarschaft umsehen wolle, um dann zurückzukehren.

Diese Hoffnung rechtfertigte sich den Tag über nicht. Hänschen blieb verschwunden, und mußte es vorgezogen haben, sein Nachtquartier anderwärts aufzuschlagen, denn auch der Abend brachte den Flüchtling nicht zurück. Ich mußte den Ausreißer verloren geben.

Am folgenden Morgen, als eben die ersten Strahlen der Junisonne in die breite Hauptstraße der schweizerischen Bundesstadt hineindrangen und auf den metallenen Knöpfen der Fenster Ballustres spielten, wurde ich durch den prächtigsten Gesang eines Kanarienvogels, der dicht vor meinem Fenster ertönte, geweckt. Hastig warf ich den Schlafrock über, um an’s Fenster zu eilen, vermeinend, mein Flüchtling sei wieder da. Eben fing das Vögelchen wieder mit einem lang gezogenen Tone an und dann immer höher und höher auf der Tonleiter steigend, mit einen jener kunstreichen, fabelhaften Triller zu endigen, deren wunderbare Kraft und Behendigkeit Erstaunen erwecken, über die kleine Kehle, die solche Janitschaarenmusik hervorzubringen im Stande ist. Das war nicht Hänschens Stimme, so ausgezeichnet sang mein kleiner Liebling nicht. Leise, den Athem zurückhaltend, zog ich den Vorhang zurück. – Im Käfig saß Niemand anders als mein Vogel, ein so unbefangenes Gesicht machend, als sei er sich gar keines Vergehens bewußt, und sich mit dem besten Appetite von der Welt die Hanfkörner in seinem Troge schmecken lassend. Die Bewegung in freier Luft hatte ihn so materiell gestimmt, daß er offenbar keine Zeit zu poetischen Ergüssen übrig zu haben schien. Oben auf seinem Käfig aber saß ein anderer Vogel gleicher Art, aber von seltener Farbenpracht und Schönheit – eine eigentlicher Specialvogel, wie die Tyroler sagen. War dieser der geheimnißvolle Sänger gewesen?

[280] Ich trat leise von dem halbgeöffneten Fenster zurück. Hänschens Besuch schien aber selbst so wenig scheu zu sein, daß er von meinen Bewegungen nicht im Mindesten Notiz nahm. Bald war ich über den Gesang im Klaren. Der fremde Ankömmling begann auf’s Neue seinen prächtigen, trillernden, wirbelnden Gesang, immer länger anhaltend, und dabei die kleine Kehle zum Zerspringen aufblasend. Ich war außer mir über die Schönheit des Vogels und seinen herrlichen Trillerschlag, und sann mir den Kopf aus, wie ich’s anstellen wolle, den goldgefiederten Sänger zu haschen. Dieser machte mir indeß die Sache leichter, als ich sie mir selbst gedacht. Er warf nach Beendigung seines Gesanges das leichte Köpfchen auf die Seite und schaute mit dem einen glänzenden Auge schief in den Käfig hinunter, wo sein College fortwährend unverdrossen seine Hanfkörner bearbeitete. Hunger ist ansteckend. Noch einen sehnsuchtsvollen Blick nach dem Futtertroge, nach kurzem Bedenken noch einen, und der Entschluß zur Ueberschreitung des Rubikons war gefaßt. Eine vorsichtige Promenade rings um den Käfig, kurzer Anhalt und vorsichtiges Umsichschauen bei dem verhängnißvollen Thürchen, und husch! drinnen stak der Schelm, ohne Umstände sich bei seinem Genossen zu Tafel ladend. Mit der höchsten Vorsicht näherte ich mich wieder dem Käfig, immer fürchtend, das flinke Geschöpfchen möchte bei meinem Anblick erschrecken und seinen Flug in’s Freie nehmen. Meine Befürchtung war unnütz. Der kleine Sänger war offenbar die Nähe des Menschen und die Gitterstäbe des Käfigs gewohnt. Er schaute kaum auf die Seite, als ich das Thürchen schloß, das ihm den Weg zur Freiheit versperrte. Triumphirend nahm ich den Käfig mit seinem multiplicirten Inhalte hinein in’s Zimmer, setzte ihn auf den Tisch und konnte nicht satt werden, den prächtigen Fremdling zu betrachten. Als die beiden Insassen ihre Mahlzeit beendigt hatten, zeigte sich ein Uebelstand. Das Futter hatten die beiden Sänger friedlich theilen können, nicht aber den Gesang. Wie der Eine seine schmetternden Triller begann, fuhr der Andere mit gesträubtem Gefieder auf den Collegen los, hackte mit dem Schnabel nach ihm und zeigte alle Merkmale der bittersten Feindseligkeit. – Oder aber, er suchte mit seinem eigenen doppelt lauten Gesang den Gegner zu überschreien. Wieder eine ächt menschliche Leidenschaft, die Eifersucht, dachte ich. Ganz wie im deutschen Parlamente.

Ich hatte indeß keine Lust, Hänschens Eifersucht den prächtigen Gesang meines neuen Wundervogels aufzuopfern; machte also kurzen Prozeß, faßte Hänschen, trotz seines Sträubens, ab und hielt ihn in der Hand fest, um ihn zum Schweigen zu bringen. Vergebliche Mühe; Hänschens beleidigter Ehrgeiz ließ ihn das Unerhörte thun; er sang und schrie, eng umstrickt von meiner Hand, bis zum Platzen seiner kleinen Kehle, sobald nur sein Rivale die Stimme erhob.

Es blieb mir nicht übrig, als die kleinen Wichte gewähren zu lassen. Ich ließ ihnen das Thürchen des Käfigs offen, und das ganze Zimmer zum Spielraum, eine Vergünstigung, von welcher sie auch sogleich den weitesten Gebrauch machten. Sie flatterten lustig in allen Winkeln herum, setzten sich auf Vorhänge und Möbeln, wie aber einer singen wollte, so begann der alte Zank von Neuem. Nach einer Weile schienen die Beiden einander ein wenig überdrüssig zu werden; Hänschen suchte seinen Käfig und die Hanfkörner wieder auf und der neue Ankömmling schwang sich auf den Secretair hinauf, wo der ausgestopfte Bruder, von dem ich eben gesprochen, unbeweglich auf seinem kleinen hölzernen Piedestal saß. – Nun begann ein Auftritt, den der Leser vielleicht sehr sich versucht fühlen dürfte, für eine Fabel zu erklären, und ich selbst würde ihn unbedingt für ein Mährchen, für die phantastische Vorstellung eines kranken Gehirns halten, hätte ich ihn nicht mit meinen eigenen Sinneswerkzeugen wahrgenommen, und könnte die Authenticität dessen, was ich erzähle, verbürgen.

Der fremde Vogel näherte sich dem todten zuerst unbefangen, wie in der Absicht, mit ihm zu schäkern. Unverkennbar hielt er ihn für ein lebendiges Wesen; er pickte nach seinem Schnabel, rupfte an den gelben Federchen und sucht auf jede Weise die Aufmerksamkeit des Unbeweglichen auf sich zu lenken. Als ihm dieses natürlich nicht gelang, schien er unwillig zu werden und stieß ein paar zankende, keifende Laute hervor. Dann begann er das alte liebkosende Spiel mit gleich schnellem Erfolge von Neuem. Endlich schien ihm die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen klar zu werden. Fast scheu trippelte er ein wenig von dem Todten weg und schaute ihn ein Weilchen unverwandt an. Plötzlich fing er an zu singen und nie im Leben werde ich diese wundersamen Töne des Schmerzes und der Klage vergessen, die ich in jenem Augenblicke vernahm. Zuerst leise, kaum hörbar entrangen sie fast wie Geisterseufzer, wie das Klingen der Aeolsharfe der kleinen, goldbefiederten Brust. Es war der natürliche Gesang des Kanarienvogels, seine phantastischen launenhaften Wendungen, sein capriziöser Trillerschlag und doch wieder unendlich verschieden von dem lärmenden, melodielosen Gezwitscher dieser Gattung der Singvögel. Jeder Ton war Wehmuth, kein Componist der Erde, selbst Mozart oder Haydn, hätten es nicht vermocht, diese Klage der Seele in die flüchtigen Tonwellen ihrer göttlichen Musik zu bannen. Ich lauschte fern, regungs- und athemlos. In diesem Momente trat meine Frau in’s Zimmer, unwissend, um was es sich handle. Ich winkte ihr ängstlich zu schweigen, indem ich zugleich auf das singende Vögelchen hinwies. Der Sänger fuhr ungestört fort, während wir Beide mit verhaltenem Athem diesen märchenhaften Tönen lauschten. Der Gesang wurde nach und nach lauter, leidenschaftlicher, dann wieder langgezogen, leiser, fast wie Nachtigallenschlag, und endete in einem leisen, kaum hörbaren Flüstern. Ich wandte mich nach meiner Frau um. Sie weinte. Auch auf sie, die den Vogel noch nicht gesehen, den Anfang der Scene nicht belauscht hatte, hatte die Todtenklage des Vogels den gleichen, ja einen noch mächtigeren Eindruck hervorgebracht, als auf mich selbst, und doch leidet sie weder an übertriebener Empfindelei, noch theilt sie meine Leidenschaft für die Singvögel, und kann namentlich die Kanarienvögel wegen ihres betäubenden Geschreies nicht gut ausstehen.

Der wunderbare Vogel ersparte mir die Sorge, nach seinem legitimen Eigenthümer zu forschen. Gleich den menschlichen Poeten liebte er die Freiheit, schon nach wenigen Tagen war er auf eben so räthselhafte Weise verschwunden, wie er gekommen. Man hatte seinen Käfig nicht sorgsam genug verschlossen. Er kehrte nie wieder. Jahre sind seitdem dahin gegangen, aber immer noch zieht zuweilen das zauberhafte, wehmuthsvolle Lied des goldgefiederten Sängers traumhaft an meinem Ohre vorüber.

Die Wahrheit, die treue, schmucklose Wahrheit des Erzählten aber kann ich verbürgen.
A. Bitter.