Das Urbild eines Fabelwesens

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Titel: Das Urbild eines Fabelwesens
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aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 417
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[417]
Das Urbild eines Fabelwesens.
Polyp und Seeschlange.

In alten Sagen und Dichtungen, auch in alten naturwissenschaftlichen Beschreibungen begegnet uns der Polyp als ein schlimmes Ungeheuer, und bei weniger geschulten Geistern ist noch heute das Wort „Polyp“ mit rätselhaften Begriffen verbunden. Polypen tummeln sich noch hier und dort gar abenteuerlich in der volkstümlichen Phantasie. Mit jenen Fabelwesen hat zunächst der einfache Polyp, der in unseren Teichen und Gräben lebt, nichts zu thun; ihn kennt wohl ein jeder, wenn nicht vom Augenschein, so doch vom Hörensagen, denn er ist ja das Wundertier, das man in Stücke zerhacken kann, wobei aus jedem Stück ein neuer Polyp wächst.

Die Gartenlaube (1894) b 417.jpg

Kampf zwischen Krake und Hummer.
Nach einer Originalzeichnung von G. Mützel.

Unser Süßwasserpolyp ist in der That ein höchst merkwürdiges Geschöpf, das von Wasserpflanzen, namentlich Wasserlinsen lebt und leicht in einem einfachen Süßwässeraquarium beobachtet werden kann. Sein Körper ist schlauchförmig, etwa 2 cm groß, von grüner Farbe. Mit dem scheibenartig abgeplatteten Ende sitzt er an einem Blatte fest, an dem freien Ende befindet sich der Mund, von einem Kranze von Fühlfäden umgeben. Der Körper des Polypen kann alle möglichen Formen annehmen, bald rollt er sich zu einer Kugel zusammen, bald dehnt er sich zu einem Faden aus. Der Polyp ist sehr einfach organisiert, er hat nur eine Höhle im Körper, welche mit ihrer inneren Wand, dem „Entoderm“, die Nahrung verdaut und wahrscheinlicherweise auch atmet. Die äußere Wand besitzt aber noch die sogenannten Nesselorgane, kleine Kapseln, in denen an langen Spiralfedern mit Gift gefüllte Bläschen liegen. Der Polyp wendet sie an, um andere Tiere, die er erbeuten will, zu lähmen. Er ist auch ein gefräßiges Tier, und mitunter geschieht es, daß ein Polyp den anderen, mit dem er zugleich ein Beutestück erfaßt hat, verschlingt und buchstäblich aussaugt.

Alle diese Eigenschaften reichen jedoch nicht hin, um den Polypen zu einem gefürchteten Ungeheuer zu machen, und selbst wenn wir das Meer aufsuchen, so müssen wir die Polypen eher bewundern, denn für schreckliche Wesen ansehen, sie arbeiten dort an jenen Wunderbauten, die unter dem Namen „Korallen“ bekannt sind.

So ist wohl der Polyp der Alten nur ein Phantasiegebilde? Durchaus nicht! Im Laufe der Jahrhunderte ist nur, wenn man so sagen darf, den echten Polypen der Name gestohlen und den soeben erwähnten Hohltierchen gegeben worden. Dies geschah im Anfang vorigen Jahrhunderts durch den berühmten Forscher Réaumur. Die Alten verstanden unter den Polypen ganz andere Tiere. „Polypus“, d.h. wörtlich „Vielfuß“, nannte Aristoteles das Seetier, welches uns heute unter dem Namen „Tintenfisch“ bekannt ist. Diese Mollusken, Kraken und Sepien, sind in der That so grausame Bestien, daß man bei ihrer näheren Betrachtung die Volksphantasie, die den Polypen mit so vielen unheimlichen Zügen ausgestattet hat, gern entschuldigen wird. Die Kraken erscheinen hier als jene wunderbaren Inseln, von denen schon in der [418] Legende von der Wunderfahrt des heiligen Brandanus die Rede ist. „Kaum waren sie im Meer,“ heißt es in derselben, „so wartete ihrer ein seltsames Abenteuer. Sie fuhren eine Insel an, wo kein Kraut wuchs, nur spärliche Gesträucher, auch erblickten sie am Ufer keinen schlammigen Rand. Ehe sie dieses erreicht, stand das Fahrzeug schon fest. St. Brandan ließ nun mit Tauen das Schiff ans Land binden. Er selbst blieb in der Nacht an Bord, weil er die Gefahr kannte. Am Morgen, nachdem die Brüder am Lande die Messe celebriert, trugen sie Fleisch und Fische aus dem Fahrzeug und schürten ein Feuer unter ihrem Kochgeschirr an. kaum begannen die Kohlen zu glühen, so wurde der Boden unter ihnen lebendig wie eine flüssige Welle. St. Brandan half den erschreckten Brüdern rasch in das Schiff steigen, jene Insel aber trieb hinaus ins Meer und noch bis auf zwei Meilen Entfernung sahen sie ihr Kochfeuer an ihrem Rande glimmen. Der heilige Abt erklärte aber seinen Begleitern, Gott habe ihm in der Nacht das Geheimnis der Insel offenbart, denn was sie für eine Insel gehalten, sei nur ein großer Fisch gewesen, der immer mit dem Kopf nach seinem Schweif hasche, aber ihn nie erreichen könne, so lang sei er. Der Fisch aber heiße Jasconius.“

Die Neuzeit säuberte das Meer von allen ähnlichen Ungeheuern, bis auf die Seeschlange, die sich noch mitunter zeigt und auf die wir weiter unten noch des näheren zu sprechen kommen werden. In der Neuzeit konnte auch der Polypus des Aristoteles wieder zu Ehren kommen. Mit dem heutigen Polypen hat der des Aristoteles, der Tintenfisch, nur das äußere Kennzeichen gemein, daß er am Munde eine Anzahl (8 bis 10 Fangarme besitzt, in denen eine ungeheure Muskelkraft aufgespeichert ist, so daß er sie nicht nur als Greif-, sondern auch als Fortbewegungswerkzeuge benutzt und oft gewaltige Sprünge damit macht. Von berühmten Forschern wie James Roß wird berichtet, daß Sepien selbst auf das Deck eines 5 Meter über den Meeresspiegel emporragenden Schiffes sprangen.

Die Lebensgewohnheiten der achtfüßigen Kraken und zehnfüßigen Sepien wurden in der neueren Zeit in den Seeaquarien aufs eingehendste studiert. Hier wie in der Freiheit treten die Kraken als echte Seeräuber auf, indem sie Steine zu einer Umwallung herbeischleppen und sich einen Schlupfwinkel bauen, worin sie auf die vorbeischwimmende Beute lauern. Krebse oder Fische werden von den muskulösen Armen wie von Schlangen umschlungen und zerquetscht. Ja, es wurde beobachtet, daß ein Krake mit seinen weichen Armen einen großen Hummer in der Mitte entzweiriß. Als man im Aquarium der Zoologischen Station zu Neapel einen Hummer, um ihn gegen die Angriffe der gierigen Kraken zu schützen, in ein Nachbarbecken setzte, übersprang der Krake die trennende Mauer, um sich auf sein Opfer zu stürzen.

Ebenso verfahren die Sepien, die sich in den Sand einwühlen und so auf die vorbeischwimmenden Fische lauern.

Seitdem es gelungen ist, Seewasser künstlich so herzustellen, daß Seetiere und Seepflanzen darin fortkommen, kann man die Urbilder des „Polypen“ auch in vielen Städten des Festlandes beobachten. Solche Wandlungen hat der Polypus des Aristoteles in den Anschauungen der Menschen durchmachen müssen! Einst als Ungeheuer gefürchtet, wird er jetzt zur belehrenden Unterhaltung gezüchtet.

C. F.
*     *     *

Es ist oben davon die Rede gewesen, daß von all den fabelhaften Ungeheuern, mit denen unsere Vorfahren das Meer bevölkerten, nur die „Seeschlange“ der Neuzeit standgehalten habe. Allerdings giebt es viele, welche das Dasein dieses Wesens auf die Zeitungsspalten beschränken möchten, durch die es sich mangels anderer aufregender Ereignisse während der „Sauregurkenzeit“ hindurchzuschlängeln liebe. Das ist indessen doch nicht so ganz richtig. Wir verdanken über die Frage der Seeschlange dem Marinepfarrer a. D. Heims Ausführungen, die wir im folgenden unsern Lesern mitteilen. Heims schreibt:

So ganz leicht abgethan ist die Frage nach der Seeschlange denn aber doch nicht. Es ist nach der heutigen Lage der Forschung jedenfalls unwissenschaftlicher, ihrem Dasein ein einfaches absprechendes „Nein“ entgegenzusetzen, als sie durch ein bedingtes „Ja“ zu bestätigen.

Daß etwas wie eine „Seeschlange“ oft gesehen worden ist, dürfte überhaupt nicht zu bezweifeln oder anzufechten sein. Die Zeugnisse für das Vorkommen eines Ungeheuers der Tiefe, dessen Erscheinungsform man als „Seeschlange“ bezeichnet hat, sind zu zahlreich und zu beweiskräftig, auf dem beruhend, was unbefangene und wissenschaftlich gebildete Leute gesehen und dienstlich und eidlich bekräftigt haben. Es würde hier zu weit führen, die einzelnen Berichte wiederzugeben. Nur einige, die von Kriegsschiffkommandanten an ihre vorgesetzte Behörde erstattet wurden, seien hervorgehoben, um an ihnen zu untersuchen, was die Beobachter eigentlich gesehen haben können.

Zunächst scheinen alle diejenigen Berichte wertlos zu sein, die von einer Riesenschlange reden, welche in auf und abgehenden Windungen sich vorwärts bewegt haben soll. Das thut keine Schlange; alle Seeschlangen – es giebt deren ja in kleinerem Format genug im Indischen Ocean – machen wagerechte, aber keine senkrechten Windungen, d. h. sie schwimmen nach der Art eines Aales, und der Bau der Rückenwirbel erlaubt ihnen gar keine andere Art der Fortbewegung, weder im Wasser noch am Lande. Bei solchen Schilderungen werden wir es etwa mit einer kurz oder lang auseinander gezogenen Kette von Tümmlern oder Delphinen zu thun haben, die in fröhlicher Meerfahrt, genau Abstand haltend, hintereinander herziehen, wie man das auf See so oft beobachten kann, und dabei den runden, glänzenden Rücken ins Wasser senken und wieder aus der See auftauchen.

Bezeichnend ist zunächst in allen in Betracht kommenden Berichten aus älterer und neuerer Zeit die „Mähne“, welche den aus dem Wasser ragenden Kopf des Tieres bekleidet, zum Teil „in Schulterhöhe“, und ebenso besonders die Stelle aus dem Bericht des Kommandanten des englischen Kriegsdampfers „Dädalus“ (1848), daß von der ganzen Länge des Leibes der erschauten Seeschlange kein Teil zur Fortbewegung benutzt wurde, während das Tier nicht im allergeringsten von seinem geraden Kurse abwich; und dann noch eine Stelle aus dem Bericht des „Castilian“ (1857): „Das Wasser war“ – bei einer Erscheinung, die der eben erwähnten ganz ähnlich war – „auf mehrere hundert Fuß vom Kopf ab gefärbt,“ so daß der Kapitän, nahe bei St. Helena, das Gefühl hatte, in flachem Wasser zu sein. Das Tier zeigte Hals und Kopf etwa zwölf Fuß (3 bis 4 Meter) oberhalb des Wassers, zwanzig Ellen vom Schiff entfernt. Der Kopf war mit einem „Wulst loser Haut“ umgeben, der hier die sonst geschaute „Mähne“ vertritt. Das Untier war „wenigstens 200 Fuß“ (60 Meter) lang“. Solche Schätzungen sind indessen immer mit großer Vorsicht aufzunehmen, jedenfalls war diese Seeschlange keine „Schlange“. Und so oft das Ungeheuer überhaupt sich sonst sehen ließ, war’s ebenfalls kein Reptil. Auch die berühmte „Seeschlange“ des Hans Egede (1730) nicht. Er selbst spricht auch gar nicht von einer „Schlange“, nur von einem „Ungeheuer“, das eine lange, scharfe Schnauze hatte: es „blies Wasser wie ein Wal und hatte sehr große flügelartige Ohren. Der untere Teil war wie eine Schlange gebildet. Nach einiger Zeit tauchte das Tier rückwärts ins Wasser und steckte dann seinen Schwanz übers Wasser, eine Schifsslänge vom Kopf entfernt“.

Egede hat, bis auf eine Verwechslung, sehr genau gesehen und sehr gewissenhaft berichtet. Was er sah, war ein Riesenkalmar, ein Architeutes, ein Riesentintenfisch, gemeinhin ein „Krake“, der aller Wahrscheinlichkeit nach in allen beglaubigten Berichten das geschaute Urbild der „Seeschlange“ darstellt. Daß es Riesenexemplare davon giebt, ist nach den schnell hintereinander gemachten Funden von Neufundland im Jahre 1873 nicht mehr zu bezweifeln. Nach sorgfältiger Berechnung wurden die Ausmaße des einen gestrandeten Riesen auf 3 Meter Körperlänge angegeben, der Durchmesser auf 76 Centimeter. Die Länge der Fühler betrug 9½ Meter, die des Kopfes 60 Centimeter; die Gesamtlänge des gestreckten Tieres 12½ Meter.

Der französische Kriegsaviso „Alceton“ machte 1861 den vergeblichen Versuch, ein noch größeres Exemplar zu fangen, einen Polypen der beschriebenen Art, dessen Körper ohne die Arme 5 bis 6 Meter lang war. Leider wurde der zu weiche Rumpf von der ihm glücklich umgeworfenen Schlinge hinter den Schwanzflossen durchschnitten. Das Gewicht des ganzen Ungeheuers wurde auf 2000 Kilogramm geschätzt. Aus dem getrübten Wasser verbreitete sich starker Moschusgeruch.

Wie macht dies Ungeheuer es aber möglich, als „Seeschlange“ auf der Bildfläche zu erscheinen? Die Sache ist einfach genug!

Die längliche, torpedoartige Gestalt des Leibes gestattet den Tieren, mit großer Geschwindigkeit rückwärts durch das Wasser [419] zu schießen vermöge der Wirkung des Wasserstrahls, den sie durch ein Spritzloch in der Stirn mit besonders großer Gewalt ausstoßen. Die Kraft, welche dadurch ausgeübt wird, ist oft so groß, daß die Tiere jene Bewegung nach rückwärts mit der Richtung des Körperendes nach oben so steigern, daß dieses im Winkel aus dem Wasser hervorragt.

Das würde der „Kopf“ der Seeschlange sein, dem auch die Mähne nicht fehlt, denn die Riesentintenfische haben an beiden Seiten dieses torpedoartig glatt und spitz zulaufenden Hinterkörpers eine Art Flossen, die nach dem Körper zu sich verbreitern. Auch sie ragen bei der rückwärtig schnellen Bewegung hoch aus dem Wasser auf, jene „Mähne“ oder „den Wulst loser Haut“ darstellend, von denen in den Berichten die Rede war. Die riesenlangen, aneinander gelegten Arme des Tieres schleifen bei dem Rückwärtsgehen durchs Wasser lang und elastisch nach und kommen dabei stellenweis wellenförmig zu Gesicht, das Kielwasser des Tieres in hastiger Bewegung aufregend und so seine Länge scheinbar ins Ungeheuere steigernd: das ist der schlangenartige Leib, der zu dem mähnenumwogten „Kopf“ des Polypen gehört – und die „Seeschlange“ ist fertig, wesentlich gleich bedeutend mit einem in Bewegung befindlichen Riesentintenfisch, der als „Sepia“ eine Tintenblase besitzt, durch deren Entleerung das Wasser trüb gefärbt wird, wie beim Vorbeigehen der „Seeschlange“ am Heck des „Castilian“. Nun verstehen wir auch, weshalb die „Seeschlange“ des „Dädalus“ ohne wagerechte oder senkrechte Bewegung des Leibes so schnell vorwärts kam und ihren Kurs so steif innehielt; und auch daß Egede sie „Wasser blasen“ sah, nur daß dieser in der Eile der Beobachtung den Wasserstrahl, den das von der See gehobene Tier von sich gab, mit dem Kopf und den „flügelartigen Ohren“ zusammensah.

Nach dem heutigen Stande der Forschung möchte die Frage nach der Seeschlange sich damit annähernd beantworten. Daß aber auch noch andere Erscheinungen, wie Wale, Fische u. s. w., als „Seeschlange“ bezeichnet worden sind, dürfte nicht ausgeschlossen sein.