Das Voigtland und die Voigtländer

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Autor: Unbekannt
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Titel: Das Voigtland und die Voigtländer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, 18, S. 267–269, 287–288
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Das Voigtland und die Voigtländer.

Außer den von dem großen Strome der reiselustigen Welt überflutheten und darum allbekannten deutschen Gauen giebt es noch manchen kleinen Erdenwinkel im großen Vaterlande, der es verdient, näher gekannt zu sein, weil er in Namen, Sitte und Mundart noch ein Stück besondern deutschen Lebens und deutscher Eigenart, trotz der Alles nivellirenden Macht der modernen Zeit, als theures Erbtheil der Väter sich treulich bewahrt hat. – In einen solchen Winkel des deutschen Vaterlandes wollen wir heute unsere Leser einführen, mit dem Wunsche und der Hoffnung, daß sie es nicht bereuen mögen, uns dahin gefolgt zu sein.

Das Voigtland (in den Urkunden des Mittelalters: Terra Advocatorum) nannte man, etwa seit dem 11. Jahrhundert, den Landstrich, welcher von dem Flußgebiete der weißen Elster bis Weida, und den an den Quellen der Saale und der Zwickaner Mulde liegenden Gegenden gebildet wird, und somit den jetzigen voigtländischen Kreis des Königreichs Sachsen, die Reußischen Fürstenthümer, den größten Theil des bairischen Oberfranken und einige Ortschaften des Großherzogthums Sachsen-Weimar und des Herzogthums Sachsen-Altenburg umfaßte. Dieses Gebiet war um das neunte und zehnte Jahrhundert den bis hieher vorgedrungenen slavischen Stämmen der Sorben und Wenden[1] wieder abgerungen und unter die Verwaltung kaiserlicher Beamter gestellt worden, welche den Namen: „des heiligen römischen Reiches Voigte“ (in lateinischen Urkunden Advocati) als Amtstitel führten. Mit der Erzählung der politischen Veränderungen, die im Laufe der Jahrhunderte dieses Gebiet betrafen, – wie die Voigtswürde in der Familie der „Reußen“ zu einem erblichen Lehen theils der Krone Böhmen, theils des Kaisers und Reiches wurde, wie durch Erbschaft, Tausch, Verkauf die einzelnen Gebietstheile bald zerrissen, bald wieder vereinigt wurden, wie die Nachkommen der neuen Reichsfürsten, die nun als „Voigte und Herren zu Plauen“ seit mehr als 800 Jahren sämmtlich den Namen Heinrich führten, jetzt als Fürsten Reus; älterer und jüngerer Linie zu den kleinsten Souverainen des deutschen Bundes gehören – wollen wir unsere Leser nicht ermüden und erwähnen nur, daß der jetzige voigtländische Kreis des Königreichs Sachsen erst durch Verpfändung und dann durch Verkauf im Jahre 1569 an das damalige Kurhaus Sachsen kam und seitdem unverändert sächsisch blieb.

Diesen Kreis, der bei der neuern polnischen Eintheilung Sachsens zur Zwickauer Kreisdirection geschlagen wurde, aber neben manchen ihm belassenen Sondereinrichtungen, wie z. B. den besondern Kreisständen, gern den alten Namen beibehält, nennt man gegenwärtig im engeren Sinne und vorzugsweise das Voigtland, während die andern Theile des früher so genannten größeren Gebiets diese Bezeichnung fast ganz verloren haben. Dieses Voigtland, das wir hier allein im Sinne haben, erstreckt sich von den Grenzen Baierns und Böhmens nördlich und östlich bis zu den reußischen Gebieten und zum Erzgebirge, und umfaßt einen Flächeninhalt von 25 Quadratmeilen mit mehr als 100,000 Bewohnern. Das Ländchen, welches nach seiner natürlichen Beschaffenheit in das südöstliche Waldrevier und das nordwestliche Landrevier sich abtheilt, ist von den Bewohnern des fetten sächsischen Niederlandes sonst viel verschrieen und mit dem Unnamen des Sächsischen Sibiriens beehrt worden. Aber es ist in der That besser und schöner als sein Ruf, den ihm überhaupt nur der flüchtige Blick zugezogen haben mag, mit welchem es der Reisende auf der sonstigen großen Poststraße, die von Leipzig nach Nürnberg führt, zu betrachten pflegte. Zu Gunsten einiger Rittersitze wurde diese Chaussee vor ungefähr fünfzig Jahren in unzweckmäßigster Weise über die höchsten Berge und durch die ödesten Gegenden des Voigtlandes geführt, anstatt sie dem natürlichen Wege der Flußthäler folgen zu lassen, und wer bei der Stadt Reichenbach die Provinz betrat und einen Blick auf die dunkeln Wälder und die rauhen Abgründe warf, die ihm hier gerade entgegenstarrten, dem mußte die Gegend freilich den Eindruck finsterer Unwirthbarkeit machen; der erste Eindruck ist aber bei Gegenden, wie bei Menschen, immer der stärkste und bleibendste.

Jetzt, wo die Eisenbahn das Ländchen durchschneidet oder richtiger an seiner Nordwestgrenze umfährt, empfängt auch der flüchtig Reisende ein ganz anderes, ansprechenderes Bild des an Naturschönheiten keineswegs armen Hügel-Ländchens. Der Blick aus dem Fenster des Coupés schon eröffnet ihm von der Höhe der riesigen Göltzschthalbrücke die Aussicht auf ein freundliches Thal mit dem Städtchen Mylau und die mit dem alten Kaiserschlosse Sigismund’s gekrönte Höhe, dann von der fast ebenso hohen Elstertbalbrücke bei Jocketa den Einblick in wildromantische, von der über zerstreute Felsblöcke dahin brausenden Elster belebte Thalschluchten, endlich von der Hochebene bei Reuth herab einen weiten Ueberblick über einen großen Theil des Voigtlandes mit einer Menge freundlicher Dörfer und der stattlichen fernher leuchtenden Stadt Plauen.

Wer aber erst den Wanderstab ergreift und das Elsterthal von dem zwischen dunkelbewaldeten Bergwänden auf grüne Wiesen idyllisch hingelagerten Badeort Elster an bis nach dem „Steinicht“ oder der „voigtländischen Schweiz“, einem zwischen schroffen, pittoresken Felsenwänden eine halbe Stunde lang sich hinziehenden Thale, an dessen Ende das neugebaute Städtchen Elsterberg neben seiner alten Burgruine vom Berge herab ihm entgegenwinkt, rüstig durchpilgert, – wer das enge Thal der Trieb, die bei der Elsterthalbrücke über gewaltige Felsblöcke in die Elster hereinstürzt, weiter verfolgt und die Mühe nicht scheut, durch kühle, dämmernde Waldschluchten sich hindurchzuzwängen, – wer die Pracht eines [268] duftigen Fichtenwaldes, dessen kerzengerade Stämme vom weichen, reinlichen Moosteppich gleich den Säulen eines gothischen Domes zum Himmel emporstreben und ihr dunkles Grün von dem frischen Laube weißstämmiger Birken malerisch abheben, wer die Reize saftiger, smaragdgrüner Wiesengründe, die an hellen, munter rieselnden Flüßchen und Bächen sich hinziehen, wer die Schönheit in sanften Wellenlinien sich erhebender Hügel und stiller, lauschiger, mit würzigen Kräutern und Feldblumen geschmückter Thäler zu würdigen und zu empfinden versteht, der wird das Voigtland gewiß mit zu den schöneren Gegenden des Vaterlandes zählen und mindestens der Langweiligkeit jener weiten, wenn auch fruchtbareren Flächen des sächsischen Niederlandes vorziehen, wenn es gleich mit den überwältigenden Alpenhöhen Tyrols, den reizenden Rebenhügeln der Rheinufer, den prächtigen Buchenwäldern Thüringens nicht zu prangen vermag und, wie nicht zu leugnen ist, einzelne öde und einförmige Landstriche aufzuweisen hat.

Auch die Fruchtbarkeit der gütigen Mutter Natur ist keineswegs so ärmlich und dürftig, wie der wohlhäbige Sammtbauer der Lommatzscher Pflege, der das Voigtland vielleicht nur von Hörensagen kennt, sich wohl einbilden mag. Seine Erzeugnisse beschränken sich nicht blos auf Holz, Kartoffeln (hier „Erdäpfel“) und Waldbeeren, obwohl es in diesen Artikeln gerade das Trefflichste leistet. Die Wälder freilich sind seit 30 bis 40 Jahren bedeutend gelichtet worden; doch hat das Waldrevier noch große Strecken schönen Holzes, das namentlich in den ausgedehnten Staatswaldungen, wie in den umfangreichen Gemeindewäldern der Stadt Plauen, durch rationelle Forstcultur sorgfältig gepflegt wird. Die Kartoffeln, die gegen Ende des 17. Jahrhunderts ein voigtländischer Bauer aus England zuerst nach Deutschland brachte und die deshalb lange Zeit „voigtländische Knollen“ hießen, bilden freilich leider das Hauptnahrungsmittel der ärmeren Classen, sind aber von vorzüglicher Güte. Seine Waldbeeren, die Preißelsbeeren, die Heidelbeeren und die Walderdbeeren (letztere gewöhnlich nur „schwarze“ und „rothe“ Beeren genannt) gereichen dem Voigtlande gewiß nicht zur Schande; werden sie doch zum Theil in ferne Gegenden ausgeführt, und vorzüglich die kleine, purpurne, duftige, würzige Walderdbeere ist eine Frucht, um die manche mit den edelsten Südfrüchten prangende Gegend das gute Voigtland beneiden kann. Aber auch außer diesen besonders heimischen Erzeugnissen ist das Voigtland nicht so arm an den Gaben der mütterlichen Erde. In den weiteren Thälern, den Ufern der Elster und auf den mäßigen Höhen, die sich an ihnen hinaufziehen, wogen die Roggen-, Weizen- und Rapsfelder in üppiger Pracht, und die im vorigen Herbst veranstaltete Ausstellung des voigtländischen Gartenbauvereines zeigte neben einer Fülle der herrlichsten Blumen auch die edelsten und feinsten Obstsorten, riesige Gurken, saftige Melonen und – selbst in dem berüchtigten Weinjahre 1860! – schöne blaue und grüne, wenn auch etwas harte, doch ziemlich reife Weintrauben. Unter ihrer Oberfläche birgt die Erde manche Schätze in nicht ganz unbedeutenden Eisen- und Kupferlagern, und die Göltzsch führt sogar Goldsand, der früher auch ausgewaschen wurde, ohne jedoch die Kosten zu lohnen; die Elster aber führt bekanntlich Perlenmuscheln mit schönen Perlen, deren das grüne Gewölbe zu Dresden einige von hohem Werthe besitzt. – Das Voigtland hat demnach des Schönen und Guten so Manches, und nicht unverdient ist das Heimathsgefühl, mit dem seine echten Kinder ihm in Liebe und Treue zugethan zu sein pflegen.

Ein kräftiger, biederer, offener und treuherziger, genügsamer und fleißiger Volksstamm ist es, der das Voigtland bewohnt, in seinem Wesen und Leben dem Erzgebirger, dessen Lande das höhere Waldrevier ähnelt, nahe verwandt und doch in mancher Hinsicht sehr von ihm verschieden. Mit ihm theilt der Voigtländer die Geradheit und Gutmüthigkeit des Charakters, die Genügsamkeit und Sauberkeit der Lebensweise, die Frohsinnigkeit des Gemüths und die Ausdauer in der Arbeit; aber während man bei den Bewohnern des höheren Erzgebirges, wenigstens der ärmeren Classen, häufig einem etwas gedrückten und übermäßig demüthigen Wesen begegnet, blickt der Voigtländer freier und selbstbewußter in die Welt, und kommt dem Fremden, zwar meist ohne die Förmlichkeiten der sprichwörtlich gewordenen sächsischen Höflichkeit, aber mit gastlicher Freundlichkeit offen entgegen. Auch in seiner äußern Erscheinung ist er stattlicher und kräftiger als jener, und im Allgemeinen mehr von hohem und schlankem, als von kurzem, untersetztem Wuchse. Die eigenthümliche Stammesart des Voigtlandes hat sich freilich mehr nur auf dem Lande erhalten, als in den Städten, welche fast alle bedeutende Industrieorte sind und als solche durch den fluthenden Verkehr der Neuzeit eine Menge fremder Volkselemente aus allen deutschen Gauen und selbst aus dem Auslande in sich aufgenommen haben. Der voigtländische Bauer jedoch zeigt noch in vielen Seiten seiner Erscheinung und seines Lebens die alte, hergebrachte Art. Eine eigene Volkstracht, wie z. B. der Tyroler oder der Altenburger, hat er zwar kaum noch, oder höchstens in einzelnen Stücken der Kleidung. Ueberhaupt ist es ein eigenes Ding um die Kleidung des Landvolks, welche der Städter nicht selten für uralte, herkömmliche Volkstracht ansieht, während sie doch nur alte Moden zeigt, die vor 50, 60, ja 100 Jahren die allgemeine Tracht auch der Städter waren, und sich langsam bis auf’s Land hinaus Bahn brachen, wo sie sich wieder länger fort erhielten, als in den beweglicheren Lebenskreisen der Stadt.

So sah man den älteren voigtländischen Bauer in seinem Sonntagsstaate noch vor 30 bis 40 Jahren hin und wieder mit dem Dreimaster, dem langen Rocke ohne Kragen mit tellerartigen Metallknöpfen, kurzen Beinkleidern und Schnallenschuhen prangen – einer Tracht, die in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts jeder ehrsame und angesehene Bürgersmann trug; die grauen aber mochten damals in ihrem steifen, engärmeligen Corset (voigtländisch: „Karschett“) und ihrem dicken, faltigen Rocke so ziemlich als Copien unserer Urgroßmütter gelten.

So geht denn heutzutage der voigtländische Bauer des Sonntags in bürgerlicher Tracht von etwas veraltetem Schnitte, mit runter Mütze oder steifem Filzcylinder einher, und nur die Wahl bunter Stoffe und Muster zu Weste und Halstuch verräth seinen ländlichen Geschmack. Standhaft hat er aber bis jetzt das unnatürliche Zwitterkleid des Frackes von sich abgewiesen, außer wenn es die Etiquette der Residenz Einem als bäuerlichem Landtagsabgeordnelen aufgedrungen, und bleibt bei seinem langen Rocke, der nur bei der Arbeit, zumal von der Jugend, mit der kurzen Jacke vertauscht wird. Neben dieser tuchenen Festtagstracht hat er jedoch als Werkeltagskleid fast überall noch den rockartig gemachten Kittel und die Hosen aus grober blauer Leinwand beibehalten, und diese Kleidung allein mag man als die eigenthümliche bäuerliche Volkstracht des männlichen Voigtländers betrachten. – Die Bäuerinnen kleiden sich in faltige Röcke von verschiedenen Farben und Stoffen. Am beliebtesten ist noch immer der wollene sogenannte „Dresdner Rock“, meist von scharlachrother Farbe mit schmalen schwarzen oder andersfarbigen Längenstreifen. Den weiten Ausschnitt des von anderem Stoffe gemachten Mieders bedeckt züchtig das große bunte, auf der Brust über einander gelegte, auf dem Rücken dreieckig bis zur Taille herabfallende Halstuch. Dabei zeigen sich die Mädchen im Hause bei der Arbeit und Sonntags beim Tanze in den kurzen, weißen Hemdärmeln, die immer sauber und reinlich, beim Tanze sogar nicht selten mit feinen garnirten oder spitzenbefetzten Ueberärmeln bedeckt sind. Diese Tracht läßt den frischen, kräftigen Mädchen sehr schön, weil sie ebenso natürlich wie sittsam ist und doch die Anmuth der oft schönen, schlanken Gestalten nicht verbirgt.

Schwerfälliger und überladener zeigt sich die Bäuerin, wenn sie ihren vollen Putz angelegt hat, um zur Kirche oder nach der Stadt zu gehen. Denn dann bekleidet den Oberkörper noch das dicke „Karschett“, das in jetziger Zeit mit den unschönen Bauschärmeln der Damenmode der Steif- und Reif-Aermel, wie sie vor dreißig Jahren getragen wurden, kläglich nachhinkt, und die mehreren Röcke, die dann wohl über einander angezogen und noch von der weiten Schürze fast ganz bedeckt werden, geben der Gestalt ein ziemlich plumpes Aussehen, das keineswegs der Natur zur Last zu legen ist. Zeichnet sich diese Tracht vor der ländlichen Kleidung mancher andern Gegenden nicht eben besonders aus, so ist dagegen die Kopfbedeckung der Frauen dem Voigtlande ganz eigenthümlich, nämlich die „Haube“, eine Art Mütze von Pappe in Form eines abgestumpften Kegels, mit schwarzem Zeuge überzogen und einem Tuche, das vorn eine Schleife bildet, umwunden. Getragen wird sie so, daß sie nicht senkrecht auf dem Kopfe sitzt, sondern nach Art der im Nacken liegenden modernen Damenhüte mehr wagerecht vom Hinterkopfe hinaussteht; sie wird unter dem Kinne mit Bändern festgebunden und ist hinten mit schwarzseidenen Schleifen versehen, deren lange Enden bis auf den Rücken herabfallen; ihre Hauptzierde aber ist der „Haubenfleck“, d. i. der besondere Ueberzug des Deckels, der bei älteren Frauen oft nur von dunklem Sammt, bei jüngeren aber von buntem Stoffe in den verschiedensten

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Die Gartenlaube (1861) b 269.jpg

Eine Voigtländerin am Stickrahmen.
Nach der Natur gezeichnet von G. Schweißinger.

Mustern gemacht und meistens mit goldenen und silbernen Flittern, Blumen u. dergl. verziert ist. Diese Haube, die bis auf die neueste Zeit herab selbst die Bürgerfrauen des Handwerkerstandes trugen, wird jetzt auch auf dem Lande von dem jüngeren Geschlechte meistens nur noch für die große Toilette bei festlichen Gelegenheiten aufgespart; sonst wird sie in manchen Gegenden fast ganz durch das einfachere „Kopftuch“ ersetzt, ein gewöhnliches buntes Tuch,[2] das die jungen Frauen und Mädchen, wie sich der fremde Badegast von Elsters hübschen Brunnenschöpferinnen mit Vergnügen erinnern wird, auf gar malerische Art und nicht ohne Koketterie um den Kopf zu schlingen wissen, an dessen verschiedenartig gebundenen Schleifen der Kundige häufig sogar zu erkennen vermag, aus welcher Gegend des Voigtlandes das ihm auf der Straße begegnende frische und freundliche Bauermädchen herstammt.

[287] Mehr noch, als in seiner Tracht, spricht sich der Stammescharakter des Voigtländers in seiner Mundart aus, die auf dem Lande noch ihr volles provinzielles Gepräge behalten, aber selbst in den Städten sich noch nicht ganz verwischt hat. Sie zeichnet sich durch eine gewisse Derbheit, gezogene Gedehntheit und dumpfere Aussprache der Vocale aus, und wenn man den echten Voigtländer hört, möchte man an seine geradlinige Abstammung von den alten Angelsachsen glauben; soviel verwandte Anklänge an das Englische vernimmt man aus seinem Munde. Besonders die Aussprache des a läßt in den meisten Worten das echt englische hören. „Iech hoa soat“ (ich habe satt) – „holt er ä wäng oah!“ (halt er ein wenig an!) spricht der voigtländische Bauer, und einen Kühjungen hörten wir einst singen:

„Söllt’ iech nett lustig sei?
Bih gu nett krank, nett krank!
Unn’re Poar Lebensgoahr’
Dauern nett langk, nett langk!“

Auch seine besondern Wortformen und Wortbildungen hat der Voigtländer; so verwechselt er regelmäßig das Präsens und den Imperativ mancher Zeitwörter, und giebt auf die freundliche Einladung: „Eß doch noch ä wäng!“ die Antwort: „Iech iß scho!“ Ebenso erkennt man ihn leicht an dem Weglassen des halbstummmen e am Ende der Hauptwörter („die Mütz, die Stub, die Küch“) und an der Verkleinerungssylbe el statt chen („das Häusel, das Oechsel, das Mädel“ – im Plural: Häusle, Oechsle, Mädle); die dumpfere Aussprache des a und des ei vermag aber selbst der gebildete Voigtländer, der seine Heimath nie auf die Dauer verlassen, nur schwer und selten ganz zu überwinden. Eigenthümlich ist, daß in der Gegend um Adorf das r theils weggelassen wird, wo es hin gehört, theils wieder merkwürdig schnarrend hinzugesetzt, wo es nicht hingehört, wie denn z. B. „d’rob’n br’ uns“ die sprüchwörtlich gewordenen „Adöffe Butteweibe“ von dem „rothen R’oberrock“ sprechen, den die Frau „Amtmänne af der letzten Kirrwe oagehot hot“.

Wie in seiner Sprache, ist der bäuerliche Voigtländer auch in seiner Lebensweise, seinem Verkehre mit Andern, seinen Vergnügungen und Gewohnheiten derb und etwas schwerfällig, aber treuherzig und gemüthlich. Ihm besonders eigene Volksfeste oder Volksspiele hat er eben nicht; die festlichen Tage, die ihm den gewohnten Kreis des Lebens freundlich unterbrechen, sind an die Ereignisse der Familie und der ländlichen Beschäftigung geknüpft. Bei einem „Guten Muth“ (wie er die Kindtaufe nennt), bei einem „Hochzich“ (Hochzeit), bei dem Erntefest und der „Kirrwe“ (Kirchweih) geht es im Hause und in der Schenke je nach Kräften hoch her, und die letzteren Feste werden besonders vom jungen Volke mit unermüdlicher Tanzlust gefeiert, wobei der alte mit Gesang verbundene „Rondar“ immer mehr von den modernen Salontänzen verdrängt wird, die sich auf einem voigtländischen Dorftanzboden freilich wunderlich genug ausnehmen. Von alten Hochzeitsgebräuchen hat sich hie und da nur noch der feierliche Einzug der Braut in die neue Wirthschaft erhalten, bei dem sie auf ihrem mit Blumen geschmückten, von kräftigen Ochsen gezogenen „Kammerwagen“ hoch oben auf ihrem „Kistengeräthe“ und „Fahruß“ thronend einherfährt, wenn sie in ein anderes Dorf heirathet.

In seiner Nahrungsweise ist der Voigtländer im Ganzen mäßig und nüchtern. Der sonst viel häufigere Genuß des Branntweins wird durch die in überall entstandenen Brauereien erzeugten besseren Biere immer mehr und mehr beschränkt. Ein Hauptnahrungsmittel der Reichen – mit Fleisch – und der Armen – leider meist ohne Fleisch – ist und bleibt die Kartoffel, die aber auch im Voigtlande ein wahrer Proteus der Küche ist. Ein voigtländisches Städtchen bewirthete einen sächsischen Prinzen einmal mit einem Mittagsessen von vielen Gängen, deren jeder die Kartoffel in anderer Gestalt als Hauptbestandtheil enthielt, und die Gerichte sollen dem durch den Hofkoch verwöhnten Gaumen des hohen Herrn ganz prächtig gemundet haben. Außer den gewöhnlichen Kartoffeln in der Schale und den unvermeidlichen Begleitern des Beefsteaks, den geschmorten, kennt das Voigtland gebratene, gebackene, eingeschnittene Erdäpfel, Erdäpfel in der Pfanne, süße und saure Erdäpfelspalten, Erdäpfelsuppen verschiedener Art, Erdäpfelbrei, Erdäpfelkuchen, Erdäpfeltorte, und vor Allem „Bambus“ und „Klöße“. Letztere, welche in zwei Species, als gewöhnliche und als grüne oder „grüngeniffte“ auftreten, fehlen in Stadt und Land fast bei keinem Sonntagsbraten.

Wie alle Bergbewohner ist der Voigtländer ein großer Freund des Gesanges, und an schönen Sommerabenden hört man gar oft die einfachen Weisen bekannter Volkslieder, von frischen Mädchenstimmen oder aus der kräftigen Kehle junger Burschen gesungen, durch das Dorf ertönen, ja selbst aus den Fabriksälen in den Städten, wo Dutzende von Arbeiterinnen mit der Vorrichtung der „weißen Waare“ beschäftigt sind, schallt nicht selten ein munterer Gesang heraus, der ihnen die einförmige Arbeit verkürzt. Jetzt giebt es in allen Städten und in vielen Dörfern des Voigtlandes Gesangvereine, die durch Einführung besserer Lieder viel zur Veredlung des Volksgesanges und der Bildung überhaupt beigetragen haben. – Nicht minder beliebt, als frischer Sang aus froher Menschenbrust, sind die Freiconcerte, welche die kleinen befiederten Sänger der Gärten und Wälder zum Besten geben. Leider aber wird diesen kleinen Virtuosen der Natur zum Danke für ihre schönen Leistungen, besonders in den Waldgegenden des obern Voigtlandes, gewaltig nachgestellt, und sie müssen die goldene Freiheit meist mit trauriger Gefangenschaft vertauschen. Die Amsel, die Grasmücke, die man die voigtländische Nachtigall nennen möchte, der Fink, zumal wenn es ein richtiger „Reitzugfink“ ist, der Gimpel, der prächtig pfeifen lernt, sind die gesuchtesten Stubenvögel, mit denen selbst der Arme die dürftigen Brocken gern theilt. Neben ihnen ist der merkwürdige Bewohner der voigtländischen Wälder, der Kreuzschnabel, der um Weihnachten sein Nest baut, und von dem die von Julius Mosen in einem herrlichen Gedichte behandelte Sage geht, daß er seinen krummen, verbogenen Schnabel und die rothen Blutstropfen auf seinem Gefieder von dem vergeblichen Bemühen, dem am Kreuze blutenden Erlöser die Nägel aus den durchstochenen Händen zu ziehen, erhalten habe – ein häufiger Stubengenosse des Voigtländers; denn wenn er auch nicht singen kann, so heilt er dafür, nach dem alten Volksglauben, die Gicht und das Reißen, indem er diese Krankheiten aus dem Körper der in seiner Nähe Weilenden in sich aufnimmt und nach und nach hinsiechend für Anderer Rettung zum Opfer fällt.

Werfen wir nun noch einen Blick auf die Beschäftigungen des Voigtlandes, so begegnet uns überall ein frisches, emsiges Leben und Treiben; denn ein fleißiges Völkchen sind die Voigtländer in Stadt und Land. In den Städten und Städtchen – die in den letzten Jahrzehnten fast alle nach großen Bränden, einer natürlichen Folge der alten Schindelbedachung, mit netten, stattlichen, schiefergedeckten Häusern neu aus der Asche erstanden sind – ist eine Fülle und Regsamkeit des Gewerbfleißes zusammengedrängt, dessen Erzeugnisse sich über die ganze bewohnte Erde verbreiten. Auf Markneukirchner und Klingenthaler Geigen und Clarinetten spielt der Nigger dem Yankee zum Tanze auf, die wollenen Kleiderstoffe und gedruckten Tischdecken Reichenbach’s sind auf den fernsten Märkten gesucht und beliebt, und die vornehme Dame, welche auf den Bällen in Petersburg oder Stockholm mit dem wundervoll gestickten Taschentuche sich Luft zufächelt, ahnt nicht, daß die fleißige Hand einer Bäuerin in dem fernen Voigtlande, das sie nicht einmal dem Namen nach kennt, das feine Linnengewebe mit diesen geschmackvollen Blumen und Arabesken verziert hat, denn ihr ist es natürlich als echtes Pariser Fabrikat verkauft worden, mit dem es auch dreist in die Schranken treten kann und auf der Pariser Ausstellung vor zehn Jahren wirklich in die Schranken getreten ist. – Ueber das ganze Voigtland erstreckt sich [288] die Fabrikation der weißen Waaren; in Plauen, Oelsnitz, Auerbach, Falkenstein, Elsterberg, Pausa und in vielen Dörfern schießt fast in jedem Hause das Weberschiffchen hinüber und herüber, um die Unzahl Stücke Mousselin, Mull, Jaconnet und wie die Waaren sonst alle heißen, besonders auch die in den herrlichsten Mustern prangenden Gardinenstoffe zu fertigen, die von hier aus über die ganze Welt verbreitet werden. Auf den Dörfern aber ist fast kein Haus und keine Hütte, in denen nicht geschickte und fleißige Frauenhände am Stickrahmen arbeiten, um die Tausende von Streifen, Kragen, Taschentüchern, Röcken, Kleidern etc. zu nähen, die alljährlich vom Voigtlande aus der putzbedürftigen Damenwelt in allen Zonen der Erde zugesendet werden.

So sitzt auf unserm Bilde die junge Mutter aus dem Dorfe am Elsterbrunnen mit emsigem Fleiße am Rahmen, von dem sie nur selten den Blick erhebt, um nach dem muntern Säugling zu schauen, der hoch über ihr in jener einfachen Hängemattenwiege, wie sie im obern Voigtlande gebräuchlich ist und häufig auch unter freiem Himmel an den Aesten eines Baumes angeknüpft wird, sich fröhlich schaukelt. Am Sonnabend aber geht sie oder die jüngere Schwester mit den fertig gewordenen „Nestern“ nach Plauen zum Nähherrn, um dort mit hundert andern Genossinnen „abgefördert“ zu werden, d. h. den Lohn zu empfangen und wieder vorgedruckte „Nester“ zu neuer Arbeit zu holen.

Häufig theilt die ländliche weibliche Bevölkerung ihre Zeit zwischen der industriellen und landwirthschaftlichen Beschäftigung; im Winter wird genäht, im Sommer auf Wiese und Feld gearbeitet. Wenn aber die Geschäfte gut gehen und in Folge dessen die Nadelarbeit gut lohnt, haben die Landwirthe nicht selten über Mangel an Arbeitskräften für die Feldarbeit zu klagen und müssen ihre Tagelöhner oft aus fernen Gegenden kommen lassen.

Ist sonach das Voigtland vorzugsweise eine Wohnstätte der Industrie, so steht darum die Landwirthschaft doch keineswegs auf niedriger Stufe und hat sich, besonders seit der Aufhebung der die zum Bessern aufstrebende Thatkraft des Bauers lähmenden Frohnen außerordentlich gehoben. Ueberall, selbst auf der kleinsten Hufe, hat sich eine rationellere Bewirthschaftung des Bodens Bahn gebrochen, wozu die bessere Schulbildung und die landwirthschaftlichen Vereine nicht wenig beigetragen haben. Der echte voigtländische Bauer ist allerdings, wie ja der Bauer überhaupt, dem Neuen nicht ganz leicht zugänglich; aber wenn er sich einmal von den Vorzügen desselben hat überzeugen lassen, ist er klug und strebsam genug, es mit Eifer und Beharrlichkeit ein- und durchzuführen. Ein Gang durch die Dörfer und über die Fluren des Voigtlandes zeigt uns daher einen gewaltigen Unterschied gegen die Zeit vor noch dreißig Jahren, und die voigtländische Landwirthschaft kann sich mit der anderer Gegenden um so stolzer und freudiger messen, als ihr der heimische Boden manche schöne Frucht, die sie erzielt, nur bei der verständigsten und sorgfältigsten Behandlung gewährt, die eine günstigere Lage vielleicht weniger fordert.

Durch die ganze Landesart und die Beschaffenheit des Grund und Bodens ist der Voigtländer besonders auf die Viehzucht hingewiesen. Seine saftigen, mit duftenden Blumen bedeckten Wiesen, die sich in seinen schönen Thälern an den Ufern der Flüsse und Bäche hinziehen, die an würzigen Kräutern reichen Triften, die er noch an den Abhängen seiner Hügel und den Rändern seiner Wälder besitzt, begünstigen ganz vorzüglich die Rindviehzucht, und die echte voigtländische Race genießt in der ökonomischen Welt eine wohlverdiente Berühmtheit. Es ist aber auch für die Laien ein herrlicher Anblick, diese schönen rothen Ochsen und Kühe zu sehen, wenn sie mit ihren kräftigen Gliedern und mit ihren schön geschwungenen Hörnern auf der Weide bald in philosophischer Ruhe daliegen, bald in tollem Uebermuthe „herumbieseln“, oder wenn sie mit ihren spiegelblank glänzenden, messingbeschlagenen Stirnhölzern geschmückt den schweren Erntewagen wie spielend nach der Scheuer ziehen, den Segen Gottes unter sicherem Dache zu bergen. Dabei sehen sie Einen so treuherzig, ehrlich und gutmüthig an, als wollten sie ihre voigtländische Nationalität recht bieder und gemüthlich an den Tag legen. Niemand soll mir sie dumm nennen, diese prächtigen Thiere; der Ausdruck ihres Blickes und ihres ganzen Wesens ist keineswegs der der Dummheit, sondern der ruhigen, bescheidenen, ausdauernden Kraft. Der Voigtländer hält aber auch auf sein Rindvieh, das hier fast mit gänzlichem Ausschluß der Pferde vorzugsweise zur Betreibung des Feldbaues benutzt wird, und ein voigtländischer Knecht ist auf ein schönes Gespann Ochsen eben so stolz und hat sie mit Recht eben so lieb, wie der herrschaftliche Kutscher seiner stattlichen Rosse sich freut. Selbst im Auslande ist die voigtländische Race sehr gesucht, und von den belebten Viehmärkten Plauens und anderer Städte werden Hunderte von Ochsen und Kühen nach fernen Gegenden verkauft, häufig zugleich mit den hier gewöhnlichen Stirnbändern und Geschirren, um die Thiere in der neuen Heimath die alten gewohnten Arbeitsgeräthe nicht entbehren zu lassen.

Wenden wir uns von ihnen noch einmal zu den Menschen, welche auf den Hügeln und in den Thälern des Voigtlandes geboren wurden oder ihre Lebenstage verbrachten. Es ist gar mancher wackere und bedeutende Mann unter ihnen, den das Voigtland mit Stolz zu den Seinigen zählt. Wenigen dürfte es bekannt sein, daß einer der ersten deutschen dramatischen Dichter im Voigtlande lebte; es war Paul Rebhuhn, der um die Mitte des 16. Jahrhunderts als Pfarrer und Superintendent zu Oelsnitz die Dramen „Susanna“ und „die Hochzeit zu Cana“ dichtete. Der bekannte Oberhofprediger Hoe von Hoenegg zu Dresden, der im dreißigjährigen Kriege als Rathgeber des Kurfürsten von Sachsen auf dessen Politik einen bedeutenden Einfluß übte, verwaltete früher das Superintendenten- und Pfarramt zu Plauen. Auch seinen gelehrten Bauer hat das Voigtland aufzuweisen, in dem Bauer Schmidt zu Rothenacker, der es als Autodidakt dahin brachte, sich gründliche wissenschaftliche Bildung zu erwerben und mehrere Sprachen zu lesen und zu sprechen, nichts destoweniger jedoch nach wie vor seinen Sack Korn auf dem Schiebebock zur Mühle fuhr. Das echteste Kind des Voigtlandes aber ist der edle Dichter Julius Mosen, der Sohn eines Schullehrers in Marieney bei Oelsnitz, der in der duftigen Waldpoesie seiner lyrischen Gedichte, in der Kraft, Innigkeit und Klarheit seiner Lieder und Balladen, in dem treuen, frommen deutschen Sinne seiner vaterländischen Gesänge wie seiner Dramen die ganze Natur und den ganzen Volkscharakter seines Heimathländchens treu wiederspiegelt. – Möchte dem kranken Sänger ein frischer Hauch duftiger Waldesluft von seinen heimathlichen Bergen, aus denen er so reiche Nahrung für sein geistiges und dichterisches Leben schöpfte, Erquickung und Stärkung zuwehen und neue Lebenskraft in die sieche Hülle seines Geistes einzuflößen im Stande sein! –

Vermag auch nicht Jeder, wie der Genius des Dichters, Sinn und Gefühl in des Liedes herrlichem Flusse dahinzuströmen, das mögen wir zum Schlusse von dem Voigtländer im Allgemeinen noch rühmen, daß ein freier, frischer Sinn und ein warmes, inniges Gefühl für des Vaterlandes Wohl und der Menschheit Fortschritt in seinem biedern Herzen wohnt, in seinem Leben thatkräftig sich äußert. Darum haben unter ihm die Giftpflanzen der pietistischen Frömmelei und des niederträchtigen Servilismus nie Boden gewinnen können; eine vernünftige und ungeheuchelte Frömmigkeit, die allem Muckerthum abgesagter Feind ist, und ein offener, warmer Sinn für Licht, Recht und Freiheit sind im Voigtlande zu Hause und werden es hoffentlich, trotz aller Versuche, die hin und wieder gemacht worden, seine Sinnesart in das Gegentheil zu verkehren, unverändert bleiben, so lange seine hohen Fichtenwälder zum Himmel ragen, seine grünen Wiesen lieblich blühen, seine klare Elster frisch und munter über den Felsgrund dahinfluthet.

  1. Viele Ortsnamen der Gegend, wie: Chrieschwitz, Möschwitz, Planschwitz etc. geben noch Zeugniß von ihrem slavischen Ursprunge. Selbst der Name der Stadt Plauen, obwohl mehr deutschen Klanges, ist eigentlich slavisch; in den ältesten Urkunden heißt der Ort: „Stadt an der Plawe“, welches letztere Wort eine weite Thalebene bedeutet.
  2. Ein Trachtenbild, dessen nähere Erklärung die zweite Abtheilung unserer Schilderung bringt, geben wir in obiger Abbildung, die von dem Künstler treu nach der Natur im Bad Elster aufgenommen wurde. D. Red.