Das Waldblümchen

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Autor: Karl von Kessel
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Titel: Das Waldblümchen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 7–9, S. 85–88, 101–104, 113–118
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[85]
Das Waldblümchen.
Novelle von K. v. K.


I.

Das Jahr 1848 war angebrochen. Die Märzstürme waren vorüber und der Mai erschien wieder mit seinem frischen Grün, mit seinen Schneeglöckchen und seinen duftenden Veilchen, aber in die Herzen der Menschen war der Frühling noch nicht zurückgekehrt, dort sah es noch wild und stürmisch aus, und neben dem Drange nach Freiheit brach sich die Leidenschaft oft in der widerlichsten Gestalt und in der gesetzlosesten Weise Bahn. Zur damaligen Zeit gab es wohl kein Oertchen im deutschen Vaterlande, und mochte es noch so klein sein, wo man nicht debattirt, conspirirt und dekretirt hätte. Zu keiner Zeit trug man die Worte Gemeinsinn, Einigkeit und Bruderliebe mehr auf den Lippen, und dennoch gab es unter einem Volke nie eine größere Zerrissenheit als damals in Deutschland.

In jener Zeit also war es, wo an einem milden erquickenden Frühlingstage sich eine kleine Gesellschaft in dem Wirthshause „Zur schönen Aussicht“ zusammen gefunden hatte – ein Name, welcher daher rührte, weil dasselbe auf dem Plateau eines Felsens lag, an dessen Fuße sich ein fruchtbares Thal ausdehnte, eingefaßt von einem schönbelaubten Höhengürtel und im Hintergrunde von einem dichten Eichenwalde umschlossen, aus dessen dunkler Tiefe der weiße Giebel eines Hauses sichtbar wurde.

Im Uebrigen trug die Gegend den Charakter der Abgeschiedenheit an sich, denn außer einzelnen Gebäuden, welche in der vorerwähnten Ebene auftauchten und einem Weiler, der einige hundert Schritte hinter dem Wirthshause lag, erblickte das Auge bis in die weiteste Ferne nur eine meist mit Gehölz und Haidekraut hewachsene Wildniß.

Die Leute, welche in dem niedrigen und schmucklosen Gastzimmer „Zur schönen Aussicht“ an einem großen viereckigen Eichentisch saßen, waren allem Anschein nach alte Bekannte, die täglich hier zusammentrafen und sich als Stammgäste betrachteten. Obgleich ihr Anzug im Allgemeinen eine solche Einfachheit verrieth, daß man daraus die Landbewohner erkennen konnte, so deutete doch bei zwei derselben der modernere Schnitt ihrer Kleider, [86] das feinere Tuch und die sorgfältigere Wahl ihrer Wäsche, so wie der Schoppen Wein, welchen jeder vor sich stehen hatte, darauf hin, daß sich ihre äußere Lage weit über die des gewöhnlichen Landmanns erhebe und diese sie berechtige, sich zu den Honorationen des Ortes zu zählen. Auch führten sie fast allein die Unterhaltung, und die Aufmerksamkeit, mit welcher die übrigen Anwesenden ihren Worten lauschten, bewieß hinlänglich, daß Niemand zugegen war, welcher Lust gezeigt hätte, ihnen ihre Ueberlegenheit streitig zu machen.

„Dies Glas auf ein freies, unabhängiges Deutschland und auf unseren wackeren Deputirten auf der Linken," sagte der Jüngste von Beiden, ein junger Mann von etwa 28 Jahren, dessen sorgfältig gescheiteltes Haar und zierlich gefaltete Halskrause den Stutzer verriethen, – „was meinen Sie, Herr Julius, sollte eine rothe Schärpe nicht gut stehen und das Wort „republikanisch“ in den Ohren der Leute nicht eben so wohl wie „königlich“ klingen?“

Der Andere, einige Jahre älter und ein Mann von breiten Schultern mit röthlichem Haar und einem kalten, herzlosen Blick, lehnte sich bequem in den Sessel zurück und sagte, indem er langsam sein Glas ausschlürfte, nicht ohne einen Anflug von Ironie:

„Nun, auf das Wohl des künftigen Bürgermeisters, wenn die Sache des Volkes siegt, Herr Gemeindeschreiber, dem Verdienst seine Krone! –

„Das gefällt mir, Herr Julius,“ sagte der Andere mit einem Lächeln des Wohlbehagens, „daß Sie meine Anhänglichkeit für die Sache des Volkes zu würdigen wissen, obgleich ich Ihnen versichern kann, daß mich dabei ganz uneigennützige Gründe leiten und ich nicht nach Amt und Würden strebe. Sollte indessen der dringende Wunsch meiner Mitbürger mich zu einem solchen Ehrenposten brauchen, so stelle ich nicht in Abrede, daß –“

„Daß Sie dem öffentlichen Wohle dies Opfer bringen werden, Freund Eduard. – Nun, das ist eine Antwort, womit Jeder zufrieden sein kann. Also auf eine hoffnungsreiche Zukunft und – “

Hier brach der Redner plötzlich ab und ließ seinen Blick über den vor ihm liegenden Thalgrund streifen.

„Teufel! Freund Eduard, da schleicht der Fremde schon wieder dem Forsthause zu. – Haben Sie Acht, der führt Etwas im Schilde, und ehe wir es uns versehen, wird das Waldblümchen von unbekannter Hand gebrochen sein, während wir Einheimische doch das nächste Recht dazu haben.“

Der Gemeindeschreiber hatte sich erhoben und schaute gleichfalls aufmerksam durch’s Fenster. Unten im Thal bewegte sich in der That eine jugendliche Gestalt rüstig am Rande des dasselbe durchschneidenden Baches fort und verschwand bald darauf am Eingange des vorerwähnten Waldes.

„Ja,“ sagte er, „das ist Herr Müller, der hier nun schon seit sechs Wochen seine Zeit verträumt – ein Maler, der, wie es solche Leute zu machen pflegen, in den Bergen umherstreift, um seine Mappe zu füllen. – Aber, Herr Julius, wenn Sie glauben, daß er dem Waldblümchen gefährlich werden könnte, so sind Sie in einem großen Irrthum befangen, denn da uns das Gespräch einmal auf dieses Thema geführt hat, so glaube ich Ihnen versichern zu dürfen, daß die Neigungen von Fräulein Marie sich nach einer ganz andern Seite hinwenden.“

„Sie machen mich ganz neugierig,“ sagte der Andere mit dem bereits bemerkten Anfluge von Ironie, „so ein Wunderblümchen findet man nicht auf jedem Wege, und es wäre doch sonderbar, wenn –“

„Nun, was denn? – Ich sage Ihnen, nicht Jeder versteht es, die Herzen der Frauen zu fesseln, aber sollten wir bis zur Republik gelangen und das Vertrauen meiner Mitbürger mich alsdann zum Bürgermeister erheben, so werden Sie Etwas erleben.“

„Wenn’s nur keine Blamage ist, Freund Eduard.“

„Sprechen Sie was Sie wollen, aber ich sage Ihnen, man fürchtet weder die herumstreifenden Maler noch andere auf Abenteuer ausgehende Herren,“ sagte der Gemeindeschreiber, sich in die Brust werfend und seinem Gesellschafter einen Blick der Siegesgewißheit zuwerfend.

Der Andere erwiederte nichts, sondern schaute lächelnd in sein halbgefülltes Glas. In diesem Lächeln drückte sich theils Spott über die Ruhmredigkeit seines Gesellschafters aus, theils verrieth es die listige Ueberlegenheit eines Mannes, der in seinem Innern ganz andere Pläne barg, als seine leicht hingeworfenen Worte verriethen.

Der Gemeindeschreiber hingegen, welcher eben kein großer Physiognom war, hielt dieses Schweigen für eine unmittelbare Wirkung seiner Worte und dieses Lächeln für den Ausdruck der bei seinem Gefährten hervorgerufenen Verlegenheit.

Da der Gegenstand, um den es sich handelte, ein solcher war, der seine Eitelkeit und sein Herz gleich stark berührte, so beschloß er, die über seien Gegner vermeintlich errungenen Vortheile durch einige weitere Bemerkungen möglichst zu vervollständigen. Zu dem Ende warf er sich bequem in den Sessel zurück, legte den Kopf in den Nacken und sagte mit einem an Siegesgewißheit grenzenden Tone:

„Sie zweifeln also, Herr Julius, in der That noch immer an Fräulein Marien’s Neigung zu einer gewissen Persönlichkeit? – O, ich könnte Ihnen hierfür schlagende Beweise liefern, z. B. wie auf einem bekannten Herren, welcher sich jetzt die Ehre giebt, Ihnen dies Glas zuzutrinken, erst noch gestern beim Kirchgange zwei wohlbekannte braune Augen mit besonderem Wohlgefallen ruhten.“

„Ha, ha! Freund Eduard, Sie bleiben doch ein Narr Ihr lebenlang! – Haben Sie denn nicht bemerkt, daß diese wohlbekannten braunen Augen, wie Sie sich sinnreich auszudrücken belieben, an Ihnen vorüberstreiften und sich auf eine ganz andere Person hefteten – auf den Fremden nämlich, welcher soeben hier im Wiesengrunde an uns vorüber schritt?“

„Wenn man nicht wüßte, daß der Neid aus Ihnen spräche, so sollte man es fast glauben,“ sagte der Gemeindeschreiber, mit der Miene eines Mannes, der sich so leicht nicht aus dem Sattel heben läßt; – „gehen Sie, Sie mögen ein recht guter Rechnenmeister sein, wenn es darauf ankommt, Ihre Renten einzukassiren, aber was die Liebe betrifft, so gehören ganz besondere Anlagen dazu, um mit Erfolg zu speculiren, und das Herz eines jungen Mädchens ist kein Geldsack, welchen man nach Belieben ausschütten kann.“

„Und doch ist das Geld der Hebel, welcher die Menschen in Bewegung setzt. Haben Sie Geld, Freund Eduard, so besitzen Sie die Mittel, selbst der Stolzesten und Sprödesten gegenüber zum Ziele zu gelangen.“

Wäre der Gemeindeschreiber ein Mann von nur einiger Weltkenntniß gewesen, so würde ihm der sonderbare Blick, welcher diese Worte begleitete, nicht entgangen sein. Allein Eitle denken nur an sich, und es ist nichts leichter als diese Klasse von Menschen zu täuschen. Es entging ihm daher auch jetzt, daß die sonst glanzlosen Augen seines Gesellschafters in sonderbarer Gluth aufloderten und die scharfe und entschiedene Betonung seiner Worte auf einen Entschluß hindeuteten, der in der der innersten Tiefe seines Herzens zur Reife gekommen war. Einem Mann, wie Julius, dessen Handlungen die kälteste Ueberlegung leitete, mußte das Preisgeben selbst der kleinsten Blöße offenbar unangenehm sein. Er schien auch jetzt zu fühlen, daß er vielleicht Jemand Gelegenheit gegeben hatte, einen Blick in sein Inneres zu werfen, den er vielleicht gerade am Wenigsten damit vertraut zu machen wünschte, und er suchte deshalbe durch eine geschickte Wendung den Fehler zu verbessern.

Er erhob sich nämlich schnell, leerte sein Glas, reichte dem Gemeindeschreiber die Hand und sagte im Tone der Gutmüthigkeit:

„Wir plaudern und plaudern, während andere Leute schon am Mittagstisch sitzen. Also, Freund Eduard, auf Wiedersehen! Sie nehmen heute das Bewußtsein mit sich, als Sieger den Kampfplatz behauptet zu haben.“

Diese Worte, aus dem Munde eines im Orte sonst als stolz bekannten Mannes, hätten gewiß den eitlen Schwätzer beruhigt, wenn irgend ein Verdacht bei ihm aufgestiegen gewesen wäre. Aber dies war nicht der Fall. Er dachte sogar nicht einmal mehr an seinen Freund Julius, sondern seine Gedanken weilten bei dem Fremden, welcher ihm doch schließlich mehr Besorgnisse einflößte, als er anfänglich einzugestehen Willens gewesen war.

Indem er sein Glas leerte und die „Schöne Aussicht“ ebenfalls verließ, beschloß er, es sich als nächste Aufgabe zu stellen, über die näheren Verhältnisse des Malers Erkundigungen einzuziehen.



[87]
II.

Der Fremde hatte unterdessen den Thalgrund rasch durchschritten und war bald darauf im Innern des vorerwähnten Waldes verschwunden. Er hielt jedoch nicht den breiten Fahrweg ein, welcher denselben durchschnitt, sondern bog auf einem kleinen Seitenpfade ab, der sich in der Tiefe des Forstes verlor.

Rüstig und nicht ohne Gewandtheit folgte seine schlanke, wohlgebaute Gestalt den vielen Krümmungen des engen Weges, und leicht und sicher glitt sein Fuß über die Baumwurzeln und das Schlingkraut, worauf er in diesem abgelegenen Theile des Forstes nicht selten stieß. Seine Haltung war fest und gerade und zeigte einen Anstrich von Muth und Entschlossenheit, der durch ein großes schwarzes, blitzendes Auge noch mehr hervorgehoben wurde. Seine Gesichtsfarbe bildete ein dunkles männliches Kolorit, durch welches jedoch in leiser Färbung ein gesundes Roth drang. Die Oberlippe seines in weichen Linien endenden Mundes bedeckte ein sorgfältig gestutzter Bart, der, wie sein Haupthaar, dem dunkelen Glanze einer Kohle nichts nachgab.

Der Fremde verfolgte, wie gesagt, auf die eben beschriebene Weise ein Zeit lang seinen Weg, bis er plötzlich, die Zweige eines Haselnußstrauches auseinanderschlagend, auf einen großen viereckigen Platz gelangte, der mit hohem wuchernden Grase und mit einzelnen unter den Schlägen der Axt gefallenen Baumstämmen bedeckt war. Auf einem dieser Stämme saß eine Gestalt, die wir uns etwas näher zu beschreiben die Mühe nehmen müssen. Es war ein Mann, dessen Haar das Alter bereits völlig gebleicht hatte und dessen gekrümmter Rücken bewieß, daß die Last der Jahre über ihn gekommen war. Er trug eine alte blaue Uniform mit rothem Besatz, ganz nach dem Schnitt, wie solche zu Ende des vorigen und noch zu Anfang dieses Jahrhunderts bei unseren Armeen gebräuchlich war, dazu bis an die Knie reichende, mit Knöpfen besetzte Gamaschen von grobem, grauen Tuch und gelbe Lederbeinkleider, die aus der Haut eines Hirsches gegerbt waren. Zu seinen Füßen lagen mehrere Sprengel mit Schlingen und kleine Netze, mit deren Besichtigung er eifrig beschäftigt war.

„Der Nebel ist ausgeblieben,“ murmelte der alte Mann, indem ein gutmüthiges Lächeln seine verwitterten Züge erhellte, „und der alte Wilm hätte diesmal nicht nöthig gehabt, sich vor der Reveille zu erheben. O, die Thiere des Waldes haben auch ihren Verstand, obgleich die Menschen in ihrem Hochmuth es blos Instinkt nennen. Aber, wer so wie ich, dreißig Jahre unter ihnen gelebt und beobachtet hat, der weiß, daß ihnen von unserem Herrogtt auch eine Sprache verliehen war, obgleich dieselbe unverständlich erscheint, weil es nicht des Schöpfers Wille war, uns dieselbe zu offenbaren.“

Hier wurde der Greis durch einen leisen Schlag auf die Schulter unterbrochen und eine metallreiche Stimme sagte mit einer Weiche und Gutmüthigkeit, der man es anhörte, daß sie der Widerhall des Herzens war:

„Nun, Wilm, giebst Du Dich wieder Deinen philosophischen Träumereien hin?“

Der Alte wendete den Kopf und blickte in das jugendliche Antlitz des Fremden, welcher ihm die Hand lächelnd zum Gruß reichte.

„Ach, ich weiß wohl,“ sagte er, den Jüngling mit sichtbarem Wohlgefallen anblickend, welcher sich inzwischen ihm gegenüber auf einem Baumstamm niedergelassen hatte, „ich weiß wohl, daß die heutige Jugend mit dem Alter weniger als sonst in seinen Ansichten harmonirt, und daß das, was sonst klug und weise genannt wurde, jetzt häufig dem Spotte und der Verachtung unterliegt, aber sehen Sie, Herr – Herr – “

„Nun, Müller, Maler Müller,“ lachte der Andere.

„Wie’s beliebt. Ein Name thut zur Sache nichts, und ein alter Soldat, wie ich, hält sich stets streng an die gegebene Ordre. Nun, sehen Sie, Sie nennen das philosophische Träumereien, wenn ich mich hier in der Einsamkeit des Waldes, wo mich nur Gott hören kann, meinen einfachen Gedanken hingebe, aber glauben Sie, wenn man sieht, daß dieser Gott in der Welt immer mehr verleugnet wird, dann fühlt ein alter Mann, wie ich, der täglich da oben zur großen Armee abgerufen werden kann, doppelt das Bedürfniß, sich vor ihm in der Anschauung seiner Werke bewundernd zu beugen.“

„Gewiß, Wilm, und Du weißt wohl, daß ich selbst um keinen Preis diesen Glauben aufgeben möchte.“

„Ich weiß dies. Hierzu haben Sie auch eine viel zu fromme Mutter und einen viel zu edelen Vater gehabt.“

„Ach, Wilm, wenn sie noch lebten!“

Diese Worte wurden von dem jungen Manne mit einer tiefen Wehmuth ausgesprochen, so daß man es ihnen wohl anhörte, daß sie der unverfälschte Ausdruck eines von Schmerz erfüllten Herzens waren.

„Wir müssen Alle fort,“ sagte der Alte, an seinen Schlingen zupfend – „die Guten wie die Bösen, die Gerechten wie die Ungerechten.“

„Nur zu wahr. Doch laß mich Dich an die Verpflichtung erinnern, die mir auferlegt ward. Werde ich sie erfüllen können?“

Der Waldbewohner ließ die Schlinge, welche in seiner Hand ruhte, langsam niedergleiten und sagte:

„Es wird manchen harten Kampf kosten, ehe die Redoute genommen ist, da aber unserer Sache die Gerechtigkeit zur Seite steht, so wollen wir auf den Sieg unserer Waffen vertrauen.“

„Und sahst Du sie?“

„Ist Alles nach Ordre vollzogen.“

„Und was sagte sie?“ fragte der Fremde, sich rasch erhebend und mit dem Zeichen der gespanntesten Erwartung dicht vor den Greis tretend.

„Eine Stunde vor der Retraite würde sie Euch erwarten.“

„Wilm, – theurer, lieber Wilm!“

Der alte Mann lachte in seiner biedern, schlichten Weise halblaut und sagte nicht ohne eine gewiße Selbstbefriedigung:

„Wenn das Waldblümchen einwilligte, Sie zu sehen, so geschah es doch nur unter gewissen Bedingungen.“

„O, nenne sie! Ich unterwerfe mich denselben im Voraus in ihrer ganzen Ausdehnung.“

„Nun, für’s Erste, bleibt das Fenster bei der Unterredung geöffnet.“

„Nichts weiter als dies?“

„Für’s Zweite, wird in der Person des alten Wilm eine Schildwacht vor dieses Fenster gestellt.“

„Stelle Dich nur immer hin, Du weißt ja, daß mein Herz Dir gegenüber kein Geheimniß kennt.“

„Und das Herz Marien’s noch weniger,“ sagte der Greis. „Habe ich sie nicht auf meinen Armen gewiegt, als sie noch ein lallendes Kind war? – Hat sie an meiner Hand nicht Laufen gelernt? – War sie es nicht, welche mir in der Einsamkeit des Waldes mit frommer, kindlicher Aufmerksamkeit zuhörte, wenn ich ihr erzählte von der Liebe zu Gott und zu den Menschen?“

Ergriffen von diesen Erinnerungen stützte der alten Mann seine beiden Ellenbogen auf seine Knie und versank in ein augenblickliches Schweigen. Der herzliche und innige Druck einer Hand, die die seinige berührte, erweckte ihn aus diesen Träumereien. Der Jüngling hatte sich erhoben und stand vor ihm.

„Lebe wohl, Du treuer, uneigennütziger Freund,“ sagte er, „gleich treu dem Vater wie dem Sohne. Die Zeit drängt zu einer Entscheidung; der heutige Abend wird über mein zukünftiges Glück bestimmen.“

„Nur Muth,“ entgegnete der Soldat, „es muß versucht werden! Der Förster wird mich zwar als einen Complotteur behandeln, und wenn die Sache mißglückt, so dürfen die Füchse und Iltisse in diesem Walde die Schlingen und Netze des alten Wilm wohl nicht mehr zu fürchten haben, aber mag es immerhin sein – der da Oben, welcher die Jungen der Raben füttert, und ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt, wird auch für mich sorgen und mir ein anderes Fleckchen Erde anweisen, wo ich mein Haupt niederlegen kann.“

Diese letzten Worte sprach der Invalide so leise, daß sie seinem Gesellschafter unverständlich blieben. Er hatte sich erhoben und Letzterem ebenfalls seine Hand gereicht. Ein gegenseitiger herzlicher Druck bestätigte das innige Einverständniß Beider, dann theilten sich die Zweige und der Fremde verschwand auf demselben Pfade, auf welchem er gekommen war, während sein bejahrter Gefährte mit seinen Schlingen und Netzen sich auf einer andern Seite des Forstes im Dickicht verlor.

Einige Stunden später, als die eben beschriebene Unterredung Statt fand, bewegte sich die leichte, zierliche Gestalt eines jungen Mädchens mit ziemlich raschen Schritten auf einem schmalen Pfade fort, welcher die Schluchten der das Thal begrenzenden Berge in verschiedenen Krümmungen durchschnitt und gleichfalls nach dem [88] Walde ausmündete. Die Sonne war untergegangen und die Dämmerung begann ihr geheimnißvolles Netz über die Gegend auszuspannen. Dies mochte vielleicht die einsame Wanderin zu größerer Eile anspornen, obgleich ihr Anzug mehr auf einen Spaziergang wie auf eine längere Reise deutete, und man daher berechtigt war, hieraus den Schluß zu ziehen, daß sie in dieser Gegend keine Fremde sei. Dem äußeren Anscheine nach stand sie in dem blühenden Alter von achtzehn bis neunzehn Jahren, aber in ihrer ganzen Erscheinung lag eine so überraschende Lieblichkeit, daß wir den Leser um Nachsicht bitten, wenn wir auch hier bei einer näheren Schilderung einige Augenblicke verweilen.

Das junge Mädchen war von mittlerer Gestalt, aber dabei so proportionirt gebaut, daß selbst der strengste Kunstrichter sich vergebens bemüht haben würde, einen Fehler zu entdecken. Dabei hatte die Natur diesem schlanken, im schönsten Ebenmaß emporschießenden Körper mit einer Weiche und einer zarten Fülle ausgestattet, die bei jeder Bewegung desselben in überraschender Weise hervortrat. Ein schöner, feingeformter Kopf ruhte auf einem blendend weißen, etwas gebogenen Halse, über demselben bildete ein Netz des schönsten kastanienbraunen Haares die Einfassung zu einer schmalen, etwas hervorstehenden Stirn, unter welcher ein Paar große braune Augen auftauchten, deren sanfte Strahlen sich in den weichen Linien eines Kinnes verloren, über welchem ein kleiner Mund mit runden, feingeschnittenen Lippen sichtbar wurde. Ihre Kleidung war einfach, aber äußerst reinlich und nach den Regeln der Mode nicht ohne Geschmack gewählt; ein weißer Strohhut verhüllte theilweise die jugendlichen Züge des eben beschriebenen lieblichen Gesichts.

Wir haben vorhin bemerkt, daß das junge Mädchen eilig voranschritt. Allein nicht blos der hereinbrechende Abend, sondern auch noch ein anderer Grund mußte sie hierzu veranlassen.

Während sie ihren Weg verfolgte, schlug sie oft ihre großen schönen Augen empor und ließ sie mit sichtbarer Unruhe nach dem Hause schweifen, welches aus der Mitte des vor ihr liegenden Waldes auftauchte. Mitunter färbte auch ein leises Roth Stirn und Wangen, dann legte sie die kleine weiße Hand beschwichtigend auf’s Herz und versuchte, obwohl vergeblich, eine innere Aufregung zu bemeistern, die sich von Zeit zu Zeit bei ihr kund gab.

Sie hatte jetzt einen Hohlweg erreicht und wollte eben das Innere desselben betreten, als sie plötzlich mit allen Zeichen des Schreckens inne hielt und starr nach dem entgegengesetzen Endes desselben blickte. Es war sichtbar, daß sie überlegte, ob sie weiter gehen oder umkehren sollte. Indem sie noch hierüber in Zweifeln sich bewegte, näherte sich ihr im Halbdunkel eine männliche Gestalt, die allem Anschein nach sie hier erwartet zu haben schien. Bei der Enge der Straße konnte jetzt, wo das junge Mädchen sich endlich doch zu Fortsetzung ihres Weges entschlossen hatte, von einem Ausweichen um so weniger die Rede sein, da der neue Ankömmling fast die ganze Breite desselben einnahm. Dies war wohl auch die Ursache, weshalb die einsame Wanderin, als sie sich dem Letzteren bis auf wenige Schritte genähert hatte, aus Verlegenheit einen Augenblick stehen blieb. Zwei Augen, in welchen sich eine Begehrlichkeit abspiegelte, welche die rosigen Wangen des jungen Mädchens erbleichen ließen, leuchteten ihr entgegen.

„Fräulein Marie, schönste Blume unserer Berge,“ sagte eine wohlbekannte Stimme, „so hat das Glück mich doch ein Mal begünstigt und mir die Gelegenheit geboten, Ihnen meine Huldigungen ohne Zeugen darzubringen.“ –

„Ich weiß eine solche Höflichkeit zu schätzen und spreche Ihnen hierfür meinen Dank aus, Herr Julius,“ entgegnete diese mit einer kurzen, ernsten Verbeugung, indem sie ihren Weg fortzusetzen suchte. –

„O immer und immer dieses Sprödethun!“ fuhr Julius, ihr den Weg vertretend und sie mit einem äußerst freien Blick messend, fort. „Was veranlaßt Sie, liebliches Wesen, der feurigen Gluth eines von Ihren Reizen entflammten Herzens ewig nur diese stolze Kälte entgegen zu setzen?“

„Herr Julius, es ist weder der Ort noch die Zeit, Ihnen hierüber eine Antwort zu geben. Ich ersuche Sie, mir den Weg zum Durchgange zu öffnen.“

„Nein,“ sagte dieser in einem etwas trotzigen Tone, „nicht eher, bis ich Ihren Hochmuth besiegt habe. Ich gebe die Hoffnung hierzu nicht auf!“

„O ich bin ja nicht hochmüthig,“ erwiederte Marie mit einer solchen Weiche und Kindlichkeit im Ausdruck ihrer Stimme, daß die Unschuld eines reinen, frommen Gemüthes sich unzweideutig darin abspiegelte, „und wenn ich Sie bitte, mich ruhig weiter ziehen zu lassen, so geschieht es allein deshalb, weil es sich für ein junges Mädchen nicht paßt, hier in dieser abgelegenen Gegend im Zwielicht in der Gesellschaft eines Mannes zu verweilen, der –“

Hier stockte das liebliche Kind und erröthete tief, indem sie das schöne von Angst erfüllte Auge verlegen zu Boden schlug.

„Nun vollenden Sie nur, holdes Waldblümchen. Sie wollen sagen: eines Mannes, der Ihrem Geschlechte gegenüber in keinem besonderen Rufe steht.“

Marie hob den schönen Kopf stolz in die Höhe und sagte:

„Wozu ein Gespräch weiter fortführen, zu welchem Sie mich gezwungen haben und von dem ich wünschte, daß dessen weiterer Inhalt mir fremd bleiben mag. Noch ein Mal also: Wenn Sie ein Mann von Anstand und Sitte sind, so lassen Sie mich ruhig meines Weges ziehen, Herr Julius.“

„Nein!“ entgegnete dieser, dem geängstigten Mädchen ungestüm einen Schritt näher tretend. „So läßt sich ein Mann, der die Welt und ihr Geschlecht kennen gelernt hat, nicht abweisen. Ich bin reich und gegen Diejenigen, welche ich liebe, freigebig! Erwidern Sie meine Neigung und es soll Ihnen an nichts fehlen, was Ihnen das Leben angenehm machen kann.“

Edle und reine, aber von Natur schüchterne Gemüther erhalten in der Regel ihre Energie dann wieder, wenn auf rohe und gemeine Weise der Versuch gemacht wird, das Bollwerk erhabener Grundsätze zu zertrümmern, welches sie in ihrem Herzen gegen das Laster und die Frivolität errichteten. So war es auch jetzt mit Marie. Eine hohe Röthe des Unwillens übergoß ihr schönes Gesicht und zwei jener zuckenden Blitze, womit sich die Unschuld ihren Verfolgern gegenüber in den Augenblicken der Gefahr nicht selten so trefflich zu wappnen versteht, trafen aus ihren sonst so mild leuchtenden Augen den dreisten Antragsteller.

„Ich bin nur ein schwaches Mädchen,“ sagte das holde Kind mit einer vor innerer Entrüstung erbebenden Stimme, „und kann mich nicht wie ein Mann für die empfangenen Beleidigungen rächen, aber dennoch habe ich den Muth, Ihnen zu sagen, daß Ihr Benehmen ein völlig schamloses ist, welches in der tiefsten Verachtung seine gerechte Würdigung findet.“

„Schön,“ erwiederte Julius, „Ihre Worte entheben mich der Mühe, noch ferner eine Maske zu tragen, die ohnedem lästig ist. Hören Sie also, stolzes, aber um so reizenderes Kind: Sie haben in meinem Herzen eine Gluth entzündet, die ich nicht mehr zu bewältigen vermag. Ihr Besitz ist das Ziel, nach welchem ich strebe und dieses Ziel, glauben Sie es mir, werde ich erreichen, sei es im Guten, sei es im Bösen, sei es auf friedlichem, sei es auf gewaltsamem Wege.“

„Fürchten Sie den Zorn meines Vaters!“

„O Ihr Vater!“ lachte Julius mit dem kalten Hohne eines Teufels, „Ihr Vater! – möge er sich nur hüten, das Ungewitter herauf zu beschwören, was über seinem Haupte schwebt! – Ein königlicher Förster in der jetzigen Zeit, wo das Gesetz von der Faust seiner Feinde gehandhabt wird! – Glauben Sie denn nicht, daß alle jene Leute, welche in’s Gefängniß wandern mußten, weil sie sich einige Stückchen Holz aus dem großen, weiten Forste holten, oder weil sie sich die Freiheit nahmen, einen Rehbock zu tödten, Rache gegen den Mann im Herzen tragen, welcher sie dem Gesetze überlieferte, und den sie als ihren natürlichen Feind betrachteten? – Nun, sind diese Hinweisungen nicht im Stande, Ihren Stolz und Ihre Sprödigkeit etwas zu beugen?“

„Aber mein Vater,“ sagte Marie, indem bei dem Gedanken an die Gefahr, welche demselben drohte, ihr Gesicht erbleichte, „mein Vater erfüllte nur die Pflicht seines Amtes und hat den wahrhaft Armen und Unglücklichen niemals verfolgt.“

„Ich wollte Ihnen nur zeigen, daß ich eine Waffe gegen den Zorn Ihres Vaters besitze,“ sagte beschwichtigend Julius. „Noch ein Mal, Marie, erwiedern Sie meine Neigung und dem alten Manne soll kein Haar gekrümmt werden.“

[101] „Ich müßte sein Kind nicht sein,“ sagte das junge Mädchen stolz, „wenn ich um einen solchen Preis seine Ruhe erkaufen wollte. So mag denselben also Gott gegen Bosheit und Verrath beschützen, an welchem ich für ihn beten will, aber mit einem reinen, unbefleckten Herzen, wie bisher; verstehen Sie mich, Herr Julius?“

Mit diesen Worten schritt Marie entschlossen voran und suchte an der Seite ihres Verfolgers vorbei zu kommen. Dieser ergriff indessen dreist ihre Hand, und versuchte, sie an sich zu ziehen.

Ein Schrei des Schreckens entfuhr dem jungen Mädchen, während als Echo das kalte und herzlose Gelächter des Julius folgte. -

Die Lage, in welcher sich die Tochter des Försters befand, war bei der allgemein bekannten frivolen Leidenschaftlichkeit dessen, der ihr jetzt in dieser völlig einsamen Gegend gegenüber stand, eine beängstigende, ja sogar eine gefährliche. Das fühlte sie recht gut, und es entrollten daher auch Thränen ihren Augen, und Hülfe suchend durchirrte ihr Auge das Dunkel der Nacht. In diesem Augenblick brach der Mond aus den Wolken und gestattete eine freiere Umsicht.

Plötzlich fesselte ein großer Schatten, der am Rande des Hohlweges hinglitt, die Aufmerksamkeit Marien’s. Ein Hoffnungsstrahl schien bei dieser Wahrnehmung bei ihr aufzutauchen und ein neuer Gedanke sich ihrer zu bemächtigen. Sie warf noch einmal ihr Auge prüfend auf den Gegenstand, der ihre Aufmerksamkeit plötzlich in einem so hohen Grade in Anspruch genommen, und schien nun eine bestimmte Ueberzeugung erlangt zu haben. Ihre ganze Kraft zusammennehmend, stieß sie den immer ungestümer werdenden Julius einige Schritte zurück, während sie mit angsterfüllter Stimme rief:

„Hierher, Sultan! - Hierher, mein treues Thier!“

Ein lautes Geheul folgte diesem Rufe, und im nächsten Augenblick stand ein großer schöner Wolfshund an ihrer Seite, der seine glühenden Augen unter dumpfem Geknurr auf den Mann richtete, in dessen brutaler Gewalt sich seine Herrin befand

„Faß, Sultan! Faß!“ - rief die Bedrängte mit lauter Stimme, indem sie dem Hunde einen aufmunternden Blick zuwarf.

Ein mächtiger Bogensatz folgte dieser Mahnung, und im nächsten Augenblick lag Julius am Boden, niedergeworfen von der gewaltigen Kraft des Thieres, welches seine Vorderfüße zähnefletschend auf seine Brust setzte und seine Gebieterin fragend anblickte,

„Komm, mein treuer Freund!“ sagte das Waldblümchen, dem edelen Thiere ein Zeichen gebend, „komm, Sultan! Unter Deinem Schutze wird der Feigling sich nicht mehr an einem armen hülflosen Mädchen zu vergreifen wagen; - laß ihn los, mein treues Thier; ein Anderer wird ihn für die Schmach, die er seiner Tochter angethan, zur Rechenschaft ziehen.“

Der Hund befolgte gehorsam den Wink, indem er langsam seine breiten Klauen von Julius Brust herabgleiten ließ und seiner Herrin wachsam folgte, die sich mit schnellen Schritten von dem Orte entfernte, welcher der Schauplatz einer so großen Gefahr für sie gewesen war.

Auch Julius hatte sich erhoben, und sein finsteres von den Leidenschaften bewegtes Auge drückte Zorn und Rache aus.

„Du hast mich herausgefordert, stolzes Mädchens“ murmelte er vor sich hin, „aber Du weißt nicht, daß Du dadurch meine Leidenschaft nur noch mehr anfachst - Dein Vater? - Pah, ich fürchte ihn nicht! - ich lache seines ohnmächtigen Zornes! - Noch ehe acht Tage vergehen, werde ich Dich von seiner Seite reißen und Du wirst mein sein, und dann - ja dann, wenn ich Dich gedemüthigt und Rache genommen, dann magst Du meinetwegen dem lächerlichen Thoren, Eduard, oder dem fremden hochmüthigen Maler Deine Hand reichen!“

Ein kaltes, herzloses Gelächter folgte diesen Worten, und wie es schien, mit seinen Entschlüssen nicht mehr im Unklaren, entfernte sich der Rache brütende Mann langsam von dem Orte, dessen Schauplatz die eben beschriebene Scene gewesen war.


III.

Wir müssen den Leser ersuchen, uns für einige Augenblicke wieder nach dem Wirthshaus „Zur schönen Aussicht“ zu begleiten. Dort saßen abermals zwei Männer im Gespräch bei einem Glase Wein. In dem Einen erkennen wir einen alten Bekannten, den Gemeindeschreiber Eduard. Der Andere war bereits ein hoher Sechsziger, von offenen, aber strengen willenskräftigen Zügen, dessen stattliche Gestalt der Zahl seiner Jahre und seinem mit schneeweißem Haar bedecktem Haupte muthig Trotz zu bieten schien. Zu seinen Füßen lag ein Jagdhund von edler Race, und seine Rechte hielt ein schönes Doppelgewehr umfaßt.

„Aber“, mein liebster Herr Eduard,“ sagte der Alte, indem er einen Zug aus seinem Glase that, „Sie sprechen mir so vieles Zeug durcheinander daß ich Sie fast gar nicht verstehen kann.“

„Verzeihung! Verzeihung!“ sagte dieser, indem er in possierlicher Weise seinen Sessel hin und her schob, „aber in der That [102] – Ich gestehe, die Wichtigkeit des Augenblicks – der Drang meines Herzens –“

„Nun, ich errathe es schon, es ist wieder die alte Geschichte.“

„Ja, freilich, ja, freilich, wenn Sie es so zu nennen belieben, Herr Gruner! Aber gebieten Sie einem Herzen Schweigen, wenn es, dem Strome seiner Gefühle folgend, von diesen überwallt.“

„Romanphrasen!“ brummelte der Alte vor sich hin, „Romanphrasen, die ich unter meinen Hirschen und wilden Säuen nicht gelernt habe.“

„Nichts als die Ergüsse eines treuen Herzens!“ sagte Freund Eduard sich verbeugend, „erlauben Sie, daß ich auf das Wohl von Fräulein Marie dieses Glas leere.“

„Von Herzen gern. Das Wohl meiner Tochter ist mir viel zu lieb, um nicht darauf Bescheid zu thun.“

„In der That, Fräulein Marie besitzt alle Eigenschaften einer guten Hausfrau.“

„Das Kind ist einfach und sittsam erzogen, die Natur hat mehr als die Kunst an ihr gethan,“ erwiederte nicht ohne einen Anstrich von Selbstbefriedigung der Förster.

„Ja, und sie würde sich gewiß als Bürgermeisterin sehr gut ausnehmen.“

„Wie so? Was wollen Sie damit sagen?“

Herrn Eduard brachte diese unerwartete Zwischenfrage ganz aus dem Conzept, so daß er seine Verlegenheit hinter einem langen Räuspern zu verbergen suchte.

„Sie fragen, was ich damit sagen will? – Ja, hm! – In der That. – Nun, Sie kennen ja wohl das Sprüchwort: tempora mutantur et nos mutamur in illis –

„Zum Kuckuck, was weiß ich von Ihren fremden Brocken, ich verstehe nur Jägerlatein.“

Der Gemeindeschreiber zupfte bei diesem etwas derben Einwande verlegen an seinem Halskragen, bevor er fortfuhr:

„Um mich also im verständlichen Deutsch auszudrücken, würde das Ebengesagte, mit Ihrer Erlaubniß, etwa folgendermaßen zu übersetzen sein:

„Die Zeiten ändern sich, und man kann nicht wissen, ob nicht ein gewisser Jemand, welcher in diesem Augenblick die Ehre hat, Ihnen gegenüber zu sitzen, durch den souveränen Willen seiner Mitbürger zu dem Posten eines Bürgermeisters berufen wird.“

„Hm! – Ist Alles möglich in dieser gesetzlosen Zeit. Aber wenn man Sie zum Bürgermeister macht, so folgt daraus noch nicht, daß es meine Marie auch werden muß, oder meinen Sie, Herr Eduard, daß bis dahin Ihre Volksbeglücker auch die Emancipation der Frauen durchgesetzt haben? Ho, ho! In der That, eine schöne Zukunft, der wir entgegengehen!“

„O, Sie verstehen mich nicht, ich meine nur, angenommen, ein gewisser Jemand würde Bürgermeister und Fräulein Marie fände sich nicht abgeneigt, diesem gewissen Jemand mit einer zarten Neigung entgegenzutreten, würden Sie dann wohl geneigt sein, die Hand dieses gewissen Jemand mit der Ihrer Fräulein Tochter für immer zusammenzufügen?“

So einfach auch der Charakter des alten Waidmanns war, so vermochte er doch nicht bei der sonderbaren Rhetorik, welche der Gemeindeschreiber entwickelte, ein lautes, etwas derbes Gelächter zurückzuhalten.

„Ha, ha! Sie sind doch in der That ein drolliger Kautz! – Für immer zusammenfügen? – Und mit einem gewissen Jemand? – Das ist ein ebenso ernsthaftes wie mysteriöses Ding, mein lieber Herr Eduard. Junge Mädchen haben ihre Launen, und man muß ihnen zu einem solchen Schritte Zeit lassen.“

„Diese Launen sind mitunter sehr sonderbar,“ sagte der Gemeindeschreiber, durch das Gelächter des Försters etwas gereizt, „und wenn die Wachsamkeit eines Vaters darüber einschläft –“

„Was wollen Sie damit sagen?“ fragte der Alte sehr ernst.

„Nun, das Wohl von Fräulein Marien liegt mir am Herzen, und ich habe heute eine Entdeckung gemacht, welche hiermit in einem sehr engen Zusammenhange stehen dürfte.“

„So? – Bedenken Sie wohl, was Sie sagen!“

„Ich werde schweigen, wenn ich Gefahr laufen sollte, durch meine Worte Ihr Mißfallen zu erregen.“

„Zum Teufel, keine Winkelzüge! Ich bin ein alter gerader Mann, der die krummen Wege nicht liebt. Also heraus mit der Sprache, Herr! Was haben Sie für eine Entdeckung gemacht?“

Der Gemeindeschreiber räusperte sich von Neuem, that einen langen Zug aus seinem Glase und sagte dann mit einer Miene, in welcher sich die Erwartung über den Erfolg seiner Worte abspiegelte:

„Nun, meine Eröffnungen beziehen sich auf einen Herrn, welcher hier schon seit längerer Zeit damit beschäftigt ist, seine Malermappe zu füllen und dem das Glück zu Theil wurde, auch Fräulein Marie mitunter einige seiner Zeichnungen darlegen zu dürfen.“

„Wie, Ihre Mittheilungen betreffen Herrn Müller?“

„Herr Müller? – ja, da eben sitzt der Haken –“

„Wie so?“

Unser Freund faßte wieder nach seinem Halskragen und sagte, den Kopf in den Nacken werfend:

„Man hat im Interesse der Sicherheitspolizei sich veranlaßt gefunden, Nachforschungen über besagtes Individuum anzustellen, und ist dabei zu einer sehr wichtigen Entdeckung gelangt."

„Am Ende auch so ein verkappter Demokrat," murmelte der Förster.

„Keineswegs! – Ein ganz anderes Factum hat sich dabei ergeben."

„Wie?"

„Ja!"

„Nun?"

„Ein Factum, welches auf nichts Geringeres hinausläuft, als daß besagter Herr Müller keineswegs Müller, sondern Baron von Wildenhaupt heißt."

Der gute Eduard glaubte durch diese Mittheilung den Förster in große Verlegenheit zu sehen, und freute sich schon im Voraus des Triumphes, welchen er dadurch über denselben zu feiern Gelegenheit haben würde, aber er ward bitter enttäuscht. Die Züge des alten Mannes hatten sich krampfhaft zusammengezogen, sein Auge heftete sich zornglühend auf den armen Gemeindeschreiber. Seine breite Hand legte sich fest wie ein eiserner Ring um die seines Gesellschafters, und mit einer Stimme, deren Eiseskälte diesem eine Gänsehaut über den Rücken jagte, fragte er in einem dumpfen Tone:

„Baron von Wildenhaupt heißt der Fremde? – Nicht so? – Antworten Sie! Sagten Sie nicht Baron von Wildenhaupt?"

„Es thut mir leid," erwiederte der eitle, junge Mann, den leisen, jedoch vergeblichen Versuch machend, seine Hand der des Försters zu entziehen, „es thut mir leid, daß dieser Name über meine Lippen gekommen ist, denn, wie es scheint, habe ich Ihnen dadurch einen schlechten Dienst erwiesen.“

„Im Gegentheil. Ich bin Ihnen unendlich dankbar dafür und Marie wird es noch mehr sein.“

Diese Aeußerung fachte den entschwundenen Muth und das verlorene Selbstvertrauen des Gemeindeschreibers vom Frischen an und seine Eitelkeit baute einen neuen Plan auf bereits halb vernichtete Hoffnungen.

„Sie sprechen von Fräulein Marien’s Dankbarkeit," sagte er. „Hat mich denn etwas Anderes als die Besorgniß um deren Wohl veranlaßt, Ihnen diese vertrauliche Mittheilung zu machen?"

„Aber, wie kamen Sie hinter das Geheimniß?“

„Wie ich dahinter kam?“ sagte Eduard, die Augen verlegen zu Boden schlagend. „Nun, man hat so seine Mittelchen, die ein guter Polizeibeamter nicht außer Acht lassen darf. – Etwas spioniren, Freundchen, etwas spioniren – das wird nach unserem Katechismus als keine Sünde angesehen. Unsereins hat große Pflichten gegen den Staat und gegen die Gesellschaft zu erfüllen: beide wollen geschützt sein.“

„Weiter! Weiter!" sagte der Förster mit sichtbarer Ungeduld.

„Nun, sehen Sie, um das Wohl von Fräulein Marie besorgt, hatte ich schon längst beschlossen, diesen sogenannten Herrn Müller auf’s Korn zu nehmen."

„Daran haben Sie Recht gethan,“ sagte der Alte, indem sein Auge von Neuem zornig aufblitzte. „Der Verräther! – Ha, wenn meine Ahnung wahr wäre!“

„Wie gesagt also, einzig um das Wohl von Fräulein Marie zu wahren, die sonderbarer Weise eine auffallende Vorliebe für diesen Pseudo-Müller zu hegen scheint, begab ich mich heute in der Dämmerstunde, als ich besagtes polizeiverdächtiges Individuum abwesend wußte, nach seiner einsam gelegenen Wohnung, und nachdem [103] ich der alten Susanne, der Besitzerin des kleinen Häuschens durch eine geschickte Manipulation, die ihre Hand mit meiner Börse in Verbindung brachte, Stillschweigen auferlegt hatte, betrat ich das Zimmer des angeblichen Malers.“

„Und was fanden Sie da?“

„O, derartige Leute hüten sich wohl, ihre Geheimnisse zur Einsicht von Jedermann offen liegen zu lassen. Ich fand daher auch, wie ich dies vermuthet hatte, Alles fest verschlossen.“

Bei diesen Worten stützte der Förster enttäuscht das greise Haupt in die Hand.

„Aber,“ setzte der Gemeindeschreiber mit Selbstbefriedigung hinzu, „das eben ist die Kunst eines polizeilichen Genies, da Etwas zu finden, wo Nichts ist. Indem ich meine Blicke spähend umherwarf, gewahrte ich unter einem Haufen Schriften ein kleines Miniaturbild.“

„Ein Bild?“ – fragte der Förster gespannt, indem er aus seinen Träumereien auffuhr.

„Ja, ein Bild, und noch dazu ein weibliches. Ein sehr verdächtiges Object, wie Sie zugeben werden, für einen Mann, dem das Wohl von Fräulein Marie am Herzen liegt.“

„Aber der Name? Wie kamen Sie zu dem Namen?“

„O man muß Kombinationsgabe und einen gewissen Instinkt bei derartigen Dingen besitzen. Ich wendete das Bild um und fand, daß auf der Rückseite in etwas verbleichter Schrift der Name Herrmann von Wildenhaupt stand.“

„Herrmann von Wildenhaupt!“ rief der alte Gruner, indem er in der höchsten Aufregung aufsprang und, seine beiden Hände auf den Tisch gestützt, den bestürzten Gemeindeschreiber starr anblickte, – „Herrmann von Wildenhaupt, sagen Sie? – Und wo ist das Bild? – Sprechen Sie, wo ist das Bild, wenn Ihnen meine Ruhe etwas werth ist!“

„Ich habe es zu mir gesteckt als corpus delicti für kommende Fälle.“

Der alte Mann streckte seinem Gesellschafter die Hand zitternd entgegen und sagte mit dumpfer, fast tonloser Stimme:

„So bitte ich Sie bei der Barmherzigkeit Gottes, zeigen Sie mir das Portrait.“

„Aber was ist Ihnen?“ fragte der bestürzte Eduard.

„Das Portrait, das Portrait!“ donnerte der Greis.

„Nun hier ist es!“ sagte der Erstere, langsam in den Busen greifend und ein kleines, auf Elfenbein gemaltes, mit Gold eingefaßtes Bild hervorziehend, das er kopfschüttelnd dem Förster überreichte.

Dieser warf einen Blick auf dasselbe und sank dann betäubt in seinen Sessel zurück.

„Ja sie ist es!“ rief er, das Bild an sein Herz drückend. „Es sind die Züge meiner theuren Schwester! – Und dies – ja dies ist die Handschrift des treulosen Verräthers, der sie zu einem Schritte verleitete, welcher unsäglichen Kummer über eine Familie brachte. Ha, Schlange, hast Du nicht genug in meinem Busen gewühlt, läßt Du jetzt auch noch Deine Brut gegen mich los, um durch sie das letzte und einzige Glück eines alten Mannes in gleicher Weise, wie Du es gethan, zu zerstören! – Aber hüte Dich, junge Natter, hüte Dich! Der Feind Deines Geschlechtes ist Dir näher, als Du glaubst!“

„Er redet irre!“ murmelte der Gemeindeschreiber, sich schüchtern nach allen Seiten umsehend. „Ich will ihm zureden, daß er sich nach Hause begiebt.“

Diese Ermahnung wäre indessen unnöthig gewesen. Bereits hatte sich der Greis erhoben und stand stolz und aufrecht auf sein Gewehr gestützt. Aber ein furchtbarer Ernst, aus welchem der eiserne Wille eines zur Reife gelangten Entschlusses sprach, drückte sich auf seinem Gesicht aus. Das Portrait zu sich steckend, schritt er schweigend an dem überraschten Eduard vorüber und das Dunkel der Nacht durchschneidend, eilte er mit einer Schnelle, die nicht ohne Absicht sein konnte, seiner im Forste gelegenen Wohnung zu.



IV.

Während wir so eben den Förster das Wirthshaus „Zur schönen Aussicht“ in der größten Aufregung haben verlassen sehen, herrschte im Forsthause selbst eine tiefe Stille und nichts deutete darauf hin, daß sich daselbst irgend Jemand befinde, der in seinem Frieden gestört sei. Aber dennoch gab es dort ein Wesen, dessen Herz von Unruhe nicht ganz frei war, obgleich sich darin offenbar nur eine frohe Erwartung aussprach, welche vermöge irgend eines seiner Enthüllung nahen Ereignisses veranlaßt wurde. Der Mond warf seine hellen Strahlen durch das dichte Laubwerk der alten Eichen und beleuchtete gleichzeitig das liebliche Gesicht Marien’s, die, ein Buch vor sich aufgeschlagen, in einem im Erdgeschloß gelegenen freundlichen Stübchen am geöffneten Fenster saß, ihre Lectüre indessen nur wenig beachtete, und sich statt dessen in sichtbarer Aufregung von Zeit zu Zeit mit ihrem Blick in das magische Dunkel des Forstes verlor.

Plötzlich tönte durch die Stille der Nacht der Schlag einer Wachtel, welchem unmittelbar darauf das heisere Geschrei einer Eule antwortete. Das junge Mädchen zuckte bei diesen Tönen erröthend zusammen, und legte gleichzeitig die Hand auf sein Herz. Aber kaum hatte es diese Bewegung ausgeführt, als es auch schon den Druck einer andern Hand fühlte und eine ihm wohlbekannte Stimme mit unverstellter Innigkeit leise seinen Namen aussprach, während sich zwei Augen zu ihm emporrichteten, deren zärtlicher Ausdruck Diejenige, der er galt, schüchtern und mit zartem Erröthen auszuweichen bemüht war.

„Marie, meine geliebte Marie!“ sagte der junge Mann, der niemand anders als der unter dem Namen Müller uns bekannte Fremde war, „wie unendlich muß ich Ihnen danken, daß Sie mir dies Zusammenkunft bewilligt haben.“

„Es mag sein, daß ich Unrecht that,“ sagte diese, „ohne das Wissen meines Vaters hierauf einzugehen, allein wenn die Gründe, welche Ihre Bitte begleiteten, sich wirklich als so triftig bewähren, wie Sie angegeben haben, so hoffe ich, es wird für mich hierin wenigstens theilweise eine Entschuldigung liegen.“

„Meine Absichten sind rein, hierüber wird bei Ihnen kein Zweifel herrschen.“

„Ich glaube es,“ sagte Marie, den jungen Mann mit dem Ausdruck eines unverkennbaren Vertrauens anblickend, „und es würd mich sehr unglücklich machen, daran zweifeln zu müssen.“

„Ihre Worte sind eine neue Aufforderung für mich, jeden Schein zu entfernen, welcher dieses Vertrauen schwächen könnte. Lassen Sie uns nicht verbergen, was in unserem Herzen vorgeht, meine Marie; schlagen Sie das Auge nicht zu Boden – nein, heben Sie es empor, wenn Sie das für mich empfinden, was ich hoffe.“ –

In der That folgte das junge Mädchen mit holder Schamhaftigkeit dieser Aufforderung, indem sie gleichzeitig, halb abgewendet, ihrem Gesellschafter ihre Hand reichte, die dieser tiefbewegt an seine Lippen drückte. Dann wurde sein Blick plötzlich ernst und eine gewisse Melancholie bemächtigte sich seiner Züge.

„Es ist ein eigenthümliches Verhängniß, welches uns zusammengeführt hat, meine Marie,“ begann er, „und es wird Pflicht für mich, daß ich den Schleier von Verhältnissen lüfte, die uns für die Zukunft voraussichtlich noch harte Kämpfe bereiten werden. Haben Sie den Muth, für die Erreichung eines Zieles, an welches sich das künftige Glück unseres Lebens knüpfen soll, mit Beharrlichkeit in den Kampf zu treten?“

„Sie werden mich hierzu zu jeder Zeit entschlossen finden.“

„Selbst wenn die Nothwendigkeit sie zwänge, dem Willen Ihres eigenen Vaters entgegentreten?“

„O mein Gott! Meinem eigenen Vater?“

„Hören sie, Marie, mein Name ist nicht Müller, ich heiße – “

Hier ließ sich der bereits früher von dem Fenster vernommene Schlag der Wachtel von neuem sehr laut hören.

„Ihr Vater!“ sagte der Jüngling erschrocken aufspringend. „Es ist Wilm, welcher uns das verabredete Zeichen giebt.“

Kaum waren diese Worte ausgesprochen, als der ungestüme Druck einer Hand das Zimmer öffnete.

In stolzer Haltung, doch leichenblaß und mit zornglühendem Auge trat der Förster ein.

Marie stieß einen Schrei aus und flog ihrem Vater entgegen. Dieser ergriff ihre Hand und führte sie ohne ein Wort zu sagen zu ihrem Sessel zurück.

Der Maler stand stumm, in zwar nicht trotziger, aber in ruhiger Haltung in der Mitte des Gemaches und schien entschlossen, den Sturm zu erwarten, dessen Ausbruch die finster zusammengezogenen Brauen des Alten verkündeten.

Dieser ließ sich auf einen Stuhl nieder und sein starres Auge heftete sich durchbohrend auf den Fremden.

[104] Eine peinliche, durch keinen Laut unterbrochene Stille herrschte einen Augenblick. Endlich sagte der Vater Marien’s und mit Eiseskälte:

„Herr von Wildenhaupt!"

Der Jüngling zuckte überrascht zusammen und Marie erbebte. „Herr von Wildenhaupt, Sie spielen die Rolle eines Nichtswürdigen." -

Eine hohe Röthe übergoß des Fremden Gesicht und sein Auge begegnete funkelnd dem des Försters. Doch schon in der nächsten Sekunde nahm sein Blick wieder den Ausdruck der Sanftmuth an und mit weicher, obgleich tiefbewegter Stimme antwortete er:

„Meine Ehre ist eben so unbefleckt wie meine Absichten rein sind; ich weise eine solche Beschuldigung mit der Ruhe, die ein gutes Gewissen verleiht, zurück."

„Junge Schlange, glauben Sie einen alten Mann zu täuschen?"

„Mein Vater!" rief Marie, einige Schritte vortretend und ihre Hände bittend erhebend.

„Still! Laß mich mit ihm Abrechnung halten, unverständiges, verblendetes Kind."

„Endigen Sie diesen Auftritt, der uns Beiden keine Ehre macht," sagte Wiidenhaupt - „machen Sie mich mit der Anklage, die Sie gegen mich erheben, bekannt, und ich werde Ihnen als ehrlicher Mann darauf antworten."

„Herr von Wildenhaupt, wissen Sie, in wessen Hause Sie sich befinden?"

„In dem Hause eines Mannes, den ich so gern Vater nennen möchte."

„Ha, ha!" lachte der Förster wild, „und darum schlichen Sie sich unter fremden Namen hier ein? - Nein, junger Mann, der Todfeind Ihres Vaters kann nie zu Ihnen in ein solches Verhältniß treten."

Der Fremde erblaßte und Marie stieß einen Schrei der Verzweiflung aus.

„Ich bin," sagte der Baron, „allerdings der Sohn jenes Herrmann von Wildenhaupt, den Sie so hassen.“

Bei diesem Namen flammte das Auge des Försters von Neuem und seine Hand weit von sich streckend, rief er:

„Fort! Aus meinen Augen, junger Wolf! Gleich ihm hast Du Dich hier eingeschlichen, um wie er das unschuldige Lamm zu rauben!“

„Genug!“ sagte der Baron plötzlich sehr ernst. „Ich habe getragen, was ein Mann einem Andern gegenüber zu tragen vermag, aber auch die von der Verblendung angefachte Leidenschaft muß ihr Ziel finden. Sie haben einen edelen Vater einem Sohne gegenüber mit Schmähungen überhäuft, dessen Andenken demselben theuer und heilig ist. Ich kam hierher, um Ihr hartes, unbeugsames Herz mit ihm zu versöhnen.“

„Nimmermehr!“ sagte finster der Alte.

„So soll mich dies doch nicht abhalten, seine Rechtfertigung zu führen," fuhr schmerzlich bewegt der Jüngling fort.

„Geben Sie diesen Versuch auf," rief mit Bitterkeit Marien's Vater. „Was könnten Sie noch sagen, was nicht schon bekannt wäre. Eine traurige Geschichte, die freilich leider nicht neu in der Welt ist. Ihr Vater war Offizier und wurde schwerverwundet in das Haus meiner Aeltern gebracht. Zum Dank für die Pflege, die er genoß, stahl er denselben die Tochter."

„Er und Ihre Schwester, meine theure, verklärte Mutter, liebten sich. Vergebens bat er um ihre Hand; unbefragt hatte man dieselbe einem reichen Pächter zugesagt."

„Kinder müssen gehorchen,“ bemerkte rauh der alte Graubart.

„Aber der Gehorsam hört aus, wo die Liebe gebietet. Sie flohen. Vergebens suchten später die zärtlichsten Briefe die erzürnten Aeltern von dem Glücke des verbundenen Paares zu überzeugen. Sie waren es - o, daß ich diese Anklage erheben muß! - Sie waren es, welcher jedesmal einer Versöhnung hartnäckig in den Weg trat, weil Sie Haß gegen meinen Vater im Herzen trugen, der sich für eine von Ihnen empfangene Beleidigung in einem Augenblicke der Aufwallung auf eine Weise gerächt hatte, die seitdem von ihm stets auf das Schmerzlichste beklagt worden ist."

„O, mein Vater! Mein Vater!" rief Marie schluchzend. „welches dunkele Gemälde der Vergangenheit öffnet sich vor meinen Blicken!"

„Still!" sagte dieser finster, „soll ich hier als Angeklagter stehen, wo ich als strafender Richter erschienen bin? - und dennoch, wer wagt es, meine Liebe gegen die Schwester in Zweifel zu ziehen?" fügte er weich hinzu. „War es nicht eben diese Liebe, die ihre Rückkehr in’s väterliche Haus als Bedingung der Versöhnung stellte, habe ich nicht in der Einsamkeit zu Gott gebetet, daß er ihr verblendetes Herz lenken und sie in die Arme ihres Bruders, zu den Füßen der trauernden Aeltern zurückführen möge.“

„Aber, war dieses Gebet wohl auch ein reines?" entgegnete der Baron. „Wollten Sie nicht die Gattin von dem Herzen des Gatten reißen, um sich an einem Manne zu rächen, der das Ihnen zugefügte Unrecht so oft und so aufrichtig bereut hatte.“

„Genug der Worte!“ rief der Förster mit einer Kälte, die einen unwiderruflichen Entschluß bekundete. „Verlassen Sie dieses Haus, in welchem bisher der Friede und das Glück wohnten. Vermeiden Sie es, die Schwelle desselben jemals wieder zu betreten, denn zwischen uns kann niemals eine Verständigung stattfinden.“

„Und Sie, Marie?" sagte der Baron zu dem jungen Mädchen gewendet, „stimmen auch Sie in diesen Urtheilsspruch ein?“

Eine convulsivische Bewegung durchzuckte den Körper des lieblichen Kindes. Leichenblässe überzog ihr schönes Gesicht. Plötzlich richtete sie sich muthig und entschlossen auf. Sie eilte auf den Baron zu. Dieser umfing sie mit seinen Armen. Ihr Haupt sank langsam auf seine Schulter. Der Alte sprang auf und wollte sie von dem Jüngling trennen. Aber eine zwar sanfte, jedoch entschiedene Handbewegung seiner Tochter verhinderte ihn daran.

[113] „Vater,“ sagte Marie mit einer Stimme, die ein tiefes Leid niederdrückte, „Vater, Ihre Tochter ist Ihnen nie mit einer Unwahrheit entgegengetreten; am Wenigsten möchte sie dies aber in diesem Augenblicke thun. So hören Sie. Ich war Ihnen stets ein folgsames Kind, dieses Zeugniß können Sie mir nicht versagen – ich habe Sie stets geliebt und geehrt und auch diese Anerkennung muß mir Ihr Herz zu Theil werden lassen. Der alte Wilm –“

„Ha, der Kuppler!“

„Wilm verdient einen solchen Namen nicht, mein Vater. Er machte mein junges Herz zuerst mit Gott bekannt und erzog mich im Gehorsam zu Ihnen. Wohlan, hierin will ich beharren, auf daß mir’s wohl gehe auf Erden, wie das durch den Mund Moses von Gott gegebene Gebot sich ausdrückt. Aber hiermit, mein Vater, habe ich auch alle Pflichten einer folgsamen Tochter erfüllt, einer Tochter – ach, daß ich diese Anklage erheben muß! – deren Glück Ihnen weniger gilt, als die Befriedigung eines von der Leidenschaft genährten Hasses.“

„Still, Mädchen! Wer giebt Dir das Recht, mit Deinem Vater auf diese Weise zu sprechen?“

„Die Stimme der Wahrheit, welche so ungern von den Menschen gehört wird. Doch gestatten Sie mir noch ein weiteres Wort. Heute zum ersten Mal tritt es mit klarem Bewußtsein vor meine Seele, daß Gott dem Menschen einzelne Rechte verliehen hat, die sein ausschließliches heiliges Eigenthum sind. Lassen Sie mich frei empfinden und fühlen, dem Gehorsam gegen Sie wird dadurch kein Abbruch geschehen. Mein Herz hat gewählt, es gehört dem Manne, in dessen Armen Sie mich jetzt sehen, und wenn Ihr Haß ihn hinwegstößt von der Schwelle dieses Hauses, so soll meine Liebe ihn in unveränderlicher Treue begleiten.“

Ein lautes Schluchzen unterbrach hier die Worte des lieblichen Mädchens und erschöpft sank sie auf einen Stuhl.

Wildenhaupt wandte sich nochmals zum Förster.

„Seien Sie mild und versöhnend, wo es sich um das Wohl Ihrer einzigen Tochter handelt; begründen Sie das Glück zweier Menschen, deren Herzen Sie ja doch nicht mehr zu trennen vermögen.“ –

Aber finster winkte der Greis mit der Hand.

„Hinaus aus meinem Hause, dessen Frieden Sie gestört haben,“ sagte er, „Wie, sollte der Wille eines Vaters von der thörichten Laune eines Kindes abhängen, das auch schon von dem Gifte getrunken zu haben scheint, welches gegenwärtig die Herzen und Köpfe unserer Jugend durchdringt und sie in maßloser Ueberhebung jedes Gesetz, jede fromme Sitte verachten lässt? – Noch einmal: hinweg aus meinem Hause, damit eine ungehorsame Tochter wieder Zeit gewinnt, zu ihrer Pflicht zurückzukehren!“

Der Alte hatte sich erhoben und von Neuem eine so drohende Stellung angenommen, daß Wildenhaupt die Unmöglichkeit einsah, eine Verständigung herbeizuführen. Er hoffte, daß die Zeit ihm später günstiger sein würde und beschloß, einen Auftritt zu beenden, der bereits für ihn so vieles Demüthigende gehabt hatte.

Indem er Marien noch einen Blick der Aufmunterung zuwarf, verließ er daher die Wohnung des Försters, welcher im starren Hinbrüten von seinem Weggange kaum Notiz zu nehmen schien. – –

Es war einige Tage nach dem hier geschilderten Auftritt, als an einem finstern, stürmischen Abend ein Mann an den Eingang einer zerfallenen Lehmhütte pochte, welche versteckt in einer abgelegenen Schlucht jener wilden Berggegend lag, die den Schauplatz unserer Erzählung bildet.

„Hm, wer klopft da?“ fragte eine rauhe Stimme aus dem Innern, „Glaubt Ihr, daß ich Lust habe, mich von dem Ersten Besten aus meiner Ruhe stören zu lassen?“

„Ich bin es, Peter,“ sagte der Mann draußen im vertraulichen Ton, „mache auf, denn der Wind bläst mir um die Ohren, und es ist wahrlich kein Vergnügen, in einer solchen Nacht mitten auf der Haide dem Wetter zu trotzen.“

„Oho, seid Ihr es, Herr Julius,“ entgegnete etwas freundlicher der Hüttenbewohner, indem er sich erhob und den Riegel von dem Eingange der Barracke zurückzog, „habt Ihr den schwarzen Peter wieder einmal nothwendig, daß Ihr denselben noch in so später Stunde heimsucht?“

„Still, keinen Namen,“ sagte der Eintretende, „selbst die Nacht hat Ohren und man kann nie wissen, ob irgend wo ein Verräther lauscht.“

„Ein Verräther?. – Ha, ha! Wißt Ihr denn nicht, daß die Leute nach Sonnenuntergang gern einen Umweg von einer halben Stunde machen, wenn sie dadurch meine Wohnung vermeiden können?“ –

„Ich weiß es, Peter – Du hast mehr Feinde als Freunde,“ antwortete Julius, die athletische, verwilderte Gestalt des Hüttenbewohners nicht ohne heimliche Scheu betrachtend, „aber was kümmert mich das, ich kenne Dich als einen tüchtigen Kerl, der sein Wort hält und zu gebrauchen ist.“

„Meint Ihr?“ sagte sein Gesellschafter, sich nicht ohne einen Anstrich von Zufriedenheit den dichten schwarzen Bart streichend, [114] welcher den größten Theil seines Gesichts bedeckte. „Aber auch Euch, Herr Julius, muß ich es zum Lobe nachsagen, daß Ihr einen guten Dienst auch gut zu bezahlen versteht.“

„Für meine Freunde habe ich immer eine offene Hand.“

„Ha, ha! Erinnert Ihr Euch noch an die vorjährige Geschichte mit der blauäugigen Betty? Es war eine schmucke Dirne, hol mich der Teufel, und noch so unschuldig wie ein Lamm. Nun was half ihr dies? Ihr hattet nun einmal ein Auge auf sie gerichtet und dem schwarzen Peter sind ein Paar blinkende Goldstücke mehr als solcher Plunder werth.“

„Höre,“ sagte Julius, sich in Ermangelung eines Stuhles auf einen Baumstamm neben dem Bewohner der Hütte niederlassend und ihm vertraulich in das wildfunkelnde Auge blickend, „Deine Hand ist zwar breit, Peter, aber dennoch will ich Dir dieselbe mit Gold füllen, wenn Du den Muth hast, einen Auftrag auszuführen.“

„Muth, Herr?“ fragte der Kerl, indem sein Auge wie das eines Tigers funkelte und seine Fäuste sich krampfhaft zusammenballten. „Nennt mir Einen, der Lust hat, sich mit dem schwarzen Peter zu messen.“

„Höre, hast Du mit dem Förster dort im Walde nicht noch eine alte Geschichte abzumachen?.“

„Gott verdamme mich, glaubt Ihr, daß es ihm geschenkt ist? Zwei Mal hat er mich setzen lassen und warum: Weil ich so gut wie er einen Rehbock zu treffen wußte.“

„Eine passende Gelegenheit, Peter, um Dir Genugthuung zu verschaffen. Das Gesetz ruht. – “

„Hm!“ sagte der Hüttenbewohner, indem er beistimmend mit dem Kopfe nickte.

„Nun, sind wir einig?“

„Ich denke, Herr! Wie viele Goldstücke wollt Ihr anwenden?“

„Zwanzig. Bist Du damit zufrieden?“

„Und was verlangt Ihr dafür?“

„Des Försters Tochter. Führst Du mir dieselbe zu, so erhältst Du noch zehn Goldstücke.“

„Also durch Gewalt?“

„Narr! in Güte höffst Du doch nicht zum Zwecke zu gelangen.“

„Laßt mich machen. Ein Anker Branntwein thut viel und ich soll wohl ein halbes Dutzend Burschen finden, die mit dem Förster auch noch ihre Rechnung abzuschließen haben. – Wann muß das Mädchen in Eurer Gewalt sein?“

„Ich gebe Dir drei Tage Zeit.“

„Verlaßt Euch darauf. – Ich werde pünktlich sein.“

„Hier, Peter, hast Du die Hälfte des Geldes auf Abschlag. Der Förster ist für Dich, das Mädchen für mich, vergiß diese nicht.“

„Seid unbesorgt. In solchen Sachen habe ich ein verdammt strenges Gewissen.“

„Gute Nacht, Peter!“

„Gute Nacht, Herr!“

Mit diesen Worten schlüpfte Julius aus der Hütte und verlor sich bald auf der großen Haidefläche, über welcher in diesem Augenblick eine undurchdringliche Finsterniß lagerte.

Der schwarze Peter aber – einer der berüchtigsten Wilddiebe jener Gegend, schob den hölzernen Riegel wieder vor seine Thür und sich der Länge nach vor dem Feuer hinstreckend, welches er im Innern der Barracke angezündet hatte, schien er über den Plan nachzudenken, welchen er bei dem gegen den Förster und dessen Tochter gerichteten Anschlage zum Grunde legen wollte.



V.

Zwei Tage waren abermals verflossen. Im Walde schien der Mond und die Sterne schimmerten hell, aber in der Wohnung des alten Gruner sah es trüb und düster aus. Der Greis saß in einem Lehnstuhl und blickte finster vor sich hin. Marie war mit einer Handarbeit beschäftigt, doch verrieth die Blässe ihres Gesichts, der trübe, melancholische Blick, die zusammengesunkene Gestalt deutlich den tiefen Seelenschmerz, der sie niederbeugte. In einer Ecke des Zimmers saß der Invalide und war mit der Ausbesserung eines Netzes beschäftigt, aber auch er blieb stumm und sein fast bis auf die Brust herabgesenktes Haupt hob sich nur bisweilen, um sich mit einer Theilnahme und einer Besorgniß dem jungen Mädchen zuzuwenden, welche unverhohlen zeigten, wie sehr das Herz des alten Mannes an derjenigen hing, die in der Einsamkeit des Waldes an seiner Seite groß geworden war.

Endlich brach der Förster das Schweigen und sagte mit einer Stimme, die leiser und weicher wie gewöhnlich klang:

„Marie!“

„Was wünschest Du, mein Vater?“ fragte die Tochter mit einer Stimme, deren sanfter, melancholischer Ton fast erschütternd klang.

„Marie, es ist nicht Alles so zwischen uns wie es sein sollte.“

Ein Blick, in welchem die Seele eines Engels selbst im bittersten Schmerze noch ihre Demuth bewahrt, traf den Vater. Die Tochter stand auf, sie näherte sich geräuschlos dem Greise, kniete vor ihm nieder, ergriff seine Hand und drückte dieselbe mit Innigkeit an ihre Lippen.

„Verzeihung,“ sagte sie, indem zwei heiße Thränen über ihre Wangen rollten – „Vergebung, wenn durch meine Schuld dieses theure Leben auch nur für einen Augenblick getrübt wird.“

Ein tiefer Seufzer aus der Ecke, wo der Invalide saß, folgte unmittelbar diesen Worten.

„Vergiß ihn,“ sagte der Alte, indem er sanft seine Hand auf das Haupt seines Kindes legte – „vergiß ihn und unser Glück wird wieder hergestellt sein.“

„Ich kann nicht,“ sagte das Mädchen, nach ihrem Herzen fassend und leichenblaß auf ihren Platz zurückkehrend.

In diesem Augenblick donnerten gegen den Thorweg mehrere heftige Schläge.

„Was ist das?“ rief der Förster aufspringend und das Fenster öffnend.

„Es muß etwas Außerordentliches sein,“ sagte der alte Soldat aufhorchend. „Hört! – Die Schläge verdoppeln sich.“

„Wer klopft noch zu so später Stunde?““ fragte der alte Gruner in die Nacht hinaus.

„Um Gottes Willen öffnet! Jede Minute ist kostbar!“ tönte es von draußen her.

Der Förster fuhr erbleichend zurück. „Es ist seine Stimme,“ sagte er finster. „Der Wahnsinnige! Will er, daß ich eine Gewaltthat begehe?“

„Oeffnet!“ rief die Stimme noch hastiger „öffnet, denn die Gefahr folgt mir auf dem Fuße!“

Ein durchdringender Schrei ward gehört und einer Ohnmacht nahe, sagte Marie mit halbgebrochenen Augen, beide Hände bittend faltend: „Barmherzigkeit, Vater! Barmherzigkeit mit Ihrer Tochter!“

„Schiebe den Riegel zurück,“ befahl der Forstmann dem Invaliden, „doch wehe ihm, wenn es nur eine List ist, um sich hier abermals einzuschleichen.“

Der alte Soldat ging und einige Minuten darauf stand Herr von Wildenhaupt in der Mitte des Zimmers.

Marie stieß einen Schrei des Entzückens aus und streckte ihre Arme dem Geliebten entgegen. Dieser drückte ihre Hände an sich und führte sie zu ihrem Sitze zurück. Dann wendete er sich zu dem Vater, der stumm und finster in der Mitte des Zimmers stand und sagte hastig:

„Fort, fort von hier! Ihr Leben steht in Gefahr!“

Der Alte sah ihn mit großen Augen an, während Marie weinend an seine Brust sank und ihre Arme um seinen Nacken schlug.

„Mein Leben in Gefahr?“ fragte der Greis, ungläubig mit dem Kopfe schüttelnd. „Die List ist zu plump, als daß sie bei mir Glauben finden könnte. Wer wollte sich wohl an einem alten Manne vergreifen, der hier bereits seit vierzig Jahren in Frieden gelebt hat.“

„Und doch ist es so, so wahr mir Gott helfe!“

„Mein Vater, o mein Vater!“ jammerte Marie.

„Still, Mädchen! Wenn seine Worte Wahrheit sind, so ist es Zeit, daß wir wie Männer handeln. Sprechen Sie, junger Mann, welche Gefahr droht uns?“

„Ein verruchter Plan scheint gegen Sie geschmiedet. Der Zufall ließ mich einen Theil desselben erfahren. Von einem Mann, dem[WS 1] ich von Zeit zu Zeit kleine Wohlthaten erzeigte, wurden mir Andeutungen gemacht, welche mich ein höllische Bubenstück ahnen lassen. Kennen Sie Julius?“

„Gewiß. Es ist der reichste Mann in der Gegend.“

„Aber dem Anschein nach auch der größte Schurke.“

„Wenigstens ein Wollüstling der verdorbensten Art, der vor keiner That zurückbebt, wenn es der Befriedigung seiner wilden Leidenschaften gilt. – Was ist Dir, Marie?“

[115] „Nichts, mein Vater, aber glauben Sie mir, dieser Mensch hat das Herz eines Teufels,“ sagte das Mädchen, sich vor Frost schüttelnd.

„Und er sollte uns bedrohen?“ fragte der Förster nachdenkend.

„Ich fürchte es,“ entgegnete Wildenhaupt, „obgleich er gewiß nicht selbst auf dem Schauplatze erscheinen wird, Sie kennen ja doch den schwarzen Peter?“

„Ich werde doch den berüchtigsten Wilddieb in der ganzen Gegend kennen. Dem Kerl gilt ein Menschenleben nicht mehr wie das eines Rehbocks.“

„Wohlan, so dürfen Sie sich über die Gefahr nicht mehr täuschen; urtheilen Sie nun selbst, ob ich dieselbe übertrieben habe. Er und seine Bande werden heute Abend erscheinen – es gilt den Raub des kostbarsten Kleinods, welches Sie besitzen, und um denselben zu bewerkstelligen, werden die Schurken selbst vor einem Morde nicht zurückbeben.“

„Sie sollen mich vorbereitet finden! – Entfernen Sie sich jetzt, junger Mann, es dürfte hier etwas heiß zugehen.“

„An Ihrer Seite ist mein Platz.“

„Wie, Sie wollen bleiben?“

„Ich erbitte mir dies als eine besondere Gunst.“

Der alte Mann heftete eine Secunde seinen Blick auf den Jüngling. Zum ersten Mal brachen sich die finsteren Strahlen seines Auges und mit einem Ausdruck der Zufriedenheit schaute er auf die schöne jugendliche Gestalt.

„Wohlan,“ sagte er, „in der Gefahr lernen sich die Menschen kennen! Wollen Sie unser Loos theilen, so nehme ich Ihre Hülfe an. Lassen Sie uns als muthige Männer dem Kommenden in’s Auge blicken, unser sind Drei – bis Hülfe erscheint, können wir uns hier schon gegen eine vierfache Ueberzahl halten.“

„Ich hatte noch so viel Zeit,“ sagte Wildenhaupt, „dem Gemeindeschreiber Eduard einige flüchtige, mit Bleistift geschriebene Zeilen zu schicken – ich hoffe, er wird sie erhalten haben und nicht säumen mit der Bürgerwehr zu unserer Hülfe herbeizueilen.“

„Das ist eine schwache Hoffnung,“ sagte der Förster. „Ja, gälte es, sich bei einem Schmause einzufinden, dann wollte ich an der Bereitwilligkeit dieses Herrn Eduard nicht zweifeln, aber wo es darauf ankommt, einer Gefahr muthig ins Auge zu blicken, da hat er so seine eigenen Bedenken, die sich oft bis zur Unüberwindlichkeit steigern.“

„So wollen mir uns auf unsere eigenen Kräfte verlassen,“ sagte der junge Mann entschlossen. „Doch die Gefahr ist nahe und es wird die höchste Zeit, unsere Maßregeln zu treffen.“

„Sie haben Recht, Herr von Wildenhaupt. Wilm, hast Du die Hausthür verrammelt und die doppelten Riegel vorgeschoben?“

Der alte Soldat nickte mit dem Kopfe, und indem seine verwitterten Züge ein eigenthümliches Lächeln überflog, murmelte er halblaut vor sich hin:

„Laßt sie nur kommen, sie sollen an dem alten Wilm ihren Mann finden! – So ein Blockhaus läßt sich lange halten, wenn es mit Muth und Umsicht vertheidigt wird.“

„Marie,“ sagte der Förster, „ziehe Dich in’s Hinterhaus in den obern Stock zurück; dort bist Du vor jedem Unfall geschützt, der Dich treffen könnte.“

„Mein Vater,“ bat das Mädchen, sich liebevoll an den Greis schmiegend, „lassen Sie mich Ihr Schicksal an Ihrer Seite theilen.“

„Geh’, mein Kind, Du würdest uns hier mehr hinderlich als nützlich sein. Geh’! Gott segne und beschütze Dich!“

Ich will auf meinen Knien im heißen Gebet für uns seine Hülfe anflehen,“ sagte Marie, das Zimmer weinend verlassend.

„Hier sind Waffen,“ fuhr der Förster, nach der Wand zeigend, fort, wo eine Reihe stattlicher Büchsen hing; es wird gut sein, wenn wir die Lichter auslöschen und so den Angriff erwarten.“

„Still!“ rief Wilm aufhorchend, „ich höre ein Gemurmel von Stimmen.“

„Er hat Recht,“ sagte Wildenhaupt, indem sein Blick sich aufmerksam im Dunkel des Waldes verlor, „dort hinter den Bäumen bewegt sich der Schatten von drei bis vier Menschen.“

„Die Lichter aus und an unsere Posten!“ gebot der Förster mit leiser aber mit fester Stimme.

Der Anordnung folgte sofort die Ausführung. Einen Augenblick darauf standen die drei Männer in athemloser Stille, die Büchsen in der Hand, kampffertig hinter den Brüstungen der Fenster. Ein Augenblick der spannendsten Erwartung ging vorüber. Plötzlich ertönte ein wildes Geheul und ein Dutzend dunkle Gestalten stürzte sich gegen die Einfassung des Gebäudes.

„Sie versuchen das Thor zu sprengen,“ sagte Wildenhaupt leise.

„Die Schurken!“ murmelte Wilm. „Ich erkenne mehrere derselben, die Bande besteht aus dem schlechtesten und verrufensten Gesindel der ganzen Gegend.“

„Still!“ rief Marien’s Vater, „ich höre die Stimme des schwarzen Peter.“

In der That wurde es draußen laut. Einzelne wilde Flüche, die aus Kehlen drangen, die offenbar von dem Genuß des Branntweins halb heiser waren, vermischten sich zu einem Geheul, das mehr den Tönen wilder Thiere wie denen von Menschen glich. Dann folgte ein zweiter noch heftigerer Angriff gegen den Eingang.

„Der alte Fuchs hat sich in seinem Bau verrammelt,“ sagte der Kerl, den wir bereits mehrere Mal unter dem Namen „der schwarze Peter“ kennen gelernt haben, „aber Gott verdamme mich, das soll uns nicht hindern, ihm das Fell über die Ohren zu ziehen.“ –

„Wilm, schicke ihnen eine Kugel über die Köpfe,“ sagte der Förster leise.

Ein Blitz zuckte auf, dem unmittelbar der Knall einer Büchse folgte.

Mit Geheul stiebte die Bande auseinander, als sie sich aber unverletzt sah, kehrte sie mit neuem Wuthgeschrei zurück.

„Still, laßt mich dem alten Spitzbuben die Antwort geben,“ sagte ihr Führer, „ich habe so noch eine alte Rechnung mit ihm abzumachen, und es ist jetzt die beste Gelegenheit, darüber zu quittiren.“

Bei diesen Worten funkelte der blanke Lauf einer Büchse im Schimmer des Mondes durch die Luft, und im nächsten Augenblick zerschmetterte eine Kugel das Kreuz des Fensters, hinter welchem der alte Soldat stand.

Dieser stieß ein kaltes Gelächter aus, während er sein Gewehr von Neuem lud.

„In zehn Schlachten,“ murmelte er, „hat mich Gott beschützt und ich sollte jetzt durch die Hand eines solchen Kerls fallen? – Aber was ist das? – Bei Gott, die Schurken haben den Thorweg in Brand gesteckt!“

In der That loderte unter einem Triumphgeschrei, wie es nur Kannibalen auszustoßen vermögen, die Einfassung des Hauses in hellen Flammen, während zu gleicher Zeit die Belagerer einen neuen heftigen Angriff machten.

Jetzt gilt es, unser Leben zu vertheidigen,“ sagte der Förster leise zu dem ihm zunächststehenden Baron – sehen Sie, der Thorweg giebt nach und wir sind jetzt nur noch auf die Vertheidigung des Hauses beschränkt; geben Sie Wilm einen Wink: es bleibt uns jetzt nichts Anderes übrig, als zu den äußersten Mitteln zu greifen.“

Ein leiser Zuruf Wildenhaupt’s genügte, um die Aufmerksamkeit des alten Soldaten gleichfalls auf den Förster zu lenken.

„Gut gezielt,“ sagte dieser leise, indem er vorsichtig sein Gewehr anschlug – „hier gilt es Leben um Leben, Blut um Blut, denn fallen wir in die Hände unserer Feinde, so ist uns ein qualvoller Tod gewiß.“

Aber auch unten im Hofe war die Bewegung im Hause bemerkt worden. Drei oder vier Flintenläufe richteten sich gegen die Fenster. Eine Todtenstille herrschte einen Augenblick, dann folgte eine gegenseitige Salve, welche unmittelbar nachher ein dumpfes Geheul und eine wilde Verwirrung unter den Angreifern hervorrief.

„Er wälzt sich in seinem Blut, der schwarze Peter und noch zwei andere mit ihm,“ sagte der Förster, „ich kenne diese Schufte, sie sind jetzt entmuthigt und wir dürfen keine Zeit verlieren, sondern müssen durch einen entschlossenen Ausfall den errungenen Vortheil zu verfolgen suchen.“

„Sie ziehen sich zurück,“ sagte Wilm, „ich sehe, wie sie ihre Verwundeten mit sich fortschleppen.“

„Desto besser, so wird unser Erfolg um so sicherer sein.“

Mit diesen Worten schob der inzwischen im Erdgeschoß mit seinen Gefährten angelangte Förster die schweren Riegel der Thüre zurück und stürzte, von seinen beiden Kampfgenossen gefolgt, unter lautem Rufe auf die Bande draußen zu. Die Hitze des Kampfes und die Gefahr des Augenblicks schien den beiden alten Männern [116] ihre Jugendkraft zurückgegeben zu haben. Mit einem Ungestüm, der dem ihres jüngeren Gefährten nichts nachgab, verfolgten sie das Gesindel, welches jetzt zu fliehen begann und das sich, seines Führers beraubt, bald im Dunkel des Waldes nach allen Seiten hin zerstreute, denn der Muth eines bösen Gewissens reicht nur so weit, als der Erfolg einer schlechten Handlung günstig ist.

Unter einer alten Eiche, die ihre breitastigen Zweige weit ausstreckte, fanden sich die drei Männer wieder zusammen. Aus ihren von der Anstrengung noch aufgeregten Zügen sprach eine tiefe Bewegung. Sie drückten sich herzlich und innig die Hände, und in dieser einfachen geräuschlosen Handlung sprach sich die Anerkennung ihres gegenseitigen Werthes in diesem feierlichen Augenblick kräftiger und deutlicher aus, als solches durch eine Reihe der ausgesuchtesten Worte hätte geschehen können.

„Die Gefahr ist vorüber,“ sagte der Förster, „doch thut noch immer Wachsamkeit Noth; zurück also, meine treuen Freunde, in das Haus, wo ein Gegenstand, der uns Allen theuer ist, in banger Sorge unserer Rückkehr harrt.“

Alle Drei traten aus dem Dunkel des Waldes und schritten dem Forsthause zu. Plötzlich zuckte der alte Soldat zusammen und rief seinen beiden Gefährten ein leises „Halt“ zu.

„Was giebt es, Wilm?“ fragte der Förster gespannt.

„Seht!“ sagte dieser mit gepreßter Stimme, indem er seinen Arm ausstreckte, „die Schufte haben uns überlistet und den Rückweg nach der Festung abgeschnitten.“

Die beiden Anderen blickten auf und eine bange erwartungsvolle Minute verging.

„Wilm hat Recht,“ rief der Vater Marien’s mit einer Stimme, die zum ersten Male bebte, weil ihm die Gefahr, in welcher seine hülflose Tochter schwebte, in ihrer ganzen Größe entgegentrat, – „seht, dort im Schimmer des Mondes blinkt der Lauf von drei bis vier Gewehren!“

„Was ist zu thun?“ fragte Wildenhaupt, „denn eine Täuschung waltet hier nicht ob – auch ich erkenne einen Haufen Bewaffneter.“

„Still!“ rief der Förster, „ich höre die Stimme meines Kindes.“

Diese Worte wirkten elektrisch auf die drei Männer; in gespannter Erwartung standen sie lauschend da, während man den Herzschlag jedes Einzelnen vernehmen konnte.

„Ich zweifle weder an Ihrem guten Willen noch an Ihrer Tapferkeit,“ sagte Marie mit klarer Stimme zu einer Person, welche im Vordergrunde der Gruppe stand, „und mein Vater wird gewiß in seinem Danke gegen Sie nicht zurückbleiben.“

„Gott im Himmel!“ seufzte der Alte, „der Schreck hat auf den Verstand des armen Kindes eingewirkt.“

„Man spricht von Neuem,“ sagte der Baron. „Hören Sie.“

„Aber Sie werden zugeben, Fräulein Marien“, sagte die vorige Person, „daß viel Muth und Geschicklichkeit dazu gehört, im entscheidenden Augenblick eine solche Flankenbewegung auszuführen. Muth, sage ich, weil wir uns wie die Spartaner in den Termopylen auf einen sicheren Tod vorbereiten mußten, Geschicklichkeit, weil ich mit taktischer Gewandtheit in demselben Augenblick mit meiner Schaar vorrückte, als der Feind seinen Rückzug antrat und auf diese Weise eine starke Reserve ohne Verlust in’s Hintertreffen geführt habe, was offenbar mißglückt wäre, wenn ich blos meinem persönlichen Muthe Folge geleistet und von Vorne angegriffen hätte.“

„Ich verstehe hiervon nichts, Herr Eduard,“ sagte Marie in einem fast an Heiterkeit grenzenden Tone, „indessen zweifele ich nicht im Mindesten an der Wahrheit Ihrer Auseinandersetzungen.“

„Und dann,“ fuhr dieser fort, „kennen Sie, Fräulein Marie, meine tiefe Verehrung zu Ihrer liebenswürdigen Person, und schon dies würde mich veranlaßt haben, mich mit Hintenansetzung jeder Rücksicht muthig in den Tod zu stürzen.“

Hier wurde der arme Eduard durch ein schallendes Gelächter unterbrochen, und zugleich gewahrte er zu seinem Schrecken, daß aus dem Dunkel des Waldes eine Anzahl Bewaffneter hervorbrach. Diese unerwartete Erscheinung übte einen solchen Einfluß auf seinen Geist aus, daß plötzlich sein Redefluß verstummte und seine Person eilig hinter einem großen Regenfaß verschwand, während seine Begleiter nicht minder behende hinter anderen deckenden Gegenständen unsichtbar wurden.

„Aber zum Kukuck, wo stecken Sie denn, Herr Eduard?“ rief eine bekannte Stimme, in welcher wir die des alten Forstmannes wieder erkennen, „ist es Recht, daß Sie sich unseren Blicken in dem Augenblick entziehen, wo wir Ihnen unseren Dank abstatten wollen!“

„Ach!“ sagte der Gemeindeschreiher, mit etwas verlegener Miene, aus seinem schützenden Versteck hervortretend, „Sie sind es, Herr Gruner. – Nun, ich habe die Ehre, Ihnen einen guten Abend zu wünschen; es hat so seine eigene Bewandtniß mit den taktischen Bewegungen bei Nacht, und ich habe stets gehört, daß man dem Feinde gegenüber in allen Fällen eine möglichst starke Position zu gewinnen suchen muß.“

„Sie sind so bis an die Zähne bewaffnet, mein bester Herr Eduard,“ sagte der Förster, gutmüthig lachend. „Eine halbe Stunde früher hätten wir die vier Pistolen, welche Sie da im Gürtel tragen, so wie den langen Kürassiersäbel, der Ihnen an der Seite hängt, trefflich brauchen können, abgesehen von den zwei Dolchen, die ich außerdem noch bei Ihnen bemerke.“

„Sie erhielten also die Zeilen, welche ich an Sie richtete, wie es scheint, zu spät?“ fiel Wildenhaupt ein.

„Keineswegs,“ entgegnete der Gemeindeschreiber, „ich habe bereits seit einer halben Stunde mit meiner Schaar dort im Dickicht gelegen und den Muth bewundert, mit welchem Sie den Kampf führten. Allein wie dich bereits die Ehre hatte, Fräulein Marie zu berichten, lag es in meinem Plan, durch eine geschickte Flankenbewegung dem Gefecht den Ausschlag zu geben, und dies ist mir, wie ich zu meiner Genugthuung gewahre, auch vollkommen gelungen.“

Hier schlug der alte Soldat ein so boshaftes Gelächter aus, daß der Gemeindeschreiber es für nöthig fand, durch einige Worte den Eindruck, welches dasselbe auf die Anwesenden machte, zu mildern.

„Der alte Wilm,“ sagte er, „hat noch seine Taktik aus dem vorigen Jahrhundert, während man jetzt die Kriegsführung auf ganz andere Grundsätze basirt. Doch ich sehe, die Zeit ist schon so weit vorgerückt, daß der Tag anbricht. Da nun durch Ihren Muth und meine Flankenbewegung der Feind völlig aus dem Felde geschlagen ist, so will ich, mit Ihrer gütigen Erlaubniß, mit meiner Schaar abziehen, um mich bei einer warmen Tasse Kaffee von den Strapatzen dieses nächtlichen Feldzuges zu erholen.“

„Thun Sie das, Herr Eduard,“ sagte der alte Forstmann, „ich hoffe, im Lauf des Tages noch das Vergnügen zu haben, Sie in meinem Hause zu sehen und dann werden Sie es nicht verschmähen, unseren Dank für Ihre thätige Hülfe nochmals entgegen zu nehmen.“

„Ich werde nicht verfehlen, mich einzufinden,“ sagte der Gemeindeschreiber, „zumal ich eine zarte und delikate Angelegenheit zu erledigen beabsichtige. – Also, Fräulein Marie, ich nenne mich Ihren ergebenen und gehorsamen Diener, und habe die Ehre, Ihnen einen guten Morgen zu wünschen.“

Mit diesen Worten stellte sich Herr Eduard an die Spitze seiner Truppe und schwenkte mit derselben in sehr stolzer und gravitätischer Haltung von dem Schauplatz seiner Thaten ab. Die Bewohner des Forsthauses zogen sich ebenfalls, von den Anstrengungen der Nacht ermüdet, in das Innere desselben zurück, und kurze Zeit darauf herrschte dort ein so tiefer Frieden, daß Niemand die eben beschriebenen Ereignisse geahnet haben würde, wenn die geschwärzten und rauchenden Trümmern des Thorweges nicht auf etwas Außergewöhnliches hingedeutet hätten.



VI.

Fünf oder sechs Stunden später saß der alte Gruner wieder in seinem Lehnstuhl. Vor ihm standen Marie und Wildenhaupt, im Hintergrunde der Invalide mit einer so behaglichen Miene, wie man sie an ihm seit langer Zeit nicht zu bemerken Gelegenheit gehabt hatte. Ein Ausdrück versöhnender Milde umfloß die Züge des Försters.

„Mein Sohn,“ sagte der Greis, zu Wildenhaupt gewendet, mit weicher Stimme, „ich habe heute in der Frühe, als ich Gott für unsere Rettung meinen Dank darbrachte, vor ihm auch noch in anderer Weise mein Herz ausgeschüttet. Ich habe ihn gefragt, ob es Recht sei, daß der Mensch seinen Groll lange Jahre hindurch in seinem Innern trage und dort der Leidenschaft und dem Hasse eine Freistätte einräume. Er hat mir geantwortet und mich [117] erkennen lassen, was ich längst hätte einsehen sollen: daß sich dies für einen alten Mann, welcher jederzeit von der Erde abberufen werden kann, am Allerwenigsten paßt, und daß, wer Vergebung verlangt, auch vergeben können muß. Herrmann von Wildenhaupt, eben dieser Haß, von welchem ich spreche, hatte mein Herz so weit verhärtet, daß ich den Sohn empfinden ließ, was nach meiner Meinung der Vater an mir verschuldet hatte. Ich habe Ihnen gegenüber ein großes Unrecht wieder gut zu machen – bestand noch irgend eine Kluft zwischen unseren Herzen, so haben die Ereignisse dieser Nacht sie ausgefüllt. Treten Sie näher, mein geliebter Sohn, hier steht das Mädchen Ihrer Wahl, meine theure, meine gute Tochter, die Freude meines Lebens, die Hoffnung meiner alten Tage. Wohlan, ich gebe Ihnen das Höchste, was ich besitze! – sie werde Ihr Weib! – Streben Sie darnach, sie so glücklich zu machen, wie sie es verdient!“

Weiter reichte die Stimme des Greises nicht und Thränen entrollten seinen Augen, während er segnend seine Hände auf die Häupter seiner vor ihm knieenden Kinder legte; – auch der Invalide bedeckte mit seiner schwieligen Hand sein gefurchtes Gesicht und schluchzte laut.

Eine Viertelstunde nachher saß die kleine Familie heiter und glücklich im traulichen Kreise zusammen. Man besprach die Maßregeln, welche man für die nächste Zukunft zu ergreifen beabsichtigte. Das Forsthaus sollte verlassen und dagegen ein kleines dem Herrn von Wildenhaupt zugehörendes Gut bezogen werden. Dort wollte man einfach und genügsam im stillen Frieden seine Tage vollbringen.

Mitten in diesen Gesprächen wurde die Aufmerksamkeit der Familie plötzlich auf einen anderen Gegenstand gelenkt. Im schwarzen Frack, weißer Weste und seinen Glacehandschuhen schritt nämlich der Gemeindeschreiber in sehr feierlicher Haltung dem Forsthause zu.

„Siehe da!“ rief der Förster, „unser Held Eduard! Hören wir, was er will.“

In diesem Augenblick öffnete sich auch schon mit ziemlichem Geräusch das Zimmer, und die uns bereits hinlänglich bekannte Persönlichkeit trat ein.

„Herr Gruner – Fräulein Marie,“ – sagte der Gemeindeschreiber, indem er sich rechts und links verbeugte, „ich habe die Ehre, Ihnen mein Kompliment zu machen.“

„Nehmen Sie Platz, Herr Eduard. Welcher Ursache verdanken wir die Ehre Ihres Besuches?“

Der Angeredete zupfte etwas verlegen an seinen Handschuhen und schob sich seinen weitvorstehenden Halskragen zurecht.

„In der That – Sie werden begreifen. – Ein so zarter Gegenstand.“

„Nun heraus mit der Sprache,“ sagte gemüthlich der Förster.

„Hm! – Ja! – Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß Fräulein Marie keinen Grund findet, mich von ihrem Wohlwollen auszuschließen.“

„Keineswegs, Herr Eduard,“ sagte diese, dem Gemeindeschreiber schalkhaft in’s Gesicht blickend.

„Es giebt Augenblicke im Leben, die sehr inhaltsschwer sind.“

„Sehr richtig,“ bemerkte trocken der alte Gruner.

„Ein solcher Augenblick dürfte für mich der gegenwärtige sein.“

„Aber, Herr Eduard, Sie spannen uns so auf die Folter!“

„Wohlan!“ sagte der Gemeindeschreiber, plötzlich Muth fassend, und sich auf ein Knie niederlassend, „wenn Fräulein Marie sich entschließen könnte, mir ihre Hand zu reichen.“

„Da müssen Sie sich an Herrn von Wildenhaupt wenden,“ sagte gemüthlich der Förster, „der hat hierüber zu bestimmen.“

Herr Eduard zog bei dieser Nachricht ein Gesicht, als wenn er in eine Citrone gebissen hätte und erhob sich zögernd.

[118] „Ich bedaure,“ sagte der Baron lachend, „aber ich habe mir Ihre Manoeuver gemerkt und bin Ihnen durch eine geschickte Flankenbewegung zuvorgekommen.“

„Wie so?“

„Nun, ich habe die Ehre, Ihnen in Fräulein Marie meine verlobte Braut vorzustellen.“

Der gute Eduard war wie aus den Wolken gefallen und sah sich verlegen nach allen Seiten um, während er sein Taschentuch hervorzog und sich den Schweiß von der Stirn trocknete.

„Sie sehen, Sie sind zu spät gekommen,“ sagte der Förster, aber wollen Sie einem alten Freunde eine Freude erzeigen, so versprechen Sie uns, auf der Hochzeit zu erscheinen.“

„Da es doch nun nicht anders sein kann," sagte der Gemeindeschreiber nach einigem Zögern, „so nehme ich Ihre freundliche Einladung an, denn da diese neue Flankengewegung mir wider Erwarten mißglückte, so denke ich, es ist am Besten, wenn wir Frieden schließen und an dem Vermählungstage den alten Freundschaftsbund erneuern.“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: den