Das edelste Jagdthier der Prairie

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: O. F.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das edelste Jagdthier der Prairie
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 496–498
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Gabelantilope
Jagdszenen
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[495] 
Die Gartenlaube (1874) b 495.jpg

Gabelantilopen in der Prairie.
Originalzeichnung von Moritz Hoffmann in Berlin.

[496]
Das edelste Jagdthier der Prairie.


Die Freude, Gabelantilopen in der Wildniß zu sehen, wurde auch mir zu Theil, als ich, von Vinita im Indianergebiet nach Junction-City heraufkommend, längs der Kansas-Pacific-Eisenbahn nach Denver reiste. Ich beschreibe das wirklich schöne Thier, wie ich es selbst sah.

Die arten- und formenreiche Familie der Antilopen, welche bekanntlich für Afrika ganz besonders charakteristisch ist, hat in Amerika, und zwar ausschließlich in der Nordhälfte dieses Continents, nur zwei Vertreter aufzuweisen, nämlich die noch wenig bekannte langhaarige Ziegenantilope der Hochgebirge und die Gabelantilope (Antilocapra americana) der Ebenen, auch Gabelgemse, Prongbuck-Kabri, bei den Amerikanern schlechtweg Antilope genannt.

Wenig größer als unser Reh, ist die Gabelantilope minder schlank gebaut und von stattlicherer Figur, die sie im Verein mit der ansprechenden Färbung zu einer so anmuthigen Erscheinung macht. Die Hauptfärbung ist ein schönes Rostisabell, von dem sich die weiße Zeichnung des Bauches und der Körperseiten, ein Spiegelfleck der Hinterschenkel und zweier Schilder an der Vorderseite des Halses scharf abheben. Ebenso schön ist der an den Seiten und Lippen weiße Kopf gezeichnet, indem die Oberseite desselben von einem braunschwarzen Längsfelde, die hintere Wangengegend von einem dreieckigen schwarzen Flecke bedeckt wird. Am Hinterhalse verläuft ein schwarzbrauner mähnenartiger Kamm. Beide Geschlechter sind fast gleichgefärbt, aber die Hörner erreichen beim Thiere selten über fünf Zoll Länge oder fehlen zuweilen ganz, während sie beim Bock über elf Zoll lang werden. Das sehr dichtstehende, harte und brüchige Haar ist im Winter länger.

Die Antilope ist Standwild und lebt in Rudeln, die sich in den Wintermonaten oft zu Heerden von mehreren Hundert Stücken vereinigen und umherstreifen, theils um reichere Weideplätze, theils um in der trockenen Jahreszeit Wasser aufzusuchen. So lange Grünfutter vorhält, bedarf die Antilope des Wassers nicht, kommt aber da, wo sie es haben kann, regelmäßig zur Tränke. Ihre Nahrung besteht aus Gras und den niedrigen Gewächsen der Prairie, welche auch dürr und verdorrt nicht verschmäht werden.

Die Gabelantilope übertrifft an Schnelligkeit alle anderen Vierfüßler Nordamerikas und steht ihren afrikanischen und asiatischen Verwandten ebenbürtig zur Seite. Ihr ungemein scharfes Gesicht und die äußerst feine Witterung unterrichten sie von jeder nahenden Gefahr, und da eine ruhende Antilopenheerde ihren Standort ebenso klug auszuwählen versteht, wie die Windrichtung geschickt zu benutzen weiß, so ist sie auch ohne ausgestellte Wachposten gut gesichert. Ueberdies unterscheiden Antilopen sehr wohl zwischen Verdächtigem und Unverdächtigem. So kümmern sie sich wenig um weidende Rinder oder Pferde, und selbst den heranbrausenden Eisenbahnzug lassen sie oft ziemlich nahe kommen; aber einen herumstreifenden Wolf werden sie selten übersehen, und es bedarf der ganzen Kriegslist Isegrims, um Antilopen zu beschleichen. Destomehr fallen ihm Junge und Alte bei hohem Schnee zum Opfer.

In Anbetracht dieser besonders scharfen Sinnesbegabung, bei der das Gehör übrigens nachsteht, ist es erklärlich, daß die Antilopenjagd ebenso schwierig wie mühselig ist und ebensoviel Geduld als Ausdauer erfordert. Nur ausnahmsweise wird es möglich, das scheue Wild an der Tränke auf dem Anstande zu erlegen, aber die gewöhnlichste Jagdweise bleibt einzig und allein die Pürsche, wobei der Jäger lediglich auf seine Geschicklichkeit im Anschleichen resp. Kriechen auf der baum- und strauchlosen Prairie angewiesen ist.

Um zu einer solchen Jagdstätte zu gelangen, hatte ich die von Vinita bis Denver an fünfhundert englische Meilen lange Strecke zurückzulegen, welche von der Station Ellesworth aus durch das Herz der Prairie führt, die man in der ganzen Großartigkeit ihrer Einförmigkeit während achtzehn bis zwanzig Stunden genießt. Es ist erklärlich, daß ein Trupp Antilopen, eine langsam dahin galoppirende Bisonheerde, eine Ansiedelung munterer Prairiehunde und dergleichen für den Reisenden aus dem Osten bei Weitem anziehender sind, als die unbedeutenden Stationsorte mit ihren sich unverändert wiederholenden „Saloons“, „Liquor-Stores“, Restaurants etc.

Ein glücklicher Zufall führte mich auf der Plattform des Waggons mit einem ausgezeichneten deutschen Reisenden, Grafen A., zusammen, der mit mir die von der aufgehenden Sonne magisch [497] beleuchtete Kette der Felsengebirge in stiller Bewunderung betrachtete. Wir wurden bald bekannt, und unsere gemeinschaftlich geschmiedeten Jagdpläne erfüllten sich in Denver schneller und günstiger, als wir erwartet hatten, indem sich uns einer der erfahrensten Jäger Colorados, Rudolph Borcherdt, freiwillig zum Begleiter anbot.

Borcherdt betrieb mit Geschick die Ausstopfekunst und war eine jener nach deutscher Beurtheilung wunderbaren Persönlichkeiten, wie sie nur der Westen hervorbringt. In Deutschland forstmännisch ausgebildet, hatte er die neue Welt als Trapper, Jäger, sammelnder Naturforscher und Händler weit und breit durchstreift und bewohnte jetzt ein kleines Haus am Plattefluß, wenige (engl.) Meilen von Denver. Dort erwartete er uns an einem Octobermorgen und zwar jagdmäßig gerüstet. Seine Lenden umschloß ein dicht mit Patronen gespickter Ledergurt, und auf der linken Schulter ruhte eine Büchse, deren Größe uns anfangs in Erstaunen setzte. Bei näherer Besichtigung zeigte sich aber das sechszehn Pfund schwere Jagdgeräth als ein äußerst solid gearbeiteter Hinterlader nach Bennington’s System und allen an die Prairiejagd gestellten Anforderungen entsprechend. In erster Linie gehört dazu eine das gewöhnliche Maß bei Weitem überragende Tragfähigkeit und Treffsicherheit. Bei verhältnißmäßig sehr kleinem Caliber und entsprechendem konischem Geschoß betrug die Pulverladung der Patrone nicht weniger als achtzig Gran, woraus sich die unverhältnißmäßige Stärke des Laufs und Solidität der ganzen Arbeit erklärte. Die auffallendste Eigenthümlichkeit der in London gebauten Waffe bestand indeß in einem über dem Laufe angebrachten stockförmigen Fernrohre, welches zehn äußerst scharfe, etwas über einen halben Zoll im Durchmesser haltende Linsen enthielt, deren vorderste mit einem schwarzen Linienkreuze bezeichnet war, dessen Brennpunkt beim Zielen als Korn diente. Selbstverständlich erforderte die Führung dieses eigenthümlich construirten Gewehrs große Uebung. Borcherdt hatte daher auch in der Nähe seines Hauses einen Schießstand errichtet, in welchem ausgestopfte Hirsche als Scheiben dienten.

Nachdem wir Haus, Schießstand und das Ausstopfelaboratorium besichtigt, eine höchst primitive selbsterrichtete Erdhütte, welche außer einem Chaos von Jagdtrophäen, Elkgeweihen, Bison- und Antilopenköpfen etc. auch Charly, den Prairierenner, beherbergte, wurden unter Borcherdt’s Führung die oftmals tiefen und reißenden Flußbetten des damals wasserarmen Platteflusses überschritten.

An einem Biberbau vorüber, von dessen Betrachtung wir uns schwer trennen konnten, ging es in die offene Prairie hinaus, welche, im Westen von der imposanten Kette der Felsengebirge begrenzt, herrliche Landschaftsbilder entfaltet.

Mit Ausnahme einzelner Flüge fröhlicher Alpenlerchen schien die Natur wie ausgestorben, und wir begannen schon daran zu zweifeln, daß wir in dieser Einöde jemals Antilopen antreffen würden, als Borcherdt, der, neben dem Kutscher sitzend, auf dem durch Regengüsse oft stark zerrissenen und mitunter steil abfallenden Wege unser Gefährt leitete, plötzlich die Pferde anhielt. Sein Falkenauge hatte ein Rudel ruhender Antilopen entdeckt, welches wir zu sehen uns vergeblich anstrengten, denn unseren noch ungeübten Augen erschien die Stelle, wo sie liegen sollten, ebenso braungelb wie die übrige Landschaft. Mittelst des Fernrohrs glückte es uns indeß, die gewünschten Objecte aufzufinden. Borcherdt hatte Recht; es waren neun Stück, die uns, obwohl noch in eintausendfünfhundert Schritt Entfernung, doch bemerkt zu haben schienen und sich einzeln erhoben, um zu äugen. Wahrscheinlich hatten sie uns längst beobachtet, waren aber offenbar erst durch das Stillhalten des Wagens mißtrauisch geworden.

Der Wagen setzte sich unverzüglich wieder in Bewegung, und zwar nach einem tiefen Regenbett hin, welches uns als Deckung dienen sollte und wo wir schnell ausstiegen. Das plötzliche Verschwinden des Wagens hatte das Mißtrauen der Antilopen noch mehr erregt, aber sie überließen sich auf’s Neue der Ruhe, als das Gefährt ihnen wieder sichtbar wurde und sich langsam in abweichender Richtung fortbewegte. B. hatte dies im Voraus erwartet und erzählte uns, daß Antilopen einen Wagen, der sich ihnen in Bogenlinien nähert, nicht selten auf Schußweite herankommen lassen, während sie vor dem Reiter oder Fußgänger regelmäßig fliehen. – Wir schlichen inzwischen in dem Rinnsale gebückt und vorsichtig vorwärts, als B., der vorankroch und zuweilen Auslug hielt, sich plötzlich niederwarf, worin wir ihm sofort schweigend folgten. Flüsternd theilte er uns mit, daß keine 200 Schritt rechts von uns ein anderes Rudel stehe, welches größeren Erfolg verspreche. Wir machten unsere Büchsen fertig und krochen weiter, bis Borcherdt Halt winkte. Vorsichtig über den Rand des Regenbettes blickend, hatten wir auf nicht weiter als hundertundfünfzig Schritt fünfzehn stattliche Antilopen vor uns, die theils ruhten, theils äßten, uns aber ihre weißen Spiegel zukehrten, also keinen sicheren Schuß erlaubten. Die Aufregung und der Wunsch, die herrlichen Geschöpfe noch länger zu beobachten, waren natürlich groß, als sie plötzlich Witterung bekamen, blitzschnell aufsprangen und langsam forttrabten. Schon wollten wir ihnen Kugeln nachsenden, aber Borcherdt suchte es zu verhindern. Nach einer kurzen Strecke machte das Rudel wirklich Halt und äugte nach der verdächtigen Stelle, wo wir bis jetzt noch ungesehen verborgen lagen. Dieser Moment mußte natürlich benützt werden. Beim Knall unserer Büchsen eilte das Rudel rechts abschwenkend in Sturmeseile dahin, hielt nochmals, für unsere deutschen Büchsen bereits unerreichbar, auf Augenblicke an, die Borcherdt benutzte, um ihm seine Kugeln nachzusenden. Es entwickelte sich dadurch ein höchst anziehendes Jagdbild, welches, für den Schützen aus dem fernen Osten ebenso neu wie ungewohnt, doppelten Reiz erhielt und die vollste Waidmannsbegeisterung in uns erweckte. Borcherdt, in knieender Stellung, seinen Sechszehnpfünder vor sich in der Gabel, ließ die fliehenden Antilopen, welche für das bloße Auge zusehends kleiner wurden, nicht zu Athem kommen und sandte ihnen selbst dann noch seinen Gruß nach, als ihre weißen Spiegel kaum mehr thalergroß erschienen. Konnte von einem sicheren Schusse bei einer Entfernung von tausend bis fünfzehnhundert Schritt auch nicht mehr die Rede sein, so ließ sich die Wirkung der Kugeln doch noch gut beobachten; je nachdem dieselben einschlugen, machte das Rudel, wie auf Commando, plötzliche Schwenkungen, oder wenn es überschossen wurde, Kehrt, um in anderer Richtung dahinzustürmen, bis es dem bloßen Auge ganz entschwand. – Unsere erste Salve war übrigens nicht wirkungslos geblieben: zwei Antilopen hatten sich – ein sicheres Zeichen ihrer Verwundung – vom Rudel getrennt, blieben aber für uns verloren, weil wir keinen Hund besaßen, und ohne einen solchen, davon überzeugten wir uns bald, mußten die Erfolge stets sehr zweifelhaft bleiben.

Wir beorderten nach diesem ersten Versuche unseren Wagen durch Zeichen nach einer Senkung hin, in welcher zwei bis drei Bäume, die einzigen soweit das Auge reichte, weithin Wasser anzeigten, und langten, bei der steigenden Sonnenhitze, ziemlich ermattet bei einem kleinen Tümpel an, dessen schmutziges, grünliches Wasser nicht eben sonderlich einlud, aber trefflich mundete. Wir rasteten hier eine kurze Zeit, verzehrten ein kaltes Frühstück und plauderten bei einem gemüthlich dampfenden Pfeifchen über Jagd und Prairieleben. Dabei wurden natürlich auch die Klapperschlangen nicht vergessen, und Borcherdt erzählte uns, daß sie sehr häufig seien; er scheue sie aber wenig und pflege sie stets mit der Hand zu fangen, was uns allerdings etwas übertrieben erschien. Als wir unseren Marsch wieder aufgenommen hatten und eine Niederlassung jener interessanten Murmelthiere passirten, die den Namen Prairiehunde führten, machte Graf A. plötzlich einen Seitensprung, den ich instinctiv wiederholte. Eine an drei Fuß lange Klapperschlange war die Ursache. Langsam und unheimlich glitt sie dahin, aber schon im nächsten Augenblicke hatte sie Borcherdt mit Zeigefinger und Daumen im Nacken gefaßt und zeigte uns das giftige Scheusal in seiner ohnmächtigen Wuth sich loszuwinden. Bei weit aufgesperrtem Rachen entquollen ihren Giftzähnen je drei und vier Tropfen der klaren, sherryfarbenen tödtlichen Flüssigkeit, während die Hornringe am Schwanzende ein sonderbares spinnradartiges Schnurren hervorbrachten, bis ein Schnitt mit dem Bowiemesser erst den unheimlichen Tonapparat, dann den Kopf unmittelbar hinter den Giftzähnen abtrennte.

In der Nähe von Colonien der Prairiehunde, den sogenannten Hundedörfern, begegnet man Klapperschlangen am häufigsten. Auffallender Weise stellen sie den Prairiehunden nicht nach, sondern beide so verschiedene Geschöpfe und mit ihnen ein kleiner Kauz, die Prairieeule, als Dritter im Bunde, bewohnen in größter Eintracht die weitverzweigten Gänge der unterirdischen Bauten, gewiß ein Beispiel von Zusammenleben zwischen Säugethier, [498] Vogel und giftigem Reptil, wie es im Haushalte der Natur nicht zum zweiten Male vorkommt. – Gern hätten wir noch länger an dem Hundedorfe verweilt, dessen zahlreiche Bewohner kläffend auf den fußhohen Erdhügeln saßen, um bei der leisesten Bewegung in die dort mündende Hauptröhre zu verschwinden; aber der Jagdeifer trieb uns vorwärts.

Wir bekamen bald eine Antilopenheerde in Sicht, welche jedoch schon auf zwölfhundert Schritt das Weite suchte, und beobachteten später mit unseren Gläsern eine andere, welche über fünfzig Stück zählte und bei der es in Folge der Brunstperiode lebhaft herging. Man sah, wie alte Böcke mit einander kämpften, die Thiere trieben, welche ihrerseits wiederum Zudringlichkeiten abwehrten, kurzum es war ein fortwährend wechselndes, für den naturkundigen Beobachter ungemein anziehendes Bild, von dem wir uns nur trennten, um unsere Jagd in ähnlicher Weise, wie bisher, fortzusetzen.

Als es endlich Zeit wurde, an den Heimweg zu denken, schritten wir nach der Stelle, wohin wir den Wagen dirigirt hatten, als uns das Jagdglück abermals hold war. Wir wollten eben um den vorspringenden Ausläufer eines steil abfallenden Regenbettes biegen, als wir unerwartet einem kleinen Trupp Antilopen gegenüberstanden, ein Anblick, bei dem wir uns lautlos niederwarfen. Wir waren aber bereits gesehen worden, und die Thiere galoppirten, unseren Weg kreuzend, wie sie es gewöhnlich thun, an uns vorüber. Sie wandten uns dabei ihre Breitseiten zu, und als wir schossen, brachen zwei Thiere zusammen. Meine Kugel war zu niedrig gegangen und hatte der Antilope beide Hinterläufe zerschmettert. Wir eilten also, um sie abzufangen, was sich indeß weit schwieriger erwies, als wir je erwartet hatten; denn trotz der furchtbaren Verwundung lief das arme Thier noch so schnell und wußte dabei so geschickte Seitenwendungen zu machen, daß es nur Borcherdt’s stählernen Gliedern gelang, es einzuholen und niederzustoßen.

Nachdem wir unsern Wagen glücklich aufgefunden und die Beute abgeholt hatten, traten wir die Heimfahrt an.

Die untergehende Sonne färbte das öde Gelbbraun der Prairie von Orange bis Braunroth, während die Kette der Felsgebirge mit einem sanften Violett übergossen wurde, gegen welches das zauberhafte Purpurroth der schneeigen Spitzen und Hörner wunderbar contrastirte, bis diese wechselnden Bilder mit dem Eintritte der Dämmerung mehr und mehr verblaßten und endlich ganz entschwanden. Erfüllt von ihnen und in Stillschweigen versunken, erweckte uns der Ruf des Prairiekauzes und das Geheul der Cayote aus unseren Träumereien. Bald vernahmen wir auch Hundegeheul – wir näherten uns einer einsamen Farm. Borcherdt sprang ohne Zögern unter die anscheinend wüthenden Hunde, öffnete das schwere Gatter und ging in das Haus, um über eine Fuhrt des Platteflusses Erkundigungen einzuziehen. Wir hörten, daß dieselbe einige Meilen oberhalb liege, aber der Farmer hielt auch hier den Uebergang für nicht allzu schwierig und ließ sich bereit finden, uns, auf einem Pferde voranreitend, den Weg zu zeigen. Beim sanften Scheine des Mondes lag bald das glitzernde ansehnlich breite Flußbett, von mächtigen Bäumen eingefaßt, vor uns, und wir erreichten ohne Unfall das andere Ufer, obschon uns das Wasser an tiefen und reißenden Stellen, die wegen des steinigen Grundes den Pferden gefährlich zu werden drohten, oft bis in den Wagen gedrungen war. Auf geebnetem Wege eilten wir nun ohne Aufenthalt Denver zu, wo wir, erwartet von unseren deutschen Bekannten, gegen Mitternacht eintrafen.

Bei den besonderen Schwierigkeiten, welche mit der Antilopenjagd verknüpft sind, erklärt es sich übrigens, daß man so Wenige trifft, welche diesem Waidwerke, dem edelsten, das Nordamerika besitzt, huldigen, und Leute wie Borcherdt, der sich rühmen konnte, Hunderte dieser Thiere erlegt zu haben, gehören auch im Westen zu den Ausnahmen.

Alt eingefangene Gabelantilopen sollen unzähmbar sein, aber junge, mit der Flasche künstlich aufgezogene gewöhnen sich vollständig an Haus und Menschen und werden vollkommen zahm; doch ist ihre Aufzucht mit Schwierigkeiten verbunden. Man sieht deshalb nur höchst selten Gabelantilopen in Gefangenschaft, und in Europa können bis jetzt nur die zoologischen Gärten in London, Antwerpen und Berlin auf den Besitz dieser Seltenheit stolz sein. Nach dem herrlichen Pärchen im Berliner Garten, der sich unter Bodinus’ Leitung so mächtig entwickelte, hat der Thiermaler Moritz Hoffmann in Berlin das lebensvolle Bild entworfen, in welchem wir unseren Lesern eine naturgetreue Darstellung des interessanten Thieres vorführen.

O. F.