Das fünfte Rad am Wagen

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Titel: Das fünfte Rad am Wagen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 465
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[465] Das fünfte Rad am Wagen braucht doch nicht immer das „fünfte Rad am Wagen“ im Sinne des Sprüchwortes, das heißt eine völlig überflüssige Zugabe zu sein, wie die seit beinahe Jahresfrist zwischen Berlin und Weißensee verkehrende Pferde-Eisenbahn, bei welcher das fünfte Rad eine sehr wichtige Rolle spielt, lehrt. Dieses kleinere, vor dem linken Vorderrad angebrachte Rad dient nämlich als Leitrad, indem es mit einer Nuhte auf der betreffenden Eisenschiene läuft und dadurch die vier anderen gewöhnlichen Räder auf den Schienen erhält, während es durch eine kleine Hebelvorrichtung jeden Augenblick seiner Function „enthoben“ werden kann, um den Wagen in einen gewöhnlichen Straßenwagen zu verwandeln, der dann ebenso leicht den Schienenstrang verlassen wie auf denselben zurückkehren kann, nachdem er einem entgegenkommenden Wagen ausgewichen ist. Der Abgeordnete Henze hält diese Erfindung für so wichtig, daß er in der letzten Sitzungsperiode seine Collegen wiederholt darauf aufmerksam machte und den sich dafür interessirenden Theil derselben durch eine Gesellschaftsreise auf den Straßen Berlins von der vorzüglichen Leistungsfähigkeit dieses fünften Rades zu überführen suchte. Da man nämlich mit Hülfe eines solchen Leitrades, dessen Anbringung sammt der Hebelvorrichtung etwa fünfzehn Mark kosten würde, jeden beliebigen Last- oder Personenwagen, wenn er nur die richtige Spurweite hat, in einen Schienenwagen verwandeln kann, um dann mit denselben Zugkräften viel größere Lasten zu bewegen als vorher, so hofft der Abgeordnete Henze, daß man sich diese nützliche Erfindung in weiteren Kreisen zu Nutzen machen werde, indem man Chausseen und Landstraßen aller Art mit einem Schienengeleise für allgemeine Benutzung bei bestimmten Ausweichungsregeln versehen werde. Das alte Sprüchwort läuft mithin Gefahr, auf allen Wegen widerlegt, der Falschheit überführt und überfahren, ja vielleicht zu einer solchen Sinnesänderung gezwungen zu werden, daß man künftig mit Genugthuung Bismarck oder Moltke als „das fünfte Rad am Wagen“ bezeichnen darf, sofern sie das Staatsschiff im richtigen Geleise erhalten helfen.