Das gesühnte Opfer

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Autor: Guido Hammer
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Titel: Das gesühnte Opfer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 669, 670–671
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Wilderei und ihre Folgen
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder Nr. 22
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[669]
Die Gartenlaube (1866) b 669.jpg

Das Jagdopfer auf dem Friedhofe.
Nach der Natur gezeichnet von Guido Hammer.

[670]
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder.
Nr. 22. Das gesühnte Opfer.


Kaum daß die erste aufdämmernde Helle eines Herbstmorgens die Sterne über einem tiefblauen böhmischen Gebirgskamme erbleichen ließ, während die hoch am Firmamente stehenden noch hellstrahlend den dunklen Aether durchblitzten, so erkannte dennoch schon das geübte Auge des Jägers die schwarze Gestalt eines Hirsches, der eben über ein hochgelegenes einsames Gehau dahinzog. Und als das Frühlicht mehr und mehr zunahm, konnte der Beobachtende sehen, wie der Hochgeweihte in heißer Liebesbrunst, mit gesenktem Kopfe tief am Boden hinsuchend, der frischen Fährte des vorangezogenen Wildes folgte, dann und wann plötzlich das gekrönte Haupt emporwerfend, und mit aufgezogener Oberlippe und weitgeöffneter Nase gierig in die Luft hinaus witterte. Dabei entstieg der tief- und heißathmenden Brust des Erregten der dampfende Broden, besonders als er nun, erst in kurz abgebrochenen Tönen, darauf aber in langgezogenem Schrei seine Stimme erschallen ließ. Dann zog das königliche Thier weiter, dem nahen, bergenden Dickicht zu. Doch noch ehe es dasselbe erreichte, donnerte der scharfe Knall einer Büchse durch die Waldesstille und mit ihm flog, hoch emporschnellend, der Edle vorwärts, eine Leithe hinab, so daß er im nächsten Augenblicke dem verfolgenden Auge gänzlich entschwand.

Dafür sah man an der Stelle, wo der Schuß gefallen war und die jetzt ein leichtes Rauchwölkchen, das am schwarzen Holzrande dahinzog, näher bezeichnete, einen mit Gewehr bewaffneten, bäurisch gekleideten Mann schleichend aus dem Forste treten. [671] Vorsichtig überschritt er jetzt das spinnenbewebte, thauperlende Gehau bis zum Punkte, wo der Hirsch zuletzt noch ruhig gezogen war. Hier kniete der Wilderer, denn ein solcher war es offenbar, nieder und prüfte genau den Boden. Jedenfalls hatte er den Eingriff des Flüchtigen gefunden und suchte nun weiter nach Schnitthaaren. Das Resultate schien ihn zu befriedigen; der unberufene Waidmann schritt nach der Richtung, wohin der Angeschossene entflohen, langsam und aufmerksam vorwärts, wie man vermuthen mußte, um Schweiß zu finden, was einem Geübten selbst bei der noch herrschenden Dämmerung wohl gelingen konnte. So weitersuchend, näherte er sich einem seitwärts gelegenen, mit Unterwuchs vermengten, übergehaltenen Fichtenstreifen, der den Hang, wohin der Hirsch seinen Lauf genommen, theilweise begrenzte, als daraus dem Schleichenden ein gebieterisches „Halt!“ entgegenschallte. Schnell wie der Gedanke flog aber des Angerufenen Gewehr an den Kopf und eben so rasch durchdröhnten darauf fast gleichzeitig zwei Schüsse den stillen Forst – der eine aus des Wilderers Büchse, der andere aber aus dem Fichtenversteck kommend, woraus auch im selben Momente ein Jäger hervorstürzte, gerade auf seinen Gegner los. Ehe er jedoch nur zehn Schritt auf’s Freie gekommen, brach der Schwergetroffene plötzlich zusammen. Die Kugel des Wilderers hatte ihr Ziel nur allzu sicher gefunden und blos die Erregung mochte dem zum Tode Verwundeten noch so viel Kraft geben, hervorspringen zu können, um, wie es schien, den begonnenen Kampf Mann gegen Mann auszufechten.

Rasch vom Anblick des Gefallenen sich losreißend, wendet sich der unglückliche Sieger wieder dem Hange zu, natürlich ohne die Fährte des Hirsches weiter zu beachten, vielmehr nur darauf bedacht, selber baldmöglichst in Sicherheit zu kommen. So beleuchteten die ersten Strahlen der nun über die Berge gekommenen Sonne bereits ein düsteres Drama, das sich in stiller, friedlicher Einsamkeit so blutig abgewickelt hatte. –

Wieder ist’s in der Frühe. Noch liegt die ganze Morgenseite des duftigen Thales, das sich vor uns hinzieht, im tiefsten Schatten und nur an den gegenüberstehenden dunkelbewaldeten Gebirgsstöcken ist bereits der Strahl der noch durch Nebel halb verschleierten Morgensonne herniedergestiegen und hat dieselben mit mildem Glanz übergossen. Golden, in bezaubernder Pracht, leuchten hier aus den dunklen Tannen- und Fichtenbeständen die herbstlich geschmückten Laubkronen einzelner Buchen hervor, und wie mit Perlen und Edelgestein übersät, prangen die beleuchteten, kräuterduftenden Halden in ihrem glitzernden Thaugeschmeide, während die noch in Waldesdämmerung ruhenden Thalwiesen am Fuße der Berge das Auge durch ihren matten Silberschein entzücken, den der nächtige Reif darauf gezaubert hat. Heilige Stille herrscht überall, nur das Rauschen des wilden Gebirgsbaches, der mit seinen aufblitzenden Wellen das Thal durcheilt, und die heimlichen Locktöne ziehender Vögel unterbrechen die tiefe Ruhe. Doch horch! Eben durchschallt das klartönende Geläute eines nahen Kirchenglöckleins das friedliche Thal und mit diesen wehmüthig melodischen Klängen ist’s, als ob die einsame Natur eine neue, besondere Weihe empfinge. Die feierliche Stimmung wird noch erhöht durch einen langen Trauerzug, der jetzt den gewundenen Gebirgspfad langsam niederwallt. Vom hochgelegenen Jägerhause kommt er herab, wo man den von Wildererhand erschossenen Förster abgeholt hat, um ihn der geweihten Erde zu übergeben. Bald sind die Leidtragenden mit der theuren Bürde am bergumschlossenen, waldumrauschten Friedhof angelangt, den ein schmuckloses Kirchlein aus düstern Cypressen überragt und von wo herab noch immer die eherne Zunge klingt, bis sie vor dem erhebenden Gesang der Chorknaben, die mit dem heiligen Kreuze dem Sarge voranschreiten, verstummt. Unter fortgesetzten Liederklängen wird der geliebte Todte dem offenen Grabe übergeben und manche heiße Thräne folgt ihm nach. Und nicht nur die Angehörigen des frevelhaft Getödteten umstehen das Grab, nein, Jung und Alt der ganzen kleinen Gemeinde des Gebirgsdorfes umringen die frische Ruhestätte des allgemein Geliebten und Geachteten, schon mit in der Absicht, den Vorwurf zu entkräften, der insofern auf ihr lastet, als das lose Gerücht sich verbreitet, daß Einer aus dem Orte, ein dem Waidwerk leidenschaftlich ergebener Bauerssohn, den Tod des Försters auf dem Gewissen trage. Aber auch dieser Eine befindet sich unter den Anwesenden, wahrscheinlich gerade deshalb, um dadurch seine Unschuld beweisen zu wollen. Dennoch wenden sich unwillkürlich Aller Augen nach ihm hin, als der amtirende greise Priester, nachdem er das Grab gesegnet, sein Wehe über den unentdeckten Frevler ausruft.

Gesenkten Hauptes und blassen Antlitzes steht der Verdächtigte, eine kernige, jugendliche Männergestalt, da, ohne den Blick zu den vielen zu erheben, die auf ihm haften. Endlich ist die ernste Feier beendigt und die meisten Leidtragenden kehren heim, während einzelne erst noch die Gräber ihrer Lieben aufsuchen, um dort zu beten. Auch Jägerfritz, so nennt man den seit der unheimlichen Nachrede scheu Gemiedenen, schreitet einer einsamen Stelle des Kirchhofes zu, dort seiner Eltern Grab, die schon längst darinnen ruhen, zu besuchen. Es scheint, als sei dies ihm heute ein besonderes Bedürfniß; vielleicht hier durch ernstes Gebet zu sühnen, was sein offenbar kummervolles Herz bedrückt. Langsam, wie in tiefen Gedanken vor sich niederblickend, geht er dahin, bis er, hinter einem dichten Busch hervortretend, unvermuthet vor dem Hügel steht, der ihm das Theuerste deckt. Hier wird dem Trostsuchenden aber ein Anblick, für den Ort so seltsamer Art und so geeignet, gerade ihn auf’s Tiefste zu erschüttern, daß ihm ein Gottesgericht darin geoffenbart erscheint.

Ueber seiner Eltern Grab zusammengebrochen, das darauf errichtete morsche Holzkreuz unter sich gedrückt, liegt – wunderbare Schickung! – mattschimmernden Auges ein verendeter Hirsch. Der Jägerkennerblick – wohl noch mehr das mahnende Gewissen – läßt den jungen Mann sofort in dem Gefallenen den von ihm vor ein paar Tagen Angeschossenen erkennen, dessen Erlegung so gar traurige, ja, für ihn die schrecklichsten Folgen herbeigeführt. Die Annahme des Schmerzerfüllten war eine richtige; denn wie später die Aussage des alten Gemeindehirten bestätigt hat, war kurz nach geschehener That ein mächtiger Hirsch, von Dorfhunden verfolgt, denen sich der des Hirten angeschlossen, über die Trift, wo der Alte gehütet hatte, geflüchtet und nach dem einsam gelegenen Kirchhof des Ortes zu gegangen. Jedenfalls war dort der zum Tode Verwundete und Gehetzte über die nicht allzu hohe Mauer gesetzt, um so seinen Peinigern zu entgehen, durch diese letzte Anstrengung aber zwischen den Gräbern zusammengebrochen und verendet. Der selten besuchte Kirchhof konnte sehr wohl den stummen Versprengten verbergen, sogar vor dem Todtengräber, der seine Gänge in dem ihm anvertrauten Heimgarten nicht gern weiter ausdehnte, als er eben mußte. So war es gekommen, daß, selbst als ein neues Grab gegraben werden mußte, der freiliegende seltsame Todte auf der stillen Stätte ungesehen blieb.

Bis in’s Innerste ergriffen von dem mahnenden Anblick und der so wunderbaren Fügung war der Zerknirschte in die Kniee gesunken und heiße, innige Gebete und Gelübde entrangen sich seiner gemarterten Brust. Lange liegt er so, alles Weitere vergessend, bedeckten Angesichts an dieser Stätte, so daß er in seinem Seelenschmerz es nicht bemerkt, wie der Todtengräber, der ihn von Weitem erspäht hat und ihm deshalb heimlich gefolgt ist, hinter der nächsten dunkeln Cypresse steht und die vor ihm sich abwickelnde Scene staunend betrachtet. Unbewußt entschlüpft dem Reuigen vor dem lauschenden Zeugen die laute Selbstanklage seiner verhängnißvollen That, indem er sich vor Gott zur Schuld am Tode des Försters bekennt und diesen zu sühnen verspricht. In etwas erleichtert durch dieses laute Selbstgeständniß, will er nun zuvörderst zum Pfarrer eilen, ihm seine That zu beichten, um durch diesen nach auferlegter Buße die Vergebung der Kirche zu erlangen. Mit diesem Vorsatz wendet er sich dem Heimweg zu, als er plötzlich den lauernden Alten vor sich stehen sieht. Erschrocken will er an ihm vorüber, doch als dieser ihn offen der blutigen That zeiht, entringt sich dem Verrathenen der gepreßte Aufschrei: „Ja, ich bin der Mörder!“ Dann aber stößt er seinen kalten Ankläger kräftigen Armes zurück und schwingt sich über die nahe Mauer, um hinter ihr im schützenden Walde zu verschwinden. –

Nicht lange darauf verscharrt der strenge, alte Todtengräber mit einer Art von Genugthuung den ihm damals entschlüpften und nun von eigener Hand gefallenen „Jägerfritz“ im äußersten Winkel desselben Kirchhofes, auf welchem des Unglücklichen Lieben und – sein Opfer ruhen.

Guido Hammer.