Die Doppelcur

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Autor: Levin Schücking
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Titel: Die Doppelcur
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aus: Die Gartenlaube, Heft 43 und 44, S. 665–670 und 681–686
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Frauenschriftstellerei …
Zwei Fliegen mit einer Klappe
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[665]
Die Doppelcur.
Von Levin Schücking.


Mein Freund Northof ist seit drei Jahren verheirathet. Er hat mir nie gesagt, daß er glücklich mit seiner Frau sei; ich schließe daraus, daß er sehr glücklich mit ihr ist! Und in der That, Beide sind so verschiedene Naturen, daß sie wie für einander geschaffen scheinen. Sie ist reizend, die kleine Frau; weich, hingebend, gläubig, vertrauend und an Allem das Schöne und Gute sehend; sie umkleidet Alles mit der Poesie, die in ihrem Herzen ist.

Northof ist ein scharfblickender, kalt und nüchtern urtheilender Geist; wer ihn nicht näher kennt, findet ihn zu kalt und es giebt Leute, die ihn gemüthlos nennen. Aber das ist er durchaus nicht. Man muß ihn nur näher und länger kennen, um zu erfahren, daß er ein treues, warmes Gemüth hat und daß man fest auf ihn bauen kann. In seinem Wesen ist nur ein gewisser spöttischer Zug und etwas Ablehnendes, etwas Aristokratisches. … Leute, welche ihr Herz auf der Hand tragen und es lieben, mit der ganzen Welt auf Du und Du zu stehen, finden das freilich unbehaglich und nennen es abstoßend. Seine Frau, seine blonde, schwärmerisch aus ihren blauen Augen blickende Alwine, weiß aber sicherlich, was sie an diesem festen, ruhig schlagenden Mannesherzen hat. Wenn ich etwas an ihm tadeln soll, so ist es seine zähe Hartnäckigkeit. Wenn er etwas unternommen hat, so will er es durchsetzen; geht es nicht mit den gewöhnlichen Mitteln, ich glaube, er wäre im Stande, zu sehr verzweifelten zu greifen; bei einem Vorhaben zu scheitern, würde ihm ganz unerträglich sein.

Und Eines, hat Alwine mir gesagt, verdrießt sie an ihrem Ernst, das ist, daß er Advocat ist, daß er so schrecklich viel zu thun hat und seinen Acten so viel Zeit zuwendet. Sie begreift nicht, wie man so der Sclave der Arbeit sein kann. Er ist wohlhabend und sie ist es. Kinder sind nicht da. Wozu nur dies ganze Leben der Prosa einer innerlich und geistig so gar nicht fördernden, um die untergeordneten Fragen des Mein und Dein sich drehenden Arbeit opfern, die ihn doch so in Anspruch nimmt, daß er zeitweise für nichts Anderes Gedanken hat und man glauben sollte, es hinge die Welt davon ab, ob ein Obergerichtserkenntniß einem proceßsüchtigen Bauern oder seinem Nachbar, dem Müller, die Beweislast auferlegt?

Er könnte ihr freilich ein wenig mehr Zeit opfern, er könnte ein wenig mehr ihre Interessen theilen, es würde das sie glücklich machen; ich sehe es ja, wie es sie freudig erregt, wenn er ihrem Spiele und ihrem Gesange zuhört – sie hat eine kleine, aber gut geschulte und recht seelenvolle Stimme – und wie sein auf ihr ruhendes Auge dabei ihr Schwung giebt! Aber wenn wir unsere dramatischen Leseabende mit vertheilten Rollen bei ihr haben, läuft er immer davon und vergräbt sich in seine Acten, und nie hat sie ihn dazu bringen können, eine Novelle oder einen Roman, in den sie sich eben mit ihrem ganzen Denken und Fühlen verloren hatte, mit ihr zu lesen. Er bringt’s nun einmal nicht über sich, mehr als drei Seiten davon zu überlaufen, obwohl er sehr lebhaft betheuert, daß er eigentlich sehr gern so etwas lese, daß er als Student mit Eifer die sämmtlichen Erzählungen von Zschokke gelesen, daß sie ihm außerordentlich gefallen haben und daß er sich auch nächstens daran machen wolle, von all’ den neueren Sachen einmal gründlicher Kenntniß zu nehmen … für den Augenblick aber leiden’s die Acten nicht. Und so bleibt sein Bildungsstandpunkt, was das Gebiet der neueren Literatur angeht, der gute alte Vater Zschokke, der alte Aufklärungsdichter, wie Alwine ihn achselzuckend nennt. Dies Alles führte schließlich zu einer kleinen Katastrophe, die auf Beider Leben nicht ohne Einfluß blieb.

Ernst kam neulich sehr verstimmt nach Hause. Es war um die Mittagsstunde. Er fand Alwine an ihrem Schreibtische sitzen, in sehr nachdenklicher Stellung, das Haupt mit den blonden Locken auf den linken Arm stützend, während die Rechte auf ein Blatt Papier, welches mit wenigen Zeilen beschrieben war, Buchstaben malte und Schnörkel zog; als er eintrat, schlug sie wie überrascht die Schreibmappe zu und verschloß diese in den Schreibtisch.

„An wen schreibst Du, mein Kind?“ fragte Ernst mit der Hand über die Stirn fahrend, wie um die Falten derselben zu glätten.

„An Niemand,“ versetzte sie, ein wenig erröthend, „ich notirte mir nur etwas.“

„Einen Gedanken in’s Tagebuch?“

„Nun, vielleicht,“ sagte sie ausweichend und zur Klingelschnur gehend, um das Essen auftragen zu lassen. „Du siehst so ernst aus, lieber Mann, hast Du Verdruß gehabt?“

„Wenn Du willst, ja.“

„Ein Urtheil ist wider Dich ausgefallen?“

„Das nicht … es ist nichts, was mich persönlich angeht; ich war nur in der Lage, für einen Bekannten, der meine Vermittlung erbeten, einem harten, störrischen, tückischen alten Manne, der mich zur Verzweiflung brachte, derb die Wahrheit sagen zu müssen, und dabei bin ich leider mehr in Aerger gerathen, als der alte Bösewicht selbst.“

„Ach, wie kamst Du dazu … was ist das für eine Geschichte?“ fragte Alwine neugierig.

„Die Geschichte,“ versetzte Northof, „ist wunderlich und merkwürdig genug, ein Stück Romantik des wirklichen Lebens … [666] aber klingele doch noch einmal, die Köchin scheint es überhört zu haben.“

„Und wie ist die Geschichte?“ sagte Alwine, noch einmal die Klingelschnur ziehend.

„Ich bedaure wirklich, daß ich sie Dir nicht erzählen kann.“

„Ist sie nicht für ein Frauenohr?“

„O doch … aber sie ist mir als Anwalt anvertraut, sie ist nicht mein Geheimniß.“

Alwine verzog schmollend den Mund.

„Es ist sehr garstig von Dir, daß Du mir nicht einmal so viel vertraust.“

„Herz,“ sagte Ernst, seine kleine Frau umschlingend und sie auf die Stirn küssend, „und ich sage Dir, es ist sehr ungerecht von Dir, daß Du so redest. Sieh’, kann die Geschichte nicht Menschen betreffen, die Du kennst, mit denen Du zusammentriffst und denen an Deiner Achtung gelegen ist, und könnten sie nicht ganz besonders wünschen, daß auch Du ihre Geschichte nicht erfährst, weil sie dadurch in Deiner Achtung zu verlieren fürchten?“

Alwine war durch diese Andeutung nur noch gespannter auf die Geschichte geworden, und deshalb machte das Plaidoyer ihres Ernst nicht den erwünschten Eindruck auf sie.

„Ich weiß aber wirklich nicht, wo die Suppe bleibt,“ sagte dieser.

„Ich will einmal selber in die Küche gehen,“ antwortete Alwine, sich ihm entziehend.

Ernst schritt unterdeß düster zur Erde blickend und die Hände auf den Rücken legend im Zimmer auf und ab.

„Dieser böse Alte!“ flüsterte er nach einer Weile. „Ich weiß wirklich nicht, was der arme Mensch, der sich so in seiner eigenen Schlinge gefangen hat, nun beginnen soll!“ Er ging so eine Viertelstunde hin und her, bis seine Gattin zurückkam, die Köchin mit der dampfenden Suppenschüssel hinter sich.

„Sie kommt, sie kommt, des Mittags stolze Flotte,“[WS 1] rief mit erhitztem Gesicht und ein wenig verlegenem Lächeln Alwine eintretend aus.

„Freilich, spät kommt Ihr, doch Ihr kommt!“[WS 2] erwiderte Ernst, „es ist jetzt halb drei, mein liebes Kind, weißt Du das?“

„In der That?“ sagte Alwine nach ihrer Uhr sehend. „Wirklich … wie mir die Zeit verflogen ist!“

„Ueber Deinen Tagebuchgedanken?“

„Nun ja, wenn Du willst,“ entgegnete die junge Frau ihrem Gatten verlegen … „ich war wirklich so absorbirt …“

„Absorbirt? Das ist ja merkwürdig! Da bitte ich Dich, daß Du mir Deine Gedanken, die Dich so in Anspruch genommen haben, daß Du darüber Deinen armen, hungrig heimkehrenden Mann vergaßest, vorliesest.“

Alwine schüttelte lächelnd den Kopf.

„Geheimniß gegen Geheimniß!“ sagte sie schelmisch und eifrig, „Du bekommst nun auch meine Geschichte nicht.“

„Deine Geschichte?“ fragte er erstaunt.

Sie erröthete. „Ich sehe, ich habe mich verrathen,“ sagte sie … „ja, so wisse es denn, ich habe mich abgequält, eine Geschichte zu erfinden, ich möchte gar zu gern einmal selbst etwas schreiben, und meine Freundin Therese Gerten, die für die ‚Iris‘ arbeitet, quält mich so…“

Ernst warf einen Blick voll einer nicht sehr angenehmen Ueberraschung auf seine Frau.

„So, die Gerten quält Dich … und Dein eigener Ehrgeiz, als Dichterin zu debutiren, wohl auch?“

„Das sagst Du so sarkastisch … wäre es Dir denn nicht recht? Ich habe so viele freie Zeit, wenn Du bei Deinen Acten oder in Deinem Weinclub bist…“

„O gewiß, liebes Kind, wenn es Dir Vergnügen macht, ist es mir ganz recht. Findest Du nicht, daß der Braten wieder einmal zu spät aufgesetzt und zu rasch fertig gemacht ist?“

Alwine schwieg verstimmt über diese so wenig zum Gegenstand des Gesprächs passende Bemerkung. Es war so gleichgültig, ob der Braten ein wenig rascher oder langsamer fertig gemacht war, und Alwine hätte so gern dieses Gespräch zu einem befriedigenden Ende geführt. Aber Ernst ging nicht weiter darauf ein. Er verzehrte einsilbig sein Mahl.


Nach Tische, als Ernst seine Cigarre angezündet hatte, sah er eine Weile sehr nachdenklich den blauen Rauchwirbeln nach, und als ihm Alwine den Kaffee brachte, sagte er wie zerstreut:

„Du sprachst mir vorhin von einer Geschichte, welche Du erfinden wolltest, um Dich in der Schriftstellerei zu versuchen. Hast Du es sehr schwer gefunden, liebes Herz?“

„Ach ja, das ist’s ja eben,“ versetzte sie lebhaft und erfreut, ihn zu einem Thema zurückkehren zu sehen, daß sie in diesem Augenblick so sehr in Anspruch nahm … „ich finde es fürchterlich schwer, einen Stoff zu erfinden.“

„Und Du bist nicht damit zu Stande gekommen?“

„Mit gar nichts. Zehnerlei Gedanken sind mir durch den Kopf gegangen, aber es kam mir Alles als höchst gewöhnlich und als schon dagewesen vor…“

„Ich denke mir,“ fuhr Ernst fort, „man müßte es nicht erzwingen wollen, sondern sich ganz dem freien Spiele der Phantasie hingeben und sehen, was sie ausspänne. Auch würde ich nicht gerade etwas ganz Absonderliches, Abenteuerliches zu ersinnen streben. Ich verstehe nicht viel davon, aber ich meine, an einem einfachen Stoffe bewährt sich am besten das Talent; nur die Ohnmacht, der Mangel an eigentlichem Talent sucht durch Effecte und unglaubliche Abenteuer, durch nie dagewesene und nie mögliche Dinge zu fesseln und zu spannen.“

„Darin bin ich ganz Deiner Ansicht; einfache Geschichten, wenn sie nur geistreich und hübsch vorgetragen sind, zieht Jedermann, der nur einigen Geschmack hat, vor…“

„Nun, so erfinde Dir eben eine ganz einfache Geschichte und trage sie hübsch und geistreich vor, das kann Dir doch nicht schwer werden.“

„Doch, doch, wenn Du es einmal versuchtest,“ antwortete Alwine, ohne den etwas spöttischen Ton, womit dies gesagt wurde, zu beachten, „so würdest Du sehen, wie schwer es ist, auch die einfachste Geschichte zu erfinden.“

„Ich will Dir helfen.“

„Du?“ sagte lächelnd Alwine.

„Traust Du mir es nicht zu?“

„Dir – wahrhaftig nicht! Höchstens eine verwickelte Proceßgeschichte würdest Du ausspintisiren…“

„Nun, wir wollen sehen … mir ist, als wär’ ich eben in der Stimmung. Setz’ Dich zu mir, und dann beginnen wir. Aber freilich, beginnen mußt Du, damit die Sache erst einmal in’s Rollen kommt.“

„Nun, siehst Du!“ sagte triumphirend Alwine, sich neben ihn auf das Sopha setzend.

„Ich sehe,“ sagte Ernst, sich die Stirn reibend. „Aber so beginn’ doch nur … Du sagtest ja, Du hättest zehnerlei Gedanken gehabt … nenne mir einen dieser Gedanken … ich hoffe, haben wir nur erst einen Nagel, ihn in die Wand zu schlagen, so findet sich auch etwas, es daran zu hängen!“

„Einen meiner Gedanken will ich Dir mittheilen. Ich stellte mir einen recht bösen, zornigen, tyrannischen, das Geld über Alles liebenden Vater vor…“

„Und eine Tochter!“ fiel Ernst ein.

„Und eine Tochter, sehr liebenswürdig, sehr anziehend, von tiefer Empfindung…“

„Natürlich,“ nickte Ernst. „Und einen jungen Mann…“

„Der junge Mann,“ fuhr Alwine fort, „ist von großer, schlanker Figur; er hat Deine Figur, Ernst; auch dunkelkastanienbraunes Haar, an den Spitzen ein wenig gelockt; Du weißt, ich liebe das so,“ setzte Alwine hinzu, indem sie zärtlich und erregt mit den weißen Fingern das Haar ihres Gatten zurückstrich, „er ist dabei ein Ausbund von Bravheit; er hat eine Mutter, welche ganz von ihm abhängt und die er mit zärtlichen Sorgen umgiebt; er ist nicht geistreich, nicht beredt, nicht glänzend, es wird ihm sogar schwer, sich auszusprechen und den Ausdruck für das, was er fühlt, zu finden; aber er empfindet unendlich tief, leidenschaftlich tief, und dabei ist er eine eben so aufopferungsfähige wie verschlossene Natur; er ist der größten, heldenmüthigsten Hingabe fähig…“

„Prächtig, mein Kind, ganz prächtig; ich sehe, Du hast Dir den Charakter Deines Jünglings mit der ganzen Vorliebe einer Frau für ihren ‚Helden‘ schon ausgearbeitet; Du hast gewiß auch schon bedacht, wie Du ihn kleiden willst, doch immer schwarz, denk’ ich, und im Salon, worin eine glänzende Gesellschaft versammelt [667] ist, stellst Du ihn an den Kamin, mit dem Arm sich darauf stützend und mit den dunklen Blicken, die eben so viel Stolz wie Schwärmerei ausstrahlen…“

„Ach, ich glaube, Du spottest schon!“ fiel Alwine schmollend ein.

„Nicht im Mindesten … treff’ ich Dein ‚Ideal‘ nicht?“

Sie gab ihm einen leichten Schlag auf die Schulter.

„Was weißt Du davon, was eine Frau sich für ein Ideal macht!“ sagte sie.

„Fahren wir fort,“ entgegnete Ernst lächelnd. „Sollen wir Dein ‚Ideal‘ noch weiter ausmalen, oder sollen wir es jetzt im gewöhnlichen Alltagsleben in irgend einer Stellung unterbringen? Da es arm ist und eine Mutter zu ernähren hat, muß es doch arbeiten, oder schickt sich das für ein Ideal nicht?“

„Wenn Du nicht aufhörst, in dem Tone zu reden, werde ich Dir ernstlich böse, Ernst.“

„Mir böse? Und Du siehst doch, welch’ Vergnügen es mir macht, in Deine Gedanken einzugehen. Also fahre fort.“

„Ich mag gar nicht.“

„So will ich es für Dich thun. Ich denke, der Held ist Buchhalter in dem Geschäft des harten, reichen Papas, der seine Tochter durchaus an einen häßlichen, alten Landjunker verheirathen will, weil er sie ihm fest zugesagt hat…“

Alwine rieb sich die Stirn, der häßliche, alte Landjunker war gut; es ließ sich bei der Schilderung desselben recht viel Humor aufwenden. Aber Buchhalter? sie hätte den Helden lieber in ein idealeres Gewand gekleidet, z. B. in eine hübsche Cavalerieofficiers-Uniform, oder ihn in eine poetischere Lebenssphäre gestellt, etwa als Gesandtschaftsattaché … oder Seemann … oder Forstbeamten …

„Buchhalter ist nicht hübsch,“ sagte sie zögernd.

„O, ich denke doch, es scheint mir zu seinem Charakter zu passen, der anspruchslos sein soll, und da wir es mit einer einfachen Geschichte zu thun haben, so könnten wir dabei bleiben; doch könnte man auch einen Künstler, einen Maler aus ihm machen…“

„Nein, nein, nicht das; die eine Hälfte aller Novellen hat Maler, die andere Studenten zu Helden. Bleiben wir immerhin beim Buchhalter, und nun will ich Dir sagen, wie ich’s mir weiter dachte. Ich dachte mir, der Held unserer Geschichte, der nicht gewagt hat, sein Gefühl für die Geliebte zu gestehen, trete an ihrem Geburtstage zu ihr in’s Zimmer, um ihr einen herrlichen Strauß zu bringen, er finde sie in Thränen, sie gestehe ihm, daß ihr Vater sie mit einem Bewerber …“

„Dem Landjunker …“

„Dem Landjunker verlobt habe, daß über sechs Wochen die Trauung sein solle, daß sie sich vorher in’s Wasser stürzen würde, und diese niederschmetternde Mittheilung entreiße dem Helden das Geständniß seiner leidenschaftlichen Liebe.“

Alwine sah ein wenig unsicher und fragend ihren Gatten an. Dieser blickte den blauen Rauchwölkchen seiner Cigarre nach und sagte lakonisch: „Weiter!“

„Ja, weiter bin ich nicht gekommen.“

„Das ist allerdings nicht sehr weit, und wenn die Geschichte das Lob der Einfachheit nicht in einem etwas bedenklichen Maße verdienen soll, müssen wir freilich noch etwas hinzuthun. Also, laß sehen! Da der Vater ein Erztyrann ist, so sehe ich nicht wohl, was die Tochter gegen seinen herrischen Befehl machen kann. Sie könnte sich höchstens seiner Machtsphäre entziehen…“

„Sie könnte fliehen,“ fiel Alwine ein.

„Das ist recht gut,“ fuhr Ernst fort. „Eine Flucht, unter schwierigen Umständen, aus strenger Bewachung, ist etwas höchst Spannendes. Also sie flieht, flieht zu einer Verwandten des Helden in irgend einer großen Stadt; nehmen wir Wien, Paris, London. Der Buchhalter ist natürlich im Geheimniß, er schützt nach einiger Zeit eine nothwendige Geschäftsreise vor und besucht die Geliebte in – sagen wir London. Die Tante in London hält Rath mit den beiden unglücklichen jungen Leuten: ‚Mein Gott,‘ sagt sie ihnen endlich, ‚man heirathet sich ja so leicht in London, man braucht nur sechs Wochen in einer Pfarrei gelebt zu haben und nachzuweisen, daß man mündig ist; oder man geht einfach auf’s License-Office und holt sich für ein paar Pfund einen Dispens von allen Förmlichkeiten, dann hat man weiter nichts nöthig, als daß man den Fiaker herbeiwinkt, um zur Kirche zu fahren.‘“

„Aber Helene, – findest Du den Namen gut gewählt? – kann sich wider den ausgesprochenen Willen ihres Vaters, der, wenn auch ein alter Tyrann, doch immer ihr Vater ist, nicht dazu entschließen. Meinst Du nicht auch so?“

„Gut denn … machen wir es so; Helene lehnt den Vorschlag ab, sie bleibt fest, bleibt unerbittlich in diesem Punkt; Hugo – Dein Held heißt doch Hugo? das klingt hübsch – fühlt sich gereizt über dies Widerstreben, nach einer kleinen Scene eilt er von Helenen fort, um zornig in irgend einem stillen entlegenen Winkel eines Parks über die Thatsache nachzudenken, daß von allen unnützen Einrichtungen dieser argen Welt unnütze alte Väter doch die verdrießlichsten sind. Im Parke, auf einer Bank sitzend, findet er eine halb kummervoll, halb gelangweilt aussehende junge Dame, welche durch ihre äußere Erscheinung die Voraussetzung, daß sie der Demi-Monde angehöre, nicht als eine nie erlebte und unerhörte Beleidigung aufnehmen kann. Hugo wagt es darauf hin, sie anzureden, sie antwortet in einer Weise, die ihm in Beziehung auf die Feststellung ihres Standes nichts zu wünschen übrig läßt, sie ist eine Näherin oder Putzarbeiterin ohne Arbeit, und mit der Entschlossenheit eines Mannes, der nur noch in desperaten Schritten Rettung sieht, spricht Hugo zu der besagten Dame:

‚Wo wohnen Sie, Miß?‘

Die Miß giebt ihre Wohnung an, sie wohnt in – sagen wir: Bakerstreet.

‚Im Kirchspiel Marylebone, sehr gut,‘ versetzt Hugo, ‚es vereinfacht die Sache, ich wohne – etwa ‚Cavendishsquare, das liegt im selben Kirchspiel. Würden Sie mir den Gefallen erzeigen und mir gegen eine anständige Belohnung einen kleinen Dienst leisten?‘

‚Worin würde er bestehen?‘ antwortet sie.

‚Sich mit mir trauen zu lassen.‘

‚Mit Ihnen … trauen zu lassen?‘

‚Ich sagte so, Miß.‘

‚Aber ich kenne Sie ja gar nicht!‘

‚Ein nicht ungewöhnlicher Fall bei Leuten, die sich heirathen; das Kennenlernen kommt oft nachher,‘ versetzt er, ‚bei uns würde das Außergewöhnliche nur darin bestehen, daß wir uns auch nachher nicht kennen lernen würden; denn nach der Vollziehung der Ceremonie würde ich die Fortsetzung der Bekanntschaft Ihnen in keiner Weise zumuthen…‘“

„Aber,“ rief hier Alwine aus, „Du sprichst da ja ganz verrückte Dinge aus! Hugo soll die Näherin, oder was sie ist, heirathen und Helenen vielleicht im Zorn, daß sie ihre Kindespflicht nicht verletzen will, sitzen lassen, ihr das Herz brechen?“

„Höre nur weiter, wie ich mir die Sache denke; von Herzbrechen soll gar nicht die Rede sein. Hugo nämlich fährt fort: ‚Um darüber sicher zu sein, daß keine weitere Bekanntschaft einträte, müßte ich mir ausbedingen, daß Sie für die Ceremonie sich gefallen ließen, einen andern Namen zu führen, nur auf eine halbe Stunde … einen deutschen Namen, etwa Helene Starrherz,‘ würdest Du etwas gegen den Namen Starrherz haben?“

„Ach,“ rief die junge Frau aus, „jetzt begreife ich, worauf Du hinaus willst… Der Einfall ist vortrefflich … fahre fort.“

Ernst sah lächelnd in ihre erregten, rosigen Züge. „Ich beginne Dir zu imponiren mit meiner Phantasie.“

„Wahrhaftig, das thust Du, ich hätte so viel gar nicht hinter Dir gesucht … das ist ja ganz einzig … aber weiter, weiter.“

„Weiter sag’ ich Dir nichts, weiß auch nichts mehr. Es ist Dein Werk und Dein muß es bleiben. Ich habe durchaus nicht den Ehrgeiz, Dir den Ruhm der Erfindung streitig zu machen.“

„In der That,“ rief Alwine aufgeregt aus, „das Andere folgt wie von selbst. Hugo verschafft sich Helenens Geburtsschein.“

„Richtig, und ein Zeugniß eines Beamten oder irgend einer competenten Persönlichkeit, daß sowohl er wie Helene sechs Wochen lang im Kirchspiel Marylebone gewohnt haben … mit diesen Documenten versehen geht er mit seiner Näherin zur Kirche, wo der Pfarrer sie traut und der Küster und der Kirchspielschreiber als Zeugen dienen. Der Pfarrer macht dann die Eintragung in’s Kirchenbuch, Hugo läßt sich sofort davon einen Auszug durch den Kirchspielschreiber besorgen und im Besitze dieser wichtigen Urkunde nimmt er Abschied auf Nimmerwiedersehen von seiner Näherin, der er ihre Bereitwilligkeit, ihm diesen Dienst zu leisten, reichlich belohnt.“

„Ganz recht, und dann eilt Hugo zum Vaterlande zurück; er tritt vor den Vater Helenens…“

[668] „Vor den Vater Helenens? Ich weiß nicht ganz, ob ich das zweckmäßig finde; ich denke, es ist anzunehmen, daß Hugo doch zögert, so den Stier bei den Hörnern zu ergreifen; sein Gewissen ist doch bei der Sache nicht ganz rein; der Vater könnte, bevor er eine Antwort gäbe, an Helenen schreiben, und es wäre möglich, daß Helene im Conflicte ihrer Liebe und des Gefühls ihrer Verpflichtungen gegen den Vater sich nicht von ersterer fortreißen ließe, sondern dem Vater die Wahrheit gestände… Hugo muß wenigstens solche Bedenken haben, und ich halte es für besser, ihn zuerst zu dem Landjunker gehen zu lassen. In diesem sieht er das Haupthinderniß seines Glückes, ihn sucht er zu beseitigen; indem er vor ihn tritt, ihm seinen Trauschein vorlegt und ihm sagt: ‚Du siehst, Helene ist im Geheimen mein Weib – erkläre jetzt ihrem Vater, daß Du Deinen Ansprüchen entsagst,‘ thut er, was zunächst in seinem Plane lag.“

„Darin sollst Du Recht haben, Ernst; aber dann muß er doch mit dem Vater reden?“

„In der That. Der Landjunker läßt sich blenden und eilt zum Vater; dieser verlangt den Trauschein zu sehen – er nimmt ihn an sich, als Hugo ihn vorweist, und erklärt mit größerer Ruhe und Gelassenheit als Hugo gehofft, er wollte ihn von einem Juristen prüfen lassen, wenn er echt und authentisch, so sehe er ein, daß er sich in die Dinge, wie sie nun einmal seien, fügen müsse.“

„Vortrefflich,“ rief Alwine aus, „unser Stoff ist wirklich ganz hübsch… Hugo schreibt nun seiner Helene den Stand der Dinge, diese kommt zurück, der Vater giebt ihnen seinen Segen, und als Hugo ihm nun ein wenig beklommen sagt: aber einer kleinen nachträglichen Trauung, lieber Schwiegerpapa, wird es noch bedürfen, da …“

„Da macht der böse, harte, tückische Schwiegerpapa wie ein rechter Komödienpapa noch einmal gute Miene zum bösen Spiele? Ich denke, das ist nicht gut. Der Schluß gefällt mir nicht,“ warf Ernst nachdenklich ein. „Du mußt einen andern ersinnen.“

„Welchen meinst Du, zum Beispiel?“

„Nehmen wir lieber an, Helene, die ein Muster von einer guten Tochter ist, sei erzürnt über die Intrigue Hugo’s, über die Täuschung, die er sich gegen ihren Vater erlaubt, über das Unwahre, Trughafte in dem Auskunftsmittel ihres Geliebten. Sie mache, von London zurückgekehrt, Hugo bittere Vorwürfe; dieser erwidere ihre Vorwürfe mit dem Vorwurf, daß sie nicht Muth und Hingebung genug für ihn gehabt, um sich selbst in London mit ihm trauen zu lassen; daß ihre Zaghaftigkeit ihn gezwungen zu dem, was er gethan. Nehmen wir an, daß dieser Streit sich erhitzt, daß eine Erkaltung zwischen den Liebenden eintritt, daß endlich Helene ihrem Vater, den sie lebhaft beflissen findet, eine Wohnung für das junge Paar in seinem Hause einzurichten, der sie schon drängt, diese zu beziehen, endlich in der Verlegenheit die Art, wie er hintergangen ist, gesteht; daß der Vater nun durchaus nicht den Komödienpapa, sondern den rechten Trauerspiel-Tyrannen macht; daß Hugo im höchsten Zorn über Helene dieser zuletzt einen Absagebrief schreibt und daß der vollständigste Bruch eintritt.“

„Für immer?“ fragte Alwine betroffen.

„Ich denke für immer, Kind… Denn nach einem paar Jahren lernt Hugo auf einer Geschäftsreise – er ist Compagnon in einem anderen Handelshause geworden – eine junge Dame kennen, der sein über Helenens Verlust durch die Zeit getröstetes Herz sich zuwendet. Auch ihr gefällt er; er bewirbt sich um ihre Hand, er erhält ihre Zusage, er erhält die Einwilligung ihrer Eltern, seine Verlobung wird bekannt gemacht, er wird in der Kirche seiner Vaterstadt proclamirt .. Da, als er eben zur Trauung abreisen will, empfängt er einen Brief von seinem ehemaligen Pseudo-Schwiegervater, des grausamen und höchst unerwarteten Inhalts: ‚Mein lieber Herr Hugo, Sie scheinen vergessen zu haben, daß ein gewisses, in London vom Kirchspielschreiber der Pfarrei von Marylebon ausgestelltes Document noch in meinen Händen ist. Sobald mir die Nachricht von Ihrer Verheirathung zugekommen sein wird, werde ich nicht ermangeln, besagte Urkunde der Staats-Anwaltschaft zu übergeben, mit dem Antrage, die Untersuchung wegen Bigamie gegen Sie einzuleiten!‘“

„O,“ rief Alwine fast erschrocken aus, „das wäre ja schrecklich für den armen Hugo, der ja durch den Verlust Helenens für seinen freilich etwas leichtsinnigen Streich gestraft wäre.“

„Ich denke, diese Wendung ist aber doch überraschend und – recht hübsch?“

„Gewiß, gewiß,“ fiel Alwine voll Eifer ein … „aber weißt Du, daß ich Dich bewundere? Das fließt Dir ja nur so von den Lippen, Du hast ja eine merkwürdige Erfindungsgabe, das hätte ich Dir wirklich nicht zugetraut, Ernst!“

„Nicht? Hättest Du nicht? Ich glaube, Du traust mir überhaupt nicht genug zu, Herz!“

„Dies wirklich nicht!“ sagte sie lächelnd und zärtlich ihre Wange an seine Schulter legend. „Aber was beginnt Hugo nun?“

„Was er beginnt? In der That, das ist schwer zu sagen. Was soll er beginnen? Seine Trauung in London war eine völlig nichtige, ohne Intention vorgenommene, auf eine Täuschung hinauslaufende, durch den Betrug ungültige; aber wie kann er dies beweisen? Die einzige Zeugin, jene Grisette, kann er nicht herbeibringen, denn wie sollte er sie wieder auffinden in der ungeheuren Stadt; vielleicht hat sie auch London längst verlassen.“

„Aber Helene… sie wird doch für ihn zeugen?“

„Helene? das ist’s eben, sie gilt vor Gericht nicht als unverdächtige Zeugin; ihr Zeugniß kann eine öffentliche Urkunde mit Stempel und Siegel nicht umwerfen, und die einzige Zeugin, die Hugo noch haben würde, seine Tante in London, ist todt… das heißt, wir müssen sie todt machen, ohne Gnade und Barmherzigkeit, und nun ist die Lage der Dinge so, daß Hugo es auf die Bigamie-Untersuchung nicht ankommen lassen darf, wirklich nicht!“

Alwine erhob sich und ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. „Laß mich nur nachdenken,“ sagte sie, „ich denke, ich mache den Schluß so, daß Hugo seiner Braut entsagt, das wäre die poetische Gerechtigkeit…“

„Oder daß Du zum Schluß sagtest: ‚Lieber Leser, Hugo befindet sich heute in dieser fürchterlichen Lage, er weiß kein Auskunftsmittel, er ist der Verzweiflung nahe, daß so der Fluch der bösen That sein Lebensglück zerstört; du bist klug und einsichtig, lieber Leser, sinne du nach, gewiß hast du guten Freunden schon oft mit dem sinnreichsten Rath geholfen, hilf auch Hugo; überlege dir, was er thun muß, und schreibe es mir in frankirten Briefen, ich werde es ihm sicher zukommen lassen.‘ Ich meine, ein solcher Schluß wäre neu!“

Alwine schüttelte den Kopf.

„Ich will darüber nachdenken. Da wir so viel haben, wird sich der Schluß schon wohl finden. Denk’ auch Du nach. Der Stoff aber ist prächtig. Ich werde mich mit rasendem Eifer daran machen und ihn auszuführen versuchen. Wenn es mir gelänge! Würde es Dich nicht auch freuen, Ernst?“

„Freuen? Nun, wir Männer denken nicht alle gleich über das Thema der schriftstellernden Frauen. Ich, was mich angeht, möchte mich nicht in Widerspruch zu Deinen Neigungen setzen; ich habe Dir in Allem Deine völlige Freiheit gelassen, und wenn es Dir nun einmal eine Genugthuung ist, solch’ eine Geschichte zu schreiben, so fürchte ich, würde mein Protest auch die Lust zu diesem neuen Zeitvertreib nur schärfen; Evatöchter seid Ihr doch Alle! Lasse mir darüber nur nicht wieder den Braten anbrennen!“

„Wie kühl Du davon sprichst, nachdem Du mir doch selbst geholfen, den schönen Stoff zu erfinden!“

Ernst stand lächelnd auf, seine Cigarre war zu Ende und er schickte sich an, in sein Bureau zu gehen, um zu sehen, ob Posteinläufe da seien; in der Thür wandte er sich zurück und sagte: „Weißt Du wohl, daß auch eine Gefahr bei der Sache ist?“

„Eine Gefahr? Und welche? … wenn Du nicht anders wieder auf den langweiligen Braten zurückkommen willst.“

„Das nicht! Aber man hat oft gesagt, daß die kühnste Phantasie nichts ersinnen könne, was nicht schon oft dagewesen sei; daß man keine romanhaften Situationen erdichten könne, welche das Leben nicht noch viel merkwürdiger aufweise.“

„Das mag sein! Aber was thut das?“

„Was es thut? Es würde mich ängstlich machen. Ich würde beim Schreiben immer denken: Gott im Himmel, wenn ich nun da etwas schilderte, was sich wirklich ereignet hat, was dir Personen, denen es geschehen, lesen werden, was mir ihre tödtliche Feindschaft zuzöge!“

Alwine lachte laut auf.

„Welch’ ein komisches Bedenken!“ rief sie aus. „Das nenne ich ängstlich sein! Ich glaube, Du willst mich abschrecken, und … der unglückliche Braten steckt doch dahinter!“

„Wirklich nicht!“ sagte Ernst mit schlauem Gesicht. „Es mag [669] freilich zu ängstlich von mir gedacht sein. Aber es ist ein verhängnißvoller Schritt, der in die Oeffentlichkeit. Nicht allein Blut, auch Druckerschwärze ist ein ganz besonderer Saft …

Wirfst Du den Stein – bedenke wohl,
Wie weit ihn Deine Hand wird treiben …
Oft trifft ein Wurf des Nachbars Scheiben.“[WS 3]

Um Ernst’s Lippen zuckte bei diesen Worten ein besonders spöttisches Lächeln, das Alwine jedoch nicht wahrnahm, weil er sich wandte und ging. An die Warnung, die er ausgesprochen, dachte sie weiter nicht.


Im Grunde und nach längerem Erwägen war Alwine doch nicht so ganz entzückt von dem Stoffe; denn die betrügerische Handlung des Helden mißfiel ihr. Aber das Verdienst der Neuheit schien ihr der Stoff zu haben und was mehr war, es gelang ihr nicht, rasch einen besseren zu ersinnen, und so begab sie sich denn, nachdem sie einen passenden Abschluß gefunden, mit großem Eifer an die Ausarbeitung und fühlte bald die ganze Zärtlichkeit für ihr Werk, die uns eigene Hirngespinnste, Erfindungen und Ideen nur einflößen können. Sie schwelgte in den Gefühlen ihrer Gestalten und schwelgte in dem Vorgefühl des Erfolgs; sie kostete im Voraus einen kleinen Tropfen jenes süßen und schäumenden Getränks, nach dem eine junge Autorseele lechzt und das man Ruhm nennt, jenes Getränkes, an dem so entsetzlich viel Schaum und so wenig nahrhafter Stoff ist. Ernst sah still ihrer Emsigkeit zu; er machte ihr keine Bemerkungen über ihr geröthetes Gesicht; er störte sie nicht durch das prosaische Verlangen, ihm einen abgerissenen Hemdknopf anzusetzen, oder einen geplatzten Handschuh zu nähen; er wartete schweigend, wenn die Suppe ein wenig später erschien; er legte sich Abends ruhig nieder und ließ die emsige Gattin bei ihrer Lampe am Schreibtisch; er war ein wahres Muster von einem Manne einer berühmten Frau; er war wirklich rührend, denn als die Arbeit, nach vierzehn Tagen etwa, fertig war, sah er sie durch, half Alwine gründlich feilen, machte ihr die sämmtlichen Kommas und Semikolons, über deren Anwendung sie nie zu recht klaren Vorstellungen gekommen zu sein betheuerte, und ließ das Ganze in seiner Schreibstube abschreiben.

„Und hältst Du das Werk nun wirklich der Veröffentlichung werth?“ sagte sie.

„Gewiß thue ich das, liebes Kind; Du hast es doch dafür geschrieben?“

„Das wohl … aber …“

„Du zagst jetzt, mit Deinem Namen in die Welt zu treten?“

„Freilich … aber ich sehe ein, daß es kindisch ist; ich habe das Verstecken hinter falschen Namen immer so gehaßt … deshalb, wenn Du überhaupt meinst, daß ich nicht zu fürchten brauche, mich damit ein wenig lächerlich zu machen …“

[670] Alwine war im Stillen nicht beunruhigt über diesen Punkt; Anfänger sind es überhaupt nicht!

„O gewiß nicht. Ich würde es unbedingt drucken lassen!“

„Dann sei es auch mit meinem Namen!“

„Ich habe nichts dagegen!“

„Aber wo räthst Du mir? In unserem Provincialblatte hier, das möchte ich doch nicht … es ist mir nicht aristokratisch genug.“

„Du hast Recht … wenn Du willst, sende ich die Arbeit an die ‚Winterblüthen‘ in Leipzig; der Redacteur ist mein Universitätsfreund und deshalb wird die Sache dort keine Schwierigkeiten haben.“

„Ach, das hast Du mir ja nie gesagt; das ist vortrefflich; Du schreibst Deinem Freunde dann auch, er solle Dir ja recht offen und ausführlich seine Meinung über die Arbeit sagen und was er von meinem Talente halte, ob er mich ermuthige …“

„Daran zweifle ich nicht im Mindesten; diese Leute ermuthigen immer!“ fiel Ernst ein wenig sarkastisch ein.

Sie warf einen mißtrauischen Blick auf ihn. „Du meinst es doch ehrlich?“

„Wie sollt’ ich nicht?“

„Ach, Du kannst so spöttisch sein – eben kam mir der Gedanke, Du wollest meinen armen Erstlingsversuch nur an Deinen Freund senden, damit er ihn mit einem Protestbriefe gegen solche Talentlosigkeit zurückschicke und ich dann gedemüthigt nie wieder …“

„Welche Bosheiten Du mir zutraust!“ fiel Ernst lachend ein; „ich bitte Dich, liebes Kind!“

Und damit nahm Ernst das Manuscript, machte ein sauberes Paket daraus und sandte es nach Leipzig. –

Alwine sah in großer Spannung und Aufregung der Antwort des Redacteurs entgegen. Diese ließ lange auf sich harren … acht Tage vergingen, es vergingen vierzehn … war dies ein gutes oder ein böses Zeichen? … ein gutes, sagte Ernst, ein böses, ahnte Alwine, – aber sie täuschte sich zu ihrer angenehmsten Ueberraschung. Am Ende der vierzehn Tage lief eine starke Kreuzbandsendung von Leipzig ein, und diese enthielt drei Exemplare eines vollständigen Abdrucks der Novelle Alwinens. Zitternd nahm sie die Bogen zur Hand; mit Herzklopfen las sie unter dem Titel: „Die Scheinehe“ die Worte „Erzählung von Alwine Northof“ … es lag etwas ängstlich Berauschendes, worin sich fast etwas vom Reize des Verbotenen mischte, und doch wieder etwas von freudigem Stolze in diesem Gefühl … wie merkwürdig sah ihr Name so gedruckt aus – so ganz anders, als wenn er geschrieben wurde … Und wie gut machte sich so gedruckt der Anfang der Novelle; es war, als ob die Typen etwas Magisches hätten, um Alles so viel schöner, geistreicher, bedeutungsvoller zu machen, als es sich in der Handschrift ausnahm … es war doch ein ganz einziges Gefühl, es anzusehen, es lag etwas unendlich Angenehmes, Verlockendes darin!

Ernst beobachtete still seine kleine Frau, während sie das Journal in zitternder Hand hielt und die erste Spalte, deren Buchstaben ihr fast vor den Augen schwirrten, überflog. „Armes Kind,“ sagte er sich dabei, „hättest Du jetzt nicht Deinen Schutzgeist in der Nähe, so wärst Du von nun an und auf ewig dem Teufel der Blaustrümpfe verfallen!“ Er nahm zwei der übersandten Exemplare an sich und ging damit in sein Arbeitszimmer, um, wie er sagte, die Erzählung jetzt recht ungestört durchzulesen. In seinem Zimmer aber schob er jedes der beiden Exemplare in ein Couvert, versiegelte und adressirte es und sandte seinen Schreiber damit zur Stadtpost. Dann setzte er sich ruhig an seine Arbeit, um sich erst Abends davon zu erheben, sein Cigarren-Etui zu sich zu stecken und geradenwegs in seinen Club zu gehen.

Als er um neun Uhr heimkam und kaum die ersten Stufen der Treppe betreten hatte, hörte er oben heftig eine Thür öffnen und Alwinens Kleid über den Vorplatz rauschen und im nächsten Augenblick sah er sie oben an der Treppe stehen und hörte sie mit einem Tone wahrer Verzweiflung ihm entgegenrufen:

„O mein Gott … Ernst … Ernst … kommst Du endlich, endlich … wie kannst Du mich so verlassen!“

„Was ist geschehen, was ist Dir, liebes Kind?“ versetzte er, die letzten Stufen der Treppe hinaufspringend.

Sie eilte über den Vorplatz zurück in’s Wohnzimmer. Er folgte ihr.

„Sprich, was ist vorgefallen?“ fuhr er fort, nach ihr die Schwelle überschreitend und die Thür schließend, während sich Alwine wie in tiefem Jammer auf das Sopha warf, „Du weinst, Du bist außer Dir …“

„O mein Gott, dazu habe ich allen Grund,“ rief sie wehklagend aus, „weshalb hast Du mich so unbeschützt allein gelassen … ein Mensch war hier, ein zorniger, rasender Mensch, der mir alle möglichen Vorwürfe machte und der sich durchaus mit Dir schießen will …“

„Ein Mensch … der Dir Vorwürfe machte … und weshalb? Und mit mir schießen will?“

„Du fragst noch, weshalb? Weshalb anders, als wegen der entsetzlichen Erzählung; er sagt, daß das seine Geschichte sei, ich hätte ihn dadurch auf’s Abscheulichste bloßgestellt, ich hätte ihn der Welt als einen Betrüger dargestellt; er wolle wissen, wie es mir möglich gewesen, so tückisch an ihm zu handeln; er habe mir nie etwas Uebles gethan und nun mache ich ihn ewig unglücklich; er wolle wissen, wie ich seine Geschichte erfahren, er wolle Genugthuung, und da ich ihm keine geben könne, so wolle er sie von Dir; er wolle, daß Du Dich mit ihm schießen sollest, und ich könne mich darauf verlassen, daß er Dir eine Kugel durch den Kopf jagen werde!“

„Das ist ja eine wunderliche, räthselhafte Sache,“ fiel Ernst ein, „der Mensch muß verrückt sein.“

„O nein, nein, nein, er sprach durchaus nicht so, nur in großer Wuth war er gegen uns Beide.“

„Wirklich nicht verrückt? Aber was geht ihn denn unsere Geschichte an?“

„Unsere Geschichte? das ist es ja eben, er sagt, es sei seine Geschichte, und nicht allein ihn hätte ich compromittirt, sondern auch seine frühere Braut, und jetzt auf immer sein Glück vernichtet, indem seine jetzige Braut mit ihm brechen werde …“

„Und wie hieß der Mensch?“

„Das hat er mir gar nicht gesagt … glaubst Du denn, ich hätte danach noch fragen können? … mir begannen schon nach seinen ersten Worten die Sinne zu schwinden … o mein Gott, Ernst, was haben wir angerichtet, wozu hast Du mich verleitet!“

[681] „Ich Dich verleitet, Alwine?“ sagte Ernst, „wahrhaftig, das ist ein ungerechter Vorwurf … ich habe Dich zu dem abscheulichen Novellenschreiben nicht verleitet … Du selbst hattest den glücklichen Einfall, auf diese Art Deine Zeit, die Du als Frau wahrhaftig besser benutzen könntest, todtzuschlagen, und Du siehst nun, was dabei herauskommt!

„Aber Du, Du warst es doch,“ entgegnete Alwine, „der mir den Stoff unterschob, und Du mußtest doch wissen, was Du thatest, Du mußtest die Geschichte irgendwo gehört haben.“

„Ich … die Geschichte gehört haben? Aber ich begreife Dich nicht … ich hätte Dir den Stoff untergeschoben … welche Frauenbehauptung! Und das sagst Du an derselben Stelle sitzend, wo wir damals friedlich und harmlos zusammensaßen und Beide gemeinschaftlich das Ganze als ein ganz freies Gewebe der Einbildungskraft ausspannen?“

„Ernst, Du kannst mich nicht glauben machen wollen, daß uns der bloße Zufall dazu geführt habe, so …“

„Ja, aber mein Gott, wenn der Mensch, von dem Du sprichst, wirklich nicht verrückt war, so liegt das ja vor Augen!“

„Es ist ja ganz unmöglich,“ rief die Frau aus.

„Hat er Dir gesagt, daß er seine Geschichte Jemandem anvertraut habe, der sie mir hätte wiedererzählen können?“

„Nein, das nicht,“ entgegegnete Alwine.

„Und es sei Deine Novelle ganz und genau dieselbe Geschichte, welche er erlebt oder die er gemacht oder in die er verwickelt?“

„Ganz genau nicht; manche Nebenumstände, warf er mir vor, habe ich ersonnen oder anders dargestellt, um die Sache ein wenig zu verkleiden, aber die Hauptsache und der Kern treffen so mit seinen Erlebnissen zu, daß Jedermann es sich werde auslegen können, der seine Verhältnisse kenne, und es bliebe ihm nichts übrig, als vor dem Scandal, den die Sache machen werde, auf und davon zu gehen und sich unter ganz fremde Menschen zu flüchten.“

„Ich meinte, er wolle sich schießen mit mir?“

„Das will er auch – schon morgen – und sich flüchten!“

„Das ist wirklich fürchterlich,“ sagte Ernst, indem er die Hände zusammenschlug und sehr niedergedrückt aussah, „mich schießen zu sollen ist mir gar keine angenehme Aussicht … es ist und bleibt eine gefährliche Sache, namentlich wenn man wie ich seit vielen Jahren keine Waffe mehr in der Hand gehabt hat…“

„Du denkst doch nicht daran, gegen den rasenden Menschen Dein Leben auf’s Spiel zu setzen?“ fiel Alwine in höchster Bestürzung ein.

„Eine Herausforderung kann ich nicht ablehnen; ich bin durch alle Gesetze der Ehre gezwungen, ihm Satisfaction zu geben, wenn er sie verlangt.“

„Herr des Himmels, Du wolltest wirklich …?“ Alwine war einer Ohnmacht nahe.

„Ich habe es geahnt,“ fuhr Ernst fort, „daß Unheil aus der Sache entstehen würde, ich habe es geahnt; Du wirst Dich erinnern, daß ich’s Dir auch gesagt, daß ich Dich gewarnt habe. Ich sagte Dir, daß man nichts erfinden könne, was nicht schon ein Mal da gewesen, daß man also immer Gefahr laufe, verletzend, Unheil stiftend in die Verhältnisse wirklich lebender Personen einzugreifen, wenn man nur von erdichteten zu erzählen glaube; Du siehst, wie Recht ich hatte, wie sehr Recht! Wärst Du doch nie auf den unseligen Einfall gerathen!“

„Ja, ein unseliger Einfall, das war er gewiß! Zehn Jahre, meines Lebens gäbe ich, wenn ich ihn nicht gehabt hätte,“ antwortete Alwine und brach in einen Strom von Thränen aus. Der Schrecken, die Angst, die furchtbare Aufregung, worin sie besonders bei dem Gedanken, daß Ernst sich wirklich werde schießen müssen und daß er fallen könne, gerathen war, nahmen ihr alle Besinnung, alle ruhige Ueberlegung. Sie fühlte sich als die schuldigste, jeder Verzeihung unwürdigste Verbrecherin, und ohne über die Seltsamkeit der Thatsache nachzusinnen, wozu sie gar nicht im Stande war, fühlte sie sich erstarrt von dem Schrecken, den dieselbe über sie gebracht hatte.


Es war am andern Morgen. Unser Rechtsanwalt wanderte, in einem von seiner Wohnung sehr entfernten Stadttheile, durch eine neuangelegte Straße und zog an einem schmal aufgebauten neuen Hause die Klingel. Als sie geöffnet wurde, verlangte er den Herrn Färber zu sprechen. Herr Färber war zu Hause und Ernst wurde in sein Zimmer geführt, das ein wenig wie das Zimmer eines Junggesellen aussah; der Inhaber desselben, ein junger Mann von etwa acht- oder neunundzwanzig Jahren, war noch im Schlafrock und saß über eine architektonische Zeichnung gebeugt; Herr Färber war Architekt, wie es schien. Als Northof eintrat, sprang er auf und schritt ihm lebhaft entgegen.

„Nun, sind Sie mit mir zufrieden?“ sagte er lächelnd.

„Vollkommen … Sie haben Ihre Rolle vortrefflich gespielt; ich fürchte fast, Sie haben vor meiner armen kleinen Frau zu sehr den Wütherich gemacht, sie liegt heute unwohl zu Bett.“

„Das thut mir in der That leid, aber wirklich, ich habe nur gesagt, was Sie mir so ungefähr vorgeschrieben, und die Rücksicht, [682] die man gegen eine Dame nimmt, keinen Augenblick aus den Augen gesetzt … ich kann Sie versichern, daß ich innigstes Mitleid mit ihr hatte, weil ich sah, wie furchtbar sie erschrak, wie tief sie sich die Suche zu Herzen nahm … sie ist so hübsch, so liebenswürdig, Ihre Frau Gemahlin; Sie dürfen mir glauben, daß mir meine Rolle schwer wurde.“

„Ich glaube es Ihnen,“ versetzte Ernst lächelnd.

„Darum,“ fuhr Herr Färber fort, „habe ich auch weniger daran gedacht, ihr Vorwürfe zu machen, als ihr das Unglück, welches sie über mich gebracht, recht kläglich und beweglich vorzustellen …“

„Das war sehr recht von Ihnen, Herr Färber, und was das Unwohlsein angeht, so wird es auch wenig zu bedeuten haben, man kennt das bei Frauen. Jetzt ziehen Sie sich an, damit wir uns auf den Weg zu Ihrem edlen ehemaligen Pseudo-Schwiegervater machen können. Ich habe Alles bisher versucht, diesen bösen harten Menschen zu erweichen und ihm Schrecken vor allen möglichen Processen einzujagen, aber nichts hat gefruchtet; heute, hoffe ich, finden wir ihn mürber.“

„Das gebe Gott,“ seufzte Herr Färber, „wenn dieser letzte Versuch ihm das unglückliche Blatt aus den Händen zu winden mißglückt, so ist Alles zu Ende. Ich muß meiner armen Braut dann Alles eingestehen, und wie werde ich vor ihr und ihren Eltern dastehen! Was wird mir übrig bleiben, als wirklich zu thun, was ich Ihrer armen Frau vorstellte, als wirklich fort von hier und in die weite Welt zu gehen! Sie glauben nicht, wie verzweifelt beklommen ich dieser Unterredung mit Grüler entgegengehe!“

„Haben Sie guten Muth,“ fiel Ernst beschwichtigend ein; „rüsten Sie sich nur und kommen Sie.“

Nach wenigen Augenblicken verließen beide Männer das Haus, um einige Straßen weiter zu wandern und vor einem stattlichen alten Gebäude, dessen Thürpfosten ein blankes Messingschild mit der Inschrift „J. J. Grüler, Wechselsensal“ trug, die Klingel zu ziehen. Die Thür öffnete sich und ein im Flur befindlicher Laufbursche übernahm es, die beiden Herren in das elegante Sprechzimmer des Herrn Wechselsensals zu führen und sie anzumelden. Sie hatten eine Weile zu warten. Endlich öffnete sich eine Thür, durch die man in ein mit mehreren Schreibern besetztes Comptoir blickte, und ein breitschulteriger, kleiner Mann mit einem grauen Gesichte, welches durch die weiße Halsbinde nur noch grauer wurde, in einem abgetragenen braunen Rock mit Schreibärmeln trat stürmisch in’s Gemach und rief in einem Tone, welcher durchaus nichts verbindlich Bewillkommnendes hatte, Ernst entgegen:

„Was wünschen Sie, womit kann ich dienen, Herr Rechtsanwalt? Ich sehe, Sie haben heute sogar auch Herrn Färber mitgebracht; wüßte nicht, daß ich dem Herrn Färber noch in etwas dienlich sein könnte…“ Der graue Mann maß die beiden Herrn mit förmlichen Wuthblicken.

„Es muß Ihnen allerdings ein wenig auffallend sein, mein werther Herr Grüler,“ entgegnete der Anwalt sehr ruhig, „daß ich noch einmal bei Ihnen erscheine, nachdem Sie vor einiger Zeit, als ich das letzte Mal als Rechtsbeistand des Herrn Färber bei Ihnen war, mich so entschieden abgewiesen haben. Aber ich denke, es liegt ein Novum, wie wir Juristen sagen, in der Sache vor, was Sie bewegt mich anzuhören und meine Vorschläge zu überlegen; Sie werden das Journal erhalten haben, welches ich mir erlaubte, Ihnen gestern Nachmittag zu übersenden…“

„Das habe ich allerdings erhalten, und wenn Sie darauf hindeuten mit Ihrem Ausdruck: ein Novum,“ rief Herr Grüler, zitternd vor Wuth und immer grauer werdend aus, „so muß ich Ihnen freilich Recht gehen. Das ist allerdings neu und noch nicht dagewesen, daß sich auch die Frauen der Herren Advocaten in die Sachen ihrer Männer mischen und Schriften gegen die Parteien in ihrer Art machen, in elenden Geschichten, die sie drucken lassen, vor aller Welt schwarz auf Weiß drucken lassen, um die Leute, welche sie so bloßstellen, auf immer zu ruiniren, um auf der Gasse mit den Fingern auf sie zeigen zu lassen! Aber das macht man freilich mit vielen schönen, tugendhaften, ästhetischen Redensarten und mit lauter verstellten Namen; so daß man die Heimtücker nicht packen, nicht vor Gericht ziehen, nicht als Verleumder und Ehrabschneider zur Strafe bringen kann, ja wahrhaftig, es ist neu, es ist ganz infam neu…“

Während Herrn Grüler’s Stimme bei diesen sich überstürzenden Worten sich immer mehr steigerte und eine gerechte Sorge weckte, daß bei seinem nächsten Punctum die Wände in’s Zittern gerathen würden, hatte sich Ernst ruhig einen Stuhl herbeigezogen und sich gesetzt.

„Ich bitte, Herr Grüler,“ fiel er jetzt ein, „erhitzen Sie sich nicht, um mir zu sagen, daß die Waffe, welche wir wider Sie gebraucht haben, keine ganz edle ist. Ich bin vollständig mit Ihnen einverstanden, daß wir nicht das Recht hatten, Sie als einen bösen und rachsüchtigen Mann der Welt zu denunciren, und noch weniger, Ihre unglückliche schuldlose Tochter so compromittirend in die Sache zu ziehen…“

„Aber zum Teufel, Herr, wenn Sie das selber sagen…“

„Gemach, gemach, Herr Grüler … ich sage das selber. Aber ich frage Sie auch, haben Sie in dieser Sache Recht? Hatten Sie Recht, als Sie Herrn Färber durch Ihre eigensinnige und egoistische Härte zwangen, in London ein Auskunftsmittel wider seinen Nebenbuhler bei Ihrer Tochter oder vielmehr bei Ihnen zu ergreifen, das allerdings leichtsinnig und tadelnswerth war und uns in dieses ganze traurige Zerwürfniß gebracht hat? Und jetzt, wo Herr Färber und Sie geschiedene Leute sind, haben Sie da Recht, sich auf seinem Lebenspfad in einen tückischen Hinterhalt zu legen, ihm den Weg zu seinem Glücke abzuschneiden? Haben Sie Recht, ihm das unglückliche Document vorzuenthalten, welches er so thöricht war, in Ihren Händen zu lassen? Die Rache um der bloßen Rache willen ist etwas Abscheuliches, Herr Grüler, und …“

„Predigen Sie nur, predigen Sie nur, Herr Advocat,“ sagte ingrimmig die Zähne knirschend der Wechselsal, „Sie werden mir das Document nicht aus den Händen predigen!“

„Möglich,“ erwiderte Ernst ruhig; „wahrscheinlich ist, daß ich es in der Tasche habe, wenn ich aus diesem Zimmer gehe. Und gewiß ist, daß ich nicht gehen werde, bevor Sie mich nicht ruhig angehört haben. Haben Sie mich verstanden, als ich sagte, daß Sie die erste Schuld an Allem haben und daß Sie uns diese letzte Waffe wider Sie in die Hände gezwungen? Wenn das ist, so möchte ich fortfahren…“

„Ich glaube kaum, daß es nöthig ist,“ schrie Herr Grüler dazwischen, „ich kann nicht absehen, was diese ganze Unterhaltung noch soll, und jedes Wort, das …“

„Diese Unterhaltung,“ fuhr der Rechtsanwalt dazwischen, „soll einen Vergleich herbeiführen zwischen Ihnen und meinem Clienten und mir.“

„Einen Vergleich … jetzt noch … ei, sieh mir doch, jetzt noch einen Vergleich … Sie müssen rasen, Herr!“

„Das Rasen ist auf Ihrer Seite, lieber Herr Grüler; Sie rasen so stark, daß all Ihre Schreiber drüben jedes Ihrer Worte hören müssen!“

Diese Bemerkung schien den Wechselsensal ein wenig betroffen zu machen. Er warf sich jetzt ebenfalls auf einen Stuhl und während er die Hände zwischen den Knieen zusammenfaltete, sagte er ruhiger und leiser:

„Nun, so reden Sie einmal aus, damit wir zu Ende kommen!“

„Ich wünsche nichts mehr, als das. Also, ich sagte Ihnen, daß wir vollständig einsehen, wie heimtückisch und ungerechtfertigt das Mittel ist, welches wir wider Sie gebraucht haben. Es wird uns demnach desto lieber sein, wenn wir es zurücknehmen können.“

„Zurücknehmen können? … was soll das heißen?“

„Das soll heißen, daß wir es ungeschehen machen möchten, wenn Sie es ermöglichten.“

„Jetzt, nachdem die ganze Sache schwarz auf Weiß in dem Journal steht, von Jedermann gelesen und mit Heißhunger verschlungen wird …“

„Herr Grüler, wenn ein Anwalt in Geschäftssachen zu seiner Gegenpartei spricht, so weiß er ganz genau, was er sagt. Ich erkläre Ihnen auf mein Ehrenwort, daß wir die Sache zurücknehmen, wenn Sie es möglich machen.“

„Ich … ich soll es möglich machen … ja, ist denn …“

„Es ist nichts Anderes zu thun, Herr Grüler, als daß Sie mit dem Document herausrücken. Geben Sie uns das Document, und das Journal, die Geschichte darin, welche eine so drastische Schilderung Ihrer Persönlichkeit, Ihrer Grausamkeit gegen Ihre Tochter, Ihrer bösen Rachsucht erhält und welche nebenbei Ihre Tochter so bloßstellt, verschwindet mit Einem Zauberschlage aus der Welt. Wo nicht, so wandert sie in zehntausend Exemplaren in jeden Club, in jedes Kaffeehaus, in jeden Lesecirkel unseres lieben [683] Vaterlandes. Das ist die Alternative, die ich Ihnen stelle. Also sprechen Sie, soll Alles ungeschehen sein?“

Herr Grüler athmete tief auf, als er antwortete: „O mein Gott, ist denn das noch möglich?“

Er fuhr mit der Rechten über sein Gesicht und schlug dann die Hände wieder zusammen. Ernst sah, in welche scharfe Schraube er den eigensinnigen harten Mann genommen.

„Ich habe Ihnen mein Ehrenwort gegeben und Herr Färber giebt es Ihnen ebenso,“ sagte er mit einem Blick auf diesen, der stumm neben ihm stehen geblieben war. Der junge Mann fiel jetzt lebhaft bewegt ein:

„Ich gebe es Ihnen, mein Ehrenwort, und ich bitte Sie inständig, Herr Grüler, geben Sie nach; ich bitte nicht Ihret-, nicht meinetwillen, ich bitte Sie um Ihrer Tochter willen, die gewiß ein Nervenfieber davon trägt, wenn sie die Geschichte, welche ihr doch auf die Dauer nicht vorenthalten bleiben kann, zu lesen bekommt. Ein Mann mag eine solche schimpfliche Ausstellung vor der ganzen Welt noch ertragen, aber ein junges Mädchen kann es nicht ertragen, so in den Mund aller bösen Zungen gebracht zu werden!“

„Und wenn Sie das selber so gut wissen, Sie ruchloser, abscheulicher Mensch Sie …“ rief Herr Grüler mit einem Gesicht, das wieder so aschgrau wurde, wie in dem Augenblicke, worin er vorhin hereingestürzt war.

Ernst unterbrach ihn, indem er seine Hand auf den Arm des Mannes legte.

„Still, Herr Grüler,“ sagte er, „keinen Streit, kein Nervenfieber, keinen Scandal … holen Sie das Document, und wir gehen friedlich auseinander!“

Herr Grüler sah mit furchtbarem Stirnrunzeln, mit den Wuthblicken eines Löwen, der sich in Fesseln fühlt, mit dem ganzen Ingrimm eines besiegten Berserkers Ernst an. Dann sprang er auf und sich zum Gehen wendend rief er aus:

„Aber ich muß doch eine Garantie haben…“

„Holen Sie das Document, lieber Herr,“ sagte Ernst mit milder Ueberredung, „nachher wechseln wir die Garantien aus.“

Herr Grüler ging zum Zimmer hinaus.

„Wir haben es,“ flüsterte Färber froh, als die Thür sich hinter ihm geschlossen hatte.

„Ich denke, wir haben es,“ versetzte Ernst. „Haben Sie die Güte, es mir auf eine Stunde zu überlassen. Ich möchte es meiner Frau zeigen, damit sie doch auch etwas von ihrer Arbeit hat; ich bedarf eines Beruhigungsmittels für sie, wie Sie einsehen werden…“

„O gewiß, gewiß!“

„Nachher können Sie es verbrennen.“

„Das werde ich mit Wonne, dieses diabolische Blatt!“ rief der junge Mann aus.

Herr Grüler kam zurück, ein wenig zögernden Schrittes. Er hielt das Blatt in der Hand.

„Also Ihr Ehrenwort?“ sagte er Ernst unter den zusammengekniffenen Brauen her fest in’s Gesicht sehend.

„Mein Ehrenwort,“ versetzte ruhig Ernst, indem er dem Alten das Blatt aus der Hand zog, einen Blick darauf warf und es in die Brusttasche steckte. „Ich danke Ihnen. Und nun hören Sie, wie wir, nachdem wir Ihre Waffe haben, die unsere zerbrechen. Der Redacteur des Journals, das ich Ihnen sandte, ist mein intimer Freund. Auf meinen Wunsch hat er von der bewußten Erzählung nur drei Abdrücke machen lassen – nur drei. Den einen habe ich Herrn Färber zur Kenntnißnahme zugesandt und Herr Färber hat ihn, denke ich, bereits verbrannt. Er hat durchaus kein Interesse dabei, die Veröffentlichung der Geschichte zu wünschen. Den zweiten Abdruck habe ich Ihnen gesandt und Sie werden ihn jetzt wahrscheinlich ebenfalls in’s Feuer stecken, damit er nicht zu den Augen Ihrer Tochter kommt. Den dritten Abzug habe ich und den werde ich aufbewahren. Es könnte nämlich nach dieser Eröffnung Ihnen die Lust kommen, sich nach London zu wenden und durch Geld und gute Freunde sich einen neuen Auszug aus dem betreffenden Kirchenbuch zu verschaffen. Herr Färber bedarf der Sicherheit vor dieser Gefahr; ich erkläre Ihnen deshalb, daß in einem solchen Falle die Geschichte abermals zu meinem Freunde, dem Redacteur, wandert und nun wirklich in der ganzen Auflage des Blattes gedruckt werden würde. Vor dieser Maßregel, wenn Sie sie nicht erzwingen, haben Sie aber Sicherheit in dem Interesse des Herrn Färber, die Sache nicht ohne höchste Noth aufzuwärmen und an die große Glocke zu hängen, wie man sich wohl ausdrückt. Sind Sie mit den beiderseitigen Garantien zufrieden, Herr Grüler?“

Herr Grüler sah ein wenig überrascht bald Ernst, bald Färber an, aber der zornige und düstere Ausdruck, die Spannung in seinen Zügen war offenbar daraus gewichen; er konnte nicht verhehlen, daß ihm ein Alp von der Brust gefallen.

„So, so, so,“ sagte er. „So ist die Sache! Nun ja, ich bin eigentlich wieder einmal überlistet. Ich war ein Esel, denn ich mußte wissen können, daß der junge Mensch hier“ … er deutete mit einem etwas verächtlichen Achselzucken auf Färber … „so etwas unmöglich öffentlich machen lassen dürfte. Aber meinethalb. Sie haben, was Sie wollen. Die Sache ist abgemacht. Verlieren wir jetzt nicht viel Worte mehr darüber. So viel ist gewiß, ich werde Sie zum Advocaten annehmen, Herr Northof, wenn ich einmal einen recht faulen und desperaten Proceß habe. Bis dahin Gott befohlen, meine Herren!“

Herr Grüler öffnete selbst die Thür und machte den beiden sich zurückziehenden Männern einen Abschiedsgruß mit einem leichten Kopfnicken, bei dem er plötzlich seine ganze Aufmerksamkeit einer auf dem Ofen stehenden, an allem Vorgefallenen höchst unschuldigen Gypsfigur zuwendete.


Nach einer Viertelstunde trat Ernst in das Zimmer seiner Frau. Sie sah sehr bleich aus, sie fuhr mit einem nervösen Erzittern aus ihrer liegenden Stellung in einem Lehnsessel in die Höhe und rief ihrem Gatten ein „Nun, wie ist es geworden?“ entgegen, worin die höchste Spannung vibrirte.

„Ganz, ganz gut,“ antwortete Ernst, sich neben ihr niederlassend.

„Das Duell…“

„Das Duell findet nicht statt… Herr Färber, der so blutdürstige Absichten wider mein armes harmloses Leben hatte, läßt Dir die größten Entschuldigungen, Ehrenerklärungen und Abbitten machen und hat mich eben mit den wärmsten Bezeigungen der Dankbarkeit bis an meine Hausthür begleitet.“

„Der Dankbarkeit? Aber wie ist das möglich … der Dankbarkeit, sagst Du?“

„In der That, so sagte ich … sieh, Kind, man muß eine gegebene Lage der Dinge nur richtig zu benutzen wissen und man zieht aus der mißlichsten Geschichte am Ende noch den klarsten Vortheil, wie aus dem schwarzen Schiefer das helle Steinöl. Es kommt nur auf die Presse an…“

„Aber Du kommst mir so wunderbar vor mit dem humoristischen Tone, in dem Du heute plötzlich Alles sagst!“

„Der humoristische Ton ist ganz natürlich, denn es ist wirklich Humor bei der Sache…“

„Humor?“ rief Alwine mit bitterem Vorwurf aus, „Humor, wenn Jemand zu Deiner Frau eindringt und sie mit Schmähungen überhäuft, wenn ich halb todt vor Schrecken bin von seinen Drohungen?“

„Höre mir nur zu, Alwine, und Du wirst sehen, daß ich von Humor reden darf. Der Mann, welcher gestern Dich so erschreckte, hatte auf dem Bureau nach mir gefragt. Einer meiner Schreiber hatte ihn erkannt, als einen Herrn Färber, einen Architekten aus unserer Stadt, und so konnte ich gehen, um ihn aufzusuchen. Ich fand ihn heute beruhigter, als er es gestern gewesen sein muß, nachdem er eben in einem Leseclub in einer neuesten Journalnummer seine eigene Geschichte gelesen. Denn seine eigene Geschichte war es allerdings, die Du oder die wir erfunden, durch ein wirklich ganz merkwürdiges Zusammentreffen; nur mit dem Unterschiede, daß er nicht Buchhalter, sondern Architekt, der dem bösen Schwiegerpapa ein kleines Landhaus gebaut und dabei die Bekanntschaft des jungen Mädchens, das wir Helene nannten, gemacht hatte; daß dieses nicht zu seiner Tante, sondern zu einer früheren Gouvernante nach London geflüchtet war, und daß der Nebenbuhler kein Landjunker, sondern ein Fabrikant, aber ganz eben so widerwärtig wie der Landjunker ist; lauter unerhebliche Unterschiede, welche die Veröffentlichung der Geschichte für die dadurch Betroffenen um nichts weniger zermalmend machten. Bei dieser Lage der Sache und da ich anerkennen mußte, daß sie zermalmend sei, kam mir ein Gedanke; ich schlug Färber vor, das Zermalmende daran als Presse auf den harten, rachsüchtigen [684] Schwiegervater wirken zu lassen, ihm die Geschichte vorzulegen und namentlich ihn auf den Schluß aufmerksam zu machen, wo die Abscheulichkeit der Rachsucht geschildert ist, mit der dieser grimmige falsche Schwiegerpapa das Glück Deines Helden zu zerstören sticht. Es war vorauszusehen, daß der alte Mann von dieser Darstellung zerknirscht werden würde; es war gar nicht möglich, daß er jetzt bei seinem Vorhaben bleiben würde, weil, wenn er dies that, er sich nur in eine desto schrecklichere und scandalvollere Gleichheit der wahren Geschichte mit Deiner Novelle hineinarbeitete – und das konnte er nicht wollen! Herr Färber sah das ein und willigte demgemäß in meinen Vorschlag, seinen früheren Pseudo-Schwiegervater aufzusuchen. Wir gingen zu seinem Hause, wir wurden vorgelassen, wir hatten einen kleinen Sturm von Zorn und Verwünschungen und Drohungen zu bestehen; endlich verschafften sich meine Worte Gehör und zuletzt trat ein, was ich vorausgesehen: der alte Mann legte sich zum Ziele, bekannte sich gefesselt und – rückte mit der Trauungsbescheinigung heraus. Ich habe sie Dir zum Zeugniß mitgebracht, Herz, da ist sie!“

Ernst zog die Urkunde aus der Tasche und legte sie seiner Frau in die Hand.

Diese warf einen Blick darauf, dann heftete sie ihre Augen groß und fragend auf ihren Gatten. „Und ist das Alles wahr, was Du mir da sagst?“ entgegnete sie endlich leisen Tons.

„So wahr wie die Dankbezeigungen des Herrn Färber, der in Entzücken schwimmt, daß ein fürchterlicher Alp von ihm genommen ist. Er segnete Dich für Deine Geschichte. Und Du selbst wirst Dich freuen, so, ohne es zu wollen, das Glück zweier Menschen gemacht zu haben … ich bin sehr froh, durch meinen guten Einfall etwas bewirkt zu haben, was Dir eine kleine Entschädigung, eine Art Schmerzensgeld für den Schrecken sein wird, welchen Du gestern erleben mußtest – nicht wahr, auch Du bist sehr froh, daß die fatale Geschichte noch eine so glückliche Wendung genommen hat?“

„O, ich bin sehr froh darüber!“ sagte Alwine tonlos.

„Aber was das Schriftstellern, das Novellenschreiben angeht, so denke ich, ist Dir nach dieser bitteren Erfahrung beim ersten Versuch völlig die Lust daran vergangen, nicht wahr? Du siehst, das Geschäft hat entsetzliche Schattenseiten – und gelobst mir, nie durch einen weiteren Versuch die Gefahr solcher Schrecklichkeiten wieder heraufbeschwören zu wollen!“

„Wenn Dir daran so viel liegt,“ versetzte Alwine bitter, „so solltest Du mir nicht soviel schönen Stoff einen nach dem andern liefern!“

„Einen nach dem andern … ich verstehe Dich nicht!“

„Du hast mir eben wieder einen Stoff geliefert, und zwar zu einer ‚neuen Griseldis‘.“

„Griseldis? das heißt?“

„Was das heißt, brauche ich Dir wohl nicht zu sagen.“

„Ich weiß nicht, was Griseldis soll?“

„Griseldis hatte einen Gatten, der Parcival hieß. Parcival spielte eine Komödie mit ihr und Griseldis litt darunter unsäglich, weil sie zu einfältig war, zu glauben, daß ihr Gatte sie betrügen und sie blos zum Spiele so grausam leiden lassen könne!“

Ernst lächelte ein wenig betroffen und sagte dann kleinlaut: „Hat das Beziehung auf uns?“

„Ich meine, es hätte Beziehung! Du hast mir eine sehr grausame Komödie vorgespielt! Und hältst Du mich wirklich für so einfältig, daß ich es sogar jetzt noch nicht durchschauen sollte? Du hast mich bewogen, eine Geschichte niederzuschreiben, welche Du kanntest, in der doppelten Absicht, daß mir daraus Verdruß erwachsen und dieser mich von einer Beschäftigung abhalten solle, die nun einmal alle philisterhaften Männer hassen; und dann zu gleicher Zeit, irgend einem Clienten helfen zu wollen, dem Du sonst nicht zu helfen wußtest!“

„Bei dem, was Du mir da sagst, müßte ich eigentlich als ertappter Sünder vor Dir stehen, liebes Kind,“ fiel Ernst etwas verlegen ein, „aber das stolze Bewußtsein, welch’ schlaue kleine Frau ich habe, trägt mich darüber hinweg!“

Er wollte sie bei diesen Worten zärtlich umschlingen und an sich ziehen, aber sie wehrte ihn ab.

„Es ist unverantwortlich, es ist abscheulich von Dir … ich werde Dir das nie vergessen, Ernst!“

„Aber, Alwine …“

„Mich so betrügen und belügen zu können!“

„Ich that es nicht gern – aber ich sah ein, daß ich etwas thun mußte, um Dich von einem verhängnißvollen Wege abzuhalten.“

„Von diesem Wege hättest Du mich durch Gründe abhalten sollen – aber freilich, ehrliche Gründe gegen meine harmlose Neigung hattest Du nicht und deshalb nahmst Du zu dieser Tücke Deine Zuflucht!“

„Alwine … welches Wort!“

„Du verdienst es! Geh’, ich bin Dir ernstlich böse!“

„So will ich mich auf’s Bitten legen. Mein Mittel, Dich von dieser ‚harmlosen Neigung‘ zu heilen, mag ein wenig scharf und stark gewesen sein … ich will es bekennen … vergieb es mir … jetzt, nachdem es doch gut gewirkt hat!“

Sie antwortete nicht. Als er weiter flehte und bat, schien sie gerührt. „Ich glaube wirklich, daß Ihr gar nicht wißt, wie eine Frau empfindet,“ sagte sie endlich in versöhnterem Tone, „sonst könntet Ihr oft nicht so gegen uns handeln, wie Ihr thut!“

„Nimm das an, Herz, und vergieb mir,“ sagte er froh aufathmend, daß der Sturm vorüberzog. „Und sieh’, ich will Dir auch noch einen mildernden Umstand für mich anführen. Ich habe Deine Erzählung gar nicht drucken lassen!“

„Gar nicht drucken lassen! Was heißt das?“

„Ich habe meinen Freund, den Redacteur, gebeten, nur drei Abzüge von der Geschichte machen zu lassen und mir das Manuscript sodann zurückzusenden. Du siehst, es ist also noch nichts verloren – Deine literarische Jungfräulichkeit ist noch unverletzt, der furchtbare Rubicon, über den keine Rückkehr ist, noch nicht überschritten – Dein Name noch nicht gedruckt. Um meinen Zweck zu erreichen, war es genug, wenn ich drei Abzüge machen ließ, einen für Dich, einen für Herrn Färber und einen für den Herrn Wechselsensal Grüler … mehr sind nicht gemacht worden, und Du kannst frei aufathmen und das niederdrückende Gefühl von Dir schleudern, ein – Blaustrumpf zu sein!“

Alwine war stehen geblieben und hatte ihren Gatten, während er sprach, mit einem Blick äußerster Enttäuschung angesehen. „Was,“ rief sie mit erneutem Zorn aus, „ist das wirklich wahr?“

„Du kannst Dich darauf verlassen!“ antwortete er überrascht, daß diese Mittheilung durchaus nicht den erwarteten, sondern einen ganz entgegengesetzten Eindruck zu machen schien.

„Das ist wirklich stark,“ fuhr Alwine mit einem zornigen Kräuseln ihrer Lippen fort … „nun soll ich den ganzen Schrecken, die ganze entsetzliche Angst umsonst gehabt haben? Meine Arbeit ist nicht einmal gedruckt – es ist Alles nur ein Spiel und eine Täuschung?“

Ernst sah sie höchst erschrocken an. Er sah, daß Alles verloren war. Seine kleine Frau hatte die Autorfreuden geschmeckt, sie hatte trotz der Scene vom gestrigen Abende nicht vergessen, was sie empfunden hatte, als sie sich gedruckt gesehen und ihren Namen an der Spitze eines schönen, glänzend ausgestatteten, berühmten, von der Welt gelesenen Blattes – dies Gefühl, dieser kleine Rausch war oben geblieben trotz und bei Allem – und jetzt, wo man ihr es vernichtete mit der Kunde: es war eine Täuschung, die Dir solche Emotionen machte! fühlte sie es in seiner ganzen Stärke.

Sie setzte sich nieder, blickte zum Fenster hinaus und sagte gar nichts mehr. Ihr Gatte mochte es anstellen, wie er wollte, er erhielt keine Antwort von ihr. Es blieb ihm nichts übrig, als sich ihr gegenüber ebenfalls hinzusetzen und zu erwarten, welche Wendung diese stumme Scene nehmen werde.

Ach, sie fiel sehr unglücklich für ihn aus, die Wendung, welche diese Scene nahm; sehr unglücklich für all’ seine Wünsche, sehr bedrohlich für die richtige Beobachtung seiner Tafelstunde, sehr unheilvoll für die regelrechte Behandlung seiner Braten.

Zunächst war es das Dienstmädchen, welches die Wendung hervorbrachte, denn dieses trat herein, und zwar, um einen Brief abzugeben, den eben der Postbote gebracht hatte und der von einer fremden Hand an Frau Alwine Northof adressirt war. Frau Alwine Northof öffnete ihn mechanisch und warf einen gleichgültigen Blick hinein; aber bald belebte sich der Blick und bald erhöhte sich die Farbe der Wangen, und als sie weiter las, trat ein Ausdruck lebhafter Freude in ihre Züge und endlich reichte sie den Brief ihrem gespannt zuschauenden Gatten mit einem ganz eigenthümlichen Blick auf ihn.

[686] Ernst überflog folgende Zeilen:

     „Hochgeehrte Frau!

Ich habe dem ausdrücklichen Wunsche Ihres Herrn Gemahls zufolge Ihr Manuscript so eben zur Zurücksendung an diesen der Expedition unseres Blattes übergeben, nachdem ich die verlangten drei Abdrücke davon habe fertigen lassen, im Vertrauen, daß die kleine Intrigue, welche er wohl damit beabsichtigt, eine durchaus harmlose ist. Aber ich kann dem Verlangen nicht widerstehen, zu gleicher Zeit Ihnen das Bedauern der Redaction der ‚Winterblüthen‘ auszudrücken, daß wir Ihre vortreffliche und in so hohem Grade spannende und anziehende Erzählung nicht für unser Blatt verwenden durften – die Protestation Ihres Herrn Gemahls dagegen war zu absolut! Zum Troste sag’ ich mir, daß diese Einsendung mir wenigstens das Vergnügen der Entdeckung eines so glänzenden Talentes für die Darstellung und die feinere Charakteristik verschafft hat, eines Talentes, dem eine schöne und rühmliche Zukunft blüht und das gewiß nicht säumen wird, uns mit weiteren Bethätigungen zu erfreuen. Wir werden uns jederzeit glücklich schätzen, diese zu erhalten, und mit Vergnügen jedes Erzeugniß Ihrer geistreichen Feder, Ihrer freien und fesselnden Darstellungsgabe unserem Blatte einverleiben. Mit unseren Honorarbedingungen werden Sie sicherlich zufrieden sein. In der Hoffnung, recht bald durch eine Einsendung von Ihnen erfreut und Ihnen verpflichtet zu werden, verharre ich, hochverehrteste Frau,

          Ihr ganz ergebenster Diener

Dr. Ludwig Schmidt, Redacteur der ‚Winterblüthen‘.“

Es war ein Blick des unsäglichsten Triumphes, womit Alwine ihren Gatten ansah, als er gelesen hatte und mit einem verblüfften Gesichte zu ihr aufschaute. Dies Gesicht war so komisch in seinem Ausdrucke, daß Alwine in lautes Lachen ausbrach.

„Es ist wenigstens gut, daß Du dazu lachst, zu diesen übertriebenen Huldigungen,“ rief er jetzt aus.

„Ich lache aus Vergnügen darüber,“ sagte Alwine. „Ich habe nie mehr Vergnügen über Huldigungen empfunden, als gerade über diese, damit Du’s nur weißt, Du böser, grundfalscher, heimtückischer Mann …“

„Und die Aufforderung dieses abscheulichen Redacteurs, dieses Rattenfängers von Hameln, den Gott in seinem Zorne geschaffen hat, dieses Verführers und Aufwieglers rebellischer Frauen wider ihre Männer …“

„Diese Aufforderung werde ich ganz gewiß befolgen, daraus mache Dich gefaßt, aber die Stoffe werde ich mir von nun an selber erfinden oder auswählen; Du hast mich ja gelehrt, wie man’s ungefähr macht!“

„Ach,“ entgegnete Ernst mit einem tiefen Seufzer, „so kann ich mir denn ja wohl selbst zurufen:

Wirfst Du den Stein – bedenke wohl,
Wie weit ihn Deine Hand wird treiben!

Ich komme mir vor wie Einer, der sich im eigenen Netze fing, und jedenfalls herzlich dumm, daß ich so verflucht gescheidt sein wollte! Dieser vermaledeite Redacteur!“

Aber Ernst mochte den Redacteur verwünschen so vieler wollte, das Unglück war nun einmal angestiftet. Alwine hat jetzt in den ‚Winterblüthen‘ schon drei Erzählungen abdrucken lassen, welche mit gleichem Beifall aufgenommen worden sind und die alle drei einen guten, kurz geschürzten, geistreichen Stil, eine feine Beobachtung und ein ganz entschiedenes Talent für die Composition beurkunden … Ernst aber, Ernst hat wunderbarer Weise begonnen, seine früheren Ansichten über Frauenschriftstellerei zu ändern. Er ist, im Stillen gesagt, sogar ein wenig eitel auf den aufkeimenden Ruhm seiner Frau. Trotz aller, im Anfang nicht ganz vorurtheilslosen Beobachtung hat er nicht just bemerken können, daß in seinem Haushalt irgend eine Unordnung eingerissen, und seine eingewurzelte Ueberzeugung, daß eine schriftstellernde Frau eine schlechte Hausfrau und Gattin sein müsse, ist bedeutend geschwächt worden. Wenn er, seiner schlimmen Neigung treu, jetzt ein wenig später aus seinem Weinclub heimkommt, erhält er nie ein böses Gesicht und hört nie eine Klage, daß er Alwine so allein gelassen, wie es früher regelmäßig der Fall war … sie wartet jetzt mit sanftester, gleichmüthigster Geduld auf seine Heimkehr – sie hat eben gearbeitet in diesen Stunden und, erheitert von der Arbeit, empfängt sie ihn so freundlich lächelnd, als ob sie gar nicht ahnte, daß es statt neun schon zehn Uhr oder darüber sei … sie ahnt es in der That auch nicht!

Und vor einigen Tagen endlich, als Alwine ihrem gestrengen Eheherrn sogar eine sehr große und schwere Modenrechnung quittirt und mit ihrer eigenen Honorareinnahme bezahlt vorlegte, rief Ernst mit ungewöhnlicher Wärme aus: „Wirklich, Du bist eine Perle von einer kleinen Frau … eine Frau, die ihre Moderechnungen selber bezahlt! Hör’ Kind, ich glaube wirklich, daß bei dem, was die Männer gegen Frauen sagen, die ein poetisches Talent besitzen und dies Talent ausbilden, doch sehr viel Philisterei ist!“



Anmerkungen (Wikisource)

  1. zitiert nach: Friedrich Schiller, Gedichte (1776-1805). Die unüberwindliche Flotte.
  2. zitiert nach: Friedrich Schiller, Wallenstein-Trilogie (1799). Die Piccolomini, I, 1 / Illo
  3. zitiert nach: Annette von Droste-Hülshoff, Gedichte. An die Weltverbesserer.