Ein räthselhaftes Mädchen

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Autor: unbekannt
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Titel: Ein räthselhaftes Mädchen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 662–664
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: „Immer wieder Heine!“
Pariser Bilder und Skizzen
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[662]
Pariser Bilder und Skizzen.
Ein räthselhaftes Mädchen.


Ich stand am Grabe Heinrich Heines. In dem bescheidenen Kirchhofe Montmartre haben sie ihn gebettet, fern von den großen Geistern, deren Hülle der Père Lachaise birgt, fern von seinem Feinde – Ludwig Börne. Es ist ein einsames Grab, ein einfacher Stein! Nur seinen Namen trägt er, ach, und nicht einmal seinen ehrlichen deutschen Namen: Henri Heine heißt hier der verzogene Liebling der Grazien. Zwei Vergißmeinnichttöpfchen, frisch gepflegt, standen zu Füßen des Steines, einige regenverwaschene Immortellenringe lagen herum, und von dem Steine hing ein ärmlicher Kranz von Schmelzperlen herab, der längst allen Schmelz verloren hatte. Man sieht es diesem Grabe an, daß es nicht viel aufgesucht wird, liegt es doch nicht an der Heerstraße des flüchtigen Touristenvolkes, das lieber – kindischer Brauch! – in der Gruft der Rachel seine Visitenkarten niederlegt. [663] Mir ward es warm um’s Herz, ich dachte an das enge Schmerzensstübchen in der Rue d’Amsterdam, an die Frau Wohl in Frankfurt am Main und an die viereckigen Schwaben, die eher mit dem edlen Chamisso brachen, als daß sie Heine’s Bildniß im Musenalmanache geduldet hätten. Nun sind sie Alle hinübergegangen, und – „Du lächelst, o mein ewiger Vater!“[WS 1]

Die ganze Wehmuth längst überwundenen Weltschmerzes, die liebe „alte Jugendduselei“ überkam mich unabweisbar mächtig, wie sie schon einige Wochen vorher mich ergriffen hatte, als ich einsam im Poetenwinkel der Westminsterabtei saß, in der Riesenstadt an der Themse. Da hob ich meinen Hut vom thauigen Grase auf und eilte hinweg aus der schweigsamen Todtenwelt. Aber ein Vergißmeinnicht, ich will es ehrlich gestehen, habe ich doch vorher in meine Brieftasche gelegt.

Ich schlenderte durch den Boulevard Rochechouart, wo der würdige Kleinbürger wohnt, der Ouvrier seinen herben Landwein trinkt und manche niedliche Arbeiterin in der kleidsamen, auf Brust und Rücken geknüpften Blouse aus dem Fenster lugt. Bei einem Antiquare machte ich Halt und durchmusterte seine dürftigen Vorräthe. Ein altes Büchlein mahnte mich wieder an Heine. – Es war eine Sammlung fremdländischer Gedichte, in’s Französische übertragen von Léon Halévy. Als Heine noch unter den Sterblichen wandelte und ihn eines Tages ein Bekannter fragte, wie es ihm gehe, antwortete er seufzend: „Ich bin im Augenblicke ganz dumm. Léon Halévy hat mich eben verlassen. Wir haben unsere Gedanken ausgetauscht.“ Der alte Witz drang wie ein Sonnenstrahl in meine Seele, und erheitert wanderte ich weiter. Am Boulevard de Magenta traf ich einen befreundeten Landsmann. Wir wechselten flüchtig Gruß und Wort, und als ich mich schon gegen den Straßburger Bahnhof zugewendet halte, eilte er mir nach, ergriff mich am Arme und sagte in fieberhafter Hast: „Sie müssen heute mit mir die Closerie des Lilas besuchen. Es ist ein Freundesdienst, den ich von Ihnen verlange. Um neun Uhr im Café de la Terrasse!“ Damit war er verschwunden, und verwundert schaute ich ihm nach. Was hatte der seltsame, ernste Mann? Seine Stimme zitterte, wie seine Hand. Was hatte er in den Lilas zu suchen, in jenen tollen Studentenbällen, die, in prunkvollen, offenen Sälen abgehalten, ein jede Nacht sich wiederholender Rausch, eine Vorschule für die Bälle der Oper sind?

Wie verabredet, trafen wir uns am Abend und fuhren nach der Closerie. Eine große Menschenmenge umlagerte den Eingang, und wir hatten Mühe, uns bis zu den Tanzsälen durchzukämpfen, wo ich mich an eine der schmucken Säulen lehnte und die tolle Quadrille mit anschaute. Mein Begleiter bat mich, auf ihn zu warten, und schlüpfte gewandt durch die Tanzenden hindurch in den zweiten Saal, von wo er bald bleich und aufgeregt wieder zurückkam. „Folgen Sie mir, mein Freund,“ rief er mir zu und zog mich, da der Tanz eben geendet hatte, bis zur Tiefe des letzten Saales. Er nöthigte mich auf einen Stuhl und setzte sich, den Kopf gebeugt, hinter mich, so daß man ihn vom Saale aus nicht erblicken konnte. „Betrachten Sie sich,“ flüsterte er mir dann zu, „jenes blasse Mädchen mit dem aufgeschürzten schwarzen Kleide, das dort, in der zweiten Reihe, die Cigarre im Munde, am Arme eines Studenten steht. Sie schäkert eben mit einem sonngebräunten Herrn, der, den Panamahut schief aus den Kopf gestülpt, ein Fremder aus den Colonien zu sein scheint. Betrachten Sie sich das Mädchen genau, beobachten Sie scharf, was sie thut, wie sie spricht, suchen Sie mit ihr bekannt zu werden, und sagen Sie mir dann ehrlich, was Sie von dem Mädchen halten. In der zweiten Grotte rechts im Garten erwarte ich Sie.“ Damit eilte er hinweg und ließ mich erstaunt und bestürzt zurück.

Hat er eine Liebelei mit einer Grisette, die ihn verrathen hat, und soll ich etwa das heilige Liebesband wieder festigen? Aber wozu dann dieser feierliche Ton, diese schmerzliche Bewegung? Ich mischte mich unter die Menge, und nicht lange darauf hatte ich das Vergnügen, das Mädchen in ein Gespräch mit mir zu ziehen und mit ihr Arm in Arm auf- und abzuwandeln. Sie sprach lebhaft, witzig, sie scherzte wie die Andern, etwas Eigenthümliches, Besonderliches fand ich in ihrem Benehmen nicht. Nur merkte ich, daß ihr Auge zuweilen unruhig hin und her flog. Als ich ihr aber sagte, daß ich ein Fremder sei, und sie auf ihre Frage nach meiner Heimath erfuhr, ich sei ein Deutscher, da machte sie sich, als erschrecke sie, von meinem Arme los, und die Augen, plötzlich seltsam umflort und wie gebrochen, glitten forschend über mich hin. „Ein Deutscher?“ flüsterte sie und ehe ich’s mich versah, war sie im wilden Menschengewoge verschwunden.

In der bezeichneten Laube fand ich meinen Landsmann, der mir die Hand entgegenstreckte. Er fragte mich nicht, ob ich das Mädchen gesprochen, er schaute mir nur still in das Gesicht und hub darauf an: „Ich bin Ihnen Rechenschaft schuldig. Hören Sie denn meine Beichte: Ich wohnte, wie Sie wissen, in der Rue St. Jacques, der höckerigen, schmalen Straße des Quartier Latin. Ich liebte es, unter diesem leichtlebigen Volke mich herumzutreiben, das mit Grazie zu genießen und zu sterben weiß und dessen Lebensbühne oft nur zwei Coulissen kennt, in die es ein- und ausgeht – Closerie und Morgue. Der unsterbliche Leichtsinn dieser Menschen schickte sich besser zu meiner verbitterten Stimmung, als die kühle Abgeschiedenheit des Faubourg St. Germain oder das tollhausähnliche Hasten nach Geld und Erwerb auf den Märkten jenseits der Seine. Mit meinen Nachbarn stand ich bald auf bestem Fuße; sie schonten meinen Ernst, den sie nicht begriffen, sie ehrten in mir den deutschen Flüchtling, und obwohl ich lange Zeit nur Einen Rock trug, denn es ging mir dazumal noch herzlich schlecht, so ward ich doch mit einer gewissen Auszeichnung behandelt, als wäre ich irgend ein incognito reisender hoher Herr. Dieser eine Rock hat viel verschuldet. Als ich ihn eines Tages den barmherzigen Händen meiner Concierge übergab, die ihn am offnen Fenster salonfähig zu machen suchte, und ich selbst, meiner eigenen Bedürftigkeit spottend, in Hemdärmeln aus meinem Fenster schaute, da stellte sich ein benachbarter Student, ein Jurist aus der Provinz, vor den engen Hausflur, in welchem die Portierloge steht, und sang mit unzweideutiger Anspielung die bekannten Verse Béranger’s:

Ein Tischlein und ein leerer Schrein,
Ein altes Bett auf nackter Diele,
Ein Krug, den nur füllt Gott allein,
Die Flöte, ein paar Kartenspiele,
Dazu der Liebsten Conterfei –
Was braucht er mehr, Fritz Sorgenfrei?

Es war gewiß ein unschuldiger Scherz, der mich selbst ergötzte, aber die zartfühlende Nachbarschaft war darüber höchlich empört; ohne mein Wissen bildete sich eine weibliche Ligue, die ihn zu züchtigen sich verschwur, und als am nächsten Sonntage die fröhliche Gesellschaft in dem reizenden Asnières sich herumtummelte und der übliche Tanz im Freien am Ufer der Seine begann, da weigerten sich sämmtliche Damen, mit dem Frevler zu tanzen, und das Haupt der Verschwörung, die kleine Madelon, hielt ihm eine derbe Strafpredigt. Sobald ich davon erfuhr, war mein Erstes, den Studenten aufzusuchen und ihn meiner versöhnlichen Absicht zu versichern, mein Zweites, nach der niedlichen Madelon mich umzuschauen. Ich hatte das frische Mädchen oft gesehen, wenn sie Abends, von ihrer Arbeit kommend – sie ist in einem Putzgeschäft in der Rue d’Hauteville thätig – müde vom langen Wege, über die Straße trippelte, freundliche Grüße freundlich erwidernd; ich wußte, daß sie mit ihrem Bruder, einem excentrischen Arbeiter, eine bescheidene Siedelei bewohne und sehr spröde und zurückhaltend sei. Alles das, voran meine Eitelkeit, zog mich zu ihr. Es ward mir leicht, dem artigen Kinde mich zu nähern, aber schwer, ihre Liebe zu gewinnen. Mein Talent, mit den Frauen nach Behagen umzuspringen, scheiterte an diesem seltsamen Geschöpfe. Sie war eine Pariserin vom reinsten Blute, und doch welche eigenartige Natur! Sie scherzte und tändelte, wie ihre Gespielinnen, sie schien kein größeres Vergnügen zu kennen, als an Feiertagen einen munteren Ausflug auf das Land zu machen, oder mit gerötheten Wangen, ganz Theilnahme und Hingebung, im Theater Porte St. Martin zu sitzen und die abenteuerlichen Spectakelstücke vom Anfang bis zu Ende anzuhören; sie war die Königin des liebenswürdigen Kreises, den ihre Jugendfreundinnen bildeten, und es war eine Freude, sie zu sehen, wenn sie, die dunklen Augenbrauen ernst zusammenziehend, als Richterin in einem Pfänderspiele Strafen dictirte, oder mit fliegenden Locken auf einem Rasen des Versailler Parks das Ballspiel leitete. Aber wer näher an sie herantreten und in die Tiefe ihres leichterregten Gemüthes blicken durfte, der mußte vor der schrankenlosen Sentimentalität zurückschrecken, die ihre festen Wurzeln darin geschlagen, der mußte erkennen, daß sie nach außen immer nur spielte, immer nur Maske war; und daß in Wahrheit ein namenloser Weltschmerz diese junge Seele durchaus erfüllte. Und was war dieser Schmerz? Unglaube, Verzweiflung, Fatalismus! Sie glaubte nicht an Liebe, denn sie sah nur Verführung, Sinnlichkeit, Eigennutz, sie kannte kein Glück, denn sie sagte sich, daß es nur mit dem besten Herzblut erkauft und, wenn errungen, doch wieder geopfert werden müsse; Glanz und Prunk des Pariser Lebens waren ihr ein Gräuel, weil sie selbst im Elende des Taglöhnerlebens erzogen war und den ohnmächtigen Kampf gegen allen Schmutz und Jammer der Armuth durchgelebt hatte. Sie hing mit Wärme an ihrem Vaterlande, mit Begeisterung an den Ideen der Freiheit, aber sie fand ihr Volk in Eitelkeit und Wohlleben erschlafft, in Gleichgültigkeit versumpft und unfähig zu opferfreudiger Hingebung, zu muthigem Einstehen für die gute Sache.

So war ihr die Welt eine einzige große Lüge, die Zukunft eine Nacht ohne Sterne, die Aufgabe des Lebens ein Oedipusräthsel, unlösbar und darum vernichtend. Wie kam diese einfache Arbeiterin zu so verkümmerter Weltanschauung? Ihr scharfer Verstand, ihr klarer Blick allein konnte sie nicht zu solchen Grübeleien führen: Alles, was sie war, wurde sie durch ihren Bruder und durch die Lectüre. Ihr Bruder gehörte zu jenen halbgebildeten Arbeitern, wie sie die Revolution von 1848 geboren, zu jenen starren Republikanerseelen, die theils jetzt noch einen unnützen Tirailleurkampf führen, theils unmuthig und verbittert in ihre Höhle sich zurückgezogen haben. Von Natur aus finster und menschenfeindlich, hatte ihn das Kaiserreich und das eigene Märtyrerthum, das ihn in jahrelanger Haft gehalten, noch mehr verdüstert, und allen Groll und Schmerz strömte er in die empfängliche Seele seiner Schwester aus.

Er gab ihr Bücher, die Evangelien seiner Gemeinde, jene ironisch ätzenden, mit Selbstverspottung kokettirenden Verse, wie sie seit Gerard de Nerval im Schwunge sind, jene phrasensprühenden Reformationsschriften des neuen Frankreichs, die den Mangel an Gedanken und Endzielen durch verschwommene Tiraden zu verdecken suchen. Was diese Werke aus dem Mädchen gemacht haben – möge der Himmel ihren Verfassern verzeihen! Bald hatte sie an ihnen sich satt gelesen und ohne Verständniß, ohne Leitung, griff sie nach Allem, was sie erhaschen konnte. Tagsüber bei der Arbeit füllte sie ihr Herz mit Träumen, Nachts beim schwachen Lampenscheine, über den Büchern brütend, füllte sie ihr Auge mit Thränen.

In ihrem Köpfchen mußte es sonach verschoben und verschroben genug aussehen, aber solcher Dämmer, solcher Wirrwarr wäre ihr heilsamer gewesen, als die unselige Klarheit, zu welcher er sich nach und nach in ihr löste. Mit unerbittlicher Hartnäckigkeit hatte sie sich nämlich zuletzt ihr eigenes System aufgebaut, mit dem sie freilich leider nicht allein steht: den hoffnungslosesten Nihilismus hatte sie als die einzige Lebenswahrheit erfaßt, und weil ihr warmes Herz sich doch mit allen Fasern einer jungfräulichen Gläubigkeit dagegen empören mußte, so führte der Sieg ihres Geistes nothwendig zu der Krankheit ihres Gemüthes, zur Sentimentalität, zum Weltschmerz.

So fand ich sie, so quälte ich mich Monate lang mit ihr ab und mußte zuletzt überwunden schweigen, wenn sie oftmals, mitten im heftigsten Wortkampfe, mit einem düstern melancholischen Verse des unglücklichen Dichters einfiel, der seinem Wahnsinn und seinem Elend am Laternenpfahl ein Ende machte.

Zwar war sie stets offen und zutraulich mit mir, aber eine innigere Annäherung vermied sie sichtlich und meine Liebe ward darum um desto [664] stürmischer und leidenschaftlicher. Ich sah, daß das auf die Länge nicht gut thun konnte, ich fragte mich, warum sie meine aufrichtige, herzliche Zuneigung nicht erwidern wollte, und fand, daß ich ihr wohl zu kritisch und ablehnend sei, daß ich mich ihren excentrischen Träumereien nicht genug anschmiegte. Da änderte ich mein Verfahren. Statt sie zu widerlegen, suchte ich ihre weltanklagenden Vernünfteleien zu rechtfertigen, statt ihre Thränen zu trocknen, lockte ich sie grausam hervor. Ich erzählte ihr von unserem deutschen Vaterlande und seinen getäuschten Hoffnungen und von dem harten Brode der Verbannung, ich brachte ihr Bücher und Zeitschriften, während ich sie vorher nicht genug davor zu warnen wußte, und siehe, bald glaubte ich sie mehr und mehr für mich gewonnen zu haben.

Da brachte ich ihr eines Abends die Lieder Heinrich Heine’s, von dessen qualvollem Lebensende ich ihr Manches mitgetheilt hatte, natürlich nicht den deutschen Heine, es war die Uebersetzung seines unglücklichen, wahnsinnigen Freundes Gerard de Nerval. Sie dankte mir auf die liebenswürdigste Weise, und als ich sie zum Nachtgruße auf die Stirn küßte, bat ich sie noch lachend, sich und dem todten Dichter ja eine ruhige Nacht zu gönnen. Aber als ich des andern Morgens, wie gewöhnlich, zu ihr kam, flog sie mir in holdseligster Aufregung entgegen, schlang die Arme um mich und tiefaufathmend lohnte sie mich mit dem ersten Kusse. Sie hatte die ganze Nacht hindurch Heine gelesen, und diese Nacht hatte mein Loos entschieden. Wunderliches Mädchen! Immer und immer wieder las sie, an meiner Seite sitzend, die Widmungsworte, die ich ihr in das Buch geschrieben, und sie war ganz Wonne und Zärtlichkeit. Von da begann ein prächtiges Liebeleben für uns, das mich zwei Jahre hindurch fesselte und beglückte. Je sicherer sie sich in meiner Liebe wußte, desto beruhigter ward ihr Gemüth, desto gesünder ihr Geist und die weltschmerzlichen Schwärmereien fielen sie in immer größeren Pausen an. Wenn ihre Vergnügungen früher schon unschuldigster Art gewesen, wie sie denn natürlich niemals die Closerie besucht hatte, so mied sie dieselben von nun an ganz und gar und wollte nur für mich und mit mir wirken und glücklich sein. Bücher und Verse lagen im Staube und nur der französische Heine gehörte zu den Laren ihres Heerdes, und das elegante Büchlein war bald ganz zerlesen. Am glücklichsten war sie, wenn sie Abends nach gethaner Arbeit mit mir den beleuchteten Quai entlang wandeln oder im schattigen Gärtchen hinter der Notre-Dame sitzen oder im Theatre français ein classisches Drama hören durfte. Ihr feines Verständniß und zumal ihre ungetrübte sittliche Anschauung, ihr feiner Tact, ihr gesundes Urtheil zeigten sich hier und bei hundert andern Gelegenheiten in bewundernswerther Weise. So besonders einmal, als ich sie beredet hatte, die vielgefeierte Mademoiselle Theresa, die Königin der Cafés chantants, mit anzuhören. Als das entzückte Volk über die kreischenden Jodler, das Fußstampfen der modernen Sappho jubelte, da faßte mich meine gute Madelon am Arme, zog mich aus der Menge und bat mich, sie niemals wieder an diesen Ort zu bringen. „Armes Paris,“ rief sie damals aus, „dich lockt nur noch das Ueberraschende, und das Ueberraschende dieser Scene ist die Frechheit, der wilde Laut, der ungebunden aus der gemeinen Seele bricht!“

Wie konnte sie in edlem Zorne aufwallen, wenn wieder eine ehrliche Zeitung geknebelt wurde, wieder ein Kämpe des Lichts in die Verbannung ging; wie leuchtete ihr Auge, als ich ihr an der Porte St. Denis die schlecht abgekratzten Worte zeigte, die nun wieder, für jedes Auge lesbar, aus dem grauen Steine hervorgetreten sind: „Liberté, Egalité, Fraternité!“

So war sie, meine gute Braut, mein einziges Kleinod, das ich für unverlierbar hielt! Ich war ganz glücklich und dachte schon daran, mein Liebchen zum Maire zu führen.

Lassen Sie mich zu Ende. kommen, Freund! Das sonnige Eiland unsers Glücks deckte nur eine Wolke, das war ihr Bruder. Seit mich die innigste Liebe mit Madelon verband, wandte er sich immer mehr von uns ab; immer düsterer und verschlossener ward der vereinsamte Mensch, und zuletzt zog er sogar von seiner Schwester hinweg in eine andere Wohnung. Madelon ahnte nichts Schlimmes, nur mich erfüllte die größte Besorgniß um ihn. Ach, sie war nur zu gerecht!

Vor einigen Wochen ward ich in seine Wohnung geholt, eine stille Menschenmenge umgab das Haus, und als ich in sein Zimmer trat, lag er, von weinenden Frauen umgeben, eine Leiche, auf dem ärmlichen Lager. An einem Laternenpfahle hatte man ihn gefunden, wie man einst Gerard de Nerval fand, seinen Lieblingspoeten.

Madelon lag zu seinen Füßen, die sie krampfhaft umfaßte. Mit herzerschütternder Stimme rief sie seinen Namen, ihn um Verzeihung bittend, und als ich hinzutrat, sie leise hinwegzuziehen suchte, da stieß sie mich zurück und, das Auge halb gebrochen auf mich gerichtet, rief sie: „Hinweg! Du hast ihm meine Liebe gestohlen. Meine Liebe war ihm Alles. Als er die verloren hatte, verlor er sich selbst!“ Ich schonte sie, ließ sie ihren Schmerz austoben. Ich wartete auf eine Lösung ihres Paroxysmus, aber ich wartete vergebens. Keine Thräne vergoß sie, nur seinen Namen rief sie immer und immer wieder und in wiederholten Selbstanklagen schüttete sie ihren Jammer aus. Als die Abenddämmerung das Zimmer verdunkelte, versuchte ich es nochmals, sie mit liebevollen Worten hinwegzuführen, aber wieder stieß sie mich zurück und es war ein tiefeinschneidendes Lachen, das nie in mir verhallen wird, als sie mich mit den Worten verhöhnte: „Wo ist nun das Glück, das Du mir und Dir versprochen? Da liegt es! Habe ich es Dir nicht gesagt, es giebt kein Glück für die Armen? Das Spital, der Laternenpfahl ist ihr Ende, ihr Glück ein lustiger Sprung auf dem Tanzboden!“ Dann lag sie wieder stumm bei dem Todten und so lag sie die ganze Nacht hindurch. Ich blieb; sie duldete mich.

Als man des andern Tags die Leiche hinwegbrachte, welcher Jammer! Die Nachbarn begleiteten den Todten nach dem Mont Parnasse, Madelon verwehrte mir, ihnen zu folgen.

So lag sie acht Tage in einem Geistesstarrkrampf nur zuweilen sang sie jenen Vers vor sich hin, ach! und es war kein Leichencarmen, irgend ein leichtfertiges Couplet war es, das sie, wer weiß wo, aufgelesen hatte. Nur die Worte flüsterte sie manchmal: „Tanzboden, Spital, Laternenpfahl!“

Endlich ward sie ruhig, aber ihre Ruhe bereitete mir noch größeren Kummer. In der entschiedensten Weise erklärte sie mir, daß ich sie verlassen müsse, daß der Schatten ihres Bruders zwischen uns stehe und daß unsere Vereinigung ein Frevel wäre. Umsonst bat und bestürmte ich sie, sie blieb dabei, daß wir uns trennen mußten, nur daß sie das bald mit kalter Strenge, bald mit der alten holden Sanftmuth betheuerte, es waren entsetzliche Tage!

Zuletzt verbot sie mir mit unbesiegbarer Festigkeit, sie ferner zu besuchen, ihr Zimmer war für mich verschlossen. Ob ich stundenlang vor dem Fenster in der Rue d’Hauteville, wo sie arbeitet, oder vor der Gartenmauer an ihrer Wohnung vorüber ging, sie merkte es wohl, aber es rührte sie nicht. Ich armer Thor, wie glücklich war ich schon, wenn ich sie nur sehen durfte!

In den letzten Tagen fiel es mir auf, daß sie in der Nacht noch spät allein ausging. So oft ich ihr folgte, immer hatte ich sie in einem der vielen Gäßchen unseres Quartiers verloren. Gestern Abend nur entzog sich ihre Spur mir nicht, aber, Allmächtiger, wohin führte sie mich! In die Closerie des Lilas! Als ich, vor Schrecken bebend, hinter ihr eintrat, merkte ich, daß sie alsbald von vielen Verehrern umringt war, ich merkte, daß sie sich nicht zum ersten Male auf diesem Boden bewegte. Sie war von den Ausgelassenen die Ausgelassenste, sie sang und lärmte und tanzte – jetzt faß’ ich’s nicht, daß ich das mit ansehen konnte! Im Schwarm verloren, erkundigte ich mich nach ihr und hörte, daß sie seit etwa acht Tagen sich hier eingefunden habe und daß sie sofort aufgefallen sei, weil sie, in tiefer Trauerkleidung, so tolllaunig sich gebehrdet hatte. Ich nahm allen Muth zusammen und näherte mich ihr. Als sie mich erblickte, schrak sie zusammen und erbleichte, aber gleich darauf trat sie, ein Liedchen trällernd, auf mich zu, und mit dem alten liebevollen Tone flüsterte sie mir dann in’s Ohr: ‚Begreifst Du nun, daß Du mich lassen mußt!‘ Die Unselige! Um mich von sich loszureißen, hat sie diesen Schritt gethan. Nicht wilde Lust, die wahnwitzigste Berechnung trieb sie hierher. Sie hat sich mir geopfert!

Wie sinnlos stürzte ich hinaus, sinnlos irrte ich die ganze Nacht durch die Straßen. Heute Mittag brachte mir ein Knabe ein Buch, es war Nerval’s Heine, meine Widmungsworte waren herausgeschnitten. So hab’ ich sie verloren, das arme räthselhafte Wesen! – Als ich Sie heute erblickte, da schoß mir der Gedanke durch den Kopf: wie, wenn Du sie doch noch nicht ganz aufgäbest, wenn Du sie doch erst durch einen Unbefangenen prüfen ließest! Darum lud ich Sie hierher. Verzeihen Sie einem Wahnsinnigen ein so wahnsinniges Spiel! Reden Sie nicht von ihr, erzählen Sie, wie Sie sie gefunden! Ich weiß, ich habe sie verloren.“

Erschüttert schlug der bedauernswerthe Mann die Hände vor das Gesicht, über das die hellen Thränen stürzten. Auch mir war das Weinen nahe. Was sollte ich ihm sagen? Ich drückte ihm die Hand und schaute still vor mich hin. Bald erhob er sich und sagte mit fester Stimme: „Gehen wir,“ und schweigend, wie wir hierher gekommen, maßen wir den Weg zurück. Als wir uns am Café Madrid trennten, rief er mir noch mit einem Tone, dessen Bitterkeit ich nie vergessen werde, die Worte nach: „Noch Eins, Freund, Ihren Heine werde ich nie wieder lesen.“

Mehrere Tage lang sah ich meinen Freund nicht, da führte mich ein längst gegebenes Versprechen in die Brasserie (Brauerei) Fanta. Es ist das ein freundliches Etablissement, nahe der neuen Oper, dessen deutscher Besitzer vortreffliches Wiener Bier verzapft. Aber nicht in den oberen, eleganten Räumen der Brasserie war mein Aufenthalt, in die Kellertiefe hinab wies mich der deutsche Garçon, wo sich unsere Landsleute eine gemüthliche Kneipe geschaffen haben. Da saßen sie, aus aller Herren Ländern zusammengeführt, die Hemdärmel aufgestülpt, die Arme aufgestemmt, das glimmende Pfeifchen im Munde, in alter burschikoser Weise, ein munteres, tüchtiges Völkchen, bei dem sich auch Jaell, der berühmte Pianist, in seiner einfachen Art gern einfand. Ein prächtiger Kaufmann aus Bahia, ein geborner Welfenunterthan, der einstmals zu Göttingen seine Klinge schlug, war dazumal der Senior der bunten Landsmannschaft. Ihm sei mein deutscher Gruß über das Weltmeer gesandt! Manches wackere Wort über die gute Heimath, über das Wenige, was sie errungen, über das Viele, was ihr noch fehlt, flog herüber und hinüber, Commerslieder erklangen in alter herziger Weise, und zum Schlusse wurde sogar in gediegener Ausführung ein „Salamander“ gerieben.

Mein Freund hatte sich gegen Mitternacht auch eingefunden. Er saß theilnahmlos und still unter den Fröhlichen, und als das Gespräch über die deutschen Dichter sich verbreitete und die unvermeidlichen Anekdoten über Heine wieder aufgefrischt wurden, zog eine tiefe Wolke über seine Stirn und unmuthig wandte er sich zu mir: „Immer wieder Heine! Ich gedachte, ruhigen Abschied von einigen Freunden nehmen zu können. Morgen gehe ich nach Deutschland zurück.“

Als nun gar ein junger Landsmann mit kräftiger Stimme das Heine-Mendelssohn’sche Lied „Du schönes Fischermädchen“ anhob, da drückte mir der Schweigsame die Hand und eilte ohne Abschied die Stufen hinan. Mir aber stand die ganze Nacht hindurch die Gestalt des räthselhaften Mädchens mit dem großen, gebrochenen Blicke vor der Seele, und dazwischen erklang es wieder so sieghaft schön und beruhigend:

Mein Herz gleicht ganz dem Meere,
Hat Sturm und Ebb’ und Fluth,
Und manche schöne Perle
In seiner Tiefe ruht.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. zitiert nach: Heinrich Heine, Buch der Lieder, 20. Februar 1839. Vorrede zur dritten Auflage.