Das große Faß im Klosterkeller von Salem

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Autor: Carl Borromäus Alois Fickler
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Titel: Das große Faß im Klosterkeller von Salem
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch I, S. 85–86
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Das große Faß im Klosterkeller von Salem.

Mancher hat vielleicht schon den schönen Keller der ehmaligen Cisterzienserabtei Salem besucht, den die Sorgfalt seiner Großh. Hoheit des Markgrafen Wilhelm mit edeln Sorten des Seeweins zierte, von dessen Trefflichkeit man sich früher keinen Begriff machen konnte.

Es wurde ihm da wohl auch das große Faß gezeigt und angegeben, um wie viele Fuder dieser Kellerriese einst größer gewesen sey.

Aber Derjenige hat wohl schon manches graue Haar, welcher etwa von einem alten Laienbruder, oder ehmaligen Studenten der Reichsabtei gehört hat, daß es um die Frohnfasten oder in der Adventszeit nicht richtig im Keller sey und daß nicht etwa eine neugierige Ratte, sondern ein leibhaftiges Gespenst in den Winkeln wie auf Sandalen umherschleiche und an den Reifen des Fasses kraze. Die Geschichte des Gespenstes aber ist folgende. –

Zur Zeit, als der Abt von Salmannsweiler noch nicht gnadiger Herr hieß, sondern ehrwürdiger Vater, war der Pater Großkellner eine fast eben so angesehene Person, als der Prälat; denn einen guten Wein nach den Horas trank jeder Mönch gerne, vom Novizen bis zum Prior. Da baute einmal ein Pater Großkellner ein Faß, so groß, daß man den Keller erweitern mußte, es unterzubringen, und füllte es mit den Zinsweinen und Gülten des besten Jahrganges, der seit langer Zeit erlebt wurde. Nur wenn es Duplex war, in hohen Festzeiten, füllte er daraus die steinernen Krüge der Mönche, aber die Schlüssel zum Keller trug er stets sorgfältig bei sich.

[86] Da traf sich’s einmal, als er fest schlief, daß ein trinklustiger Mönch den Schlüssel ihm vom Gürtel löste und abdrückte in gestohlenes Kirchenwachs. Darnach machte er einen Hacken und schlich nach der Mette oft in den großen Keller, während seine Mitbrüder das harte Lager suchten, und erlabte sich an Gott Bacchus Gaben. –

Doch einmal fand er, vielleicht weil der Großkellner Argwohn hatte, den Hahnen durch einen Zapfen ersetzt, den er nicht drehen konnte. Nahm eine Leiter, stieg zu dem Faß hinan und siehe! – aus dem ungeheuren Spundloche war die Thüre nur angelehnt. Oeffnete sie und zog mit einem Heber so viel des köstlichen Nasses in sich, daß ihm schwindlich wurde, stürzte hinab und fand dort sein Grab. Nach einigen Tagen verwundert sich der Pater Großkellner über das offene Spundloch; dachte aber kaum mehr an den Mönch, weil das ganze Convent ihn entsprungen wähnte. Doch als er mit der Stange sondirte, um zu sehen, wie viel noch Wein in dem Fasse, stößt er auf den weichen Körper des Mönchs. Da erfaßt der Geizteufel seine Seele, und damit nicht das schöne große Faß als verunreinigt ausgeschüttet werde, zog er den ersoffenen Trunkenbold aus demselben und begrub ihn heimlich. Erst auf dem Sterbebette gestand er seine Schuld, bevor er aber die Stelle bezeichnen konnte, wo er ihn vergraben, lähmte der Tod seine Zunge. Und ruhelos wandert er seitdem dort im Keller herum, bis ein Zufall des Mönches Grab entdeckt, sund ihm ein ehrliches Begräbniß wird. –

Die Sage vom ertrunkenen Mönche ist sogar in Schriften des siebenzehnten Jahrhunderts aufgenommen. Der Verfasser des „Apiarium Salemitanum“ (um 1710 in Prag erschienen) stellt sie aus Gründen a priori in Abrede und meint, sie sei aus dem Scherz entstanden, daß vielleicht der Spunden die Gestalt eines Mönches gehabt und in das Faß gefallen sey. Freilich läßt sich dagegen einwenden, es dürfte leichter seyn, daß ein Mönch durch ein großes Loch hinabstürze, als der Spunden in sein eigenes Faß.

(Originalmittheilung von Herrn Gymnasiumsdirector Dr. Fickler in Donaueschingen. Diese tragi-komische Sage folgt hier nun auch in metrischer Fassung.)