Das große Q.

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Textdaten
Autor: Kurt Tucholsky
unter dem Pseudonym
Kaspar Hauser
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Titel: Das große Q.
Untertitel:
aus: Die Weltbühne. Jahrgang 22, Nummer 16, Seite 635-636
Herausgeber: Siegfried Jacobsohn
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 20. April 1926
Verlag: Verlag der Weltbühne
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Die Weltbühne. Vollständiger Nachdruck der Jahrgänge 1918–1933. Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1978. Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[635]
Das große Q.

– In Paris erscheint als sozialdemokratische Zeitung der ‚Quotidien‘. Er hat ein famoses Plakat auf den Untergrundbahnhöfen. – Warum erzählen Sie mir das?

– Ein weißgewandetes Frauenzimmer, vielleicht die Republik, reißt den Mund auf und zeigt mit erhobener Rechten und erhobenem Zeigefinger auf die Überschrift: Le Quotidien!

[636] – Die Entwicklung Deutschlands weist deutlich nach dem Osten. Mögen sie in Paris Plakate drucken. Hans v. Seeckt …

– Nun hat neulich eine kleine Revue im ‚Perchoir‘ das Plakat aufgegriffen – lebendig stand das Plakat auf der Bühne, ein junges Frauenzimmer –

– Natürlich!

– sie zeigte mit dem Finger nach oben auf die Überschrift: Le Quotidien. Grade auf den Buchstaben Q. Es ist Ihnen bekannt, wie man den im französischen ausspricht?

– Sprich deutsch!

– Küh spricht man ihn aus. Wissen Sie, was dieser Klang noch bedeutet? Sie kennen das Wort „cul“?

– Kühl?

– Das l brauchen Sie nicht mitzusagen – das gibt es zu. Es spricht sich Küh aus – wie der Buchstabe. Denken Sie an „cul de Paris“.

– Warum erzählen Sie mir das? Haben Sie weiter keine Sorgen? Gedenket der deutschen Brüder und Schwestern in Südtirol!

– Cul heißt also, wie es heißt … und wenn man zu Einem sagt: „Vous êtes un cul!“, so ist das kein Kompliment.

– Gedenket auch der deutschen Brüder im Saargebiet!

– Das junge Frauenzimmer –

– Natürlich!

– stand also da und sagte Verse auf, die sich auf die Politik dieser Läufte bezogen. Und, sagte sie, wenn man Alles recht betrachtet, es sind immer wir, die bezahlen müssen – und wie auch die Deputierten schwatzen und die Kammer rumort, wir sind und bleiben … darauf zeigte sie mit dem Finger stumm nach oben. Auf den Buchstaben.

– Was wollte sie damit sagen?

– Ich weiß nicht. Und die Parteiführer und die großen Tiere und die kleinen Bonzen und alle diese, die da so viel Lärm machen – sagte sie –: was sind sie schließlich? Ils sont des … Stumm zeigte sie nach oben.

– Des culs? Sitzflächen? Wie darf ich das verstehen?

– Wie Sie wollen. Aber abgesehen von der himmlischen Frechheit dieses Witzes, von seiner einprägsamen Bildhaftigkeit – hat sie nicht recht? Und ist es nicht doppelt erfreulich, daß es an Hand einer Zeitung gezeigt wird, die dem ‚Vorwärts‘ entspricht? Ich will keine Grobheiten sagen: also, die fast dem ‚Vorwärts‘ entspricht? Da stand die Plakatjungfrau, weiß und hübsch und glatt. Was ist der Sozialismus Europas geworden? Wer führt ihn? Stumm zeigte ihr gepuderter Zeigefinger in die Luft.

– Gedenket auch der Brüder in Eupen und Malmédy! Auf wen zeigte sie –?

– Auf das Q, das Küh ausgesprochen wird. Sie zeigte auf einen Buchstaben, der vier bedeutet, und gab damit eine Analyse unsrer Epoche, aller Länder und eines ganzen Kontinents.

Kaspar Hauser