Das sicherste Schutzmittel gegen die Entzündung feiner Gewebe

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Autor: Dr. Franz Döbereiner
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Titel: Das sicherste Schutzmittel gegen die Entzündung feiner Gewebe und anderer leicht feuerfangender Gegenstände
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 31 - 32
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[31] Das sicherste Schutzmittel gegen die Entzündung feiner Gewebe und anderer leicht feuerfangender Gegenstände. Nicht selten lesen oder hören wir von großen Bränden oder Unglücksfällen an Menschen, welche dadurch veranlaßt worden sind, daß ein brennender Körper, oft nur in sehr geringer Menge, mit leicht feuerfangenden Gegenständen in Berührung kam, die dadurch in Brand versetzt wurden und, wie z. B. Gardinen, Coulissen u. dgl., die Entzündung auf andere minder leicht brennbare Körper überführten, oder daß die Flamme die leicht feuerfangenden feinen Gewebe der Kleidungsstücke, besonders der Damen, ergriff, und daß dann die fast augenblicklich die ganze leichte Oberhülle erfassende Entzündung auf die Unterkleider übergeführt wurde und – wenn nicht den früheren oder späteren Tod – doch bedeutende und verunstaltende Körperverletzungen veranlaßte. Diese – wie wir unten lesen werden – leicht zu verhindernden Gefährdungen des menschlichen Lebens oder Körpers haben gewöhnlich eine derartige Besinnungslosigkeit der Betroffenen und nicht selten auch der umgebenden Persönlichkeiten zur Folge, daß selbst sichere Hülfsmittel und sonstige Verhaltungsmaßregeln unbeachtet gelassen werden.

Die Zahl derartiger Unglücksfälle hat sich vermehrt, seitdem man leicht entzündliche flüchtige Oele, wie Terpentinöl, oder ölartige Körper, wie Camphin, Gasäther, Photogen, Mineralöl, Hydrocarburet u. dgl. zur Erzeugung einer brillanten Lichtflamme, Weingeist als reinliches, schnellwirkendes Heizmaterial, besonders aber in einem so bedeutenden Umfange und leider oft mit einer unverzeihlichen Nachlässigkeit behandelte Streichzündhölzer zum Anmachen von Feuer benutzt. Besonders ist es das weibliche Geschlecht, welches in Folge seiner feingewebten, oft ganz luftigen und deshalb um so eher feuerfangenden Kleidungsstücke von derartigen Unglücksfällen betroffen wird, weshalb wir fast lediglich zur Sicherstellung der Damenwelt gegen das Ergriffenwerden ihrer Kleidungsstücke vom Feuer und dadurch veranlaßte Körperverletzungen oder Lebensgefährdungen auf das geeignetste Schutzmittel durch diesen Aufsatz hinweisen, aber auch im Interesse der Allgemeinheit wünschen wollen, daß die gegebenen Andeutungen die Beachtung eines jeden sorgsamen Hausvaters und eines jeden Menschenfreundes finden möge. Wir wählen zur Veröffentlichung des Aufsatzes dieses Blatt, welches in den weitesten Kreisen und durch alle Stände gelesen wird, wodurch eben seine Gemeinnützigkeit als einzig dasteht.

Lange bevor durch die Wissenschaft das eigentliche Wesen der Flamme und aller Verbrennungsvorgänge erforscht worden war, hatte die Erfahrung gelehrt, daß das Brennen entzündbarer Körper durch Bedecken derselben mit anderen sehr gemäßigt oder gänzlich unterbrochen werde, und wir bedienen uns noch heute derartiger Mittel, um brennende Gegenstände zu löschen; wir benutzen bei kleineren Bränden Sand, Erde, ja selbst brennbare Körper, wie Kleidungsstücke, Lumpen u. dgl., was eben zur Hand ist, bei größeren das Wasser, das dabei in doppelter Weise, nämlich deckend und die Temperatur erniedrigend, wirkt. Wir brauchen daher hier nur anzudeuten, daß Personen, deren Kleidungsstücke in Brand gerathen sind, bei Mangel an Wasser dadurch gegen die weitergreifende Entzündung der Kleidungsstücke und das Leben bedrohende Brandwunden zu schützen sind, daß man sie an den Boden legt und möglichst schnell mit den zur Hand befindlichen dichteren Kleidungsstücken, Teppichen u. dgl., bei Ermangelung derselben mit Sand, Erde, Gras, selbst, aber in ausreichender Menge, mir Heu vollständig bedeckt. Wir dürfen aber auch nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß die betroffene Person im ersten Moment des Brandes keine rasche, laufende Bewegung mache, weil dadurch der Brand verstärkt und um so leichter auf minder brennbare Körper übergeführt wird.

Nachdem durch die Naturforscher das eigentliche Wesen der Verbrennungsvorgänge ermittelt und darin erkannt worden war, daß es unter gleichzeitiger Einwirkung einer erhöhten Temperatur durch den Zutritt eines Bestandtheiles der atmosphärischen Luft, des Sauerstoffgases, zu dem brennbaren Körper stattfinde, so war leicht die Erklärung für die Wirkung der allbekannten Feuerlöschungsmittel gegeben. Bald erforschte man auch die Mittel und Wege, das flammende oder glühende Verbrennen entzündbarer Körper unmöglich, d. h. sie relativ unverbrennlich zu machen, wenn sie auch dadurch nicht gegen die Verkohlung geschützt werden, im Fall sie sich zwischen brennenden Körpern selbst befinden. Man tränkte oder überzog die brennbaren Körper mit gewissen salzigen Stoffen, die selbst nicht von brennbarer oder einer das Verbrennen befördernden Beschaffenheit und mit der Eigenschaft begabt sind, bei einem gewissen Grade von Wärme entweder zu schmelzen oder aufzublähen und in diesem Zustande den brennbaren Körper so zu bedecken, daß der Zutritt der atmosphärischen Luft verhindert wird, womit die Bedingung zur Verbrennung beseitigt ist, wenn auch in Folge der hohen Gluth eine Verkohlung stattfinden muß.

Obgleich nun die in dieser Weise forschenden Chemiker ihre Beobachtungen veröffentlicht und zur Benutzung empfohlen haben, so fanden im Allgemeinen die gemachten Erfahrungen in den weiteren Kreisen keine sonderliche Beachtung, – vielleicht weil sie zum großen Theile von deutschen Chemikern ausgingen. Wir dürfen in dieser Beziehung nur an das von Fuchs in München entdeckte und zur Sicherstellung des Holzwerkes und anderer feuerfangender Gegenstände an und in Gebäuden gegen die flammende Verbrennung vorgeschlagene Wasserglas erinnern, das zwar an einzelnen Orten zu dem empfohlenen Zwecke verwendet wurde, aber erst um ein Lebensalter später, und zwar von Frankreich aus, in seiner wahren Bedeutung anerkannt wurde und nun auch in Deutschland mehr Beachtung fand, wobei wir auf einen Aufsatz im Jahrg. 1857 d. Bl. verweisen wollen.

Wenn nun auch die sogen. Feuerschutzmittel in der neuesten Zeit eine größere Anwendung bei Holzwerk u. dgl. finden, so ist doch ihre Benutzung die Sicherung der Kleidungsstücke und dadurch mittelbar gegen die Beschädigung [32] des menschlichen Körpers und gegen die Gefährdung des Lebens noch gänzlich unbeachtet geblieben; und doch ist sie hier am nothwendigsten, da, wie wir bereits oben angedeutet, die Gewebe für Kleidungsstücke und besonders die aus dem Pflanzenreiche, also die leinenen und baumwollenen, um so leichter Feuer fangen, je feiner das Gewebe selbst ist. Die Gefahr, d. h. die feuerfangende Natur solcher Gewebe, wird aber noch durch das Waschen derselben erhöht, weil eines Theiles der mehr dicht machende Schlich (das aufgetrocknete Stärkemehl, welches in Form von gewöhnlichem Stärke- oder Weizenmehlkleister beim Weben benutzt wird, oder der zu gleichem Zwecke verwendete eingetrocknete Schleim) dadurch beseitigt, anderen Theiles der Stoff durch das Reiben beim Waschen viel lockerer gemacht wird. Besonders tritt eine solche Gefahr ein, wenn die gewaschenen Gewebe nicht wieder gestärkt werden; aber auch wenn dies geschieht, bleibt sie, wenn nicht dabei zugleich solche Substanzen zugesetzt werden, welche die Gewebe relativ unverbrennlich machen.

Die vorzüglichsten Substanzen, welche als Schutzmittel gegen die flammende Verbrennung entzündbarer Körper vorgeschlagen worden sind und angewendet werden, sind der Borax, der Alaun, das Wasserglas und das phosphorsaure Ammoniak. Diese Substanzen, in einem ansprechenden Verhältniß mit Wasser gelöst, leisten fast gleiche Dienste bei gröberen brennbaren Körpern, eignen sich aber, mit Ausnahme der letztgenannten, nicht zur Sicherstellung der gewebten, gestrickten und gehäkelten Gegenstände. Der Borax hat die Eigenschaft, beim Eintrocknen durch das heiße Plätteisen aufzublähen und nicht allein die Waare hart zu machen, sondern selbst auch abzustäuben. Auf gleiche Weise verhält sich der Alaun, welcher ganz vor kurzer Zeit durch einen Menschenfreund zur Sicherung der Damenkleider empfohlen worden ist; er besitzt außerdem die Eigenschaft, die feinen Gewebe leicht so mürbe zu machen, daß dieselben bei der geringsten Dehnung zerreißen. Das Wasserglas macht die damit getränkten oder überzogenen Gewebe hart und brüchig und wirkt auch in gelinderem Grade selbst auf die Faser ein, so daß diese mürbe und das Zeug leicht zerreißbar wird. Das phosphorsaure Ammoniak hingegen besitzt keine dieser Eigenschaften; es läßt nach dem Trocknen an der Luft oder durch das heiße Plätteisen die Gewebe u. s. w. hinreichend beweglich und faltenschlagend, ohne im geringsten auf die Faser störend einzuwirken, und kann selbst mit dem zum Stärken dienenden Kleister vermischt werden. Es wird für den einen oder anderen Fall in der zwanzigfachen Menge – 2 Loth in einem preußischen Quart – Wasser aufgelöst und entweder mit dieser Lösung für sich oder mit dem Stärkekleister vermischt in’s Gewebe gebracht, dieses aber dann dem Trocknen an der Luft überlassen oder geplättet. Vorsorgende Hausfrauen mögen sich durch einen Versuch an einem so vorbereiteten werthlosen Gewebe überzeugen und sie werden finden daß dieses beim Hineinhalten in eine Kerzenflamme zwar nach einiger Zeit verkohlt, sich aber sonst entweder gar nicht oder erst nach längerer Dauer und dann nur an einzelnen Stellen entzündet. Sie werden gewiß zur Sicherstellung ihrer und der Angehörigen alle leicht feuerfangenden Kleidungsstücke, besonders Oberkleider, für die Zukunft auf diese Weise zubereiten und dürfen dann mit weit mehr Ruhe die Kinder ihren Beschäftigungen überlassen, da der schrecklichsten und in ihrem Gefolge oft gar nicht zu berechnenden Gefährdung, der Feuersgefahr, vorgebeugt ist. Umsichtige Damen werden diese Vorbeugung nicht allein auf die Kleidungsstücke beschränken, sondern sie auf alle leicht entzündliche Gegenstände aus Leinenzeug, Baumwolle und Papier ausdehnen.

Zur allgemeineren Sicherstellung ist es aber auch nothwendig, daß die Fabrikanten der leinenen, baumwollenen und Papierzeuge dieselben sogleich bei der Anfertigung mit einem Sicherungsmittel gegen die Entzündung versehen, damit derartige Zeuge, die doch oft genug ohne vorheriges Waschen getragen oder sonst benutzt werden, vollständige Sicherheit gewähren. Die Fabrikanten können eine derartige Vorkehrung um so eher treffen, da die meisten Gewebe oder Gespinnste unter Anwendung von Schlich, dem das phosphorsaure Ammoniak zuzusetzen wäre, verfertigt werden, und Diejenigen, welche zuerst eine derartige Sicherung ihrer Erzeugnisse vornehmen und auf denselben bemerken, würden gewiß die meisten Käufer dafür finden.

Es dürfte uns entgegnet werden, daß die Anwendung des phosphorsauren Ammoniaks durch dessen hohen Preis unmöglich gemacht oder erschwert würde, worauf wir aber zu erwidern haben, daß eines Theiles eine derartige Sicherstellung nicht hoch genug erkauft werden kann, anderen Theils aber es Mittel und Wege gibt, dieses Salz, wenn auch nicht von absoluter Reinheit, die auch nicht erforderlich ist, billig darzustellen. Wir wollen nur die Fabrikanten von Leinen-, Baumwollen- und Papierzeugen, welche diese in der angegebenen Weise sichern, oder Verfertiger chemischer Präparate, so wie auch namentlich Apotheker, welche das phosphorsaure Ammoniak als Feuerschutzmittel in den Handel bringen wollen, darauf hinweisen, daß dasselbe billig und fast rein durch Neutralisiren der Knochenphosphorsäure, wie dieselbe durch längere Digestion von 5 Th. weißgebrannten und gepulverten Knochen mit 3 Th. concentrirter Schwefelsäure und 30 Th. Wasser gewonnen wird, mit reinem oder kohlensaurem Ammoniak, noch billiger aber mit Salmiak vermischt dadurch dargestellt werden kann, daß man die Flüssigkeit, welche man bei der Reinigung der Knochenkohle mit Salzsäure oder bei der Isolirung der Leimsubstanz aus den ungebrannten Knochen durch dieselbe Säure erhält, mit kohlensaurer Ammoniakflüssigkeit, wie sie bei der Verkohlung der Knochen oder Steinkohlen oder beim Destilliren der gefaulten Harne erhalten wird und die in den beiden ersten Fällen durch Digestion mit Kohle von den brenzlichen Beimengungen befreit worden ist, neutralisirt und die von dem gebildeten Niederschlag getrennte Flüssigkeit zur Krystallisation verdunsten läßt. Das auf letztere Weise erhaltene Gemenge von phosphorsaurem Ammoniak und Salmiak kann man durch wiederholte Umkrystallisation zwar scheiden, aber auch diese Operation umgehen, da der Salmiak nicht störend wirkt und in gewisser Beziehung den Schutz gegen die flammende Verbrennung der damit getränkten feuerfangenden Gegenstände erhöht, und das Gemenge, da es von dem Franzosen Gay-Lussac als Feuerschutzmittel vorgeschlagen worden ist, als Gay-Lussac’sches Entflammung sicherndes Salz in den Handel bringen. Zwei Loth dieses Salzgemisches würden im Detailhandel um weniger als einen Groschen zu verkaufen und in einem Quart Wasser gelöst für sich oder mit dem Stärkekleister vermischt hinreichend sein, eine große Masse leicht feuerfangender Gegenstände zu sichern.

Dr. Franz Döbereiner.