Das verfemte Potpourri

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Autor: Paul Bekker
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Titel: Das verfemte Potpourri
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aus: Pariser Tageblatt, Jg. 2. 1934, Nr. 202 (02.07.1934), S. 4
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Erscheinungsdatum: 1934
Verlag: Pariser Tageblatt
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Erscheinungsort: Paris
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Das verfemte Potpourri


Vor kurzem las man, Richard Strauss habe den Wunsch ausgesprochen, es mögen künftig keine Potpourris mehr gespielt werden, die Werke grosser Meister in zerstückelter Form wiedergeben. Da bei dieser Mitteilung Straussens Stellung als Präsident der Reichsmusikkammer hervorgehoben wurde, ist die Möglichkeit einer praktischen Wirkung dieses Wunsches nicht ausgeschlossen. Es können Verleger abgehalten werden, neue Potpourris herauszubringen, es kann auch ein Druck auf die Veranstalter von Garten- und vor allem von Radio-Unterhaltungskonzerten ausgeübt werden.

Nehmen wir an, es sei so und Straussens Wunsch ginge in Erfüllung – was wäre damit gewonnen? Gewiss besteht keine Veranlassung, hier etwa einen Lobgesang auf das Potpourri anzustimmen. Das ist auch nicht nötig. Man soll nur die Bedeutung dieses bescheidenen Hausgewächses nicht überschätzen und man soll vor allem seinen eigentlichen Daseinszweck nicht verkennen.

Beabsichtigt ist der Schutz grosser Meister vor Entstellung. Lobenswert. – Aber tut ein Potpourri gar so Schlimmes? Beispiel: ein Potpourri „Mozartiana“. Es zeige eine Folge bekannter Melodien aus den Opern, eingerahmt und durchflochten von Instrumentalstücken. Also eine Zitatensammlung. Wo wird ein Stück dieser Art aufgeführt? In Garten- oder ähnlichen populären Konzerten, vor einem Publikum, das selten oder nie die Möglichkeit hat, die Opern selbst auf der Bühne zu sehen, vielleicht gegebenenfalls garnicht die Spannkraft aufbrächte, sich „Don Juan“ richtig anzuhören, trotzdem einzelne Melodien daraus kennt und liebt.

Soll man hier mit Pharisäerweisheit kommen? Vergessen wir doch nicht: das Bild der grossen Meister erscheint von verschiedenen Standpunkten aus verschieden. Der einfache Musikfreund kann eine tiefe Liebe zur Kunst haben. Trotzdem braucht er nicht immer fähig zu sein, einen so reichen Formenkomplex wie eine Mozart-Oper richtig in sich aufzunehmen. Soll ihm deswegen Mozart entzogen, zu einem Privileg derer gemacht werden, die es sich dank Geburt, Bildung und Besitz leisten können, alles nur in originaler Form zu geniessen? Lassen wir doch den von Glück weniger Begünstigten die Möglichkeit, sich einen Begriff vom Wesen Mozarts auch aus der Zitatenfolge eines Potpourris zu machen. Seien wir nicht so prüde, bedenken wir im stillen [sic], wie oft unsere eigene Kenntnis manches Künstlers – sei es eines Dichters, sei es eines Malers oder Bildhauers – aufgefrischt wird durch irgendein zufälliges Zitat, eine Zeitungsnotiz, oder einen anekdotischen Hinweis. Halten wir die kleinen Verbindungswege von der Kunst zum täglichen Leben offen, bilden wir uns nicht ein, die Kunst müsse immer nur feierlich in der guten Stube sitzen. Lassen wir sie ruhig auf die Strasse laufen, es wird ihr nichts schaden und uns auch nicht. Im Gegenteil.

Vor allem: spielen wir nicht Polizei. Ein Potpourri ist garnicht immer etwas so Unkünstlerisches, wie man meint. Gerade die Art der Zusammenstellung an sich nicht zusammengehörender Teile kann ein neues rundes Ganzes ergeben. Aus dieser Idee ist das alte Quodlibet entstanden und aus ihm ein Grundtyp des Finales der deutschen Spieloper. Und wenn Mozart im 2. ‚Don Juan’-Finale bei der Tafelmusik zeitgenössische Kompositionen zitiert, darunter sich selbst mit der „Figaro“-Arie – hat er damit nicht auch ein Potpourri geschaffen und so das Potpourri zum mindesten als Form-Möglichkeit legitimiert? Entscheidend ist immer nur das Wie!

Warum also keine Potpourris da, wo sie angebracht, nämlich bei der Unterhaltungsmusik? Meint man, Tanz- und Schlager-Musik sei besser und alleinberechtigt? Die Frage lautet nicht, ob jemand wählen soll zwischen „Lohengrin“ als geschlossener Aufführung oder als Potpourri, sondern: was ist eigentlich der Garten- und Caféhaus-Musik als Ersatz zu bieten, wenn man ihr aus falscher Gesinnungsaskese das Potpourri wegnimmt? Bei der Gelegenheit: unterschätzen wir nicht die Popularisierungsarbeit unserer Potpourri-Orchester gerade in Bezug auf Wagner und Verdi.

Der Fall an sich ist nicht weltbewegend. Er beweist aber, an was für Kleinigkeitskrämereien man sich gegenwärtig in Deutschland verliert, um recht kulturbeflissen zu erscheinen – am falschen Platze. Was ist das Ganze? Literatenhafter, lebensfremder Bildungsdünkel. Wie lächerlich! Hat der Präsident der Reichsmusikkammer keine wichtigeren Aufgaben, als zum Kreuzzug gegen das alte, harmlose Potpourri zu blasen? Dringender wäre eine andere Behütung grosser Meister: vor der Verarbeitung für Film oder Operette, wie sie am schlimmsten Schubert angetan worden ist, aber auch andere betroffen hat – denken wir an Lehars „Friederike“ – und noch betrifft. Zwar soll man auch hier nicht von einer Schädigung der Meister und ihrer Werke sprechen, denn die sind da und können garnicht geschädigt werden. Aber dem Publikum gegenüber wird eine geistige Unsauberkeit verübt, das Bild der Person der Künstlers und seines Schaffens wird gefälscht und die Anspruchslosigkeit des Potpourris wandelt sich zur verlogenen Komödie.

Gerade hier aber hört man wenig von Protesten, denn hier öffnet sich ein heikles Kunst- u. Wirtschaftsgebiet, nämlich das der – urheberrechtlich geschützten – Bearbeitung. Sie ist seit jeher ein sehr umstrittener, aber auch sehr beliebter Tummelplatz von Leuten verschiedensten Kalibers. Gewiss, man könnte die Verarbeitung von Schubert-Melodien verbieten – aber wie steht es dann um Straussens Couperin-Suite? Will man individuelle Konzessionen erteilen? Auch das ist ein Grundsatz von zweifelhaftem Wert. Es gibt ehrenhafte Künstler, die Straussens „Idomeneo“-Bearbeitung für eine viel schlimmere Sünde halten, als irgendein Potpourri. Nach welchen Gesichtspunkten soll also hier gerichtet, zugelassen, abgelehnt werden?

Das Vernünftigste ist: nach gar keinen. Man lasse die Finger von diesen Dingen und versuche nicht, von amtswegen ästhetische Erziehung zu treiben. Was man tun will, tue man durch das gute Beispiel. Im übrigen begreife man, dass die schönste Voraussetzung für wahre Kunstempfängnis nicht die Gebildetheit ist, sondern die Naivetät der Entgegennahme. Darum rühre man nicht an jene Formen, aus denen eben diese Naivetät unmittelbar spricht. Und wenn es Menschen gibt, denen der Blick des Genius aus einem simplen Potpourri entgegenleuchtet, so soll man sie dabei ebensowenig stören wie den Hinterwäldler Bauern, der seine hölzerne Mutter Gottes anbetet. Denn es kommt nicht auf das an, was wir darüber denken, sondern nur auf das, was er selbst dabei empfindet.