Der Weltgeist (Bekker)

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Textdaten
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Autor: Paul Bekker
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Titel: Der Weltgeist (Bekker)
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aus: Pariser Tageblatt, Jg. 2. 1934, Nr. 200 (30.06.1934), S. 4
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Erscheinungsdatum: 1934
Verlag: Pariser Tageblatt
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Erscheinungsort: Paris
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Quelle: Commons
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Der Weltgeist


Ich stand am Etoile und blickte auf die Gedenkstätte des unbekannten Soldaten. Es war ein schöner Abend, die Tageshitze angenehm abgekühlt, um mich herum die Vielfältigkeit des Lebens, während ich auf die Flamme unter dem Triumphbogen starrte. Was ich dachte, weiss ich nicht, ich glaube, ich döste und überliess mich allerlei Stimmungsspielen. Plötzlich überkam mich ein unbehagliches Gefühl, ich spürte, dass jemand mich beobachtete. Aufblickend sah ich nicht weit von mir einen gut gekleideten Herrn. Er fixierte mich scharf und liess sich durch meinen unwilligen Gegenblick keineswegs stören. Mich freizumachen, gelang nicht. Blick und Mensch wurden unerträglich. Meine kleine Träumerei war unterbrochen, ärgerlich setzte ich mich nach einer der Nebenalleen in Bewegung.

Bald aber merkte ich, dass der Mann mir folgte, ebenso ungeniert, wie er mich vorher fixiert hatte. Das war zu toll. Erbost blieb ich stehen, er schien das erwartet zu haben, kam heran und fragte, höflich grüssend[:] „Verzeihung, mein Herr. Sie sind Deutscher?“ Fast hätte ich mit einer Grobheit geantwortet, aber er kam mir zuvor. „Sie sind ungehalten, weil ich Ihnen aufdringlich vorkomme? Ich möchte Sie gern überzeugen, dass diese scheinbare Aufdringlichkeit keine Belästigung sein soll. Darf ich Sie ein wenig begleiten?“ Ich konnte nicht ablehnen, zumal der Mann merkwürdig überlegen wirkte, obgleich er mir durchaus unsympathisch blieb. „Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle[:] ich bin der Weltgeist.“

Ich erschrak. Die Strasse war hier nicht sehr belebt, und einen Wahnsinnigen neben sich zu haben, doppelt unheimlich.

„Keine Sorge“, lächelte er malitiös, „ich bin nicht verrückt, mein Herr, zum mindesten nicht mehr als andere. Ich habe die Wahrheit gesprochen, als ich meinen Namen nannte.“

Mir wurde seltsam zumute. Dort der schimmernde Triumphbogen, das Ehrengrab, die flanierende Menschheit, die Grosstadt und hier ich mit einem fremden Wesen, das sich Weltgeist nannte.

„Sie wundern sich über unser Zusammentreffen! Aber als ich Sie vorhin so dastehen und träumen sah, sagte ich mir: das kann nur ein Deutscher sein, der über die Weltgeschichte nachdenkt. So etwas liebe ich, es gibt mir immer eine kleine Anregung für meinen Beruf, und so nahm ich mir die Freiheit, Sie anzusprechen.“

„Und wie geraten Sie hierher?“, fragte ich. Seine natürliche Art des Redens brachte mich ins Gespräch, obschon ich den Eindruck von etwas Unheimlichem nicht überwinden konnte.

„Ich liebe Paris und bin oft hier. Es erinnert mich an meine besten römischen Zeiten so vor 2000 Jahren.“

„Haben Sie gegenwärtig nichts Dringenderes zu tun, als solche Erinnerungen zu pflegen?“

„Kaum“, sagte er sehr sanft. „Ich weiss zwar, Sie meinen ich müsste mich mehr um die Dinge in Ihrem Vaterlande kümmern.“

„Nicht nur dort“, erwiderte ich gereizt. „Sehen Sie nicht, wie die Pestwelle durch die ganze Menschheit geht und überall Animalitäten ausbrechen, die unser heutiges Weltbild bald auf den gegenwärtigen Stand Ihrer römischen Erinnerungen bringen werden? Wenn Sie Gedanken lesen können, so müssen Sie wissen, was mir vorhin durch den Kopf ging, als ich das Grab und die Opferflamme unter dem Triumphbogen betrachtete.“

„Nur keine tragischen Ausbrüche, mein Herr. Für dergleichen Temperamentszauber habe ich wenig Sinn. Das ist gut für Zeitungen, Versammlungen oder andere Volksbelustigungen. Aber unter uns Männern wollen wir doch dieses moralische Entrüstungstheater nicht erst aufziehen.“

„Sie wagen es, sich Weltgeist zu nennen, und spotten meiner Empörung!“

„Eben darum! Ich habe nur Interesse daran, dass die Welt weiter besteht, drastisch gesprochen, dass möglichst viele Kinder geboren werden. Wie sie sich dann die Zeit vertreiben, ob sie sich gegenseitig hochschätzen oder totschlagen, bleibt ihnen überlassen. Für mich ist es gleichgiltig, mir bringt Abwechslung sogar eine gewisse Unterhaltung. Nur Geburtenrückgang kann ich nicht leiden, das ist für mich Umsatzverlust. Insofern habe ich für die faschistischen Systeme eine Art Sympathie, denn sie fördern die Bevölkerungszunahme.“

„Ich hätte mir Ihre Gesichtspunkte etwas anders vorgestellt. Also für Sie ist das Werden der Menschheit nur eine Angelegenheit der Fortpflanzung?“

Er lächelte. „Gutes Kind, kommen Sie erst in meine Jahre! Ich habe so allerlei auftauchen und verschwinden gesehen, und um manches tut es mir heut noch leid. Sie hätten einmal mit mir vor 3000 Jahren auf der Akropolis stehen sollen. Und wenn ich gar an Ninive denke, oder an das Inka-Reich, bevor Ihr Europäer dort hingelangt seid!“ Er war plötzlich ganz ernst geworden und zerdrückte eine Träne. „Aber das sind sozusagen Privatgefühle.“ Ich wollte widersprechen, er winkte ab. „Es ist ja recht hübsch, wie Sie sich die Weltgeschichte vorstellen – hat nicht einer Eurer Dichter es reizend gesagt, sie sei das Weltgericht? Ich habe das bei jungen Leuten ganz gern so, nur dürfen Sie mir altem Mann nicht zumuten, mich mit dergleichen Gehirnspuk abzugeben.“

„Wenn es so ist“, sagte ich wütend, „wenn alles Sinnhafte nur ein gleichgiltiges Unterhaltungsspiel sein soll und wichtig nichts anderes ist als die Höhe der Geburtenzahl – dann begreife ich wirklich nicht, wozu Sie eigentlich vorhanden sind, Herr Weltgeist!“

Im gleichen Augenblick spürte ich einen schmerzhaften Schlag vor die Stirn. Als ich die Augen wieder öffnen konnte, sah ich, dass ich gegen einen Laternenpfahl gerannt war. Ich blickte mich nach meinem Begleiter um, aber niemand war zu sehen.