Das vierte Buch Esra/Kapitel 14

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[398]
Siebentes Gesicht.
Die Wiederherstellung der heiligen Schriften.
Das Gebot, diese Gesichte geheim zu halten.

1 Am dritten Tage, als ich unter einer Eiche saß, 2 siehe, da kam eine Stimme aus einem Dornbusch[1] mir gegenüber hervor; die sprach: Esra, Esra! Ich sprach: Hier bin ich, Herr! Und ich erhob mich und trat auf meine Füße. Da sprach er zu mir:

3 Ich habe mich schon einmal am[2] Dornbusch offenbart und habe zu Moses geredet, als mein Volk in Ägypten dienstbar war. 4 Damals habe ich ihn ausgesandt, ’habe‘[3] mein Volk aus Ägypten geführt und es dann an[4] den Berg Sinai gebracht. Daselbst behielt ich ihn viele Tage bei mir[5];

5 ich teilte ihm viel Wunderbares mit,
zeigte ihm die Geheimnisse der Zeiten,
und ’wies ihm‘[6] das Ende der Stunden[7].

Dann habe ich ihm also befohlen: 6 Diese Worte sollst du veröffentlichen, jene geheimhalten[8].

7 Nun aber sage ich dir:

8 Die Zeichen, die ich dir offenbart,
die Träume, die du gesehen,
und die Deutungen, die du gehört,

die bewahre in deinem Herzen!

Ankündigung der Entrückung.

9 Du aber sollst aus den Menschen entrückt werden und wirst fürderhin[9] bei meinem Sohn[10] und bei deinen Genossen verweilen[11], bis die Zeiten um sind.

10 Denn die Welt hat ihre Jugend verloren,
die Zeiten nähern sich dem Alter.

[399] 11 Denn[12] in zwölf Teile ist die Weltgeschichte[13] geteilt; ’gekommen ist sie bereits zum zehnten‘[14], zur Hälfte des zehnten; 12 überbleiben aber zwei nach der Hälfte des zehnten. —

13 Nun also bestelle dein Haus,
ermahne dein Volk;
tröste seine Geringen,
’lehre seine Weisen‘[15].
Du selber entsage dem vergänglichen Leben,
14 laß fahren die sterblichen Sorgen;
wirf ab die Bürde[16] der Menschlichkeit,
zieh aus[17] die schwache Natur;
laß die quälenden Fragen beiseite
und eile, hinüber zu wandern aus dieser Zeitlichkeit!

15 Denn viel schlimmere Leiden, als[18] die du selber erlebt hast, sollen noch geschehen. 16 Denn je schwächer die Welt vor Alter wird, um so mehr wird[19] der Leiden, die über ihre Bewohner ergehen.

17 Die Wahrheit muß sich noch mehr entfernen
und die Lüge sich nähern.

Denn schon eilt der Adler heran, den du im Gesichte gesehen hast[20].

Gebet um Wiederherstellung der heiligen Schriften nebst der göttlichen Antwort.

18 Ich antwortete und sprach: ’Laß mich, Herr, vor dir sprechen‘[21]! 19 Ich scheide jetzt, wie du mir befohlen, und will das Volk, das jetzt lebt, [noch einmal] unterweisen[22]. Aber die später[23] Geborenen, wer wird die belehren?

20 Denn die Welt liegt in Finsternis,
ihre Bewohner sind ohne Licht.

21 Denn dein Gesetz ist verbrannt[24]; so kennt niemand deine Thaten, die du gethan hast und die du noch thun willst[25]. 22 Wenn ich ’also‘[26] Gnade vor dir gefunden habe, so verleihe mir den heiligen Geist, daß ich alles, was seit Anfang in der Welt geschehen ist, niederschreibe, wie es in deinem Gesetze[27] geschrieben stand, damit die Menschen deinen Pfad finden, und damit, die das ewige Leben begehren, es gewinnen können.

23 Er antwortete mir und sprach: Wohlan, so versammle das Volk und sage zu ihnen, sie sollten dich vierzig Tage[28] lang nicht suchen. 24 Du aber mache dir viele Schreibtafeln fertig; [400] nimm zu dir Saraja[29], Dabria[30], Selemia[31], Ethan[32] und Asiel[33], diese fünf Männer, denn sie verstehen[34] schnell zu schreiben, 25 und dann komm hierher. So will ich in deinem Herzen die Leuchte der Weisheit entzünden, die nicht erlöschen wird, bis zu Ende ist, was du schreiben sollst. 26 Wenn du aber damit fertig bist, so sollst du das Eine veröffentlichen, das Andere aber den Weisen im Geheimen übergeben[35]. Morgen[36] um diese Zeit sollst du mit Schreiben beginnen.

Esras letzte Worte.[37]

27 So ging ich hin, wie er mit befohlen, versammelte alles Volk und sprach: 28 Höre, Israel, diese Worte: 29 Unsere Väter sind am Anfang Fremdlinge in Ägypten gewesen und von dort erlöst. 30 Da empfingen sie das Gesetz des Lebens, aber hielten es nicht; und auch ihr nach ihnen habt es übertreten. 31 Dann ward euch das Land zum Erbe gegeben im Gebiete von Zion; aber ihr und eure Väter thatet Sünde und bliebt nicht auf den Wegen, die euch der Höchste befohlen. 32 Weil er aber ein gerechter Richter ist, nahm er euch zu seiner Zeit wieder, was er geschenkt. 33 Und nun seid ihr an diesem Ort, und eure Brüder[38] sind noch tiefer im Lande drinnen[39].

34 Wenn ihr also euren Trieben Befehl gebt
und eure Herzen in Zucht nehmt[40],
so werdet ihr zu Lebzeiten bewahrt bleiben
und nach dem Tode Gnade erlangen.
35 Denn es giebt ein Gericht nach dem Tode,
wann wir zu neuem Leben gelangen;
da wird der Name der Gerechten kund,
der Frevler Thaten werden offenbar. —

36 Zu mir aber komme niemand; man soll mich vierzig Tage lang nicht suchen.

Die Wiederherstellung der heiligen Schriften.

37 So nahm ich die fünf Männer mit mir, wie er mir befohlen; wir gingen aufs Gefilde und blieben daselbst. 38 Am folgenden Tag aber, horch, da rief mir eine Stimme zu also:

Esra, thu den Mund auf
und trinke, womit ich dich tränke!

39 Da that ich den Mund auf, und sieh, ein voller Kelch ward mir gereicht; der[41] war gefüllt wie von Wasser, dessen[42] Farbe aber dem Feuer gleich war[43]. 40 Den nahm ich und trank; und als ich getrunken,

entströmte meinem Herzen Einsicht,
meine Brust schwoll von Weisheit[44],
meine Seele bewahrte die Erinnerung[45].

41 Da that sich mir der Mund auf und schloß sich nicht wieder zu. 42 Der Höchste aber gab den [401] fünf Männern Einsicht; so schrieben sie der Reihe nach das Diktierte in Zeichen aus, die sie nicht verstanden[46]. So saßen sie vierzig Tage:

sie schrieben am Tage
43 und aßen des Nachts ihr Brot;
ich aber redete am Tage
und verstummte nicht des Nachts[47].

44 So wurden in den vierzig Tagen niedergeschrieben vierund’neunzig‘[48] Bücher.

45 Als aber die vierzig Tage voll waren, da sprach der Höchste zu mir also: Die ’vierundzwanzig‘[49] Bücher, die du zuerst geschrieben, sollst du veröffentlichen, den Würdigen und Unwürdigen zum Lesen[50]; 46 die letzten siebenzig aber sollst du zurückhalten und nur den Weisen deines Volks übergeben[51].

47Denn in ihnen fließt der Born der Einsicht,
der Quell der Weisheit,
der Strom der Wissenschaft[52].

48 So that ich[53], ’im siebenten Jahre der sechsten Woche[54], 5000 Jahre 3 Monate 12 Tage nach der Schöpfung der Welt‘[55].

Schluß des Buches[56].

49 Damals ist Esra entrückt und an die Stätte seiner Genossen aufgenommen worden, nachdem er dies Alles geschrieben[57]. 50 ’Er heißt der Schreiber der Wissenschaft des Höchsten in Ewigkeit‘[58].


  1. Ex. 3,4.
  2. Lat super rubum = ἐπὶ τῆς βάτου (Hilg.). Ar² in Sina monte.
  3. Lat S A Aeth Arm eduxi, Syr Ar¹.² eduxit.
  4. Vgl. 3,17.
  5. Ex. 34,28.
  6. Syr (Aeth Ar¹.² Arm) et ostendi.
  7. Diese „Geheimnisse der Zeiten“ sind der Inhalt der Geheimtradition über Mose; vgl. die Assumptio Mosis.
  8. Vgl. die Erzählung Dt. 5. Das Offenbarte ist nach dem Verf. die Tora, das Geheimgehaltene die apokalyptische Tradition.
  9. τὸ λοιπόν (Volkmar).
  10. Hieraus geht hervor, daß der Christus eine himmlische (präexistierende) Größe ist; um so mehr sollte sein Titel „Mensch“ auffallen.
  11. ἀναστρέφεσθαι.
  12. V. 11 u. 12 fehlen im Syr und Arm und sind vielleicht Zusatz.
  13. αἰῶν.
  14. Der Text des Lat widerspricht sich selbst: wenn von 12 Teilen noch zwei (der 12. und 11.) und die Hälfte des 10. übrig sind, so sind nicht 101/2, sondern 91/2 vergangen. Dieser letztere Sinn findet sich bei Aeth: decem (soll heißen duodecem) enim partibus dispositus est mundus, et venit ad decimam et superest dimidium decimae. Ar² divisum enim est tempus in partes duodecim et dimidiam partem, et iam praeterierunt decem partes (add. b. et dimidia pars.). Nach Aeth wäre Lat zu korrigieren: et transiit [ad] eius decimam et dimidium decimae partis. Vielleicht ist es einfacher, im Lat zu lesen: et transierunt eius novem iam et dimidium decimae partis. Ist der gefundene Text richtig, so soll er bedeuten, daß man in die Leidenszeit der letzten dreiundeinhalb Zeiten bereits eingetreten ist.
  15. Syr (Aeth Ar¹.² Arm) et doce sapientes eorum.
  16. 2 Kor. 5,4.
  17. Griechisch Medium; Hilg. ἔκδυσαι.
  18. Griech. Konstruktion.
  19. multiplicare = πλεονάζειν wie 9,16.
  20. 4 Esra 11. Eine Klammer, die der Verf. anbringt, um die verschiedenen Stoffe zusammenzubinden.
  21. Syr (Aeth Ar¹.² Arm) loquar coram te, domine.
  22. νουθετεῖν vgl. 7,49.
  23. עוֹד.
  24. Dasselbe schon 4,23, ein Beweis, daß dieses Schlußstück vom selben Verf. wie die ersten Visionen stammt.
  25. Demnach ist der Inhalt der heil. Schriften heilige Geschichte und Eschatologie.
  26. Syr ergo; vgl. zu 4,18.
  27. νόμος תּוֹרָה = Kanon des A. T.
  28. Nach dem Vorbilde der ersten Niederschrift des Gesetzes, Ex. 24,18.
  29. Syr Saria שְֹרָיָה Σαραίας (Hilg.).
  30. Vgl. דִּבְרִי Δαβρία (Hilg.).
  31. שָׁלֶמְיָה Σαλεμίας (Hilg.).
  32. Lat Ethanum אִיתָן, Syr Arm Elkana אֶלְקָנָה Ἐλκανα.
  33. עֲזִיאֵל (Hilg.).
  34. עָתִיד.
  35. Nach dem Vorbilde des Mose.
  36. לְמָחָר.
  37. Nach dem Vorbilde des Mose, Dt. 27-31.
  38. Die 10 Stämme im Land Arzaret; vgl. 13,41ff.
  39. ἐ̓̔νδότερον ὑμῶν (Hilg.).
  40. παιδεύσητε Volkmar; vgl. Ps. 16,7.
  41. hoc bezieht sich auf ποτήριον.
  42. Des Wassers.
  43. Der Becher ist voll des heiligen Geistes; Esra wird inspiriert.
  44. Diese Worte sind eine schöne und deutliche Beschreibung des Zustands im πνεῦμα τῆς σοφίας.
  45. Während sich sonst Pneumatiker der Gedanken und Worte, die ihnen „im Geist" gekommen sind, nach der Ekstase häufig nicht wieder zu erinnern vermögen, hat Esra im Geiste Bewußtsein und Erinnerung nicht verloren. Der Verf. weiß offenbar über das πνεῦμα gut Bescheid.
  46. D. h. in einer neuen (der gegenwärtigen „hebräischen“) Schrift.
  47. Ganz parallel ist Slav. Henoch 23,6. Vgl. auch Mart. Polyk. 7,2.
  48. Lat S M nongenti quatuor, Syr Aeth Ar¹ Arm Ar. Spreng. nonaginta quatuor. — In dieser Legende, die in der Geschichte der alttestam. Kritik eine Rolle spielt, mag eine letzte Tradition von Esras Beteiligung am Zustandekommen des Pentateuchs nachwirken. Doch wirkt auch ganz anderer mythologischer Stoff ein; Slav. Henoch 23,6.
  49. Syr hos viginti quatuor libros quos scripsistis prius; vgl. Ar¹.
  50. Dies sind die Bücher des alttestam. Kanons, die in der Synagoge öffentlich vorgelesen werden und in jedermanns Hand sind.
  51. Dies sind die Apokalypsen, die Geheimschriften waren.
  52. Man beachte diese Schätzung der Apokalypsen; sie sind einst von einer Richtung des Judentums bei Weitem höher geschätzt und heiliger gehalten worden als der Kanon.
  53. Bis hierher der Lat. — Der Schluß des Buches, der im Lat wegen der beiden hinzugekommenen (christlichen) Schlußkapitel weggefallen ist, ist in den orientalischen Versionen erhalten und oben nach Syr wiedergegeben.
  54. Syr in anno septimo in hebdomada sexta. Ebenso Ar Spreng. (bei Gildemeister). Diese Zahl bezieht sich wohl auf die Lebensjahre des Esra und bedeutet wohl, daß Esra 41 Jahre alt war, als er entrückt ward. Ar¹ 76 Jahre. Arm (Aeth) anno quarto secundum hebdomada annorum.
  55. Syr post quinque millia annos creationis et menses tres et dies XII; Arm 5000 Jahre 2 Monate; Ar¹ 5025 Jahre 3 Monate 12 Tage; Ar Spreng. 5000 Jahre 3 Monate 22 Tage. Die Zahl: 3 Monate 12 Tage erinnert an die Zahl der 3½ Monate in der Offenb. Joh.
  56. Der Schluß des Buchs will nach der Fiktion des Verfassers nicht von Esra, sondern von einem Späteren sein. Er ist im Tone besonders wohl gelungen: kurz und würdig.
  57. Syr et in eis raptus est Ezras et ductus est in locum similium eius, postquam scripsit ista omnia; ebenso Ar Spreng.
  58. Syr ipse autem vocatus est scriba scientiae altissimi usque in saecula saeculorum; ebenso Ar Spreng. Dies ist sonst der Titel Henochs (Äth. Hen. 12,3f. 15,1) und des Engels Pravuel (?) Slav. Hen. 22,11.
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