Das vierte Buch Esra/Kapitel 4

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Die göttliche Antwort: Gottes Wege sind unerkennbar.
Der menschliche Geist vermag nur Weniges zu erfassen.

4 1 Da antwortete mir der Engel, der zu mir gesandt war[1], mit Namen Uriel[2], 2 und sprach zu mir: Dein Herz entsetzt sich über diese Welt, und du wünschest, die Wege des Höchsten zu begreifen? 3 Ich sprach: .Ja, Herr! — Er antwortete mir und sprach: Drei Wege bin ich gesandt, dir zu weisen und drei Gleichnisse dir vorzulegen; 4 kannst du mir eins davon kundthun[3], so will auch ich dir die Wege, die du zu schauen begehrst, zeigen und dich belehren[4], woher das böse Herz kommt[5]. 5 Ich sprach: Rede, Herr! — Er sprach zu mir:

Nun, so wäge mir das Gewicht des Feuers

oder miß mir das Maß[6] des Windes

oder ruf mir den gestrigen Tag zurück.

6 Ich erwiderte und sprach: Welchem Weibgeborenen wäre das möglich, daß du mich nach solchen Dingen fragst? — 7 Er sprach zu mir: Hätte[7] ich dich gefragt,

wieviel[8] Wohnungen im Herzen des Meers seien[9],

wieviel Quellen am Grunde der Tiefe,
oder wieviel Wege über der Veste[10],
’wo die Thore des Hades seien,

oder wo der Weg gehe ins Paradies‘[11],

8 so hättest du mir vielleicht geantwortet:

in die Tiefe bin ich nicht hinabgestiegen,

noch in den Hades bisher ’gedrungen‘[12],
noch bin ich je in den Himmel hinaufgekommen,

’noch hab’ ich das Paradies gesehen‘[13].

9 Nun habe ich dich nur über das Feuer, den Wind und den ’gestrigen‘[14] Tag gefragt, alles Dinge, ohne die du nicht sein kannst; und du hast mir darüber keine Antwort gegeben! — 10 Und er sprach weiter zu mir: Du kannst, was dein ist, was mit dir verwachsen ist[15], nicht erkennen, 11 wie wirst du dann das Gefäß sein können, das des Höchsten Walten faßt? ’Denn des Höchsten Wege sind als ewige erschaffen‘[16]; ’du aber, ein sterblicher Mensch, der im vergänglichen Äon lebt, wie kannst du das Ewige begreifen?[17].


[356]
Thöricht ist es, Widernatürliches zu begehren.

Als ich das gehört hatte, fiel ich auf mein Antlitz 12 und sprach zu ihm: Besser wäre es, wir wären nie auf die Welt gekommen[18], als nun in Sünden zu leben und zu leiden und nicht zu wissen, weshalb!13 Er antwortete mir und sprach[19]: ’Einst gingen die Wälder der Bäume des Feldes hin‘[20] und hielten Rat: 14 wohlan, wir wollen hinab gegen das Meer Krieg führen, daß es vor uns zurücktrete und wir uns ’einen neuen Wald‘[21] schaffen! 15 Ebenso hielten die Wogen des Meeres Rat: wohlan, wir wollen hinauf und den Wald des Feldes bekriegen, damit wir uns auch dort ein neues Gebiet erobern! 16 Aber des Waldes Plan ward vereitelt, denn das Feuer kam und verzehrte ihn; 17 ebenso auch der Plan der Wogen des Meeres, denn der Sand trat hin und hielt sie zurück[22]. 18 Wenn du nun[23] ihr Richter wärest[24], wem würdest[25] du Recht geben und wem Unrecht?[26] 19 Ich antwortete und sprach: Beide haben eitlen Rat gehalten; denn das Land ist dem Walde gegeben, der Raum des Meeres aber ist bestimmt, seine Wogen zu tragen. 20 Er antwortete mir und sprach: Du hast richtig geurteilt; warum aber hast du dir nicht selbst das Urteil gesprochen? 21 Denn wie das Land dem Walde gegeben ist, und das Meer seinen Wogen, ebenso können die Erdenbewohner nur das Irdische erkennen und nur die Himmlischen[27] das, was in Himmelshöhen ist[28].

Aber schmerzlich ist es, das Notwendigste nicht zu wissen.

22 Ich antwortete und sprach: Herr, ich flehe dich an, weshalb ist mir dann überhaupt das Licht der Vernunft gegeben? 23 Denn ich wollte dich nicht über Dinge fragen, die uns zu hoch sind, sondern über solche, die uns selber betreffen, jeden Tag aufs Neue:

’Weshalb‘[29] ist Israel den Heiden hingegeben zur Schmach,
dein geliebtes Volk[30] den gottlosen Stämmen?
Das Gesetz unserer Väter[31] ist vernichtet[32],
die geschriebenen Satzungen[33] sind nicht mehr;


[357]
24 wir schwinden aus[34] der Welt wie Heuschrecken[35];
unser Leben ist ein Rauch.

Wir [freilich] sind nicht einmal wert, Erbarmung zu erfahren; 25 aber was wird er für seinen Namen thun, der über uns ausgesprochen ist? Das war’s, wonach ich fragte[36].

Der kommende Äon giebt die Lösung.

26 Er antwortete mir und sprach: Wenn du bleiben wirst, wirst du’s schauen; und wenn du lange[37] leben wirst, wirst du erstaunen. Denn der Äon eilt mit Macht zu Ende.

Warum dieser Äon vorher zu Grunde gehen muß.

27 Er vermag es ja nicht, die Verheißungen, die den Frommen für die Zukunft[38] gemacht sind, zu ertragen[39]; denn dieser Äon ist voll von Trauer und Ungemach. 28 Denn gesät ist das Böse, wonach[40] du mich fragst, und noch ist seine Ernte[41] nicht erschienen. 29 Ehe das Gesäte also noch nicht geerntet, und die Stätte der bösen Saat nicht verschwunden ist, kann der Acker, da das Gute gesät ist, nicht erscheinen. 30 Denn ein Körnchen bösen Samens war im Anfang in Adams Herzen gesät, aber welche ’Frucht‘[42] der Sünde hat das bis jetzt getragen und wird weiter tragen, bis daß die Tenne erscheint. 31 Ermiß ’also‘[43] selber: wenn schon ein Körnchen bösen Samens solche Frucht der Sünde getragen hat —, 32 wenn einst Ähren ’des Guten‘[44] gesät werden ohne Zahl, welche große Ernte werden die geben!

Wann soll das geschehen?

33 Ich antwortete und sprach: Wie lange noch, wann soll das geschehen? Unser Leben ist ’ja‘[45] so kurz und elend[46]. 34 Er aber antwortete und sprach: Du willst doch nicht mehr eilen als der Höchste? Denn du willst Eile um deiner selbst willen, der Höchste aber[47] für Viele[48].

Das Ende kommt, wann die Zahl der Gerechten voll ist.

35 Diese deine Frage haben schon die Seelen der Gerechten in ihren Kammern[49] gethan[50]; die sprachen: Wie lange ’sollen wir‘[51] noch ’hier‘[52] ’bleiben‘?[53] Wann erscheint endlich die Frucht auf der Tenne unseres Lohns? 36 Aber ihnen hat der Erzengel Jeremiel[54] geantwortet und gesprochen: wann die Zahl von Euresgleichen voll ist[55]!

[358]
Denn Er hat auf der Wage den Äon gewogen,

37 Er hat die Stunden mit dem Maße gemessen
und nach der Zahl die Zeiten[56] gezählt[57].
Er stört sie nicht und weckt sie nicht auf,

bis das angesagte Maß erfüllt ist[58].

38 Ich antwortete und sprach: Herr, mein Gebieter, aber auch wir sind voller Sünden. 39 Wird nicht vielleicht unsertwegen die Tenne der Gerechten aufgehalten, um der Sünden der Erdenbewohner willen? 40 Er antwortete mir und sprach: Geh hin, frage die Schwangere, ob ihr Schoß, wenn ihre neun Monate um sind, noch das Kind bei sich behalten kann? 41 Ich sprach: Gewiß nicht, Herr. Er sprach zu mir: Die Wohnungen der Seelen[59] im Hades sind dem Mutterschoße gleich; 42 denn wie ein gebärendes Weib der Schmerzen[60] der Geburt möglichst bald sich zu entledigen ’strebt‘[61], so streben auch sie darnach, möglichst bald das zurückzugeben, was ihnen im Anfang vertraut ist. 43 Dann wird man dir zeigen, was du zu schauen begehrst.

Das Ende kommt bald.

44 Ich antwortete und sprach: Wenn ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, wenn es möglich ist, und wenn ich dazu[62] fähig bin[63], 45 so zeige mir auch dies: ob noch längere Zeit, als schon vergangen ist, uns bevorsteht, oder ob wir bereits das Meiste hinter uns haben[64]? 46 Denn wieviel vergangen ist, weiß ich wohl[65]; aber die Zukunft kenne ich nicht. — 47 Er sprach zu mir: Tritt nach rechts, so will ich dir den Sinn eines Gleichnisses erklären. 48 Als ich nun hintrat, da sah ich, wie ein glühender Ofen an mir vorüberfuhr[66]; und als das Feuer vorüber war, sah ich, wie noch Rauch zurückblieb. 49 Darnach zog eine Wolke, voll Wassers, an mir vorüber; die ließ einen mächtigen Regenguß[67] herab. Als aber der Regenguß vorüber war, blieben noch einzelne Tropfen darin zurück. 50 Da sprach er zu mir: Nun überlege selbst: wie des Regens mehr ist[68] als der Tropfen und des Feuers mehr ist als des Rauchs, so ist das Maß der Vergangenheit bei Weitem größer gewesen; zurück aber sind nur noch geblieben — Tropfen und Rauch.


[359]
Dem Ende gehen folgende Zeichen voraus.

51 Ich flehte und sprach: Glaubst du, daß ich leben werde bis zu jenen Tagen? ’Was‘[69] wird in jenen Tagen geschehen?52 Er antwortete mir und sprach: Die Zeichen, nach denen du fragst[70], kann ich dir zum Teil sagen; über dein Leben aber dir etwas zu sagen, bin ich nicht gesandt[71] und weiß es selber nicht[72].


  1. Man beachte, daß der Verfasser die Gelegenheit, die Engelerscheinung zu beschreiben, nicht benußt; vgl. Offenb. Joh. 1; 4 Esra ist ein echter Schüler der Propheten und dringt auf die Gedanken; er verschmäht den phantastisch-mythologischen Stoff. Ebendahin gehört, daß er vom Teufel nicht redet. Ebenso ist die Haltung der paulinischen Spekulation.
  2. אוּרׅיאֵל — Die Engelnamen, sämtlich auf -’el gebildet, sind bis jetzt ein noch ungelöstes, schwieriges religionsgeschichtliches Problem.
  3. Die Wiederaufnahme des de quibus durch ex his ist ein Hebraismus.
  4. doceam wie 10,38; respondeam 8,25 und appareas 11,45 Futurum; vgl. Bensly, Missing Fragment S. 16.
  5. Vgl. zum folgenden Passus Apoc. Esdrae (ed. Tischendorf) S. 27. 28 und Apoc. Sedrach 8.
  6. σάτον Hilg.
  7. Lat si eram interrogans te — —, dicebas fortsassis mihi = εἰ ἤμην ἐπερωτῶν σε — — ἔλεγες ἄν μοι Hilg.
  8. Lat quantae = quot = πόσαι Hilg., vgl. Rönsch, Itala u. Vulgata S. 336.
  9. Dieser kosmologische Stoff, der im Äth. Henoch so großen Raum einnimmt, tritt im 4 Esra ganz zurück; auch dies ist charakteristisch für den Verfasser, dem die Geschichte, nicht die Kosmologie am Herzen liegt.
  10. Für die Sterne.
  11. Syr (Aeth Ar¹.² Arm) aut qui sunt exitus inferni, aut quae sunt viae paradisi. Nicht selten hat Lat solche Lücken, z. B. 5,37. 6,44. 7,32. 14,13.
  12. Das Verbum, das Syr Aeth Ar¹.² Arm haben, hat Lat aus Bequemlichkeit ausgelassen; so oft im zweiten Gliede des Verses, z. B. 7,32.48.61. 12,32. 14,5; vgl. auch 7,84. 8,4. 10,35.
  13. Ar² (Aeth Arm) nec vidi paradisum.
  14. ἧς διήγαγες Hilg. nach Ar¹.² Aeth Lat S A per quem.
  15. σὺ ὅσα σά ἐστι μετὰ σοῦ συμβλαστάνοντα v. Wilamowitz. Anspielung an die Lehre, daß auch der Mikrokosmos aus den Elementen: Feuer, Luft (Wasser und Erde) gebildet ist; vgl. auch 8,8. Auch diese Lehre ist wohl orientalischer Herkunft.
  16. Der Satz ist im Lat ausgefallen; Aeth nam in infinito via altissimi creata est; vgl. Syr. [356] Die ewigen „Wege“ Gottes sind seine Ratschlüsse, die wie die Weisheit als selbständige Hypostasen gedacht werden; vgl. 1 Kor. 2, 9.
  17. [356] Aeth nec tu potes, qui corruptibilis es, intellegere viam eius, qui incorruptibilis est; Syr neque potest corruptibilis in saeculo corruptibili cognoscere viam incorruptibilis; Arm caducus es et in corruptibili vita habitans es non potes cognoscere vias incorrupti. — Die obige Rekonstruktion macht nur den Anspruch, den Sinn der Stelle richtig zu treffen. Lat exteritus „aufgerieben“; vgl. Bensly, Missing Fragment S. 32.
  18. Der Ausdruck setzt ursprünglich den Glauben an die Präexistenz der menschlichen Seelen voraus; vgl. Ap. Bar. 3,1. Weish. 8,20. — Zum Sinn vgl. Apoc. Esdrae (ed. Tischendorf) S. 24: καλὸν μὴ γεννηθῆναι τὸν ἄνθρωπον ἢ εἰσελθεῖν ἐν τῷ κόσμῳ · S. 25: καλὸν τὸ μὴ εἶναι ἐν βίῳ und Apoc Sedrach 4: καλὸν ἦν τῷ ἀνθρώπῳ εἰ οὐκ ἐγεννήθη.
  19. Das folgende Stück ist Musterbeispiel einer Parabel.
  20. Syr proficiscentes profectae sunt silvae lignorum campi; vgl. Aeth Arm; vgl. Richt. 9,8 (Wellhausen, G.G.A. 1896, S. 12).
  21. Syr Aeth Singular, Lat Arm Plural.
  22. Jer. 5,22. — Das Attentat des Meers auf das Land, zurückgehalten durch den Sand, ist ein uraltes Motiv der Schöpfungsgeschichte. Der Krieg der Bäume gegen das Meer, der durch die Anschauung der Natur nicht gegeben ist, ist vom Verfasser als Gegenstück ad hoc erdichtet worden.
  23. Syr ergo; vgl. 14,22. Verwechselung von δέ und δή, wie häufig Volkmar S. 315.
  24. εἰ δὴ ἦς κριτὴς τούτων Hilg.
  25. ἤμελλες Hilg.
  26. Mit einer solchen Frage zu schließen, ist Parabelstil; vgl. Jülicher, Gleichnisreden Jesu I, S. 93 und passim.
  27. Syr Singular, Ar² Arm Plural.
  28. Der resignierende Trost aus der Natur der Dinge, der man sich fügen muß, atmet antiken Geist.
  29. Syr (Aeth Ar²) quoniam = διότι, Ar¹ (Arm) quare = διὰ τί Hilg.
  30. ὃν ἠγάπησας λαόν Hilg.
  31. Ein uns befremdender Ausdruck, da wir „Gottes Gesetz“ erwarten; das Gesetz war aber damals zugleich Volkssitte, Gal. 1,14.
  32. Vgl. hierüber weiter 4. Esra 14,21ff.
  33. Lat dispositionis, —is ist Pluralendung.
  34. Lat pertransire de ist wohl = עָבַר מׅן.
  35. Die jeder achtlos zertritt.
  36. In diesem Angstschrei der Verzweiflung gipfelt das Problem; von nun an folgt der Trost.
  37. Syr et si multum vixeris, miraberis.
  38. Oder: zu ihrer Zeit.
  39. Man beachte, wie der Verfasser diese Welt vollständig aufgiebt. Diese Betrachtung der beiden Äonen ist nicht die alttestamentliche, wonach vielmehr die zukünftige erhoffte Zeit eine Verklärung der Gegenwart ist; die Frage, woher diese Betrachtung entstanden sei, ist noch nicht gelöst. — Dem Judentum ist der Glaube an die beiden Äonen ein Trost, da sonach die einzelnen, persönlichen Leiden als Teile eines notwendigen allgemeinen Leidens erscheinen, und da ferner dem Schmerzensäon der viel überwiegende zukünftige Äon gegenübergestellt wird.
  40. Lat de eo, hebraisierende Ergänzung des Relativums.
  41. Hes. 17,9 et fructus eius distringet (Bensly, Missing Fragment S. 25, A. 4), Syr Ar² area, Aeth messis.
  42. Syr quantos fructus impietatis; vgl. Aeth.
  43. Syr ergo; vgl. zu 4, 18.
  44. Syr (Aeth. Ar²) spicae bonorum.
  45. Syr (Aeth Ar¹.²) quia.
  46. Gen. 47,9.
  47. nam hier = δέ; ebenso 7,13.88. 9,32.33.37. 11,4.21.24. 12,15.27.34. 13,45. 14,40.
  48. Solche Ermahnungen zur Geduld sind in den Apokalypsen ständig; die Ergebung in Gottes Willen ist die höchste Tugend einer Zeit, in der gerade die Besten und Frömmsten inbrünstig das Ende dieser Welt herbeisehnen.
  49. Spr. 7,27. Jes. 57,2.
  50. Die mitgeteilte Tradition wird auch Offenb. Joh. 6,9ff., dort in anderer Rezension, wiedergegeben. Beide Stellen sind litterarisch voneinander unabhängig.
  51. Syr Aeth Arm Ar² Plural.
  52. Syr Aeth Arm Ar² hic.
  53. Syr Aeth Arm Ar² sumus, manemus.
  54. יְרַחְמְאֵל Ἰερεμιήλ. — „Eremiel“ heißt der Engel, der die Seelen in der Unterwelt bewacht, in der Apokalypse des Elias, ed. Steindorff 10.
  55. Der Verf. hätte, wenn er gewollt hätte, auch mit bestimmten [358] Zahlen sprechen können; die Zahl ist 144 000 Offenb. Joh. 7,4; die Herkunft dieser Zahl ist unbekannt. Ähnliche Fälle unbestimmter (charakteristisch-apokalyptischer) Redeweise sind 5,6. 6,52. 13,34.
  56. Syr (Arm) hat Wechsel im Ausdruck.
  57. Weish. 11,20.
  58. Die Anschauung, daß die Zeiten von Gott im Voraus gezählt sind, spielt im Judentum eine große Rolle. Diese Anschauung von der Prädestination des Weltlaufs ist die Grundlage der weltgeschichtlichen Periodisierungen und der Berechnungen des Endes. Diese ganze Betrachtung hängt urspr. mit Astronomie zusammen und ist wie vieles Andere im Judentum fremdländischen Ursprungs. — Das angesagte Maß: angesagt den Propheten (und Apokalyptikern). Auch dieser Ausdruck ist unbestimmt, vgl. oben zu V. 36; konkret ist dies „Maß“ die Weltära (von 7000 Jahren).
  59. Nach dem Zusammenhang: der noch nicht geborenen Seelen.
  60. ἀνάγκη= צְרָה; Volkmar.
  61. Im hebräischen Impf.
  62. Es zu begreifen.
  63. So ist der Verfasser durch die vorhergehenden Abweichungen vorsichtig geworden.
  64. Diese Frage ist streng genommen bereits in 4,26 im Voraus beantwortet. Die Wiederholung der Frage, die 5,5-55 nochmals begegnet, erklärt sich aus dem religiösen Interesse des Apokalyptikers (vgl. die Einleitung S. 336f.), zugleich aber daraus, daß er hier wie 5,50ff. bereits geformte Stoffe aufnimmt. Ebenso werden mehrfach aus verschiedenen Traditionen die „Zeichen der Zeit“ angegeben: 4,51-5,12. 6,11-28 und andererseits die der Sache nach völlig von vorn einsetzende Aufzählung 9,3f. — Eine ähnliche Frage wie die obige findet sich in der Oratio Moysi, Texts and Studies II,3, S. 172: ostende mihi, quanta quantitas temporis transiit, et quanta remansit.
  65. Aus der biblischen Chronologie.
  66. Ofen und Rauch im Gesichte auch Gen. 15.
  67. ὑετὸν ὁρμῇ πολύν Hilg.
  68. πλεονάζει Volkmar.
  69. Aeth Ar¹.² quid, Lat Syr quis.
  70. Diese Frage ist in den Worten: „Was wird in jenen Tagen geschehen?“ enthalten; was in jenen Tagen (unmittelbar vor dem Ende) geschieht, ist dem Kundigen ein Zeichen, daß das Ende da ist; vgl. 9,1f.
  71. Das apokalyptische Judentum zeigt sich mehrfach von den beiden entgegenstehenden Interessen bestimmt: 1) von dem Wunsche, die Zeit des Endes möglichst genau zu erkennen, 2) zugleich von dem Eindruck, daß eine allzu genaue Kenntnis ein Eingriff in Gottes Rechte sein würde.
  72. Nichtwissen der Engel, speziell über Eschatologisches Mark. 13,32. 1 Petr. 1,12. Eph. 3,10.
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