Das wüste Dorf Reinhardswalde

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Friedrich Bernhard Störzner
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das wüste Dorf Reinhardswalde
Untertitel:
aus: Was die Heimat erzählt. Sagen, geschichtliche Bilder und denkwürdige Begebenheiten aus Sachsen, S. 52–56
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1904
Verlag: Arwed Strauch
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: SLUB Dresden und Commons
Kurzbeschreibung:
Siehe das Reinhardtswalder Sagenbüchlein des Verfassers
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[52]
Was die Heimat erzählt (Störzner) 052a.jpg


18. Das wüste Dorf Reinhardtswalde.

Im großen Karswalde, einer umfangreichen Waldung, die sich zwischen den Dörfern Arnsdorf, Kleinwolmsdorf, Dittersbach, Wilschdorf und Fischbach ausbreitet, liegen seit Jahrhunderten die moosbewachsenen Trümmer eines ehemaligen Dorfes, das einst Reinhardtswalde genannt wurde. Dasselbe ward im Hussitenkriege zerstört. Seit jener Zeit liegt Reinhardtswalde wüste. Allgemein bezeichnet man noch heute diese Trümmerstätte mit dem Namen: „Das wüste Dorf“. Oft wurden hier alte Mauersteine, Mauerreste, Kellerräume, behauene Balken, Haken, Eisenbänder, Eisenklammern und dergl. mehr aufgefunden. Auch heute geschieht es nicht selten, daß beim Waldroden an bezeichneter Stelle ähnliche Gegenstände gefunden werden. So fand man beim Bau der Bahnlinie „Arnsdorf–Pirna“, welche den Karswald mitten durchschneidet, in der Nähe des wüsten Dorfes eine hussitische Streitaxt.

Reinhardtswalde dehnte sich von Nordosten nach Südwesten aus. Diese Richtung erkennt man aus dem Laufe eines Bächleins, das jene stillen Waldwiesen durchschlängelt, und an dessen Ufern sich der Ort jedenfalls hinzog, wie aus den Brettern, Balken, Pfosten und Steinen zu schließen ist, die in diesem Wasser aufgefunden worden sind und auch noch gefunden werden. Dieser Graben ist darum wohl als der ehemalige Dorfbach von Reinhardtswalde anzusehen. Derselbe entspringt in der Nähe des Schänkhübels an der Bautzener Straße.

Das verwüstete Dorf Reinhardtswalde war ein gar stattliches Kirchdorf und als solches Filial von Kleinwolmsdorf bei Radeberg. Darum gehören auch die einstigen Reinhardtswalder Grundstücke heute zu Kleinwolmsdorf. Wohl der größte Teil des wüsten Dorfes gehört seit den ältesten Zeiten dem Kleinwolmsdorfer Lehngerichte.

Am erwähnten Bächlein wandern wir aufwärts. Zu beiden Seiten breiten sich einsame Wiesen aus, die vom Walde umrahmt sind. Nach kurzer Wanderung kommen wir in ein kleines, enges, von dunkelm Fichtenwalde überdecktes Tal. Hier war die Mitte des Dorfes, und auf dem Hügel zur rechten Hand stand die Kirche von Reinhardtswalde. Noch heute nennt man diesen Hügel den Kirchberg. Neben der Kirche befand sich der Kirchhof. Vor einigen Jahrzehnten wurde auf dem Kirchberge ein Grabgewölbe entdeckt.

Am oberen Ende dieses anmutigen und walddunkeln Tales lag die Mühle von Reinhardtswalde. Die Dämme der ehemaligen Mühlteiche, die sehr umfangreich gewesen sein müssen, sind noch ganz deutlich zu erkennen. Diese Teiche sind trockengelegt und in Wiesenland umgewandelt worden. Vom alten Wehre sind noch Spuren vorhanden.

[53] Am Kirchberge vorüber führt quer durch das wüste Dorf ein alter Waldweg, der die Dörfer Kleinwolmsdorf, Wilschdorf und Dittersbach seit den ältesten Zeiten verbindet. Denselben nannte man früher den Reinhardtswalder Weg. Er gilt allgemein als der frühere Weg, auf dem die Reinhardtswalder nach den erwähnten Dörfern gingen. Auf einem Hügel hart an diesem Wege stand der Kirche gegenüber die alte Dorfschenke. Noch vor Jahrzehnten sah man hier Mauerreste und alte Gewölbe, ja sogar einen verfallenen Backofen. In den Gewölben lagen Flaschen, Teller, Schüsseln und Töpfe, die altertümliche Formen zeigten und gut erhalten waren. Ein Mann aus Kleinwolmsdorf nahm diese alten Fundgegenstände mit nach Hause und hat sie in seinem Haushalte viele Jahre benutzt, bis sie mit der Zeit leider ganz verloren gingen. In der Nähe des alten Backofens entdeckte man unter dem Steingeröll einen umfangreichen und mit Steinen regelrecht belegten Platz, wahrscheinlich den Hof des alten Reinhardtswalder Wirtshauses. Heute ist von diesen Trümmern leider nichts mehr zu sehen, da man dieselben beseitigt, den Platz geebnet und in eine Wiese umgewandelt hat. Aber unter der Oberfläche dieser Waldwiese, in 1/2 m Tiefe, stößt man noch jetzt auf den mit Steinen belegten Hof des Reinhardtswalder Gasthauses.

Warum zerstörten die Hussiten das Dorf Reinhardtswalde?

Reinhardtswalde lag im Stifte Meißen. Der damalige Bischof von Meißen hatte, als er noch Rektor der Universität Leipzig war, dem Todesurteile, das man über Huß ausgesprochen hatte, zugestimmt. Hierfür suchten sich die Hussiten zu rächen und plünderten und brandschatzten besonders die Dörfer in der Nähe des Schlosses Stolpen, wo der Bischof damals sich aufhielt. Nachdem die Hussiten das Städtchen Jockrim bei der Burg Stolpen, dann die Dörfer Röthendorf und Letzsche dem Erdboden gleichgemacht hatten, brandschatzten sie auch die umliegenden Ortschaften. Reinhardtswalde war den Bischöfen besonders lieb und wert. Die Reinhardtswalder galten als vermögende Leute und zahlten hohen Zins an den Bischof. Das wußten die Hussiten. Deshalb zündeten sie Reinhardtswalde eines Tages an allen Ecken und Enden an und verwandelten dieses stattliche Dorf in einen rauchenden Trümmerhaufen. Nicht ein Haus blieb stehen. Alles wurde dem Erdboden gleichgemacht. Die Bewohner des brennenden Dorfes wurden aber zur höchsten Wut getrieben und warfen sich mit allerhand Waffen tigerähnlich auf den erbarmungslosen Feind. So kam es zwischen den Hussiten und den Reinhardtswaldern zu einem blutigen Kampfe. Doch die Reinhardtswalder unterlagen. Weiber, Kinder und Greise flüchteten in die umliegenden Wälder. Die Männer und Jünglinge aber fanden fast alle ihren Tod im Kampfe um den heimischen Herd, im Kampfe um Weib und Kind. Das Blut soll nach der Sage in Bächlein über den Waldboden gelaufen sein. Die Waldwiese aber, auf der die Hussiten bei Reinhardtswalde ihr Lager aufgeschlagen hatten und auf der es zwischen ihnen und den unglücklichen Bewohnern von Reinhardtswalde zum verzweiflungsvollen Kampfe kam, führt zur Erinnerung an jenes traurige Ereignis, zur Erinnerung an den Untergang der Reinhardtswalder Männer und Jünglinge, noch heute den Namen: „Die Krigkwiese“. [Kriegwiese.]

Was wurde nun aus den noch am Leben gebliebenen Bewohnern von Reinhardtswalde?

Die geflohenen Kinder, Weiber und Greise von Reinhardtswalde fanden liebevolle Aufnahme in den benachbarten Dörfern, besonders in Kleinwolmsdorf und Wilschdorf. Das Dorf Reinhardtswalde wurde aber nicht wieder aufgebaut. Es blieb ein Trümmerhaufen, den bald Heidekraut und Wald [54] überzog. Nachdem einige Jahre vergangen waren, wurde der Grundbesitz auf staatliche Anordnung geteilt. Zu dieser Verteilung erhielten die Bewohner von Wilschdorf und Kleinwolmsdorf, da dortselbst die geflüchteten Reinhardtswalder sich aufhielten, Einladung. Sie sollten die Flur von Reinhardtswalde für die rückständigen Steuern übernehmen. Doch die Wilschdorfer waren gar nicht erschienen und hatten sämtlich abgesagt. Nun wurde die Reinhardtswalder Flur den Kleinwolmsdorfern durch den Staat zugesprochen.

Die Sage erzählt über diese Verteilung folgendes:

Bei der Verteilung des wüsten Dorfes Reinhardtswalde ging nicht alles ab. Eine Frau aus Reinhardtswalde, die in Kleinwolmsdorf im Hause Nr. 66 wohnte, sagte: „Ich nehme, was übrig bleibt.“ – Und es blieben „34 Acker“ (68 Scheffel) Wald übrig. Dieses kleine Waldgebiet heißt in Urkunden „Der Frau ihr Holz“. Heute nennt man es das „Frauenholz“.

Diese Frau hinterließ keine Erben. Dadurch kam das Frauenholz wieder an den Staat und wurde im Jahre 1852 vom Lehnrichter Hübner in Kleinwolmsdorf durch Tauschhandel erworben. Hübner trat für das Frauenholz, das etwa 1/2 km westlich von der Bahnlinie „Arnsdorf–Pirna“ liegt, den Pinchteich und Flüchteich an den Staat ab, der dieselben entwässern ließ und bewaldete.

Das wüste Dorf ist eine reiche Sagenstätte. Hier lauscht und flüstert die Sage seit Jahrhunderten. Viel wissen die Leute von hier sich zu erzählen. Einige der schönsten Sagen mögen hier folgen:

Vor vielen, vielen Jahren, als noch Wildschweine unsere Wälder bewohnten, wurde im wüsten Dorfe eine Glocke aufgefunden. Dieselbe war von einem Wildschwein aus der Erde gewühlt worden. Eine Henne scharrte die noch mit Erde bedeckte Glocke frei und eine Frau, mit Namen Hanne, soll diese Glocke im Walde beim Beerensuchen gefunden haben. Seit jener Zeit hängt die aufgefundene Glocke auf dem Kirchturme des benachbarten Wilschdorf und ist von den drei dortigen Kirchenglocken die kleinste und älteste. Dieselbe ist noch gut erhalten, nur der untere Rand ist etwas beschädigt, doch ist trotzdem der Klang rein und silberhell. Noch heute ruft sie allsonntäglich die Beter zum Gotteshause. Eine Jahreszahl enthält die Glocke nicht, ebenso fehlt auch jede andere Inschrift. Aus dem Klange dieser altehrwürdigen Glocke hat man früher die Worte hören wollen:

„Saue wühle,
Henne scharre,
Hanne fand se.“ –

Vor Jahren ging zur Sommerzeit ein Handwerksbursche von Dittersbach nach Kleinwolmsdorf. Er benützte den alten Reinhardtswalder Weg und kam um die Mittagsstunde durch das wüste Dorf. Heiß brannte die Sonne nieder, doch wohltuend war der kühle Schatten des Waldes. Da stand, als er in einen stillen Wiesengrund kam, hart am Wege ein altes, mit Stroh gedecktes Wirtshaus, aus dem lustige Töne klangen. Er trat näher und merkte, daß hier eine Hochzeit gefeiert und in der niedrigen Gaststube Hochzeitstanz abgehalten wurde. Schüchtern trat der Wanderbursche ein und wunderte sich über die altertümlichen Trachten der Hochzeitsgäste. Wie er so zusah und sich verwunderte, kam die Braut auf ihn zu, forderte ihn zum Tanze auf und tanzte mit ihm. Darauf reichte sie ihm einen Krug mit perlendem Weine. Der Handwerksbursche tat einen kräftigen Zug, sah dann dem Tanze noch einige Zeit zu und setzte sich darauf draußen vor der Türe auf eine Steinbank nieder. Hier schlief er gar bald ein. Als er erwachte, war kein Wirtshaus [55] mehr zu sehen. Der Wanderbursche saß auf einem bemoosten Steine am Waldesrande, und vor ihm lag eine einsame Waldwiese. Die Sonne neigte sich zum Untergange, und oben in den Wipfeln der Bäume sangen die Vöglein ihr Abendlied. Dem Handwerksburschen war alles wie ein Traum, er stand auf und ging nach Kleinwolmsdorf. Dort erzählte er den Leuten, was ihm begegnet war. – Diese Scheinhochzeit soll sich jedes Jahr wiederholen. –

Was die Heimat erzählt (Störzner) 055a.jpg

Das alte Wirtshaus im wüsten Dorf Reinhardtswalde. Die Scheinhochzeit.

Das wüste Dorf liegt abseits von den Verkehrswegen. Still ist es dort, waldeinsamstill an der Stätte jenes ehemaligen Dorfes. Nur den Wald hört der Wanderer rauschen und die Waldvöglein singen. Doch des Nachts, wenn die Waldkäuzchen klagen und der Vollmond über dem Waldmeere droben am Himmel steht, dann hört man durch den stillen Forst die Glocken von Reinhardtswalde lauten. Auf dem Kirchberg erhebt sich ein altehrwürdiges Kirchlein mit hellerleuchteten Fenstern. Geisterhafte Gestalten ziehen hinaus zum Gotteshause. [56] Aus dem grünen Wiesengrunde heben sich kleine, strohbedeckte Hütten empor. Das sind die Häuser von Reinhardtswalde. Das Bächlein plätschert, zu dessen Ufer die Hirsche kommen und trinken. Wer es wagt, zur Mitternachtsstunde in das wüste Dorf zu gehen, dem soll dort noch mancher Spuk begegnen.