David und Salomo/01. Vortrag

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I.
1. Chron. 10, 35–39; 11, 1–6; 11, 7–10.


1.

 Dient eine Lection wie diese auch zur Erbauung? Einen Haufen Namen habt ihr lesen hören, die ihr außer den bekannten so schnell wieder vergessen habt als sie gelesen wurden. Aber man kann auch aus Geschlechtsregistern lernen. Man kann dem, der mit Verstand liest, versichern, daß er bei jedem Geschlechtsregister eine süße Frucht finden werde oder doch wenigstens eine Gedankenreihe, die es werth ist, durchgedacht zu werden. Das Geschlechtsregister Sauls ist an sich von keinem großen Werth. Dennoch aber ist es von Werth, wenn es auch nur zeigt, daß Saul nicht der König sein kann, von dem der HErr abstammt nach dem Fleisch. Wer das Geschlechtsregister Sauls liest, der weiß von vornherein, daß es nicht Gottes Absicht gewesen sein kann, in Saul den König zu geben, den man erwartete. Er heißt wol einmal der Erwählte und ist von Samuel gesalbt. Aber dennoch ist er Saul, d. i. der Geforderte, nicht der von Gott in Gnaden Gegebene. Gott hat Israel von Anfang an Könige verheißen, aber keine geforderten, sondern solche, die ER aus freier Gnade auf Seinen Wunderwegen geben würde.

 Fordern darf man nicht von Gott, beten muß man um Seine Gaben, aber Zeit und Stunde Ihm überlassen. Es gibt Gebetserhörungen, die sind keines Preises werth, die| werden gegeben im Zorn des Allmächtigen. So verlangten die Juden einen König und zwar wie die andern Völker, und der HErr gibt ihnen einen; aber der kann nicht sein der Vater des Königs, dem das Scepter nimmermehr entwendet werden soll. Das lernt aus dem Geschlechtsregister Sauls.


2.

 Was gefällt uns an dem Sohne Sauls, an Jonathan so sehr? Die Freundschaft mit David. Und warum ist dieses Freundschaftsbündniß Jonathans und Davids so hoch anzuschlagen, daß es seitdem aller echten Freundschaft Schild und Wappen geworden ist? Weil er ein Freund dessen geworden ist, dessen Feind zu werden er die natürliche, sündliche Reizung in sich verspüren konnte. Das ist das Große an Jonathan, daß er, obwol sein Vater König ist, und er glauben kann ein Recht zu haben, an dessen Stelle zu treten, dennoch mit dem echten, von Gott erwählten König einen Freundschaftsbund schließt, auf den Thron verzichtet, dem David weicht und nur der Nächste nach ihm zu sein begehrt. Jonathan wußte unterzugehen, darum ist er so groß und sein Name so gefeiert in der Welt. Er zeigt sich neben David in eben dem schönen Lichte, wie Johannes der Täufer neben dem Erlöser (Joh. 3, 30).

 So groß aber Jonathan ist, so wäre sein Vater doch noch größer gewesen, wenn er, seinem Sohne nach, auch gewußt hätte unterzugehen, wenn er, statt den Erben der Verheißung zu verfolgen, sich ihm willig untergeordnet hätte und nun auch in Davids Kriege gezogen wäre, wie David früher in die seinigen. Ja, wenn er dem göttlich verordneten König Krone und Scepter überlassen oder wenigstens verstanden hätte, David als künftigen König zu lieben, dann würde jedermann den Saul glücklich preisen, und man würde den Stamm| Benjamin rühmen unter den Stämmen Israels, weil aus ihm ein König hervorgegangen, der die schönste Krone, die Krone der Demuth, auf dem Haupte trägt. Weil er das nicht konnte, weil er nicht göttlich unterzugehen wußte, so gieng er menschlich, heidnisch, teuflisch unter. Ja, völlig heidnisch! Den Abend vorher hat er Zauberei getrieben und bei Wahrsagerinnen sich Raths erholt, die er doch früher überall ausgerottet hatte. Und den andern Tag stürzt er – wiederum echt heidnisch – sich in sein Schwert, wird ein Verführer seines Waffenträgers und ein Vorbild der Selbstmörder und geht unter mit Schmach und Schande.

 Wer den Weg der Demüthigung gehen kann, der spricht mit David: „Wenn Du mich demüthigst, so machst Du mich groß.“ Wer aber stolzen Herzens ist, der sinkt mit jedem Tag, bis er endlich im Hochmuth stecken bleibt, und erfährt das Wort des Apostels: Den Hoffärtigen widerstehet Gott; sie gehen mit Angst und Elend zu Grunde.


3.
 Warum hat sich denn Saul in sein eigen Schwert gestürzt? Damit die Unbeschnittenen ihn nicht schändlich behandeln könnten. Weil er aber, selbst ein Beschnittener, den Gott der Beschnittenen nicht besser zu ehren weiß, so gönnt der HErr ihm auch nicht, der Schande zu entfliehen. Sein Leichnam muß die größte Schmach erfahren. Die Feinde ziehen ihn aus und lassen den König in nacktem Elend auf dem Berg Gilboa unter dem Thau des Himmels liegen, ein Aas den wilden Thieren. Sein Haupt wird ihm abgeschlagen, seine Rüstung von den Philistern als Trophäe aufgestellt im Haus ihres Gottes und sein Haupt angenagelt an Dagons Thür. Wäre er gestorben den ehrlichen, männlichen Soldatentod, das Schwert in der Hand, hätte er den Tempel, den Gott ihm gegeben,| respectirt und nicht die eigene Hand an den Leib des Gesalbten des HErrn gelegt, so würde der HErr ihn vielleicht verschont und den König der Beschnittenen vor der Schande der Unbeschnittenen bewahrt haben. So aber hat er schändlich sein Leben verloren, und nachdem er angefangen hat zu regiren wie eine Sonne, löscht er aus und geht unter in Finsterniß. Sonst sagt man: Ende gut, alles gut, und ein gutes Ende läßt die Fehler und Mängel eines ganzen Lebens vergessen. Aber bei Saul hat das Ende den guten Eindruck des ganzen Lebens ausgetilgt. Bei ihm ist das Ende schlecht, es klaffen alle Fehler seines Lebens, auch die Art seines Todes ist schlecht.

 Da sieht man, wie man nicht wandeln soll. Ein jeder gehe schlicht und einfach den Weg, den er gehen soll, sorge vor allem für seiner Seelen ewiges Heil und sorge nicht für seinen Leib und dessen Ehre über den Tod hinaus. Vergißt ihn dann auch die ganze Welt, wächst Gras über seinem Andenken, so wird doch sein Gedächtniß im Himmel bewahrt bleiben, und der HErr wird den Tod Seiner Heiligen werth achten und ihrer gedenken in Ewigkeit. Amen.

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