De vulgari eloquentia/II. Buch – Viertes Kapitel

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Viertes Kapitel.
Von der Weise der Kanzonen und von der Schreibart Derjenigen, welche Gedichte machen.


Nachdem wir entwirrend bewiesen haben, wer die der Hofvolkssprache Würdigen sind und welche Gegenstände, desgleichen welche Weise wir so großer Ehre würdig halten, daß sie allein der erhabensten Volkssprache zukomme, wollen wir, ehe wir zu Anderem gehen, die Weise der Kanzonen, welche Viele mehr durch Zufall als mit Kunst zu gebrauchen scheinen, uns enthüllen, und, die bisher nur zufällig angenommen ist, die Werkstätte jener Kunst entriegeln, die Weise der Ballaten und Sonette übergehend, weil wir diese zu erklären denken im vierten Theile dieses Werkes, wenn wir von der mittleren Volkssprache handeln werden. Indem wir also zurückblicken auf Das, was gesagt ist, erinnern wir uns, Diejenigen, welche in der Volkssprache Verse machen, mehrmals Dichter genannt zu haben, was wir ohne Zweifel [136] mit Grund herauszustoßen uns vorgenommen haben, weil sie allerdings Dichter sind, wenn wir die Dichtkunst recht betrachten, welche nichts Anderes ist, als eine rednerische Dichtung in Töne gesetzt. Sie unterscheiden sich jedoch von den großen Dichtern, das heißt, den geregelten[1], weil diese in langer Rede und regelmäßiger Kunst gedichtet haben, jene aber zufällig, wie gesagt ist. Daher kommt es, daß, je näher jenen unser Nachahmung kommt, wir um so richtiger dichten. Daher müssen wir, etwas Gelehrsamkeit auf unser Werk verwendend, ihren poetischen Lehren nacheifern. Vor Allem demnach sagen wir, daß ein Jeder ein gemäßes Gewicht von Stoff auf seine Schultern nehmen müsse, damit nicht etwa die zu sehr beschwerte Kraft der Schultern in den Schmutz niedergezogen werde. Dies ist es, was unser Meister Horatius empfiehlt, wenn er im Anfang der Poetik sagt:

Wählt die Materie wohl, die gleich sei eueren Kräften, Schreibende.

Sodann müssen wir bei den Dingen, welche zu sagen vorkommen, Sonderung anwenden, ob sie tragisch oder komisch oder elegisch zu singen sind. Für die Tragödie nehmen wir die höhere Schreibart an, für die Komödie die niedere; unter Elegie verstehen wir die Schreibart der Unglücklichen. Wenn tragisch etwas zu singen scheint, muß man die erlauchte Volkssprache anwenden und folglich eine Kanzone verfassen. Wenn aber komisch, dann werde bisweilen die mittlere, bisweilen die niedere Volkssprache genommen, und die Sonderung derselben schieben wir auf im vierten Buche dieses Werkes zu zeigen. Wenn aber elegisch, müssen wir blos die niedere nehmen. Aber übergehen wir die andern und behandeln wir jetzt, wie es gemäß ist, blos die tragische Schreibart. [137] Der tragischen Schreibart scheinen wir uns aber dann zu bedienen, wenn mit dem Ernste des Inhaltes sowol die Hoheit der Verse als die Erhabenheit der Verbindung und die Trefflichkeit der Ausdrücke sich verbindet. Aber weil, wenn wir uns wohl erinnern, schon bewiesen ist, daß das Höchste des Höchsten würdig sei, und jede Schreibart, welche wir die tragische nennen, die höchste der Schreibarten zu sein scheint, so sind diejenigen Dinge, welche wir als am höchsten des Gesanges würdige bezeichnet haben, nur in dieser Schreibart zu singen, nämlich Wohlergehen, Liebe und Tugend, und Dasjenige, was wir in dieser Rücksicht erfaßt haben, insofern es durch nichts Zufälliges herabgesetzt wird. Möge sich also Jeder in Acht nehmen und Dasjenige unterscheiden, was wir sagen, und wenn er diese drei Dinge rein zu singen beabsichtigt, oder Dasjenige, was hierauf bezüglich grade und rein verfolgt, so möge er nach einem Trunk aus dem Helikon und nachdem er die Saiten stimmte, beherzt das Plektrum ergreifen und nach Sitte beginnen. Aber eine Kanzone, und diese Sonderung, wie sie geziemt, zu machen, das ist die Arbeit, das ist die Mühe, weil es nimmer ohne Anstrengung der Fähigkeit und ohne Emsigkeit in der Kunst und ohne Fertigkeit der Kenntniß geschehen kann. Und das sind Diejenigen, welche der Dichter im sechsten Buch der Aeneis die Lieblinge der Gottheit nennt, obgleich er bildlich spricht. Und daher erkenne sich die Thorheit Derjenigen, welche, von Kunst und Wissenschaft entblößt, blos auf ihre Fähigkeit vertrauend, das Höchste auf die höchste Art zu singen hervorstürzen, und mögen sie von solchem Dünkel abstehen, und wenn sie aus natürlicher Trägheit Gänse sind, nicht dem gestirnanstrebenden Adler nachahmen.





  1. Unter geregelten Dichtern sind die griechischen und lateinischen zu verstehen.