Der Arcier

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Autor: Levin Schücking
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Titel: Der Arcier
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 561–564
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Fortsetzungsroman in 4 Teilen // Heft 36–39
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[561]
Der Arcier.[1]
Erzählung von Levin Schücking.
1.

Es war um die Mittagsstunde eines Herbsttages im Jahre 1763. Auf dem Platze vor dem Eingang zu der großen und prächtigen, eben neuerbauten kaiserlichen Reitschule zu Wien, dicht neben der Burg, schritt langsam eine eigenthümliche Gestalt auf und ab.

Es war ein noch junger Mann mit edlen, ja schönen Zügen, einer stark gewölbten, mehr breiten als hohen Stirn, einer gebogenen Nase, einem energisch ausgebildeten Kinn, das Alles dunkel gebräunt von Wind und Wetter. Starkes schwarzes Haar hing, gegen alle Mode der Zeit, in losen Locken wirr und wild auf seine breiten Schultern herab, die mit einem abgetragenen und geflickten Zwillichkittel bekleidet waren. Der alte breitrandige Hut, die engen ungarischen Beinkleider, die in alten zerrissenen Stiefeln endigten und sich mit Recht ein wenig lichtscheu darin zu verkriechen schienen, standen in bester Harmonie zu der Kleidung des Oberkörpers; aber auffallend war, daß in einem solchen dürftigen und verkommenen Anzuge eine so hochgewachsene, jugendlich kräftige und zur Arbeit tüchtige Gestalt steckte.

Das Thor öffnete sich von Zeit zu Zeit; es ließ Cavaliere, die zu zweien oder dreien mit ihren Reitknechten, meist auf ausgezeichneten Thieren kamen, hinein; es ließ andre Gruppen heraus. Der Fremde im Zwillichkittel und Slowakenhut sah mit einem Ausdruck von Sorge forschend in die Züge der neu Ankommenden, suchte auch wohl ihren Reitknechten einige Worte abzugewinnen, sprach einen oder den andern der Stallmeister und Bereiter an, deren er beim Aus- und Eingehen habhaft werden konnte, aber, wie es schien, immer vergebens, denn der Unmuth, der auf seinem Gesichte ausgeprägt lag, kehrte nach jeder solchen kurz abgebrochenen Conversation in erhöhtem Grade auf seine Züge zurück.

Mittag war längst vorüber. Neue Reiter, die ihre Pferde in der Reitbahn tummeln wollten, kamen nicht mehr; die, welche darin gewesen, zogen ab; die Bahn war fast leer geworden und das Personal schickte sich an, den Schauplatz seiner Thätigkeit zu räumen; da tauchte unerwartet noch eine kleine, aber glänzende Cavalcade auf dem Platze auf. Ein zierlich gebauter, freundlich aussehender alter Herr, dessen rothe Beinkleider sofort den kaiserlichen General ankündigten, ritt auf einem schönen Pferde von spanischer Zucht an der Spitze einer kleinen Gruppe von ein paar Adjutanten und Reitknechten, deren Einer ein Handpferd führte, herbei. Die Thore der Reitbahn flogen weit vor ihm auf. Die Bereiter und Stallmeister eilten herbei, ihn zu empfangen, und der alte Herr grüßte mit einem Kopfnicken so herablassend vornehm, wie ein König. Langsamen, gemessenen Schritts ritt er ein und warf sich dann sofort in die Bahn.

Er war ein vortrefflicher Reiter, der vornehme alte Herr. Der Mann im Zwillichkittel konnte es bezeugen. Er hatte sich mit dem kleinen Trupp in die Bahn begeben, und in dem Haufen der „Bastinbereiter“, „Stallübergeher“ und „Schulputzer“, die herangekommen, die Excellenz zu bewundern, wurde er geduldet, ohne daß man ihm Beachtung schenkte. Der General ließ seinen Spanier mit der vollendetsten Reitergewandtheit die Schule durchmachen; das edle Thier changirte, machte Volten, traversirte und arbeitete mit der Sicherheit eines Uhrwerks. Endlich hielt die Excellenz inne, wandte sich in die Mitte der Bahn und ließ das mitgebrachte Handpferd, einen Fuchs, der währenddeß ungeduldig den Sand gestampft, sich gebäumt und alle Zeichen eines schwer zu bändigenden Naturells gegeben hatte, vorführen.

„Chacun à son tour,“ sagte er, indem er einem Bereiter winkte, „versuche Er jetzt den Alezan da! Ich habe ihn gestern aus Ungarn bekommen! Mais, je vous le dis – il a le diable au corps!“

Der Bereiter eilte dienstfertig herbei, und obwohl der schlanke hochbeinige Fuchs, als jener nach dem Mähnenhaar greifen wollte, einen solchen Seitensatz machte, daß der Piqueur Mühe hatte, ihn zu halten, war der gewandte Reiter doch bald im Sattel. Der Piqueur ließ die Zügel los; das Pferd stieg augenblicklich steilrecht in die Höhe, machte eine Lançade, bockte, und – der Bereiter flog weit ab in den Sand! Zehn Hände haschten nach den Zügeln des ausbrechenden Pferdes. Der Abgeworfene sprang auf und klopfte Flüche murmelnd den Staub von seiner Uniform; er machte Miene, sich wieder aufzuschwingen.

„Laß Er’s halt nur gut sein,“ rief lachend die Excellenz, „laß Er’s einen Andern versuchen!“

Ein Stallmeister war schon im Eifer, die Ehre der Bahn zu vertreten, herangesprungen; trotz der Unbändigkeit des Pferdes brachte er den Fuß in den Bügel und schwang sich auf. Einmal oben, saß er fest wie angeklammert. Er drückte dem Fuchs sanft und behutsam die Weichen, um ihn in Bewegung zu setzen – die Bewegung läßt nicht auf sich warten, nur ist sie leider so furchtbar heftig und gewaltsam, daß eine Secunde später der Stallmeister alle Vier von sich streckend da lag, wo eben der Bereiter lag.

„Kreuzschockschwerenoth!“ rief der Mann zornig aus, indem er aufsprang und sich die verrenkte Schulter rieb, „da meint man ja, man sitzt auf einem Pulverfaß, das mit einem in die Luft geht, und nicht auf einem Gaul!“

[562] Die Excellenz schilt und flucht jetzt deutsch und französisch durcheinander. Da tritt unser Mann im Kittel und Slowakenhut zu einem der Stallmeister und sagt mit bescheidenem, fast demüthigem Tone:

„Würden Sie mir nicht von dem Herrn General die Erlaubniß erbitten, das Pferd zu reiten?“

„Ihm?“ versetzte der Angeredete verwundert, indem er den Fremden vom Kopf bis zu den Füßen maß.

„Ich würde schon damit fertig werden,“ antwortete der letztere, „lassen Sie mich nur darauf!“

Die Excellenz hatte ihn in’s Auge gefaßt. „Was will der Mensch?“ rief er dem Stallmeister zu, „– auf den Fuchs? Nun, so laßt ihn, vielleicht gibt der hannakische Bauer der kaiserlichen Manége eine Lection.“

Der Fremde hatte den großen Hut, den er in der Hand gehalten, schon weggeworfen; er strich jetzt das dunkle, dichte Haar aus der Stirn, und indem er sich dem Pferde näherte, ließ er es von den zwei Reitknechten, die es hielten, mehr abseits, von den Zuschauern möglichst entfernt, führen. Dann suchte er es durch Zureden und Streicheln zu beruhigen, und nachdem dies gelungen schien, machte er einen weiten Bogen, der ihn mehrere Schritte weit hinter das Pferd brachte, nahm einen kurzen Anlauf und mit einer bewundernswürdigen Turnergewandtheit schwang er sich mit einem mächtigen Satze über des Pferdes Croupe in den Sattel.

„Alle Wetter, wie springt der Kerl!“ rief die Excellenz verwundert aus.

Der Fuchs bäumte sich sofort, aber er ließ sich von dem Reiter beschwichtigen; er scheute wenigstens nicht und machte keine Seitensätze, um seine Last fortzuschleudern, er schien sich darein zu ergeben, in des Mannes Hand und Gewalt zu sein, der Besitz von ihm genommen; vielleicht auch war er durch den früher geleisteten Widerstand ermüdet. Jedenfalls hatte der Fremde richtig beobachtet, er hatte wahrgenommen, daß das Thier vor denen scheute, welche rasch und aufgeregt an seine Seite traten und ihm die Absicht verriethen, es zu besteigen; darum hatte er den kühnen Satz über die Croupe gemacht.

Der Fuchs ließ sich jetzt in die Bahn führen und ließ ahnen, daß nicht jeder gute Keim zu Gehorsam und Zucht in ihm erstickt sei. Wohl gab es von Zeit zu Zeit kleine Störungen in dem sich anbahnenden guten Einvernehmen zwischen Roß und Mann; jenes schien namentlich nicht ganz über den passendsten Gebrauch seiner vier Beine mit sich einig zu sein und von Zeit zu Zeit von der Idee befallen zu werden, die vorderen seien nur dazu da, mit ihnen in der Luft Entrechats zu schlagen; aber die Geduld und Ruhe des Reiters, verbunden mit einer unerschütterlichen Festigkeit im Sitz, brachte es immer wieder zu einem baldigen Friedensschluß.

Der General sah mit Vergnügen, das Stallpersonal nicht ganz angenehm überrascht dem Schauspiel zu.

Der Fremde führte endlich das bezwungene, schweißbedeckte Ungeheuer in die Mitte der Bahn, dem General gegenüber, sprang leicht aus dem Sattel und machte der Excellenz eine ruhige Verbeugung, mit dem Anstande eines wohlerzogenen Mannes. Der General winkte ihn heran.

„Brav, brav,“ sagte er in seinem gebrochenen Deutsch, „man sollte meinen, Er sei ein verkappter englischer Reiter, der sich einen Spaß mit der kaiserlichen Manége machen will! Nun, jedenfalls hat Er gezeigt, daß der Fuchs zu bändigen und zu schulen ist; ist mir sehr lieb; da nehm’ Er!“

Die Excellenz war mit der schmalen Hand in die Tasche der tief herabhängenden gestickten Weste gefahren und hatte wie eine Prise daraus vier oder fünf nagelneue, funkelnde Kremnitzer Dukaten herausgeholt, die er dem Fremden reichte.

Dieser trat bescheiden einen Schritt zurück.

„Halten zu Gnaden, Excellenz,“ sagte er, „ich bin, wie Sie sehen, ein armer Teufel, den die Noth und der Hunger zwingen, hier einen Herrendienst als Bereiter, oder was es irgend sein mag, zu suchen. Aber ich bin kaiserlicher Officier, und Ew. Excellenz werden mir deshalb vergönnen, ein Trinkgeld abzulehnen.“

„Officier? Er ist Officier?“ fragte der General überrascht aushorchend. „Wie ist das möglich? Expliquez-vous!

„Ich heiße,“ versetzte der Fremde, „Joseph von Frohn, bin Oberlieutenant bei Prohasca-Dragonern, habe die Feldzüge gegen die Preußen mitgemacht und wurde gefangen in der Schlacht von Liegnitz. Mit vielen Tausenden von andern Kriegsgefangenen wurde ich nach Magdeburg geschickt, das damals eine sehr schwache Besatzung hatte. Dort habe ich die Cameraden für einen Versuch gewonnen, die Festung in Besitz zu nehmen; das ist uns nicht ganz gelungen, obwohl wir die Stadt in unsre Gewalt gebracht haben. Aber wir haben das Gouvernement gezwungen, uns mit den Waffen, die wir genommen, und mit einem Zehrgelde, das uns ausbezahlt wurde, frei abziehen zu lassen. Ich bin zu meinem Regimente nach Böhmen zurückgekehrt und wegen meines Verhaltens in Magdeburg zum Rittmeister befördert worden, habe aber das Patent nie erhalten, denn ein unglückliches Gefecht bei Landshut ließ mich vorher wieder in preußische Gefangenschaft gerathen. Ich wurde nun nach Kosel gebracht, und da man zum Unglück in mir den Mann von Magdeburg erkannte, so bin ich dort auf das Abscheulichste behandelt worden. Ich wage jedoch nicht, Ew. Excellenz mit der Erzählung der Quälereien aufzuhalten, die man mir in diesem schrecklichen Kosels’chen Sumpfloch angethan hat. Der Hubertusburger Friede hat mich dann gerettet; ich wurde mit andern Cameraden nach Breslau abgeführt und dort nach Nachod instradirt, ohne einen Pfennig Wegzehrung ausbezahlt zu bekommen, und gekleidet wie ein Zuchthäusler.

„So habe ich mich,“ fuhr der unglückliche Officier zu erzählen fort, „als Bettler durchschlagen müssen. In Nachod habe ich wenigstens bei einem Bürgersmann so viel Barmherzigkeit gefunden, daß er mir die Kleider, die ich hier trage, schenkte, und dann habe ich mich weiter durch Böhmen und Mähren durchgeschlagen, hierher, weil ich hier mein Regiment finden mußte. Das Regiment steht auch hier, als ich mich aber auf der Adjutantur meldete, und die Stammrolle nachgeschlagen wurde, fand sich bei dem Namen Frohn der Zusatz: „Geblieben vor dem Feind.“ Man hat mir deshalb den Wiedereintritt verweigert; in meine Stelle war bereits ein Anderer eingerückt; die Regimenter sind sämmtlich wegen des Friedens reducirt, und weil ich der Stammrolle nach todt bin, will man mir auch keine Entlassung und keine Pension geben; beim Oberst-Inhaber bin ich gar nicht vorgelassen worden.“

Die Excellenz unterbrach hier die Erzählung mit einem französischen Fluche.

„Aber ist das ein Unglück!“ rief er aus, „pauvre diable que vous êtes … von Seiner Magdeburger Affaire hab’ ich gehört, ich entsinne mich dessen … ce sont des miserables qui vous traitent ainsi … mais,“ fuhr er fort, seine goldene Uhr hervorziehend, „es ist Mittagszeit. Ich bin der Feldmarschall und Arcieren-Hauptmann Graf von Aspremont-Linden. Venez me trouver demain matin, wir werden weiter davon reden, en attendant donnez votre nom à mon piqueur!“

Die Excellenz nickte mit dem Kopfe, und während Frohn einem der Diener des Feldmarschalls seinen Namen wiederholte, verließ die Gesellschaft die Bahn; der ungarische Fuchs, zwischen zwei Reitknechten geführt, schloß den Zug.

Die Herren Bereiter und Stallmeister hatten aus einer respektvollen Entfernung die Unterredung mit angehört, und Frohn’s Erzählung hatte bei Einigen von ihnen etwas von dem Groll und Aerger verscheucht, womit sie auf den Mann blickten, der sie beschämt und gedemüthigt hatte. Nichtsdestoweniger zerstreuten sie sich jetzt, ohne sich weiter um ihn zu kümmern. Nur ein junger, blaß und etwas verlebt aussehender Mensch mit schönen dunklen Augen und feinen Zügen, der die Scholaren-Uniform der kaiserlichen Reitschule trug, trat auf ihn zu.

„Jetzt läuft Alles auseinander,“ sagte er mit einem gewissen gutmüthigen Humor, „und schaut halt, was die Frau Eheliebste zum Mittagessen aufgesetzt hat – wo der Herr von Frohn was zu essen bekommt, darum kümmern’s sich nicht, und ’s hat doch keiner mehr a guten Bissen verdient … wissen’s was, essen’s mit mir, und nachher sorg’ ich auch schon für ein Unterkommen auf die Nacht!“

Der Officier im Zwillichkittel sah ihn überrascht an; aber er hatte keinen Grund, die Einladung abzulehnen, und sehr dringende Gründe, sie anzunehmen. So ging er mit dem gutmüthigen Scholaren, der ihn in ein Speisehaus der Nachbarschaft führte und hier mit Vergnügen zuschaute, wie gut seinem Gaste die aufgetragen Gerichte, der gebratene „Lammshase“ und die „Kolatschen mit Bowidl“ schmeckten. Der junge Mensch, der sich Franz Fellhamer nannte und der, nebenbei bemerkt, trotz seiner Jugend eine bedeutende Uebung in der Vertilgung der aufgetragenen Weinforten verrieth, unterhielt ihn dabei mit großer Zungengeläufigkeit. Nach [563] und nach wurde es dabei Frohn ziemlich klar, daß er an ein echtes „Wiener Früchtl“ gerathen, das ein für sein Alter sehr beachtenswerthes Maß von Leichtsinn und Verwegenheit in sich entwickelt und vielleicht die Gesellschaft Frohns nur gesucht hatte, weil ihn eine andere nicht mit gleicher Bereitwilligkeit mehr aufnahm. Jedenfalls war er jedoch gutmüthig und Frohn nicht dazu bestellt, ihm Moral zu predigen. So blieben Beide im besten Verständniß, und der Letztere folgte dem hoffnungsvollen Jünger der Equitationskunst, als dieser gegen Abend ihn aufforderte, mit ihm zu kommen, und ihn einlud, in seinem elterlichen Hause das Nachtquartier zu nehmen.

Das elterliche Haus lag nicht weit entfernt, in der Maria-Hilfer-Vorstadt, in einer stillen Nebenstraße; neben dem Hause erstreckte sich eine Gartenmauer mit einem Thürchen darin. Franz klopfte ein paar Mal an dieses letztere; da er jedoch keine Antwort erhielt und Niemand öffnete, schritt er weiter und zog die Klingel der Hausthüre. Diese wurde gleich darauf behutsam geöffnet, und eine behäbige Gestalt in Schlafrock und Zipfelmütze, ein Mann in mittleren Jahren, trat auf die Schwelle.

„Ich bringe dem Herrn Vattern einen Stubenherrn für das leerstehende Quartier oben,“ sagte der junge Mensch mit großer Seelenruhe, und dabei auf Frohn deutend.

„Der Franzl ist’s?“ versetzte der würdige Bürger, wie es schien, nicht angenehm überrascht, und ein wenig ironisch. „’Nen Stubenherrn bringt der Franzl? Nun, der wird halt danach sein … ja, ich seh’s schon, es ist halt a saubrer Stubenherr, a …“

„Vatter, verschwätzen’s Ihna net,“ fiel Franzl warnend ein, „ein kaiserlicher Rittmeister ist’s, der Herr von Frohn, er sieht nur nicht danach aus, weil ihn die Preußen in der Gefangenschaft gehabt haben, und da hat er sich durchschlagen müssen bis hierher zum Regiment; er ist auf morgen in der Früh zum Feldmarschall Aspremont bestellt, und wann er zurückkommt, wird er halt schon anders ausschaun! Wenn Sie ’n aber nicht wollen, den Herrn von Frohn, mir ist’s schon Eins, der Herr Vatter mag thun, was er will – geruhsame Nacht!“

Nach dieser plötzlichen und für Frohn etwas unerwarteten Wendung des Gesprächs wandte sich der Franzl, begann eine Arie aus dem Idomeneo, Re di Creta, zu pfeifen und schritt ruhig davon die Gasse hinab.

„Der Nichtsnutz, der!“ murmelte der Mann im Schlafrock ihm nach; dann, sich zu Frohn wendend, sagte er: „Ist’s denn wahr, was er von dem Herrn da plauscht?“

„Es ist allerdings wahr,“ versetzte Frohn, „nur daß ich nicht in der Absicht gekommen bin, ein Quartier zu miethen, sondern weil der junge Mann, den ich in der Reitschule kennen lernte, mir zuvorkommend anbot, mich als Gast in sein elterlichen Haus zu führen. Ich bin leider in der Lage, eine solche Freundlichkeit nicht abweisen zu können, und bin deshalb ohne Arg mitgegangen. Entschuldigen Sie jedoch die Störung, Sie sehen, es ist meine Schuld nicht. Ich wünsche Ihnen guten Abend.“

„Nein, nein, wenn’s so ist,“ fiel der Bürger hier ein, in die Thüre zurücktretend, die er bisher mit seiner Gestalt verbarricadirt gehalten hatte, „und an Ihrer Sprache hört man’s schon, daß’s was Andern sind, als wonach’s ausschaun; an Unterschlupf auf d’Nacht mögen’s schon haben, treten’n ein, lassen’s Ihnen gefallen!“

Frohn folgte jetzt der Einladung des gutmüthigen Wiener Hausherrn. Dieser führte ihn über den Flur in ein Empfangszimmerchen und ging dann seine Frau zu rufen. Bald darauf erschien ein kleines, rundes, beweglichen Haussmütterchen, das den kaiserlichen Herrn Officier verwundert betrachtete und dann sehr mitleidig und gerührt nach seinen wundersamen Schicksalen auszufragen begann, bis der Herr im Schlafrock sich seines müden Gasten erbarmte und ihn nach oben in ein freundliches, auf die Gasse hinausgehenden Quartier brachte.

„Machen’s Ihna bequem hier,“ sagte der Herr Fellhamer, „und wenn Sie noch etwas wünschen …“

„Nichts, mein bester Herr,“ versetzte Frohn sehr zufrieden, „als daß ich morgen in die Lage komme, Ihnen diese zwei hübschen kleinen Stuben wirklich abmiethen und für längere Zeit Ihr Gast werden zu können!“


2.

Es war acht Uhr am folgenden Morgen. Joseph von Frohn stand in einer Fensterbrüstung der Antichambre im Palais des Feldmarschalls; er war gekleidet, wie er gestern vor den Augen der Excellenz erschienen, im zerfetzten Zwillichkittel und in den zerrissenen Stiefeln, aber trotz dieses Costümes, wie es heute wohl zum ersten Male in diesen reichen Gemächern auftauchte, war er von Portier und Dienern ohne Weiteres eingeführt worden.

In dem Raume befanden sich mehrere Herren, Beamte, Bürger, Officiere, welche bei dem General Anliegen vorzubringen hatten und auf Audienz warteten. Sie alle maßen mit verwunderten Blicken den hochgewachsenen, ernst aussehenden Mann, der hier eingeführt war und doch nur ein Bettler sein konnte.

Eine Flügelthüre öffnete sich, und ein Kammerdiener trat heraus. Die Anwesenden drängten sich ihm rasch entgegen, aber er machte eine abwehrende Handbewegung gegen dieselben, ging auf Frohn zu und sagte:

„Excellenz wollen Sie zuerst sprechen. Kommen Sie!“

Frohn folgte ihm mit hochklopfendem Herzen in das Cabinet des Feldmarschalls. Der kleine Mann mit dem feinen echtfranzösischen Gesichte hatte eben seine Morgenchocolade geschlürft und die Tasse fortschiebend rief er lebhaft Frohn entgegen:

Ah, c’est vous! Bon jour! Näher heran. Ich habe,“ fuhr er fort, wie gestern französische und deutsche Brocken durcheinander mengend, „ich habe Nachforschungen über Ihn angestellt. Er hat mir die Wahrheit gesagt. Er ist als todt aus der Musterrolle gestrichen – eh bien, was kann man dawider machen? Einen Todten kann ich nicht aufwecken, dan kann auch die Kaiserin nicht!“

„Aber, Excellenz,“ warf Frohn bescheiden ein, „einen Irrthum berichtigen, ein paar Worte ohne Sinn durchstreichen.“

Der Feldmarschall zuckte die Achseln. „Das geht nicht, mein Freund,“ sagte er; „solche Correcturen in der Stammrolle würden sehr schlecht aussehen; es ist wider die Ordnung, und man darf da nicht wie in ein Schülerheft hineinpfuschen!“

Frohn sah niedergeschlagen zu dem Feldmarschall auf oder vielmehr auf die kleine lebhafte Gestalt herab.

„Aber,“ fuhr die Excellenz fort, „ist Er denn so versessen darauf, durchaus wieder bei den Dragonern eintreten zu wollen? Wenn ich Ihn nun zu meinem Husaren-Regiment nähme?“

„Wenn Excellenz die Gnade hätten –“ rief Frohn freudig aus.

„Er müßte freilich als Lieutenant eintreten; aber man könnte schon dafür sorgen, daß Er bei guter Dienstführung rasch weiter käme. Mais voyons d’abord, pour ne pas faire des châteaux, wie sieht es mit der Equipirung aus?“

„Excellenz, ich habe nichts und ich kenne auch Niemand, den ich mit Hoffnung auf Erfolg um eine so bedeutende Summe angehen könnte.“

„Das ist schlimm, sehr schlimm,“ fiel die Excellenz ein, „so bleibt nichts übrig, als daß ich ihn in die Arcieren-Leibgarde aufnehme. Er hat da Lieutenantsrang und erhält sofort Alles geliefert, was zur Uniform und Ausrüstung gehört. Wäre Er damit einverstanden?“

„Wenn ich auch in der Lage wäre, wählen zu können, würde ich Ew. Excellenz doch für die Aufnahme in ein so privilegirtes Corps ewig dankbar sein.“

Eh bien,“ antwortete der Feldmarschall, eine Klingel rührend, „so soll gleich für Ihn gesorgt werden!“

Der Kammerdiener trat ein und erhielt den Befehl, den Adjutanten hereinzuschicken. Als dieser kam, gab ihm der Graf den Auftrag, für die Einkleidung de Monsieur de Frohn zu sorgen.

Monsieur de Frohn“, fügte er mit Nachdruck hinzu, „est un officier distingué j’espère que ses camarades de corps le traiteront avec toute la considération qui lui est due, et j’y veillerai!“

Der Adjutant machte gegen den Mann im Bettlerkleide eine höfliche Verbeugung und bat ihn, ihm zu folgen.

Der Feldmarschall entließ seinen Schützling mit freundlichem Kopfnicken.

„Wenn wir eingekleidet sind und den Dienst angetreten haben,“ sagte er, „werden wir uns melden. Er soll mir dann ausführlich seine Schicksale berichten.“

Der neue Gardist beurlaubte sich in militärischer Haltung von seinem wohlwollenden Chef und folgte dem Adjutanten, der ihn nach dem Hotel der Arcieren-Garde in der Vorstadt Landstraße führte und hier dem Premier-Wachtmeister des Corps vorstellte. Dieser gab ihnen einen Diener mit, der sie in eins der oberen Gemächer brachte, wo sich die Montirungskammer der Arcieren-Leibgarde [564] befand. Die beiden Männer hatten mit Hinzuziehung des Aufsichtsbeamten lange zu suchen, bis sie die für Frohns Gestalt passenden Equipirungsstücke unter den reichen Vorräthen gefunden hatten; endlich stand der schlanke, kräftige Mann in einer vollständigen Verwandlung da: in einem feinen Scharlachrock mit schwarzen Aufschlägen und goldenen Tressen und Achselschnüren, Beinkleidern von Büffelleder, die in hohen, mit Manschetten umgebenen Reiterstiefeln endeten; über dieser Uniform ein schwarzsammtner Flügelrock ohne Aermel und darüber eine Patrontasche am sammtnen Bandelier; ein dreieckiges Hütchen mit Tressen hatte den Schlapphut ersetzt, ein Degen und eine schöne, mit goldenen Nageln beschlagene Hellebarde bildeten die Bewaffnung.

Der Adjutant des Feldmarschalls sah lächelnd zu der stattlichen Gestalt auf; dann gab er seinem Begleiter die nöthigen weitern Anweisungen, und nach Verlauf von kaum einer Stunde sah sich Frohn als wohlbestallter Arcieren-Leibgardist Ihrer kaiserlich-königlichen apostolischen Majestät eingeschrieben, instruirt und in Eid und Pflicht genommen. Da in dem Hotel des Corps nicht sofort ein Quartier für ihn bereit war, so wurde ihm anheimgestellt, vorläufig in der Stadt zu wohnen. Er trat deshalb noch vor Mittag wieder unter das gastliche Dach des Herrn Fellhamer zurück, um sich contractmäßig in Besitz seines Nachtquartiers zu setzen, das ihm mit Vergnügen von dem erstaunten Hausherrn überlassen wurde. Der verkommene Gesell von gestern war heute für ihn eine Respectsperson von bedeutendem Gewicht. Denn ein Arcierengardist war in jener Zeit ein privilegirtes Wesen, wenn auch nicht mehr seine Hellebarde oder sein Flügelrock etwas von der Heiligkeit eines Altars hatten, wie in früheren Zeiten, wo ein zur Hinrichtung hinausgeführter Verbrecher, der einem Arcier begegnete und dem es gelang, seine Hellebarde oder seinen Flügelrock zu berühren, für diesen Tag seines Halses sicher war und in sein Gefängnis, zurückgeführt werden mußte.


3.


Unser Held konnte mit seiner neuen Lage sehr zufrieden sein. Der Dienst war über alle Maßen leicht. Er bestand darin, bei Hoffesten, an Gallatagen, bei feierlichen Auffahrten von Botschaftern zu paradiren und einige Wachtposten in der inneren Hofburg zu besetzen. Durch diesen Nachtdienst wurden etwa wöchentlich vierundzwanzig Stunden in Anspruch genommen; die übrige Zeit konnte der neue Arcier seine glänzende Scharlachuniform im Prater, auf der Bastei oder auf dem Graben spazieren führen, oder die Stunden im Verkehr mit seinen Cameraden verbringen.

Nebenbei fand Frohn eine unterhaltende Beschäftigung darin, die häuslichen Verhältnisse seiner Wirthsleute zu beobachten. Die Verhältnisse seines Hauswirths hatten etwas, das einen jungen Mann zu dieser Beobachtung geradezu herausforderte. Sie schienen nämlich allseitig beherrscht von dem Einfluß, welchen ein unsichtbar bleibendes Wesen darüber ausübte, ein Wesen, das nie leibhaft vor seinen Augen erschien, das, in unnahbarer Zurückgezogenheit weilend, dem ganzen Haushalt ein Gepräge stiller Würde und gemessener Zurückhaltung auszudrücken schien, und das trotz seiner Nixenhaftigkeit den christlichen Namen Thereserl führte, ein Name, der übrigens in Frohns Gegenwart sehr selten erwähnt wurde, und immer beinahe nur wie in der Zerstreuung, als ob man just seine Anwesenheit vergessen habe.

Der „Franzl“ ließ sich übrigens auch bei Frohn nicht wieder blicken; doch fehlten die Spuren nicht, daß er sich fortwährend der süßen Gewohnheit des Daseins erfreue. Von Zeit zu Zeit wurde es lauter im Hause unten; es gab kleine Scenen und Wortwechsel. Wenn Frohn zufällig sich auf dem Gange vor seinem Zimmer befand, so vernahm er, daß die Ausdrücke von Meinungsverschiedenheit, die so lebhaft zu ihm heraufschwirrten, von dem gutmüthigen Manne mit großem Haarbeutel und rothblumigem Schlafrock, dem Hausherrn, von dem kleinen rundlichen Hausmütterchen und von dem hoffnungsvollen Franzl ausgestoßen wurden, welch Letzterer nicht im Hause wohnte, aber zuweilen mit der freundlichen Absicht darin auftauchte, in das stagnirende und lautlose Alltagsdasein, das diesen friedlichen häuslichen Heerd umgab, etwas Abwechselung und wohlthätige Erregung zu bringen. Weshalb Franzl nicht im Hause wohnte, erfuhr Frohn in seinen gelegentlichen Unterhaltungen mit der Hauswirthin nicht. Der Streit, den sein Kommen zu entflammen pflegte, wies am deutlichsten darauf hin, daß seine Aufführung sich nicht der Billigung seiner würdigen Erzeuger zu erfreuen hatte.

Unser Arcier hätte kein junger, über viel Zeit gebietender Mann sein müssen, wenn ihn nicht verlangt hätte, den stillwaltenden Hausgeist, das Thereserl, zu erschauen. Lange Zeit blieben seine Bemühungen vergeblich. Endlich aber, es mochte in der dritten Woche seines Aufenthalts im Hause sein, traf Frohn eines Abends das Thereserl einmal richtig unten in der Wohnstube an. Es war ein bildhübsches und dabei höchst anmuthiges Geschöpf; auch war sie mit großer Sorgfalt gekleidet, nicht auffallend, nicht geschmückt, aber mit jener einfachen und gediegenen Eleganz, welche den Damen der höheren Gesellschaftsclassen so wohl steht, wenn sie den guten Geschmack haben, sie breitspurigem Pomp vorzuziehen.

Das Thereserl war mittler Größe, hatte ein allerliebstes rundes Gesicht und ein Paar dunkle, feurige Schelmenaugen. Es erwiderte Frohns tiefe Verbeugung mit dem Anstand einer großen Dame. Es lächelte sehr anmuthig dabei, aber dies Lächeln hatte etwas Erzwungenes; auf dem hübschen Gesicht lagerte ein sehr großer Ernst. Auch der Papa im Schlafrock und die sonst so rührige Mama sahen heute mit einer Miene darein, als hätten sie eben mit ihrem feinen Töchterchen eine Unterredung über sehr wenig heitere Dinge gepflogen. Frohn nahm, nachdem er sich der Demoiselle vorstellen lassen, das Wort und suchte durch eine lebhafte Unterhaltung die peinliche Stimmung zu verscheuchen und zugleich das Thereserl zu fesseln, damit sie nicht sogleich seinen Augen verschwinde und sich wieder in ihr mysteriöses Elfenreich, das irgendwo in den nach hinten auf den kleinen Garten hinausgehenden Gemächern des Hauses liegen mußte, zurückziehe. Sie schien jedoch seinem Geplauder kein übermäßig großes Interesse zu widmen, sondern zu ihren offenbar nicht heitern Gedanken oder Sorgen zurückzukehren. Erst als die Hausfrau Frohn aufforderte, doch ihrer Tochter seine merkwürdige Flucht aus der Festung Magdeburg zu erzählen – er hatte seine Wirthsleute früher ein paar Abendstunden lang damit unterhalten – und als der Arcier sehr bereitwillig darauf einging, horchte das hübsche Kind auf, und endlich hingen ihre Blicke gespannt an seinen Lippen.

Als er geendet hatte, sah sie ihn noch lange aus ihren schönen Augen, aber mit einem Ausdruck an, der ihn jetzt wieder glauben lassen mußte, sie habe gar nicht gehört, was er gesprochen, sondern sei einzig mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt und darin verloren.

Wie aus ihrem Sinnen erwachend, sagte sie endlich im reinsten Wiener Dialekt, der von ihren kirschrothen Lippen ganz allerliebst lautete:

„So brav san’s – und so solid san’s a, wie d’ Herrn Eltern sog’n – schaun’s, das mog i halt!“

„Die Demoiselle ist zu gütig gegen mich,“ erwiderte Frohn, sich lächelnd gegen sie verbeugend.

Das Thereserl erröthete über ihre Lebhaftigkeit. Nach einer Weile, während der alte Herr im Schlafrock seine unmaßgeblichen Gedanken über Frohn’s Geschichte verlautbarte, stand sie auf und verschwand, gefolgt von der Mama, die nach ihr die Stube verließ.

Frohn hatte nun also doch das schöne Kind mit eigenen Augen gesehen und sich überzeugt, daß sie nicht etwa eine poetische Illusion und keine unsichtbare Titania sei, die durch Zaubereinflüsse das stille Haus regiere. Und damit war der Bann gebrochen, der sie für ihn bisher umgeben hatte; er sollte sie viel früher wiedersehen, als er gehofft hatte.

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Autor: Levin Schücking
Titel: Der Arcier
aus: Die Gartenlaube 1860, Heft 37, S. 577–581
Fortsetzungsroman – Teil 2

[577] Es war am andern Morgen gegen zehn Uhr, Frohn warf sich eben in seine volle Uniform, denn er hatte heute Wachtdienst in der Burg, als das Hausmädchen in sein Zimmer trat und ihm eine überraschende Botschaft brachte.

„Ew. Gnoden,“ sagte das Mädchen mit einer gewissen geheim thuenden Wichtigkeit, „möchten’s net so gütig san, und kommen auf an Augenblick ’nunter zur Mamsell Thereserl. Sie laßt Ihna gar schön bitt’n!“

Frohn war natürlich sehr bereit, dieser Einladung zu folgen; er knöpfte den Scharlachrock zu, warf einen Blick in seinen Spiegel und folgte dem dienenden Hausgeist in die noch unbetretenen Regionen des Hauses, die er im Stillen das Elfenreich getauft hatte.

Ein Elfenreich war es nun zwar nicht, worin das Thereserl haus’te, aber ein sehr hübsches Hinterzimmer, das durch eine Glasthüre mit dem Gärtchen in Verbindung stand, in welchem Thereserl die schönsten Blumen zog – sie dufteten durch die offene Thüre herein. Dies Gärtchen wurde von der Straße getrennt durch die Mauer mit der kleinen Thüre, an welche Franzl damals, als er Frohn zuerst in dies Haus brachte, angeklopft hatte. Das Zimmer der jungen Dame, in welches man durch einen stillen, nur von einigen alten dunklen Schränken bewohnten Vorraum kam, war nicht gerade luxuriös, aber es war unendlich besser und geschmackvoller eingerichtet, als das Wohnzimmer derer, welche das junge Mädchen die Herren Eltern nannte. Frohn konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, als ob das hübsche Kind aus einem höheren Lebenskreise stamme und von gutmüthigen Leuten, denen es anvertraut, nur vor der Welt Tochter genannt werde, während sie es im Stillen mit Allem umgaben, worauf eine vornehme Dame Anspruch machen könne. Aber war dies der Fall, so wurde doch dem Eintretenden auf den ersten Blick klar, daß sie das junge Mädchen trotz aller Sorge nicht hatten vor einem großen Kummer schützen können.

Thereserl saß in einem hübschen Armstuhl hinter einem Nähtischchen am zweiten Fenster in der Ecke des Zimmers; eine angefangene Arbeit lag in ihrem Schooß, ihre Hände ruhten müßig darauf, und aus ihren hübschen Augen rannen Thränen über ihre Wangen hinab. Sie trocknete diese rasch, als sie Frohn erblickte, vor dem die Magd, ohne ihn weiter zu melden, die Thüre geöffnet hatte. Sie ging ihm entgegen und streckte ihm die Hand hin.

„Wie gut Sie sind, daß Sie zu mir kommen!“ sagte sie in ihrem hübschen Wiener Dialekt, auf dessen Nachbildung wir verzichten müssen, und fuhr dann lebhaft fort: „Ich hoffe, Sie denken nicht schlecht von mir, daß ich mir so viel herausnehme; aber sehen Sie, Herr von Frohn, als Sie gestern so vor mir saßen und erzählten so eine merkwürdige Geschichte, wie Sie sich so brav gehalten und für Alles einen Rath gewußt, und immer den besten …“

„Ich bitte, bitte, Demoiselle,“ fiel Frohn hier ein, „wenn Sie so reden, so muß ich ja denken, ich habe gestern den rechten Prahlhans und Aufschneider hervorgekehrt.“

„Nein, nein, gar nicht haben Sie das, im Gegentheil, ich hab’s recht gut gemerkt, wie Sie das, was Sie selber gethan, verschwiegen, um das zu erzählen, was Ihre Cameraden dabei gethan, und doch hab’ ich schon herausgehört, wer das Ganze allein durchgeführt hat – aber erst sollen Sie sich setzen, da auf das Sopha, und dann lassen’s mich weiter reden, was ich Ihnen sagen wollt’, – ja sehen’s, ich dacht’ mir gleich, wie ich Ihnen gestern so gegenüber saß: dem Herrn mußt du halt dein Leid klagen, der weiß einen Rath, wenn ihn Einer weiß in ganz Wien, und die ganze Nacht hab’ ich überlegt, wie ich’s mach’ und wie sich’s am besten schicken wollt’, und da hab’ ich recht gebetet heut’ Morgen zu allen vierzehn heiligen Nothhelfern, und dann hab’ ich ein recht Vertrauen gefaßt …“

„Daran hat die Demoiselle wohl und recht gethan,“ antwortete Frohn lächelnd, „denn wenn ich auch kein Heiliger bin – Ihr Nothhelfer zu werden, danach verlangt meine Seele – sagen Sie mir deshalb offen und rückhaltlos, was Sie bedrängt und Ihr junges Herz mit Kummer füllt.“

Der Arcier streckte ihr, indem er mit dem gutmüthigsten Tone von der Welt diese Worte sprach, die kräftige gebräunte Rechte hin, in welche das Thereserl für einen Augenblick die Spitzen ihrer weißen Finger legte.

„Ja, schaun Sie,“ begann sie, indem sie sich wieder auf ihren Sitz, der neben dem Sopha Frohn’s stand, niederließ; „Sie werden’s wohl schon gemerkt haben, wie’s hier im Hause steht; ’s wär’ Alles schon gut und wie’s sein sollt’, wenn nur der ewige Verdruß nicht wäre, der Verdruß, wissen’s, mit meinem Bruder, dem Franzl, dem nichtsnutzigen Menschen, der uns Alle noch unter die Erde bringt durch seine dummen Streiche.“

„Ist der so schlimm?“ fiel Frohn begütigend ein, da er sah, daß das Thereserl im Begriff war, sich in einen rechten Zorn hineinzureden.

„Gar zu schlimm, Herr von Frohn, Sie können sich’s nicht [578] vorstellen, die Anschläge, die er hat; zeitlebens hat er nichts getaugt, auf den Schulen nicht, da haben’s ihn fortgejagt, beim Maler nicht, bei dem er in die Lehre gegangen ist, der hat ihn auch fortgejagt, und dann ist er beim Theater gewesen und hat gemeint, er sei ein großes Genie und die Besten sollten noch von ihm lernen, aber da haben’s ihn ausgelacht, und der Herr Schikaneder, wissen’s, der in dem Schwarzenberg’schen Palais sein Theater hat, der hat ihn auch nicht mehr haben wollen. Da ist er denn zur Reitschule als Scholar gekommen, und ’s hat auch eine Weile gut gethan, daß der Vater gemeint hat, er wird jetzt Ruh’ vor ihm haben – nur daß er alle Augenblicke gekommen ist, um Geld zu verlangen.“

„Und jetzt hat ihn die Reitschule auch fortgeschickt, und ich soll einen guten Rath geben, wie man seine Nichtsnutzigkeit in irgend einem Soldatencorps zu passender Verwendung bringen könnte?“ unterbrach Frohn den eifrigen Redestrom.

„Ach, wenn’s weiter nichts wäre,“ fiel das junge Mädchen ein, „nein, viel schlimmer ist’s, denn schaun Sie, der Futterschreiber hat ihm nachgesagt, er hätt’ ihm anvertrautes Geld unterschlagen, und da ist die Polizei gekommen und hat ihm seine Sachen durchvisitirt, und was sie gefunden haben, das haben sie mitgenommen und haben ihn in’s Arresthaus eingesperrt.“

„Das ist freilich eine arge Geschichte,“ sagte Frohn betroffen und voll Theilnahme.

„Ja freilich,“ fuhr Thereserl, deren Thränen wieder zu fließen begannen, fort, „freilich ist’s eine arge Geschichte, aber das Aergste ist’s doch noch nicht, denn schaun Sie, Herr von Frohn, ’s ist nicht allein um das, für den Franzl wär’s ein rechter Denkzettel, daß er ’mal so anrennt, aber was das Schlimmste ist, er hat mir auch etwas gestohlen, und das haben sie jetzt auch auf der Polizei, und das ist gar schrecklich, denn wenn ich’s nicht wieder bekomme, so geht’s um mein Leben, und aus der Donau unten können’s mich herausfischen, ehe wenig Tage vergehen, und …“

Das junge Mädchen brach hier in ein heftiges Schluchzen aus, das ihre Worte erstickte.

„Nun, mein Gott,“ sagte Frohn, erstaunt über diesen leidenschaftlichen Ausbruch, „so holt man’s eben wieder. Ich begreife, daß Sie nicht gern auf der Polizei erscheinen wollen, um durch solch eine Reklamation Ihres Eigenthums als Anklägerin gegen Ihren Bruder aufzutreten. Aber Sie können ja sagen, Sie hätten es ihm selber anvertraut oder geliehen.“

„Ach Gott,“ fiel Thereserl ein, lebhaft mit der Hand winkend, als ob sie damit Frohn’s Vorschlag abwehren wolle, noch bevor sie es mit Worten thun könne, „wenn das ginge! Aber schaun Sie, ich kann’s ja gar nicht sagen, daß es mir gehört, und es gehört mir auch gar nicht, und da würden sie mich schön in’s Gebet nehmen auf der Polizei, wenn ich darein käme, und ausliefern thäten sie’s mir hernach doch nicht.“

„Aber was ist’s denn, Demoiselle Thereserl, was kann es denn sein, das Ihnen so am Herzen liegt, und das Sie doch nicht als Ihr Eigenthum reclamiren dürfen?“

Thereserl schlug ihre beiden Hände wie in heller Verzweiflung vor das Gesicht.

„Ach, wenn ichs Ihnen doch nur sagen könnt’!“ schluchzte sie, „wenn ich nur wüßt’, daß Sie nicht gar zu schlecht von mir denken würden, wenn ich’s Ihnen sagte!“

Frohn blickte auf das junge Mädchen mit steigender Verwunderung. Die Sache wurde ihm immer räthselhafter.

„Können Sie denn nicht Ihren Vater danach senden?“ fragte er jetzt.

Therese schüttelte stumm den Kopf.

„Nun, Sie haben mir so viel anvertraut,“ fuhr Frohn fort, „weshalb können Sie mir denn dies unglückliche Ding nicht nennen, an dem Ihnen so viel gelegen ist, und das ich Ihnen gern wieder verschaffen werde, wenn es in meinen Kräften steht?“

„Ja, ich wußt’s,“ stammelte Therese, von ihren Thränen unterbrochen, „daß Sie gut sein und Mitleid mit mir haben und mir helfen würden, aber schaun Sie, gerade darum wird es mir so schwer; ach, wenn ich’s einmal gesagt habe, dann ist’s aus und dann werden Sie mich verachten, und …“

Frohn legte mit der Miene gutmüthigster Aufrichtigkeit seine Hand auf ihren Arm.

„Rede die Demoiselle Therese doch nicht so thöricht,“ sagte er dabei. „Wie sollt’ ich Sie verachten?! Also hübsch heraus damit, was ist’s, was der böse Bube, der Franzl ihr genommen hat?“

„Ein Orden ist’s!“ sagte sie mit dem krampfhaften Schluchzen eines Kindes.

„Ein Orden?“

„Ein Stephansorden, gar schön aus Gold gemacht und ein rothes Seidenband, um ihn um den Hals zu tragen, dazu …“

„Der war in Ihrem Besitz, und der Franzl hat ihn fortgenommen?“

„Aus meinem Nähtischchen hier,“ sagte sie, „und einen goldenen Fingerhut und mein Geld dazu; den Orden muß ich wiederhaben, oder ich sterbe vor Angst und Verdruß!“

Therese gab sich wieder einem ihrer Anfälle von Verzweiflung hin.

„Aber erklären Sie mir,“ fragte Frohn erstaunt, „wie kommen Sie zu dem Orden? Wie kommt ein solches Kreuz in das Nähtischchen eines jungen Mädchens, wie Sie sind? Der Kaiser, der als Herzog von Toscana der Großmeister ist, wird ihn der Demoiselle Thereserl nicht verliehen haben; ein Geschenk zum Namenstag von der Gode wird’s auch nicht sein, und erben kann man die Stephansorden auch nicht, denn wenn ein Ritter stirbt, so muß das Kreuz sogleich an den Ordensherold ausgeliefert werden. Nun, ich merk’s schon,“ fuhr Frohn gutmüthig lächelnd fort, „es geht mir halt ein Lichtlein auf, ein kleines; soll ich’s der Demoiselle in’s Ohr sagen? – einen Schatz haben wir, das ist ein vornehmer Cavalier, der hat den Orden uns zum Spielzeug hier gelassen, und nun sind wir in tausend Aengsten, weil wir ihm doch nicht sagen mögen, daß wir einen Bruder haben, der lange Finger macht, und weil wir den Cavalier nicht auf die Polizei schicken können, sich seinen Sanct Stephan unter den gestohlenen Sachen wieder zu suchen!“

Theresens tiefdunkles Erröthen zeigte Frohn, daß er das Rechte getroffen.

„Ja, so ist’s,“ stammelte sie in größter Verwirrung, „so ist’s, nur ist’s noch schlimmer!“

„Noch schlimmer? Was heißt das, Thereserl?“

„Der Cavalier hat eine grausam strenge Mutter, und der Orden ist derselbe, den sein Vater früher immer selbst getragen hat, und wenn er an dem nächsten Sonntag den Orden nicht trägt und nicht hat, so gibt es eine Sekatur und einen Verdruß, daß es gar nicht aufzusagen ist; und wenn die Sache auf der Polizei zur Sprache kommt, und der Franzl hält nicht reinen Mund und gesteht, wem er’s genommen, und es kommt auf mich, dann machen’s mich zeitlebens unglücklich und elend, und es wird so schlimm, daß ich’s gar nicht denken mag.“

Frohn begriff nur zu gut, daß das junge Mädchen sich allerdings in einer unangenehmen Lage befinde; wenn der böse Franz gestand, daß er seiner Schwester den Orden genommen, so mußte diese freilich in den Verdacht kommen, daß sie ihn sich widerrechtlich angeeignet, falls der betreffende Cavalier nicht für sie einstand und ihre Unschuld erklärte. Und für sie nicht so offen und männlich einzustehen, dazu konnte dieser Cavalier allerdings Gründe und sehr triftige Gründe haben.

Natürlich hatte die Entdeckung, welche unser Freund von der Arcieren-Leibgarde gemacht, die Entdeckung, was Thereserl’s Zurückgezogenheit und ihr unsichtbares Elfenwalten in der Stille des hübschen Gartenzimmers eigentlich für eine tiefere Bedeutung habe, auf seine lebhafte Sympathie für das reizende Geschöpf ein wenig erkältend eingewirkt. Nichtsdestoweniger empfand er ein herzliches Mitleid mit ihr und sagte:

„Ich sehe schon, die Demoiselle hat nicht den Muth, die Geschichte dem anzuvertrauen, der allein hier helfen könnte und helfen müßte; und da soll der Herr von Frohn zu ihm gehen und ein vernünftiges Wort mit ihm reden. Nun ja, ich thu’s ja gern ihr zu Gefallen. Er wird die Sache dann schon in Ordnung bringen und seinen Orden von der Polizei sich wieder ausbitten. Sagen Sie mir nur, wie Ihr hübscher Schatz heißt, und ich will’s schon ausrichten.“

Thereserl machte wieder ihre lebhafte abwehrende Handbewegung.

„Ach Gott, das ist’s ja gerade, daß ich’s nicht sagen darf und kann, und daß ich mir lieber die Zunge abbiß, als es ausbrächte, und daß es auf der Polizei auch gar nicht auskommen darf.“

[579] Frohn blickte nachdenklich und betroffen das junge Mädchen an. „Und das Alles,“ sagte er dann, „weil Ihr Ordensritter eine so grausam strenge Mutter hat?“

Sie nickte mit dem Kopfe.

„Von der er abhängig ist?“

„Es muß wohl so sein!“

„Ist er denn noch gar so jung?“

„Zweiundzwanzig Jahre und –“ Sie endete nicht, als ob sie fürchte, schon zu viel gesagt zu haben.

Frohn sah nachdenklich vor sich hin.

„Wie ist’s denn gekommen?“ fragte er nach einer stummen Pause, „daß der leichtsinnige Zweiundzwanzigjährige den Orden bei der Demoiselle Therese hinterlassen hat?“

„Ach, ein Scherz war’s, ein leidiger. Als er zuletzt hier war und versprach, heute wieder zu kommen, da nahm ich ihm den Orden ab, als Pfand, daß er hübsch Wort halte, und deshalb ließ er’s geschehen und lachte dazu!“

„Eine üble Geschichte ist’s schon,“ rief Frohn aufstehend aus, und nachdenklich schritt er einige Male in dem Zimmer auf und ab.

„Aber,“ fuhr er fort, „da die Demoiselle mich einmal zum halben Vertrauten gemacht hat, so soll sie nicht umsonst auf mich gebaut haben. Ich will sehen, was zu machen ist. Nur ist’s heute keine Zeit. Ich muß fort, denn es geht auf Mittag und um Zwölf muß ich auf Wache in der Burg. Morgen Mittag werde ich abgelöst und komme zu der Demoiselle zurück, um ihr zu sagen, was ich mir ausgedacht habe.“

„Ach, Sie gehen, Herr von Frohn, ohne mir einen bestimmten Trost zu geben?“

Der Arcier zuckte die Achseln.

„Der Dienst geht Allem vor, auch dem Vergnügen, eine so liebenswürdige Demoiselle zu trösten.“

„Und gerade heute!“ sagte sie, die Hände wie in Verzweiflung zusammenschlagend.

Frohn reichte ihr die Hand. „Gerade heute? Kommt’s denn auf die vierundzwanzig Stunden an?“

Sie blickte verlegen zu Boden und sah dann mit ihren verführerischen Augen leuchtend zu Frohn empor.

„Nun, gehen Sie,“ sagte sie, „und denken Sie auf der Wach’ etwas aus, was der armen Thereserl aus ihrer Noth hilft. Aber erfahren darf kein Mensch davon! Was dann alles geschäh’, wenn’s ausgebracht würde, daß der junge Herr die arme Therese lieb hat und zuweilen zu ihr kommt, ganz im Stillen, das wär’ gar nicht auszusagen, und er ist doch ein gar so lieber, lieber Mensch –“

„Ein Engel, Thereserl, ein Engel!“ fiel Frohn mit gutmüthigem Lächeln ein.

„Ein Engel ist’s auch von lauter herziger Güte, und ich hab’ ihn auch so lieb, daß ich gleich hier das Leben für ihn gäb’, aber die Schande und den Spott und das Gerede von den bösen Leuten und die Beschimpfung, die ’s mir anthäten –“

Ein innerer Schauder zitterte bei diesen Worten durch die ganze Gestalt des geängstigten jungen Mädchens.

Frohn sah mit tiefer Theilnahme auf sie nieder.

„Ja, ja, Sie haben Recht,“ sagte er ernst.

„In’s Wasser müßt’ ich mich stürzen, lieber als das erleben,“ fuhr sie, wieder die Hände vor das Gesicht schlagend, fort.

„Und darum will ich Alles aufbieten, was in meiner Macht ist,“ entgegnete Frohn; „ich weiß schon, um was es sich handelt.“

Sie sah ihn fragend und ängstlich an, als ob sie aus seinen Zügen den Sinn dieser Bemerkung lesen wolle.

„Ich weiß schon, wer Ihr Schatz ist,“ sagte Frohn. „Soll ich ihn der Demoiselle in’s Ohr sagen?“

„Um Gotteswillen!“ rief sie erschrocken aus, indem sie ihre Hand auf seinen Mund legte.


4.

Frohn hatte seinen Wachdienst in der Burg angetreten. Die Wachtstube des kleinen Corps in der Residenz war eine düstere „Antecamera“, mit gepolsterten Bänken, welche an den Wänden unter einer Reihe von Pflöcken umherliefen, an denen die blanken Hellebarden der Arcieren hingen. Der zu besetzenden Posten waren wenige, da sich in die Bewachung der Burg außer den Arcieren noch die Corps der Trabanten-Leibgarde und der Burgwächter theilten. Die Arcieren, welche in Hofwagen zu ihrem Dienst abgeholt wurden, hatten immer die bevorzugten Posten vor den Gemächern der kaiserlichen Herrschaften.

Von vier bis sechs Uhr Abends hatte Frohn Posten gestanden; um Zehn war wieder die Reihe an ihn gekommen. Der Vice-Second-Wachtmeister und dem Range nach Rittmeister, der die Wache commandirte, ließ die Ablösung um diese Stunde wieder antreten und marschirte mit ihr ab; es waren außer Frohn noch drei Mann. Diese erhielten einer nach dem andern an den gewöhnlichen Stellen ihre unterhaltende und für das Staatswohl so bedeutsame Mission, die geschulterte Wehr zwei schrecklich langsam verfließende Stunden hindurch auf und ab zu tragen vor irgend einer hohen dunklen Flügelthüre, die sich aus dieser Ehrenbezeigung auch nicht das Allergeringste zu machen schien. Mit der abgelösten Mannschaft und unserem Freunde marschirte der Vice-Second-Befehlshaber weiter und endlich in einen stillen abgelegenen Seitengang hinein. Dieser hatte in der Wand links eine kleine Thüre, am entgegengesetzten Ende eine schmale Stiege, und der Thüre gegenüber hing eine düster brennende Wandlampe, die ihn sehr unvollkommen beleuchtete.

„Es soll hier für die Nacht ein Posten ausgestellt werden,“ sagte der Anführer des kleinen Pelotons. „Herr von Frohn bleibt dazu hier. Vor dieser Thür hier. Merken Sie sich Ihre Ordre: die Thür ist cassirt, Niemand geht da aus und ein, es mag sein, wer es will. Verstanden?“

„Zu Befehl!“ versetzte Frohn.

„Es ist Ihrer Majestät, der Kaiserin, ausdrücklicher Befehl,“ fuhr der Vice-Second-Wachtmeister fort. „Der Posten, der um irgend einer Person willen die Ordre verletzt, soll sofort in die Eisen gelegt werden!“

Der Wachtmeister zog nach dieser kurzen, inhaltvollen Standrede ab, und Frohn stand allein in dem dämmerigen Gange, vor der Thüre, die ihn sehr schwarz und düster und wie erbost darüber, daß man ihr das Recht auf die Existenz absprechen wolle, anblickte. Eine Weile ging er auf und ab und lauschte auf die vollständige Stille, welche diesen entlegenen Theil der weitgedehnten Gebäudemassen erfüllte. Seine Gedanken kehrten bald zu der armen Therese und ihrer Noth und Angst zurück. Es war wirklich eine verzweifelte Geschichte, und Frohn hatte trotz alles Sinnens noch keine Idee, wie es ihm möglich werden solle, ihr zu helfen. Der Orden mußte ohne Zeitverlust herbeigeschafft werden, die Polizei mußte ihn herausgeben und dazu noch bewogen werden, keine Nachforschungen anzustellen, wie er in des liederlichen Franzl’s Besitz gekommen. Kam das arme Thereserl auf den Polizeibericht, der am Ende der Woche der Kaiserin vorgelegt werden mußte, und dazu die Aufklärung, wie sie zu dem Orden gekommen, so war die in solchen Dingen ganz unerbittlich sittenstrenge Monarchin im Stande, dem im Verborgenen blühenden Elfenthum des jungen Mädchens und einer romantischen Jugendliebe durch eine grausame, entehrende Strafe und eine Ausweisung aus Wien ein entsetzliches Ende zu machen. Unter allen Umständen war die Kaiserin im Stande, so zu verfahren … ganz gewiß aber, wenn Frohns Voraussetzung über den jungen Herrn, der schon mit zweiundzwanzig Jahren des hohen lotharingisch-toscanischen Sanct Stephans-Ordens Ritter war, sich bestätigte.

Und gesetzt auch, der schlimme Franzl hätte geschwiegen und Thereserl selber hätte, wie sie versicherte, sich lieber die Zunge abgebissen, als Geständnisse abgelegt, die Kaiserin selber hätte sicherlich das Ordenszeichen und wer sein jetziger Eigenthümer sei, sobald sie es sich nur vorlegen lassen, erkannt. Frohn hatte in den Stunden, welche er mit seinen Cameraden in der Antecamera zugebracht, heute wie von Ungefähr das Gespräch auf den Orden gebracht und sich erkundigt, ob der ehrwürdige Chef des Corps, der Feldmarschall Graf Aspremont, denselben trage. Leider wurde ihm ausdrücklich versichert, daß die Excellenz weder Gerechtigkeits- noch Gnadenritter von Sanct Stephan sei. Durch ihn war also nichts zu erreichen.

Frohn hatte etwa zehn Minuten lang seinen Posten eingenommen und sich diesen Gedanken hingegeben, als er ein Geräusch hörte; ein paar dumpfe rasche Schritte, ein Schlüsseldrehen, und plötzlich flog die officiell und dienstlich nicht vorhandene Thüre auf. Eine schlanke jugendliche Gestalt, gehüllt in einen weißen Mantel, trat auf die Schwelle. Frohn kreuzte seine Hellebarde vor der Thüre.

„Die Thüre ist cassirt!“ sagte er. „Es darf Niemand heraus.“

[580] Der Mann im weißen Mantel sah ihn offenbar sehr überrascht und betroffen an. Erst nach einer stummen Pause antwortete er mit einer gebieterisch klingenden und doch außerordentlich wohllautenden Stimme:

„Weiß Er, wer ich bin?“

Die Lampe, welche der Thüre gegenüber an der Wand brannte, fiel jetzt hell genug in das durch den aufgeschlagenen Mantelkragen nur halb verhüllte Gesicht des jungen Mannes, um Frohn erkennen zu lassen, wer vor ihm stand.

„Zu Befehl, Majestät!“ erwiderte Frohn.

„So nehme Er die Hellebarde weg!“ sagte der junge Mann. Es war Niemand anders, als der römische König, der später als deutscher Kaiser Joseph II. hieß.

Frohn hielt die Waffe fest.

„Ew. Majestät halten zu Gnaden – ich habe die strengsten Befehle.“

„Wann wird Er abgelöst?“

„Um zwölf Uhr.“

„Ich verspreche ihm, vor zwölf Uhr wieder hier zu sein, mein Wort darauf!“

Damit schob der König die Hellebarde rasch bei Seite, und der weiße Mantel flatterte an Frohn vorüber. König Joseph eilte mit flüchtigen Schritten den Gang hinauf und war im nächsten Augenblick um die Ecke verschwunden.

Frohn blickte ihm in einer sehr begreiflichen Aufregung nach.

„Du bist ein Thor gewesen,“ sagte er sich. „Das Thereserl wird es Dir schlecht danken! Er wird sein Ordenskreuz auslösen gehen!“

Die Uhr der Burgkirche schlug ein Viertel. Frohn begann wieder auf- und niederzuschreiten – aber jetzt mit bedeutend rascheren Schritten. Eine Weile verging, die Uhren schlugen halb elf. Unser Posten machte die Bemerkung, daß einer Schildwache die Zeit nicht immer wie eine Schildkröte krieche, daß sie zuweilen auch sehr hurtige Fittiche haben könne.

Bei seinem Auf- und Abwandeln war Frohn schon mehrmals bis an die kleine Treppe am Ende des Ganges gekommen. Nachdenklich setzte er sich endlich auf das niedrige Holzgeländer dieser Treppe, das ihm einen bequemen Ruhepunkt darbot, legte die Hellebarde an seine Achsel und verschlang die Arme über der Brust. So hatte er eine Zeitlang gesessen – die Uhren schlugen eben drei Viertel auf elf – da hörte er unter sich Schritte. Sie kamen ziemlich sacht aus der Tiefe, die Treppe herauf … es waren offenbar zwei Personen, die emporstiegen und dabei leise mit einander sprachen.

„Er kann’s mir glauben!“ hörte er endlich eine weibliche Stimme sagen, als die sich Nähernden in seinen Gehörkreis kamen.

„Seit zehn Uhr steht ein Arcier-Posten vor der Thüre,“ antwortete eine tiefere männliche Stimme.

„Als ob man sich darauf verlassen könnte!“ antwortete die erstere. „Ich habe den weißen Mantel aus der Thüre zum Burggärtl unten kommen sehen, so wahr ich ein Paar gesunde Augen im Kopf habe.“

„Dann,“ sagte die andere Stimme, und zugleich hielten die Schritte im Steigen inne, „dann ist nichts Anderes zu thun, als es muß Einer von uns Beiden zu ihm hineingehen und mit eigenen Augen schauen, ob er zu Haus ist oder nicht. Die Kaiserin will Gewißheit haben, und wenn ich nichts Bestimmtes weiß, trau ich mich gar nicht, ihr wieder vor’s Gesicht zu kommen.“

Beide Redenden standen jetzt still, ein Stockwerk unter dem Standpunkte Frohns.

„Es wär’ freilich das Allerbeste … aber wie macht man’s?“ warf die weibliche Stimme ein. „Er hat streng verboten, nach zehn Uhr sein Zimmer zu betreten.“

„Einen Vorwand müßt’ man haben,“ lautete die Antwort, „einen Befehl von der Kaiserin – weiß die Frau von Lederer nichts, was man vorgeben könnte?“

„Ich meine schon,“ versetzte die Dame; „es soll morgen in der Früh ein Courier nach Parma abgehen, der römische König gibt da gewöhnlich Briefe an die Verwandten in Parma mit. Der Herr von Echtern könnte zu ihm hineingehen und sagen, er käme zu melden, daß der Courier schon in der Nacht abgehen solle.“

„Und daß ich um die Briefe bitte, wenn sie fertig seien; so läßt sich’s machen,“ antwortete der „Herr von Echtern“. „Aber dann muß ich zuerst in meine Uniform fahren, ich kann nicht so zu ihm hinein!“

„So geh’ der Herr von Echtern in sein Zimmer und fahr’ hurtig in seine Uniform,“ flüsterte die Stimme der Frau von Lederer; „ich erwart’ Ihn auf meiner Stuben und melde es dann der Kaiserin, wie’s steht!“

Im selben Augenblick begannen die Schritte wieder zu steigen, diesmal aber nur die der Dame; einen rascheren und schwereren Schritt hörte Frohn davon gehen und in dem Gange unter ihm verhallen.

Er selbst flog jetzt möglichst unhörbar von seinem Lauscherposten fort; als der Kopf der Frau von Lederer über der Treppe auftauchte, schritt der Arcier ruhig und gemessen vor seiner Thüre auf und ab.

Die kaiserliche Kammerfrau, als die vertrauteste der Vertrauten hatte Frohn sie öfter nennen hören, streifte in der breiten Poschenrobe und mit hoher steifgefältelter weißer Mütze an unsrer Schildwache vorüber. Sie warf einen forschenden Blick auf die dunkle Thüre, einen mißtrauisch spähenden auf den stattlichen Leibgardisten davor, dem der Letztere mit der Miene des unschuldigsten Gleichmuths begegnete, und verschwand um die Ecke des Ganges, in entgegengesetzter Richtung von der, wohin der weiße Mantel sich gewandt hatte.

Frohn lauschte mit hochklopfendem Herzen den verhallenden Schritten ihrer hohen Absatzschuhe, welche in immer weiterer Ferne verklangen.

„Hexe!“ rief er dann aus … „und dies arme junge Königsblut, das man beaufsichtigt wie einen Schüler! Hier gilt es Geistesgegenwart, oder wir sind alle Beide verloren, die Majestät wie die Schildwache!“

Mit diesen Worten lehnte er entschlossen seine Hellebarde an die Wand, ergriff das Schloß der Thüre und drückte sie auf. Er trat in einen schmalen Gang, und erblickte sich gegenüber eine zweite Thüre, die offen stand; in dem Raume dahinter einen Tisch und einen Leuchter mit brennender Kerze darauf. Beim Lichte derselben konnte er rasch weiter schreiten; als er in das erhellte Gemach kam, sah er, daß es eine Art von Garderobekammer oder etwas Aehnliches war; große dunkle Schränke standen rings an den Wänden umher. In der Ecke rechts zeigte sich ein kurzer dunkler Gang, Frohn vertiefte sich sofort darin, bis er an eine Tapetenthüre kam; diese wich seinem leisen Druck auf das Schloß, ohne Geräusch zu machen; vorsichtig spähend blickte er hindurch und sah nun, daß er auf der Schwelle eines Alkovens stand, in welchem, ihm zur Linken, sich ein Bett mit hohen grünseidenen Vorhängen und einem Himmel, der von einer Kaiserkrone überragt wurde, befand; aus dem Alkoven aber führte eine breite, aus schweren seidenen Draperien bestehende Portière in ein großes davor liegendes Zimmer. Das Erste, was unser Arcier in diesem letztem Raume gewahrte, war ein breiter, der Portière gegenüberstehender Schreibtisch, bedeckt mit Büchern und Papieren, und beleuchtet von zwei silbernen Armleuchtern, auf deren jedem zwei Wachskerzen brannten.

Frohn zog die Tapetenthüre hinter sich zu und trat sacht unter die Portière. Er sah, daß er sich in dem „Innersten der Gemächer“ des römischen Königs befand, und dies Innerste deutete auf einen Bewohner, der gewohnt war, sich geistiger Thätigkeit hinzugeben. Rechts und links zeigten sich Glasschränke mit Büchern der verschiedensten Formate; von Consolen herab blickten die Gypsbüsten alter Dichter und Philosophen; zwischen den Schränken waren Landkarten aufgehängt; an einer andern Stelle erhob sich über einem Schranke ein complicirtes und auf den ersten Blick nicht zu enträtselndes Etwas, das einem physikalischen Instrument oder dem Modelle einer mechanischen Erfindung ähnlich sah. Frohn gönnte sich die Zeit einer Untersuchung nicht; er trat an den Schreibtisch, warf einen Blick darauf und sah einen versiegelten Brief mit der Adresse:

          A sua Altezza,
     L’Archiduca Principe hereditario
               di Parma.

Dann recognoscirte er schnell den Raum, um sich zu vergewissern, wo er am besten die Rolle, die er spielen wollte, ausführen könne. Der Alkoven, der nur sehr unvollständig durch die Wachslichter auf dem Schreibtisch des Wohnzimmers mit erhellt wurde, war offenbar der zweckmäßigste Schauplatz dazu. Er zog sich darin zurück.

Textdaten
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Autor: Levin Schücking
Titel: Der Arcier
aus: Die Gartenlaube 1860, Heft 38, S. 593–596
Fortsetzungsroman – Teil 3


[593] Nachdem Frohn voll Spannung eine Weile beinahe athemlos in dem Alkoven gelauscht, hörte er lebhafte Schritte; sie wurden laut jenseits der großen Flügelthüre, welche zur Rechten des Schreibtisches aus dem königlichen Zimmer hinausführte.

Frohn zog eben seinen Flügelrock und seine scharlachrothe Uniform aus; er warf sie auf einen Fauteuil, der zu Häupten des Bettes stand. Die Thüre ging auf, und zwei Männer traten fast zu gleicher Zeit in das Wohnzimmer des römischen Königs; Einer in dunkler Civiltracht, der Andere in einer schwarzen, mit gelben Garnituren besetzten Hofuniform.

Frohn stand in der Dämmerung des Alkovens, halb von der Draperie der Portière verborgen, so daß er den beiden Männern den Rücken zuwandte; um die Größe seiner Gestalt zu verbergen, hielt er sich ein wenig vornübergebeugt, als ob er an einer Tuchnadel seines Jabots nestele oder doch mit seiner Kleidung beschäftigt sei.

„Majestät halten mir zu Gnaden,“ sagte der Mann, welcher zuerst eingetreten und in Civiltracht war, „der Hoffourier von Echtern verlangt im Auftrag Ihrer Majestät der Kaiserin durchaus noch eingelassen zu werden.“

Frohn räusperte sich, um eine gewisse Heiserkeit seiner Stimme hervorzubringen, dann sagte er möglichst gedämpft:

„Was gibt’s?“

„Die Kaiserin,“ nahm jetzt Herr von Echtern das Wort, „läßt Eurer Majestät vermelden, daß der Courier statt morgen früh noch in der Nacht abgehen soll. Wenn Ew. Majestät sollten ihm ein Schreiben mitzugeben …“

„Auf dem Tisch da! Nehm’ Er’s!“ sagte Frohn so lakonisch und so gedämpften Tones wie möglich.

Die beiden Männer hatten sich bis jetzt respektvoll an der Thüre gehalten. Des Königs Kammerdiener trat nun an den Tisch, nahm das fertig liegende Schreiben und übergab es dem Herrn von Echtern, der sich nach der Gegend des Alkovens hin demüthigst verbeugte und dann Augenblicklich damit abzog, um seiner Gönnerin, der Frau von Lederer, sofort den befriedigendsten Bericht abzustatten.

„Haben Majestät etwas zu befehlen?“ fragte unterdeß der Kammerdiener.

„Nein, geh Er!“ lautete die Antwort.

Der Mann wandte sich zum Gehen.

„Majestät haben heut Abend eine etwas belegte Stimme,“ dachte er im Stillen, während er die Flügelthüre hinter sich schloß. „Es ist gut, daß sie sich so ungewöhnlich früh zu Ruhe legen!“

Dann zog er sich in seine Stube zurück; er wußte, daß der König beim Auskleiden nie seine Hülfe wollte, und war sehr zufrieden, daß er nicht gescholten worden, weil er den strengsten Befehl hatte, nach zehn Uhr des Königs Zimmer nicht mehr zu betreten.

Sobald Frohn sich allein sah, eilte er auf den Schreibtisch zu; er ergriff eine Feder und auf den nächsten vor ihm liegenden Bogen weißen Papiers zeichnete er rasch die Figur eines Briefen, daneben einen Mund und auf den Mund einen Finger.

„Er wird’s verstehn,“ sagte er sich dabei, „ohne daß wir hier ein schriftliches Document unserer Anwesenheit hinterlassen, das morgen früh vielleicht der Kammerdiener eher bemerkte, als der König.“ Dann wollte er von dem königlichen Schreibsessel, den er eingenommen hatte, aufspringen und sich eiligst zurückziehen, als sein Blick auf einige Papierbogen fiel, die auf dem Tische lagen, unter einer als Briefbeschwerer gebrauchten zierlichen Bronze-Lacerte von römischer Arbeit. Diese Bogen trugen oben als gedruckten „Kopf“ die Worte:

„Wir, Joseph, Erwählter Römischer König, Erzherzog von Oesterreich, Königlicher Prinz von Hungarn und Böheim etc. etc.“

Darunter stand von der Hand eines Secretairs mit groben Kanzleizügen geschrieben:

„lassen hiermit, als Divisionär der zweiten Division des ersten Armeecorps, die vom Kaiserlichen Hof-Kriegsrath an uns zurückgelangten Kostenabschlüsse Eurer Bataillonscasse nebst den Belägen nach erfolgter Dechargirung für das dritte Jahresquartal hieneben ohnbeanstandet zurückerfolgen.“

Die Hand König Josephs hatte diesen Erlaß unterzeichnet. Unten stand, von der Hand des Abschreibers:

„An das kaiserliche Commando des ersten Bataillons des Infanterie-Regiments Lobkowitz-Grenadiere.“

Dies war der Inhalt des obenliegenden Blattes. Das nur zur Hälfte darunter verborgene zweite zeigte Frohn nichts als den gedruckten „Kopf“ und den Namenszug des römischen Königs an derselben Stelle, wo er auf dem ersten Blatte stand. Dasselbe war mit etwa einem Dutzend folgender Blätter der Fall. Es waren Blankets, die alle gleichmäßig für die verschiedenen Bataillone der Division des Königs ausgefüllt werden sollten, und die der letztere eben unterschrieben zu haben schien, um die Arbeit zu erledigen, ohne weitere Hin- und Hersendungen aus der Kanzlei nöthig zu machen.

[594] Frohn kam beim Anblick dieser Blätter augenblicklich der Gedanke, daß er eines derselben vortrefflich werde verwenden können. Er nahm deshalb eines der Blankets an sich, faltete es zusammen und verbarg es auf der Brust; dann eilte er in den Alkoven zurück, warf rasch Uniform und Flügelrock wieder an, und schlüpfte zu der Tapetenthüre hinaus; durch den schmalen Gang, durch das Garderobegemach, durch den daraufführenden Corridor erreichte er die cassirte Thüre wieder, und nachdem er sie hinter sich zugezogen und draußen seine Hellebarde ruhig dastehend gefunden, trat er tiefaufathmend und um einen bedeutenden Theil seiner Spannung erleichtert seinen Postendienst wieder an.

Um einen bedeutenden Theil, sagen wir, denn so gut sein rasch gefaßter und keck durchgeführter Plan so eben gelungen, und so gewiß in diesem Augenblick die gestrenge und ihren erwachsenen, mit der königlichen Würde bekleideten Sohn wie einen Knaben beaufsichtigende Kaiserin die zufriedenstellende Meldung empfing, daß der letztere sich in seinen Gemächern befinde und bereits zur Ruhe zu gehen im Begriffe stehe, so schwer bedrückte unsern Freund doch immer noch die Sorge, ob der König sein Wort halten und zur rechten Zeit zurückkehren werde.

Er hatte das Versprechen gegeben. Er wollte vor der Ablösungsstunde wieder da sein. Aber König Joseph, darauf hätte der Arcier einen gestabten Eid geschworen, befand sich in diesem Augenblicke gewiß nicht in der Stimmung, so genau wie unsere Schildwache auf das Schlagen der Uhren Acht zu geben. Ja, dieser fatale und höchst störende Ton machte in dieser Stunde ohne allen Zweifel schon aus schuldiger Rücksicht und Respect nicht einmal einen Versuch, in das trauliche Hinterstübchen in der Vorstadt zu dringen, und wenn er wirklich so unausstehlich vorwitzig war, dann hieß es auch da Wohl: „it is the nightingale and not the lark!

Der Posten vor der cassirten Thüre mochte erst seit wenigen Minuten wieder ordnungsmäßig bezogen sein, als die Glocke der Burg schon ein Viertel auf zwölf verkündete. Frohn warf bei seinem Auf- und Niederschreiten die Hellebarde bald auf die eine, bald auf die andere Achsel. Als es halb zwölf schlug, kam es ihm vor, als hätte die Glocke ordentlich einen boshaften und spöttischen Klang angenommen und die zwei Schläge mit einem erschrecklichen und ganz ungewöhnlichen Getöse bis in jeden entferntesten Winkel der großen Hofburg geworfen.

Und dann schlug sie drei Viertel auf zwölf, sie war so entsetzlich rasch damit bei der Hand, daß der Arcier glaubte, er höre noch den Nachhall von halb zwölf in seinen Ohren zittern, und nun schlug diese entsetzliche Uhr bereits drei Viertel auf Mitternacht!

Um Mitternacht pünktlich kam die Ablösung. Ein anderer Arcier bezog den Posten, ein alter dienststeifer Kriegsknecht, der, wenn der König heimkehrend auf ihn stieß, Lärm schlug und Alles zur Sprache brachte – Frohn war dann verloren.

Vielleicht schlug die Glocke zu früh; vielleicht war sie in ihrem Laufe der Zeit voraus. Aber nein, dies war ein Gedanke, an den nur die Verzweiflung sich klammern konnte; er war völlig chimärisch, er war beleidigend für die alte Thurmuhr auf der Hofburg zu Wien, die niemals zu rasch gegangen, die niemals der Zeit voraus gewesen ist.

In der That, von Sanct Stephan schlug es gleich nachher gerade eben so viel. Und von den andern Thürmen und Thürmchen der großen Kaiserstadt ebenfalls. Frohn hatte noch niemals bemerkt, daß so viel Thurmglocken in Wien sein, und daß sie ein so furchtbares Getöse machten, wenn sie die Viertelstunden schlügen. Dann hatten sie ausgeschlagen, auch der Klang der letzten war zitternd verhallt, Frohn’s Herz klopfte immer höher, er glaubte schon die Burgglocke wieder zum neuen Schlage ausholen zu hören, und wahrhaftig, dies Qualgebilde einer dämonischen Erfindungskraft fing sein Rasseln wieder an – es hob aus.

Da unterbrach ein andrer Ton die Todtenstille in dem weiten Gebäude: es waren Schritte: nicht die Schritte der fernen Schildwachen auf ihren Posten; es waren flüchtige, leise, heraneilende, fliegend fast; und etwas Weißes leuchtete am Ende des Ganges auf – der weiße Mantel flatterte; er war da, er winkte Frohn wie grüßend oder dankend mit der Hand. Frohn hatte die Thüre schon geöffnet – hinein flog der weiße Mantel, und Schloß und Riegel klirrten im Innern.

Tief aufathmend stand der Arcier.

„Gott sei gedankt!“ sagte er mit einem aus der tiefsten Seele kommenden Stoßgebet. Und nun ließ er die Glocke schlagen; nun ließ er sie schlagen alle durcheinander, nach Herzenslust, groß und klein, dumpf und hell und heiser, sie konnten gar keinen so disharmonischen Lärm hervorbringen, daß es ihm nicht plötzlich wie eine tolle Tanzmusik ganz lächerlich heiter um die Ohren geschwirrt hätte.

Die Ablösung kam schweren Schrittes heran.

„Alles in Ordnung, Herr Vice-Second-Wachtmeister!“ meldete Frohn und ließ seinem Nachfolger den Posten.


5.

Um zwei Uhr nach Mitternacht wurde der Posten vor der cassirten Thüre eingezogen. Frohn hatte noch zwei Mal an andern Stellen in der Burg zu schildern, dann war die Mittagsstunde des folgenden Tages da, und mit ihm das Ende des Nachtdienstes.

Eine Viertelstunde später saß Frohn in seiner Wohnstube in der Vorstadt Mariahilf; vor ihm lag das Blanket, und den Kopf auf den Arm gestützt starrte der Arcier nachsinnend die weiße Fläche an. Endlich, mit einem raschen Entschluß, ergriff er die Feder.

„Es geht nicht anders,“ sagte er, und nun schrieb er mit seiner schönen und deutlichen Copisten-Hand einige Zeilen darauf nieder, streute Sand darauf und überlas das Blatt. Der Inhalt lautete jetzt wie folgt:

„Wir Joseph, Erwählter Römischer König, Erzherzog von Oesterreich, Königlicher Prinz von Hungarn und Böheim etc. etc.
haben zur Anerkennung uns geleisteter Dienste und wegen besondren Wohlverhaltens dem k. k. Arcieren-Leibgardisten Joseph von Frohn das Kreuz eines Gnadenritters des toscanischen Sanct Stephans-Ordens verliehen und geben demselben darüber diese vorläufige Urkunde bis dahin, daß von unsres Kaiserlichen Herrn Vaters Majestät und Liebden, als höchstem Ordensmeister, das von uns beantragte Ernennungs-Diplom unterfertigt und herabgelangt sein wird.
Joseph, R. König, m. pr

Mit diesem Schriftstück bewaffnet, verließ Frohn ohne Säumen seine Wohnung wieder. Auf dem Hausflur unten gab ihm die Magd einen Wink.

„Das Demoiselle Thereserl verlangt gar gewaltig nach dem Herrn von Frohn,“ flüsterte sie.

„In einer Stunde komme ich zurück,“ versetzte der Arcier, „dann steh’ ich zu Dienst.“

Er verließ das Haus, wandte sich der inneren Stadt zu und suchte das Gebäude der Polizei-Verwaltung auf. Seine rothe Arcieren-Uniform öffnete ihm hier die Thüren. Da man einen Boten vom Hofe in ihm erblickte, so ließ das gestrenge und sonst keinesweges zuvorkommende Dienstpersonal, welches er in dem ersten dieser verhängnißvollen und unheimlichen Räume antraf, sich so weit herab, ihm auf alle seine Fragen Antwort zu geben, und kurze Zeit darauf stand er in einer verräucherten, dunklen, mit Acten bis an die Decke erfüllten Stube, in welcher ein kleiner, gelb und zornig aussehender Mann eben seine Schreibärmel auszog und sich zum Fortgehen anzuschicken schien.

„Was gibt’s? was wollen’s noch? ein Uhr thut’s schlagen, eh’ ich a Paternoster hersag – und a Ruh will ich hab’n,“ fuhr er Frohn und den Beamten, der ihn geführt hatte, an.

„Ich bin an ein verdrießliches Subject gekommen,“ dachte unser Freund, indem er den graugelben Actenmann betrachtete, der aussah, als wäre er der letzten großen Generaleinstampfung älterer Actenbestände nur entgangen, um bei der nächsten berücksichtigt zu werden.

„Ich höre,“ nahm Frohn das Wort, „Euer Gnaden sind der Polizeirath für das Criminale?“

„Nun ja, was schwätzen’s noch davon, was hab’n’s?“

„Es schwebt eine Untersuchung gegen einen jungen Menschen, der Franz Fellhamer heißt, wegen Diebstahls – man hat bei ihm ein Ordenskreuz gefunden, und dies Kreuz ist zu den Acten genommen.“

Der Polizeirath für das Criminale nahm eine Prise, um seine Ungeduld zu beschwichtigen.

„Wird schon so sein,“ sagte er.

„Dies Kreuz gehört mir, und ich komme es zu reclamiren.“

[595] „Ihnen Ihr Kreuz ist’s?“ fragte der Actenmann mit einiger Ueberraschung zu dem hohen Leibgardisten aufschauend.

„Ich wohne im Hause der Eltern des Monsieur Franz Fellhamer; dadurch hat der leichtsinnige Mensch Gelegenheit bekommen, es mir zu entwenden – wahrscheinlich weniger in der bösen Absicht, sich den Goldwerth anzueignen, als um damit vor seinen Gesellen zu prahlen.“

Der Polizeimann schüttelte verdrießlich den Kopf.

„Das muß sich ausweisen,“ sagte er.

„Freilich,“ versetzte Frohn. „Ich bitte Sie um die Auslieferung des Kreuzes.“

„Ist’s denn gar so eilig?“

„Ich habe Gründe, es sofort zurückzuverlangen. Und da es mein Eigenthum ist, werden Sie es nicht verweigern.“

„Es wird halt nicht so schnell gehen. Schaun’s, a kleines Protokoll wird schon zu machen sein, und nachher müssen’s abwarten, was die Behörde resolvirt, und dann wird man den Herrn schon vorladen, es in Empfang zu nehmen, und a Urkund oder a Bescheinigung müssen’s auch beibringen, daß der Orden der Ihrige ist – die Polizei weiß halt nichts davon.“

„Daran fehlt es nicht,“ entgegnete Frohn, indem er seine königliche Verleihungs-Urkunde hervorzog und, nicht ohne eine kleine Gewissensbeängstigung, dem Beamten vorlegte. „Hier ist die Bescheinigung, die Ihnen genügen wird.“

Der Polizeirath überlas das Blatt.

„Sie werden jetzt auch einsehen, weshalb ich den Orden mir auf der Stelle eingehändigt wünschen muß,“ fuhr Frohn fort. „Der römische König hat mir den Orden gegeben, bevor die urkundliche Verleihung vom Kaiser selbst erflossen ist. Ich habe ihn deshalb auch noch nicht tragen dürfen, und wenn die Sache bei Hofe bekannt würde, so könnten die alten Majestäten es dem römischen König als eine Eigenmächtigkeit verübeln, und darum kann ich Ihnen schon unter vier Augen anvertrauen, daß der Herr Polizeirath sich beim römischen König einen großen Stein im Bret verschaffen würden, wenn über den Orden in der Untersuchung kein Lärm geschlagen wird, und besonders, wenn Sie kein Aufhebens davon in dem Polizei-Bericht machen, der am Ende der Woche in’s Cabinet der Kaiserin gesandt wird.“

„Schau, schau, so steht’s?“ fiel der Polizeirath lebhaft ein. „Ja, das ist freilich was Andres; wissen’s was, Herr von Frohn, das Beste ist, ich mach’ gleich nur einen Vermerk in die Acten: „das Kreuz ist dem Inhaber ruckgeb’n worden, sub fide Rath Hinterhuber,“ nachher hab’n wir nichts mehr damit zu schaffen.“

Der kleine Mann war jetzt eben so dienstwillig wie vorher unwirsch.

„Kommen’s nur mit, kommen’s nur mit,“ sagte er und schritt Frohn voran in einen an sein Arbeitszimmer stoßenden Raum von großer Familienähnlichkeit mit dem ersteren, nur daß hier die Actenrepositorien abwechselten mit großen dunklen Schränken, zu deren einem der Polizeirath sich wandte, um ihn mit einem Schlüsselbund, das er aus der Tasche hervorholte, aufzuschließen und dann lange darin herumzukramen. Frohn warf einen Blick in das dunkle tiefe Innere dieses Kastens, das im Kleinen mir frappanter Aehnlichkeit das Bild eines Trödlerladens darbot, nur daß diese amtliche Trödlerbude mit entschiedener Bevorzugung alles dessen angelegt schien, was sich leicht forttragen und unter einen Rockschoß verbergen ließ, während das mehr Raum einnehmende Mobiliar fehlte. Stockuhren, rostige Pistolen, Haufen von Wäsche, Kleidungsstücke, Stiefeln, Pferdezäume, eine Unzahl von Reticüles mit knapp abgeschnittenen Bändern, Gebetbücher, kupferne Casserolen und tausend andere Dinge ruhten friedsam in diesem Mikrokosmos des Culturlebens einer großen Stadt bei einander, und jedes trug auch sein Zeichen, daß es solchem Culturleben angehöre, an der Stirne, einen Zettel nämlich, mit Actenzeichen und Nummern darauf.

Was der Polizeirath suchte, befand sich nun freilich nicht mitten zwischen allen diesen Sachen, sondern in einem besonderen mit einem Vorhängeschloß verwahrten Kasten, worin alle diejenigen Gegenstände untergebracht schienen, die einen größeren Werth repräsentirten; und daraus nahm der Beamte denn bald ein kleines Packet heraus, als dessen Inhalt sich richtig das dunkel emaillirte, in der Form dem Malteserorden sehr ähnliche Stephankreuz zeigte. In den Winkeln waren vier goldne Lilien angebracht, und oben eine goldene Königskrone. Das rothe dazu gehörende Band befand sich noch daran.

„Da haben’s Ihnen Ihr Kreuz,“ sagte der Polizeirath, „und nun kommen’s, daß wir’s eintragen.“

Er verschloß den Schrank wieder und ging in sein Arbeitszimmer zurück. Frohn folgte ihm. Hier holte er unter mehreren dicken Actenfascikeln ein Heft hervor, welches sein noch jugendliches Alter durch eine außergewöhnliche Dünnleibigkeit verrieth, schlug es auf und nachdem er auf den weißen Rand eines der Schriftstücke seinen „Vermerk“ gemacht, deutete er aus die Stelle darunter und sagte:

„Hier, da schreiben’s hin, daß wir’s Kreuz Ihnen obruck geb’n hab’n.“

Frohn faßte die Feder und malte mit möglichst ungeschickter Führung des Kiels, der unter dem Druck seiner schweren Hand ganz entsetzlich ächzte und knirschte, die Worte hin:

„Obiges Kreuz des Ordens vom heiligen Stephan habe ich zurück erhalten.
Joseph von Frohn.“

„Ist das Ihre Hand?“ fragte der Beamte.

„Wie Sie sehen.“

„Aber sogn’s, wie hoßt’s denn, der Namenszug da?“

Der Namenszug war freilich so verschnörkelt, daß eine hellsehende Somnambule nicht aus diesen verwirrten Haken Joseph von Frohn gelesen hätte.

„Das geb’ ich Ihnen zu rathen auf,“ antwortete lachend der Arcier. „Ein wenig wüst aussehen thut’s schon, man verlernt das Schreiben eben im Felde, und besonders’dann, wenn man schon vorher nicht stark darin war.“

„Ja, mag schon sein,“ versetzte der Polizeirath.

„Und nun danke ich Ihnen für Ihre Gefälligkeit,“ fuhr unser Arcier fort, „es wird dem römischen König schon zu Ohren kommen, verlassen Sie sich darauf. Aber ich darf Sie nicht länger aufhalten, es ist längst Essenszeit …“

„Ja, freilich längst ist’s Essenszeit,“ fiel der Beamte mit einem elegischen Tone ein. „Aber warten’s noch, wir sind halt noch immer nicht fertig.“

„Was ist denn jetzt noch zu thun?“

„Ja, schaun’s, unterschrieben haben’s freilich, aber etwas habn’s vergessen.“

„Und was ist das?“

„Das manu propria habn’s ausgelassen. Ich muß gar schön bitten.“

„Ein m. p. noch – nun darauf soll’s mir nicht ankommen,“ versetzte Frohn lachend und ergriff die Feder wieder, um hinter seinen Namen noch den verlangten Zug zu machen.

„Jetzt können’s gehn,“ sagte der Beamte, „für alles Andre sorg’ ich schon selbst.“

„Küß die Hand, Herr Polizeirath,“ erwiderte Frohn und eilte mit viel leichterem Herzen, als er gekommen, und mit raschen Schritten aus den dunklen, unheimlichen Räumen hinaus.


6.

Im Besitze seiner Beute gab unser Arcier sich zunächst der Erfüllung der moralischen Obliegenheit hin, die der Sterbliche in Beziehung auf sein eigenes Wohlbefinden hat und welche der tugendhafte Polizeirath deshalb so stark durch die wiederholte Bemerkung: „es ist Essenszeit“ betont hatte.

Nachdem er diese Pflicht erfüllt und sein Mahl in einem nahen Speisehause zu sich genommen hatte, trat er den Heimweg zu seiner Wohnung an und ließ sich nun sofort bei Demoiselle Thereserl melden.

Die junge Dame trat ihm sehr bewegt entgegen. Sie sah wo möglich noch niedergeschlagener aus, als am Tage vorher. Sie hatte auch in der That Grund dazu … sie gestand Frohn ein, daß sie ihren Ordensritter seit gestern gesprochen, daß er sein Kreuz gebieterisch zurückverlangt habe, daß sie gar keine Ausflucht gewußt, daß sie ihn ja auch viel, viel zu sehr lieb habe, um ihn durch falsche Vorwände hintergehen zu können, und daß er bei ihrem aufrichtigen Bekenntniß sehr, sehr ernst und sehr unwillig geworden.

„Und hat er beschlossen, sofort etwas in der Sache zu thun?“ fragte Frohn eifrig.

[596] Therese wußte das nicht; er sei sehr nachdenklich geworden und habe sich nicht darüber ausgesprochen, sagte sie; aber sehr unruhig sei er gewesen und habe oft nach der Uhr geschaut, und nur so kurze Zeit sei er geblieben … er sei wieder davon geeilt, nachdem er, wie es ihr geschienen, kaum gekommen.

Frohn begriff diese Unruhe.

„Seien Sie ruhig, Demoiselle Therese,“ sagte er jetzt, indem er das Kreuz aus der Brusttasche zog – „kennen Sie das?“

„O mein Gott,“ rief das junge Mädchen, die Hände zusammenschlagend aus, „da ist’s ja – das ist’s!“ und zugleich fiel sie erschüttert in ihren Stuhl zurück und durch einen Strom von hervorquellenden Thränen blickte sie lächelnd zu Frohn auf.

„Ich kann’s nicht aussagen,“ fuhr sie gepreßt und die Hand auf’s Herz drückend fort, „ich kann’s nicht aussagen, wie’s mich freut, daß Sie’s haben … es ist eine erschreckliche Freud’, als wenn ich davon sterben müßt’!“

Frohn ergriff gerührt ihre Hand. Er sah an dieser gewaltigen Erschütterung, wie groß und aufrichtig ihre Liebe für den Mann war, den sie durch sich in Sorge versetzt wußte.

„Wie haben Sie’s nur angefangen?“ fragte sie dann. „O ich wußt’, daß Sie mir helfen würden; mein Gott, mein ganzes Leben lang werd’ ich Ihnen nicht genug danken können.“

„Reden wir nicht davon,“ unterbrach sie Frohn; „wie ich’s angefangen habe, erzähl’ ich Ihnen ein andres Mal. Jetzt sagen Sie mir, wollen Sie es ihm zurückgeben, oder soll ich’s thun? Zu reden hab’ ich doch mit ihm.“

„Kennen Sie ihn denn?“ fragte Thereserl mit einem gewissen Erschrecken.

Er nickte mit dem Kopf.

„Nun, was thut’s? ich habe zu Ihnen das Vertrauen, wie zu meinem Beichtvater – so gehen Sie nur und geben Sie’s ihm nur selber, denn er hat gesagt, in den nächsten Tagen könne er nicht wieder zu mir kommen, aber vielleicht würd’ er’s mir übel nehmen und böse sein, daß ich Sie in’s Vertrauen gezogen, und auf Sie könnt’ er einen Zorn fassen drum!“

„Seien Sie deshalb unbesorgt,“ entgegnete Frohn. „Ich muß offen mit ihm reden, mag er’s nun gnädig aufnehmen oder, was immer sehr möglich ist, es gar übel vermerken, daß ich mich in die Sache gemischt habe. Aber es thut’s nun einmal nicht anders, davon geredet muß werden!“

„Nun, dann reden Sie in Gottes Namen mit ihm, und wissen Sie, Herr von Frohn,“ fügte Therese mit einem kleinen Anfluge von Schelmerei hinzu, „wenn er auch ein klein wenig böse drein schaun sollt’, ich glaub’ doch schon, ich mach’, daß er dem Herrn von Frohn wieder gut wird!“

Frohn griff nach seinem dreieckigen Hütlein.

„Aber nun laufen Sie schon davon,“ rief sie aufspringend aus, „und ich habe Ihnen noch gar nicht einmal gedankt.“

„Eben deshalb laufe ich,“ versetzte Frohn, „damit Sie nicht davon anfangen!“

Er eilte in der That davon, noch bevor sie etwas erwidern konnte, verließ das Haus und schlug den Weg zur Burg ein. Er hatte hier keinen Führer nöthig, um in das Vorzimmer des römischen Königs zu gelangen. Die junge Majestät, wurde er jedoch beschieden, machte einen Spazierritt im Prater, zusammen mit dem Erzherzog Leopold und ihren Cavalieren. Frohn stellte sich geduldig in eine Fensternische, um zu warten. Außer einem Lakai war Niemand in dem Raume; in die Stille, welche ringsum in diesem Theile der kaiserlichen Wohnung herrschte, warf die Glocke auf der Burgcapelle ihre hallenden Töne, als sie drei Uhr schlug, und dieser Klang versetzte unsern Arcier auf das Lebhafteste wieder in die Situation der vergangenen Nacht.

Kurz darauf kündeten Schritte, das Auf- und Zuschlagen von Thüren, Stimmen die Zurückkunft der jungen Herrschaften an.

Der Kammerdiener, welchen Frohn am gestrigen Abende nebst dem Herrn von Echtern hatte in das Arbeitszimmer seines Gebieters treten sehen, kam herein, der Lakai eilte, die beiden Flügel der großen Thüre aufzuwerfen; im nächsten Augenblicke schritt der römische König rasch über die Schwelle des Vorgemachs.

„Addio, meine Herren, ich danke Ihnen,“ sagte er, sich zu zwei Herren in Hofuniform wendend, die ihm bis hierher das Geleite gegeben hatten und sich nun nach einem Paar tiefen Verbeugungen zurückzogen; dann wandte er sich mit jugendlich elastischem Schritt seinem Wohnzimmer zu, zu dessen Thüre ihm der Kammerdiener vorauf geeilt war. Auf dem Wege dahin traf sein Blick Frohn, der in strack militärischer Haltung sich neben dem Fenster aufgestellt hatte. Die schönen offenen Züge König Josephs mit den großen gewinnenden blauen Augen voll Leben und Geist nahmen augenblicklich einen andern Ausdruck an. Dieser Ausdruck war unverkennbar der einer nicht angenehmen Ueberraschung. Doch blieb er vor dem Arcier stehen und sagte mit einem leichten Stirnrunzeln und raschem Hervorstoßen der Worte:

„Er will mich sprechen? Komme Er mit hinein!“

Der König schritt weiter, und Frohn, der ihm folgte, stand nach wenig Augenblicken in dem Wohngemach desselben, das ihm aus der vergangenen Nacht her so wohl bekannt war. Ihm gegenüber lag der Alkoven, durch den er hier eingedrungen war.

„Arcieren-Leibgardist Joseph von Frohn, früher Oberlieutenant bei Prohaska-Dragonern,“ meldete Frohn militärisch.

„Er hat gestern Posten gestanden auf dem Gange drüben, ich weiß,“ sagte der König mit ungeduldigem und unwilligem Tone, doch erst, nachdem er gewartet, bis der Kammerdiener die Thüre wieder geschlossen. „Er kommt sehr rasch, mich daran zu mahnen, daß ich eine kleine Verbindlichkeit gegen Ihn habe!“

Frohn erröthete bei diesen Worten.

„Majestät halten mir zu Gnaden, ich komme so wenig in dieser Absicht, daß ich im Gegentheil nur befürchte, ich werde Ew. Majestät volle Ungnade auf mich laden durch das, was ich vorzutragen mich gedrungen fühle.“

„Und was ist das? Laß Er hören.“

„Ich bin in der vergangenen Nacht hier in Ew. Majestät Wohnzimmer gewesen und habe die Rolle Ew. Majestät gespielt, auf die Gefahr hin, nicht auf meinem Posten gefunden und auf die Festung geschickt zu werden.“

„Er? Was soll das bedeuten? War Er’s, der einen Brief von meinem Schreibtisch genommen hat?“

„Das that Ew. Majestät Kammerdiener.“

„Der Kammerdiener? der war hier?“ fiel König Joseph beunruhigt ein, „gegen meinen ausdrücklichen Befehl?“

„Weil ihm ein Befehl Ihrer Majestät der Kaiserin vorgespiegelt wurde,“ antwortete Frohn und begann nun den ganzen Hergang zu erzählen.

Textdaten
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Autor: Levin Schücking
Titel: Der Arcier
aus: Die Gartenlaube 1860, Heft 39, S. 609–612
Fortsetzungsroman – Teil 4 // Schluß


[609] König Joseph hatte sehr gespannt, aber auch mit einer Miene großen Mißvergnügens der Erzählung Frohn’s zugehört. Dieser schloß mit folgenden Worten:

„Ich sehe nur zu wohl ein, daß es sich für mich nicht schicken würde, im Geheimen und ohne Ew. Majestät Wissen so etwas wie eine stille Vorsehung für dieselben zu spielen. Darum komme ich, Alles zu melden, wenn es auch den falschen Schein auf mich wirft, mir ein Verdienst daraus bei Ew. Majestät machen zu wollen. Dies ist in der That nicht der Fall. Ich habe auch ganz und gar kein Verdienst dabei. Hätte ich das, was ich gethan, unterlassen, so würde es entdeckt sein, daß ich meine Pflicht als Posten nicht erfüllt, und ich würde sehr strenge bestraft worden sein!“

„Das ist wahr,“ sagte König Joseph ernst und doch gnädig. Die freie Sprache Frohn’s erweckte augenscheinlich sein Wohlwollen.

„Ich habe aber noch mehr gethan,“ fuhr der Arcier fort, „und zwar etwas, was derartig kühn und vermessen ist, daß ich mein Gewissen als ehrlicher Mann belastet fühle, so lange ich nicht durch ein offenes Geständniß die Gnade erlangt habe, daß Ew. Majestät mir, so zu sagen, eine Absolution von meiner dreisten Verwegenheit ertheilen!“

„Und was wäre das?“ fragte der König lebhaft.

„Ich wußte, daß Ew. Majestät ein werthvolles Kleinod durch die Frechheit eines leichtsinnigen Burschen abhanden gekommen – ich wußte es durch den Zufall – ich wohne im Hause der Eltern jenes Burschen …“

Hatte König Joseph vorhin, bei Frohn’s erster Erzählung, hoch aufgehorcht, so that er es jetzt mit der Miene doppelten Betroffenseins.

„Das weiß Er?“

„Ja, und auch, daß der fragliche Gegenstand zu Händen der Polizei gekommen, und es Ew. Majestät unangenehm sein würde, in Ihrem Namen ihn dort reclamiren zu lassen. Deshalb habe ich mich unterstanden, eines der Blankete von Ew. Majestät Schreibtisch fortzunehmen, es in zweckdienlicher Weise auszufüllen und damit bewaffnet das Ordenskreuz in meinem eigenen Namen aus den Händen der Behörde zu befreien. Hier ist dasselbe und hier das Blanket zurück.“

Frohn zog beide Gegenstände aus seiner Uniform hervor und legte sie auf den Schreibtisch des römischen Königs nieder. Dieser griff mit einer gewissen Hast nach dem Kreuze.

„Wahrhaftig, es ist mein Kreuz!“ sagte er, es betrachtend und mit dem Tone einer sehr lebhaften Befriedigung. Dann sah er mit großen Augen Frohn an.

„Er ist ja ein merkwürdiger Mensch!“ sagte er halblaut und wie für sich.

„Wollen Ew. Majestät jetzt einen Blick auf das Schriftstück zu werfen geruhen, damit Sie sehen, welches Mittels ich mich bedient habe, und ich dann um die Gnade bitten darf, es zerreißen zu dürfen?“

König Joseph nahm das Papier auf und überlas es.

„Ich habe dem Polizei-Beamten, welcher mir die Ordensdecoration auslieferte, bedeutet, daß sein Schweigen gewünscht werde; ich glaube versichern zu können, daß er es halten wird.“

„Wie heißt der Mann?“

„Der Polizeirath Hinterhuber.“

König Joseph heftete seine Blicke wieder nachdenklich auf das Papier und ließ sie dann über den Rand fort und auf Frohn hinübergleiten, den er mit einem Ausdruck fixirte, in welchem weder Billigung noch Mißbilligung des Geschehenen zu erkennen war. Er schien mit sich selbst im Unklaren zu sein.

„Es ist mir sehr lieb, daß ich die Decoration wieder erhalten habe,“ sagte er nach einer Pause, „es ist mir ein großer Dienst damit erwiesen, ich danke Ihm dafür – aber,“ fuhr er plötzlich mit viel lebhafterer Stimme fort, „weiß Er, daß Er sich ein schweres Verbrechen hat zu Schulden kommen lassen, und daß Er ein gefährlicher Mensch ist?“

„Mehr als ein Verbrechen, Majestät,“ versetzte Frohn; „wenn ich für alles das, was ich in der vergangenen Nacht gethan, nach der Strenge des Gesetzes bestraft würde, so hätte ich für Lebenslang genug. Aber meine Verbrechen gegen die Dienstvorschriften belasten mein Gewissen nicht, ich werde mich darüber trösten. Ein Anderes ist es mit der Schrift dort; ich weiß nicht, ob es sich ganz mit der Ehre eines kaiserlichen Soldaten verträgt, so zu handeln, und darum habe ich mich gedrungen gefühlt, Ew. Majestät Alles zu berichten, um mich von dem Könige, der im Staate die höchste Quelle der Ehre ist, entweder lossprechen oder verdammen zu hören.“.

König Joseph fixirte wieder mit dem früheren Blicke den vor ihm stehenden Arcier, der ihm immer merkwürdiger vorkommen mochte.

„Also an mich wendet Er sich nur als den höchsten Quell der Ehre im Staate?“ sagte er nach einer Weile mit einem Tone, [610] worin etwas wie Ironie lag, „nicht etwa an den Mann, der Sein Schuldner ist?“

„Nein, Majestät!“ versetzte Frohn sehr ernst und entschieden.

„Nun wohl,“ fuhr der König fort, „ich glaube Ihm das. Und indem ich Ihm das versichere, meine ich, hat Er die Absolution, die Er wünscht. Der Charakter Seiner Handlung bestimmt sich danach, ob sie ganz uneigennützig war oder nicht!“

„In der That, und ich danke Ew. Majestät auf’s Ehrerbietigste für die Absolution.“

Der König zerriß jetzt die Schrift in mehrere kleine Stücke.

Dann nickte er Frohn einen herablassenden Gruß zu und sagte kalt und gemessen:

„Er ist entlassen!“

Frohn wandte sich und schritt in militärischer Haltung zur Thüre. Als er diese fast erreicht hatte, rief König Joseph ihm nach:

„Wart’ Er noch!“

Frohn wandte sich wieder der jungen Majestät zu.

Diese schien etwas unschlüssig über das, was sie sagen wollte. Joseph bewegte einen Augenblick die Lippen, ohne zu sprechen, dann sagte er:

„Ich habe einen Auftrag für Ihn. Melde Er seinem Chef, dem Feldmarschall Graf Aspremont, ich wünsche in den nächsten Tagen ihn zu sehen.“

„Zu Befehl, Ew. Majestät.“

Der König winkte mit der Hand, Frohn ging, und gleich darauf schloß sich die Thüre des königlichen Cabinets hinter ihm.

In der besten Stimmung verließ er die Burg. Sein Gewissen war um eine Centnerlast erleichtert und schlug voll Dankbarkeit für König Joseph, der ihn verstanden und dadurch am meisten geehrt hatte, daß er ihm keine Belohnung angeboten. Denn in der That, und der König hatte sehr richtig es bemerkt: wenn für Frohn irgend ein Vortheil, ein bedeutender Gnadenbeweis das Ergebniß seiner Thätigkeit gewesen wäre, so hätte diese letztere dadurch in höchst bedenklicher Weise einen andern moralischen Charakter bekommen.

In der Frühe des andern Morgens machte sich Frohn auf, die im Hotel der Arcieren-Leibgarde für ihn bereiteten Zimmer zu beziehen. Er hatte verschiedene Gründe dazu; das hübsche Thereserl weinte einige Thränen der Rührung und Dankbarkeit beim Abschiede; im Grunde war auch sie ihm dankbar dafür. Es war besser so!


7.

Es waren etwa vierzehn Tage vergangen, die sich für unsern Freund einförmig und ereignißlos abgesponnen hatten, zwischen viel freier Muße und einigen wenigen Dienstleistungen getheilt.

Das Wiener Früchtl, der Franz Fellhamer, war während dieser Zeit abgeurtheilt; man hatte ihn „zum Militär assentirt“ und als ehemaligen Reitscholaren unter ein Husaren-Regiment gesteckt.

Eines Morgens war große Ceremonie am kaiserlichen Hofe. Ein neuer französischer Gesandter hielt seine Auffahrt und hatte die erste feierliche Audienz. In den Gängen und Vorsälen paradirten die verschiedenen Leibgarden. Frohn stand als Flügelmann der Arcieren in der Antecamera zunächst dem großen Stiegenhause, wie seine Cameraden in voller Galla. Nach einer halben Stunde war Alles zu Ende. Eine Weile nachdem der Botschafter durch den Obersthofmeister bis in das letzte Vorzimmer, durch den Ober-Ceremonienmeister und zwei Kammerherren bis an seine Carosse zurückbegleitet war, kamen in einzelnen Gruppen auch die Herren vom Hofstaat aus den inneren Gemächern heraus.

Einer dieser Herren blieb in der Antecamera der Arcieren stehen, überblickte wie suchend die zu beiden Seiten im Spalier aufgestellte Mannschaft und gab Frohn einen Wink.

Dieser trat vor.

Der Hofcavalier jedoch, statt sich an ihn zu wenden, richtete jetzt einige Worte an einen andern Herrn und unterhielt sich mit diesem in gemüthlicher Muße, ohne sich weiter um den Arcier zu bekümmern.

Der ergraute alte Herr, welcher als Capitain-Lieutenant die Arcierengarde heute commandirte, nachdem er es durch lange Dienste in der Armee bis zum Generalmajor gebracht, befehligte jetzt seine Leute zum Abmarsch.

Frohn überhörte den Befehl und blieb, wo er stand.

Der Hofcavalier schien diesen Augenblick abgewartet zu haben. Er trat dicht an ihn heran und sagte:

„Der römische König reitet sogleich zur Jagd nach Laxenburg. Er wünscht Sie in seinem Gefolge zu sehen.“

„Zu Befehl,“ versetzte Frohn, von dieser Nachricht sehr angenehm überrascht, „ich werde sogleich gehen und mir den dazu erforderlichen Urlaub holen.“

„Das wird nicht nöthig sein,“ antwortete der Hofcavalier mit einem eigenthümlich bedeutsamen Lächeln. „Ich würde Ihnen rathen, es zu unterlassen! Was ich Ihnen gesagt habe, reicht hin.“

Der Cavalier ging jetzt und ließ den Arcier in einiger Betroffenheit zurück. Die Dienstvorschrift ließ gar keine Deutungen zu, und was der Herr im goldbordirten Sammtrock eben zu ihm gesprochen, war vielleicht nichts, als eine höchst müßige Privatansicht desselben. Vielleicht war es aber auch mehr. War es nicht möglich, daß der König, eifersüchtig auf sein Ansehen, nicht wollte, daß, wo er eine Bestimmung getroffen, noch andre Leute um ihre Einwilligung gefragt würden, und wenn es auch nur um der bloßen Form willen geschah? Möglich war es allerdings. Frohn erbat sich deshalb keinen Urlaub, sondern ging die Stiegen hinunter, begab sich in den Hof der Burg, an welchen die Gemächer König Josephs stießen, und kam hier gerade in dem Augenblicke an, wo eben ein Dutzend gesattelter Pferde herbeigeführt wurde.

Eine Viertelstunde später traten alle zum Jagdgefolge des Königs gehörende Herren aus einem der Schloßportale auf den Hof hinaus, gleich hinter ihnen kam der römische König selbst, und Alles schwang sich in die Sättel. Unserem Arcier wurde ein großer Rappe vorgeführt. Als er aufgesessen war, überragte er auf dem mächtigen Thiere mit seiner hohen Gestalt und in seiner Scharlachuniform das ganze kleine Geschwader.

Der König schien keinen Blick für ihn zu haben. Desto mehr hatten dies die übrigen Herren, die verwundert diesen Saul unter den geschmeidigen Propheten des Vorzimmers erblickten. An der Burgwache, welche das Spiel rührte, vorüber, durch das Burgthor, verließ die Cavalcade die Stadt und setzte ihre Thiere bald in rasche Bewegung.

In Laxenburg war Alles für das Jagdvergnügen des Königs bereitet. Man brachte den folgenden Tag damit zu; Frohn nahm den unbefangensten Antheil daran, zeigte sich als einen vortrefflichen Schützen und kümmerte sich wenig darum, daß er nicht begriff, weshalb ihm König Joseph die Ehre erwies, ihn mit nach Laxenburg zu nehmen – in einer Gesellschaft, die ihm nur eine kühle Herablassung bezeigte, während der König selbst keine Sylbe mit ihm wechselte.

„Er muß seine Gründe haben,“ dachte unser Arcier, und als man am dritten Tage nach der Stadt zurückgekehrt war, ging er ruhig dem Strafgericht entgegen, das ihn hier erwartete. Seine Abwesenheit aus der Stadt war in der That bereits dienstlich gemeldet, und der altersgraue Lieutenant rief ihn beim nächsten Appel aus der Reihe vor.

„Arcier Frohn, man war drei Tage lang aus dem Garnisonsorte entfernt und ließ sich bei einem kleinen Jagdvergnügen, wie ich höre, verwenden; wer hat Ihm Urlaub dazu gegeben?“

„Ich war von Seiner Majestät dem römischen König dazu befohlen,“ versetzte Frohn.

„Haben Seine Majestät Ihm befohlen, die Dienstvorschriften zu verletzen?“

„Nein.“

„Er hat drei Tage lang Stubenarrest. Herr Vice-Second-Wachtmeister, man vermerke es in’s Journal!“

Frohn ergab sich still in das Unabänderliche und saß seinen Stubenarrest ab. Ein Paar Wochen vergingen. Frohn hatte ein paar Mal wieder Posten stehen müssen vor der cassirten Thüre, ohne alle Abenteuer. Da, an einem schönen Herbsttage, früh Morgens, trat ein Hoflakai in sein Zimmer. Er hatte dem Herrn Arcier zu vermelden, daß der römische König ihm befehlen lasse, an seiner Jagd Theil zu nehmen, zu der er um Schlag zehn Uhr nach dem Kahlenberg hinausreiten werde.

„Werde ich um Urlaub dazu bitten müssen?“ fragte der Arcier.

„Ich glaub’ halt nicht,“ antwortete der Diener; „der Hofcavalier, der mich hersendet, hat etwas davon fallen lassen, es werde nicht gewünscht; aber der Herr Arcier müßten’s selber wissen, was Sie thun.“

Der Arcier war in der That bereits entschlossen. Er bat [611] nicht um Urlaub, und um zehn Uhr ritt er auf seinem Rappen im Gefolge des Königs Joseph zum Burgthor hinaus.

„Es scheint,“ sagte er sich, „es soll so etwas wie eine Prüfung sein; die römische Majestät will sehen, ob ich Ihren Wunsch höher stelle oder die Kriegsartikel und ein paar Tage Arrest!“

Die Herren im Gefolge des Königs waren diesmal weniger kühl und vornehm gegen ihn; sie sahen, daß Frohn durch irgend etwas die entschiedene Gunst des jungen Monarchen gewonnen habe, der ihn so wiederholt in seine Nähe zog, und außerdem war unser Arcier ein viel zu guter Waidmann und viel zu guter Camerad bei der Jagdmahlzeit, um sich nicht bald Freunde zu gewinnen.

Der römische König aber richtete niemals das Wort an ihn; er schien keinen Blick für ihn zu haben; ja, es war, als ob er die Anwesenheit des rothen Arciers gar nicht wahrnehme; und doch war dieser sichtbar genug und fand keinen Grund, sich hinter die Andern zu verstecken, was ihm auch sehr schwer geworden wäre! Frohn war gerade deshalb um so mehr überzeugt, daß König Joseph irgend eine Absicht mit diesen Einladungen verbinde; aber er zerbrach sich nicht den Kopf darüber, welche es sein könne.

Am späten Abend kehrte die Jagdcavalcade vom Kahlenberge zurück.

„Arcier Frohn,“ sagte am andern Morgen beim Appel der Premier-Wachtmeister-Oberst, der heute die kleine Schaar commandirte. „Arcier Frohn,“ sagte der gestrenge alte Herr, „die drei Tage Stubenarrest haben bei Ihm nicht gewirkt, wie lange muß man Ihn auf die Wache schicken, damit Er daran denkt? Geb’ Er einmal selber die Dosis an, die bei Ihm verfängt? Werden’s acht Tage thun? Nun, wir wollen sehen! Melde Er sich dazu. Aber das sage ich Ihm: zeigt Er mir zum dritten Male seinen Ungehorsam, so behandle ich’s als einen Fall schwerer Insubordination und laß Ihn sofort krumm schließen und in Eisen legen! Darauf hat Er mein Wort, Arcier Frohn! Verstanden?“

„Zu Befehl, Herr Oberst.“

Der Herr Oberst wandte sich grämlich ab, und Frohn ging sich zum Arrest zu melden. Acht Tage in der Officierstube des Militärgefängnisses zugebracht – es war eine lange, langweilige Zeit. Doch brauchte sie wenigstens nicht einsam zugebracht zu werden. An einem Ort mit so großer Garnison gab es immer einige Leidensgefährten, und Würfel, Karten, Jagd- und Kriegsgeschichten[WS 1] zeigten sich immer von befriedigender Wirkung als Vertilgungsmittel der überflüssigen Stunden.

Als die acht Tage glücklich hingebracht waren und Frohn sich bei seinem Vorgesetzten meldete, um eine für das Soldatenthum der Vergangenheit charakteristische und wahrhaft dämonisch ausgesonnene Formalität zu erfüllen, die nämlich, für die gnädige Strafe zu danken, hielt ihm der Wachtmeister-Oberst eine ernste väterliche Ermahnungsrede:

„Arcier Frohn,“ sagte er, „Er ist sonst ein tüchtiger Soldat, genau und accurat im Dienst und, obwohl Er ein junger Mensch ist, von solidem Betragen und löblichster Conduite. Ich habe auch nicht unterlassen, Seiner Excellenz unserm Chef, der großen Antheil an Ihm nimmt, das Beste über Seine Führung zu berichten. Desto mehr ärgert’s mich, daß wir Ihn jetzt schon zum zweiten Mal haben strafen müssen. Er weiß selber, daß Strafen bei der Arcieren-Leibgarde nicht vorkommen dürfen; das Strafjournal ist so sauber und rein geblieben, wie’s vom Buchbinder gekommen ist, bis auf Ihn, um den nun auf einmal schon zwei Blätter haben verkleckst werden müssen. Will Er denn das Corps um seinen guten Ruf bringen? Sollen die von der Trabanten- und Nobelgarde sagen, wir wären nicht besser als ein Haufen Rekruten? Strafen, Herr? Nichts da! Ich will keine Strafen im Corps, und Er soll erfahren, was das Krummschließen bedeutet, falls Er mich zwingt, wieder mit Strafen drein zu fahren – merk’ er sich das und sehe Er nun sich vor!“

Nach dieser Rede, die der kleine alte Herr mit steigendem Aerger dem straff und wie eine Säule vor ihm stehenden Untergebenen gehalten hatte, wurde Frohn entlassen.

Zwei Tage nachher, als Frohn eben auf Wache gewesen war und sich nach geschehener Ablösung nach Hause begeben wollte, begegnete ihm unter dem Portale des Ausgangs aus der Burg der Hofcavalier des römischen Königs, welcher der Vermittler der früheren Jagdeinladungen gewesen war. Er trat auf Frohn zu, und dieser erschrak nicht wenig, als der Cavalier lächelnd und mit großer Artigkeit sagte:

„Der Herr Arcier kann sich Glück wünschen, daß Seine römisch königliche Majestät ihn so oftmalen in ihrem Gefolge zu sehen verlangen. Es ist ihr expresser Befehl, daß Sie morgen früh um neun Uhr mit nach Hetzendorf zur Jagd hinausreiten.“

„Ich bin Seiner Majestät für diese Gunst aufs Tiefste verpflichtet,“ versetzte Frohn, „aber ich hoffe zu Gott, daß ich dies Mal …“

„Urlaub zu nehmen wird nicht erforderlich sein,“ fiel der Hofmann mit einem verzweiflungsvoll ruhigen und gleichgültigen Lächeln ein. „Seine Majestät haben ausdrücklich zu bemerken geruht, sie wünschten es nicht.“

„Aber –“ begann der Arcier.

Der Hofcavalier hörte jedoch nicht auf ihn.

„Halten Sie sich an den Wunsch des Königs,“ sagte er mit einem bedeutsamen Tone. „Also morgen Schlag neun Uhr!“

„Den Teufel hab’ ich von diesen sich drängenden königlichen Gunstbeweisen,“ flüsterte Frohn zwischen den Zähnen, während der Cavalier mit einer vertraulichen Handbewegung sich beurlaubte und rasch weiter schritt. „Er hat nicht einmal ein freundliches Wort, nicht einmal einen Blick für mich, und dafür soll ich mich jetzt gar noch in die Eisen legen lassen! Eine ausgezeichnete Gnade! Als ob Krummschließen ein Kinderspiel wäre! Wenn’s nicht König Joseph wäre, müßt’ ich denken, er wollte mich zum Danke für das, was ich gethan habe, so lange zu Insubordinationen verführen, bis man mich aus dem Arcieren-Corps ausstößt, um einen Menschen beseitigt zu wissen, dem er sich verpflichtet fühlt. Für ein menschlich fühlendes Gemüth sind solche Individuen ja gewöhnlich unangenehme Persönlichkeiten, die man gern möglichst weit weiß! Der Henker werde klug daraus! Nun, einmal wollen wir’s noch wagen, dann aber nicht mehr!“

Am andern Morgen um neun Uhr war der Arcier auf dem Burgplatz, wo die Pferde des römischen Königs und seines Gefolges eben vorgeführt wurden. Einige Stunden später, beim Appel, wurde der Name Joseph von Frohn vergeblich ausgerufen und vom Vice-Second-Wacht- und Rittmeister mit einer sehr ernsten Dienstmiene in sein Taschenbuch verzeichnet.

Die römisch königliche Majestät jagte auf den Feldern um Hetzendorf bis gegen drei Uhr Nachmittags. Das Jagdmahl wurde in den schmucken hübschen Räumen des kleinen Lustschlosses eingenommen. Die Gesellschaft war heiter und laut und lustig genug dabei. Nur am untern Ende der Tafel saß einer der Gäste, dem die guten Bissen heute sehr wenig zu schmecken schienen, und um dessen Lippen bei den auftauchenden Scherzen ein eigenthümlich gezwungenes Lächeln irrte. Beunruhigten ihn vielleicht die flüchtigen und spöttischen Seitenblicke so, welche er von Zeit zu Zeit aus den Augen des römischen Königs auf sich gerichtet zu sehen glaubte?

Der König hob endlich die Tafel auf. Der Kaffee wurde servirt; Frohn hatte eben den Inhalt seiner Tasse hintergeschlürft, als er plötzlich seinen Namen rufen hörte. Es war König Joseph selber, der rasch auf ihn zutrat und, indem er seine großen blauen Augen mit einem eigenthümlichen Ausdruck schelmischer Freundlichkeit auf ihn richtete, sagte:

„Er hat ja wohl Hetzendorf noch nicht gesehen?“

„Nein, Ew. Majestät.“

„So komm’ Er, ich will Ihm die andern Gemächer zeigen.“

König Joseph schritt nun voraus in eine Ensilade von nicht großen, nicht üppig und luxuriös, aber sehr geschmackvoll eingerichteten freundlichen Räumen. Er machte mit ungezwungener Freundlichkeit den Cicerone darin.

„Dies ist das Schreibcabinet der Kaiserin, meiner Mutter,“ sagte er; „den Ofenschirm mit den Chinoiserien hat meine Schwester, die Erzherzogin Marie Antoinette, gemacht. Dies Zimmer hier bewohnt der Kaiser, wenn der Hof hier ist. Sehe Er sich den runden Tisch an, es ist sehr schöne Florentiner Mosaik, mein Vater liebt sie, obwohl ich gestehen muß, daß ich die römische Mosaik um Vieles schöner finde. Die zwei Gemälde dort sind von Teniers dem jüngern, ein Paar Prachtstücke und wahrhaft bewundernswürdig, d. h. wenn man nicht vorzieht, diese Pöbelkneipen abscheulich zu finden … hier dies kleine Cabinet dient als Schlafzimmer des Kaisers – aber wie ist das … wie kommt diese Uniform hierhin?“

Damit deutete König Joseph auf eine vollständige und sehr glänzende blaue Husaren-Uniform, welche auf dem Bette lag, das den Hintergrund des zuletzt betretenen Cabinets ausfüllte. Der [612] König betrachte sie wie verwundert, nahm dann den daneben liegenden Säbel auf, besah die Klinge und sagte nun, wie einem plötzlichen Einfall folgend:

„Das scheint mir Alles wie für einen Mann Seiner Statur gemacht, Frohn – zieh Er’s einmal an, ob’s Ihm paßt!“

Frohn wußte’im ersten Augenblick nicht, ob dies ein Scherz oder ein ernsthaft gemeinter Befehl sei. Aber König Joseph wiederholte in bestimmtem Tone:

„Zieh Er die Uniform an. Ich will sehen, wie sie Ihm steht.“

Dabei wendete er sich ab und schritt in das nächstvorhergehende Zimmer zurück, um den Arcier bei seinem Costüm-Wechsel allein zu lassen.

Frohn säumte nun nicht länger. Er warf den rothen Arcieren von sich, um den blauen Husaren anzuziehen, und nach wenig Minuten war die Umwandlung geschehen. Dann schnallte er den Säbel und die Schlapptasche um, und trat nun in den feinen, knirschenden Tschismen von rothem Saffian vor den seiner harrenden König.

„Das sitzt ja wie angegossen,“ sagte der Letztere, indem sein Blick mit Wohlgefallen über die schöne Mannesgestalt glitt, welche sich in dem reichen Costüm, mit dem goldglänzenden Dolman und dem hohen Kolpak von Bärenfell, vortrefflich ausnahm. „In der That,“ fuhr der König fort, „das Alles steht Ihnen so gut, daß ich will, Sie bleiben in der Uniform …“

„Majestät,“ fiel Frohn freudig erschrocken ein, „es ist die Uniform eines Rittmeisters im Husaren-Regiment König Joseph.“

„Gerade deshalb,“ antwortete der römische König, „habe ich darüber zu bestimmen, oder,“ fuhr er lächelnd fort, „glauben Sie hierbei erst die gütige Erlaubniß Ihres Arcieren-Lieutenants nöthig zu haben, Herr Rittmeister von Frohn?“

„Majestät,“ stammelte Frohn tiefbewegt, „ich weiß nicht, wie …“

„Sie mir danken sollen? Dadurch, daß Sie fortfahren, meine Zufriedenheit allem Andern vorzuziehen, wie Sie es bisher thaten. Ich wünsche einen Mann in meinem Regimente zu haben, auf den ich fest und sicher bauen kann. Uebrigens waren Sie früher bereits zum Rittmeister ernannt, und es ist eine Ungerechtigkeit gegen Sie begangen worden. Ich werde es also auch vor den Avancementslisten und vor den gestrengen Herrn, die über diesen sibyllinischen Büchern wachen, zu rechtfertigen wissen, was ich thue! Zu Ihrer weitern Equipirung behalten Sie den Rappen, den Sie heute ritten, auch für das Uebrige werde ich sorgen.“

Damit hatte der König den Rückweg zu der Gesellschaft im Speisesaale eingeschlagen. Diese schaute betroffen und verwundert auf, als sie statt des rothen Arciers mit Lieutenantsrang den zu einer höheren militärischen Daseinsphase übergegangenen blauen Rittmeister erblickte.

König Joseph wandte sich mit seiner wohllautenden hellen Stimme an die kleine Versammlung:

„Meine Herren,“ sagte er, „ich stelle Ihnen Herrn von Frohn als von mir ernannten Rittmeister in meinem Husaren-Regiment vor. Das Officiercorps desselben wird sich, erwarte ich, zu einem Cameraden Glück wünschen, der diese seine Beförderung ganz allein seiner in den letzten Feldzügen bewiesenen Diensttüchtigkeit verdankt! – Und nun zurück nach Wien, meine Herren.“

Der König ging, Hut und Degen zu nehmen. Der Hofcavalier, der Frohn gestern mit seiner neuen Jagdeinladung so erschreckt hatte, kam vor allen Andern rasch auf diesen zu und reichte ihm die Hand, um ihn zu beglückwünschen.

„Sie sehen, ich habe Ihnen gestern gut gerathen,“ sagte er lächelnd. „Ich bitte mir das nicht zu vergessen, mein Herr Rittmeister von Frohn, falls ich Sie später ’mal daran erinnern sollte, wenn Sie nach diesem ersten Schritte in einer neuen Laufbahn die weiteren gemacht haben werden!“

„Daß ich die machen werde, scheint in der That vorauszusetzen[WS 2],“ dachte Frohn, die dargebotene Rechte schüttelnd, „sonst würde dieser schlaue Herr mich nicht jetzt schon um meine Protection bitten.“

Nach einer guten Stunde ritt der römische König mit seinem Gefolge wieder in die Hofburg ein. Da es Abend geworden, brannten vor dem Portal große Pechflammen. Ihr flackernder Schein ergoß sich über die Wache, die unter das Gewehr getreten war und das Spiel rührte.

Hinter dem arbeitenden Tambour erblickte Frohn eine höchst ominöse Figur drohend aufgepflanzt; es war der Profoß, zwei Stockenknechte mit den blanken Instrumenten des Krummschließens hinter sich.

Der Mann spähte mit finsteren Blicken nach einem schwarzen Arcieren-Flügelrock, auf den seine Ordre lautete. Er sah aber unter den Hofjagd-Uniformen nur einen blauen Husaren-Dolman. Von dem stand nichts in seinem Befehl.

  1. Vergl. die Erzählung des Verfassers in Nr. 19–22: „In den Casematten von Magdeburg“.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Kriegsgegeschichten
  2. Vorlage: vorauszuzusetzen