Der Aufstand der Hetäristen

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Autor: unbekannt
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Titel: Der Aufstand der Hetäristen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 135–137
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Aus dem griechischen Freiheitskampf gegen das Osmanische Reich
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[135]
Der Aufstand der Hetäristen.

Der gegenwärtig russisch-türkische Krieg, der seit seinem Ausbruch durch das allmälige Hereinziehen der verschiedenartigsten Elemente und Interessen zum fast unentwirrbaren Knäuel geworden ist, spielt seit Kurzem abermals in einer neuen Variante, deren Einfluß auf den weitern Gang der Begebenheiten sich zur Stunde noch nicht bemessen läßt.

Vor einigen Monaten schon verlautete von einer in Konstantinopel und andern Städten des türkischen Reichs entdeckten griechischen Verschwörung; Verhaftungen wurden vorgenommen, selbst mehrere Todesurtheile vollstreckt, und die Betroffenen gemeinhin als Spione und Agenten Rußlands hingestellt. Diese im Dunkel schleichende Verschwörung ist von Mitte Januar an hervor an’s Tageslicht getreten: Die Hetärie hat im Paschalik von Janina ihren Schlachtruf erschallen lassen!

Für einen Theil unserer Leser werden wir der Verständlichkeit wegen etwas Näheres über die Hetärie sagen müssen. Der Ursprung der Hetärie, zu deutsch Kampfgenossenschaft, fällt in das letzte Viertel des vorigen Jahrhunderts, wo sie der Grieche Konstantin Rhigas als geheimen Bund in’s Leben rief, mit dem Zwecke für die Freiheit und Unabhängigkeit der Griechen zu wirken. [136] Von 1770 an hatte die Hetärie bei allen größern und kleinern Aufstandsversuchen der Griechen die Hände im Spiel, indessen fehlte es ihr an gehöriger einheitlicher Leitung, und so entstand 1814 die neue Hetärie, die ihren Sitz anfänglich in Rußland hatte, sich aber von da aus schnell überall hin ausbreitete, wo Griechen wohnten. Der gegen die türkische Herrschaft gerichtete Aufstand der Moldau-Walachen im Frühjahr 1821 rief die Hetäristen zum ersten Male wieder zu einem großen Kampfe, in welchen sie gleichzeitig das jetzige Königreich Griechenland zu reißen wußten. Die Wiederauferstehung des letzteren kann also ursprünglich als ihr Werk betrachtet werden, obschon sie an der weiteren Führung der Angelegenheiten des neuentstandenen Reiches keinen Theil hatten.

Die Hetärie wirkte übrigens für ihre Zwecke nicht nur durch das Schwert, sondern auch durch Wort und Lehre; wenn das Kampfgetöse schwieg, gründete sie Schulen und andere Bildungssanstalten, und versuchte, obwohl mit geringem Erfolg, die moralische Hebung des griechischen Volks. Die Hetärie geradezu als ein Werkzeug Rußlands bezeichnen, heißt mit völliger Unkenntniß der Sache sprechen, und überhaupt machen es sich diejenigen allzu bequem, welche die unter den Rajahs [1] in der europäischen Türkei ausgebrochenen Bewegungen kurzweg und allein auf russische Umtriebe setzen. Es wirken hier viel mächtigere Faktoren mit in dem bei allen halbgebildeten oder fast rohen Völkern stark ausgeprägten Glaubenseifer und in dem Drange die nationale Unabhängigkeit zu erkämpfen.

Diese beiden Momente sind nicht gering anzuschlagen und leicht erklärlich ist es, daß sie jedes Mal stärker hervortreten, wenn sich die Pforte von Außen bedrängt sieht, was ihr zumeist immer von Rußland geschah. Die Hetärie wirft in solchen Zeiten jedes Mal ihr Auge zuerst auf die Armatolen oder Klephten, die von jeher in den Hochländern so ziemlich unabhängig lebten, als eigentliche Stammhalter griechischer Freiheit und Unabhängigkeit galten und seit Beginn des 17. Jahrhunderts für die Pforte immer gefährlichere Feinde wurden; wie sie andernseits bei ihrer Unfügsamkeit und ihrem natürlichen Hange zur Räuberei der griechischen Regierung in Athen seit Beendigung des Freiheitskämpfer fortwährend nicht geringe Verlegenheiten bereiteten. Diese unruhigen Klephten sind es also auch jetzt wieder, welche die Hetärie in Bewegung gesetzt hat.

Die Gartenlaube (1854) b 136.jpg

Janina.

Die ersten unruhigen Auftritte in den an das Königreich Griechenland gränzenden Theilen der Türkei, erhielten einen bestimmteren Halt als die Klephten Karaiskaki und Grivas, deren Väter in dem griechischen Befreiungskriege eine bedeutende Rolle gespielt, gegen Ende Jannar d. J. mit einigen hundert Mann die türkische Grenze überschritten. Gleichzeitig erschien eine vom 28. Jannar datirte Proklamation, in welcher K. Kanelletis als Bevollmächtigter der Hetärie auftrat, einige andere Klephtenführer sich ihm anschlossen, und den sich widersetzenden Türken mit wildem Mord und Brand in einer Weise gedroht wurde, wie sie unter rohen Völkern wohl begreiflich ist, sonst aber nur Ekel und Widerwillen erregen muß. Unter der fast durchweg griechischen Bevölkerung des südlichen Albaniens (das Epirus der alten Griechen) haben die Aufständigen natürlich lebhaften Anklang gefunden, die vereinzelten unter dem Befehle des Pascha von Janina stehenden türkischen Besatzungen waren zu schwach, um erfolgreichen Widerstand zu leisten und so haben vorläufig die Griechen die Oberhand erlangt. Der Mittelpunkt ihrer Operationen ist das nur wenige Meilen von der griechischen Grenze gelegene Arta, doch halten sie auch schon das am Meere gelegene Prevesa bedroht und selbst in Janina, das 30,000 Einwohner, meist Griechen, zählt, hat sich der Pascha auf die Besetzung der beiden Citadellen beschränken müssen.

Der Name Janina erweckt in der Brust eines jeden Griechen bittere Rachegefühle. Hier war zu Anfang dieses Jahrhunderts der Sitz des berüchtigten Ali Pascha von Janina, dessen Verschlagenheit und Hinterlist mit seiner Grausamkeit gleichen Schritt hielt, und der zum wahren Würgengel unter den Griechen geworden war, bis er selbst auf Befehl des Großherrn 1822 den Tod fand. Das feste Janina, an einem 21/2 Stunden langen und 3 Stunden breiten See gelegen, blieb dem grausamen Ali während langer Zeit ein sicherer Zufluchtsort, und die hier unter einem südlichen Himmel zur üppigsten Entfaltung und Pracht gelangte Natur war über dreißig Jahre Zeuge der für die Menschen entwürdigendsten Scenen.

Auch dem jetzt ausgebrochenen Aufstande wird es an Greuelscenen nicht fehlen, wobei zuletzt kein Theil dem andern viel vorzuwerfen haben wird. Türkische Truppen sind bereits nach dem Schauplatze des Aufstandes aufgebrochen, und wenn dessen Dämpfung nicht bald gelingt, so könnten, da es auch in anderen Provinzen wie Thessalien, Rumelien, Bosnien, Serbien und Montenegro gährt, die Operationen der türkischen Armee an der Donau [137] leicht gelähmt werden. Von den Albanesen heißt es bereits, daß sie die Armee des Omer Pascha verlassen hätten, um in ihre Heimath zum Schutz der Ihrigen gegen die aufgestandenen Griechen zurückzukehren.

Die Hetärie hat aber ihr Netz nicht nur über das Festland, sondern auch über die Inseln geworfen, und in Candia, Samos und Chios zittern die Griechen vor Ungeduld auf das Zeichen der Erhebung des Kreuzes gegen den Halbmond. In dem Königreiche Griechenland herrscht eine fieberhafte Aufregung; Viele, wie von den unter englischem Schutze stehenden ionischen Inseln auch, eilen den Aufständigen zu Hülfe; Comiteen sind organisirt, um Geld und Waffen zu schaffen. Die Regierung König Otto’s in Athen ist zu machtlos, um diesem Treiben entgegen zu treten, vielleicht hat sie aber auch nicht einmal den Willen dazu, denn ein griechisches Kaiserreich mit dem alten Byzanz zur Hauptstadt, ist der goldene Traum aller Griechen.

Was aber sagt das civilisirte Europa zu diesem Traume?

Es erklärt die Griechen für ein feiges, aller Moralität baren und der Cultur unzugängliches Volk, das mit den alten Hellenen nichts gemein habe als den Namen, und dabei wird auf das Königreich Griechenland und dessen Zustände hingewiesen. Hiermit übersieht man nur, daß das dermalige Königreich Griechenland die kläglichste Schöpfung der Diplomatie war, indem ihm Grenzen gezogen wurden, die jede gedeihliche Entwickelung unmöglich machten, und das Land, von den Intriguen der auswärtigen Mächte fortwährend hin- und hergeworfen, in einer Krisis befangen hielten, die nur mit der großen Katastrophe enden wird, welche früher oder später über den ganzen Orient hereinbrechen muß, und an derem Vorabend wir möglicher Weise stehen.

Allerdings ist der Charakter der Neugriechen nicht geeignet, uns besondere Sympathien einzuflößen. Dieser aus den Resten der alten Hellenen mit Slaven und Albanesen gemischte Volksstamm steht mit einzelnen Ausnahmen in den Haupt- und Handelsstädten auf einer ebenso niedrigen Stufe als die Osmanen. Man rühmt die Neugriechen als klug, mäßig, sparsam, gastfreundlich und betriebsam in Handel und Wandel, sie sind aber auch wankelmüthig, abergläubisch, habsüchtig, betrügerisch, wollüstig und grausam, lauter Eigenschaften, vor denen ihre wenigen guten gänzlich in den Hintergrund treten. Ein solches Volk könnte allerdings den Orient nicht regeneriren, zumal als es auch kein numerisches Uebergewicht bildet, und den weit muthigern, tapferen und zahlreicheren Südslaven gegenüber eine griechische Herrschaft in Konstantinopel nie gedeihen würde.

Der griechische Kaisertraum wird also wohl ein Traum bleiben! Müssen wir aber deshalb die Bewegungen unter den Rajahs in der Türkei als völlig ungerechtfertigt betrachten, ungerechtfertigt insofern, als daß die Lage der Christen nicht eine drückende wäre? – England und Frankreich, gegenwärtig die Verbündeten der Pforte gegen Rußland, haben uns die Beantwortung dieser Frage erspart, indem sie an die von ihnen zu leistende Hülfe die Bedingung geknüpft haben, daß dem rechtslosen Zustande der Christen in der Türkei endlich ein Ende gemacht und die politische Gleichberechtigung aller Unterthanen der Pforte ausgesprochen werden müsse.


  1. So werden sämmtliche christliche Unterthanen der Pforte genannt.