Der Aufstand in Northumberland

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Theodor Fontane
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Aufstand in Northumberland
Untertitel:
aus: Gedichte, Seite 408–418
Herausgeber:
Auflage: 10. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1905
Verlag: J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Stuttgart und Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]


[408]
Der Aufstand in Northumberland.


1.
Percy und die Nortons.

     Graf Percy ging in den Garten sein,
Sein junges Gemahl geleitet ihn,
Er spricht: „mir singt ein Vogel in’s Ohr,
Du mußt fechten, Percy, oder fliehn.“

5
     Lady Percy spricht: „„verhüte das Gott!

O sei nicht so stolz, o sei nicht so scheu:
Nach London geh, an der Königin Hof
Und beug’ ihr Dein Knie, und leist’ ihr die Treu.““

     „Zu spät, zu spät, liebe Lady mein,

10
Es ist nicht mehr, wie sonst es war,

Meine Feinde gelten bei Hofe jetzt,
Ich kann nicht gehn, mir droht Gefahr.“

     „„Und doch, und doch, – sonst reut es Dich noch!
Leg ab Deine Scheu, leg ab Deinen Trutz,

15
Nimm all Deine besten Mannen mit,

So hast Du Schirm, und so hast Du Schutz.““

     „Zu spät, zu spät, liebe Lady mein,
Der Hof ist klug, ist fein-verstrickt,
Und wenn ich morgen zu Hofe ging,

20
So hätt’ ich Dich heute zuletzt erblickt.“


[409]
     „„Und doch, und doch, – sonst reut es Dich noch!

Laß satteln! ich will ja mit Dir gehn,
Und will bei Hofe so Tag wie Nacht,
Meinem lieben Herrn zur Seite stehn.““

25
     „Halt ein, halt ein, liebe Lady mein,

Es ist zu spät, ich bin nicht blind,
Der Vogel hat Recht und mein Herz hat Recht,
Und fechten muß ich für Weib und Kind. – –

     Tritt her, tritt her, mein Knappe jung,

30
Und schaue mich an und horche wohl auf,

Zu Richard Norton muß dieser Brief
Noch eh vorüber des Tages Lauf.

     Empfiehl mich dem Squire und sag’ ihm das Wort
Die Stunde sei da, und wir seien bereit,

35
Und wenn er noch Richard Norton wär,

So müss’ er kommen zu dieser Zeit.“

     Der Percy sprach’s, der Knappe brach auf,
Eine Weile er ging, eine Weile er lief,
Und eh die Sonne hernieder war,

40
Da hatte der Squire des Grafen Brief.


     Er las voll Ernst, er las zweimal,
Seine Söhne sahen ihn fragend an,
Und als er las zum dritten Mal,
Eine Thrän’ ihm über das Antlitz rann.

45
     „Sag’ an, sag’ an, Christopher, mein Sohn,

Dein junges Herz hat braven Muth,
Graf Percy ziehet in bösen Streit,
Was wollen wir thun? welch Rath ist gut?“

[410]
     „„Und soll ich rathen, so rath’ ich frei:
50
Graf Percy ist ein edler Lord,

Und was es immer uns bringen mag,
Wir müssen ihm halten unser Wort.““

     „Hab’ Dank, hab’ Dank, Christopher, mein Sohn,
Dein Rath ist gut, Gott schenk’ ihm Gedeihn,

55
Und kommen wir mit dem Leben davon,

So soll Dir’s nicht vergessen sein.

     Was aber sprecht Ihr, Ihr andern acht?
Sagt ja, sagt nein, ich laß es geschehn.“
Da sprachen sieben: „„wie’s kommen mag,

60
Wir wollen zu unserm Vater stehn.““


     „Habt Dank, habt Dank, meine Kinder brav,
Unser sächsisch Blut, ihr haltet es rein,
Und ob ich leben, ob sterben mag,
Eures Vaters Segen soll mit Euch sein.

65
     Doch, was sagst Du, Franz Norton, mein Sohn,

Mein Aeltester Du und mein Erbe dazu!
Ich seh was brüten in Deiner Brust;
Deine Brüder sprachen, so sprich auch Du.“

     „„Und soll ich sprechen, lieb Vater mein:

70
Dein Bart ist grau, Dein Haupt ist weiß;

Setz’ nicht an faulen, schimpflichen Kampf
Deiner siebzig Jahre ehrlichen Preis.““

     „Halt ein, Franz Norton! der Schimpf ist Dein!
Mein Sohn, mein Sohn, wer hat Dich bethört?

75
Als Kind auf Deines Vaters Knien,

Da hab’ ich Dich andre Sprache gelehrt,“ –

[411]
     Der Alte rief’s. – Vor Tagesschein

Brachen sie auf mit Mann und Roß,
Und ehe die Sonne in Mittag stand,

80
Hielten sie schon vor des Percy Schloß.


     Bald auch die Nevil’s kamen heran,
Die stolzen Grafen von Westmorland,
Und – eh die Sonne zu Rüste ging,
Sie dreizehntausend beisammen fand.

85
     Das Nevil-Banner, zum ersten dann

Im Morgenwinde ward es entrollt;
Sein Zeichen war ein silberner Stier,
Der trug eine blinkende Kette von Gold.

     Die Percy’s ließen zum zweiten dann

90
Ihren schimmernden Halbmond flattern und wehn;

Die Norton’s aber führten ein Kreuz,
Dran waren die Wunden des Heilands zu sehn.

     Sie zogen in’s Feld, und sie jagten wie Spreu
Der Königin Volk über’s Clifford-Moor,

95
Siebenhundert retteten sich auf’s Schloß, –

Bald aber lagen die Grafen davor.

     Sie griffen an am kommenden Tag
Und am dritten Tage da glückte der Sturm:
Die Percy’s nahmen den Felsenwall,

100
Die Norton’s nahmen den Backsteinthurm.


     Ihre Banner wehten von Schloß zu Schloß,
Bleicher Schrecken lief gen London hin,
Da aber ward der Schrecken zu Wuth
Im Herzen unsrer Königin.

[412]
105
     Sie rief: „wohlan denn, Blut um Blut!

Sie sollen erndten, was sie gesä’t,
Und das Beil mag beugen ihren Kopf,
Der so trotzig auf ihren Hälsen steht.“

     Sie musterte dreißigtausend Mann,

110
Die führte der höfische Warwick-Graf,

Und am elften Tag, am Humber-Strom,
Da war es, wo er die Grafen traf.

     Er rief hinüber, voll Spott und Hohn:
„Nun Nevil-Stier stürm’ an in Wuth,

115
Nun Percy-Mond geh’ auf, geh’ auf,

Nun Norton sieh, was Dein Heiland thut.“

     Der Nevil-Stier und das Norton-Kreuz,
Wohl thäten sie hoch in Lüften wehn,
Der Percy-Mond wohl ging er auf,

120
Doch er ging nur auf um unterzugehn.


     Graf Percy floh gen Schottland hin,
Graf Nevil floh weit über die See,
Die Norton’s aber wollten nicht fliehn,
Sprach jeder: „ich falle, wo ich steh’.“

125
     Sie fielen nicht, nicht Vater, nicht Sohn,

Und litten doch alle blutigen Tod;
Vergebens war seine Locke so weiß,
Vergebens war ihre Wange so roth.

     Sie fielen nicht auf ehrlichem Feld,

130
Sie fielen, wo der Drei-Baum stand;

Der Würger ging von Thür zu Thür,
Und ein Schrei ging über Northumberland.

[413]
2.

Percy’s Tod.

     „Mein Dach ist der Himmel seit manchem Tag,
Mein Lager zur Nacht des Waldes Streu:
Zu William Douglas will ich gehn,
Sein Schloß ist fest, sein Herz ist treu.

5
     Als einst er floh, wie jetzt ich flieh,

Da fand er Schutz am Herde mein:
Die Douglas waren immer treu,
Auch William Douglas muß es sein.“

     Graf Percy sprichts. Sein müdes Roß,

10
Er treibt es an mit Sporn und Schlag;

Er reitet gen Lochleven-Schloß
Und hält davor am dritten Tag.

     Die Brücke rasselt niederwärts,
Graf Percy tritt zur Hall hinein;

15
Graf Douglas spricht: „willkomm, willkomm!“

Und reicht ihm Hand und reicht ihm Wein.

     Es geht der Tag, die Monde gehn;
Am Fenster rüttelt Herbsteswind,
Des Percy Herz wird bang und schwer,

20
Er denkt an Weib und denkt an Kind.


[414]
     Graf Douglas sitzt zu Seiten ihm

Und ruft ihm zu: „was trübt Dich so?
Wir fahren morgen über See,
Lord Murray jagt bei Linlithgow.

25
     Und bist Du krank, so heil’ Dein Herz

Durch grünen Wald und raschen Ritt,
Zudem, ich gab dem Lord mein Wort,
Du wärst dabei, Du jagtest mit.“

     Der Douglas spricht’s. Graf Percy drauf:

30
„„Du gabst Dein Wort, – ich bin bereit!

Und ritt’st Du bis zum heil’gen Grab,
Ich ritte mit an Deiner Seit’.““

     Er spricht’s und reicht ihm rasch die Hand;
Roth wird des Douglas bleich Gesicht,

35
Er senkt sein Aug’ und geht hinaus,

Maria Douglas aber spricht:

     „Hab’ Acht! mein Bruder spinnt Verrath;
Unstät seit lang sein Auge rollt;
Das macht, er hat verkauft die Treu’,

40
Verkauft um englisch Sündengold.


     Er führt Dich nicht nach Linlithgow,
Er führt Dich, wo Schloß Berwick ragt;
Nach England geht’s; wohl giebt es Jagd,
Du bist es selbst, auf den man jagt.

45
     Bleib hier und sprich: „Du seiest krank!“

So helf mit Gott ich Dir hindurch
Und führ’ Dich, auf verborgenem Pfad,
Durch Wald und Nacht nach Edinburg.

[415]
     Und bring’ Dich zu Lord Hamilton,
50
Das ist ein echter Schotten-Lord,

Der ließ wohl lieber Land und Leib,
Als daß er ließ von seinem Wort.“

     Graf Percy hört’s, sein Aug’ wird feucht,
Er spricht: „„schwer trifft mich Gottes Hand,

55
So vielen Freunden bracht’ ich Tod,

Dem letzten bring’ ich Schimpf und Schand’.

     Ich hab’ gedacht: es sei vorbei,
Und hab’ gedacht: das Maaß sei voll;
Weh’ mir, daß Schlimmres nun als Tod

60
Auf Freundes Haupt ich laden soll.


     Die Treue bring’ ich in Verdacht,
Sie sei nicht treu, sei falsches Spiel,
Ich trage Fluch in jedes Haus, –
Es ist zuviel, es ist zuviel.

65
     Und sprichst Du auch: Hab’ Acht, hab’ Acht!

Ich sprech’ doch nur: Halt ein, Halt ein!
Die Douglas waren immer treu,
Auch William Douglas muß es sein.““

     Graf Percy spricht’s. Die Lady drauf:

70
„Und schätzest Du mein Wort gering,

Komm mit mir an den Leven-See,
Und schau hinein durch diesen Ring.

     Den Ring mir meine Mutter gab,
Die konnte Wind und Wald verstehn,

75
Und blickst Du auf des Seees Grund,

So wirst Du Deine Zukunft sehn.

[416]
     Komm mit, komm mit! und willst Du nicht,

Und glaubst Du nicht, Gefahr sei nah,
so gieb mir Deinen Diener mit,

80
Der mag Dir sagen, was er sah.“


     James Swinnard mit der Lady ging,
Sie kamen an den Leven-See;
James Swinnard spricht: „das sind von York
Die Thürme, die ich drunten seh’!

85
     Doch Lady sprich, auf offnem Platz

Was soll von Brettern das Gerüst?“
„„Das ist der Altar, drauf Dein Herr
Zum letzten Mal den Heiland küßt.““

     „Und Lady sprich, wer steht dabei,

90
Gehüllt in Mantel, schwarz und dicht?“

„„Das ist von York der Lord-Wardein,
Der Deinem Herrn das Stäbchen bricht.““

     „Und Lady sprich, wer steht dabei,
Gehüllt in Mantel, roth wie Blut?“

95
„Das ist von York der Meister Hans,

Der Deinem Herrn das Letzte thut.““

     James Swinnard tritt vor seinen Herrn,
Er sah ihn an und weinte laut;
Er sprach: „bleib hier, mein theurer Lord,

100
Ich hab’ nichts Gutes da geschaut.“


     Er schwieg. Graf Percy aber schnell:
„„Und kostet’s Leben mir und Leib,
Ich bau’ auf Mann und Manneswort
Und nicht auf Spuk und Zauberweib.

[417]
105
     Und wär’s kein Spuk und würd’ es wahr,

Ich spräche doch: ’s ist Trug und Schein,
Die Douglas waren immer treu,
Auch William Douglas muß es sein.““

     Der Morgen kam, der Wind war gut,

110
Die Pfeife rief: an Bord, an Bord!

Man stieg zu Schiff, – James Swinnard auch,
Der ließ kein Aug’ von seinem Lord.

     Und Douglas rief: „setzt Segel bei,
Kein Handbreit Linnen sei gespart!“

115
Hell lag die Sonn’ auf Land und Meer

Und rasch gen Süden ging die Fahrt.

     Sie fuhren funfzig Meilen schon,
Der Percy aber ward’s nicht froh,
Er sprach: „James Swinnard frag’ den Lord,

120
Wie weit es noch bis Linlithgow.“


     James Swinnard vor Lord Douglas trat;
Der lacht und spricht: „wir sind noch fern!
Ein Narr, wer schönen Worten traut,
Und nun empfiehl mich Deinem Herrn.“

125
     Und wieder fünfzig Meilen ging’s,

Rings offne See, kein Land zu sehn,
Da trat Graf Percy selbst heran:
„Douglas, sag’ an, was soll geschehn!“

     Der lacht und spricht: „„setz Dich zu Roß,

130
Und spring’ ins Meer, und such’ Dein Glück,

Und willst Du noch nach Linlithgow,
So reit’ den halben Weg zurück.““

[418]
     Und wieder fünfzig Meilen ging’s, –

Da blinkt’s wie Türme über See,

135
Graf Percy spricht: „nun helf’ mir Gott,

Das ist Stadt Berwick, was ich seh!“

     Sie legten an bei Abendschein,
Frühmorgens hat er fortgemüßt.
Und als der dritte Morgen kam,

140
Stand er in York am Blutgerüst.


     Er stieg die Stufen fest hinan,
Das blanke Beil, er sah es nicht,
Sein Auge schweifte weit umher
Und traf des Douglas bleich Gesicht.

145
     Noch einmal klang’s ihm durch das Herz,

Und bitter lächelnd schaut er drein:
„Die Douglas waren immer treu,
Ach William Douglas muß es sein.“

     Dann ließ er nieder sich aufs Knie,

150
Und gab das Zeichen mit der Hand;

Abflog das Haupt; – das war das End’
Des Percy von Northumberland.