Der Bär

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Textdaten
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Autor: Guido Hammer
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Titel: Der Bär
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aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 211–213
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder Nr. 34
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[211]
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder.
Nr. 34. Der Bär.
Von Guido Hammer.


Man wird wohl behaupten dürfen, daß das größte europäische Raubthier, der Bär, aus allen Wäldern und Klüften zwischen Pyrenäen und Karpathen definitiv vertrieben sei. Dies hat natürlich die mehr und mehr um sich greifende, alles Ursprüngliche siegreich bekämpfende Cultur bewirkt, von welcher selbst die theilweise für Menschen heute noch unzugänglichen Schluchten und Waldschlupfwinkel in der Schweiz, in Steiermark, Tirol und dem baierschen Hochgebirge, wo dieses mächtige Raubthier allenfalls noch beschränkte Zuflucht fände, doch so eng umgürtet sind, daß auch diese wilden Oasen nicht mehr als eigentliche Heimstätten des Vertriebenen angesehen werden können. Hingegen da, wo der granitene Kamm des karpathischen Hochgebirges die sogenannte ungarische Schweiz, die Marmarös, mit ihrem über dritthalbhunderttausend Joch großen, Berg und Thal bedeckenden Urwalde überragt – da ist zur Freude aller Waidmannsherzen zunächst noch Freund Petz in voller Unbeschränktheit zu finden.

Hier, im tiefsten Innern unwirthlicher Waldeinsamkeit, die noch kein Schall vernichtender Axtschläge und nur selten der dröhnende Schuß einer Büchse durchhallt, ist’s dem reckenhaften [212] Geschöpfe noch möglich, seine Gattung von Geschlecht zu Geschlecht fortzupflanzen; denn sein einziger Verfolger, der natürlich auch hier nicht ausbleibende Mensch, hat in diesem sonst noch unentweihten Stück heiliger Natur doch noch nicht so weit Fuß gefaßt, um die Existenz des ihm an physischer Kraft mehr als ebenbürtigen Gegners in Frage stellen zu können. Dem mithausenden Gethier aller Art aber bleibt der Gewaltige unter allen Umständen Gebieter, denn selbst die ihm zunächst Mächtigsten, Fuchs und Wolf, mögen trotz ihrer heißen Blutgier doch füglich nur als dessen

Die Gartenlaube (1872) b 212.jpg

Petz auf der Suche.
Originalzeichnung von Guido Hammer.

scheue Vasallen betrachtet werden. So kann sich denn der zottige Alleinherrscher so ziemlich sorglos in seinem Wald- und Felsenreiche umhertreiben und selbst ohne große Gefahr die in den sonnigsten Thälern vereinzelt gelegenen Felder der dort angesiedelten, meist waffenlosen Hüttenbewohner besuchen, hier sich an Pflanzenkost, als Kukuruz, Hafer oder auch Obst, nach Herzenslust zu laben, welche Leckereien er, wie die im Walde wachsenden saftigen Beeren, süßen Wurzeln, Haselnüsse und schmackhaften Knospen, neben genügender Fleischnahrung, ganz besonders liebt. Außerdem weiß der plumpgestaltete Feinschmecker auch den aromatischen Honig der wilden Bienen mit Geschick aufzufinden und zu heben, und sich daran ein köstliches Mahl zu bereiten. Minder harmlos verlaufen seine Wechsel, wenn er dabei auf eigentlichen Raub ausgeht. Hierbei verschont der grimme Bursche nicht nur keine Creatur der weiten Wildbahn, soweit er ihrer nur habhaft werden kann, sondern auch Hausthiere aller Art, das Schaf aus der Heerde und das nach Ecker- und Buchelmast suchende Schwein, werden dem Anschleichenden zur Beute; nicht minder das grasende Pferd am nahen Gehöfte, wie auf hoher Alm das weidende Rind. Doch nicht nur selber geschlagenen Raub, sondern auch den bequemeren Fund, wenn er zum Beispiel auf die Fährte eines angeschossenen und verendeten oder im Kampfe mit seines Gleichen gefällten Wildes, etwa eines Hirsches, kommt, verschmäht der lüsterne Patron keineswegs, verzehrt vielmehr ohne Zögern solch’ willkommene Beute. Doch schleichen wir dem einsiedlerischen Murrkopf einmal auf einem derartigen Gange nach.

[213] Nächtiges Dunkel deckt noch die wildeinsame, erhabene Berg- und Waldesnatur, welches durch die soeben über dem Saume eines Felsenrückens aufgegangene Sichel des abnehmenden Mondes nur schwach und darum so geheimnißvoll erhellt wird. Doch bald dämmert auch gen Osten, zwischen grauen Tannenstämmen und über deren schwarzzackigen Wipfeln, bleicher Schimmer auf – es ist des herannahenden Morgens erster verkündender Schein. Und mit diesem erhebt sich alsbald, erst ganz leise, dann stärker werdend, eine frische Luftströmung und rauscht nun mit wunderbar melodischem Klingen durch die schwankenden Zweige alle, die der himmelanstrebende Hochwald zum Aether streckt, dessen leuchtendes Gestirn nun auch schon den Gebirgskamm goldig überstrahlt. Droben aber, wenn auch nicht in höchster Höhe, sondern noch in der Region des düstern Tannenbestandes, erhebt sich jetzt der herrscherliche Räuber „Braun von Urich“ aus seinem Felsennest, wo er unter Geklüft und darüber gestürztem Windbruch sein Lager aufgeschlagen, und steigt niederwärts, vielleicht nur in der unschuldigen Absicht, in die Eichel- und Bucheckermast zu wandern, welche der Herbst, sammt dem bunten Blätterschmuck der schon frostgedrückten Baumkronen zur Erde gebettet hat. Plumpen, zoddelnden Schrittes wandelt der ungeschlachte, aber um so wehrhaftere Cumpan seines einsamen Pfades dahin, bald hier, bald da den Boden nach Ameisen oder etwa einer fetten Larve beschnopernd, oder er macht einmal mit hochgehaltener Nase kurzen Halt, um den Wind einzuholen. Und wohl muß ihm dieser im Augenblicke gute Kundschaft gebracht haben, denn plötzlich biegt er, nachdem er sichtbar wohlgefällig die Witterung von seitwärts eingesogen, nach dieser Richtung ab, und mit beschleunigtem Trott geht es nun hin, hier auf losem Geröll, dort zwischen und über Felsblöcke und sturmgebrochene oder in sich selbst zerfallene, faulende Stämme. Durch all dieses Gewirr steigt und drängt der beharrliche Bursche hindurch, nicht einen Augenblick schwankend ob der Richtung, die er innezuhalten hat, denn eines Bären Nase ist zu „infallibel“, um sich auf einer einmal angenommenen Fährte täuschen zu können. Und richtig! Sein so unglaublich ausgebildeter Geruchssinn hat ihn bald einem kleinen Felsenkessel zugeführt, der auf seinem schwarzen Modergrunde einen tief dunkelglänzenden Quell birgt.

Vor diesem, unter überragenden uralten Fichten, liegt, vom felsigen Beckenrande rückwärts halb hinabgeglitten, das Hintertheil vom moorbraunen unheimlichen Wasser überspült, ein verendeter starker Hirsch, der jedenfalls im kühlenden Naß die von einem Gegner empfangene schwere Wunde zu netzen hierher geflüchtet und dabei vom Tode überrascht worden war. Angesichts solch edlen Gedeckes schreitet die edle Walddurchlaucht „Vetter Braun“, allerhöchst vergnüglich dabei brummend, ohne Einhalt darauf los, wobei ihm das niederhängende morsche Geäst einer quer über seinen Weg gestürzten, doch auf hohen Felsblöcken noch Stützpunkt findenden alten Tanne den zottigen Pelz durchhechelt, daß daran die dürren Zacken knackend und klirrend auf den harten Steinboden niederschlagen. Dies zieht jedoch unsern hohen Herrn durchaus nicht von seinem nahen Ziele ab. Vielmehr hat er dieses rasch genug erreicht, um es nun zuvörderst von allen Seiten zu beschnüffeln. Dann aber legt der begehrlich Gewordene sich mit ganzem Leibe, als fürchte er immer noch eine Einbuße, über das stattliche Opfer, dessen auch im Tode noch so schöner Kopf mit dem mächtigen Geweih gegen einen Granitblock lehnt.

Kräftigen Risses schneidet der Fleischlüsterne seine so leicht errungene köstliche Beute an und zwar zuerst in der Flanke, von wo aus er dann mit sichtlichem Behagen und schmatzend und knirschend, je nachdem er Weichtheile verschlingt oder Knochen zermalmt, sich weiter und weiter des so leckern Mahles bemächtigt. Dann aber, wenn er gesättigt ist, bedeckt er die noch immer reichlichen Ueberreste mit Reisig und Moos, denn wie die Regel es lehrt, kehrt der Bär, welcher – zu seiner Ehre sei’s gesagt – niemals aus bloßer Mordsucht neuen Raub schlägt, sobald er vom alten noch zu zehren hat, später nach solchem zurück. Aus diesem Grunde sucht auch wohl der eben Befriedigte in nächster Nähe seines versteckten Vorrathes einen passenden Ruheort, wo er so lange sorglos schläft, bis ihn der wieder rege werdende Hunger von Neuem seines vergrabenen Schatzes gedenken und diesen vollends aufzehren läßt, bis zuletzt nur noch die stärksten Gebeine, wie Schädel, Geweihe, Hals- und Rückenwirbel und die Becken, sowie die hornigen Schalen der Läufe nebst Fetzen von Haut, die Stelle bezeichnen, wo der kraftvolle Waldbeherrscher getafelt hat. Alle diese Ueberbleibsel werden aber nachträglich auch noch von dem kleinern Raubzeuge des Waldes, bis zur Ameise herab, benagt und so von allen noch daran hängenden Fleisch- und anderen Weichtheilen gesäubert, während Licht, Sonne und Wetter schließlich die kahlen Knochenreste bis zur blendenden Weiße bleichen und dann diese Todtenmale schaurig aus dunkler Bodenumgebung hervorleuchten.