Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin/7. Baugeschichten

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Autor: Otto Glagau
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Titel: Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin
7. Baugeschichten.
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin.
Von Otto Glagau.
7. Baugeschichten.

Nicht nur die Bücher und die Menschen, auch die Worte und die Namen haben ihre Schicksale. Nach dem Kriege von 1866 wurde in Berliner Kreisen der Zuruf „Benedek“ zu einem Schimpfworte, und ebenso gilt heute die Bezeichnung „Gründer!“ bereits als eine Beleidigung, welche der Injurienrichter ahndet. Niemand will sich noch Gründer nennen lassen, Niemand ein Gründer gewesen sein. Aber ursprünglich war es anders. Die Gründer, bürgerliche wie adelige, Börsianer wie Private, traten mit ihrem vollen Namen, mit allen Titeln und Würden auf; frei und selbstbewußt traten sie vor das Publicum und gaben sich als die Förderer des Gemeinwohls, als die Wohlthäter der Gesellschaft. In dieser Eigenschaft wurden sie von der Presse gefeiert, und umstrahlt von diesen Nimbus, fanden sie bei dem Volke Glauben. Es waren wieder einmal, wie vor 1800 Jahren, die „falschen Propheten“, die „Wölfe in Schafskleidern“, und wie Wölfe fraßen sie unter der Heerde. – Auf dem Programm der Gründer stand obenan: Abhülfe der Wohnungsnoth, und die ersten Gründungen waren höchst ehrbare – „gemeinnützige Baugesellschaften“.

Den Reigen eröffnete Herr David Born, ein kleiner „Volkswirth“. 1871, im wunderschönen Monat Mai, erließ er einen Aufruf: „Ein Großgrundbesitzer hat mir ein Areal von 40 Morgen zu einem sehr billigen Preise zur Verfügung gestellt. Aber nur einer Baugesellschaft will der Besitzer den billigen Preis und außerdem günstige Bedingungen stellen; dagegen stellt er die Anforderung, daß keine Fabriken, keine hochstöckigen Miethshäuser und Proletarierwohnungen gebaut werden dürfen.“ Herr David Born forderte namentlich Beamte, Pensionäre, Lehrer, Künstler, Literaten etc. auf, sich mit ihm zu vereinigen, „um gemeinschaftlich Wohnhäuser und die dazu passenden Gärten vermittelst einer Summe zu erwerben, welche die jetzt zu zahlende jährliche Miethe nicht übersteigt“. – Das klang verlockend genug, und schnell kam eine Gesellschaft zu Stande, welche sich „Landerwerb und Bauverein auf Actien“ nannte. Sie begann ihre Thätigkeit mit dem bescheidenen Capitale von 10,000 Thalern und vertheilte nach sechs Monaten bereits die kolossale Dividende von – 40 Procent. Das heißt: pro rata, nach Verhältniß des Zeitraums und der nur theilweisen Einzahlung; thatsächlich erhielt jede Actie 4 Thaler. Nun wurde das Capital rasch auf 400,000 Thaler erhöht, und ungleich größere Terrains wurden zugekauft.

Im nächsten Jahre vertheilte man an Dividende noch 8½ Procent, wieder pro rata, und diese Dividende floß zur Hälfte aus den Zinsen des eigenen, noch nicht verausgabten Capitals. 1873 und 1874 gab es keine Dividende mehr. Auch dieses anscheinend so solid begonnene Unternehmen artete in Speculation und Schwindel aus. Die heutige Colonie Friedenau (welch idyllischer Name!) besteht in der Hauptsache noch aus Baustellen und aus etwa 45 fertigen Häusern. Von diesen befinden sich wieder die wenigsten in eigentlichen Privathänden, respective werden die wenigsten von dem eigenen Besitzern regelmäßig (Sommers wie Winters) bewohnt; die meisten Häuser enthalten Miethswohnungen und gehören Speculanten und Börsianern. Die noch unverkauften ausgedehnten „Bauländereien“ sind von der Gesellschaft als Aecker oder Weiden verpachtet; die mit Hülfe der ersten Dividende von 40 Procent bis auf 200 hinaufgetriebenen Actien stehen heute circa – 17.

Herr David Born, welcher seit jener Gründung sich „Director“ nannte, schied schon im ersten Geschäftsjahre, nach Vertheilung der grandiosen Dividende, aus; oder aber er wurde ausgeschieden, vom Aufsichtsrathe, dem er, wie es scheint, unbequem ward, da er gegen gewisse Verletzungen des Statuts opponirte. Er „dirigirte“ nun eine in der Nachbarschaft entstandene neue Baugesellschaft, den „Lichterfelder Bauverein“. Dieser brachte es nur bis auf 9 Procent Dividende, und die mit 90 Thalern eingezahlten Actien, die einst 120 standen, gelten heute circa 14. Die Bilanz für 1874 schließt mit einem Verluste von 328,000 Thaler(!), entstanden durch „Abschreibungen“. Man hat nämlich gefunden, daß der Preis, mit welchem die Ländereien zu Buch stehen, dem heutigen Werthe nicht mehr entspricht, und deshalb die Taxe um ein Drittel herabgesetzt. Wer weiß, was die „Bauländereien“ im künftigen Jahre werth, welche neue Abschreibungen dann nöthig sein werden! Glücklicher Weise belasten die Gesellschaft keine Hypotheken mehr, und so muß für die Actionäre doch immer eine Kleinigkeit übrig bleiben.

Der edle Großgrundbesitzer, welcher Herrn David Born und Genossen mit Bauterrain unter die Arme griff, war Herr J. A. W. Carstenn in Lichterfelde, und er hatte solcher Anfälle von Edelmuth noch verschiedene. So lieferte er einem dritten, in derselben Gegend entstehenden Vereine, der „Land- und Baugesellschaft Lichterfelde“, gleichfalls ein ungeheures Areal und ließ es sich sehr anständig bezahlen. Daneben bedang er sich als Trinkgeld noch 10 Procent vom Reingewinne, der 1872 an 400,000 Thaler, also für ihn gegen 40,000 Thaler ergab. Die Actionäre erhielten 25 Procent Dividende und hätten 69 Procent erhalten können, die sie auch verlangten und einklagten; doch das Gericht wies sie ab. 1873 betrug die Dividende nur 5 Procent, 1874 bereits 0. Die Actien, einst 155, stehen heute 24 Brief. Das Terrain ist mit 500,000 Thalern belastet, und während der Bauverein Lichterfelde Abschreibungen vornimmt, stellt sich bei der Baugesellschaft Lichterfelde der Buchpreis der Quadratruthe mit jedem Jahre noch höher.

Bei gewissen Leuten steigert sich mit dem Essen der Appetit, und so gründete Herr Carstenn denn noch in Verbindung mit den Herren Richard Schweder, Paul Munk, Gustav Markwald und noch einigen Anderen den „Berlin-Charlottenburger Bauverein“, dessen Actien im Februar 1873 mit 110 an die Börse kamen. Diesen Aufschlag rechtfertigte der „Prospect“, indem er pro 1872 eine Dividende von nahe 13 Procent feststellte, welche aber nur den Gründern zu gute kommen konnte; denn Actionäre waren noch gar nicht vorhanden, und nachdem man sie eingefangen hatte, gab es keine Dividende mehr.

Der „Berlin-Charlottenburger Bau-Verein“ hat Großartiges geleistet – im Abstecken von Straßen und Plätzen. Eine unabsehbare Riesenstraße zieht sich von Steglitz bis Charlottenburg. Sie heißt die „Kaiserstraße“, ist über eine halbe Meile lang, breit und prächtig – nur fehlen ihr noch die Häuser und die Baugründe sind einstweilen hier, wie in dem Gewirr der Quer- und Nebengassen, als Viehweide verpachtet. Auch die beiden „Baubureaux“ in Berlin und in Wilmersdorf sind geschlossen; trotzdem hat die „Verwaltung“ im letzten Jahr über 11,000 Thaler Unkosten verursacht. Ein Räthsel, das nur „Aufsichtsrath“ und „Direction“ zu lösen vermögen. Aber Beide verbergen sich jetzt wie Adam und Eva nach dem Sündenfall.

[439] Herr A. W. Carstenn hatte sich als Bauspeculant schon in Hamburg und Umgegend versucht, und ließ sich nach 1866 in Lichterfelde bei Berlin nieder. Er war ein Mann von Scharfblick und Combination; er witterte, daß die Hauptstadt des Norddeutschen Bundes wachsen und sich ausdehnen müsse; er begann rings um Berlin zu colonisiren und trieb die Baustellen-Ausschlächterei und den Baustellen-Handel en gros. Bei diesem Geschäft gewann er Millionen, und mit den Millionen überfiel ihn ein anderes Gelüste. Er hatte mit Generalen und Baronen gegründet, und der Umgang mit der Aristokratie ist verführerisch. Er hatte sich die Regierung durch den Bau der neuen Cadettenhäuser bei Lichterfelde verpflichtet, und so konnte es ihm nicht fehlen. Eines Abends ging er noch als A. W. Carstenn zu Bette, und am Morgen stand er auf als – Herr von Carstenn-Lichterfelde. Im Alterthum wurden die Gründer – siehe: Herakles, Kekrops, Theseus, Kadmos – unter die Götter versetzt; heute werden sie – siehe: Bleichröder, Hansemann, F. W. Krause, A. W. Carstenn – in den Adelstand erhoben. Andere Gründer, welche dies nicht durchsetzen konnten, machten aus der Noth eine Tugend und kauften sich – einen adligen Vater. Sie suchten und fanden einen freidenkenden, aber armen Edelmann, der sie, gewöhnlich gegen Zahlung einer mäßigen Jahresrente, adoptirte, ihnen seinen Namen verlieh. Auch dieser Talmi-Adel wird von der Gesellschaft respectirt und bewundert.

Von der riesigen „Kaiserstraße“ des Herrn von Carstenn geht’s über oder um Charlottenburg nach dem lustigen Plateau „Westend“, zu Herrn Heinrich Quistorp. „Westend“, eine künstliche, unwirthliche Schöpfung, war der „erste Versuch“ Quistorp’s, mit dem er im Jahre 1868 debütirte, aber ziemlich abfiel. Erst in der Schwindelperiode konnten Beide durchschlagen. Herr Quistorp vertheilte pro 1871 plötzlich 16 Procent Dividende, und vermehrte das Actiencapital, das bis dahin, wenn wir nicht irren, nur 100,000 Thlr. betrug, mit einem Schlage um 1,100,000 Thlr. Die neuen Actien wurden zu dem bescheidenen Course von 150(!) ausgegeben und dann bis auf circa 225 hinaufgetrieben. Von Herrn von Schäfer-Voit ward ein großes „Bauterrain“ von 450 Morgen zugekauft und „Neu-Westend“ benannt, sowie das am Spandauer Bock belegene „Schloß Ruhwald nebst Park“. Herr Quistorp, der sich mit einem Stabe von Literaten, „Volkswirthen“ und Naturwissenschaftern umgab, ließ durch diese Herren „Westend“ als die natürlichste, gesündeste und anmuthigste Colonie von der Welt anpreisen. „Schloß Ruhwald“ ward bereits als die künftige Residenz eines preußischen Prinzen bezeichnet, und von diesem Schlosse bis zum Schlosse in Berlin eine fortlaufende Straße in Aussicht gestellt – „die schönste und einzig große Avenue“, gegen welche die Kaiserstraße des Herrn von Carstenn eins bloßes Kind blieb, denn die Entfernung beträgt gut fünf Viertel Meilen.

Ungleich manchem Gründer, der mit der Grammatik auf gespanntem Fuße lebt, schreibt Herr Quistorp einen „gebildeten Stil“; ist er ein pompöser Schriftsteller. Wie Napoleon Bonaparte, mit dem wir ihn schon früher in Parallele stellten, veröffentlichte auch Heinrich Quistorp über seine Thaten und Erfolge regelmäßige Bülletins, die als charakteristische Beiträge zur Zeitgeschichte wohl verdienten gesammelt zu werden. Vor uns liegt der Jahresbericht vom 14. Januar 1873, in welchem Herr Quistorp den Actionären von „Westend“ – neun Monate vor dem Concurse der Gesellschaft – noch goldene Berge verspricht. Fast noch interessanter ist die Bilanz pro 1872, die der „Aufsichtsrath“, unterzeichnet von den Regierungsräthen a. D. A. Bühling und W. Jungermann und Kaufmann A. Reinicke, publicirt. Nach dieser Aufstellung erhielten die Actionäre 17 Procent Dividende oder zusammen 204,000 Thaler, der „Aufsichtsrath“ 15 Procent Tantième oder 43,200 Thaler – ein hübsches Douceur für eine nur nominelle Mühewaltung, die beiden Gesellschafter Quistorp und Scheibler gleichfalls 15 Procent Tantième oder 43,200 Thaler. Außerdem aber hat sich der „erste Gesellschafter“ (Quistorp) an „Provisionen“ für Verkäufe von Bauparcellen noch 33,786 Thaler berechnet. Man sieht also: Aufsichtsrath und Gesellschafter beanspruchten circa zwei Fünftel des Reingewinns, während auf die Gesammtheit der Actionäre wenig mehr als drei Fünftel entfiel, und Quistorp allein bezog ein Sechstel des Ganzen, in einem Jahre von einer einzigen Gesellschaft über 55,000 Thaler.

Aber der geniale Gründer hatte an „Westend“ nicht genug – er schuf noch eine zweite „Baugesellschaft“. Unmittelbar nachdem Herr Quistorp das Capital von „Westend“ um 1,100,000 Thaler vermehrt hatte, gründete er den „Deutschen Centralbauverein“, für den er gleichfalls eine Actiensumme von 1,200,000 Thaler in Anspruch nahm. Dieser war ehemals eine „Genossenschaft“ gewesen, aber, wie Quistorp im „Prospecte“ sich ausdrückte, das „Experiment eines humanen Princips“ geblieben und wurde nun in eine Actiengesellschaft umgewandelt. Der „Deutsche Centralbauverein“ sollte nicht Villen, sondern kleine und mittlere Wohnungen bauen und außerdem einem schreienden Bedürfnisse abhelfen, nämlich „die baulichen Ausführungen der Westend-Gesellschaft gegen eine der Sache entsprechende Provision mitleiten“, während die Westend-Gesellschaft wieder seine, des „Deutschen Centralbauvereins“ Bauterrains „commissionsweise parcelliren und von den ihm übertragenen Bauten eine entsprechende Rückprovision beziehen“ sollte. Man merkt, wie erfinderisch Herr Quistorp war, um den eigentlichen Zweck seiner Gründungen festzustellen, und wie innig er die verschiedenen Gesellschaften miteinander verknotete – eine Verknotung, die später immer eine nach der anderen in den Concurs riß und ein Monstreverfahren herbeiführte, bei dem sowohl dem Concursrichter wie dem Massenverwalter seit Jahr und Tag die Haare zu Berge stehen. Bei beiden Baugesellschaften hatte Quistorp dieselben Verbündeten und Gehülfen: außer den schon Genannten noch die Herren Stadtrath Holtz, Apotheker H. Augustin, Dr. med. E. Wiß und Andere. Der „Volkswirth“ Wiß hatte kurz vorher im Feuilleton der „National-Zeitung“ einen Bandwurm von Artikel über Wohnungsnoth, Wohnungsreform etc. losgelassen, die alle in dem Satze gipfelten: das einzige Rettungsmittel sei die Colonisation. Zum Dank für diese Reclame machte ihn Quistorp zum „Vorsitzenden des Aufsichtsraths“, und nun ging der „Deutsche Centralbauverein“ in’s Zeug mit Ankäufen, Parcellirungen und Bauausführungen. Das erste Geschäftsjahr schloß am 1. Juli 1873 mit einer Dividende von 15 Procent, aber nur 10 Procent kamen zur Auszahlung, während „Aufsichtsrath“ und „Direction“ das Ihrige natürlich voll eingestrichen haben werden. Im Juli 1873, mitten im „Krach“, rückte Herr Quistorp noch mit dem Antrage heraus, „das Actiencapital successive auf vier Millionen Thaler zu erhöhen“, was auch beschlossen wurde. Aber es blieb beim Beschlusse. Schon nach drei Monaten brach der „Deutsche Centralbauverein“ zusammen, mit einer Million Unterbilanz. Die Grundstücke, welche mit mehreren Millionen zu Buch standen, sind bei der gerichtlichen Taxe auf ein Fünftel oder noch tiefer herabgesetzt. Die Masse wird kaum die Schulden decken – über zwei und eine halbe Million Thaler; die Actionäre haben Alles verloren.

Doch Herr Quistorp ist nicht außer Fassung zu setzen. Mitten im Concurse gründete er kürzlich eine neue Gesellschaft: „Westend-Berlin“. Wieder eine Illustration zum Actiengesetze! Inzwischen arbeitete er auf einen Accord hin und gewann dafür die Mehrzahl der Gläubiger. Allein das Gericht verweigerte die Bestätigung des Accords – ein Fall, der sich höchst selten ereignet. Der Gerichtshof versagte die Bestätigung wegen der eigenthümlichen Manipulationen des Gemeinschuldners. Herr Quistorp hatte z. B. Grundstücke erstanden und sie zunächst der „Westend-Gesellschaft“ und dann wieder, Namens dieser, dem „Deutschen Centralbauverein“ verkauft, jedesmal natürlich zu höherem Preise. Der Accord ist nicht genehmigt, aber Herr Quistorp wird die höheren Instanzen anrufen, und vielleicht hat dieser Mann seine Rolle noch lange nicht ausgespielt.

Unter dem Aushängeschilde, zu colonisiren, für die unteren und mittleren Stände billige Wohnungen herstellen zu wollen etablirten sich noch zahlreiche Baugesellschaften, von denen wir einige hier folgen lassen:

Mittelwohnungen, bei Weißensee, eine halbe Meile vor dem Thore; gegründet von A. Busse u. Comp. Aufsichtsräthe: Geh. Admiralitätsrath Dr. Gäbler, Fabrikbesitzer G. Schöpplenberg etc. Pro 1873 ward auf gebaute, aber noch nicht verkaufte Häuser eine künstliche Dividende von 2 Procent vertheilt. Pro 1874 nichts. Ein großer Theil der Wohnungen ist unvermiethet geblieben. Die mit 80 Thaler eingezahlte Actie gilt etwa 10.

Johannisthal, eine Meile vor der Stadt, gegründet von der Norddeutschen Grundcreditbank, Geh. Admiralitätsrath Dr. Gäbler etc. Vorstand: Baumeister Jonas. Vertheilte pro 1873 eine Dividende von 5 Procent. Die mit 102½ aufgelegten Actien sollen sich größtentheils noch in erster Hand befinden und werden heute mit circa 10 notirt.

[440] Berlin-Tempelhof, gegründet von Max Löwenfeld, Hirschfeld u. Comp. und dem vielgenannten Herrn Heinrich Reh, Mitgründer der famosen „Societätsbrauerei“, deren Actien beute 7 Brief stehen. Berlin-Tempelhof zahlte für das erste Geschäftsjahr“ 7½ Procent „Bauzinsen“ und wird zur Zelt gleichfalls mit 9 Brief notirt. Für ein Darlehn von 15,000 Thaler soll die Gesellschaft 10,000 Thaler Damno (Verlust) bezahlt haben.

Belle-Alliance, gegründet von Hermann Geber, Jos. Jaques, Walter Bauendahl etc. Aufsichtsrath: Justizrath Hinschius. Die Actien wurden mit 103 aufgelegt, genießen bis zum 1. Juli 1875 sechs Procent „Bauzinsen“ und stehen deshalb einstweilen noch circa 40.

Friedrichshain, gegründet von den Directoren Dr. Otto Hübner und Dr. Wilhelm Abegg, den Stadtverordneten Romstädt und Ullstein, Stadtbaurath Gerstenberg, den Banquiers Gebrüder Guttentag und Julius Samelson etc. Die mit 103 aufgelegten Actien werden bei Verkäufen zum Nennwerthe in Zahlung genommen und stehen aus diesem Grunde noch circa 40. Pro 1874 ward endlich eine Dividende von 2 Proc. vertheilt, die aber auch ziemlich künstlicher Natur ist.

Deutsch-holländischer Bau-Verein, gegründet von Rittergutsbesitzer Klau, Dr. Otto Hübner, Director Sulzer, Geh. Oberfinanzrath A. Geim, Martin Frege. Justizrath G. Wolff, Rechtsanwalt Munckel etc. Späterer Aufsichtsrath: Dr. Ed. Wiß. Für das vom Gutsbesitzer Klau zusammengekaufte „Bauterrain“ wurde die Kleinigkeit von 5 Millionen Thalern bezahlt. Nach einer 1873 erschienenen Broschüre sollen die Gründer 3½ Millionen Thaler verdient haben. Wir glauben aber, daß es mehr gewesen ist. Bei der letzten Generalversammlung, am 23. März d. J., zeigte sich der Aufsichtsrath in zwei Heerlager gespalten, angeführt von den Herren Justizrath G. Wolff und Rechtsanwalt Munckel, die einander scharf bekriegten. „Hie Wolff! Hie Munckel!“ scholl es wild durch einander, und der Gutsbesitzer Klau, der sich noch im Besitze von Einer Million Actien befindet, kam hart in’s Gedränge. Die vorgelegte Bilanz, welche mit 126,000 Thalern Verlust abschließt (wir schätzen ihn höher) wurde nicht genehmigt und dem Aufsichtsrathe keine Decharge ertheilt. Die Prioritäts-Actien, welche noch bis 1883 (!) 6 Procent feste Zinsen erhalten sollen, stehen zur Zeit circa 25.[1]

Wie schon mehrfach betont, bauten die Baugesellschaften nur dem Namen nach, und zu bauen war auch nie ihre eigentliche Absicht. Sie gründeten und handelten mit Baustellen. Seit dem „Krach“ liegt dieser Schacher darnieder, und wir hoffen, für immer. Nur eine unverhältnißmäßig geringe Anzahl von Wohnungen ist hergestellt, und diese Wohnungen sind nicht billig, sondern theuer. An und für sich theuer, wegen der großen Selbstkosten, und doppelt theuer mit Rücksicht auf die entfernte Lage. Die „Colonisation“, für welche so viel Reclame gemacht wurde, hat keinen Anklang gefunden, hat sich überhaupt nicht als Bedürfniß erwiesen. Selbst wenn die Communication bestände, die nicht besteht – Pferde- und Locomotivbahnen – wäre das Wohnen in so weiter Entfernung für die arbeitenden Classen zu zeitraubend und zu kostspielig. Es thut aber auch gar nicht noth; es bietet sich in der Stadt selber noch zureichendes Unterkommen. Von den zahllosen Baugesellschaften befinden sich schon viele in Concurs oder in Liquidation (Auflösung), und die andern werden allmählich nachfolgen. Lebensfähig dürften nur äußerst wenige sein.

Unter den Schöpfungen der Schwindelperiode sind mit die schwindelhaftesten die Baugesellschaften. Es ist schwer zu sagen, welches die faulsten sind, und der Raum gestattet nicht einmal, alle die anzuführen, welche als „oberfaul“ gelten oder als solche bereits zusammengebrochen sind. Wir wollen zum Schlusse nur noch einige nennen:

Thiergarten-Westend, gegründet von Herm. Geber, R. A. Seelig, Gewerbebank H. Schuster etc. Cours circa 3.

Hofjäger, gegründet von Hermann Geber, R. A. Seelig, Julius Alexander, Baumeister Nicolaus Becker etc. Aufsichtsrath: Justizrath Hinschius. Cours circa 10.

Charlottenburg, gegründet von Jean Fränkel, Lindner, Karl Sachs, Bürgermeister Bullrich etc. Mit 105 an der Börse eingeführt, heute 6.

Nieder-Schönhausen, gegründet von Jean Fränkel, Max David, Weißbier-Director E. Gericke etc. Mit 102 an der Börse eingeführt, heute?

Residenz-Baubank, gegründet von Robert Herbig, Karl Dankberg, Baumeister Wuttke und Heinrich Enders etc. 3000 Interimsscheine à 40 Thaler, zusammen also 120,000 Thaler, verfielen wegen rückständiger Einzahlung. Die Besitzer trugen lieber diesen Verlust, als daß sie die restirenden 60 Thaler nachschossen, denn die Vollactie von 100 Thalern stand – 10 Brief. Heute?

Allgemeine Bau- und Handelsbank. Von dem Actiencapitale wurde über ein Drittel, circa 362,000 Thaler, wegen nicht rechtzeitig geleisteter Einzahlung für verfallen erklärt. Der 40procentige Interimsschein kam an die Börse zum Course von 106; heute steht die Vollactie 25.

Nordend, einst 140; heute?

Immobilienbank. Cours?

(Der „Verfasser“ dieser drei Baugesellschaften war Dr. Max Mattner, welcher sich seitdem Baron Mattner von Bibra nennt.)

Nordbaubank, gegründet von Karl Aulig, Maurermeister Ströhmer, Dr. Heinrich Ebeling etc. Aufsichtsrath: Rechtsanwalt Meyn. Der Cours, im März 1873 bis auf 209 getrieben, ist heute 0. Die Generalversammlung beschloß, eine Untersuchungscommission einzusetzen. Das Gericht lehnte die Einleitung des Concurses ab, weil es an Masse fehlte.

Westend-Potsdam-Baubank, gegründet von demselben Aulig und Genossen. Cours 0. Das Bureau ist geschlossen; das Mobiliar wurde gerichtlich abgepfändet. Aufsichtsrath Aulig und Director Fischer sind spurlos verschwunden.

Die in Berlin ansässigen und an hiesiger Börse gehandelten Bau- und Baumaterialiengesellschaften haben zusammen ein Actiencapital von, schlecht gerechnet, 100 Millionen Thalern in Anspruch genommen, welches zum weitaus größten Theile nun verpufft, für die Actionäre verloren ist. Dazu kommt das Agio (bis 150!), mit welchem die Actien eingeführt wurden, die Courssteigerung (bis 400!!), die sie in der ersten Zeit erfuhren. Die Baugesellschaften, welche mit Hypotheken belastet sind, müssen alle untergehen, denn in der Regel übersteigen die Hypotheken weit den eigentlichen Werth des „Bauterrains“. Diese Hypotheken befinden sich noch vielfach in den Händen der Gründer, welchen also das gegründete Object wieder anheimfallen wird, und schließlich werden die „Bauländereien“ von den ehemaligen Besitzern, von den Gärtnern und Bauern, um ein Billiges zurückgekauft werden. Binnen wenigen Jahren werden die im zweimeiligen Umkreise von Berlin abgesteckten Straßen und Plätze spurlos verschwunden sein; über die „Kaiserstraße“ wird wieder der Pflug gehen, und auf dem „Bismarck“- oder „Moltke-Platz“ wird der Schäfer wieder seine Hammel weiden. Aber wie viele Ernten sind inzwischen verloren gegangen, welche Kräfte haben seither gefeiert! – Das ist der volkswirthschaftliche Segen der Baugesellschaften und der Gründungen überhaupt.

Der Baustellenwucher hat seine Früchte bereits getragen, und der Häuserschacher wird vielleicht noch schlimmere bescheeren. Während der Schwindelperiode hat in Berlin etwa die Hälfte der Hausbesitzer gewechselt, über 8000. Die neuen Wirthe haben fast alle zu theuer gekauft oder zu theuer gebaut, als daß sie das gegenwärtige Fallen der Miethen verschmerzen könnten. Der hiesige Grundbesitz, schon vor dem Schwindel mit vier Fünftel des Werthes verschuldet, ist jetzt weit höher belastet. Nach den Aufstellungen des Stadtgerichts wurden an Hypotheken mehr eingetragen als gelöscht:

im Jahre 1869 9 Millionen Thaler
1870 10
1871 20
1872 79

Diese neuen Hypotheken sind meistens Restkaufgelder, die im Laufe der nächsten Jahre fällig werden, und deshalb prophezeien verschiedene Stimmen einen „Häuserkrach“.



  1. Wir entnehmen diese Daten unter Anderem dem soeben erschienenen 4. Theile von „Salings’s Börsenpapiere“, 4. Auflage, bearbeitet von C. A. Frenzel, einem Handbuche, das über Industrie-Gründungen, und namentlich über die Baugesellschaften sehr interessante Aufschlüsse giebt.