Der Baum des Lebens

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Textdaten
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Autor: Carus Sterne
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Titel: Der Baum des Lebens
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Der Baum des Lebens.
Von Carus Sterne.

Wenn wir, den kurzen Sonnenschein eines kalten, heitern Wintertages benutzend, im entlaubten Parke einen Spaziergang machen, so fallen uns wohl vor Allem ein paar Bäume wegen des kläglichen Anblickes auf, welchen dieselben zur Zeit bieten, die sogenannten Lebensbäume. Es sind besonders zwei hochwachsende Arten dieses unserm Wachholder verwandten Geschlechtes der Zapfenbäume, welche wir in unsere Gärten und auf die Kirchhöfe pflanzen und welche man bei aller sonstigen Aehnlichkeit schon nach dem äußeren Habitus unterscheiden kann: der aus Nordamerika stammende abendländische Lebensbaum (Thuja oder Biota occidentalis) mit wagerecht ausgebreiteten Zweigen und einer kleinen erhabenen Drüse auf jedem Blattschüppchen und der aus Asien zu uns gekommene morgenländische Lebensbaum (Thuja orientalis) mit senkrecht ausgebreiteten Zweigen und einer Furche an Stelle der Drüse. Beide haben ihr zartes zierliches Schuppenkleid in den Winterstürmen behalten, aber nur mit Unrecht würde man sie darum zu den immergrünen Bäumen rechnen dürfen, denn ihr im Sommer so lebendig und frisch grünes Laub sieht jetzt todtenhaft lederbraun oder rostfarbig aus, und das ganze Gewächs macht den Eindruck, als ob es erfroren, vollkommen verwelkt und abgestorben wäre. Aber laßt einige Tage die warme Frühlingssonne darauf scheinen, und Ihr werdet die wunderbarste Verwandlung wahrnehmen. Dasselbe Laub, das jetzt dem Abfallen nahe erscheint, gewinnt seine frische und freudig grüne Farbe wieder, das ganze Gewächs scheint sich zu verjüngen und von schwerer Krankheit, ja vom Tode wieder zu erstehen.

Ganz anders als die alljährliche Neubelaubung unserer im Winter kahlen Wald- und Gartenbäume wirkte diese Verjüngungserscheinung auf den aufmerksamen Naturbeobachter und besonders auf die ersten Europäer, welche das Wunder vor ihren Augen geschehen sahen.

[215] Es war im Schloßgarten von Fontainebleau, wo man unter der Regierung König Franz des Ersten, vielleicht auch schon etwas früher, den schönen kanadischen Baum zuerst als Ziergewächs angepflanzt hatte. Der berühmte Botaniker Clusius (1526 bis 1609) sah ihn daselbst und erzählt, daß man ihn wegen seines immergrünen (?) und starkduftenden Laubes für ein Symbol der Heilung und Unsterblichkeit angesehen und Baum des Lebens, arbor vitae genannt habe. Seine Angabe trifft doch nicht ganz den Kern der Sache, und sein College, Landsmann und Zeitgenosse Dodonäus bezeichnet, nachdem er vorausgeschickt, einen andern Grund der Benennung nicht zu kennen, die Veranlassung jedenfalls genauer, indem er sagt: „In der Kälte des Winters leidet der Baum; ihr elegantes Grün verlierend, nehmen Zweige und Blätter in den Wintermonaten eine schwärzliche Färbung an, leben aber im Frühjahre wieder auf und gewinnen den Glanz des vorigen Grüns wieder, so daß er nicht ohne guten Grund Baum des Lebens genannt worden zu sein scheint.“ Man wollte nun aller Orten das Mysterium dieses Gewächses schauen, und da der Leibarzt Franz des Ersten, Nicolas Rassius, den dieserhalb an ihn gerichteten Gesuchen bereitwillig entgegenkam, so verbreitete sich das vegetabilische Wunder schnell über Belgien nach Deutschland, sowie nach Italien, überall mit Staunen empfangen. Der orientalische Lebensbaum, sowie die anderen Arten dieses schönen Pflanzengeschlechts, welche heute unsere Parke zieren, kamen erst viel später nach Europa.

Die christliche Mystik sah mit Entzücken in diesem Baume die Verkörperung eines alten religiösen Symbols und nahm, da man damals noch nicht ahnte, daß auch den Pflanzen bestimmte natürliche Grenzen ihrer Verbreitung gesetzt seien, den amerikanischen Lebensbaum ohne Weiteres für den Lebensbaum des Paradieses. Man pflanzte ihn in die Mitte der botanischen und zoologischen Gärten, die man damals, wegen der friedlichen Vereinigung so vieler Pflanzen- und Thierformen, allgemein Paradiese nannte, und so führt unser Lebensbaum schon bei Clusius den Namen des Pariser Paradiesbaumes (Arbor paradisaea Lutetorum). Der so oft mit dem Baume der Erkenntniß zusammengeworfene, aber 1. Mose 2, 9 deutlich von demselben unterschiedene Baum des Lebens scheint ein aus persischen und ägyptischen Religionsvorstellungen in die hebräische Tradition hinübergenommenes Symbol zu sein, ebenso wie dem Baume des Erkenntnisses in dem drachenbewachten Apfelbaume der Hesperiden und in dem Apfelbaume Iduna’s entsprechende Seitenstücke der griechischen und nordischen Mythe entgegenzustellen sind.

Aus ägyptischen Gräbern wie auf dem Deckel der Mumiensärge hat man häufig wahrhaft künstlerisch gedachte Darstellungen des Lebensbaumes, als eines Symboles der Unsterblichkeit, angetroffen. Man sieht dort die mit dem Baume identificirte Göttin Isis-Hathor aus dem Gipfel der immergrünen Persea hervorsprossen und der unten harrenden vogelartig gebildeten Seele des Begrabenen das „Wasser des Lebens“ spenden. Die Hebräer und ersten Christen haben diese Symbolisirung des Glaubens als einer Unsterblichkeit verleihenden Pflanze mit Vorliebe in ihrer bilderreichen Sprache angewendet, und in diesem Sinne wird in der Bibel öfter von den gesundheitverleihenden Blättern des Lebensbaumes und von dem Holze des Lebens aus dem Paradiese Gottes, welches er Denen zu essen geben will, die da überwinden (Off. Joh. 2, 7 und 22, 2), geredet. Die jüdischen und christlichen Gelehrten des frühen Mittelalters nahmen diese Bildersprache wörtlich und glaubten fest an die Existenz des Lebensbaumes und seiner gepriesenen Kräfte, ja die Kirchenväter verhandelten mehrfach über die Natur und Art dieses Baumes. Talmudisten und christliche Mystiker wetteiferten darin, die Naturgeschichte desselben mit wunderlichen Mythen auszuschmücken.

Ein selten gewordenes Buch, „Die Buße Adam’s“ betitelt, hat einen förmlichen Roman aus den Schicksalen des Lebensbaumes gemacht, und die rabbinischen Sagenkreise gruppiren sich ungefähr folgendermaßen: Seth hatte das Paradies auf Geheiß des sterbenden Vaters aufgesucht und von dem bewachenden Engel drei Samenkörner vom Lebensbaume erhalten, die er dem Leichname Adam’s in den Mund steckte. Daraus erwuchsen drei Triebe, von deren Holz nicht allein die Stäbe des Moses und Aaron stammten, sondern auch der Baum, mit dessen Holz das bittere Wasser der Wüste süß gemacht wurde. Aus demselben Holze wurde der Tempel David’s gebaut und die Bank gemacht, auf welcher die heidnische Sibylle die Ankunft des Messias verkündete, und schließlich aus dem in Canaan eingepflanzten und zum Baume gewordenen Stabe Mosis das Kreuz Christi, der neue Lebensbaum, gefertigt, welches uns das durch die Sünde Adam’s verscherzte ewige Leben wiedererwerben soll.

Diese weitverzweigte Sage ist häufig bildlich dargestellt worden, z. B. in dem berühmten Altarwerk zu Leyden, auf welchem von Cornelis Engelbrechtsen (1468 bis 1533) der todte Adam dargestellt ist, aus dessen Leichnam der Baum des Lebens emporsproßt. Ganz allgemein in Kirchenliedern und Predigten wurde hiernach dem adamitischen Lebensbaum das erlösende Kreuz verglichen, und kaum ein Gleichniß gab es, welches in der Kanzelsprache populärer gewesen wäre, als gerade dieses. Sehr lehrreich für den Ursprung des ganzen Vorstellungskreises aus Aegypten ist die Legende, welche der Kirchenhistoriker Sozomenos aufbewahrt hat, daß zu Hermopolis in Oberägypten der Baum Persis (die Persea) gestanden, dessen Früchte, Blätter und Rinde die Kraft hätten, Kranke durch bloße Berührung gesund zu machen. Als Maria auf der Flucht nach Aegypten bei dem Baume vorüberkam, oder wie spätere mohamedanische Sagen berichteten, darunter ausruhete, neigte sich der ägyptische Lebensbaum in seiner ganzen Größe tief vor dem Christuskinde, dem neuen Unsterblichkeit verleihenden Lebensbaume.

Man kann sich leicht die Freude vorstellen, welche frommen und sinnigen Gemüthern aus der Gelegenheit erwuchs, endlich jene Vorstellungen auf ein bestimmtes und obendrein sehr zierliches Gewächs übertragen zu können, in welchem sich das Unsterblichkeits- und Wiederbelebungswunder augenfällig vollzog. Es erklärt sich daraus, weshalb wir den Lebensbaum so häufig auf Kirchenbildern aus der Zeit seines Bekanntwerdens dargestellt finden. In einem der ältesten Kräuterbücher, welches wir besitzen, dem gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts zuerst gedruckten „Garten der Gesundheit“ (Hortus sanitatis) wird von dem Lebensbaume erzählt, sein Holz besitze die „natürliche“ Eigenschaft, daß, wer davon esse, dadurch gefestet werde gegen alle Krankheit, Schwachheit und Altersschwäche, ja sein Leib werde unverwundbar wie der des Achilles. Wer aber das Grüne als Salat genieße, vergesse alle andere Nahrung und Sorgen. Das Letztere ist nicht unmöglich, denn das starkduftende Laub macht ganz den Eindruck, als könne es Jemanden dahin befördern, wo er weder Nahrung gebraucht, noch Sorgen hat. Die Medicin hat von den gepriesenen Wunderkräften keinen Gebrauch gemacht, nur die Homöopathie bedient sich der Thuja als eines ihrer Wundermittel.

Kommen wir nunmehr zu der Frage nach den inneren Vorgängen bei der winterlichen Verfärbung des Lebensbaumes und seinem Neuergrünen im Frühjahr, so müssen wir zunächst erwähnen, daß ihm diese Erscheinung nicht ausschließlich eigenthümlich ist, sondern daß fast alle Bäume und Sträucher, welche in der Strenge unseres Winters ihr Laub oder ihre Nadeln erhalten, einen ähnlichen Wechsel ihres Kleides bieten. Am meisten fällt die Erscheinung in’s Auge bei den glänzenden Blättern der Stechpalme, und des strauchigen Buxbaumes, sowie den Taxus, Cypressen und Sadebäumen unserer Parkanlagen, doch auch bei den Nadelhölzern unserer Wälder, z. B. bei der Kiefer ist der Unterschied des Grünes vom Winter und Sommer sehr merklich. Sie alle erscheinen düster, farbenmatt und gleichsam traurig gestimmt während der kalten Jahreszeit, und wenn gleich weniger von dem Wechsel der Jahreszeiten berührt, lächeln sie doch mit in den Frühling hinein. „Der Frühling webt schon in den Birken, – und selbst die Fichte fühlt ihn schon,“ sagt Faust, die geringe Erhöhung der Farbe mit einem Worte plastisch andeutend. Viel größer als bei jenen an sich schon düster gefärbten Nadelhölzern ist der Contrast bei unseren Lebensbäumen, deren Sommertracht bei einzelnen Arten maien-, ja goldig-grün schimmert. Man hat sich sonst begnügt, die Erscheinung auf eine allgemeine Herabstimmung der Lebensenergie der Pflanzen durch die Temperaturerniedrigung zurückzuführen, aber durch Versuche, welche der Professor Kraus in Erlangen in neuerer Zeit angestellt hat, wissen wir nunmehr viel genauer, was bei jenem Farbenwechsel im Innern der Pflanze vor sich geht.

[216] Bekanntlich verdanken die grünen Theile der Gewächse ihre Farbe der Gegenwart kleiner grün gefärbter Körnchen, die besonders reichlich in den der Oberfläche zunächst liegenden Zellen des Pflanzenkörpers enthalten sind. Diese Körnchen bestehen jedoch nicht völlig aus jenem Blattgrün oder Chlorophyll genannten Farbstoffe, sondern enthalten außer stickstoffhaltiger Materie einen innern Kern von Stärkemehl, welches sich unter dem Einflusse des Sonnenlichts aus dem Chlorophyll bildet. Professor Kraus beobachtete nun, daß in allen den Gewächsen, die im Winter ihre frische grüne Farbe einbüßen, die Chlorophyllkörner zunächst mißfarbig, dann gelblich oder röthlichbraun werden, ihre Form verlieren und sich zu einer wolkigen Masse auflösen, die sich von der äußern Wandung nach dem Innern der Zelle zurückzieht, und dort zu einem gestaltlosen Klümpchen zusammenbäckt. Allein damit ist dieser Zelleninhalt, welchem die hauptsächlichste Lebensthätigkeit der Pflanzen, die Aufnahme und Verarbeitung der Luftkohlensäure im Sonnenlicht zufällt, keineswegs durch den Frost getödtet, denn wenn man im Winter einen Zweig vom Lebensbaum, Buxbaum oder der Stechpalme im warmen Zimmer in ein Glas mit Wasser stellt, so erlangt er schon nach wenigen Tagen die frühere lebendig grüne Färbung wieder.

Man kann sich noch durch einen anderen sehr augenfälligen Umstand von der Richtigkeit dieser Annahme überzeugen. Wenn man nämlich den verfärbten Lebensbaum oder ein anderes sich ähnlich verhaltendes Gewächs genauer betrachtet, so bemerkt man, daß die Unterseite der Blattschüppchen oder die von anderen Zweigen bedeckten Partien ihre grüne Färbung bewahrt haben, so daß also nur diejenigen Theile, welche ihre Eigenwärme gegen den freien Himmel ausstrahlen konnten, und dadurch besonders stark abgekühlt wurden, mißfarbig geworden sind. Bei den hierhergehörigen großblättrigen Gewächsen, dem Strauchbuxbaum oder der Stechpalme, sieht man die Blätter, welche von anderen beschützt wurden, genau so weit entfärbt, wie die Schutzdecke sie frei ließ. Ein anderer Botaniker, Batalin, der über denselben Gegenstand neuerdings Studien angestellt hat, glaubt diese Verfärbung des unbeschatteten Blattgrüns vielmehr den Sonnenstrahlen zuschreiben zu müssen. Er glaubt, daß diese Verfärbung im Winter nur deshalb auffälliger ist, weil sich das Blattgrün dann nicht so schnell neu erzeuge, als im warmen Sommer.

Aber wenn wir auch das Mysterium des Lebensbaumes als einen einfachen, durch Wärme-Zu- und Abnahme erzeugten physiologischen Proceß erkannt haben, wird uns dadurch die Poesie des in der Frühlingssonne aus seinem Winterschlaf oder Scheintod erwachenden Baumes nicht verkümmert werden. Schon die geistreiche Frau von Sevigné stimmte ihrer Tochter bei, welche auf die langweiligen immergrünen Bäume des südlichen Frankreichs gescholten hatte, und setzte hinzu, es sei schöner neu zu ergrünen, als immerfort grün zu bleiben. Allein noch nicht genug mit jener alljährlichen und darum alltäglich gewordenen Verjüngung im Frühjahre, bieten die meisten Lebensbaumarten noch eine andere geheimnißvollere Erscheinung dieser Art, die man erst in neuerer Zeit studirt hat, und die es vollends rechtfertigt, wenn man in diesen Bäumen ein besonderes Verjüngungs-Mysterium gesucht hat. Das aus dem Pflanzenreiche entlehnte Symbol der Unsterblichkeit und Auferstehung verhält sich nämlich ganz ähnlich demjenigen aus dem Thierreiche, welches die Christen auf ihren Grabsteinen abbilden, das heißt wie die sich aus der Chrysalide entpuppende Psyche. Denn eine Verwandlung, ähnlich jenem so oft von Dichtern und bildenden Künstlern gefeierten Vorgange, bietet auch der Lebensbaum, indem er sich in einer bestimmten Altersperiode plötzlich in ein ganz verschieden aussehendes Gewächs verwandelt.

Unsere meisten Lebensbaumarten besitzen bekanntlich in dem erwachsenen Zustande, in welchem sie unsere Aufmerksamkeit erregen, statt der spitzigen Nadeln ihrer nächsten Verwandten, kleine, weiche und fleischige, sich in zierlicher Anordnung dachziegelförmig deckende Schüppchen. Wenn man aber die Samen unseres amerikanischen Lebensbaumes keimen läßt, so erzieht man daraus ein Pflänzchen, welches gleich dem Wachholder statt der Schuppen spitzige Nadeln aufweist und der Mutterpflanze gar nicht ähnlich sieht. Kaum erreicht es jedoch das Alter weniger Jahre, so zieht der Adamsbaum den alten Adam aus, und an Stelle der abstehenden Nadeln erscheinen an den Zweigspitzen angedrückte Schüppchen, und der stachlige Charakter weicht einer anmuthigen, wir möchten sagen weiblichen Zierlichkeit. Pfropft man jedoch einen solchen jungen, noch mit seinen Nadeln versehenen Trieb auf einen älteren Stamm, so treibt das Pfropfreis immer wieder Nadeln, und ähnlich verhalten sich einzelne Exemplare auch freiwillig, die dann der gewöhnlichen Form des Lebensbaumes so wenig gleichen, daß sie von tüchtigen Botanikern für ganz verschiedene Nadelholzarten angesehen und unter den Namen Retinospora ericoïdes und juniperoïdes beschrieben worden sind. Eine Form des amerikanischen Lebensbaumes, deren untere Zweige Nadeln, die oberen Schuppen tragen, wird von den Gärtnern mit dem Namen Retinospora Ellwangeri bezeichnet. Uebrigens ist auch diese Erscheinung nicht auf die Lebensbäume allein beschränkt, sondern den meisten Nadelhölzern aus der Abtheilung der Cypressen eigen, die in ihrer ersten Lebensperiode, mögen sie nachher aussehen, wie sie wollen, in einem dreigliedrigen Quirl stehende Nadeln zeigen. Bei solchen ausländischen Nadelhölzern, die aus dem Samen gezogen wurden, welchen man aus der Ferne gesandt erhalten hatte, brachte diese Art der Verwandlung zuweilen das höchste Erstaunen ihrer Züchter hervor, zum Beispiel bei der chinesischen Trauercypresse (Cupressus funebris), welche ihre Physiognomie allmählich vollständig änderte. Eine ähnliche Schalkheit sind wir bekanntlich von unserm Epheu gewöhnt, welcher, wenn er in der Blüthezeit seines Lebens steht, zu klettern aufhört und seine schöne stilvolle fünflappige Blattform mit einem schlichten Oval vertauscht.

Das sind Erscheinungen, die den Forscher mit Nachdenken erfüllen, da sie in mancher Beziehung an den Generationswechsel der Thiere erinnern und kaum aus äußeren Rückwirkungen zu erklären sind, wie jener periodische Farbenwechsel, der dem Volke als Sinnbild des auf- und abwogenden Lebens, des Sterbens und Wiedererwachens aus der Mumie erschien.