Der Bazar

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Textdaten
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Autor: Oscar Justinus
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Titel: Der Bazar
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 27, 30
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Der Bazar.

Plauderei von Oscar Justinus.

In den Tagen vom 25. bis zum 31. d. M. findet in den Räumen des Schießhauses zum Besten des Vereins zur Unterstützung verschämter Armer ein

Wohlthätigkeitsbazar

statt, zu dessen freundlichem Besuch das unterzeichnete Komitee Sie hierdurch ergebenst einzuladen sich die Ehre giebt.

Gaben wolle man bis zum 20. bei einem der Komiteemitglieder gütigst hinterlegen.

(Folgen neunundvierzig Unterschriften.)

Eine solche Karte in großem Umschlag fiel schwer aufschlagend in den blechernen Briefkasten. Ich erschrecke immer, wenn es so klappt: etwas Gutes klappt nie! Entweder ist es die Aufforderung zu einem Gesellschaftszauber oder eine Verlobungsanzeige oder eine Hochzeitseinladung oder ein zurückkehrendes Manuskript - eins so schlimm wie das andere. Diesmal nur eine Bazareröffnung. Das wird ja den Hals nicht gleich kosten!

Der Umschlag ist geschlossen, einige Privatzeilen sind beigefügt.

Sie rühren her von der Hand einer Freundin und deren Schriftzüge zusehen macht uns große Freude, weniger des Inhalts wegen als wegen dessen, was zwischen den Zeilen liegt. Die Dame hatte nämlich, von schwerem Unglück verfolgt, Jahre lang sich ganz dem Schmerze und der Klage hingegeben. Ihr Name unter den Komiteemitgliedern eines Bazars gab den Beweis, daß endlich sich wieder ein Fünkchen der erloschen geglaubten Lebenslust unter der Asche befunden, daß das Bedürfniß einer Zerstreuung die Weltentfremdete aus ihrer Einsamkeit hervorgelockt hatte. In diesem Sinne allein schon hatte das Unternehmen auf den Namen „Wohlthätigkeits“bazar ein volles Anrecht.

[30] Wir sollten also einiges auf die Tische dieses Markes hingeben von dem was in unserem Haushalt entbehrlich war. Hatten wir denn solche abkömmliche Schätze? Gewiß - jeder hat sie - der kleinste Haushalt fast. Man muß erst einmal versucht haben, sich von einigen dieser unentbehrlichen Entbehrlichkeiten loszumachen, um zu empfinden, wie diese keine große Welt uns über den Kopf gewachsen ist. „Le superflu, chose très nécessaire“, „das Ueberflüssige, ein recht notwendig Ding“ - o nein, Herr Voltaire, es giebt bei diesem Ueberflüssigen auch manches, was wirklich nicht nothwendig ist. Wenn man von der Stadt in die Sommerwohnung übersiedelt, läßt man dreiviertel seines Hausraths zurück und wenn man acht Tage mit dem mitgenommenen Viertel in den entsprechend kleineren Räumen gehaust hat, meint man auch, jener dreiviertel überhaupt nicht zu bedürfen. Macht man von dort aus eine mehrwöchige Gebirgsreise. so läßt man alles zurück, nimmt nur eine Handtasche, einen Plaid, einen Regenschirm und einen Baedeker mit und ist mit diesem Hundertstel ausreichend versehen.

In jedem Haushalte sammeln sich so mancherlei Geschenke und Reiseandenken - es ist wohl ein Pietätsmangel, so etwas fortzugeben, aber der gute Zweck heiligt die schlimmsten Mittel, und wer weiß denn, wem es der gütige Geber verdankt? Es stellen sich so viele doppelt vorhandene Stücke heraus und das Gute ist des Bessern Feind - man würde manches Ding gern durch etwas Gefälligeres ersetzen, wenn man jenes erste los wäre, und so begegnet eine solche Entäußerungsgelegenheit mit wohlhätigem Hintergrund vielfacher Gebelust. Ich suchte also auch einige „Nippes“ heraus, deren Dasein ich erst bemerke, als sie fortgeräumt waren, einige Stickereien, an deren Herstellung sich irgend ein Nichtchen seine lieben Augen verdorben hatte, wenn sie nicht so schlau war, sie fertig zu kaufen; ich fügte einige „unsterbliche Werke“ bei - mit Autograph - glücklicher Gewinner! - und die Sendung machte sich auf den Weg.

„Geben ist seliger denn Nehmen.“ Aus der Fülle seiner Ladenhüter etwas geben ist seliger, als von den Ladenhütern des wohltätigen Nachbars etwas nehmen. Aber man muß eben beides thun und schon beim Anblick der holdseligen jungen Mädchen, die, Cigaretten und Blumensträuße feilbietend, mit den Geschossen ihrer Augen den Eingang beherrschen, wie die Schlösser der Dardanellen den Engpaß ins Marmarameer, nimmt man das harte Wort beschämt zurück.

Wir hatten keine günstige Zeit zum Besuche des Bazars gewählt. Es war am dritten Markttage in der Stunde, in welcher in vielen Häusern zu Mittag gespeist wird. Infolge dessen waren nicht viele Käufer anwesend und die Verkaufsgeneigtheit, der Wetteifer zu bedienen, hatte etwas Unheimliches. Wenn es voll ist, rutscht man besser unbemerkt durch. Heut war das nicht möglich: überall grüßen befreundete, jedenfalls freundliche Gesichter, und es ist herzbeklemmend, zu denken, wie vielen dieser schönen Bazarinen man nichts anderes wird geben können als einen Korb. Zum Glück sind wir zu zweit, meine Frau und ich. Ich allein wäre ja sicher nicht fortgekommen, ohne meine Geldtasche und einen Solawechsel in beträchtlichem Werthe dortgelassen zu haben. Welches männliche Einzelwesen kann einem aufgepflanzten Spalier von Huldinnen in den lieblichsten Bazartoiletten widerstehen, welche nicht müde werden, ihm ihre Schätze anzupreisen? Keines!! In der Begleitung aber gewinnt man Selbstvertrauen, den grausamen Muth, „nein“ zu sagen.

Unsere Strategie war die des siegreichen deutschen Heeres: getrennt marschieren, zusammen schlagen - nämlich abschlagen! Wenn ich vor irgend einer der Buden stehend plauderte, bewunderte, Kleinigkeiten kaufte, und ich fühlte das Nahen des Augenblicks, in dem meine Widerstandskraft erlahmte, rief ich : „Ruft mich dort nicht meine Frau?“ - und tun einem verbindlichen Abschiedsgruß sprang ich aus der gefährlichen Ecke.

Doch ich übertreibe: man muß ja bedenken, daß es der Verkäuferinnen schönes Recht und erhabenste Pflicht ist, zu Gunsten der Bedürftigen die Wohlhabenden zu besteuern. Hinter jeder dieser Salonerscheinungen stehen unsichtbar Hunderte in dürftigen, nicht einmal gegen die Kälte schützenden Kleidern, und je mehr jene euch aus euren Taschen zu locken vermögen, desto größer ist ihr Verdienst. Der heilige Crispinus stahl bekanntlich Leder, um Schuhe davon zu machen, die er den Armen schenke. Ein solches Vorgehen ist ja vor dem Gesetze strafbar - aber die Kirche sprach Crispinus heilig. Die Damen, welche wochenlang um Verkaufsgegenstände betteln gehen und dann in vollem Staat fünf, sechs. sieben Tage lang, sich kaum die Zeit des Mittagessens gönnend, hinter dem Ladentisch stehen, um solche möglichst hoch an den Mann - Käuferinnen bilden die Minderheit - zu bringen, haben mindestens das Anrecht auf - Straflosigkeit. Es sollen ja manche Herren ihren Besuch im Bazar mit einer erheblichen Unterbilanz bezahlen: aber darüber sollten sie sich doch nicht grämen! Wenn ich viel Geld hätte, ich würde mich über jede Kriegslist freuen, welche von schöner Hand in guter Sache gegen meinen Besitz eingefädelt wird; ich würde denen dankbar sein, die mir das Wohlthun so bequem und angenehm machen, und ich würde mich noch fröhlich damit trösten, daß ich, wieviel ich auch in den Händen der geschäftseifrigen Verkäuferinnen gelassen habe, im Vergleiche zu denen, für welche die Gabe bestimmt ist, noch immer als ein wohlhäbiger Mann herauskomme. Uebrigens sind die Damen auch einsichtig und mit dem Kleinsten zufrieden. Gute Freundinnen wollen uns scheuen, begehen einen Verrath an ihrer Sache und winken ab, wenn man kaufen will. Die eine erinnerte mich fast an den Kellner des Restaurant Vignon aus der französischen Posse „Verfolgt“. Für diesen frommen Mann sind die verschwenderischen Diners, für die er den Wein aufträgt, ein Gräuel, und er hält seinen Gästen stets erbauliche Reden, ernste Abmahnungen, giebt ihnen den Rath, solange es Zeit ist, nach Hause zu gehen, ehe er sich darein ergiebt, zu serviren. Wir gingen auch, nachdem wir noch von zarten Händen einen Imbiß kredenzt erhalten, und trugen unsere Packetchen mit innerer Befriedigung nach Hause.

Dort angekommen, wickeln wir unsere Einkäufe aus. Mit Schrecken erkennt meine Frau, daß ich ein Paar der von uns selbst hingelieferten Vasen mitgebracht habe, deren geschmacklose Form uns seit lange ein Dorn im Auge war und die wir glücklich waren, endlich einmal loszuwerden. In unbewußter Anhänglichkeit holte ich sie zum zweitenmal ins Haus. Das war schlimm! - Wenn ich aber später auf eines der genommenen Bazarlose etwa gar eins meiner geschenkten Bücher zurückgewinnen sollte, werde ich mich ernstlich gekränkt fühlen.