Quitt

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Textdaten
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Autor: Theodor Fontane
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Titel: Quitt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1–6, S. 20–27, 53–60, 84–94, 115–124, 144–156, 180–186
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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[20]

Quitt.

Roman von Theodor Fontane.
1.

Die Kirche war noch nicht aus, aber die alte Frau Menz und ihr Sohn Lehnert – ein schlanker, hübscher Mensch von siebenundzwanzig Jahren, dem man, auch ohne seine siebziger Kriegsdenkmünze (neben der übrigens auch noch ein anderes Ehrenzeichen hing), den gedienten Soldaten schon auf weite Entfernung hin angesehen hätte – hatten den Schluß des Gottesdienstes nicht abgewartet. Sie saßen bereits draußen auf einem großen Grabstein, zu dessen Häupten eine senkrecht stehende Marmorplatte mit einer „Christi Himmelfahrt“ in Relief in die dicht dahinter befindliche Kirchhofsmauer eingelassen war. Der Sohn, der schon während einer ganzen Weile mit der Kante seiner Stiefelsohlen allerlei Rinnen in den Sand gezogen hatte, war augenscheinlich verstimmt und vermied es, die Mutter anzublicken, die ihrerseits ängstlich vor sich hin sah und darauf wartete, daß der Sohn reden solle. Dazu kam es aber nicht, und so hörte man denn nichts als die letzte Liederstrophe, die drinnen eben gesungen wurde. Sonst war alles still. Der grelle Sonnenschein lag auf den Gräbern, die Schmetterlinge flogen dazwischen hin und her und über dem Ganzen wölbte sich der tiefblaue Himmel und versprach einen heißen Tag.

Endlich nahm die Mutter ihres Sohnes Hand. Er zog sie aber unwirsch wieder zurück und sagte: „Ach, laß, Mutter! Du meinst es gut. Aber was hab’ ich davon? Eigentlich bist Du doch schuld an allem, weil Du nicht weißt, was Du willst, und es auch nie gewußt hast. Auf Paschen und Wildern hast Du mich erzogen und wenn’s dann schief geht und Du’s mit der Angst kriegst, dann steckst Du Dich hinter Siebenhaar und jammerst ihm was vor, und der soll dann mit einem Mal einen Heiligen aus mir machen.“

„Du weißt ja doch, Lehnert, was er alles für Dich gethan hat.“

„Weiß alles. Aber er darf mich nicht anpredigen, und wenn er’s thut, so darf er nicht nach mir hinsehen, daß auch der Dümmste merken kann, wen er meint. Das darf er nicht, und wenn ich ihn sehe, dann sag’ ich’s ihm auch.“

„Er will Dich sprechen nach der Kirche.“

„Da haben wir’s. Also wieder abgekartet. Dacht’ ich’s doch. Ach Mutter, Du quälst mich und richtest nichts Gutes damit an.“

In diesem Augenblicke schwieg es drin und statt des Gesanges der Gemeinde hörte man nur noch das Nachzittern der Orgel und bald danach den eigenthümlichen Klapperton, mit dem die Pfennigstücke der einzeln und in Gruppen aus der Kirche Kommenden in die dicht an der Kirchenthür ausgestellte Sammelbüchse fielen.

Und nun kamen auch die Leute selbst und gingen an dem Grabstein vorüber, auf die weit offenstehende kaum dreißig Schritt entfernte Kirchhofspforte zu, wobei sie der Frau Menz und ihrem Sohne freundlich zunickten; aber ehe sie noch den Ausgang erreicht hatten, erschien auch schon im Gesichtskreis der nach wie vor auf dem Grabstein Sitzenden ein breitschultriger und kurzhalsiger Mann von Mitte dreißig, dessen Stutzhut und hechtgrauer Rock mit grünen Rabatten, des Hirschfängers ganz zu geschweigen, über seinen Beruf keinen Zweifel lassen konnten. Vorn, im zweiten Knopfloch, an einem absichtlich nicht allzu kurzen Bande, trug er das Eiserne Kreuz, das sich, eben weil das Band zu lang war, bei jedem Schritt in herausfordernder und jedenfalls in respekterwartender Weise hin und her bewegte. Der ganze Mann ein Bild von Selbstbewußtsein und Hochmuth!

„Guten Tag, Herr Förster,“ sagte Frau Menz und stand rasch auf, um ihm einen Knix zu machen.

Der Förster Opitz nickte kurz, streifte Lehnert, der sich nicht gerührt hatte, mit einem Blick und ging dann weiter.

„Was bliebst Du nicht sitzen, Mutter? Warum hast Du geknixt? Er kam, er mußte grüßen, nicht Du. Aber das ist immer die alte Geschichte mit Dir. Du hast nur zwei Gedanken: Angst und Vortheil, und hast keinen Stolz und keine Ehre. Du bist noch ganz aus der Kriechezeit. Und nun gar kriechen vor dem, vor solchem Schubbejack! Ist er denn Dein Herr? Unser Feind ist er, weiter nichts. Gott sei Dank, er fürchtet sich vor mir. Aber ich wollt’ es ihm auch rathen! Er kennt mich noch vom Görlitzer Scheibenstand her und weiß, ich hab’ eine sichere Hand und ein gutes Auge.“

„Sei doch still, Junge! Du red’st Dich noch ins Gericht. Und wenn Du durchaus reden willst, so rede nicht so laut. Es kann’s ja jeder hören.“

„Solls auch!“

Er hätte wohl noch weiter gesprochen, wenn nicht in eben diesem Augenblicke der alte Pastor Siebenhaar in Person von der Kirche her den Kirchhofsgang heraufgekommen wäre, neben ihm der Küster, zu dem er leise sprach.

Und jetzt erhob sich auch Lehnert.

„Ich möchte Dich noch sprechen,“ sagte der Alte, während er Lehnert im Vorübergehen die Hand reichte. „Komm in einer Viertelstunde! Das heißt, so Dir’s beliebt.“ Und mit einem freundlichen Blick, der Lehnert zu Herzen ging, schritt der Alte weiter, erst auf die Pforte und dann, etwas rechts abbiegend, auf das hinter einer Reihe verschnittener Linden gelegene Pfarrhaus zu.


2.

Lehnert setzte sich nach dieser flüchtigen Begegnung wieder. Sonst, wenn der Gottesdienst aus war, ging er mit seiner Mutter in den nahen Kretscham hinüber, um erst eine Stonsdorfer und hinterher einen „Grünen“ oder auch wohl einen Ingwer zu trinken. Heut aber war ihm nicht danach zu Muthe. „Laß uns sehen, Mutter, wie das Grab aussieht!“ sagte er.

Er meinte das seines Vaters, und während er so sprach, nahm er der alten Frau Arm und ging mit ihr den langen Hauptgang hinauf, bis sie vor einem gut gepflegten Grabe standen, an dem nur die halb verwaschene Inschrift erkennen ließ, daß der Todte schon seit lange hier liegen müsse. Die Jahreszahl bestätigte das auch. „Hier ruhet in Gott Anton Menz, Stellmacher und Schreiner zu Wolfshau bei Krummhübel, geb. 13. März 1821, gest. 17. August 1859. Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“

Lehnert faltete die Hände, als er die Worte las; wie er aber sah, daß die Alte nach ihrem Sacktuch suchte, riß er die Hände gleich wieder auseinander und sah ärgerlich weg, weil er wußte, daß alles bloß Schein und Komödie war und die Alte nur weinte, weil sie weinen wollte. Sie steckte denn auch das Tuch wieder ein und bückte sich, um eine große gelbe Studentenblume zu pflücken.

„Das war seine Lieblingsblume,“ sagte sie.

[22] „Weißt Du das gewiß, Mutter? Ich habe noch keinen Menschen gekannt …“

In diesem Augenblicke schlug die Thurmuhr ein Viertel und Lehnert unterbrach sich mitten im Satz. „Es ist Zeit,“ fuhr er fort, „ich kann den Alten nicht warten lassen und muß nun hin und mir meine Litanei holen. Als ob ich in der Kirche nicht schon genug gehabt hätte! Willst Du hier auf dem Kirchhof warten oder gehst Du lieber gleich nach Hause? Eine Weile wird es in der Pastorstube doch wohl dauern, Siebenhaar ist nicht immer der kürzeste. Oder willst Du lieber nach dem Kretscham hinüber und Dir bei Pohl einen Ingwer geben lassen?“

Die Alte verschwor sich gegen den Kretscham und den Ingwer; ihr sei heute so andächtig wie lange nicht, und so wolle sie denn lieber gleich nach Hause. Da sei sie doch am liebsten und am nöthigsten. Opitzens Christine hab’ ihr freilich versprochen, in der Küche nach dem Rechten zu sehen, aber vielleicht habe die gute Seele selber alle Hände voll zu thun.

Und so verließen sie denn gemeinschaftlich den Kirchhof.

Als sie draußen vor der Pforte waren, mußte die Alte, wenn sie nach Krummhübel und Wolfshau zurück wollte, scharf nach links hin abbiegen, sie ließ sich’s aber nicht nehmen, ihren Sohn erst noch bis zum Pfarrhaus, das nach der entgegengesetzten Seite hin lag, zu begleiten, wo sie vorsichtig wartete, bis er eingetreten und im Flur verschwunden war. Dann aber steuerte sie sofort mit einem geschickten kleinen Umwege nach dem Kretscham hinüber, um sich hier den Ingwer geben zu lassen, den sie, „weil ihr heute so andächtig sei“, vor wenig Minuten erst abgelehnt hatte. –

Lehnert stand inzwischen auf dem kühlen Fliesenflur und wartete, denn niemand erschien, trotzdem die Klingel zweimal an geschlagen hatte. Die Hofthür, hinter der ein alter Nußbaum stand, war weit auf und das Summen einer Wespe, die sich vom Hof her in den Flur verirrt hatte, war das einzige, was die Stille unterbrach. Endlich kam die Magd und sagte, sie wisse schon, er möge nur eintreten.

Das that er denn auch.

Es war „des Alten“ Studierstube, die Lehnert von seinen Kindertagen her kannte. Das Christusbild, mit Friedrich Wilhelm III. und dem Kronprinzen zur Linken und Rechten, hing noch gerade so schief wie vor vierzehn Jahren, als er hier, wöchentlich zweimal, auf einer wackligen Konfirmandenbank gesessen hatte. Alles genau wie damals und nur die Dielen noch etwas ausgehöhlter.

Lehnert hatte so seine Betrachtungen, kam aber nicht weit damit, denn in der nächsten Minute schon trat der Alte, der mittlerweile seinen Talar abgelegt und einen Imbiß genommen hatte, von der Nebenstube herein und ließ sich in einen vor seinem Schreibtisch stehenden Polstersessel nieder.

„Ja, Lehnert,“ hob er an, „es ist das alte Lied. Deine Mutter hat sich wieder über Dich beklagt.“

„Ach, Herr Prediger …“

„… Und daß Du wieder Deine Tobsucht hast und nichts wie bittere Worte sagst und ihm, ich meine natürlich Deinen Nachbar Opitz, den Tod an den Hals wünschest und fluchst und Dich verschwörst, daß er dran glauben solle. Lauter gotteslästerliches dummes Zeug, für das Du viel zu klug, und ich muß Dir das nachsagen, auch eigentlich viel zu gut bist. Ich begreife Dich nicht. Du hast doch einen guten Verstand und hast die gute Schule gehabt, und wenn ich auch weiß, daß man nicht immer nach dem Worte Gottes lebt, so kennst Du’s doch und darfst nicht so sprechen, als ob Du’s nicht kenntest und als ob es gar nicht da wäre. Du weißt recht gut, daß es da ist, und weißt auch recht gut, daß Gottes Wort heilig ist und daß es das Klügste und Beste ist, seine Gebote zu halten. Aber Du redest drauf los wie ein Heide und Türke …“

„Ach, Herr Prediger …“

„Wie ein Heide und Türke, sag’ ich, und thust es nicht bloß zu Haus und in Deinen vier Pfählen, Du sagst es auch jedem, der’s hören will, und wenn Du Dich müde gesprochen und keine Worte mehr gegen ihn finden kannst, dann bindest Du mit dem Grafen an, dem guten gnädigen Herrn, von dem Du doch weißt, wie nachsichtig er ist, und hältst ihm vor, daß er was Besseres thun könne, als solchen Großthuer und Menschenquäler in die Försterei zu setzen, und daß es kein gutes Ende nehme.“

Lehnert nickte.

„Nun siehst Du, Du nickst und hältst es nicht ’mal für nöthig, ,nein’ zu sagen und Deinem alten Freund und Lehrer, von dem Du weißt, daß er’s gut mit Dir meint, mit einer Entschuldigung oder so was Aehnlichem entgegenzukommen. Du bist geblieben, wie Du schon warst, als Du hier mit Deinem blonden Krauskopf auf der Konfirmandenbank saßest. Das krause Haar haben sie Dir bei den Soldaten weggekämmt, aber den krausen Sinn haben sie Dir nicht wegschaffen können, Du bist ein Trotzkopf, voll Selbstgerechtigkeit, und glaubst, alles am besten zu wissen. Und nun liest Du auch noch allerlei dumme Blätter, in denen hochmüthige Schulmeister und verlogene Winkeladvokaten ihre Weisheit zu Markte bringen, und redest hier in den Kretschams herum von Freiheit und Republik und dem glücklichen Amerika. Lehnert, Lehnert, dazu bist Du mir viel zu schade! Sieh, Junge! aus Dir hätt’ eigentlich was Ordentliches und was ganz Gutes werden müssen, und nun verthust Du Deine Zeit mit schlechter That und schlechtem Wort. Ich lebe nun hier seit Anno 29 und noch zwei Jahre, dann hab’ ich mein Jubiläum und ich darf wohl sagen, ich kenne Euch und weiß, daß Euch allen der Pascher und Wilddieb von Kindheit an im Leibe steckt. Das wird Euch so gleich mit in die Wiege gelegt und so nehmt Ihr’s als Euer gutes Recht und wenn Ihr einen Grenzer oder Förster über den Haufen schießt, dann ist es nicht Mord, dann ist es Nothwehr. Ich weiß das alles und find’ es traurig genug. Aber ich finde mich darin zurecht, das heißt, mißversteh’ mich nicht, ich finde mich darin zurecht, weil ich die schwache menschliche Natur kenne, der es schwer wird, der Versuchung und der Sünde, die heute so ist und morgen so, zu widerstehen. Aber daß Ihr das alles in der Ordnung findet, daß Ihr thut, als ob das Gesetz sich gegen Euch versündige, sich, das ist das Traurige. Und daß Du die Dummheit mitmachst und auch so sprichst, als ob der Opitz ein Scheusal und eigentlich nicht viel besser als der Gottseibeiuns wäre, das thut mir leid. Und nun sprich und sage was Vernünftiges. Aber erst trink ein Glas Wein mit mir! Es ist heiß und die Zunge klebt einem am Gaumen.“

Der Pastor trank auch wirklich ein Glas; Lehnert aber dankte.

„Nun gut, dann setz’ Dich wenigstens. Und dann sage mir, was Du zu sagen hast.“

„Ach, Herr Prediger, Sie wissen ja, wie’s liegt, und wissen auch, wir sind nicht so schlimm, ich schon gewiß nicht. Ich war bei den Soldaten und weiß, was gehorchen heißt, und es ist gar kein vernünftiger Mensch, der gegens Gehorchen ist. Denn das hält alles zusammen. Und so muß auch das Gesetz sein. Aber die Menschen, ja, Herr Pastor, die Menschen, die machen den Unterschied und wenn die nichts taugen, dann ist es schlimm. Das weiß ich auch noch von den Soldaten her und ich darf wohl sagen, und ich hab’ es schriftlich in meinen Attesten, ich war ein guter Soldat. Aber auf die, die den Befehl haben, auf die kommt es an, und was giebt es nicht für Vorgesetzte! Da muß man antreten mit Gepäck und zwei Stunden auf dem Hofe nachexerzieren, und die Sonne brennt und sticht, und wie man sich quälen mag, der Paradeschritt taugt nichts, die Griffe bleiben falsch und wenn sie noch so richtig wären; immer wieder ’ran, immer wieder vor, und dann einen Stoß unters Kinn und Verwünschungen und Drohungen, ,daß man’s wohl noch bis zum Zuchthaus oder bis zum Baugefangenen bringen würde’. Ja, Herr Pastor, solch ein Unteroffizier – und es giebt solche – verlangt auch Gehorsam und findet ihn auch, aber wenn’s dann paßt, dann stellt man ihm ein Bein oder schafft ihn über Eck. Und die, die das thun, die sind nicht gegen Gehorsam und Disciplin, die sind bloß gegen den Unteroffizier. Und was mich angeht, Herr Prediger, ich bin nicht gegen das Gesetz, auch wenn ich’s nicht immer halte, ich bin bloß gegen den Opitz, diesen Schuft und Schelm, diesen Saufaus und Menschenschinder.“

Siebenhaar lächelte. „Da haben wir’s wieder, ganz wie ein Puter, wenn er den rothen Lappen sieht. Du willst Person und Sache trennen. Aber geht das, hast Du ein Recht dazu?“

„Ich meine ,ja’, Herr Pastor. Sie wissen, daß ich zwei Monat drüben in Jauer war, wie’n Verbrecher, unter lauter Gesindel. Und das verdank ich ihm.“

„Er hat Dich angezeigt. Das war seine Pflicht.“

„Er hat mich angezeigt, das war seine Lust. So liegt es. Er ist immer lustig dazu, bei jedem; aber doppelt bei mir, denn wir sind alte Feinde, noch von den Soldaten und vom Kriege her. Ich kenn’ ihn, Herr Pastor; er ist ein schlechter Kerl, und so lang [23] ich denken kann, hat er mich gequält. Er war mein Oberjäger und kein gutes Wort hat er mir je gegönnt. Immer hart, immer roh, und nur wenn’s in die Schlacht ging, war er wie’n Ohrwurm. Es giebt eben Kugeln, die sich verirren. Und dann, Herr Pastor, wenn er nicht gewesen wär’, so hätt’ ich das Kreuz. Aber er hat dagegen gesprochen. Und was hat er gesagt? Ich taugte nichts, ich wäre frech und übermüthig und man könne nicht jedem das Kreuz geben, der ein paarmal aus einem Fenster geschossen habe, bei guter Deckung. Wahr und wahrhaftig, ,bei guter Deckung’, so hat er gesagt, der schlechte Kerl. Und er war gar nicht einmal dabei. Ich will nicht sagen, daß er feig ist, nein, feig ist er nicht, aber ein Neidhammel ist er. Und was dann nachher kam, ich meine das vorige Jahr, nun das weiß der Herr Pastor. Von Unschlitt und Schimmelbrot will ich leben, wenn ich’s dem Kerl verzeih, daß er mich belauert und an die Grenzaufseher verrathen hat, und daß sie mich nach Jauer abgeliefert haben. Und warum? Um ein Stück Reichenberger Tuch, nicht der Rede Werth! Immer hat er mir den Weg gekreuzt. Hol ihn der Teufel!“

Siebenhaar drohte halb scherzhaft mit dem Finger. Lehnert, aber trat an den Alten heran und bat in einem Tone, drin sich Ernst und gute Laune die Wage hielten, um Entschuldigung.

„Ich will Dir den ,Teufel’ zu gute halten, Lehnert, wiewohlen man ihn nicht anrufen soll. Aber versprich mir dafür, Friede zu halten. Ich weiß nicht, ob Opitz Dir unrecht gethan hat mit dem Kreuz, aber wenn es auch wäre. Du mußt es vergessen.“

„Will’s versuchen.“

„Versprichst Du’s ernsthaft? Hab’ ich Dein Wort?“

„Ja! Aber wenn er wieder anfängt …“

„Er wird nicht. Ich werde mit ihm sprechen und Du sollst Bescheid haben. Vielleicht bald. Und dann komm ich selbst.“


3.

Während Lehnert dieses Gespräch hatte, schritt der, dem all diese Drohungen galten, heimwärts auf Wolfshau zu, wo seine Försterswohnung mit der Menzschen Stellmacherei zusammengrenzte. Der nächste Weg nach Haus wäre der unten im Thal, an der Lomnitz hin, immer flußaufwärts, gewesen, er mied ihn aber, weil dieser nähere Weg ohne Wirthshaus war und er ernstlich vorhatte, sich bei einem Glase Bier und einem guten Gespräch von den Anstrengungen der Siebenhaarschen Predigt, die wie gewöhnlich gut, aber etwas lang gewesen war, zu erholen.

So stieg er denn, den Umweg nicht scheuend, die große Straße bergan auf Krummhübel zu, wo er sicher war, in dem prächtig gelegenen Wirthshause „Zur Schneekoppe“ den ersehnten guten Trunk und vor allem auch eine gute, das heißt eine gefällige Gesellschaft zu finden, die sich’s angelegen sein ließ, ihn reden zu lassen und ihn bei jedem dritten Worte „Herr Förster“ zu nennen. Denn sich umworben und ausgezeichnet zu sehen und Ehre vor den Menschen zu haben, war das, wonach ihm zumeist der Sinn stand.

Sein Hühnerhund Diana, der darauf dressiert war, die Predigt draußen auf einer von der Sonne beschienenen Kiesstelle zu verschlafen, folgte dicht hinter ihm, ein schönes, schwarz und weiß geflecktes Thier. Und keine halbe Stunde, so bog er in Krummhübel ein, drin eine sonntägliche Stille herrschte. Links lief ein Wässerchen und schäumte, Hühner und Sperlinge pickten überall umher, wo eine Krippe gestanden hatte, und in der offnen Hausthür lehnten einzelne Dorfbewohner und genossen der Sonntagsruhe.

„Guten Tag, Herr Förster,“ sagte Gerichtsmann Klose, seine Pfeife respektvoll aus dem Munde nehmend, und „Guten Tag, Herr Förster“ wiederholte die nebenanwohnende, für gewöhnlich mit ihren Gunstbezeigungen etwas kargende Frau Böhmer den Gerichtsmann Kloseschen Gruß auch ihrerseits und trat aus ihrem Kramladen in die Dorfstraße hinaus, um dem Vorübergehenden die Hand zu geben, ja, sie schien ihn sogar anreden zu wollen. Des Försters Haltung aber war so steif und gemessen, daß selbst Frau Böhmer mit ihrer Frage zurückzuhalten für gut fand.

Und nun noch hundert Schritte, so stand unser Förster Opitz vor Exners „Schneekoppe“,“ trat aber nicht über den Schwellstein in den Flur, sondern bog gleich daneben in einen von einem Staketenzaun eingefaßten Garten ein, in dem um einen plätschernden Springbrunnen herum vor einer großen Veranda viele Sommergäste saßen. Sich diesen zu gesellen, fiel Opitz aber nicht ein, weil er im Vorübergehen herausgehört hatte, daß es Berliner waren, also Leute, von deren eigener Eingebildetheit er für die seinige nicht viel zu hoffen hatte. So ging er denn lieber auf eine kleine, von wildem Wein umwachsene Holzlaube zu, wo noch niemand saß, und ließ sich hier an einem langen braungestrichenen Eßtisch nieder; unmittelbar an der Wand daneben war ein Klingeldraht angebracht, der nach dem Wirthshause hinüber führte. Diesen zog er. Die Bedienung war aber einigermaßen säumig, was ihn, weil er eine Verkennung seiner Wichtigkeit und Würde darin erblickte, sofort heftig ärgerte. Wirklich, sein ohnehin etwas auf Schlagfluß deutendes Gesicht wurde von Minute zu Minute röther, und erst den Hut vom Kopf nehmend und gleich danach Unruhe bald mit dem einen bald mit dem andern zu beschäftigen. Endlich kam die Bedienung, eine schöne schwarze Person, von der es hieß, daß sie Kunstreiterin gewesen und als Kind durch fünf Reifen gesprungen sei, was ihr jetzt freilich etwas schwer geworden wäre, und entschuldigte sich, daß der „Herr Förster“ so lange habe warten müssen.

„Schon gut, Marie, schon gut.“

Und nun bestellte er eine Kulmbacher und ein Schnitzel. „Aber ohne Kapern und Sardellen!“

Die Kulmbacher kam denn auch bald, aber das Schnitzel ließ auf sich warten und in seiner sofort wiederkehrenden Unruhe nahm Opitz diesmal, statt des Sacktuches, ein Notizbuch aus seiner Tasche und begann Einzeichnungen zu machen, die, seiner Miene nach, von besonderer Wichtigkeit sein mußten. In Wahrheit aber waren es bloß Krikelkrakel, bei deren gedankenloser Hinmalung er, aller Aufregung und Wichtigthuerei zum Trotz, neugierig nach der großen Veranda und den vor derselben stehenden Tischen hinüber sah.

Endlich unterbrach die Marie mit dem Schnitzel diese nervöse Geschäftigkeit, und einige Augenblicke nachher bekam Opitz auch Lehrer Wonneberger, dessen Schule bei den „Baberhäusern“ hoch oben im Gebirge lag, waren in den Exnerschen Garten eingetreten, und Opitz ging ihnen, was eine große Auszeichnung war, drei Schritte entgegen und begrüßte jeden einzeln. Er sei froh, daß sie kämen, denn er hab’ einen ganzen Sack voll Neuigkeiten. Es gehe wieder was vor und der gottvergessene Kerl, der Sambetta, stecke dahinter. „Was meinen Sie, Kraatz? Sie sind ja doch auch ein Mann, der was hört und weiß und mit dabei war.“

Während Opitz noch so sprach, hatte man sich’s um den Tisch her bequem gemacht. Die Klingel wurde gezogen, eine Bestellung folgte der anderen, und ehe zehn Minuten um waren, hörte man aus der Holzlaube her nichts als Lachen und das Zusammenstößen der Seidel.

Vor der nachbarlichen Veranda aber, wo die Berliner gesessen hatten, war alles still und leer geworden.

Ja, alles war still und leer geworden, und doch wurden Opitz und seine Freunde beobachtet, nicht von Gästen draußen, deren es kaum noch gab, wohl aber von Gästen, die drinnen im Exnerschen Hause saßen und durch die Fenster der Gaststube nach der Holzlaube hinübersahen, kleine Leute von Querseiffen und Wolfshau her, Freunde Lehnerts, Führer und Träger, auch wohl Pascher und Wilderer, die hier wie herkömmlich nach dem Gottesdienst ihren Sonntag feierten. Allen gemeinsam war das Gedienthaben bei den „Görlitzern“ oder den Siebenundvierzigern oder den Königsgrenadieren in Liegnitz, und kaum einer befand sich unter ihnen, der nicht die Kriegsdenkmünze getragen hätte. Von einer richtigen Mahlzeit war nicht die Rede, sie begnügten sich mit einem „Grünen“ oder einer Stonsdorfer und die kleine Stummelpfeife ging nicht aus.

„Opitz läßt heute was drauf gehn,“ sagte der dem Fenster zunächst Sitzende. „Wenn ich recht gezählt hab’, ist er schon beim dritten Seidel und sieht aus wie’n Puter. Ihr sollt sehen, er trinkt sich noch den Schlag an den Hals, und eh’ man den Schaden recht besieht, ist er um die Ecke.“

„Du mußt ihm heute was zu gute halten, Schmidt. Siebenhaar hat ja gepredigt, als ob Krummhübel und Wolfshau so was wie Sodom und Gomorrha wären. Und so was hört Opitz gern. Und was ihn am meisten gefreut haben wird, nu das [24] war, daß Siebenhaar immer nach der Ecke hin sah, wo Lehnert Menz saß, und es hätte bloß noch gefehlt, daß er ihn beim Namen genannt hält’. Und ich sah auch, wie Lehnert sich verfärbte.“

„Ja,“ sagte Schmidt. „Und dabei hat Lehnert noch ’nen Stein bei ihm im Brett und ist eigentlich sein Liebling. Daß er ihn, weil er so findig und anschlägig war, auf die Schule nach Jauer geschickt hat, na, das wißt Ihr, und nun nimmt er doch Partei für den Opitz, der den Lehnert zwei Monat ins Jauersche Amtsgefängniß geschickt hat. Ich versteh den Alten nicht und ich kann es mir mit seiner Predigt bloß so denken, daß er ein Unglück verhüten will. Er weiß, daß es beide harte Steine sind und daß es kein gutes Ende nimmt, wenn nicht Friede wird. Einer muß klein beigeben und der eine muß Lehnert sein, weil es Opitz nicht sein kann. Er is doch nu ’mal ein Mann im Amt und sozusagen im Recht. Hol’s der Teufel, daß ich das sagen muß. Und da hat Siebenhaar ihn warnen wollen, ich meine den Lehnert, und ihn ermahnen, daß er zu Kreuze kriecht.“

„Es wird aber nicht helfen. Is alles ein alter Schaden noch von den Soldaten her und nun schon sieben Jahre zurück. Opitz ist ein Quäler und Schuster und war es immer. Er hat ihn chikaniert vom ersten Tag an, ich weiß nicht warum. Ich glaube, Lehnert war ihm zu forsch und zu freiweg und nicht unterthänig genug, und ich erinnere mich, daß das ein ewiges Schnauzern war. ,Das will ein Jäger sein, Du mein Gott’, ,der Menz hat keinen Zug im Leibe’, ,der Menz hat keine Ehre’, ,der Menz hat keine Schneid’. Und so ging es weiter und nahm kein Ende, bis Menz den kleinen Fähnrich von Uttenhoven aus dem Wasser zog. Opitz natürlich spöttelte bloß, als sei’s nichts gewesen, keine vier Fuß tief und der Fähnrich so leicht wie ’ne Feder; als dann aber die Medaille kam, da mußte Opitz still sein und von ,nicht Ehre und nicht Schneid’ war keine Rede mehr. Ich sage Euch, Major Griepenkerl, der damals das Bataillon hatte, der hielt eine Rede, Donnerwetter, der verstand es, das ging an die Nieren, und hätte sich alles wieder zurecht gezogen, wenn nicht der Krieg gekommen wär’ und die Geschichte mit dem Kreuz. Opitz hat ihm das Kreuz gestohlen. Eine ganz verdammte Geschichte …“

„Warst Du denn mit dabei?“

„Nein. Aber so gut wie mit dabei, denn ich stand in demselben Zug und habe den ganzen Spektakel, der nachher kam, mit erlebt. Alles war für Menz. Aber Opitz, der sich bei seinem Hauptmann – es war ein neuer, der alte war gefallen – in Thee gesetzt hatte, das versteht er, denn nach oben hin kriecht er und nach unten hin tritt er und schuhriegelt er, Opitz, sag’ ich, wußt’ es so zu drehen, daß Lehnert leer ausging und das Nachsehen hatte. Und von dem Tag an war der Unfrieden wieder da.“

„Wie war es denn eigentlich? War es denn noch bei Sedan? Lehnert spricht nie davon.“

„Nein, bei Sedan war es nicht. Bei Sedan, das war Spaß, trotzdem wir fünf Minuten lang scharf drinsteckten. Aber das ging vorüber wie ’ne Regenhusche. Nein, dies war im Winter, als der französische General … nu, Donnerwetter, wie hieß er doch? Bazaine war es nicht …“

„Ducrot.“

„Richtig, Ducrot … als der seinen letzten Ausfall machte. Die dritte Kompagnie hielt die Vorderreihe von St. Cloud, und in dem Eckhause rechts, dran die große Straße vorbeiläuft, lagen zwölf Jäger von uns unter Oberjäger Jaczewski, und bei diesen zwölfen war auch Lehnert. Nun, daß ich’s kurz mache, die ganze Linie mußte zurück und der Angriff ging zuletzt auf das Eckhaus, das der Punkt war, auf den es ankam. Ging das Eckhaus auch verloren, so nahm man uns in die Flanke. Jaczewski fiel und das Kommando kam an Lehnert und da war bald keiner mehr, der nicht einen Denkzettel weggehabt hätte; Lehnerten, das hab’ ich nachher gesehen, wurde der Gefreitenknopf und der Ohrzipfel weggeschossen. Aber er wollte nichts von Uebergabe wissen und hielt aus, bis Unterstützung kam und die ganze Linie wieder genommen wurde.“

„Und kein Kreuz? Das begreife wer kann! Du mein Gott, da waren doch die Aussagen der Leute!“

„Ja, die Aussagen der Leute. Die Leute, die lagen verwundet im Lazareth und ließen sich natürlich betimpeln und beschwatzen und sagten aus, was Opitz ihnen vorredete. Jaczewski habe das Kommando gehabt und Jaczewski sei gefallen …“

„Aber bist Du denn auch sicher, daß Opitz unrecht halte? Menz ist ein forscher Kerl, aber er dünkt sich was, weil er auf Schulen war, und ist eitel und hält sich für mehr als er ist. Er hat einen Nagel.“

„Ja, den hat er und es ist schwer, Friede mit ihm halten. Er hat so was wie Opitz selber und ist gleich aus dem Häuschen. Aber eins muß doch wahr bleiben, er is ein guter Kerl und ein guter Kamerad und dabei grundehrlich und läßt keinen im Stich, und wenn man ihn nicht reizt und ihm nicht widerspricht und ihm in seinem Willen zu Willen ist, dann ist er wie’n Kind und man kann ihn um den Finger wickeln.“

„Das sag’ ich auch. Und wenn Siebenhaar es recht angefangen hätte, na, dann hätt’ er Opitzen angepredigt und dem ins Gewissen geredet und von den Geizigen und Hartherzigen gesprochen, die nicht ins Himmelreich kommen. Aber er hat den Spieß umgedreht und hat Opitzen recht gegeben. Und das ist nicht recht. Denn Opitz ist ein Narr und ein Quälgeist, und ich wollte bloß, er tränke sieben Seidel und hätte seinen Schlag weg. Dann wären wir ihn los und das arme Volk wär’ ihn los, das in den Wald geht, und könnte sich ruhig sein bißchen Holz holen.“

„Und wir könnten einen Spießer wegschießen, ohne Gefahr und Gericht. Und das ist doch immer die Hauptsache!“


4.

Opitz hatte keine Eile, nach Hause zu kommen, und die dritte Nachmittagsstunde war fast schon heran, als er aufbrach und seinen Weg nach der Wolfshauer Försterei hin fortsetzte. Der alte Förster von der Annenkapelle blieb noch im Exnerschen Lokale zurück, ebenso Grenzjäger Kraatz, und nur Lehrer Wonneberger, der bis zur Obermühle hin denselben Weg mit Opitz hatte, schloß sich ihm an. Es war ein in wunderlichen Sprüngen gehendes Gespräch, das sie führten, erst über den Papst und das neue Dogma, dann über Mac Mahon, der viel zu gut für die Franzosen, und über den Corpskommandeur in Breslau, der zu lang im Dienste sei. All dies erledigten sie übrigens in kurzen Sätzen, um dann um so ausführlicher auf das Nächstliegende einzugehen, auf Siebenhaar, auf Exner, Vater und Sohn, auf den alten Laboranten Zölfel mit seinem Melissengeist und seinen Wundertropfen und auf das Blitzmädel, „die schwarze Marie“.

„Die Marie soll sich ja verheirathen wollen,“ sagte Wonneberger. „Ist es denn richtig, daß sie Kunstreiterin war und als Kind durch fünf Papierreifen gesprungen ist?“

„Ich habe sie nicht gezählt und es mögen wohl auch ihrer sieben gewesen sein. Aber fünf oder sieben, es ist eine forsche Person und sie hat so was, was nicht jede hat, und wenn sie so das Essen bringt und die Messer und Gabeln über den Tisch hinfliegen läßt, wie die chinesischen Messerspieler, dann denk’ ich immer, es geht wieder los. Haben Sie ’mal solche Messerspieler gesehen?“

„Ei freilich, einen Messerspieler und einen Degenschlucker. Und waren noch dazu Brüder. Das ’Runterschlucken ging noch; aber wenn er dann die lange Klinge wieder ’raus holte … na, so was wird die Marie doch wohl nicht gemacht haben.“

„Wer weiß! Sie hat so was Biegiges und da geht alles. Und dann, lieber Wonneberger, Sie glauben gar nicht, was die Weiber alles können, wenn sie wollen. Sie können eigentlich alles und wenn ich höre, Marie hat einen Windmühlflügel mit der Kniekehle festgehalten … aber hier ist ja schon die Mühle … Nu Gott befohlen, Wonneberger, und stecken Sie nicht immer mit dem Menz zusammen. Er hat jetzt seine zwei Monat’ abgesessen und wenn ich ihn recht kenne, so ruht er nicht eher, als bis er die zwei Monat’ auf zwei Jahre gebracht hat. Er ist ein Thunichtgut und, was schlimmer ist, ein Uebermuth und ein hochfahrender Schlingel, der große Rosinen im Sack hat. Aber ich werde sorgen, daß sie klein werden.“

Wonneberger wollte was zur Vertheidigung sagen, weil er eigentlich eine Liebe für Lehnert hatte. Opitz unterbrach ihn aber und fuhr fort. „Und Sie wissen doch, Freund, die Lehrer sollen ein gutes Beispiel geben. Der Liegnitzer Schulrath paßt auf und da steht man im schwarzen Buch, man weiß nicht wie: Reputation, Wonneberger! Immer aufpassen und nie vergessen, daß man Vorgesetzte hat und daß man dem Staat dient und daß man mitzählt. [26] Alles andere gilt nicht und wenn es gelten will, ist es Hochmuth und Unsinn. Und nun Gott befohlen, Wonneberger. Und nehmen Sie sich in acht, wenn Sie weiterhin übers Wasser müssen; die Brücke ist weggeschwemmt und die Steine sind glatt und Sie sind nicht mehr ganz fest auf den Beinen. Adieu, Wonneberger! Sie sind eigentlich ein guter Kerl, eine gute Schulmeisterseele. Kommen Sie her, Sie sollen noch einen Kuß haben.“

Und nun schieden sie wirklich und während der Lehrer höher bergan stieg, stieg Opitz einen Abhang nieder, der ihn unten, an einem Waldsaume hin, auf die Wolfshauer Gemarkung führte. Freundliche Häuser waren über einen weiten Wiesengrund hin ausgebreitet, durch den die Lomnitz schoß, an deren diesseitigem User das Forsthaus, mit dem Hirschgeweih am Giebel, aufragte. Opitz, der jeden Steg kannte, nahm seinen Weg über eine hoch in Blumen und Gräsern stehende Wiese hin und eh’ er noch bis auf hundert Schritt an seine Gartenpforte heran war, schlug der große Kettenhund an und die bis dahin stumm hinter ihm her trollende Diana antwortete mit einem kurzen Blaff.

Und wenige Minuten später überschritt Opitz die Schwelle seines Hauses.

* * *

Frau Opitz, eine hagere Frau mit tiefliegenden dunklen Augen, die einmal schön und lachend gewesen sein mochten, jetzt aber nur noch geängstigt in die Welt blickten, empfing ihren Mann und fragte, ob sie decken und das Mittagbrot auftragen solle.

So zaghaft die Worte klangen, so klang doch auch etwas von Vorwurf und Anklage heraus, was Opitzen, trotz seiner Umnebeltheit, nicht entging.

„Ach was, Bärbel, Mittagbrot! Was soll das wieder! Wenn ich nicht da bin, bin ich nicht da. Du sollst nicht auf mich warten, ein für allemal. Alles bloß Eigensinn, und mir zum Tort wird das Essen bei Seite gestellt und schmort in der Schüssel, daß es wie Leder aussieht und wie Leder schmeckt. Ich will Ordnung und Stunde halten, so soll’s sein, und wenn ich die Stunde nicht halte, weil ich sie ’mal nicht halten will, nun dann will ich sie nicht halten und will nicht dran erinnert sein, am wenigsten durch Deinen Schmorbraten und Dein Jammergesicht, in dem immer so was liegt, was mich ärgert und was ich nicht leiden kann.“

Diana, müde von dem weiten Marsche, war auf den Großvaterstuhl gesprungen und wollte sich’s eben bequem machen. Aber das paßte Opitzen schlecht. „Ist denn alle Welt verrückt geworden?“ rief er, und den Hund beim Fell packend, warf er ihn auf die Erde und gab ihm einen Fußtritt. Dann ging er auf einen Schrank zu, nahm eine mit Rohr umflochtene Flasche heraus und trank. Es war Kirschwasser, zu dem er, mit oder ohne Grund, das Vertrauen hatte, daß es „niederschlage“. Dann hing er den Staatsrock an den Riegel, machte die Krawatte weiter und warf sich, einen Stuhl heranschiebend, aufs Bett. Und keine halbe Minute mehr, so, hörte man nur noch sein Athmen und Schnarchen. Diana kroch unter den Stuhl und die Frau Försterin verließ leise die Stube; draußen in der Küche aber setzte sie sich zwischen Wand und Herd und ließ sich von Christine, die seit etwa zwei Jahren in ihrem Dienste stand, die Kaffeemühle geben und begann sofort ein allerintimstes Gespräch. Denn in einem ihr eigenthümlichen Klageton über Ehe zu sprechen, war ihr so ziemlich das Liebste vom Leben, auf das sie nicht verzichten mochte, trotzdem sie wohl wußte, daß Christine durchaus abweichender Meinung war.

„Es war ihm wieder nicht recht, Christine! Und wenn ich es nicht warm stelle, ist es auch nicht recht. Er redet immer von Ordnung, aber jeden Tag hat er eine andere. Heb’ ich was auf, weil er zu spät kommt, dann ist zwölf Uhr Ordnung und darf nichts aufgehoben werden, und heb’ ich nichts auf, dann ist es Ordnung, daß eine Frau was aufhebt. Und immer grob und bullrig. Ich sage Dir, Christine, heirathe nicht! Du steckst so mit dem Lehnert zusammen, aber glaube mir, einer ist wie der andere.“

„Nein, Frau Försterin, Lehnert ist doch ganz anders.“

„Ja, das sagt Ihr, das sagt jede; jede denkt, ihrer ist besser und ihr wird der Kuchen besonders gebacken. Aber dem ist nicht so. Freilich hat er nicht solchen kurzen Hals wie Opitz und die Kurzhalsigen sind immer die schlimmsten, das ist wahr und kann ich nicht bestreiten, aber es bleibt doch dabei, sie sind sich gleich, oder wenigstens sehr ähnlich. Sie quälen uns bloß, heute mit Eifersucht und morgen mit Liebe.“

„Na, mit Liebe, das ginge doch noch, Frau Opitz; das is doch nich schlimm! Liebe, denk ich mir, is die Hauptsache.“

„Ja, Kind, das sagst Du wohl, weil Du noch jung bist. Da sieht es so aus. Aber nachher ist es alles anders und mit der Liebe auch. Und wenn man dann alt ist, ist man bloß noch dazu da, sich schimpfen und schelten zu lassen und Strümpfe zu stopfen und einen Knopf anzunähen.“

Christine versicherte das Gegentheil und schon ihre Mutter selig habe immer gesagt: „Christine, heirathen mußt Du, heirathen muß der Mensch! Und die, die viel schimpfen und schlagen, die sind auch gut und mitunter sind es die besten.“ „Und dann, Frau Opitz, ich habe doch auch schon gesehen; daß er Ihnen einen Kuß gegeben hat, und da waren Sie doch ganz vergnügt und so … ja, ich weiß nicht recht wie … Nein, nein, Frau Opitz, ich lasse mir nichts weismachen. Ich bin für heirathen, und wenn Lehnert nicht will, nu, dann will er nicht, dann will ein anderer. Ich werde schon einen finden. Und ich weiß auch, wie man’s machen muß. Man muß nur immer fidel sein und immer ,ja’ sagen und nichts merken von dem, was man nicht merken soll. Dann kann man hinterher machen, was man will. Ach, liebe Frau Opitz, Sie verstehen es nicht. Sie sehen immer aus, als ob einer gestorben wär’ oder eben dabei wär’, und das können die Männer nicht leiden. Nein, nein, Frau Opitz, ich heirathe!“

Und während sie noch so sprach, nahm sie den Kessel vom Herd und brühte den Kaffee. „Nicht zu viel Wasser, Christine, nicht zu viel!“ warnte die Frau; „Du weißt doch, daß er ihn gern stark hat, und weißt auch, was er immer dabei sagt: ,Schwarz wie der Tod und heiß wie die Hölle’, was mir immer einen Stich ins Herz giebt. Denn man soll vom Tod nicht so reden und am wenigsten, wenn man ein Förster ist. Da ist der Tod da, man weiß nicht wie. Und schlagflüssig ist er auch und von dem verdammten starken Bier kann er nicht lassen. Und dann immer das Kirschwasser! ,Es schlägt nieder,’ sagt er. Ja, wenn es bloß ihn nicht niederschlägt …“

In diesem Augenblick fuhren beide Frauen erschreckt zusammen, denn in der Stube nebenan fiel etwas mit dumpfem Schlage zur Erde. Der Schreck währte indessen nicht lange. Frau Opitz erholte sich zuerst. „Er hat den Stuhl umgestoßen und ich will nun hinein und Nachsehen, ob er ausgeschlafen hat.“

Opitz stand, als seine Frau eintrat, bereits vor dem kleinen Spiegel mit blankem Glasrand, der, sammt einer doppelten Verzierung von Zittergras, über der Kommode hing. Er fuhr sich eben mit der Hand durchs Haar und sah noch halb verschlafen aus seinen etwas gerötheten Augen. Ihr Ausdruck aber war mittlerweile doch ein anderer geworden, der Aerger schien mit dem Rausch dahin, und im Spiegel seine Frau gewahrend, trat er auf sie zu, legte den Arm um ihre Hüfte und gab ihr einen Kuß. Die Frau sah verschämt vor sich nieder, denn eigentlich liebte sie ihn und empfand es als einen Gram, daß solche Zärtlichkeiten so selten waren.

„Soll Christine den Kaffee bringen?“

„Versteht sich, soll sie. Und gieb mir die Pfeife! Die verdammte Trinkerei bekommt mir nicht und der Doktor will’s auch nicht und droht mir immer mit dem Finger. Aber das Fleisch ist schwach. Auch ein Förster und alter Soldat hat seine schwachen Stunden. Nicht wahr, Bärbel? Und nun gieb mir auch Feuer und dann den Kaffee. Aber keine Plämpe!“

Während Opitz noch so sprach, klopfte Bärbel mit dem Knöchel an die Wand, was das Zeichen für Christine war, den Kaffee zu bringen, und zündete gleich danach einen Fidibus an, woran Opitz, der sonst in solchen Dingen für das Neue war, eigensinnig festhielt. Er hatte nur zufällig einen Haß gegen Schwefel- und Phosphorhölzer.

Und nun brachte Christine den Kaffee.

„Nu, Christine, laß sehen! Ich hoffe. Du hast nicht zuviel Bohnen aus der Mühle springen lassen. Oder hat die Frau gemahlen? Na, na, nur still … Spaß muß sein … In Querseiffen ist heute Tanz. Was meinst Du, willst Du hin? Die Frau wird es schon erlauben; nicht wahr, Bärbel?“

Die Frau nickte.

„Nun siehst Du! Der Lehnert wird auch wohl da sein und das ist doch die Hauptsache. He? Na, thu’ nur nich’, als ob’s [27] anders wär’ … Und daß ihn Siebenhaar heute angepredigt und ihm den Kopf a bissel gewaschen und seinen Standpunkt klar gemacht hat, na, das wird ihn Dir beim Schottschen nicht verleiden und noch weniger draußen in der Laube. Tanz ist Tanz und Kuß ist Kuß. Und ich gönne ihn Dir auch und heute lieber als morgen. Denn Du bist eine verständige Person und wirst ihn schon zurecht rücken, besser als Siebenhaar. Und ist er erst aus dem Dünkel heraus und sitzt an der Wiege, vielleicht sind es Zwillinge, was meinst Du, Christine? Ja, was ich sagen wollte, sitzt er erst an der Wiege, statt zu paschen und zu wildern, dann werd’ ich auch gute Nachbarschaft mit ihm halten. Ich bin für Frieden, aber zu gutem Frieden gehören zwei.“

Christine hatte, wahrend Opitz so redete, den linken Schürzenzipfel in die Hand genommen und strich an dem Saum entlang. Als er jetzt schwieg, sagte sie: „Nichts für ungut, Herr Förster, aber wenn Sie besser mit ihm wären …“

„… Da wär’ er besser mit mir,“ lachte Opitz. „Ja, das glaub’ ich. Ich soll anfangen und jeden Morgen, wenn ich ihn drüben hantieren seh’, meine Kapp’ abnehmen und über die Brück’ hinübergrüßen: ,Guten Morgen, Herr Lehnert Menz! Herr Lehnert Menz geruhten wohl zu ruhen? Ah, sehr erfreut. Empfehle mich zu Gnaden …’ Nein, nein, Christine, Unterschiede müssen sein, Unterschiede sind Gottes Ordnungen. Und nun geh’ und komme nicht zu spät! All Ding will Maß haben.“

Christine ging. Frau Bärbel aber hatte mittlerweile nach ihrem Strickstrumpf gegriffen und sah verstimmt vor sich hin, weil es ihr gegen die Hausfrauenehre war, daß Opitz sich in ihre Sache gemischt und der Christine so mir nichts Dir nichts einen Ausgehetag angeboten hatte. Sie schwieg aber und erst als Opitz, der heute den Galanten und Rücksichtsvollen spielte, sie mit freundlicher Miene bat, das Licht und den Fidibusbecher vor ihn hin zu stellen, weil er sie nicht immer wieder belästigen wolle, hielt sie mit ihrer neben allem Aerger herlaufenden Neugier nicht länger zurück und sagte: „Angepredigt hat er ihn? Bist Du denn auch sicher? Er wird ihn doch nicht beim Namen genannt haben?“

„Nein,“ sagte Opitz, dessen gute Laune durch seiner Frau Neugier eher gesteigert als gemindert wurde, „nein, er nannte keinen Namen. Aber es war so gut, als ob er ihn genannt hätte, denn alles sah nach der Ecke hin, wo die Menzens saßen. Und die Alte nickte mit dem Kopf, als ob sie jedes Wort unterschreiben wolle. Freilich weiß ich, daß es nichts zu bedeuten hat, ihr steckt noch so was Polnisches im Blut, kriecht und scherwenzelt immer hin und her, und kann keinem ins Gesicht sehen, und von alldem, wovon der Lehnert zuviel hat, hat sie zu wenig. Alte Hexe, verschlagen und heimtückisch und feige dazu.“

„Sie taugt nicht viel. Aber Du wirst doch dem Sohne die Mutter nicht anrechnen wollen?“

„Nein,“ lachte Opitz. „Das nicht und ist auch nicht nöthig, denn er trägt an seinem eignen Bündel gerade schwer genug. Er trotzt mir, und weil er, außer der Denkmünze, auch noch das Ding, die Schwimmmedaille hat, ich sage, die Schwimmmedaille, denn von retten war keine Rede, und weil es, Gott sei’s geklagt, nahe dran war, daß er das Kreuz kriegte, spielt er sich mir gegenüber auf den Ebenbürtigen, ja den Ueberlegenen aus. Ich wette, er wildert bloß, um mir einen Tort anzuthun; er könnte die Dummheit sehr gut lassen, bei der ohnehin nicht viel ’raus kommt, aber es macht ihm Spaß, mir so unter der Nase hin ein Wild wegzuknallen. Das ist es. Aber ich denke, die zwei Monat in Jauer werden ihm gezeigt haben …“

„Du bist zu streng, Opitz.“

„Unsinn! Streng! Was heißt streng? Ich thu’ meine Pflicht.“

„Zu sehr. Du müßtest auch ’mal ein Auge zudrücken.“

„Bah, Bärbel, Du redest, wie Du’s verstehst! Auge zudrücken! Dazu bin ich nicht da, dazu bin ich nicht in Dienst und Lohn. Ich bin dazu da, die Augen aufzumachen. Und thu’ meine Pflicht zu sehr, sagst Du? Als ob man jemalen seine Pflicht zu sehr thun könnte! Man kann sie falsch thun, am unrechten Fleck, so viel geb’ ich zu, thut man sie aber am rechten Fleck, so ist von ,zu sehr’ keine Rede mehr. Die Gesetze sind nicht dazu da, daß Hinz und Kunz mit ihnen umspringen. Das verloddert bloß. Ich bin nicht so dumm, daß ich mir einbildete, wenn der Rehbock geschossen wird, geht die Welt unter. Nein, die Welt geht nicht unter. Aber Ordre parieren geht unter, Ordre parieren, ohne das die Welt nicht gut sein kann. Und heut am wenigsten, wo jeder denkt, er sei Graf oder Herr und könne thun, was ihm beliebt, und sei kein Unterschied mehr. Das ist die verdammte neue Zeit, die das Maulhelden- und Schreibervolk gemacht hat, Kerle, die keinen Fuchs von einem Hasen unterscheiden können, trotzdem sie beides sind. Geh’ mir damit. Ich weiß, was ich zu thun hab’. Und dieser Bengel, dieser Herr Lehnert Menz, gehört auch mit dazu, hat die Glocken läuten hören, schwatzt und quatscht von Freiheit, will nach Amerika gehen und hat keine Ahnung davon, daß sie da drüben noch ganz anders ’ran müssen als hier, sonst holt sie der Teufel erst recht und lacht sie mit ihrer ganzen Freiheit aus. Ich sage Dir, hier ist es am besten, hier, weil wir Ordnung haben und einen König und eine Armee. Ich bin ein Mann in Amt und Dienst und meinen Dienst thu’ ich, und wenn es mir ans Leben geht.“

„Sprich nicht so! Beruf’ es nicht!“

„Unsinn! Unsere Stunden sind gezählt und wir können uns keine zulegen und keine wegnehmen.“

„Doch, doch!“ sagte die Frau.

Der Förster war unter diesem Gespräch ans Fenster getreten und sah auf die hart an seinem Vorgarten vorüberführende Fahrstraße hinaus. Jenseit derselben, dem Blick entzogen, floß die tief eingebettete Lomnitz und man hörte nur ihr Hinschäumen über das Steingeröll. Opitz öffnete das Fenster, um frische Luft zu schöpfen, nahm ein Kiffen und wollte sich’s eben bequem machen, als er Lehnerts gewahr wurde; unwillkürlich trat er zurück, aber doch nur so weit, daß er von der Straße her immer noch deutlich gesehen werden konnte. Lehnert sah ihn auch wirklich und hob seinen Zeigefinger nachlässig und wie zu halbem Gruß bis an den Schirm seiner Mütze.

„Wie der Kerl nur wieder grüßt!“ rief Opitz seiner Frau zu. „Hast Du gesehen, Bärbel? Und das soll ich für einen Gruß nehmen! So grüßt man einen Rekruten, aber nicht einen Vorgesetzten. Und das Gesicht dazu …“

„Du bist nicht sein Vorgesetzter.“

„Ach was! Was weißt Du davon! Ich sage Dir, ich bin’s. Und wenn ich es nicht wär’, ein Mann in Amt und Würden ist allemal eine Respektsperson. Der Gernegroß da drüben kann seinen Gruß lassen und sagen, er habe mich nicht gesehen, aber wenn er mich grüßt, muß er mich grüßen, wie sich’s gehört, Mütze ’runter oder den Finger fest an den Streifen und nicht so wie von ungefähr und wie bloß zum Spaß. Das ist Unordnung und Unmanier!“

[53]
5.

Opitz hatte sich ausgewettert, und als ihm gleich danach eine behaglichere Stimmung wiederkehrte, trat er auch wieder ans Fenster und lehnte sich hinaus, um sich an den Narzissen und Aurikeln zu freuen, die spärlich in seinem Vorgarten blühten. Dabei blies er Wolken aus seinem Meerschaum in die stille Luft und ließ, unter behaglichem Träumen, alles an sich vorüberziehen, was der Tag gebracht hatte.

Lehnert war, als er an Opitz vorbei war, auf sein Haus zugegangen, das unmittelbar jenseit der Lomnitz lag, der Försterei so nahe, daß man sich gegenseitig in die Fenster sehen konnte. Nichts als Fluß und Fahrstraße trennte beide Gehöfte, deren gesammtes Acker- und Heideland in alten Zeilen ausschließlich Stellmacher Menzsches Eigenthum gewesen war, bis man auf dem diesseit der Lomnitz gelegenen Kusselstreifen eine Försterei gebaut und nur alles jenseit des Flusses Gelegene bei den Menz belassen hatte. Das war jetzt runde dreißig Jahr und fast eben so lange hatte man hüben und drüben ohne Neid und Eifersucht gelebt, trotzdem zum Neid, wie nun ’mal die Menschen sind, vielleicht Grund gewesen wäre. Denn wenn einerseits die neue Försterei mit ihrer Sauberkeit und ihrem rothen Dach die drüben gelegene, hier und da sehr baufällige Stellmacherei weit in Schatten stellte, so hatte diese dafür die „fette Seite“ behalten, während sich die Förstersleute, den kleinen Vorgarten abgerechnet, mit einem Streifen Heideland und einem noch schmaleren Lupinenstreifen begnügen mußten. Aber das alles hatte die ganze Zeit über keinen Aerger geschaffen und noch weniger der rein zufällige Umstand, daß das auf einer Stein- und Geröllinsel inmitten zweier Lomnitzarme gelegene Menzsche Wohnhaus, so wenig gepflegt es war, doch kastellartig auf alles unmittelbar Umhergelegene herabsah und natürlich auch auf die Försterei. Zu keiner Zeit, um es zu wiederholen, war an diesem und ähnlichem Anstoß genommen worden, bis Opitz ans Regiment kam, von dem, ohne daß er es zugab, die Hochlage der Stellmacherei drüben einfach als eine Beleidigung empfunden wurde.

Selbstverständlich unterhielt diese malerische Kastellinsel auch ihre Verbindungen mit dem Festland, und zwar mit Hilfe zweier Brückenstege, von denen der eine beinah unmittelbar nach der Försterei, der andere nach der entgegengesetzten Seite hin nach dem Menzschen Ackerland hinüberführte, hinter dem gleich der schräg ansteigende gräfliche Forst begann. Der Ackerstreifen war mit Roggen und Kartoffeln bestellt, von denen der Roggen in diesem Jahre ganz wundervoll stand, auf dem Inselchen selbst aber befand sich, in geringer Entfernung vom Wohnhaus, noch ein Arbeitsschuppen, drin Lehnert die schon von Vater und Großvater her ererbte Stellmacherei betrieb, ein Geschäft, das im Frühjahr und Herbst meist gut ging, im Sommer aber beinah’ ruhte.

So war es auch heut. Alles still. Freilich sah man einen Pflug und ein paar alte Karren und Wagenachsen unter dem Schuppen stehen, aber all diese Dinge konnten ebenso gut zur eignen Wirthschaft gehören, wie zur Ausbesserung abgeliefert sein. In dem abgeschrägten Vorgarten von nur geringer Tiefe, durch den eine Feldsteintreppe zu dem Häuschen hinaufführte, blühten Georginen und Reseda, während ein alter Rosenstrauch von beträchtlicher Stärke neben der Hausthür aufwuchs und sein mit gelben Rosen überdecktes Gezweig unter dem Strohdach hin ausspannte, Nachmittagssonne lag auf Haus, und Gehöft und nichts war hörbar, als die doppelarmig vorüberschießende Lomnitz und das Meckern einer Ziege vom Stall her. Ein Hahn, ein schönes Thier mit Silberhals, stolzierte den Schuppen entlang, aber er krähte nicht und hatte wenig Aufmerksamkeit für die Hühner, die sich Erdlöcher gemacht hatten, um sich zu kühlen.

Nicht ganz so still war es drinnen im Hause, in welchem Lehnert inzwischen eingetroffen war.

Er hatte sich unterwegs nicht beeilt, ebenso wenig wie Opitz. Vom Pastorhause war er zunächst nach dem Kretscham hinübergegangen und hatte hier von dem ihn begrüßenden Wirth erfahren, daß Frau Menz, seine Mutter, eben da gewesen sei und gerad’ an demselben Tisch erst einen „Grünen“ und dann einen Ingwer getrunken habe. Das hörte Lehnert nicht gern. Er gönnte der alten Frau die kleine Herzstärkung, denn er liebte sie trotz all ihrer Schwächen, aber er ärgerte sich wieder über die Heimlichkeit, und dieser Aerger war noch nicht voll verwunden, als er beim Betreten der Schwelle seines Hauses der am Herde hantierenden Alten ansichtig wurde.

„Guten Tag, Metier. Pohl läßt grüßen.“

„Welcher?“

„Nu, der aus dem Kretscham unten.“

„So, der! Warst Du da?“

„Ja, Mutter. Und Du kannst Dir denken, ich habe mich just da hingesetzt, wo Du gesessen hattest. Und Dir zu Ehren hab’ ich meinen Ingwer aus Deinem Glase getrunken. Es stand noch da.“

Die Alte sah verlegen vor sich hin und sagte dann: „Aber nur einen, Lehnert. Mir war so schwach.“

Lehnert lachte. Dann ging er auf sie zu und sagte, während er ihr das graue Haar streichelte: „Gott, Mutter, wie Du so bist! Wenn das einer hört, so müßt’ er denken, der Lehnert ist ein Filz und schlechter Kerl und gönnt seiner alten Mutter nicht einmal einen Tropfen Stärkung. Aber wie liegt es denn? Ich gönne Dir nicht einen Ingwer, ich gönne Dir zwei, und wenn Dir’s nicht zu viel wird, Alte, dann können es auch drei und vier werden. Ich habe Dich auch noch eigens gefragt und da hast Du ,nein’ gesagt, aber freilich, als Du ,nein’ sagtest, da sagtest Du schon ,ja’, und als ich die Klingelthür bei Siebenhaar noch kaum aus der Hand hatte, da bist Du schon hinübergegangen. Immer versteckt! Du kannst nichts offen thun, auch nicht ’mal das, was die Sonne gar nicht zu scheuen braucht. Alles muß heimlich sein. Und sieh, Mutter, so hast Du mich auch erzogen und angelernt. Das muß ich Dir immer wieder sagen. Gott sei’s geklagt, daß ich’s muß. Es ist immer ein und dasselbe, was Du so bei Dir denkst: es sieht es ja keiner; bei Nacht sind alle Katzen grau und es darf bloß nicht ’rauskommen. Und wenn es nicht ’rauskommt, dann ist alles gleich. So denkst Tu bei Dir und denkst auch wohl: ach, der liebe Gott, der is nicht so, der ist gut und freut sich, wenn man einem Förster oder Grenzaufseher ein Schnippchen schlägt.“

„Ach, Lehnert, rede doch nicht so! Du weißt ja doch …“

„Und wenn es dann schief geht, ja, dann ist es wieder anders. Dann geht es in die Predigt und Siebenhaar … na, Du weißt schon, ich hab’ es Dir heute schon ’mal gesagt… der muß dann wieder einen Heiligen aus mir machen. Ach, Mutter, Du meinst es mit keinem bös, und mit mir erst recht nicht, aber Du hast das Ehrlichsein nicht gelernt und davon ist alles gekommen … Und nun will auch Siebenhaar noch mit ihm sprechen, mit Opitz, als ob das was helfen könnte, will mich mit ihm versöhnen, und ich hab’s auch versprechen müssen. Aber ich mag nicht. Ich hasse ihn, und Haß ist überhaupt das beste, was man hat?“

„Ueberlege Dir’s, Lehnert! Er ist ein gräflicher Förster und is nu doch ’mal der Herr.“

„Ach was, der Herr! Ein Diener is er. Ich bin ein Herr, eher als er, und kann machen, was ich will.“

„Er hat das Ansehen vor den Leuten und ich weiß es von Christine, er ist nicht so schlimm, wie Du glaubst und ihn immer machen willst. Er kann auch durch die Finger sehen. Aber er verlangt, daß man ihm gute Worte giebt und ihn für was Besonderes ansieht. Und das thust Du nicht. Er kann bloß Deinen Trotz nicht leiden. Und darum hab’ ich Siebenhaar gebeten …“

„Aha,“ lachte Lehnert. „Also Du! Nun meinetwegen.“

„Und darum,“ so wiederholte die Alte, „Hab’ ich Siebenhaar gebeten, als ich nu doch ’mal mit ihm sprach, daß er ihn gut für uns stimme. So viel weiß ich, er giebt was auf Siebenhaar und wenn der ihn ’rum kriegt und Opitz Dir dann die Hand giebt, dann nimm sie, dann stoße sie nicht weg und vergiß all das Alte. Sich, Lehnert, es hat ja doch alles seine zwei Seiten und vielleicht hat er nicht so ganz unrecht gehabt und Du hast [54] aus der Sache mit dem Kreuz mchr gemacht, als Du haltest machen sollen. Gieb nach, Lehnert! Trutz macht Feind’. Und wir brauchen Freunde, weil wir arm sind und das Geschäft schlecht geht und gerade jetzt im Sommer. Und unser Nachbar ist er auch. Es is doch sonst mit den Försters gut gegangen. Gieb nach und versöhne Dich mit ihm! Dann haben wir gute Zeit, und wenn dann ’mal was vorkommt, na, Du weißt schon, was ich meine, so verpufft und verknallt es. Kennst ja doch unser altes Sprichwort: der Wald ist groß und der Himmel ist weit.“

Lehnert ging auf und ab, die Hände aus dem Rücken. Er hatte das alles schon oft gehört, nur eines nicht: daß er das mit dem Kreuz doch vielleicht schlimmer genommen hätte, als nöthig. Und so hochmüthig er war, so bescheiden war er auch.

„Wenn es so wäre? Wenn ich mehr daraus gemacht halle, als nöthig?“ so gingen seine Gedanken.

Und er nahm der Mutter Hand und sagte: „Gut, Alle, ich will es mir überlegen.“


6.

Was hüben die Mutter ihrem Sohn und drüben die Frau ihrem Mann gesagt hatte, blieb doch nicht ganz ohne Einfluß, weil beide Parteien klug genug waren, das Wahre darin herauszufühlen. Opitz war strenger als nöthig, Lehnert war aufsässiger als nöthig, und der schlichte Ton, worin das einem jeden gesagt wurde, that seine Wirkung. So machte sich’s, daß beide still schweigend übereinkamen, sich wenigstens nicht mehr reizen zu wollen, und weil sie dabei fühlen mochten, daß das bei steten persönlichen Begegnungen sehr schwer sein würde, so faßten sie den Entschluß, sich nach Möglichkeit aus dem Wege zu gehen. In der That, sie vermieden es, sich zu sehen, und gaben es unter anderm auf, zu gleicher Zeit wie sonst wohl im Vorgarten zu sitzen und sich über die Straße hin mit den Augen zu messen. Ja, Lehnert seinerseits ging noch weiter und machte, wenn er ins Torf mußte, nur um die Försterei zu vermeiden, lieber den Umweg am Waldsaume hin. Auch die Hühner, die durch ihre Besuche drüben im Garten der Försterei beständig Anlaß zu Klagen und bitteren Worten gegeben hatten, hielt er besser in Ordnung. An einen völligen Ausgleich der alten Gegensätze war freilich nicht zu denken, dazu war zu viel vorgefallen, aber wenn Friede nicht sein konnte, so war doch wenigstens Waffenstillstand.

Und unter solchem Waffenstillstände verging eine Woche.

Nun war wieder Sonntag und die Glocken der Arnsdorfer Kirche klangen wie gewöhnlich vom Thal zu den Bergen herauf. Aber diesem Rufe folgten heute nur wenig, weil oben in der Kirche von Wang ein Brückenberger Paar getraut werden sollte. Das veranlaßte denn alle die, die sich mehr von der Trauung einer jungen hübschen Braut als von der Predigt des alten Siebenhaar versprachen, lieber bergauf nach Wang zu steigen, und das um so mehr, als über das wundervolle Brautkleid, das aus Hirschberg und nach andern sogar aus Breslau stammen sollte, schon die ganze Woche lang gesprochen worden war. In der That, Schaulust und Neugier gaben heute den Ausschlag. Aber einige stiegen doch nicht bloß als Neugierige, sondern als recht eigentliche Trauzeugen und Hochzeitsgäste hinauf, unter ihnen auch Opitz in Gala.

Zu den zur Hochzeit Geladenen hatte wegen aller guter Beziehungen zum Bräutigam anfangs auch Lehnert gehört; als dieser aber durch Christine von Opitz’ wahrscheinlicher Anwesenheit erfuhr, war er sofort zum Fernbleiben entschlossen gewesen. Wußt’ er doch, daß mit Opitz, wenn dieser ein Glas über den Durst getrunken halte, doppelt schwer zu verkehren war, und auf diese Gefahr hin wollt’ er eine Begegnung mit ihm nicht wagen. So zog er es denn vor, zu Hause zu bleiben und in einem von Amerika handelnden Buche zu lesen, das ihm ein alter Kriegskamerad neuerdings geliehen und auf das er sich schon ein paar Tage lang gefreut hatte. Daneben war es ihm übrigens durchaus recht, daß seine Mutter, ohne gerade zu den Geladenen zu zählen, an dem Kirchgänge nach Wang hinauf theilnehmen und sich hinterher in dem ihr aus besseren Tagen wohlbekannten Hochzeitshause nach Möglichkeit nützlich machen wollte.

Der Tag wurde freilich unserem Lehnert ganz gegen Erwarten lang und schwer genug. Denn bald nach Opitz waren auch Frau Bärbel und Christine nach Wang hinaufgestiegen, und so kam es, daß der auf seinem Inselchen Zurückgebliebene zwölf Stunden lang nichts als das Vorüberschießen der Lomnitz hörte, wenn nicht gerade drüben der Opitzsche Hofhund anschlug. Bis gegen abend sah er so draußen im Freien und las von Urwald und Prairie, von großen Seen und Einsamkeit. Er schwelgte darin und vergaß die Zeit, aber mit einemmal ergriff ihn doch ein Grauen. „Einsamkeit! Nein, nein, nicht Einsamkeit! Nicht einsam leben, nicht einsam sterben.“ Und er wiederholte sich das Wort und in seiner überreizten Einbildungskraft sah er sich auf einem Bergkegel, ein Thal zu feinen Füßen und den Sternenhimmel über sich. Ein Frösteln überkam ihn zuletzt, und so ging er denn wieder hinein und warf Kienäpfel in die Gluth und starrte darauf hin. Aber das Hineinstarren in die Flamme war ihm bald nicht weniger unheimlich als das Bild, das eben draußen vor seiner Seele gestanden hatte. Dabei war es ihm beständig, als ob er Stimmen höre, Stimmen von weit, weit her. Und er sprang auf und trällerte vor sich hin, um sich alles, was ihn ängstigte, fortzusingen. Aber es wollte nicht recht glücken und er war froh, als er um die zehnte Stunde seine Mutter über den Brückensteg schreiten sah.

„Singst ja so, Lehnert. Was is es denn?“ sagte die Alle beim Hereintreten. „Christine war wohl da … Ja, sie ging schon, als der Tanz eben anfing.“

„Ach, laß doch die Christine!“

„Du nimmst sie doch noch.“ Und während die Alte das sagte, stellte sie ein Bündel, das sie bis dahin vorsichtig in den Händen gehalten hatte, auf den Tisch und löste den Knoten eines buntgeblümten Taschentuchs, in das alles eingeschlagen war, was sie vom Hochzeitshause her mitgebracht hatte: große Stücke Slreußelkuchen, eine halbe Wurst, ein Schinkdnknochen und ein Napfkuchen.

„Wollen wir uns noch einen Kaffee machen, Lehnert?“

Er schwieg.

„Du hast ja noch Feuer im Ofen. Und das ist recht. Oben auf Wang, in der Kirche, war es wieder so kalt und auf dem Kirchhof pfiff es, daß es einem bis auf die Seele ging. Ich glaub’, ich habe mir wieder was geholt, hier links unterm Schulterblatt. Aber wenn wir uns noch einen Kaffee machen und ein Glas Rum einthun, ich habe noch welchen … ja, Lehnert, ein paar Tropfen muß man doch immer haben … dann vergeht es wieder. Und ein Katzenfell ist auch gut.“

Während sie noch so sprach, hatte sie ein Messer geholt und begann den Rapskuchen in große Scheiben zu schneiden. „Iß, Lehuert; frisch schmeckt er doch am besten!“ Und dabei griff sie nach dem größten Stücke.

Lehnert schwieg noch immer.

„Iß doch, Jung’!“

„Ich mag nicht, Mutter … Und wie das alles wieder aussieht, – wie’n Bettelsack. Haben sie Dir’s denn gegeben?“

„Gewiß! Ich werde mir doch nichts wegstibitzen und ab zieh’n wie die Katze vom Taubenschlag!“

„Ach, das mein’ ich ja nicht, Mutter. Ich meine bloß, ob sie Dir’s aus freien Stücken gegeben haben oder ob Du darum gebeten hast?“

„Versteht sich, hab ich drum gebeten. Alle haben …“

„Opitz auch?“

„Nu, der wohl nich. Der is ja was Vornehmes. Und Siebenhaar auch nich.“

„Siebenhaar? War denn Siebenhaar auch da?“

„Gewiß war er da. Der von Wang hat freilich getraut, aber Siebenhaar kam auch noch und kam eben, als alles zu Tisch ging, und war großer Jubel, als er kam, und saß gerade der Braut gegenüber und hat auch eine Rede gehalten. Und als sie die Tische wegtrugen und das Tanzen anfangen sollte, da nahm Siebenhaar Opitzen am Arm und beide gingen wohl an die vier oder fünfmal um die Wiese ’rum. Und immer, wenn sie wieder an dem Staketzaun vorüber kamen, hab’ ich gehorcht.“

„Das glaub’ ich. Du horchst immer. Aber der Horcher an der Wand …“

„Diesmal nicht, Lehnert. Es war bloß Gutes, und daß es von Dir war, ist sicher; ich habe Deinen Namen gehört. Und Opitz, der wieder etwas fisslig war er hielt sich aber und ließ sich nichts merken – Opitz nickte. Das hab’ ich mit diesen meinen Augen gesehen. Und einmal hört’ ich ganz deutlich, daß er sagte: ,Nu, ja, ja! Jeder ist ein Mensch und jeder hat seine Menschlichkeiten [55] und seine Fehler. Und ich auch.’ Siebenhaar hat ihm also ins Gewissen geredet. Und Du sollst seh’n, Lehnert, es wird noch alles gut, und Du kommst mit ihm auf Freundschaft und Du und Du. Und dann guckt er uns durch die Finger und wir haben gute Tage.“

„Ja, ja,“ sagte Lehnert, „durch die Finger gucken, das kenn’ ich. Is ja das alte Lied. Na, gute Nacht, Mutter! Ich bin müde.“

Und dabei nahm er eine Oellampe und das Amerika-Buch und stieg in seine Giebelkammer hinauf. Oben aber schob er einen Stuhl au sein Bett und eh’ er das Licht auslöschte, sah er noch einmal auf den Titel des Buchs. Der lautete: „Die neue Welt oder Wo liegt das Glück?“

* * *

Eine Woche verging, während der Lehnerts Stimmung beständig wechselte, was bei den Erlebnissen der letzten Zeit und mehr noch bei seinem von Natur beweglichen Gemüth nicht wohl Wunder nehmen konnte. Denn so gewiß er einen Hang nach dem Abenteuerlichen hatte, so gewiß überkam ihn auch, inmitten dieses Hanges, eine plötzliche Sehnsucht danach, die Hände in den Schoß zu legen und alles ruhig über sich ergehen zu lassen. Er war dann mit einem Male von der Vergeblichkeit alles Ankämpfens überzeugt und verlor in diesem ihn überkommenden Gefühl seiner Ohnmacht auch die Lust zum Kampf. „Ja, die Alte hat eigentlich ganz recht. Was ist all die Jahre bei meiner Auflehnung herausgekommen? Nur Aerger und böses Blut. Und so geht es dann weiter, immer Zug um Zug, bis man sich das Messer in die Brust stößt. Ach, es ist besser, ich thue, was ich versprochen hab’, und grüß ihn, anstatt ihn anzustarren und ein spöttisch Gesicht zu machen. Er ist der Stärkere, weil er im Dienst ist und die Gerichte neben und hinter sich hat. Und wer mit dem Stärkeren anbindet, so lang er noch eine Wahl hat, der ist ein Narr. Wahrhaftig, was hab’ ich davon gehabt? Nichts, als daß ich zwei Monate hinter Schloß und Riegel war und daß nun in meinen Akten steht: ,Bestraft’. Und wer kann immer gleich erzählen, wie’s kam und daß es eigentlich nichts war; bestraft ist bestraft, und wenn man gefragt wird, wie’s denn eigentlich mit einem stehe, so wird man roth und steht da, als ob man ein Galgenvogel wär’ oder einer, der den Leuten die Uhr aus der Tasche zieht.“

In dieser Richtung gingen tagelang Lehnerts Betrachtungen, und mehr, er that auch danach, und wenn er in der letzten Woche, bloß um einer Begegnung mit Opitz auszuweichen, den großen Umweg am Waldsaume hin gemacht hatte, so zwang er sich jetzt, die Begegnung geradezu zu suchen, nur um durch artigen Gruß oder auch wohl durch ein „Guten Morgen, Herr Förster“ seinen Respekt zu bezeigen. Und Opitz freute sich dieser Wandlung und gefiel sich seinerseits darin, den Gnädigen zu spielen. Er trat jetzt öfter, wenn Lehnert vorüber ging, mit einer Art wohlwollenden Behagens an den Staketenzaun heran und verflieg sich nicht bloß zu Fragen und Scherzworten, sondern einmal sogar bis zur Inanspruchnahme kleiner Gefälligkeiten. „Ihr geht ja nach Arnsdorf, Lehnert. Bitte, nehmt das mit an den Grafen, und wenn Ihr bei Pohl vorbei kommt, so bringt mir eine Kruke Himbeersaft mit herauf. Oder lieber eine Flasche, wenn er’s in Flaschen hat. Ich kann heut die Christine nicht schicken.“

An solchen Annäherungen war eine Zeit lang kein Mangel und Frau Menz berechnete sich schon, was im Herbst beim Gänseschlachten, auf das sie sich ganz vorzüglich verstand (sie sang dann immer, wenn sie die Gans zwischen die Kniee nahm und mit dem Messer zu bohren anfing, allerlei Wiegenlieder), an Federn und Fett für sie abfallen würde. „Ja, Lehnert, Du siehst es nun. Ist es nicht besser so? Haben wir nicht gute Tage? Sage selbst!“

Aber diese guten Tage sollten nicht Dauer haben. Im Gegentheil, sie gingen so rasch wie sie gekommen waren, und wie gewöhnlich war es ein bloßes Geklätsch, was den ersten Anstoß zu diesem Wiederhinschwinden gab.

Christine, die wohl wußte, welche Pläne Frau Menz mit ihr hatte, war jetzt oft drüben bei der Alten, öfter vielleicht als gut war und jedenfalls öfter als sie sollte. Zu verdenken war es ihr freilich nicht, denn wenn Opitz im Wald war, dann war die Försterei ein schweigsames, ja beinah’ ein melancholisches Haus, in dem wenig gesprochen wurde. Plaudern aber und sich aussprechen war Christinens größte Lust und dazu gab es für sie keine bessere Gelegenheit, als bei den Menzes drüben. Alles nahm ihr die Alte wie vom Munde weg, und wenn drüben bei Opitzens eine Maus gefangen worden oder ein Fliegenstock umgefallen war, so war es ein mittheilenswerthes Ereigniß, an das sich sofort allerlei Hoffnungen und Befürchtungen knüpften.

Und zu solcher Plauderstundc war man eben wieder beisammen und genoß sie doppelt, weil Christine nicht mit leeren Händen, sondern mit einem Teller voll prächtiger Glaskirschen herübergekommen war, deren Heranreisen die alte Menz schon seit anderthalb Wochen mit Aufmerksamkeit verfolgt hatte.

„Die schickt Euch die Frau Försterin,“ sagte Christine.

„Gott, Gott, die Frau Försterin! Eine seelensgute Frau, das muß wahr sein, und alle wie frisch vom Baum und keine angestoßen. Aber er auch, er is auch gut; ein bischen bullrig und kollert gleich, aber wer es bloß versteht, der hat es gut mit ihm. Und wie soll er’s denn auch anders machen? Er muß doch auch welche anzeigen. Lehnert sagt es auch. Und sie sind ja jetzt ein Herz und eine Seele.“

„Ja,“ sagte Christine. „Das sind sie. Das heißt so lang es dauert.“

„Wird schon dauern, Kind, wird schon. Warum soll es nicht dauern? Sie haben sich nun beide die Hörner abgestoßen und sehen, daß Frieden besser ist als Krieg. Lehnert grüßt ihn und gafft ihm nicht mehr ins Gesicht. ,Guten Morgen, Herr Förster,’ sagt er. Und dann stehen sie beid’ an dem Staketenzaun und haben ihren Schnack. Und neulich hat ihm Opitz einen Zettel an den Grafen mitgegeben und eine Bestellung für unten bei Pohl, und Lehnert hat ihm alles besorgt und ihm den Himbeersaft auch richtig mit ’rauf gebracht. Eine ganze Flasche voll. Es war gerade der Tag, als der neue Oberförster kam und Ihr drüben den Semmelpudding hattet. Aber was sag’ ich nur, Du mußt es ja besser wissen als ich …“

„Freilich weiß ich es. Aber ich weiß auch, was Opitz sagte.“

„Was war es, was er sagte?“

„,Nu,’ sagte er, als er vom Flur in die Küche kam und den Saft vor uns hinstellte, ,da habt Ihr den Saft, das süße Zeug, das der Lehnert mit ’rauf gebracht hat. Und diesmal mag es drum sein. Aber das nächste Mal, Bärbel, das nächste Mal paß besser auf! Der große Herr drüben ist auf eine Weile zahm geworden und frißt vorläufig aus der Hand. Aber wer weiß, ob es vorhält …’ Ja, Frau Menz, das war es, was Opitz sagte. Und als meine gute Frau darauf antwortete und ihm zureden wollte, weil Lehnert ja jetzt grüße, da ließ er sie gar nicht zu Worte kommen und bullerte gleich los: ,Das verstehst Du nicht, Bärbel. Was heißt Gruß? Er grüßt; aber es ist auch danach. Er hat noch dieselben Mucken wie sonst; ich seh’s ihm jedesmal an, wenn er so verlegen dasteht und nicht weiß, was er sagen soll. Und ein Glück ist es, daß er wenigstens eine Weile klein beigegeben hat! Davon erholt er sich nicht wieder. Wer ’mal zu Kreuze gekrochen ist, der bringt die Courage nicht mehr fertig. Das ist nu ’mal so.’“

So ging das von Frau Menz und Christine geführte Gespräch, das noch eine Weile weiter gesponnen wurde, weil sie sich allein glaubten. Aber sie waren nicht allein. Dicht hinter ihnen stand Lehnert in der offenen Thür und hatte jedes Wort mit an gehört. Er zog sich, eh’ sie seiner gewahr wurden, still wieder zurück und ging auf seinen Arbeitsschuppen und in diesem auf die Stelle zu, wo die Späne hoch aufgeschichtet lagen. Da warf er sich hin und schlug sich vor die Stirn und schwur und zitterte. Denn er war seiner Sinne kaum noch mächtig. Zuletzt verfiel er in ein krampfhaftes Weinen, aber auch die Thränen gaben ihm keine Erleichterung. Er hatte sich klein und verächtlich gemacht und alles umsonst! Alles lag wieder wie vordem, und vor seiner Seele stand es, wie’s kommen würde.


7.

Am anderen Tage hatte sich Lehnert von dem, was er gehört, insoweit erholt, daß er die Kraft aufbrachte, sich’s ruhiger zurecht zu legen. „Er traut mir nicht. Soll ich ihm böse darüber sein? Trau ich ihm? Was dem einen recht ist, ist dem andern billig. Es ist gut, daß ich nun weiß, wie’s mit ihm steht und [58] was ich von ihm zu gewärtigen habe. Wenn ich ihm so weiter geglaubt hätte, so wär’ ich vielleicht unvorsichtig geworden, und das thut nie gut, am wenigsten einem Opitz gegenüber … Ich will nicht wieder anfangen, nein, er soll anfangen. Dann bin ich ohne Schuld.“ So sprach er noch weiter vor sich hin, ohne die leiseste Vorahnung, daß derselbe Tag noch den alten Streit wieder anfachen sollte. Nur schärfer und bitterer als je zuvor.

Es war ein heißer Tag und die Steine, die durch die Lomnitz hin zerstreut lagen und bei niedrigem Wasserstand einen Uebergang von einem Ufer zum andern bildeten, blitzten in der Sonne; das Heidekraut drüben auf der Opitzschen Seite schimmerte roch und von dem Lupinenfeld, das, freilich als schmaler Strich nur, durch das Heidekraut hinlief, zog ein süßer Duft nach dem Inselchen herüber. Der Himmel stand in einem wolkenlosen Blau. Lehnert, der sich der großen Hitze halber von dem Vorplatz am Schuppen unter den Schuppen selbst zurückgezogen hatte, sah einen Augenblick von seiner Arbeit auf und wurde dabei mehrerer Taubenschwärme gewahr, deren einer eben über die Tannen am Waldsaum hinschwebte. Plötzlich aber, während er noch so hinaufsah, vernahm er durch die Mittagsstille hin einen Hundeblaff und gleich danach einen durchdringenden Hahnenschrei, der, weitab davon, sicher und siegesfroh wie sonst wohl die Seinen zu Hauf zu rufen, umgekehrt etwas von einem Angst- und Todesschrei hatte. Lehnert ahnte, was es war, sprang auf die Deichsel und Vorderachse des gerade vor ihm stehenden Arbeitswagens und sah von dieser Hochstellung aus, was drüben vorging. Diana hatte den Hahn an seinem Silberkragen gepackt und schüttelte ihn. Und nun ließ der Hund wieder ab und die plötzliche Lautlosigkeit verrieth nur zu deutlich, daß das schöne Thier, das er gepackt und geschüttelt hatte, todt war. Das gab Lehnert einen Stich ins Herz, denn neben dem prächtigen gelben Rosenstrauch an Haus und Dach war der Silberhahn so ziemlich das einzige, woran er hing; alles andere war in Rückgang und Verfall. Er ballte die Faust und drohte nach drüben hin, aber er bezwang sich wieder und richtete seinen Zorn und Unmuth, einen Augenblick wenigstens, statt gegen Opitz gegen die eigene Mutter.

Die ist schuld, die, ,die liebe Frau Menz’; hab’ ich den da drüben nicht schon ein dutzendmal sagen hören: ,liebe Frau Menz’, wenn Sie nicht nach dem Rechten sehen und das Hühnervolk immer über den Steg und die Steine bis in meinen Vorgarten lassen, ich stehe für nichts; Diana packt ’mal zu? Nun hat Diana zugepackt und wir sind unseren Hahn los und müssen noch still sein und vielleicht auch noch gute Worte geben wegen der Aurikeln und Levkoien oder was das arme schöne Thier sonst noch zerpflückt und zertreten hat … Aber so ist die Alte, sie will die paar Futterkörner sparen und selbst ihre Hühner sollen drüben zu Gaste gehen. Es ist ein Elend und bloß neugierig bin ich, was er nun machen und ob er sich entschuldigen und so was von Bedauern sagen wird.“

Und sieh, es währte keine Viertelstunde, so kam denn auch Christine und bestellte von Förster Opitz: es thät’ ihm leid, daß seine Diana den Hahn gewürgt hätte. Mehr könn’ er aber nicht sagen. Er habe der Frau Menz im voraus gesagt, daß es so kommen würde. Sein eigener Schade sei noch größer, und wenn er zusammenrechne, was die Menzschen Hühner ihm alles verdorben hätten, so käme mehr heraus als der Hahn.

„Und will er denn den Hahn behalten?“ wimmerte die Alte.

„Nein,“ sagte Christine, „den Hahn sollt’ ich Euch bringen. Aber Frau Opitz sagte, ,der würd’ Euch doch nicht schmecken.’ Und hinterher hat sie mir heimlich gesagt, ich sollt’ Euch fragen, was Ihr dafür haben wolltet, und sie wollt’ es alles bezahlen und noch ein Reugeld dazu.“

Lehnert war, als seine Mutter und Christine so sprachen, von seinem Arbeitsschuppen herbeigekommen.

„Ich will den Hahn,“ sagte er, „und nicht das Geld. Aber gegessen wird er nicht, Mutter. Ich begrab’ ihn und mach’ ihm einen Stein. Das schöne Thier! Meine einzige Freude! Nun ist er hin. Diese Diana, diese Bestie! Mir will sie auch immer nach den Beinen. Aber sie soll sich vorsehn, und ihr Herr auch!“

Und er ging wieder an seine Arbeit, während Christine bei der Alten blieb und ihr ohne weiteres das Geld gab, das die gute Frau Opitz für den erwürgten Hahn bewilligt hatte. –

Lehnert verwand es schneller, als er selber gedacht haben mochte. Hätt’ er klarer in seinem Herzen lesen können, so würd’ er gefunden haben, daß er eigentlich, froh war, seines Gegners Schuldsumme wachsen zu sehen. Je mehr und je rascher, desto rascher mußt’ auch die Abrechnung kommen, das war das Gefühl, das ihn mehr und mehr zu beherrschen begann. Bei Tisch sprach er nicht, und als er den Krug Bier, den ihm die Mutter aus dem Kretscham geholt, geleert hatte, ging er auf seine Kammer hinauf und schlief.

Als er wieder wach war, war er zunächst willens, doppelt fleißig zu sein und bei der Arbeit alles zu vergessen – nicht für immer, dafür war gesorgt, aber doch auf ein paar Stunden. Am Abend wollt’ er dann in den Querseiffner Kretscham geh’n, wo heute Tanz war.

„Ich sitze jetzt zu viel an der Schnitzelbank und lebe … nun, wie leb’ ich? Ja, wie wenn ich nur noch Botenfrau wär’, Botenfrau für Opitz. Ich will es mir heute ’raustanzen aus dem Geblüt.“

Und damit ging er von seiner Kammer in die Küche, nahm da den Bunzlauer Topf, drin ihm die Alte den Nachmittagskaffee warm zu stellen pflegte, vom Herd und ging wieder auf seinen Schuppen zu. Die Hühner lagen hier in ihren Erdlöchern und sahen ihn wie fragend an.

„Ihr wollt mich wohl gar noch verantwortlich machen? Dummes Volk! Ich sag’ euch, er wäre nicht ’rüber gegangen, er hielt auf sich und Hütte sich seine paar Körner auch hier gesucht. Ihr seid schuld, ihr habt ihn verleitet, und er ist euch bloß gefolgt, um euch nicht im Stich zu lassen. Nun ist er weg und ihr habt das Nachsehen. Solchen schönen Herrn kriegt ihr nicht wieder, verdient ihr auch gar nicht.“

Er unterhielt sich noch so weiter und freute sich, daß er selbe gute Laune wieder hatte.

So vergingen etliche Stunden und die Sonne machte schon Miene, hinter der mit Tannen besetzten Höhe zu verschwinden. Lehnert aber, der all die Zeit über mit besonderem Fleiße gearbeitet, hatte seines in die Hobelspäne gestellten Kaffees ganz vergessen und wollt’ eben aufstehen, um das Versäumte nach zuholen, als die Mutter in großer Hast und Aufregung vom Haus her auf ihn zukam und in den Arbeitsschuppen hineinrief: „Ein Has’, Lehnert, ein Has’!“

„Wo, Mutter?“

„In unserm Korn.“

Und ehe zwischen beiden noch weiter ein Wort gewechselt werden konnte, sprang Lehnert auch schon von seiner Arbeit auf, lief auf das Haus zu, riß die Flinte vom Riegel und stürzte durch die Hinterthür, über den Hof fort, auf den zu Feld und Wald hinüberführenden Brückensteg zu. Bevor er diesen aber erreichen konnte, wurd’ es dem Hasen drüben nicht recht geheuer, der denn auch in kurzen Sätzen, und zwar immer an dem Kornfeldstreifen entlang, sich auf den Wald zu zog. Freilich nur langsam und mit Pausen. „Sieh, er sputet sich nicht ’mal, er hat nicht ’mal Eile,“ sagte Lehnert vor sich hin und legte den Kolben an die Schulter und zielte. Da wurde der drüben mit einem Male flinker und beeilte sich, den kaum zehn Schritt breiten Abhang, der zwischen Acker und Wald die Grenze zog, hinauf zukommen; aber eh’ er noch bis an das Unterholz heran war, fiel der Schuß. Am Saume hin zog der Pulverrauch und wollte sich nicht gleich verthun; Lehnert indeß, der wohl wußte, daß er keinen Fehlschuß gethan hatte, ging langsam auf die Stelle zu, nahm den Hasen vom Boden und kehrte dann über Steg und Hof in sein Häuschen zurück.

„Da, Mutter. Der soll uns schmecken. Opitz kann sich den Hahn braten lassen.“

Erst als Lehnert diesen Namen nannte, kam der Allen die nur zu berechtigte Sorge wieder, was Opitz zu dem allem wohl sagen würde. Lehnert selbst aber war guter Dinge, sprach in einem fort von Haus- und Feldrecht und suchte der Alten ihre Befürchtungen auszureden. Ob es ihm ernst damit war und ob er wirklich an sein „Haus- und Feldrecht“ glaubte, war schwer zu sagen und blieb auch da noch im Ungewissen, als eine halbe Stunde später Opitz in Person von seiner Försterei herüberkam und den Hasen forderte.

Lehnert spielte den Unbefangenen, ja zunächst sogar den Verbindlichen und bat Opitz, Platz nehmen zu wollen, und erst als dieser, unter Ablehnung der Artigkeit, die Forderung wiederholte, stellte sich Lehnert mit dem Rücken an den Ofen und sagte: „Was man nicht hat, kann man nicht geben.“

[59] Um Opitz’ Züge, der nur zu gut wußte, daß er jetzt seinen alten Gegner in Händen habe, flog ein spöttisches Lächeln, und es trieb ihn mächtig, diesem seinem Gefühle von Ueberlegenheit auch sofort einen Ausdruck zu geben. Er bezwang sich aber und sagte: „Lehnert, Ihr nehmt den Streit wieder auf und thätet doch klüger und besser, es nicht zu thun. Ich warn’ Euch. Ich mein’ es gut mit Euch.“

„Ich habe den Hafen nicht.“

„Ihr habt von dem Brückensteg aus gezielt und geschossen.“

„Ich habe von dem Brückensteg aus geschossen, aber nicht gezielt. Der Hase saß in unserm Feld. er ist jetzt öfters bei uns zu Gast, und nachts wird er wohl mit Familie kommen. Ich brauche keinen Hasen in meinem Felde zu leiden und ich hab ihn verjagen wollen.“

„Ein Has’ ist ein Has’ und Ihr braucht bloß in die Hand zu klatschen …“

„Aber ein Schuß hilft mehr.“

„Namentlich, wenn er getroffen hat.“

Lehnert schwieg und sah an Opitz vorbei, der seinerseits eine kleine Weile vergehen ließ, fast als ob er Lehnert eine Frist zur Ueberlegung gönnen wolle. Als aber jedes Entgegenkommen ausblieb, nahm er zuletzt das Wort wieder und sagte: „Lehnert, Ihr bringt Euch in Ungelegenheiten. Ihr habt einen Haß gegen mich und das verdirbt Euch Euren guten Verstand. Ihr streitet mir den Hasen ab, Ihr, der Ihr immer von Eurer Wahrheitsliebe sprecht, und es wäre mir doch ein leichtes, den Hasen in Eurem Hause zu finden. Und wenn ich ihn nicht fände, so doch Diana … Kusch dich! … Ihr habt den Hasen verjagen wollen. Nun, meinetwegen; das ist Euer gutes Recht. Und wenn Ihr’s Euch einen Schuß Pulver kosten lassen wollt, nun, so mag auch das hingehen, obwohl es auffällig ist und eigentlich nicht in der Ordnung. Es ist nicht Brauch hier zu Land, einen Hasen durch einen Flintenschuß zu verjagen. Und der letztberechtigte dazu seid Ihr, der Ihr schon manches auf dem Kerbholz habt. Ich sah von meiner Giebelstube her, daß Ihr im Anschlag lagt, und ich sah auch, wie der Hase zusammenbrach. Und zum Ueberfluß hab’ ich mir die Stelle drüben, eh’ ich in Euer Haus kam, mit allem Vorbedacht angesehen und habe den Schweiß an dem hohen Farnkraut gefunden, das drüben steht.“

Die Bedrängniß, in der sich Lehnert befand, wuchs immer mehr, und ein begreifliches Verlangen überkam ihn, aus dieser seiner Lage heraus zu sein. Er war aber schon zu tief drin, und was die Hauptsache war, er konnte sich nicht entschließen, zuzugeben, daß er eine Lüge gesprochen habe. So pfiff er denn leise vor sich hin, als ob er andeuten wolle. daß der Worte genug gewechselt seien.

Opitz seinerseits aber war nicht willens, seinen Triumph abzukürzen, und fuhr, während er eine gewisse Gütigkeitsrolle weiterspielte, ruhigen Tones fort. „Ich sehe, Lehnert, daß Ihr ungeduldig werdet, und will Eure kostbare Zeit nicht über Gebühr in Anspruch nehmen. Und so hört denn meinen letzten Vorschlag! Ich will den Hasen nicht, und meine Frau, die’s, wie Ihr wißt, gut mit Euch meint, mag Euch auch noch den Speck dazu schicken. Und ich, Lehnert, ich will’s bei dem Grafen verantworten, und wenn er sich wundern sollte, so will ich, aus Rücksicht für Euch, von einem Schreckschuß sprechen, der zufällig getroffen habe. Der Graf ist ein gnädiger und nachsichtiger Herr, und wenn er das mit dem ,Schreckschuß’ auch nicht glauben wird, so wird er doch so thun, als glaub’ er’s. Aber das verlang’ ich von Euch, daß Ihr Euch vor mir zu dem bekennt, was Ihr getan habt, und daß Ihr Euch entschuldigt. Hab’ ich Euch doch mein Bedauern über den Hahn ausgesprochen und war nicht dazu verbunden. Aber Ihr, Ihr seid’s. Und nun heraus mit der Sprache! Beichten ist immer das beste, da wird die Seele wieder frei, nicht wahr? Und man kann jedem wieder ins Auge seh’n.“

„Kann ich!“ sagte Lehnert, und sein Auge suchte das des Försters, um sich mit ihm zu messen. Aber das Gefühl seines Unrechts war doch stärker als sein Trotz und er senke den Blick wieder.

Opitz lächelte.

„Guten Abend, Frau Menz. Ich werde meine Frau von Euch grüßen. Und auch Christine. Und nun Gott befohlen!“

Und ohne weiter ein Wort an Lehnert zu richten, verließ er das Haus und ging auf den Steg zu. Diana folgte.


8.

Die Alte war ihm bis in den Vorgarten gefolgt und rechnete darauf, daß er sich noch einmal umsehen würde, für welchen Fall sie unterthänigst zu knixen vorhatte; als sie aber schließlich gewahr wurde, daß auf einen gnädigen Abschiedsblick nicht mehr zu rechnen sei, gab sie’s auf und ging in die Stube zurück. Hier stand Lehnert noch am alten Fleck und sah vor sich hin.

„Ach, Lehnert, wenn Du’s doch nicht gethan hättest … Und Speck will er uns auch noch schicken. Sieh, so ist er immer und meint es gut. Aber wenn ich ihn auch mit Schmand[1] brate, schmecken thut er mir doch nicht. Wie kann er mir auch schmecken? Wenn man Angst hat, schmeckt einem nichts, gar nichts, und will nicht ’runter, und ich fühle schon, wie’s mir hier sitzt.“

„Ach, Mutter, was soll das? Aber so bist Du. Du willst alles haben, und wenn dann nachher ’was passirt, was nach Gerichtsvorladung aussieht, oder wenn Du gar zu glauben anfängst, nun ist es mit dem Schinkenknochen und dem Liesenschmalz drüben vorbei, dann heißt es wieder: ja warum auch? warum hast Du geschossen?“

„Ich habe nichts gesagt, ich habe Dir nicht zugeredet.“

Lehnert stampfte heftig auf, fiel aber rasch wieder ins Lachen und sagte. „Wir wollen uns. vertragen, Mutter. Du bist, wie Du bist. Nein, zugeredet hast Du nicht. Du kamst bloß, als ob wenigstens das Haus in Brand stünd’, und riefst : ,Ein Has’, ein Has’!’ Nun sage, was hieß das? was sollte das? Sollt’ ich kommen und mir das Wunderthier anseh’n? Oder ihn wegjagen? Kannst Du nicht selber einen Hasen wegjagen? Ich habe just das gethan, was Du wolltest, und Du hast dabei gedacht: ’Opitz wird heute still sein von wegen des Hahns und vielleicht auch von wegen der neuen Freundschaft.’ Und weil es nun anders gekommen ist, so bist Du wieder mit Vorwurf und Klage bei der Hand und weinerst mir wieder ’was vor, weil ich geschossen hab’, und sähest es am liebsten, ich ginge gleich ’rüber und würfe mich ihm zu Füßen und küßte seinen Rockzipfel. Aber daraus wird nichts. Er mag nun wieder seine Schreiberei machen und alles zur Anzeige bringen. Anschreiben und anzeigen versteht er, das war schon seine Kunst, als er noch bei den Soldaten war. Aber ich werde mich schon zu verteidigen wissen und werde vor Gericht aussagen, daß ich meinen Kohl und meinen Hafer oder was es sonst ist nicht für Opitz und seine Hasen ziehe. Geschossen hätt’ ich blind drauf los, was dann aus dem Hasen geworden, das wüßt’ ich nicht und braucht’ ich nicht zu wissen, und wenn Opitz eines Hasen Schweiß gefunden habe, was 1a sein könnte, so sei’s nicht der, um den sich’s hier handle. der sei lustig in die Welt gegangen.“

„Aber dann werden sie Dir einen Eid zuschieben. Willst Du schwören?“

„Nein, das will ich nicht. Schwören thu’ ich nicht. Aber ich werde schon was finden, um aus der Geschichte ’raus zu kommen.“

Er sagte das so hin, halb um der Mutter zu widersprechen, halb um sie zu beruhigen, war aber klug genug, zu wissen, daß er schwerlich eine Ausrede finden und somit sehr wahrscheinlich einer zweiten Verurteilung entgegen gehen werbe. Das war ihm ein schrecklicher Gedanke, so schrecklich, daß ihm alle Lust an der Arbeit auf ganze Tage verloren ging und er sich müßig umherzutreiben begann, was er ohnehin liebte. Den Tag über sprach er in dieser oder jener Baude vor oder ging auch wohl ins Böhmische hinüber, wo er, bis nach Sank Peter und Trautenau hin, viel Anhang hatte, abends aber saß er in den nächstgelegenen Kretschams, im „Waldhaus“, in Brückenberg, in Wang, heute hier und morgen da, und erzählte jedem, der’s hören wollte, daß wieder ein Krieg in der Luft sei, drüben in Böhmen wüßten sie schon davon, und daß er seinerseits warten wolle, bis es wieder losgehe.

Krieg im Frankreich, das sei das einzig vernünftige Leben; wenn es aber nicht wieder losgehe, nun, dann gehe er und er wiss’ auch schon wohin. Er wolle zu den Heiligen am Salzsee, da habe jeder sieben Frauen. und wenn er auch immer gesagt habe, daß eine schon zu viel sei, was auch eigentlich richtig, so woll’ er’s doch ’mal mit sieben versuchen; es sei doch ’mal was anderes.

[60] Er war sehr aufgeregt und sprach immer in diesem Ton, und sein einziges Vergnügen war, daß man ihn für einen Ausbund von Klugheit hielt und sich wunderte, wo er das alles her habe.

Aber all das Sprechen von Krieg und Auswanderung und Salzsee war doch nur ein müßiges Spiel; im Grunde seines Herzens hing er mit Zärtlichkeit an seinem Schlesierland und dachte gar nicht ans Fortgehen, wenn ihm der Boden unter den Füßen nicht zu heiß gemacht würde. Aber das war es eben. Machte „der da drüben“ Ernst, so war der heiße Boden da und zugleich der Augenblick, wo das, was er bisher bloß an die Wand gemalt hatte, Wirklichkeit werden mußte. Denn zum zweiten Mal ins Gefängnis, das zu vermeiden war er fest entschlossen, und so hing denn alles an der Frage: wird Opitz Ernst machen oder nicht?

[84] Es vergingen, ohne daß auf seiten Lehnerts etwas geschehen wäre, gegen anderthalb Wochen, und wär’ auch wohl noch weiter so gegangen, wenn nicht die Plaudertasche, die Christine, gewesen wäre, die beständig alles, was drüben in der Försterei vorging, zu den Menzes hinübertrug. Unter den keinen Freiheiten, die sie sich regelmäßig nahm, war auch die, daß sie den Opitzschen Schreibtisch beim Aufräumen und Staubabwischen einer gründlichen Musterung unterzog, so daß sie jederzeit wußte, wie die Dienstsachen standen. War das nun schon ihr alltägliches Thun, so doppelt, seitdem Lehnert in Gefahr schwebte, der Gegenstand oder das Opfer einer Opitzschen Schreibübung zu werden. Eine ganze Woche lang hatte sich nichts finden lassen, heut aber, es war der Tag vor dem vierten Sonntage nach Trinitatis, war ihr der lang erwartete Bericht an den Grafen, in geschnörkelter Abschrift und sauber zwischen zwei Löschblätter gelegt, zu Gesicht gekommen, und ehe noch eine Viertelstunde um war, war sie schon drüben, um ihre Neuigkeit vor die rechte Schmiede zu bringen.

„Liebe Frau Menz, ich habe es nun alles gelesen. Es sind drei Seiten, alles fein abschrieben und unterstrichen, denn er hat ein kleines Pappelholzlineal, das nimmt er immer, wenn er unterstreichen will, und das sind allemal die schlimmsten Stellen.“

„Jesus,“ sagte Frau Menz und zitterte. „Sie können ihm doch nicht ans Leben, bloß um den Has’, und der war noch dazu so klein, als ob er keine drei Tage wär’, und ich hab ihn eigentlich nicht essen können vor lauter Angst, bloß einen Lauf und das Rückenstück, weil es doch zu schade gewesen wäre. Ach, du meine Güte, wenn er um so ’was sterben sollte, da wäre ja keine Gerechtigkeit mehr und der Kaiser in Berlin wird doch wissen, daß er ein so guter Görlitzer war und daß er’s beinah gekriegt hätte …“

„Gott, liebe Frau Menz, was Sie nur alles reden, so schlimm ist es ja nicht. Und wär’ überhaupt gar nicht so schlimm, wenn es nicht das zweite Mal wär’, oder was sie, die so ’was schreiben, den ‚Wiederbetretungsfall‘ nennen. Das ist das Wort, das drin steht. Und da machen sie denn gleich aus dem Floh ’nen Elefanten und thun, als ob es wunder was sei, nicht weil es wirklich was Großes und Schlimmes wäre, nein, bloß von wegen des zweiten Mals, von wegen des Wiederholungsfalls. Und da sind sie denn wie versessen drauf und das war auch die Stelle mit dem dicken Strich … Das heißt die eine.“

„Die eine? Aber Du mein Gott, war denn noch eine?“

„Gewiß war noch eine da, die war noch dicker unterstrichen, und das war die von seinem Charakter.“

„Ach, Du meine Güte! Von seinem Charakter! Und die hat Opitz auch unterstrichen? Ja, was soll denn das heißen? Ein Charakter is doch bloß wie man is. Und wie is man denn? Man is doch bloß so, wie einen der liebe Gott gemacht hat, und wenn man auch nicht alles thun darf, aber seinen Charakter, ja, Du mein Gott, den hat man doch nu mal und den wird man doch haben dürfen und den kann er nicht unterstreichen. Und ein Mann wie Opitz, den ich immer beknixt habe, wie wenn er der Graf wäre! Gott, Christine, sage, Kind, was steht denn drin und was hat er denn alles gesagt?“

„Er hat gesagt, ‚daß man sich jeder That von ihm zu gewärtigen habe‘, das steht drin, Frau Menz, und das Wort ‚jeder‘ ist noch extra roth unterstrichen und sieht aus wie Blut, so daß [86] ich einen richtigen Schreck kriegte und bloß nicht wußte, an wen ich dabei denken sollte, ob an Opitzen oder an Lehnert. Ja, liebe Frau Menz, ,jeder That’, so steht drin, und daß er aus diesem Grunde beantrage, die Strafe streng zu bemessen, und zweitens auch deshalb, weil er viel Anhang und Zuhörerschaft habe und überall in den Kretschams herumsitze und den Leuten Widersetzlichkeit beibringe, was um so thörichter und strafenswerther sei, als er eigentlich einen guten Verstand habe und sehr gut wisse, daß alles, was er so predige, bloß dummes Zeug sei. Er sei ein Verführer für die ganze Gegend, so recht eigentlich, was man einen Aufwiegler nenne, und rede beständig von Freiheit und Amerika und daß es da besser sei als hier, in diesem dummen Lande. Ja, Frau Menz, das alles hat Opitz geschrieben, und am Schlusse hat er auch noch geschrieben, daß man an Lehnert ein Exempel statuiren müsse, damit das Volk ’mal wieder sähe, daß noch Ordnung und Gesetz und ein Herr im Lande sei.“

„Das alles?“

„Ja, Frau Menz, das alles. Denn das weiß ich schon, weil ich öfter so ’was lese, wenn er erst mal im Zug ist, dann ist kein Halten mehr, und auf eine Seite mehr oder weniger kommt es ihm dann nicht an, schon weil er eine hübsche Handschrift hat und mitunter zu mir sagt: ,Nu, Christine, wie gefällt Dir das große H?’ und vor allem, weil er gerne so was schreibt von Ordnung und Gesetz und dabei wohl denken mag, so was lesen die Herren gern und halten ihn für einen pflichttreuen Mann.“

Christine hätte wohl noch weiter gesprochen, aber Lehnert, der schon von früh an oben im Dorf gewesen war, kam eben von Krummhübel zurück, wohin er eine Wagenachse abgeliefert hatte. Christine mocht’ ihm nicht begegnen, um nicht aufs neue in ein Gespräch verwickelt zu werden, oder vielleicht auch, weil sie die Wirkung der schlimmen Nachricht auf ihn nicht selber sehen wollte. So nahm sie denn ihren Weg über den nach der Waldseite hin gelegenen Brückensteg und kehrte auf einem Umwege und unter Benutzung einiger im Lomnitzbette liegender Steine nach der Försterei zurück.


9.

Frau Menz hatte zu schweigen versprochen, aber sie war unfähig, etwas auf der Seele zu behalten, und so wußte Lehnert nach einer Viertelstunde schon, was Christine berichtet hatte.

„Laß ihn, er wird nicht weit damit kommen!“

Er sagte das so hin, um die Mutter, so gut es ging, zu beruhigen, in seinem Herzen aber sah es ganz anders aus, und er ging auf das Fenster zu, das er aufriß, um frische Luft einzulassen. Er hatte diesen Ausgang wohl für möglich, aber, bei der Fürsprache drüben, keineswegs für wahrscheinlich gehalten, und nun sollte doch das Schlimmste kommen, und wenn er sich diesem Schlimmsten entziehen wollte, so gab es nur ein Mittel und mußte nun das geschehen, womit er bis dahin in seiner Phantasie bloß gespielt hatte: Flucht. Ungezählte Male war es ihm eine Freude gewesen, von dem elenden Leben in diesem Sklavenlande zu sprechen, von der Lust, dieser Armseligkeit und Knechterei den Rücken zu kehren und übers Meer zu gehen, und doch – jetzt, wo die Stunde dazu da war, das immer wieder und wieder mit Entzücken Ausgemalte zur That werden zu lassen, jetzt wurd’ er zu seiner eigenen Ueberraschung gewahr, wie sehr er seine Heimath liebe, sein Schlesierland, seine Berge, seine Koppe. Das sollte nun alles nicht mehr sein! Um nichts oder um so gut wie nichts war er das erste Mal von Opitz zur Anzeige gebracht worden und um nichts sollt’ es wieder sein! Und wenn es etwas war, wer war schuld daran? Wer anders als „der da drüben“, der ihm den Dienst verleidet hatte, sonst war’ alles anders gekommen und er wäre, was eigentlich sein Ehrgeiz und seine Lust war, bei den Soldaten geblieben und hätte seinem König weiter gedient und hätte jedes Jahr Urlaub genommen und wäre dann mit dem Hirschfänger und dem Czako durch die Dorfstraße gegangen und alles hätte gegrüßt und sich über ihn gefreut. „Um all das hat er mich gebracht, weil er mir’s mißgönnte, weil er nicht wollte, daß einer neben ihm stünde. Ja, er ist schuld, er allein. Um das Kreuz hat er mich gebracht, aber mein Haus- und Lebenskreuz war er von Anfang an und hat mich geschunden und gequält, und wie damals, so thut er’s auch heute noch. Er hat mir das Leben verdorben und mein Glück und meine Seligkeit.“

Als er das letzte Wort gesprochen, brach er ab und sah vor sich hin. Alles was in Nächten, wenn er nicht schlief, ihm halb traumhaft erschienen war, erschien ihm in diesem Augenblicke wieder, aber nicht als ein in Nebelferne vorüberziehendes Bild, sondern wie zum Greifen nah’, und in seiner Seele klang es noch einmal nach „und meine Seligkeit.“

Es war Mittag und Frau Menz brachte die Mahlzeit. Aber Lehnert aß nicht, und als die Alte ihm zuredete, wies er es kurzer Hand ab, stand auf und ging in seine Kammer, um, was ihn peinigte, los zu werden und Ruhe zu suchen. Wenn er hätte schlafen können! Aber er fühlte nur, wies hämmerte. Mit einem Male sprang er auf. „Nein, ich bleibe. Nicht fort. Ich will nicht fort. Einer muß das Feld räumen, gewiß. Aber warum soll ich der eine sein? Warum nicht der andere? Mann gegen Mann … und oben im Wald … und heute noch. Ich sage nicht, daß ich’s thun will, ich will es nicht aus freien Stücken thun, nein, nein, ich will es in des Schicksals Hand legen, und wenn das es fügt, dann soll es sein … Und das Papier drüben und alles, was drin steht, das will ich schon aus der Welt schaffen … Und wenn ich ihm nicht begegne, dann soll es nicht sein und dann will ich mich drein ergeben und will ins Gefängniß, oder will weg und über See.“

Lehnert war klug genug, alles was in diesen seinen Worten Trugschluß und Spiegelfechterei war, zu durchschauen, aber er war auch verrannt und befangen genug, sich drüber hinwegzusetzen, und so kam es, daß er sich wie befreit fühlte, nach all dem Schwanken endlich einen bestimmten Entschluß gefaßt zu haben. Er wartete bis um die sechste Stunde, legte dann wie stets, wenn er ins Gebirge wollte, hirschlederne Gamaschen an und stieg, als er sich auf diese Weise marschfertig gemacht hatte, von seiner Bodenkammer wieder in die Wohnstube hinunter. Hier riß er aus dem unter der Jagdflinte hängenden Kalender ein paar Blätter heraus und wickelte was hinein, was wie Flachs oder Werg aussah. Alles aber that er in eine Ledertasche, wie sie die Botenläufer tragen, gab dann der Alten, unter einem kurzen „Adjes Mutter“, die Hand und ging auf das sogenannte „Gehänge“ zu, den nächsten Weg zum Kamm und zur Koppe hinauf. Drüben in der Försterei schien alles ausgeflogen. Nur Diana lag auf der Schwelle und sah ihm nach.

Lehnert verfolgte seinen Weg, der ihn zunächst an den letzten Häusern von Wolfshau vorüber führte. Von hier aus bis zu dem das gräfliche Jagdrevier auf Meilen hin einhegenden Wildzaun waren keine tausend Schritt mehr, ein mit Kusseln besetztes Waldvorland, auf dem sich in diesem Augenblick eine Krummhübler Kinderschar heranbewegte, lauter halbwachsene Mädchen, die, von ihrem Lehrer geführt, eine Tagespartie nach der Schwarzen Koppe hinauf gemacht hatten. Lehnert blieb stehen. Als sie näher kamen, sah er, daß sie Blumen in Haar und Hand trugen. Und dazu sangen sie:

Schlesierland! Schlesierland!
Du bist es, wo meine Wiege stand.
Wo die Schneekoppe hoch in die Wolken steigt,
Wo der Kynast grau die Zinnen zeigt,
Wo Rübezahl tief im Berge thront,
Wo Liebe, Frohsinn, Treue wohnt,
Schlesierland! Schlesierland!
Du bist es, wo meine Wiege stand.

Es war dasselbe Lied, das er in seinen Knabentagen und dann später, bei den Jägern, auf manchem heißen Marsch in Frankreich gesungen hatte. Wie das Lied ihn jetzt ins Herz traf! Er trat zurück, um den jungen Dingern, von denen die meisten ihn kannten, den Weg frei zu geben. Sie nickten ihm zu und eine gab ihm im Vorübergehen den Enzianenkranz, den sie hoch oben im Gebirge gepflückt und geflochten hatte. „Da, Lehnert!“ Und kaum, daß sie vorbei waren, so nahmen sie das Lied wieder aus und sangen die letzte Strophe:

Schlesierland! Schlesierland!
Du bist es, wo meine Wiege stand,
Ach, werd’ ich je Dich wiederseh’n,
Im Schatten Deiner Tannen geh’n.
Und sehen, wie die Wolken zieh’n’?
Auch in der Ferne knüpft mich ein Band
An Dich, geliebtes Heimathland.

[87] 

Lehnert ^e die Schlußze^len utlwillktrljch. mitgesungen und wiederholte sie sich, als ob er in diesem Augenblicke schon ein tiefstes Heimweh in seinem Herzen empfunden hätte.

.^abei war er bis an den Wildzaun gek.mmen, bis an das Gatter, aus dem die Mädchen eilte keine Weile vorher heraus,- getreten waren Er öflnete jetzt seinerseits das aus Hvlzstämmen zusammengefügte, schwer in den Angeln gehende Thor und ließ es wieder ins Schloß fallen, ^und der Ton, mit dem es einklinkte, durchfuhr ihn und ließ ihn zusammenschauern. Er war nun drin itt dem Waldgehege. Was war geschehen? oder doch vielleicht, wenn er wieder heraustrat? Aber er entschlug sich solcher Ge-- dauketl und schritt die geradlinige, steile Straße hinauf, das "Gehänge, das hier am Gatter seinen Anfang nahm und ab,- wechselnd an hochstämmigem Wald ttud niedriger Kuflelheide voriiberführte. Dann und wann kamen auch Wiesenstreisen ltnd Streifen von Moorgrttnd" Es war jetzt um die siebente Stunde und hier oben herrschte schon Dämmer und abendliches Schweigen und nur dann und wann hörte man das Kluckeu und Glucksen eines bergabschießenden Waflerlaufes oder eine vereinzelte Vogel,, ^ stimme.. Kein Schmettern oder Singen, nur etwas, das wie ^ Klage klang. Am Himmel, der hell leuchtete, wurde die Mond- sichel sichtbar, ein blasser Ning, und einmal war es Lehnert, als ginge wer neben ihm her. Aber es war eine Sinnestänschung, ^ ttttd wenn er seinen Schrik anhielt, schwieg auch der begleitende ^ Schritt im Walde.

So war er, das "Gehänge hinauf, schon.,bis ziemlich hoch gekommen und durch etne bergan steigende Lichtttug im Walde ^ tonnt' er. bereits den Gebirgskamm in aller Deutlichkeit erkennen. Er sah aber nicht lange hinauf, sondern setzte sich, plötzlich der Nuhe bedürftig, auf eine Bank, die man.. hier" wohl zu Nutz uud Frommeu bergansteigender Sommergäste, zwischen zwei dicht uebent..ina^b^^tehenden Taimen angebracht hatte. Das dacha^^ überhängende Gezweige war Ursache, daß .es um die ganze Stelle her schon dunkelte, trotzdem war es noch hell genug, um alles Nächstliegende deutlich erkennen zu 'könnend An der anderen Seite ^ des Weges sprang ein Onell aus einer nur wenig übermanns,- ^ hohen Felswand, und der Umstand, daß man dem O.nell eine zierliche Holzrinne gegeben und ihn in einen von Moos über,- wachsenen Steintrog geleitet hatte, gab diesem Rastplatz etwas von einem Waldidyll. An dem Steintroge vorbei zog sich, nicht allzu weit unter dem Kamm hin , ein dem Zuge desselben folgender Pfad, der zuletzt auf die Hampelbaude zulief.

Lehnert wußte hier Bescheid auf Schritt und Tritt und hatte manch liebes Mal auf dieser Bank gesessen und nach dem ..Ouell ^ hiuübergeseheu und gehorcht, ob vielleicht .Opitz aus dem Unterholz heraustreten würde. Fast zu gleichem Zwecke saß er wieder hier, tlud als sichs drübeu eitten Augenblick wie regte, schoß ihm das ^ Blut zu Kopf und er grifl unwillkürlich nach links, wie wenn er, der doch noch ohne Waffe war, das Gewehr von der Schulter l reißett wollte. Nasch aber eutschlug er sich seiner Erregung wieder , und an ihre Stelle trat ein Lächeln.

Er wurd' überhaupt wieder unsicher und verlaugte, von der Begeguung gauz abgesehen, nach einem Zeichen, das ihm sage, was er zu thun habe. So brach er denn eitten dürren Zweig ab nnd machte zwei Lose daraus, in Läuge nur wenig von einander unter- ^ schieden, und that beide in seinen Hut. Und nun schüttelte er und ^ zog und maß. Er hatte das etwas längere Stück gezogen. "Gut . denn , . " es soll also sein " . ." und mit einer Naschheit, in der sich die Furcht vor einem abermaligen Schwanken und Uuschlüssigwerdell aussprach, erhob er sich von seiner Bank und schläugelte sich mit einer Fiudigkeit, die deutlich sein Zuhauseseiu an dieser Stelle zeigte, durch allerhand dichtes Unterholz bis auf eine Waldwiese, die ^ nach der einen Seite hin, ganz besonders aber in der Mitte mit i riesigen Hnflattichblättern überwachsen war, während sie nach ^ der anderen Seite hin in bnschhohem Farrenkrattt stand, das sich heckenartig an einer niedrigen Felswand entlang zog. In ^ dieser Buschhecke war nirgends ein Einschnitt, weshalb Lehnert, ^ der dies sehr wohl wußte, seinen Eingang von der Seite her nahm ttttd sich zwischen dem Farrenkrnnt und der Felswand hindurch- dräugte, mit seiner Rechten an dem Gesteine beständig hintastend. ^s er bis in die Mitte gekommen, war auch die Felsspalte da, uach der er suchte, freilich nur schmal und eng. Er streifte deshalb den Aertnel in die Höh', um beguemer mit Hand und Unterarm hinein ztt können, und nahm, als ihm dies gelungen, aus einer in der ^

Felsspalte verblichen Nische sein Doppelgewehr heraus, das hier, bis an den Kolben in eilt Futteral von Hirschleder gesteckt, seinen Ver- steck hake. Gleich danach hie.lt er auch Pulverhorn und Schrotbeutel itt Handelt, und abermals einen Augenblick später riß er von einem der von seiner Wohnung her mitgenommenen alten Kalender- bläker einen breiten Streifen ab, der als Schnßpsropfen dienen sollte, lud beide Läufe, setzte die Zündhütchen auf und hatte das mit zwei Drahtösen versehene Stück Werg, das ein falscher Bart war, über die Ohrwinkel. Und ttnn wand er sich, wie vorher zu dem Versteck hin, so jetzt mit gleicher Naschheit durch Farreukraut und Unterholz zurück und trat wieder auf die große Straße hinaus. Er war derselbe nicht mehr. Der flachsene Vollbart, der aus Zufall oder Absicht tief eingedrückte Hut, der Doppellauf über her Schulter ----- das alles gab ein Bild, das in nichts mehr an delt Lehnert erinnerte, der vor einer Viertel-, stuude noch, schwankend und unsicher, auf der Bank am Oluell geseflett hatte.

"Nun soll's kommen.," sprach er vor sich hiu und stieg höher hinauf, aus den Grat des Gebirges zu"

,t.

Stiller wurd es und uiemaud begegnete ihm. Nur eiu- mal trat ein Nehbock auf eine Lichtung und statld und Lehttert grifl scholl nach dem Gewehr, um anznschlagen. Aber im nächsten Augenblicke war er wieder anderen Sinnes geworden" ,,Nein, tticht fo. Sein Schicksal soll über ihn entscheiden, nicht i ch. Ich will ihn nicht heranrufen; ich hab' es in eine höhere Hand ge legt." Und sein Gewehr wieder. über die Schulter häugeltd, schob er sich weiter alt den Tannen hilt. Aber es warelt ihrer nick.t allzu viele mehr , immer lichter wurd es zwischen den Stämmen, ttlld kaum hundert Schritte noch, so lag der Wald zurück ttltd eilt breites Stück Moorland that sich aus, durch das jetzt mitten- hindurch der Weg unmittelbar auf den Grat hinaufführte. W.1 der Tors nicht zu Tage lag, war alles von einem gelben, sonn, verbrannten Gras überwachsen, dazwischen aber blinken Sumtes und , Wasserlachen, auf deren schwarzer Fläche die Mondsichel sich spiegelte. K.ein Leben, kein Lattt. Aber während Lehuert dieser Lautlosigkeit noch nachhorchte, kang plötzlich dnrch die tiefe Stille hitt ein helles Läuteu herauf.

"Das ist das Kapellchelt unten. Das fältgt an und lalltet den Sonntag ein."

Ulld wirklich, ehe noch eine Minute vergangen war, siel das ganze Thal mit all seinen Kirchen- und ^apellenglockelt eilt und wie im Wettskreit klangen die Tonwellen mächtig und melodisch bis auf den Koppengrat hinaus Und null war auch Lehttert obeu und . sah hinab. Der Mond gab eben Licht genug, ihll llnten im Thal, drill ebell ein dültller Nebel auflkeg,^ alles wie iu einem halben Dämmer erkennen zu lassen. Lange sah er hillab, bis das weite Thal nllten nichts mehr als eine Nebelkufe war. Nur um ihll her war noch klare Luft und die Mondsichel blitlkte.

"Wohin?"

Er sah uach kttks hiu, den Grat entlang, und bemerkte das Licht, das oben auf der Koppe schimmerte.

"Wenn ich mich 'ran halte, bin ich in zwauzig Minntelt obeu . ... . Und dann bin ich ihm nicht begegnet. Aber warnnt nicht? Weil ich ihm nicht begegnen konnte, weil ich ihm aus detn Wege gegangen bin. Ist das das Rechte? Heißt das sein Schicksal befragen? Ich darf ihm nicht aus dem Wege gehen, das ist keilt richtig Spiel; ich muß dahin, wo sichs begegltell

läßt ... Da ist mein Platz.

Uttd rasch entschloflelt, wa^ er sich wieder und schritt deu- selben Weg zurück, auf dem er gekommen war.

So lang er das Moor und seine freie Fläche zu Seiten hatte, hing er allerhand Träumereien nach, kaum aber war der Hochwald wieder tttlt ihtt her, so schien auch sein Ange zwischen den Stämmen hin das Dunkel durchdringen zu wollen. Aber es blieb trotzdem wie^s war und er war scholl wieder bis an jene

Wegstelle gekommen, wo sich die Bank befand und der ouell in delt

Steinkrog siel, ohne daß sich etwas geregt oder ihm auch nur im ge- ringsten die Gegenwart seines Gegtlers verrathell hätte. "Was soll er auch hier auf der großen Straße? Feigheit, nichts als Feig- heil!" Und sich von der Bank her, drauf er abermals eilte kurze

. ' [90] 

Rast genommen hatte zum Weitergehen anschickend, bog er drüben in,. den am Steintroge vorübersührenden Ouerpfad ein, der in langer Linie, wagerecht und ohne jede Steigung, auf die Hampelbaube zuführte. "Da will ich hin. In der Hampel- bande will ich schlafen. Und hab' ich ihn bis dahin nicht ge- troffen, so soll es nicht fein. Und ich muß ins Gef.tngniß oder in die weite Welt."

Er konnte nicht anders sprechen, denn er wußte nur zu gut, daß er bis dahin mit der Begegnungsfrage bloß gespielt hatte; jetzt aber mußte sichs zeigen. und wunderbar, statt erregter zu werden, ward er mit jedem Augenblicke stiller und seine Seele ruhiger, vielleicht weil er jetzt ein Ende absah. Uttd ihn verlangte danach, so oder so. Nur eines war ihm lästig, die Mondsichel blinkte so hell, als ob Vollmond wäre. "Der Bart ist doch immer uur eine halbe Verkleidung.^ Und wenn die Todten auch schweigen . . . Es wäre befler, die Woll.e drüben legte sich vor. ^

Und wirklich, sie that^s. Und was jetzt niedersten werte, war nur noch das matte Licht der Sterne . ...^

"Steh."

.Opitz war um eine Weg- und Buschecke gebogen und hielt auf fünf Schritt.

Und Lehnert stand.

"Gewehr weg. Was ein Nichtiger ist, der weiß, wie sichs gehört. Aber Du bist wohl ein Böhtttscher Eins, zwei . . ." Lehnert zögerte noch.

"Gewehr weg ... Drei Und im selben Augenblicke schlug der Hahn auf das Pistou. Aber das Züudhütcheu versagte. Uud nun schlug auch Lehnert an und zwei Schüfle krachten. Opitz brach zusammen.

In engem Bogelt an ihm vorbei ging Lehnert auf die Hanlpelbaude zu.

10"

Zehn Uhr war durch, als Lehnert, der inzwischen seilt Ge- wehr an einem anderen Versteckort wieder untergebracht hatte, bei der Hampelbaude eintraf. Trotz spater Stttnde war noch Lebelt drin, sogar Tanz. zu dem zwei böhmische Harfenistinnen voll mittleren Jahren und eilt zwölfjähriger Geiger lustig aufspielten. Lehnert setzte sich und ließ sich ein Nachteflen geben, als es aber bor ihm stand, schob er es wieder zurück und sprach nur dem Bier zu. Was um ihn her tanzte, waren Sommergäste, Berliner, darunter Mütter , die dicht vor der silbernen Hochzeit, und Töchter, die dicht vor der ersten Konsirmationsstunde standen. Anch die Väter waren, in Ernlangelung anderen Tattztnaterials, mit herangezogen worden, behäbige Männer mit ängstlich kurzelt Hälsen. ..dazwischen trippelten die Backsische mit hohen Knöpfltiefelll und lallg herab.- hängendem Haar, dessen letzte natürliche Welle dem vorauf- gegaugeueu fechsflündigen Marsch ilt der Iulihitze längst zum Opfer gefallen war.

Lehnert sah auf das Treiben, und mitunter konnte es fast den Anschein gewinnen, als freue er sich darüber, am meisten wenn die jungen Dinger, von denen einige immer aus dem Take heraus und andere noch gar nicht hinein waren, alt ihm vorbeiwalzten. Dann aber schwand mit einemmal wieder alles, was um ihn her war, und er sah wieder Opitz um die Buschecke biegen, hörte, wie der Hahn aufschlug, und sah seinen Gegner zusammenbrechen. "Er hat es nicht anders gewollt ... Ob er tobt ist? ...... . er muß

todt sein . . ." Und während er noch so sann und in sich hinein redete, trat er aus dem heißen Saal jus Freie hiuaus tlud sah nach dem Gehänge hinüber und dann hinauf in den gestirnten Himmel. Da stand die Sichel in aller Klarheit über ihm, aber über dem Todtett am Wege stand sie auch.

Eine kalte Nachtluft ging und .Lehnert trat wieder in dett Saal, der sich allmählich zu leeren ausiug.

Als die letzten fort .waren,erschien .Lissi, seiue gute Freundin, auch eine Böhmen, ilt der Thür und sagte: "Nun, Lehnert, was meinst? Wenn ich der Bertha zurede, spielt sie noch eitteu Ländler nuf, einen "Ländler oder einen Schottischen." Und die Harsenistin, die jedes Wort, das die beiden sprachen, gehört und guteu Grund zur Freundschaft mit der Kellnerin hatte, fuhr auch gutwillig über

die Saiten. Aber Lehnert wich aus und sagle, daß er die fremden Herrschaften , die gewiß sehr müde feien, in ihrem Schlafe nicht stören wolle.

"Was Du da nur redst, Lehnert. Du willst halt utt. Das is alles. Aber gieb acht, wenn Du willst, will ich tut. Und damit griff sie nach einer ganzen Anzahl von Seideln, die leer auf den Tischen umher standen, und ging spöttisch und hochmüthig an Lehnert vorüber. zuletzt kam auch der Wirth. "Nu, Lehnert, ich sehe, Du willst zu Nacht bleibet.. Schlimm; alles voll bis unters Dach. Aber komm nur, ich weiß schon, was Du gern hast." Und dabei ging er voran und stieg, während Lehnert folgte, draußen am Giebel eine Leiter hinauf, die zu- nächst bis an eine Lttkenthür und durch diese hindurch nach dem Heuboden sührte.

Lehnert machte sichs hier begnent und suchte zu schlasen. Aber es war zu schwül und der Heugeruch zu stark. So trat er denn wieder bis an die Lttkenthür heran und riß einen der beidett Flügel auf. Aber eben so rasch schloß er ihn wieder. Schräg ..ber ihm stand die Mondsichel und sah herab auf ihtt und fragte.

Bald nach Tagesanbruch war Lehnert auf. Alles schlief noch i und nur das hübsche böhmische Mädchen, das er am Abend zuvor i durch sein "Nein" erzürnt hatte, stand im Hof und spaltete Holz. ! Sie schien ihtt nicht sehen zu wollen. Er trat aber an sie heran ^ und sagte. "Laß gut sein, Lissi. Du weißt, ich bin kein Spiel- ^ verderber und weiß, was sich paßt. Und wenn einem ein hübsches ^ Mädel, und ttttn gar eins wie Du, eitten Kuß oder eiueu Tanz ^ anbietet, da soll man nicht tteitt sagen. Das weiß ich so gut ^ wie einer. Und hab' ich Dir schou was abgeschlagen? Nun, siehst Du, Du lachst" Also laß gut sein . Ich konnte nicht, mir war so schwindlig und ich hätte von dem Bier nicht trinken sollen. Und nun mache mir einen Kaflee, hörst Du? Uttd vergiß nicht, wer znerst kommt, der mahlt zuerst. Für die Berliner ist das andere gut geung."

,,Ach, die schlafen ja noch" Uttd damit ging er auf eiueu Vorplatz zwischen Stall und Giebel und setzte sich in eine Gitter- laude, die an der windgeschütztett Seite mit Winden spärlich um- wachsen war.

Uttd nicht lange, so kam der Kaflee mit Brot und Butter und einem Eognae; denn Lissi kannte seine Gewohnheiten. "Auf Dein Wohl, Lissi. Und das nächste Mal tanz' ich, bis ich unt^ falle." Und als er das sagte, streckte er die Hand nach ihr aus. Aber sie gab ihm einen Klaps und sagte. "Du denkst halt, jede Stauda ist gut zum Brezelbacken. Aber da irrst, das is tut wahr. .Wer nicht kottttnt zur rechten Zer^ . . . Uttd jetzt ist uicht rechte Zeit und morgens ist nicht abends . . . Aber mein Gott, da klingelt es schon und ruft auch schou. Ich wette, das ist die dicke Madame, die gestern tattzte, wie wetttt ihre Hochzeit war'."

Wirkich, es war drinnen im Hause lebendig geworden, uttd Lissi ging hinein und überließ Lehnert seinem Frühstück und seinen Betrachtungen, die nicht frenndlich, aber auch nicht traursg waren. Gestern, als er hier ankam, war er in einer vollständigen Er- schöpfung gewesen und das Geschehene hatte noch mit all seinem Graus auf ihm gelastet. Das war aber über Nacht anders geworden, vier Stunden festen Schlass hatten ihm seine Sprungkrast und Energie zurückgegeben und ließen ihn jetzt das Behagen an einem gut befetzten Frühstückstische voll genießen, was alles in allem überhaupt kein Wunder nehmen konnte; denn wenn er schou wie so viele andere die Fähigkeit hatte, sich die Dinge, auch die schlimmsten, nach seinem Wunsch und Bedarf zurecht zu legett, fo war noch im besonderen alles, was sich gestern abend ereignet hake, so wunderbar glücklich für ihtt verlaufen, daß selbst ein zu Trugschlüflen und Spiegelfechtereien minder geneigter Eharakter als der seine Veranlassung gehabt hätte, sich über Gewisfetts- skrupel einigermaßen hinwegzusetzen. Was er vorgehabt hatte, ttttn, dartiber mochte sich streiten lassen, was sich aber tatsächlich ereignet hatte, war nichts als ein Akt der Nothwehr gewesen. Opitz hatte den erstett Schuß thun wollett, und wenn dieser Schuß versagt und ihm das Spiel in die Hand gegeben hatte so war das so recht ein Zeichen, das ihtt in seinem Gentüth beruhigen [91] durste. Tos Frühere ,.mü der Begegnung oder Richtbegegitmtg und dem Gottesurtheil darin, das war etwas Ausgeklügeltes ge- wesem setzt aber war das Schicksal aus freien Stückelt für ihn ein- getreten und hatte gegen Opitz entschieden. Er seinerseits war nur Werkzeug gewesen, dessen sich die Vorsehung zur Abstrafung eines

bösen Menschen bedient hatte.

Ties waren so die Vorstellungen, in denen er sich erging

und die so stark waren, daß selbst die Stimme des Mitleids darin

erstickte. Nur all die Frau dacht' er mit Theilnahme. „Sie war immer gut gegell mich; ober sie wird sich trösten und nach Jahr und Tag dem vielleicht danken, der's that und sie mit bestecke.

Und nun war sein Frühstück beendet und er empfahl sich und ging auf die Rieseubaude zu. Hier angekommen, bog er in den Riesengrund ein, sich berechnend, daß er um 8ehn in Trautenau sein könne. Da, das wus^t' er, saud er Freuudschaft und Anhang und konnte leicht weiter, fort in die Welt, und war dann keine Roth und Gefahr mehr. Aber mußt' er denn fort.' Um was war denn überhaupt alles geschehen? Doch nur, um nicht in die Welt hinaus zu müssen. Wenn er aber umgekehrt Platz machen wollte, dann konnte ja „der andere“ bleiben und die ^eute weiter

guälen. Nein, er durste nicht gehen! Wenn erging, war alles

umsonst gewesen. So sann er aus seinem Wege hin und her, und als er bis Iohannisbad gekommen war, war er entschlossen, den Weitermarsch bis Trautenau auszugeben und in seine Wolsshauer Stellmachern zurückzukehren. Es zog ihn mit einemmal wieder heim und ein seltsames Verlangen regte sich in ihm, 8eugo zu still, wie nun alles kommen werde.

Der Abstieg war begueln gewesen, setzt aber ging es wieder

steil bergan und voll Bequemlichkeit war keine Rede mehr. Ill- besten er war ein guter Steiger und schon um Vier war er

wieder aus dem Koppenkamm und um Sechs in Wolsshau. Die Mutter, die die Siebenhaarsche Predigt unten in Arns-

dori nicht versäumt hatte, staub am Herd und hielt iust einen Bunzlauer Kasteetops und ein Stück Streuselkuchen in Händen, als ...iehnert uilter Kopsnicken eintrat.

„Guten Tag, Mutter!“

„Tag, ^ehnert!'.

„Weiter nichts, Muttern Du bist doch sonst nicht so kurz. Nichts Neues? Nichts vorgefallen r. Keine Menschenseele da- gewesen^ Der Streußel da kann doch nicht durch den Schorn-

stein gekommen sein, wie der Klapperstorch oder der Gottseibeinns.“

„Ach, rede doch nicht von dem, der kommt doch, der kommt auch so.“

„Durch die Thür, meinst Du^“

Sie nickte, that einen 8ug und starrte dann wieder schweigend vor sich hin, ohne ^Lehnert anzusehen. Der schwieg auch. Endlich sagte sie: „Opitz ist noch nicht da.“

„So'.“'

„Die Frau war hier und weinte:“

„Warum.'“

„Weil sie glaubt, daß ihm was passirl sein könne.“ ii.chltert lachte. „Tann muß eine Förstersfrau iedeli Tag

weinen.“

„Und dann fragte sie nach Dir . . .“

„So, so. Und was sagtest Du^“

„Daß Till nach dem ,Waldhaus' gewollt hättest und vom Waldhaus nach Arnsdors . . . vielleicht von wegen dem Haf . . . zum Grasen Aber ich wüßt' es nicht genau.“

„Das ist recht, Mutter, daß Du das gesagt hast, daß Du gesagt hast, Du wüßtest es nicht genau. Das ist immer das

pefte, das mußt Du immer sagen. Und nun gieb mir einen Schluck von dem Kassee da. Reim laß lieber, ein Teller Milch ist mir besser. Ich bin verhungert und verdurstet. Seit heute früh keinen Bisten und keinen Tropsen.“

Beide standen auf, ^ehllert um sich umzuziehen und die Gamaschen abzuthun, die Mucker, um ihm die Milch zu holen, die nach i^andesbrauch in einer vom User aus vorgeballten Steinhütte stand, durch welche die Lomnitz hindurch schoß und Kühle gab.

Als gehnert wieder treppab kam, sah er, daß die Mutter ihm das Abendbrot vor dem Hause hergerichtet hatte, neben dem Rosenbusch, unter dessen überhängendem Gezweig er am liebsten

saß. Trüben aber, m der Hausthür der Försterei, stand die gute Frau Opitz und sah abwechselnd nach dem Gehänge hinaus und dann wieder in die tlestoth untergehende Sonne.

„Nicht hier, Mutter l“

„Aber es ist doch Teilte .^ieblingsstelle!“

„Ja, sonst. Aber heute nicht. ..

Und er hieß sie den Tisch mit ansasselt und beide trugen ihn mit leichter Mühe durch den Flur, bis vor die Küchenthür. Da nahm er nun Platz und aß.

Als er damit geendigt hatte, stand er aus und ging wieder in die Borderstube, in der jetzt völlige Dämmerung herrschte. Die Mutter war noch draußen, und so schritt er aus und ab und

überlegte, was werden würde. Mck einemmal aber war es ihm, als würde die Klinke leis geöffnet und wieder ins Schloß ge- drückt, tind als er sich umsah, stand Christine vor ihm.

„Da, .i.iehnert!“ Und sie hielt ihm bei diesen Worten ein

nach Art eines amtlichen Schreibens zweimal zusammengesacktes Papier hin Als er es auseinandergeschlagen und, aus Fenster tretend, einen Blick hineingeworfen hatte, sah er, daß es der

Bericht war, in dent Opitz seinen Strafantrag gestellt hatte.

„Ierreiß' es!“ sagte Christine. „Ich hab' es gefunden. Es

lag auf seinem Schreibüsch.“

„Aber er wird es suchen, wenn er nach Hallst wenn er wieder kommt:“

„Er kommt nicht wieder.'.

Und damit war sie sort, und er sah nur, wie sie rasch über

delt Steg hinhuschte, wieder der Försterei zu.

.lkl

„Er kommt nicht wieder,.' hatte Christine gesagt, - sie s konnte nicht wissen, was geschehen war, und fte wußt' es doch'. Daß er von ihr nichts zu bestirchten habe, das bewies das Papier,

i das er iit Händen hielt , und doch konnt' er sich eines Gesichts

^ banger Unruhe nicht eutschtagelt. Erst hatte die Mutter in Alt- deutungen gesprochen und nun Christine. Wenn er vor aller Welt der war, gegelt den sich der Verdacht wie von selbst richten musste, so war er verloren oder hatte doch aus lange hin einell schweren Stand. Er war müde von dem vielskllndigen Bergaus

und Bergab, aber seilte Crregung war doch so stark, daß es ihn zu Hanse nicht litt. Er mußte wieder hinaus, und die Frage war nur: „wohin.“'

Am nächsten lag ihm Vater Brauuer, in dessen Ausschank „8tir Rabenklippe“ die Holzknechte zu verkehrelt und sich bei einer Stonsdorfer oder einem Ingwer gütlich zu thun pstegteu; aber das war keine Gesellschaft, die heute für ihn paßte. „Was macht Opitz^“' oder „ist Opitz noch immer gut bei Wege^“ Das waren Fragen, die sich hier in zurückliegender 8eit, und noch ganz vor kurzem, mehr als einmal und mitunter mit ganz be- fonderer Betonung an ihn gerichtet hacken, und er erschrat bei dem Gedanken, daß sie sich auch heute wieder an ihn richten könnten. DaS sollte nicht sein, und so beschloß er denn, statt in

die „Rabenklippe“ lieber ein paar tausend Schrine wecker bis zu

Cruers in die „Schneekoppe“ zu gehen und in der wohlbekannten niedrigen Gaststube mit Gebirgsstthrern und Sesselträgern oder

vielleicht auch mit alten Kriegskameraden, was immer das beste war, eine Unterhaltung zu suchen. Denn er sehnte sich danach, eine Stimme außer seiner eigenen zu hören und polt seiner Ullriche loszukommen. Er griff denn auch bald nach seiner Soldatenmutze, die liebelt dem Gewehr und dem alten Kalender am Riegel hing, und schritt auf Krummhiibel zu. Halbeu Weges zwischen Brücken-

berg und der Obermuhle trat er voll dem klefergelegenen Wolfshau

her auf delt eine lange Schräglinie bildenden Fahrweg und sah

nun eilterseits nach Kirche Wang hinaus und andererseits nach Dorf Krunllllhtlbel hinunter, dessen weiße Giebel, klotz der schon herrschenden Dämmerung, in aller Deutlichkeit aus den vereinzelten s Baumgruppelt hervorbliuklen. Der am deutlichsten blinkende Giebel aber war der von Cruers „Schneekoppe“, und das helle li.icht, das er dicht über der Straße stimmern sah, kam aus eben der Gaststube, drin er sich gütlich thun und hören und sprechen und alles, was ihn auälte, nach Möglichkeit vergessen wollte. awischeu ihm und Cruer lag nur noch der Gerichtskretscham und das kleine katholische Kapellchen mit seinem Sparrenwerk und seinem roth- gestrichenen Dache. [92] Der Abend siel rasch ein, unb nur über Arnsbvrf, Urs unten im Thal, hing nach ein rotes Gewölk, dar dem der Schakenriß eines Kirchturms aufragte. Nechts daneben zag sich ein langes schlaßartiges, man erleuchtetes Fabrikgebäude, dessen Fenster durch den Abendnebel hin gespenstisch flimmerten. Lehnert, der rüstig zuschrik, schickte sich eben au, die Fenster des obersten Stacks zu zählen, als er heftig zusammenschrak. Auf dem Kapellchen, an das er bis auf fünfzig Schritt heran war, begann es eben zu läuten uud die" zwischen dem Sparreuwerk hängende Glacke klang mit ihrem dünnen Tone hell und scharf durch die Lnft. Es mar dasselbe Läuten, das gestern, bald nach seitler Rast am Onell, vam Thale her zu der Kammhöhe hinaufgedrungen war, und unwillkürlich hielt er an und suchte, während er sich rückwärts wandte, die Stelle, drauf er gestern um eben diese Stunde ge- standen hatte. Da war auch die Mandsichel wieder, und so schwach in diesem Augenblick ihr Licht war, so war es dach hell genug, den Weg aiu "Gehänge" .hin deutlich zu zeigen, auf dem er gestern um fast dieselbe Zeit emporgestiegen war. Und dort war die Stelle, wo der Seitenpfad, an dem Brunnen vorüber, in scharfer Krtimmung abbag, und er mühte sich, ab er die nach der Hampelbaude hinüberfahrende Onerlrnie vielleicht verfolgen könne. Jetzt war sie da, die Linie, und jetzt wieder nicht, je nachdem die Phantasie mit ihm spielte, bis er niit einem Male einen Ausblitz und ein Ranchwölkchen sah und gleich danach den Widerhall eines Schufles durch die Berge ralleti hörte.

Die Sinne vergingen ihm fast. Aber ein viel Erschuke.ru,- deres harrte seiner im nächsten Augenblicke, denn ehe nach das Nollen van Schlucht zu Schlucht verhallen kannte, kaiig es dent-- lich vam Berge her zu Thal: "Hilfe f^

Lehnert hielt sich an dem das Kapellchen stimmt seinem dazu gehörigen Schulhaus einsassenden Heckenzaun und harchte hinauf, ab sich der Nuf wiederhalen würde. "Ia," "nein," und datin wieder "ja." Und van einer furchtbaren Angst geschüttelt, war er bald nur nach van dem einen Verlangen erfüllt, die Stimme von da oben nicht mehr zu hören, dem Hilferuf zu entstieheti" Aber wahiii? Erner, das ganze Darf, alles schien ihm nach im Bereich der Stimme zu liegen, im Bereich des Hilfernfes da oben vom Gehänge uer, und so lief er denn weiter bergab, uttt die Nacht in Arnsdorf aber wo's sanft sei, nur weit, weit ab ztt verbringen.

Er war schon halb bis nach Arnsdorf heran und wallte eben in ein Wäldchen einbiegen, das die Krummhübler das "Birkicht" nennen, als er andern Sinnes wurde, plötzlich in seitier Flucht anhielt und sich auf einen der vielen Baumstämme setzte, die hier, am Waldsaume hin, aufgeschichtet lagett.

"Es geht nicht. Ich katin so nicht weiter. Er lebt, es war seine Stimme, . . . Um Gottes Barmherzigkeit willen, vier- undzwanzig Stunden .... so viel tausend tausend Sekunden . . . Ich muß. es anzeigen, daß ich einen Hilferuf gehört habe ... bei Zaelfel oder E^ner oder im Gerichtskretschant. Und sie müssen diese Nacht nach hinauf, diese Stunde noch."

Uud nun schwieg er, weil ihm niit einetnnial der Gedanke kam, daß er sich, wenn er spräche, verraten würde. Bald aber nahm er sein Vorhaben wieder auf.

"Nein, ich werde mich nicht verratheu. Gerade daß ich es sage, das wird mich retten und wird alle Welt glauben inachen, daß ich schuldlas sei. Biu's auch . " . Uud wenn er mich erkannt hat? Er hat mich nicht erkannt. Und Vermutung ist kein Beweis. Uud wenn dach? Nun denn, dann mag mir das Messer ati die Kehle gehen. Ich kann ihn nicht verkommen lassen in serner Nath und seinem Blnt""

Und .er wandte sich wieder und stieg die nach Krummhübel zurückführende Berglehne fast noch schneller hinauf, als er herab,- gekommen war, und es war noch nicht zehn Uhr, als er vor Erners "Schneekoppe" hielt. Da wallt' er hinein und sah durch die Fenster. Aber es waren zu viel Fremde da; so stieg er denn weiter ^nauf, bis er an den Gerichtskretschatn kam. Da war es stiller und nur Einheimische waren da, was ihm paßte. Vorher aber übersann er noch einmal in aller Vorsicht, was er sagen wolle. Da war denn das nächste,. was ihm eittsiel, daß er das Nufen nicht schon vor einer Stunde gehört haben dürfe, fondern in diesem Augenblick erst. Und nun trat er ein und machte Mel- dung und begrüßte Maywald und Neigensink und deti alten Gerichtsmann Klose, die sich eben zum Skat niedergesetzt hatten.

Aber keiner rührte sich und das S^iel ging weiter. "Grand ^ mit vieren,'^ sagte der alte Gerichtsmann. "Und nun komm, Lehnert, und sieh mit hinein, verstehst es ja, so was lernt man bei den Soldaten . . . Und gerufen hat es, sagst Du " . . Das sind Fremde . . . junge Leut' . . . Heute früh kanieti Breslauer hier durch, ein ganzes Nudel, Gymnasiasten, oder wohl gar welche van der Kunstschule. Das ist dann ein ewiges Singen und Rufen. Und das verdammte Schieten dazu .^ .. Soll eigentlich nicht sein . . . Uttd wenn Opitz ^mal eiueu packt, dann is er sein Terzeral los oder auch seinen Revolver. Denn ahne Revolver geht es heutzutage nicht mehr ... Du giebst, Maywald. Aber was Ordentliches . . . Dann is er sein Terzeral los, sag' ich, und die Geldstrafe hat er dazu . . . Wetter, ist das ein Blatt. Aber das kammt van salchen Geschichten, da grault sich ^tte gute Karte ^ , Nimm einen Stuhl und rücke 'ran, Lehnert, und hilf mir aus der Patschef"

"Kann nicht, Gerichtsnianti Klase," sagte Lehttert. "Ich war heute schati drüben und bin müde zum Auslöschen . . . Und Ihr meint also, es wäre nichts und man hätte keine Pflicht, hin- aufzusteigen und nachznfehen? Von dem Schuß will ich uichts sageu, geschossen wird immer. Aber das Rufen. Es klang so, ja, wie sag' ich, es kang so, wie wenn es was wäre."

"Ia, wie wenn es was wäre," lachte Klose, während May- wald zustimmte, "was ".sein wird es wohl. Aber was? Ein Kommis, der seines Prinzspals Gelder zu früh einkafsirt hat!"

Es war Lehnert nicht unlieb, die Skatherren, die zugleich zu den Dorshanarakaren zählten t^detin auch Neigensink, der sich übrigens zurückhaltender verhielt, war Gerichtsnianti^, so leichthin sprechen zu hören. Es gab ihm einen Theil seiner Nahe wieder. Sie haben am Etide dach recht. Und eigentlich kantig auch nicht anders seitt. Es ist schon zu lange her . . . Aber wenn es doch wäre . . . wenn es doch wäre . . ."

Draußen vor dem Kretscham stand ein Ackerwagen, Lehuert setzte sich aus die Deichsel utid sah das Gehänge hinauf uud horchte wieder mit gespatititettt Ohr. Aber alles blieb still. So ging er denn zuletzt auf Walfshau zu. Bei Frau Opitz war uoch Licht, und als er vorüber ging, schlug Diana att. Sonst rührte sich itichts.

Utid 111111 war er wieder auf dem Iuselchen drüben und stieg iti seine Kammer hinauf. Eiue keine Weile noch jagten sich allerlei Bilder und Gedanken durch seine Seele. Datin schlief er ein, fest und schwer und ohne Trauni.

12.

Die Skatpartie blieb zurück, war aber nicht bestimmt, itn- gestört zii gutem Etide zu kommen, denn wettig mehr als eilte halbe Stunde nach Lehuerts Aufbruch hörte man draußen eiu

Sprechen und Weinen, und ehe die Skatherren noch fragen konnten, was es sei, trat Frau Opitz ein, um drilinen in der Stube zu ^ wiederhalen, was sie schon draußen im Flnr der Kretschainwirthitt erzählt hatte. Alles iti ihrer Rede drehte sich um den Mann und sein Ausbleiben. Opitz habe gestern spät nachmittags die Försterei verlassen und sei nach der Hanipelbande hinaufgestiegen, um oben itti Wald den Holzschlägern den Wochenlohn auszuzahlen. Das sei nun über vierundzwanzig Stunden und noch sei er nicht zurück, weshalb sie fürchte, daß ihm etwas zugestoßen sei. All das wurde varwiegend zu dem Aeltesten, zu Gerichtstnann Klase gesprochen, einem rüstigen Fünsziger, der, weil er gerad' im Verluste war, keine Lust hatte das Spiel unterbrochen zu sehen. Er suchte des- halb der heftig schluchzenden Frau nach Möglichkeit znzitreden und dabei, so weit es ging, ohne geradezu zu verletzen, einen leichten und heiteren Dan anzuschlagen. Opitz werde gute Ge- sellschaft itltd vielleicht sogar eine Skatparke gesundeli haben, so was käme vor, wie Frau Opitz ja jetzt mit eigenen Augen sähe. Solch Ausbleiben sei nicht schlimm. Alle Frauen ängstigten sich, wenn die Männer nicht pünktlich zu Hause seien, aber das kenne man schon, niit der ganzen Angst sei^s nicht weit her und sei eigentlich alles bloß, um den Mann, dem man nie recht traue, hinterher desto fester am Bändel zu haben. Er sprach noch eitte gute Weile so weiter, unter beständigem Niederlegen und Wieder- ausnehmen seiner Karten, und schien ernstlich gewillt. sich durch diese "Habereien" der guten Frau nicht stören zu lassen. Als Frau Opitz aber nicht nachließ und in ihrem Bitten und Drängen [94] [115] [116] Menz sei gescheit unb umsichtig, unb g^ade. daß er aus der Hampelbande vorgesprochen unb genächtigt habe. das beweise fein gutes Gewissen. Auch daß er sich hier im Saal immer an der Thü.r gehalten und die Varlrsung der letzten Warte kaum abgeumrlet habe, spreche nicht so sehr gegen ihn, als es scheine. wahl aber spreche das für ihn, daß er der erste gewesen sei, der auf Hilfe gedrungen habe.. Ia, rasche Hilfe, das sei das einzig Nichkge gewesen. und er für ferne Persan bekage jetzt nnfrichkg, daß man nicht gleich gestern abend dirse Hilfe geleistet habe.. "..^nhschein war. Unb vielleicht hätten wir ihn um .^kernacht nach am Leben gefunden.^ Auch diese Nebe wurde beifällig aufgenommen, was ben aken Klafe sichtlich de.i:flimmte, und weil man sich, wie das sv leicht geschieht, infolge dieser immer persönlicher werdenden Fehde nicht recht einigen krmnte, stand man eben auf dem Punk, die Frage nach der Thäterschaft varlänsig wenigstens ganz fallen zu laflen, als der Grenzauffeher und gleich uach ihm der junge Fa'rs.t-- gchilfe, die man .beide zu weiterer Nachforschung an .Ort und Ste.lle zurückgriassetl hatte voll graßer Aufregung eintraten. Sie waren erschöpft, denn es mar immer schwüler geworden; trotzdem ließ sich unschwer van ihrer Stirn lesen, daß sie gute Batschaft brachten und ihr Suchen nach einem Anhal:.spunke nicht vergeblich gewesen war.

"Run, Ihr Herren," empfing sieder alte Klose mit der ihm eigenen Gemüths'enhe. "Was bringt Ihr? Aber erst einen Eagnae und dann Euren Bericht. Eine Bärenhitze.. Mahwald, wir wallen Thür und Fenster aufmachen. Sa! Nun herangerückt ! ^Und nun, Ihr Herren, was giebt es?^

Der Grenzaufleher, wricher der ältere war, nahm zunächst das Wart und erzählte mit dieler Anschaulichkeit, wie sie, nach Ansmeflen der Fußspuren - denn 'ums anderes habe sich nicht sinden laflen wallen ------ nahe dran gewesen spien, unverrichteter Sache

wieder umzukehren, als sein Kamerad, und hierbei wies er auf den jungen Forstgehilfen, eines angebrannten Papierskickchens an,- sichtig gemarden sri, das an der abgestochenen schmalen Lehm.- wand des Weges gekebt habe. Dies Papierskickchen sei, wie sie gleich vertnnthet, rin ^chüsipfrapfen gewefen, was sie denn be-- sttmmt habe, .dasselbe sarglich auseinander zu falten und zu glaken.. Hier sei es und könne vielleicht zur Entdeckung des Thäters führen; denn es sri, wie leicht zu sehen, kein gewöhnliches Stück Zeiktngspapier, sondern ein Stück van einem alten Kalender, und der Monat sri nach halb und die Jahreszahl 1010 nach ganz deukich zu lesen. Er glaube, daß das wichtig sri; denn in dem-- selben Hause, drin man einen alten Kalender van 1010 finde, werde man muthmaßlich auch den Mörder zu suchen haben.

Alles war nnter diesem Berichte des Grenzaufsehers in Auf,- ren.ung gerathen, weil jeder fühlte, daß die nächste stunde schon das Gehrimniß aufkäreu mufle. Naktrlich war eine Haussuchung nöchig, und zur Frage stand nur nach das eine, bei wem damit begannen werden falle.

".Bei wem anfangen?" fragte der Alte. "Bei .Lehnert Menz," antwortete der Farstgchilfe. "Gull Und wann?^ ^ ,,I,n dieser Minute noch. ^.enn er hat viel Freundschaft hier herunt, und ersährt er, was wir vorhaben, ader wahl gar, wonach wir fachen, so wandert der Kalender in den ...^fen ader er selber in die Wek. Er hat es schan lange var.^

Alle waren einverstanden. Nur einige wenige blieben im Kretscham zurück, der Nest aber ging auf .Walfs^an zn.

Bei der graßen Hitze, die herrschte. zag man es dar, die ganz in greller Sanne liegende Ehaussee zu vermeiden und lieber von dem hochgelegenen .Kretscham aus gleich nach links hin bergab zu steigen, um hier, im Schaken der Berglehne, den Weg an der Kühlung gebenden Lamnitz hin zurückzulegen. Unterwegs wurden einige wieder unsicher und "Zweifel ließen sich hären, die, wenn sie nicht geradezu van dem jüngeren Gerichtsmann ausgingen, sa dach wenigstens durch eben diesen genährt wurden. Ein halb-- verbrannter Papierpfrapfen sei gefunden warben, so viel stehe fest,

aber dieser Papierpfrapfen brauche keineswegs aus dem Gewehre ^ des Wilddiebs zu stammen. Auch O,.s)itz .habe geschaflen, wenn i nicht im^ Kampf, warüber sich vielleicht streiten lasse, fa habe er doch jedenfalls ein paar Nach,- und Signalschüfle abgegeben, was aus feinen eigenen Aufzeichnungen hervorgehe. Solcher Aeusierungen wurden hinten im Zuge mehrere laut, aber an der Spitze der Kalanne,

wa neben Klase der aus Erdmannsdarf herbrigekammene Gendarm Bre.h marschirte, hielt man an der einmal gefaßten Meinung fest und

war nur einigermaßen überrascht, als man im Näherkammen an dtt., Inselchen und seine Stellmacherei Lehnert Menz gewahr wurde, welllt nnter der Thür staud und damit beschäfkgt war, rin paarü^rhättgelld^ Rasenzwerge mit Bast wieber zurück an den Stamm zu landen.

Sa wenigstens schien es. Er stand abgewandt und sah sich bei seiner Arbeit erst um. als er den Trik der Herankommend^ ^ auf der keinen Bahlenbriicke härte.. T.'nß er zusammenfuhr mm sich verfärbte, sah niemand. Entschlaflen gjng er dem Trupp bis an den Brnckensteg entgegen und begriißte den alten Gerichtsmaml.

"Ich wrsß, Gerichtsmann Kluse, weshalb Sie kommen Dabei zag er den Hut und trat rrspekdall bei Seite. Der All- ^redete lächelte.

"Nun gut, Lehnert, wenn Ihr wißt, weshalb wir kotulllett, ^ sa werdet Ihr auch nicht erstaunt sein , wenn wir vorsichtig sittd nnd Eure kleine Frstung absperren und die Brückenstege besetze. ^ Ich will Euch und uns wünschen, daß sich schließlich alles gl.. ..nicht nöchig gewesen herausstellen möge. Varläusig aber lltllf, ich Euch bitten. voranzugehen und dafür zu sargen, daß wir '^(tt im Auge behalten. Im übrigen fallt Ihr, vor der Hlllld wenigstens, persönlich unbehelligt bleiben, denn es handelt sich nicht ^ ' um Eure Persan, sandern um eine Sache. Wir sind nämlich hier, um Euer Haus nach einem falschen Bart zu durchsuchen."

Der alte Klase sagte das so hin, um den unter Verdgt1.lt ^, (stehenden auf eine falsche Fährte zu führen und dadurch sicher zu machen, was auch glückte. Lehnert stieg varanschreitend die ^ Steintreppe hinan, während der Gerichtsmann und der junge Forst- ^ gehilfe folgten. Gendarm Brey aber postierte sich vor der Vorder- thür und überwachte van dieser seiner Hachstellung aus die .durch den anderen Trupp ersalgende Brsetzung der beiden Benckeustt.g^ In der Stube begann inzwischen rin Wehkagen und ...^e- ^ schrei.. Die alte Menz warf sich dem Gericht.smann zu Füßrtt, . tnßte dem jungen Farstgehilfen die Hand und schwor und jammere, daß sie unschuldig sri und von uichts wifle, und daß Lehnert ench unschnldig sei und rin frommes Gemüth habe, was ja der liebe ^ Pastor Siebenhaar bestäkgen könne, der ihn auf die Freischlll^ geschickt, weil er immer die Sprüche so gut gelernt und imtlle^ neben der "Orgel gestanden und am besten gesungen habe. Ig,^ ^ sa sei das Lehnertchen immer gewesen, ein .rammen Gemüth llllb .' kranke keinen und keine Fliege nich an der Wand. Und was die : Leute gesagt haben und was auch ^pitz gesagt habe, --^ Gatt hal^ ihn selig, denn er war ein eugri^guter Mann, und nun gar erft^ die Frau, die gab all und jedem, - das sei nicht wahr und alles . blaß gelagen, weil es so diel schlechte ..Menschen gebe, die eillellt ^ nichts gönnen , und sie seien unschuldig. Und wenn sie v..^ Gattes Thran stünde und sie sollte es ander"., sagen, fa könnte sie , nicht anders sagen, als daß sie unschuldig seien und Lehnert tmth, . denn er fri immer ein frommes Kind gewesen, und Siebetthaar . unten in Arnsdars .

In diesem Augenblicke wurde 'der junge Farstgehilfe, während ^ die Hände der Frau Menz die Kniee des alten Klase nach wje ^ var umklammert hielten.. riniger an einer Bindfadenschlinge hängell- ^ der Kalenderbläker gewahr und machte .Miene, darauf zuzuschrellell. ^ .Lehnert, der mit klugem Auge jeder .Bewegung gefolgt war, ^ wußte, daß man ihn jetzt in Händen habe.

. "Laß dach, Muker!^' rief er dieser in erkünsteltem Zorne zu. ^ während er die .Knieenbe vom .Baden aufriß, "ums erniedrigst Du .Dich? Ich will das nicht. Ich kann das nicht mit anseh'n" Und die keine Frau heftig schükelnd, schab er sie, scheinbar nur um dem Geschrei und Gewimmer rin Ende zu machen, auf die Thür und den Flur zu.

Der mittlerweile ganz an seine Fährte gebannte Forstgehilfi. war. ahne für das, was sonst in der Stube vorging" einen Bück zu haben, an die vergilbten .Blätter herangetreten und hob sir fammt dem Faden, daran sie hingen. dam Nagel. Und scholl das erste, worauf sein Auge siel, war das, wonach er suchte.

"Wir haben ihn!" Und triumphkrenden Auges an den ^ alten Gerichtsmann herantretend, wies er auf die Ia^reszahl oben rechte in der Ecke. "Wkr haben ihn!^

Und unter diesen Warten eilte man nach dem Flur hinaus, um Lehnert, deflen Schuld nun klar war, in Verhaft zu nehmen. Aber wo war er? .Die Alte lag draußen, in wirklicher ader er,- heuchriter ..Ohnmacht, jedenfalls unfähig ader unwillig, auf die stürmisch an sie sich richtenden Fragen Antwort zu geben.. Wa war er? Dsp Brückenstege waren nach wie var besetzt, so mllßt^ er [118] denn, wenn nicht em Wunder geschehen war, im Hause selbst irgendwo verborgen sein. Und bis unter das Dach hin wurde nun jeder Winkel und Verschlag untersucht und die Suche bis in Schuppen u^M^krller fortgesetzt" Man durchwühlte das Heu, die Hobelspäne, selbst in den Rauchfang stieg man hinauf und wurde ^l^t müde, das oberste zu unterst zu kehren. Alles um- sonst" DieAlte wttßte ttichts. Er spar fort.

14.

Sechs Jahre waren hin, und wieber war Stmnmer, als ein schlank aufgeschobener Mann von Mitte dreißig, der in seinem Aufzuge halb einem Eooperschen Trapper und halb eittem Bret Harteschen Kuliforuier aus den Goldfeldern, den "Diggings" glich, auf einem beguelueu Waldpfade zu den Shawnee.Htlls en'tporstieg, einem ausgedehnten, füdlich vom ^ttmtr Kansas in den fogenannten Indiatl.-Terrkories" gelegenett Gebirgszuge. Er. kaut vom Fort Mae Eulloch, das er schon tags vorher verlassen, und hoflte noch vor abend in dem an der andern Seite der Shawnee-Hills ge- legen en Fort Holges zu sein, an dessett Befehlshaber er einen Empfehlungsbrief hatte. Der Brief selbst aber lautete:

Dem Kommandierenden von Fort Holmes empfehle ich den Ueberbringer dieser Zeilen, Mr. Lionheart Menz, aus San Fratleiskv, einen Preußen .l^aus Silefia) von Geburt, der bei Gelegenheit des letzten Eisenbahnunsalls nach Fort .Mae Eulloch gebracht und von uns in mehrwöchige Pflege genommen wurde. Er hatte einen ^ruch des linken .Oberarms erlitten. Mr. Lionheart Menz hat sich hier uttser aller Herzen gewonnen. Er war, eh'" er ttach San^an^sto ging. ^mehrere Jahre lang in den Diggings, kam dafelbst zu ^Vermögen undchake vor, von San Franeisko nach Portland und von Portland nach Shanghai zu gehen, um dafelbst in ein Geschäft einzutreten, als der Zusammenbruch der Neu-Me,riko^ Bank ihn fast um sein ganzes V erm ö gen . brachte. Von neuem anzufaugen, war er unlustig, und so hat er denn bor, es wieder als Zittlnt ermann zu versuchen, attt liebsten, seiner eigenen Angabe stacht in der ^rettschneidebranche, weshalb er an den Mississippi will, wahrschernlich nach St. Louis und, wenn er dort scheitert, nach Milwaukee, Wiseonfin. Er ist, wie alle Deutscheu, tnnflkalisch, wovon er uns Proben gab, trotzdem ihm die ganze Zeit über nur die rechte Hand zur Verfügung war. Jetzt ist er vollkommen wieder her- gestellt, und Ihr werdet zu Spiel und Tanz. mehr von ihtn haben als wir. Seilte eigentliches Instrument ist die .Zither. hierlan des wohl .schwer ^ be^^en, aber er knipst ^n.ch auf der Violine, meistens mit eitlem Federspule, was allemal eine vorzugliche Wirkung macht. Er bat den Wunsch ausgesprochen, seine Weiterreise, zu- ttächst wenigstens , zu Fuß machen .zn dürsen, weil er sich nach so vielen Wichen voll Unthätigkeit nach Bewegung und Anspannung sehnt. Wir haben seinem Wunsche gern willfahrt und ihtn zwei von unseren Eherokeeleuteu als Führer und Träger mitgegeben" Unsere Bitte an Euch geht nun dahin, ihm in Fort Holmes gast. lich begegnen zu wollen, mit jenem Entgegenkommen, das Ihr immer übt und das sich in diesem Falle doppelt belohnen wird. Er ist nämlich, von serner Mnsik ganz abgesehen, über deutsche Zu. stände gut unterrichtet, war Anno Siebzig in der Nähe bes deutschen Kronprinzen und hat den Einzug in Paris unter Bis- ntarcks Augen mitgemacht. Daß seitte .Stelluttg in jenen Tagen eine hervorragende gewesen fei, wird sich kanm annehmen lassen, aber er hat doch den Vorzug, von allem damals Erlebten erzählen ztt können. Ich empfehle mich Eurer kattteradschafllichen Geneigtheit.

Henry Wood, Kommandant von Fort Mae Ettlloch." So der .Bries, der das, was Lehnert in den letzten sechs Jahren erlebt hatte kurz erzählte. Ia, so war es gewesen: ein Vermögen war rascher hingeschwunden, als er es erworben hatte. Im übrigen war die Nachricht von dem Bankrott der Nen-Me^ilo- Bank, so unvorbereitet sie ihn traf, ohne tiefere Bewegung von ihtn ausgenommen worden, weil ihtt dieser beinahe völlige Vermögens- vertust rasch und mit eiltent Schlag einem im Lauf des letzten halben Jahres in Sau Fratteisko geführten Spekulationsleben entriß, das ih^u eigentlich schon widerstand, während er .e^ noch mitmachte. Ia, er sehnte sich nuspit^ an die Sltu^^l^

mit ^^rtr.^^ ^^.^^1^^ ^j ,^rrs r.H^rr ^r1^r^^ e.t) auch mit ^run^.fl^^ Abenteurern in den Diggings verbrachten Lebens und des schlimlnertt itt der kalifornischen Hauptstadt wieder ein Leben voll Arbeit treten zu laflen, und die Neise nach dem Osten erschien ihm als der erste Schritt dazu. Selbst der Eisenbahnunfall, der ihn traf, war

nichb d.üzu augethun, i^hn anderen Linnes zu machen. Itn Gegen.. theil, die stillen Wochen in Fort Mae Eulloch hatten ihn in diesen seinen Anschauungen nur noch gefestigt, und es wtr unter einem lange. u^cht ^e^ten Behagen, da^ er jetzt frssch und rüstig die Shawne^Hills ^naufsit^, auf kaum süns^ schritt die. beiden Eherokees vor sich, die feinen Kofler an einer über ihre Schultern gelegten Stange trugen. Von Zeit zu Zeit sahetl sie sich nach ihm um, und ihr freundliches Grinsen, wenn er nach diesem oder jenem fragte, steigerte nur noch die Heiterkeit seiner ^eele. .

Gegen mittag hatten alle drei, ttach mehrmaliger Nast, den Kamm des ziemlich hohen Gebirgszuges erreicht, und Lehnert sah nun weit und frei nach Norden hin. Alles, was da vor ihm lag, war ein wohl 'an sieben Meilen breites, von der von Galbeston

kommenden Bahn dnrchschnittenes ouerthal, an dessett entgegen-

gesetzter Seite das .Land allmählich wieder anstieg, bis es abermals einen ziemlich hohen, dem diesseitigen .Zuge der Shawne^Hills entsprechenden Bergzug bildete. ^ Dazwischen war wenig nebelt" Von den Ortschaften an der Bahn hin waren nur die weiter entfernten fichtbar: Station Darlington und Station Gibfon^tztere schon ganz drüben^ während sich die verhältnißmäßig nahe gelegene Station Holmes famtnt ihrem gleichnamigen ^.ort verbergen zn wollen schien. Erst als Lehnert die beiden Indianer herbeirief und nach dem Fort fragte, gaben sie seinem Auge die nöthige Nichtung, und nun sah er (die Station blieb versteckte wenigstens die vier gekrtpferteu Thürmchen voll Fort Holmes dentlich in der hellen Sonne blinken.

Und ehe noch fechs Uhr heran war, hatte sich Fort Holmes j^nller Gas^krit an^tan, trotzdem der mitgebrachte Empfehktttgs . brief, und zwar infolge zufälliger Abwesenheit de^ Kommandanten von Fort Holmes, noch gar nicht seine Schuldigkeit hatte. thun können. Als nun aber zwei Stunden später der Kontmaudi^rende wieder daheim . war uttd. den ausführlichen Brief feines Kameraden Henry Wood von Fort Mae Eulloch gelefen hatte, steigerte sich das Entgegenkommen noch ltttt ein Erhebliches, und Aufforderungen von beinah' dringlicher Natur ergillgen an Lehnert, auch in Fort Holmes eine längere Nast nehmen zu wollen. Lehnert aber, den ein ernstliche^ Verlangen erfüllte, dem vielwöchigen Nichtsthun ein. Ende zu machen, blieb nur bis über den zweiten Tag. Am Morgen des dritten nahm er Abschied und schritt vom Fort aus auf das aleich- natuige Stationsgebände zu, das in kattnl halbstündiger Entferttung gerade da, wo der Schienenweg aus dem Gebirge trat, in einet halbmondförmigen Ausbiegung am Sattln eitles Ahornwäldchens lag" Die kleine Bahnhofsuhr voll Station Hollges zeigte neun Uhr früh, als Lehnert dafelbst eintraf. .In einer Viertelstunde mußte der von Galveston ttach dem Norden führende Zug da seitt, er kam aber mit erheblicher Verspätung, so daß Lehttert und die wettigen Personen, die tnit ihm auf dem Bahnsteige warteten, sich beim Einsteigen beeilen tnnßten. Die Wagen waren nur schwach besetzt und in demjenigen, in welchem fichs Lehttert alsbald be., attettt zu machen snchte, befand sich nur ein einziger Mitreifender, ein junger Mann von achtzehn Jahren, der, wiewohl einigermaßen abweichend von der Mode gekleidet, trotzdevt leicht erkennen ließ, daß er einem gntett Haufe zngehörte. . Seine Züge verriethett den Deutschen, während andererseits die Sicherheit und Nnhe feitter Haltung mit gleicher Bestimmtheitzeigte, daß er, wenn auch vielleicht nicht in Amerika geboren, so doch jedenfalls amerikanisch geschult fei. Die Gegend schielt er zu kennen. Er las, in die Ecke gedrückt, eine Zeitung und hatte den linken Arm auf eine Ledertasche gestützt, in deren Messingschild, wenn nicht alles täuschte, der Name de^ jungen Neisenden eingraviert war. Lehnert snchte denn auch das Eingravierte zu lesen, was ihm unschwer glückte. "Tobias Hornbostel" stand in oberster Reihe, dicht darunter aber in etwas kleinerer Schrift: "Nogat-Ghre, Station Darlington, Indiat^Territory." Das war beinah^ eine Biographie, mindestens eitle volle Adresse. In Lehnert stieg, als er Namen und Ortsangaben entziffert hatte, eine alte Erinnerung auf, und wenn er scholl vorher den Wunsch einer Gesprächs- anknüpfung gehabt hatte, so steigerte sich dieser Wuusch jetzt bis f. ^u festem Entschluß" Er wollte nur warten, bis der Mitreisende ^oll^^Zeitungs^att^t^^r^Hand gelegt haben würde. Das war tttttl geschehen und Lehnert sagte: "Ihr seid ein Deutscher."

Der, an den die Frage sich richtete, bejahte mit vieler Freunde lichkeit und fragte dann seinerseits, woran er ihn erkaltnt habe. "Nichts leichter als das," sagte .Lehnert. "Du hast das [119] deutscheste Gesicht, das ich all mein Lebtag gesehen habe. Lache nur! Und siehst dabei so klar aus und so gut. ^u nullst mir ^ "Du nennst mich Dtl?

"Unb Du mich auch," fuhr Lehnert^rt, "was mir nur be- weist, daß ich recht habe, Du bist nicht bloß ein deutscher, Tu bist auch ein Mennauit. Und die Mennonttrn ueuueu sich, glaube ich, .Du^, ganz so wie die ..Ouäker."

"Daß ich nicht wüßte. Iedenfalls nicht immer."

"Aber doch oft. Und.. wenn sie Tobias Hornbostel heißen, . dauu ganz gewiß. Nicht wahr?"

"Ia, dauu gewiß," antwortete Tobias und streckte ihm die ^ Hand entgegen. "Ich sehe, Du hast gute Augen und hast Namen ^ und Ort auf dem Messiugschilde gelesen. Und aus ^Nogat-Ehre^ ^ hast Du den Schluß gezogen, daß ich ein Mennonit sein müsse." l

"Freilich AberDu tristst es nur halb. Schon Drin Name Hornbostel hätte mir alles gesagt, auch menn ich den .Ortsnamen NogatEhre gar nicht gelesen hätte. Vor sechs Jahreu, als ich eben herübergekommen, war ich in Dakota, wo sie damals bie Schwellen und Schienen für die Nord-Parisie.-Bahlt legten, uud itl einem Dorfe, das uns wegen seiner Tieflage viel zu schaflen machte - wenn ich nicht irre, uauutelt sie's Dirschau in eben i diesem Dorse waren Meuuouiten, und der .Oberste der Gemeinde ^ hieß Hornbostel, Obadja Hornbostel, mir noch deutlich in Erinuerung,' i weil wir, verzeih', über den Namelt oft scherzten. Uttd ich weiß ^ auch, daß die Nebe davon war, in Obadja Hornbostels Farm ein-. zutreten, wo's uns jedenfalls besser ergangelt war', als in unserem ^ fiebrigen Sumpfloch. Aber ich hatte damals noch die .Sehusttcht f uach den Diggiugs hiu, weil ich ein Narr war und reich werden . wollte. Sonst hätt' ich's wahrhaftig auf der Stelle versucht ... ^ Obadja Hornbostel, ein hübscher, aber etwas sonderbarer .Name." ^

"Das war mein Vater."

Lehnert erschrak fast. "Aber das war ja doch in Dakota, ueunhuttdert englische Meilen von hier^ '

"Und ist doch so, wie ich sage. Wir waren erst in Dakota, ^ da bin ich auch geboreu, und uteille Schwester Ruth auch. Uud ^ unsere Mutter ist da begraben. Uttd wir dachten auch in Dakota ^ zu bleiben. Als aber ein Streit mit der Behörde kam und ^ die klugen Herren, die man utts uach Dakota schickte, so thatetl, . als ob wir Mormonen seiett, 'oder doch nicht viel anders, da machte der Vater kurzen Prozeß und zog aus wie Abraham, uttd die ganze Kolonie mit ihm , und diesen Herbst werden es fünf Jahre, daß wir hier sittd und eine tteue Heimath habett, in . der man uns, bis jetzt wenigstens, nicht gestört hat. Erst sollte es wieder Dirschau heißett, so wenigstens wollt' es der Vater, ^ aber schließlich gab er es aus und ttauut' es wie die Gemeinde wollte. Und so wohnen wir denn in .Nogat-Ehre^.

Lehttert sah nachsinnend itl die Landschaft hinaus. Erst uach einer Weile nahm er das Gespräch wieder auf und sagte: "Glaubst , Du, daß Dritt Vater mich brauchen katttt?"

Tobias schwieg.

"Du schweigst. Uttd ich sehe daraus, Ihr seid sehr wählerisch geworden seit Dakota."

"Nein. Das uicht. Ich überlege nur, wie's wohl giuge." .

"Das soll Euch keilte Sorge machen. Ich habe von .Kind ^ ans Schwielen alt meinen Händen gehabt und welttt ich sie hatten ^ war mir immer am wohlsteu" Ich will Drittem. Vater itt der Wirthschast helfen, pflügen und graben, wenn es sein muß, ^ ttttd das Vieh austreiben. Ich weiß mit A.rt und Säge Bescheid ttttd kann Uhren reparieren und Dach decken, mit Schindel ttud mit Stroh, und eiueu Stolleu in den Berg schlagen. Und ich katttt auch die Schreiberei besorgen und werde mich überhaupt schon nützlich machen"

Tobt) nickte. Als aber Lehnert gleich danach in Erfahrung brachte, daß man in weniger als einer halben Stnttde schon auf i Station Darlingtott eintreffen werde, ließ er das Thema, das er vorläufig als erledigt ansah, fallen und sprach statt dessen voll . Utah und den Heiliaeu ant Salzsee und zuletzt auch von Kalifornien. ^

"Kennst Du Kalifornien?" fragte Toby.

"Nur zu gut! Was ich in vier Jahren in den Diggiugs ^ Sorbett, bin ich itl vier Monaten in SanFranrisko wieder los . geworden.^ Aber es ist gut so. Ich habe nie onl Gelde gehangelt und will nur frei seilt. Ist Drill Voter streng? Ein großer Befehlshaber?"

"Er bestehlt nie, Er sagt nur: .Ich bellte, wir macheu das so.'^"

Lehnert lachte: ".i^, das kenn' ich, das ist die fromme Form, aber es läuft auf dasselbe hinaus. Uebrigeu.s ist's mir gleich" Wo Verstaub befiehlt, ist der Gehorsam leicht. Bloß der Befehl reiu als Befehl, bloß hart und grausam, da kann ich nicht mit, das kann ich nicht aushalten."

Toby sah ihu groß au. "Das ist recht, was Du da sagst. So denk' ich auch und so denken .wir alle. Und wenn Du so bist, da diu ich auch sicher , Du wirst dem Vater gesalleu" Er hat es gern, wenn man frei spricht und eine Meinung hat" Aber eine Form muß es habett, darauf hält er."

Uuter diesem Gespräche. hatte man Darlington erreicht, ultd beide stiegen aus. Eilt kleiltes Poltygefährt war scholl vorher bis dicht alt das Statiousgebäude herangefahren und ein junges Mädchen vott kaum sechzehn Jahren hielt die Zügel ilt Händen. "Grüß Dich Gott, Nttth!" rief Tobias scholl von weitem. Eilt listig drein- schattender jultger Eherokee, der den Dienst auf der Statiolt hatte, staud llebelt dem Gefährt unerwartete. Diesem warf das junge Mädchen mit großer Geschia^tmkeit die Zügel zu, ...sprang vom Wagen und war im nächsten' Augenblick ill herzlichem Gespräch mit ihrem ^ Bruder. T.ies.. Gespräch aber drehte sich um Lehnert nnd ob man ihn nicht sofort nach Nogat-Ehre mit hiltausuehmetl solle, was die Schwester von ^hreltl Bruder Toby zu fordern schien. Uud ilt der That trat dieser noch einmal alt Lehnert heralt und sprach ilt dem Sinne, wie's Nltth gewollt hake. Lehnert aber wollte, daß Toby erst bei seinem Vater anfrage, und so lehnte er es ab, ^sofort mitzugehen. Gr werde die Nacht im Stations,- hause zltbriugen und allt anderen Morgen aus die Farm hinaus- kommen. So^sei's am besten und Tobh sblle nur vorher schou für ihn sprechen ttltd uichts volt dem vergessen,was er ihm gesagt habe.

Damit treltllte man sich, und eilte Minute später rollte das Ponygefährt wieder in die Landschaft hilleilt. Toby fuhr jetzt, während Rüth delt Arm tttlt des Bruders Schulter gelegt hatte. Der blatte Schleier flog und unfeiner Biegung des Weges sahen sich beide noch einmal um und ....grüßten.

"Utlschnld . . ." sagte Lehuert. "Wer Dich hat, hat das Glück."

.lv...

Am andern ^rgen war ^hnert früh aus. Die .Luft war frisch .ultd steigerte das Wohlgefühl, das ihm ein guter und aus.- kömutl^her Schlad gegeben hake; trotzdem aber .war seine Z u versicht dahin und einem starken Zweifel gewinn, dem Zweifel, ob er, trotz s.riner i Unterredung mit Tobias, den ...^chritr auch chun und sich ilt Nogat-El)re melden .solle. Wie , war seilt Lehen verlaufen? Unter Abenteuer und Geloaltthät^g.krit und unter Auflehnung gegelt Ordnung und .Gesetz. Und er .wollte sich bei den Mennonifen vergingen? Ia, wer warelt delln die Mennoniten? Damals, als er noch ilt Dakota lag und abend.... beim Gin immer nur ein Witzeln über die Mennonitelt hörte, die für reich galten und weiter nichts., da hält' es vielleicht gepaßt, weil ers nicht besser wußte. Jetzt aber wußte er, daß es fromme Leute spielt, fleißig uud wahrheitsliebend und Feinde von Eid und Krieg. lind in solche Friedensstätte wollt' er einbrechen ? Das durft' er nicht ; er gehörte nicht dahin, er war eine Störung, und wenn er keilte Smrultg war tlud den Friedelt der Friedfertigen nicht trübte, war er feiltersrits der Mann, delt Frieden, delt er da vorsand, auch nnr tragen zu können? Lag es nicht so, daß der Krieg sein einzig Stück glücklich Leben gewesen war? Ulld was verwarf der Mennonit mehr als den Krieg?

So sinnend, sah er auf das Bahugeleife, das auf kaum zehll Schritt Entfernung hart an ihllt vorüber nach Norden führte. War es nicht bester, diesem eisern vorgeschriebenen Wege, wie er's nrspriing^ich gewollt hatte, zu folgen^

Er überlegte uoch, als er schräg llebelt der Bahn ein zier, fiches kleine^ Fuhrwerk über die Felder bammelt sah, und eilt zweiter rascher Blick war ausreichend, ihll erkennen zu lassen, wer die Herankommenden friert. Es waren die Geschwister, die gestern anf demselben Feldwege die Heimfahrt nach Nogat-Ehre gemacht hatten, und Nuths Schleier, der auch heute wieder wehte, uahttt ihm delt letzten Zweifel. Uud mit diesem Zweifel sielen auch alle

die Bedenken, die seit Stuudelt auf ihm gelastet hatten, wieder voll ihm ab und es stand wieder fest in seiller Seele, daß er's bei dett Meltnottiten versuchen müsse. Freudig erhob er sich und giug rasch auf den kleinett Wagelt zu, der, eben die Schienelt kreuzend, [122] mit geschickter Blegultg auf den Hvf des StaUonsgehälldes fuhr. ^ Derselbe junge Eherokee, der schon gestern bei Lehnerts Ankunft i bereit gestanden hatte, sprang auch heute wieder dienstfertig hinzu, ^ Tobias aber gab statt spiner der Schwester die Zügel in die Hand, sprang dann ab und begrtißte sich mit Lehnert. "Alles in Ordnung! ^ sagte er. "Ich habe mit dem Vater gesprochen und es ist nun ^ an Dir, in unsere Farm einzutreten und sein Hansnteier zu werden. ^ Od erster ober zweiter, wird sich zeigen. Er ist froh, einen Deutschen mehr in feinem Hause zu haben" Er sa.gte, die Deutschen seien die besten, auch wenn sie, verzech, nichts taugten. Und nun erlaube mir, nachzuholen, was ich gestern versäumt habe,^Dir nt eine Schwester Nuth vorzustellen; steig' auf und setz Dit^ neben f sie. oder noch besser, wir setzen uns zwei beide aus den Nücksitz ^ ltttd Nuth krtrschiert. Sie sährt nämlich wie ein Fahrer, ein Wort, ^ das ich einem Landsmann von Dir verdanken

Während Toby noch y.untrr plauderte, lenke das Wägelchen in den Feldweg ein, und die Bahn in immer weiter werdendem ^ Abstaube lieben sich, ging es zwischen den Maisfeldern hin, deren hoher Stand den Wagen samtnt seinett Pontes überragte. Schließ- lich war man aus den Maisfeldern heraus und gelber Naps lag vor ihnen, bestell Duft der Wind ihnen zutrug. Und dazu klangen die Glöckchett, wenn die Shettländer ihre langen Mähnen schlttadn, lttlt sich der Bremsen zu erwehren. Lehnert aber sog das alles begierig , ein, und es war ihm, als flog er und als wären es alte Zettelt und als thätrn sich Hermath un.b^ljfck noch einmal vor ihm auf. .

"Ist das alles Euer?" frng er und wies auf die Frucht- ^ felder liuks und rechts.

"In," sagte Toby, "das heißt, es ist alles Mennouitenland, alles ...eogabEhre. Was aber dem Vater persönlich gehört, unsere . Farm, das liegt nach der anderen Seite zu, das sollst Du morgen ^ sehen, da steht es 'noch bester und der Klee geht bis über die Wagenräder. Du utußt nämlich wissen, der Vater ist ein großer Farmer und Lattdntattn und lirst alle Zeitungen und Zeitschrssten, und was die Gelehrten anraten , das schafft er all und scheut

kein Geld. Nicht wahr, Nuth?"

Nuth llickte langsam und gravitätisch, ohne sich nach ihnen umzusehen, und Lehnert sah aus der halb^ komischen Art, in der diese Zustimmung erfolgte, daß obadja zu den Neuerungsschwärmern ^ gehören müsse. Ueherhanpt konnte er wahrnehmen, daß das Gemisch von Offenheit und Heiterkeit, das ihn schon an dem Bruder fo angezogen hatte bei der Schwester noch stärker vertreten war. Von Ernst und Schwerfälligkeit keine Spur; ihr Frohsinn war von jener entzückenden Art. wie die kndlich Gläubigen ihn so ost habell, die nicht anders wissen, als daß Gottes gütige Vaterhand sie jedett Augenblick hält und trägt und schützt, - ein beseligendes Gefühl immer abwesender Gefahr.

Eine kleine Pause war eingetreten, und Toby, dem daralt lag, ^ das so glücklich eingefädelte Gespräch auch sortgesetzt zu sehelt, nahm ^ es an alter Stelle wieder auf und sagte. "Ia, kein Geld und keine , .^h^. Nichts scheut er. Ultd das alles bei seinen hohen Jahrett." ^

"Ist er denn schon so alt?" sragte Lehnert. "Ihr seid ja ^ doch beide noch so jung."

"Dreiundsteb^ig,^ lachte Nuth.

"Da muß er sehr spät geheiratet haben."

Jetzt verdoppelte sich das Lachen. Aber Toby, der wohl i fühlte, daß da,.,' dachen Lehttert verlegen machen müsse, gab lltllt ^ Aufklärung und erzählte, daß der Vater dreimal verhekräthet ge,. wesen sei, so daß sie viele Halbgeschwister hätten. Die Kinder . der ersten Ehe seien nach Preußen, nach Danzig tllld Dirschau, ^ zurückgegangen , die der zweitelt lebten in Dakota, und sie beibe i seien die jüngsten. Ihr ältester Halbbruder sei schon über vierzig ^ Jahre alt und voriges Jahr zum Besuch in Nogat-Ehre gewesen. ^

In diesem Augenblicke stieg der Boden ein wettig an, uud als man oben wart wurde in kleiner Entfernung eine blinkende, i langgestreckte, nur hier und da von hohen Pappeln überragte Häuser- reihe sichtbar, auf die Nuth jetzt mit der Peitschenspitze hindeutete. . "Das ist Nogat-Elue. Siehst Du^s? Itt einer Viertelstunde sind wir da. Das setzte Gehöft da, zwischen den zwei Pappeln, das ist unser Haus. Und dann kannst Du sehen, wie wir leben" Es ' wird Dir schongefallen. Du siehst so recht aus, als ob Du , glücklich und zufrieden sein könntest. Aber ich spreche so, wie wetttt wir Dich schon hätten. Und nur haben Dich doch noch lange nicht. Ich weiß ja noch nicht einmal Deinen Namen " . . Toby, warum hast Du mir seinen Namen nick.tt genannt?"

Toby lächle. "Weil ich ihn selber noch nicht weif,. Uttd der Vater hat auch gar nicht danach gefragt, Aber nun mird e'^ freilich Zeit damit, wenn wir nicht mit einem Namenlosen in Nogat.Ehre einfahren.wollen."

"^ch heiße

"Eitt hübscher Name," sagte Toby.

Nuth nickte zustitntnend. Aber gleich dana^ schien sie wieder wie .walkend und schwankend zu werden und setzte hinzu. "Ia, hübsch. ^ Aber was ist ^ Ist es ein Kalendername?"

"Freilich ist er das. Und Du solltest ihtt kennen. Lehnert ist Lienht^dt. ^jenhardt und Gertrud^ wirst Du doch noch nicht ganz ver.^feu^aben.^

"Rem, gewiß nicht. Es war. die schönste Geschichte, die wir als 'Kinder gelesen haben. ^ Und der Vater kam ost dazu, wenn lue Muker sie vorlas, und^ wenn Lienhardt und Lehttert ein . und ^ dasselbe sind, dann gesällst Du mir noch bester. Und wenn Du so bist wie Lietthardt, denn ich weiß noch, daß er gut war, da wollen wir gute Freunde werden""

16.

Als Nuth noch sprach, fuhr man über einen Bruckenbogen und ..ler'ckte^ jenseit desselben in einen breiten, mit juttgen Akazien besetzten '^ Weg eist ^ zu dessen einer Seite ein von den Bergen kommender Bach schättmte, während sich an .der anderen Seite die Gehöfte der Mennonitenkolonie hinzogen. Man war in Nogat- Ehre. So viel Lehnert während der Fahrt dur^ die lange,Dors- straße wahrttehmett konnte, waren die Gehöfte von ziemlich gleichem Anssehett und bestauben aus einem einstöckigen Fachwerkwohnhaus, das ..mit breiter Front auf die Straße blickte, während die großen Stallgebäude glter . standen und mit ihren Giebeln auf die Straße sahen. Einige hatten vor ihrer Thür eine mit Geisblatt und Pfeifenkraut umspounene Gitterlaube, von der aus vier oder fünf Steinstufen zunächst auf den Akazienweg und dann bis zum Bach hinabführten , allen Häusern . gemeinsam aber war ein von einem Staketenzautt eingefaßter Vorgarten, in dem zwischen Tartts- und Buchsbaumrabatten einige wenige Georginen, meist aber Malven nttd Sonnenblumen standen, ganz als ob es Garten aus der Nogat- und Weichselttiederuttg wären.

Lehnert ging das Herz auf beim Anblick der einfachen Anlagen, die den aus Deutschland mitgebrachten Gartentypus mit so viel Vorliebe pflegten, und wandte sich eben, um eine große Glaskugel uud ein bemaltes Bienenhans noch einmal flüchtig zu tnnstertt, als das Ponygefährt auf einen ansteigenden und fast eine Nampe bildenden Kiesweg hittauflettkte und nun bor dem Schwellstein eines nüchtern wirkenden, weitschichtigen Hanfes hielt, das zum Unterschiede von den anderen ohne Staketenzann und Vorgarten war ttnd durch seine Stille, die hohen Fettster und ein paar gothische Holzverzieruttgett an ein halb kirchliches Gebäude gemahnte.

"Hier fittd wir," fagte Toby, nahm seiner Schwester die Zügel aus der Hand und wartete, bis ein Knecht lattch hier eiu junger Eherokee,. vom Hof her erschien, dem er das Gespann über- geben konnte. Dann traten alle drei in ein bis hoch hinanf mit Holz verkleidetes Treppetthans, das durch die ganze Tiefe des Hauses lief. Als man bis an die geradlinig aussteigende Treppe gekommen war, gab Nuth dem Lehnert zum Abschiede die Hand, wandte sich aber auf der drittett Stufe noch einmal und sagte: "Die Hauptfache tticht zu vergessen, Gott ..segne Deinen Aus- und Eingang." Und ttttn erst eilte sie rasch ihrer ittt Oberflock gelegenett Wohnung zu. Toby mußte lächeln, als ersah, wie Lehttert der Erscheittuttg ttach btickte. Datttt nahm er seinerseits Lehnerts Arttt und sagte: "Nun komm, daß ich Dich zu dem Vater führe l"

Das einen großen Flttr bildende Treppetthans hatte zu beiden Seiten Bättke, sottst war es ein leerer Nauttt, der, mit Ausnahme des Frontportals, nichts als drei Thüren zeigte, von denett eine kleittere nach dem Hof hinaus ging, während zwei hohe Doppel- thüren in die neben dem Treppenhause gelegenen Hanpträutnlichfeiten führten. Beide Doppel thüren standen in diesem Augenblick ossen ttttd gestatteten einen Blick ttach rechts hitt in eilten Betsaal, ttach links hitt in eine hochgewölbte Halle. ^ Diese Halle- von mäch kger Wirkung, trotzdem sie von kentere n ^ Verhältnissen als der Betsaal war - mußte von jedem , der in Obadjas Wohtt^ ttlld Arbeitszimmer wollte, durchschritten werden. Auch hier übrigens. in dieser geräumigen Halle, gab sich, gauz so wie draußen ittt [123] Flur, alles aufs einfachste; nur ein schwerer Elchentisch, ttm ^ den einige Stühle standen, zog sich durch den ltahezu schmucklosen ^ und nur mit einem Geweihkronleuchter ausstafsierten Fest,- und . Sprsseraunt, dem ein großer, an der einen Schmalseite besindlicher Silber- und Geschirrschrank zugleich als Anrichtetisch diente. Des ^ weiteren aber lief, alter durch bell Raum hm, rine Matte von ^ Kokosfaser auf eine kleine Thür zu, deren gobelinartigen Vorhang Toby jetzt zurtickschlng. Und nun ließ er Lehnert vorgehen und folgte. l

Wenn das Treppenhaus schattig und die Halle beinah' dunkel ^ gewesen war, so war hier alles hell, denn rin breiter Lichtstreifen ^ siel durch rill Giebelfettster von beträchtlicher Höhe; neben dem . Fenster aber und von seinem Lichte halb nmschienen, saß Obadja ^ bei der Korrespondenz, die, sorglich von ihm unterhalten, nach den ^ verschiedensten Theilett der Union, besonders aber nach Kansas und l Dakota ging. Als er hörte, daß jemand eingetreten war, wandt' er ^ sich, indem er den Stuhl drehte, der Thür zu, blieb ader fitzen.

"Lieber Vater," sagte Toby, "hier bring' ich Dir Mister Lehnert Menz."

"Lehnert Menz?" wiederholte ruhig und freundlich der Alte. "Hab' ich recht verstanden?"

"Zn Befehl!" sagte Lehnert.

.Obadja lächelte., weil er sich aus lang zurückliegenden Zeiten her dieser militärischen Form der Bejahung erinnerte. "Nun, Mtster Lehnert," fuhr er . fort, "Ihr wollt es also mit uns ^ versuchen? Toby hat mir davon erzählt. Und hat mir auch i erzählt, daß sich unsere Wege vor Jahren schon einmal gekreuzt ^ haben. Nehmt einen Stuhl, bitt' ich, und rückt hier heran und setzt .Euch ins Lucht , daß ich Euch besser seihell kann. Es geht . noch mit allem sollst, des Barmherzigen Gnade sei dafür gepriesen, . aber mit dem Sehen will es nicht recht mehr. Und ich sehe doch ^ jedem gern ins Auge. Das Auge sagt noch mehr als die Stimme." ^

Lehnert that, wie ihm gehrißen, und erwartete uuu, daß rin ^ Fragen und Katechisieren beginnen werde, ja mehr, es lag ihm i daran, es war geradezu sein Wttusch. All die Zeit ub.er hatte seilte That alls seiner Seele gelaste.., und er sehnte sich danach, alles herultter zu beichten und in dieser Beichte Trost und Erlrichterung , zu sinden. Aber von dieser Erwartung erfüllte sich nichts und , wenn ihm auch nicht entging, daß Obadja, wie zufällig, seine Hand ttahm und ihn dann von der Seite her altsah, so tonnt' ihm doch noch weniger entgehen, daß jede ulttltittelbare Frage uach Lebeu und Vergangenheit mit Absicht vermieden wurde.

"Ich höre von meinem Sohne Toby," nahm obadja nach einer Weile wieder das Wort, "daß Ihr ein Preuße srid, also, meiner Geburt nach, ein Landsmann von mir und jedenfalls ein Lands.- mann meiner zwei ältesten Söhne, die diesem neuen Lande wieder den Rücken gekehrt haben und lieber drüben sittd alshier. Uttd .vielleicht haben sie recht gethan. Denn die Freiheit, deren wir nns hier rühmen und freuen, ist ein zweischneidig Schwert und die Gewakherrschaft der Massen und das ewige Schwanken in dem, was gilt, erfüllen uns, so sehr ich die Freiheit liebe, mit einer Unruhe, die man da nicht kennt, wo feste Gewalten bestehen. Ordnung und Arbeit, worauf es ankommt, die sind in dem Lande drüben, drift wir beide geboren wurden, recht eigentlich zu Haus, und um dieser Tugenden und vor allem auch um der Nüchternheit willen sind mir die Preußen die liebsten und sind mir die nutz- barsten Mitarbeiter an meilteltt Werk."

Hier unterbrach sich Obadja, wie sich Prediger in ihrer Predigt unterbrechen, um nach einiger Zeit einen neuen Anlauf zu uehmen, und Lehnert schwieg, weil er fühlte, daß jetzt ein Uebergang kommen müsse. Und der kam denn auch wirklich.

"Die ltutzbarsteu Mitarbeiter," wiederholte .Obadja. "Und das gilt auch von dem guten Mister Kaulbars, der jetzt meiner gesummten Wirtschaft als ein Verwalter und Hausmeier vorsteht. Er ist rin ehrlicher Mann, ohne Lug und Trug, ein treuer Arbeiter und prompt in der Erfüllung seiner Pflichten und hat, was ihn meinem Herzen am nächsten stellt, die rechte Freud' und Lust an dem Segen Gottes als solchem, und eine Ernte zu Grunde gehen zn sehen, das wurmt ihn und attält ihll, auch wenn jeder Halm versichert ist" Es ist ihm nicht um den Gewinn bloß, es ist ihm um den Segen, den er nicht missen will. Ia, so ist dieser Mister Kaulvars, den ich, so lang ich noch in der Arbeit stet)', in Ehren zu halten gedenke. Aber Euer Landsmann ist ein Eigen.- sinn und ein Beflerwifler, der sich ..dem neuen Lande, drin er null lebt, nicht anbegtlemen und alles nach der Weise seiner alten

Heimath anordnen und regelu will" Er gehorcht wohl, weil er im Gehorsam erzogen ist, aber es ist rin todter Gehorsam, und ein todter Gehorsam ist unfruchtbar, nicht bloß in Herz und Seele, sondern auch auf den^ Arbeitsfelde draußen, und so schädigt er mich, ohne es zu wollett, und mindert mein Gut. Dem will ich abhelfen, da wtll ich Wandel schaflen, und besten versehe ich mich vou Euch. Ich hab' in Eurem Auge gelesen und ich kenne Euch null . Ihr habt einen Ehrgeiz und es lastet was auf Eurer Seele, das hat Euch bis diese Stunde durch die Welt getrieben und ich sehe das Zeichen auf Eltrer Stirn. Aber ich wriß auch, daß Ihr ein tapferes Herz habt und einen Edelsinn, der sich nicht her- leugnet, wo Liebe ihn pflegt. Und diese Liebe soll Euch werden. Getröstet Euch desten. Keiner, der unter dirses Dach gekreten, ist ungetröstet von dannen gegangen. Im Namen desten, der die Liebe war, ruf' ich Euch zu: .Momart her zu ntir, die ihr müh selig und beladen seidf .Lehnert Menz, Deine Last soll von Dir genommen werden. Ich segne Dich . . .^"

Und Lehnert fühlte, während er den Köpf neigte, wie die Hand Obadjas seinen Scheitel berithrte.

t^

Nebenan, in .der großen Halle, war inzwischen für Lehnert rin Frühstück aufgestellt worden, und zwar dnrchFrau Rvsalie Kaulbars in Person, die nicht nur alles Nöthige selbst herzu.- getragen, .sondern dem angerichteten Fri^stücksksch auch noch eine der preußisch-heimischeu Art entsprechende Ausscknunckung gegeben ha.^e Sa kaut es, daß sich, umgleich die Hauptsache zu nennen, um die Kufe mit säurer Milch eilt blühender ^indenzwetg legte. Eier in . der Schale sammt Schiltken ' vervollständigten das einfache Mahl, dem Fran Kaulbars anfänglich, einigermaßen aus der Rolle fallend, auch noch eine halbe Wastermelone beigegeben hatte bis der zufällig anwesende Mister Kaulbars gegen solche Zusammenstellung Verwahrung eingelegt hatte. "Was denkst ...^u denn rigentk^ Rose? Soll er hier gleich mit Kullern und Schneiden anfangen?"

Als Lehnert aus Obadjas Zimmer trat, hatte sich das Ehe- paar. um nicht neugierig zu scheinen, aus der Halle in. die Wirth,- schaftsräunle des abgetrennt stehenden O^uergebäudes zurückgezogetl. Stak ihrer waren Ruth und Toby da, mit ihnen Uneas, ein wuudervoller, schwarz,- und wrißgefleckter Neufundländer, der seilte Herrin Ruth auf Schritt und Tritt zu begleiten pflegte.

"Stören wir Dich, wenn wir uns zu Dir setzen?" fragte Toby, indem er Lehnert an die Schmalseite des Tisches führte, wo gedeckt war..

Lehnert suchte nach einer Antwort, aber er fand sie nicht. Das war mehr Liebe, als er sich in seinem ganzen dreiund- dreißigjährigen^ .Leben zusammenrechnen konnte. Er legte die Hand ans die Stuhllehne, drin eilt Kleeblatt eingeschnitten war, uud faltete die Hände zum ersten Male' seit vielen Iah.ren.

Die Geschwister schwiegen und sahen ihm bewegt ztt. Als sie aber wahrttahtuetl, daß er sich wieder gesammelt hatte, sagte Toby. "Nun also, Lehnert, wir bleiben und leisten Dir Gesellschaft. Such ttur, Uneas schließt auch Freundschaft mit Dir Nicht wahr" Ruth, das bedeutet was? Er hält nicht gleich zu jedem" ^

Lehnert ttahm .von der Milch und brach dann, um sie sich vorzustecken, einige Blüthen von dem Ltndenzweig ab, und Ruth sah wohl, daß ihn dieser Zweig gauz besottders erfreut hatte.

"Das dankst Du dem Mister Kaulvars und seiner Frau." sagte Ruth. "Die sagten, das^sei so Sitte drüben. Und da habe i ich den Zweig gepflückt und um die Milchkufe gelegt, aber die i Wahrheit zu gestehen, mit halber Freude. Denn die Kaulbarse, , besonders er, wollett alles preußisch machen, und wenn ich denke, daß Du auch rin Landsmann von ihnen bist, so beschleicht mich ^ eine kleine Furcht, daß wir hier eine preußische Kolonie werden."

"Das hat gute Wege," lachte Lehnert, "ich habe das Alte i drüben gelassen."

Sie plauderten noch ein Stückchen weiter über die Anhäng- ^ lichkeit an die alte Heintath, die jeden bewußt oder unbewußt dahin leite, auch in der Fremde nach den vertrauten Formen und i Gebrauchen der Heimath zu streben.

Als Lehttert mittlerweile sein Mahl beendet hatte, wandte ^ sich Ruth an den Bruder und sagte: "Nun aber ist es Zeit, ^ Toby, daß wir Mister Lehnert auf sein Zimmer fuhren." Alle drei stiegen treppauf, wobei Toby führte. Der Oberstock war von ganz anderer Einrichtung, als das [124] [144] „Das ist nun also Dein Heim, Lehnert, das Dir eine Friedensstätte werden möge!“ sagte Toby. „So soll ich Dir im Auftrage des Vaters sagen. Er hat dies Zimmer für Dich ausgesucht, weil er meint, die Berge drüben würden Dich freuen.“

„Das werden sie; danke Deinem Vater dafür! Und nun sage mir, wie hab’ ich mich drüben zu meinem Nachbar zu stellen? Er ist ein Franzose?“

Ja. Von Geburt. Aber es ist sein nicht geringer Stolz und wie Du bald erfahren wirst, auch sein Lieblingsthema, die nationalen Vorurtheile hinter sich zu haben. Er war ein Mitglied der Kommune, ja mehr, ein Führer derselben, und hat den Erzbischof von Paris erschießen lassen und sollte dann später selbst erschossen werden. Nur durch ein Wunder kam er mit dem Leben davon. All das sind Dinge, wovon ich Dir, wenn er’s nicht selber thut, ein andermal erzählen werde. Heute nur das noch, daß er Deinen Frieden nicht stören wird, höchstens Deine nächtliche Ruhe. Denn er ist ein unruhiger Geist, den mitunter die Lust anwandelt, ein paar Stunden in der Nacht zu plaudern. Vielleicht ist es auch sein Gewissen, was ihn wach halt. Und dann wankt er durch das Haus und weckt jeden und einmal war er selbst bei [146] dem Vater. Und dann spricht der wie irr und deklamiert lange Gedichte vom Menschengeist, der seine letzten Fesseln abwerfen müsse.“ „So nehmt Ihr ihn also einfach als einen Irren?“ „O nein, durchaus nicht; er ist nicht irr, im Gegentheil, er ist grundgescheit und kann alles und weiß alles. Er ist nur ein Fanatiker und thut das Aeußerste, sonst aber ist er wie ein Kind. Er ist der Friedliebendste von uns allen und er ist rührend, wenn er Ruth sieht. Dann verklärt sich sein Ge- sicht und ich glaube, wenn sie’s befähle, so ging er»naeh Neu- Caledonien und Numea zurück. Von da floh er nanilich und kam bis hierher. Aber was sprech’ ich nur von Monsieur L.Hermite! Du wirst ihn kennen lernen, und unter allen Umständen ist er kein Gesprächsstoff für Deinen Einzug an dieser Stelle. Denn es ist Blut an seinen Händen, ungesühntes Blut.“ Lehnert brannte der Boden unter den Füßen, als Toby so sprach, und es war ihm, als ob er fliehen müsse.. Toby aber, völlig ahnungslos, welche Wirkung seine harmlos hingesprorhenen Worte hervorgerufen hatten, trat in diesem Augenblick aneiu mit allerhand Matten und Kissen belegtes, zugleich als Sosa dienendes Bambusgestell und sagte, während er aus zwei darüber ausgehängte Bildchen in schwarzem Rahmen hinwies: »Da-Z· ist der Remter in Marienburg . . . Und das hier ist Kloster Oliva. Kennst Du sie? Sie sind das einzige Preußische,. was wir noch von alter Zeit her im Hause haben.« Es war nicht ohne Verlegenheit, daß Lehnert Namen und Dinge nennen hörte, die jenseit seiner Kenntnis; lagen, es blieb ihm aber erspart, diese Nichtkenntniß gestehen zu müssen, denn Toby brach ab, ohne auf Antwort zu warten, und verließ das Zimmer. Als er schon draußen war, wandt' er sich noch einmal zurück und sagte:, ,,Jch hoffe, daß nichts fehlt. Wenn aber etwas fehlen sollte, hier ist der Knopf, auf den Du drücken mußt; es ist eine Drahtleitung, die wir Monsieur L’Hermite verdanken. Monsieur L’Hermite ist nämlich ein Erfindergenie; nun, Du wirst ihn ja kennen lernen. Und nun Gott befohlen!« Jetzt. war Lehuert allein, ein Augenblick, nach dem er sich gesehut hatte; Benouunen von der Fülle von Eindrücken, die diese weuigen«Stunden ihm gebracht hatten, ging er auf das mit Matten und Kissen überdeckte Lager zu, streckte sich nieder und schloß die Augen. Er wollte nicht sehen, um die Bilder seiner Seele desto deutlicher vor Augen zu haben. Da war der Alte, lächelnd, vornehm überlegen. Dann trat Monsieur L’Hermite vor ihn hin, das Käppi zurückgeschobeu und das Gesicht über den Schraub- stock gebeugt. Und dann wieder sah er Ruths halb noch kindliche Gestalt und ein Gefühl uneudlicher Sehnsucht ergriff ihn. Wonach '3 Nach einer ihm verloren gegangenen Welt? Er stand auf und hielt in dem Zimmer Umschau. Schlicht und sauber war alles. Alle Stühle von Bambus, sogar der Schaukelstuhl am Fenster, und am Pfeiler daneben zwei Stiche: Washington und General Grant. Sonst nur noch ein Bett und ein Tisch und eine Bibel dcn«auf. Und er nahm die Bibel, und der Gedanke kam ihm, er wollte sein Schicksal darin lesen und ob er den Frieden finden würde. Und nun schlug er auf: es war ein Psalm, und er las: ,,Ztihle meine Flucht, fasse meine Thränen. ohne Zweifel, Du zahlst sie. Was können mir die Menschen thun? Ich hofseonf Dich, Du hast meine Seele vom Tode gerettet.« Er war tief ergriffen und Thriinen cntstiirzten seinem Auge. Dann schritt er auf das Fenster zu, öffnete beide Flügel und sah hinaus. Greifbar nah, so wenigstens erschien es ilnn, zog sich das bis aus den Kamm hinauf mit Tannen und allen Arten von Nadelholz bestandene Gebirge, dazwischen aber schliingelte sich ein Weg her- iueder und wo der Weg ins Thal miindcte, stand ein weißes Haus, zerfallen und ohne Dach, vordem ein Fort, dassiort O’Brien. , Darüber lag der blaue Himmel und ein heller Wolkenstreisen zog den Kamm entlang, den an dieser Stelle nur ein einziges ini-ichtiges Felsenstitck überragte. «

,.Das ist der Mittagsstein."

Und dann sah er wieder hinaus und suchte hinauf, ob er nicht noch andere Punkte zur.Vergleichung und Erinnerung fände. Zuletzt aber ruhte sem Blick immer wieder bei dem weißen Haus unten am Abhang aus und eine Stimme rief ihm zu, daß sich seine Geschicke dort erfüllen würden. ’ die Stimme sagte nicht, ob zu Glück oder Unglück.

18. Anderthalb Wochen waren um und Lehnert. hatte sich ein- gelebt. Er sah kein Regieren und einfach ein.Ge1st der Ordnung und Liebe sorgte dafür, das; alles nach Art eines Uhrwerks ging. Der Tag begann mit einer Andacht, die der Alte klug genug wat, wenigstens als Regel knapp und kurz einzurichten, weil er sich sagte, daßErmüduug. der Tod aller Erbauuug sei. Gewöhnlich las er einen Psalm oder etwas aus der Patriarchengeschrchte, wenn er nicht vorzog, an mehroder weniger wichtige Tagesereignisse mit Spruch und Betrachtung anzuknüpfeu. War dann unmittelbar nach der Andacht das Frühstück eingenommen, so gab er persönlich die Weisungen sür den Tag, was er, gestützt auf eine genaue Kenutuiß seines Grund und Bodens und andererseits auch mit Hilfe der ihm am Abend vorher durch Toby oder Kaulbars oder Lehnert erstatteten Berichtexsehr wohl konnte. Begegnungen um die Mittagsstunde fielen aus, weil ein guter Jmbiß entweder gleich mitgenommen oder auf die Felder hinaus geschickt wurde, was denn zur Folge hatte, daß man sich erst um sieben Uhr abends zum zweiten Male zu gemeinschastlicher Mahlzeit ver- sammelte, woran sich dann der Abendsegen und eine kurze Plauderei schloß. Bald danach zog man sich zurück, denn der Tag begann früh wieder. Es war kein herzlicher, aber doch ein unausgesetzt fried- licher Verkehr, iu dem man lebte, was Lehuert um so mehr Wunder nahm, als die bunte Menschenmasse, daraus sich das Hausweseu von Nogat-Ehre zusammeusetzte, nicht einmal durch das Band gemeinsamer kirchlicher Anschauungen zusammengehalten wurde. Die Kaulbarse, Vollblutmärker, hielten zu Luther, Maruschka, die Polin, war katholisch und fuhr alle Jahre zweimal zur Beichte nach Denver, und L’Hermite war schlechtweg Atheist, so das; von der ganzen Obadjascheu Hausgenossenschaft, selbstverständlich mit Ausnahme der eigentlichen Familie, nur die dienenden Cherokee- und Arapahoiudianer, Männer und Frauen, zur Gemeinde ge- hörten, in die sie, nach zuvor empfaugenemUuterrichte, meist mit zwanzig bis vieruudzwauzig Jahren einzutreten pflegten. Wenn Lehuert das alles überdachte, sah er sich dadurch mehr als einmal an einen nach Art eines großen Vogelbauers eingerichteten Schau- kasten in San Fraucisko erinnert, drin nicht nur ein Hund, ein Hase, eine Maus und eine Kane sammt Kauarienvogel und Uhu, sondern auch ein Storch und eine Schlange friedlich zusammenge- wohnt hatten. Eine glückliche Familie stand als Aufschrift darüber, und wenn Lehuert so beim Frühstück und Abendessen den langen Tisch musterte, kam ihm der Schaukasten immer wieder in den Sinn und er sprach dauu wohl leise vor sich hiu: Eine glückliche Familie! Sanu er dauu aber weiter nach, wodurch dies Wunder bewirkt werde, so sand er keine andere Erklärung als deu Haigeist , als Qbadja, der das Friedeusebaugelium nicht bloß predigte, sondern in seiner Erscheinung und seinem Thun auch verkörperte. Die Folge davon war ein Gefühl immer wachsender Ver- ehrung und Dankbarkeit aus seiten Lehnerts. Aber so wahr und aufrichtig dies Gefühl war, so kam er demohnerachtet zu keiner rechten Frendigleit. Er fühlte sich bereiusamt und brachte sichs gelegentlich zu geradezu schmerzlirheui Bewußtsein, daf; er in seinen schwersten und schlimmsten Tagen, ja vor Jahr und Tag noch bei deu zweifelhaften Leuten am Sakramente, heiterer und fast auch glücklicher gewesen sei, als hier unter den Bekehrten und Nichtbetehrten von Nogat-Ehre. Friede und Freundlichkeit waren da, aber was er mehr und mehr vermisste, war Ber lehr und Vertraulichkeit. Obadja, mit all seinen Vorzügen, war doch unnahbar, die Geschwister zu jung, Maruschka zu kindisch und Monsieur L’Hermite zu zurückhaltend und zu ablehnend.

Bei diesem Befunde verblieben ihm nur seine Landsleute, die beiden Kaulbarse, und das war hart, weil ihre Nüchterns heit keine Grenzen kannte. Dennoch, so nüchtern sie waren und in so lächerlich wichtiger Weise sie sich mit ihrer Lieblingswendung „mein Mann sagt auch“ oder „meine Frau sagt auch“ auf ein- ander zu. berufen pflegten, Berufungen, von denen aus ein weiterer Appell nicht wohl mehr möglich war dennoch sah Lehnert ein- das; er in Ermanglung von etwas Besserem, durchaus bemüht sem müsse, mit ihnen auf einem möglichst guten Fuße zu leben und das zum so mehr, als ihn beide die Thatsachee nicht entgelten ließen, daß ihre Machtstelluug, das Mindeste zu sagen, durch sein Eintreten [147] in die Wirthschafthalbiert worden war. Und so verging denn kein Tag, an dem er nicht an der Seite von Kanlbars den Versuch einer smal fliichtigeren, ’mal eingehenderen Unterhaltung über Nahes und crernesö, über Wirthschaftlichez und Persönliches gemacht hätte. — Kaulbare-’ Lieblingsthema war ez, mit seiner ganzen zur s Schau getragenen Ueberlegenheit den Amerikanern ihre Sünden und Maugelhaftigkeiten vorzuhalten. Eines Tages war es ein Gespräch über Ruth und Toby, von dem aus die Brücke zu diesem Lieblingsthema mit gewohnter Geschicklichkeit geschlagen wurde. . Die beiden Kinder sind doch der Sonnenschein von Nogat- Ehre,« sagte Lehnert. »Ueber Ruth ist gar nicht zu streiten; ich kann sie nicht sehen, ohne an die Lilien auf dem Felde zu denken. Aber auch Toby, wie brav und wie gescheit ist er, und wie gewandt! Wenn Obadja heute stirbt, war- Gott verhüten wolle, so nimmt er die Wirthschaft in die Hand. Ja, das thnt er, die Einbildung dazu hat cr, die haben sie hier alle. Kauai ist einer trocken hinter den Ohren, oder auch noch nich ’mal, so wird er ein Reverend oder ein Magistrate, oder sie schicken ihn als Gesandten nach der Türkei Na, für die Türken mag es gehen. Un’ ie nu gar ein bißchen Krieg in der Luft und soll es gegen Texas loögehen oder Utah oder gegen Mexiko, na, denn hast Du nich gesehen, denn backen sie die Generale und Obersten wie die Semmeln. Und wer heute noch ein Advokat is oder ein Chemist oder ein Lieferant, der ie morgen ein Oberst, und nu gehts aus Schlachtenschlagen. Und denn fahren sie los und singen Yankee-Doodle und thun, als ob sie wenigstens die Welt erobern wollten, und so lange sie die Schienen unter den Beinen haben, so lange geht es. Aber wenn nu das Marschieren anfängt und daß erste Camp kommt oder daß erste Bivonae, ja, dn himmlischer Vater, da haben wir denn die Bescherung. Da in nichts da, da fehlt die Verpflegung und daß Gehungre geht los und wenn sie vierzehn Tage lang im Modder gelegen nnd noch keinen Feind gesehen haben, dann fallen ihnen die Stiebel vom Leibe und keine Naht hält mehr, und wenn sie dann den Feind zu sehen kriegen, dann platzen die Flintcn oder gehen gar nicht los, weil dak- Pulver nichtz taugt oder die Patrone nicht paßt. Und warum ie es so? Weil ez alle-8 bloß Spielerei it- und kein Ernst nich, und Ernst is bloß, daß der Lieferant sein Geld kriegt für die Tornister, die immer drücken, und fiir seine Mäntel von Lösch- papier. Jch habe welche gesehen . . . Lehnert wollte widersprechen, aber Kaulbarßs litt es nicht und fuhr in gleich überlegenem Tone fort: Jch habe welche gesehen, sag’ ich, die wie Zander vom Leibe fielen. Und warum? Weil alle-Z Geschäft is, und wo alles Geschäft iz, iz alles Schwindel. Und wenn ich nn frage: »Waruu1 iz es allen Schwindel?« so kann ich bloß sagen, weil sie nichts kennen al; Geld und nicht-J3 wollen alb Geld und nichts anbeten als Geld und weil sie keinen richtigen Gott haben. Und woran liegt eb? Weil sie verloddert sind. Und warum sind sie verloddert? Weil sie nicht dienen. Und der Toby hat auch nicht gedient und von Strammheit und richtiger Proprete ist keine Rede nich. Blaue Krawatte trägt er und hat 'ne schlappe Haltung, aber ein blauer Shlips i3 nicht Proprete, und eine lange Stakete, die hin nnd her schwankt und immer schlenkert, weil kein Rückgrat drin iz, is nich Strammheit. Hier hatte sich Kaulbartz vorläufig erschöpft und Lehnert fand Gelegenheit, einzuwerfen: Jch bin überrascht, Mister Kaulbarßs, Sie so streng zu sehen. A18 hier der große Krieg war, Anno SJ, da waren wir beide noch drüben und haben beide nichts gehört und nichts gesehen, und was wir nachher, altz wir ’ritber kamen, gehört haben, nu hören Sie, Mister lkanlbarö, da muß man doch Respekt haben vor dem, wie? damals hergegangen ist; sie haben sich geschlagen wie die besten Truppen und sind auch richtig oerpflegt worden und war keine Rede von vor Hunger sterben. Und so mein’ ich denn, etz kann nicht allez bloß Schwindel sein. E-3 ie Schwindel, sag’ ich, nnd wer gedient hat . . . Jch habe auch gedient, Mister lkaulbarz. lkaulbars lächelte. Wobei denn? Bei den Görlitzer Jägern. Na, hören Sie, mit die Jäger, das ick- immer bloß so so. Das i-3 nich Fisch und nich Vogel und geht eigentlich innner bloß aus Jagd und wilddiebt ein bißchen und iss kein richtiger Soldat

nich. Jch habe bei die Vierundzwanziger gestanden, Hauptmann vor Goerschen, fünfte Compagnie Haben Sie von dem ’mal ge- hörts Jch meine von Goerschen. Das heißt, es gab eigentlich zwei Goerschens, einer hieß Franz, der war auch ganz gut, aber unserer hieß Otto und wir nannten ihn ,unseren Ottol und war schon mit bei Diippel, Schanze drei. Jch sag' Jhnen, die Schanze war weg wie Schnupftabak. Ja, so sind die Vierundzwanziger, Ruppin und Havelberg, und Rathenow und die ,Zietenschen«, das gehört eigentlich auch noch mit dazu. Hören Sie, die Görlitzer mögen ja so weit ganz gut sein, man soll nicht streiten und soll nich nein sagen, wenn man's nich weiß. Aber das sag’ ich Jhnen, Mister Lehnert, aufs Dienen kommt es an und jeder mus; ’mal Rekrut gewesen sein und muß die Honneurs gelernt haben und mus; die Signale gelernt haben. Und das is gewiß, wenn der Hornist blies und war das Signal von der fünften Compagnie, da gab es ein Ohrenspitzen wie ’n Kavalleriepserd und mitten im Schlaf. Und wenn dann der alte Oberst von Unruh mit seiner Krähstimme kommandierte: Präsentiert das Geweht«, und dann der Prinz, unser Prinz, die Front abschritt und die Spielleute spielten und wir mit ,Angen rechtss dastanden wie die Puppen, und ich sag’ Jhnen, Lehnert. was für Puppen! — ja, das hätten Sie sehen sollen, das hatte so seine Art, das war ein Vergnügen, und wenn der Prinz dann sagte: ,Ja, das sind meine Vier- undzwanziger; Kinder, wenn ich Soldaten sehen will, dann seh’ ich mir die Vierundzwanziger an. Es lebe der Kaiser!' ja, Mister Lehnert, das war was, das kommt vons Dienen und vous Ge- horchenkönnen und von der Strammheit und der Proprete, und wenn Sie die ganzenachtunddreißig ,States« umstülpen und hier unser Jndianterritory mit dazu und alle Mennoniten und den alten Obadja auch, so was fällt nich ’raus un’ kann auch nich ’ransfallen, weil’s nich drin is und weil alles Schwindel is Und Miß Ruth, nu ja, Miß Ruth ist ein hübsches Ding, geb’ ich zu, meinetwegen, und Mister Toby guckt in die Welt wie die Maus aus der Hecde. Hübsch sind sie und gewaschen und haben so was wie Prinz und Prinzessin. Aber, bei Lichte besehen, das ist eben der Unsinn. Wer kein Prinz is, darf auch nicht wie ’n Prinz aussehen. Lstrinz Friedrich Karl, d er durfte, der war einer. Aber Tobi)? Tobi) weiß alles am besten und is doch bloß noch ein Quark. Aber das is hier alles eins, und mit zwanzig ist er bei der Gesandtschast in Japan und mit vierundzmanzig ist er Oberpriester in Nogat-Ehre. Denn der Alte wird klapprig und ewig kann er doch nicht leben und wenn er auch so fromm wäre wie Abraham oder wie Hiob.

19. So verliefen die Gespräche, welche die beiden preußischen Kameraden , wenn sie morgens auf die Felder hinausritten, mit- einander fiihrten, Gespräche, die Lehnert nur zu deutlich zeigten, daß mit dem guten Kaulbars (und mit der Frau lag es nicht biel besser) wohl ein friedlicher, aber kein freundschaftlicher Verkehr möglich sei. Und so würde denn das Gefühl von Vereinsamung, das ihn sehr bald nach seinem Erscheinen in Nogat-Ehre zu quälen begann, sehr wahrscheinlich in einem beständigen Wachsen ge- blieben sein, wenn ihm nicht dcr anfangs mit so viel Miß- trauen und Abneigung angesehene Monsienr Camille L’Hermite mit jedem Tage theurer geworden ware. Monsieur L’Hermite hatte nichts von der selbstgeftilligen Enge, darin sich beide Kaul- barse gefielen, und so kam es, daß sich fiir Lehnert mit dem lieben Landesfeinde —— mon Otter enne-ini , wie Monsieur L’Hermite sagte —— nach und nach ein Verhältniß aubahnte, das ihm der deutsche Landsmann nicht gewähren konnte. Den ersten Anstoß zu dieser Wendung gab ein ganz kleiner Vorfall, der sich schon während der ersten Wochen ereignete. Wenn von Tisch aufgestanden und nach kurzem und meist die Wirth- schaft betreffendem Gespräche der Rückzug in die Zimmer des oberen Stocks angetreten wurde, schloß sich Lehnert diesem Rückzug nicht immer an, sondern zog es mitunter vor, in einer jenseit der Akazienallee gelegenen Garten- und Parkanlage, darin sich auch die von Obadja aus großen Feldsteinen aufgeführte Familiengrnft befand, noch eine halbe Stunde lang auf und ab zu gehen, wobei Ruths Neufundländer ihn meistens begleitete. Stieg er dann, wenn’s dunkel geworden War, auch seinerseits die Treppe hinauf, [148] so klang regelmäßig vom linken Korridor ein Choral herüber oder ein geistliches Lied: Ruth sang und Tvby begleitete. Was aber Lehnerts Gemüth mehr noch als dieser Gesang in Anspruch nahm, war, daß er mal auf mal, wenn er an Monsieur L’Hermites Zimmer vorüber kam, in aller Deutlichkeit hören konnte, wie dieser die Thür leis ins Schloß drückte, ganz so, wie wenn er’s verbergen wollte, dem Gesänge Ruths gelauscht zu haben. Einmal aber traf es sich, daß L’Hermitc, trotz aller Vorficht, auf seinem Lauschcrposten von Lehncrt doch überrascht und dadurch in eine kleine augenblickliche Verlegenheit versetzt wurde. Seine französisch gute Laune half ihm aber rasch darüber hin und sein Käppi zurückschiebend, wie seine Gewohnheit bei jeder Ansprache war, trat er an Lehncrt heran und sagte, während er nach dem linken Korridor hinüber deutete: „Nicht übel! Nicht wahr?“ Und als Lehncrt nickte, nahm er dessen Arm und sagte: „Bitte, treten Sie ein, mein lieber Feind!“

Lehncrt folgte denn auch der freundlichen Aufforderung und nahm in einem Schaukelstuhle Platz, während sich L’Hermitc mit übcreinandergeschlagenen Beinen auf den durch eine grüne Schirmlampe nur mäßig erleuchteten Arbeitstisch setzte. Die mäßige Beleuchtung war denn auch Ursache, daß viele Stellen des Zimmers, der eigentlichen Ecken und Winkel ganz zu geschweigen, in einem Halbdunkel verblieben; aber sie gab immer noch Licht genug, um den Umschau haltenden Lehnert erkennen zu lassen, daß der ganze Raum ein merkwürdiges und sehr unordentliches Durcheinander von Schlosserwerkstatt und chemischem Laboratorium, von physikalischem Kabinett und Mineraliensammlung war. Das Chemische herrschte vor, im übrigen aber lief der Gesammteindruck darauf hinaus, daß es nichts auf der Welt gäbe, was hier nicht entdeckt und erfunden werden könnte. Welchem Zweck das alles diente, gab zu denken, und Lehnert, der immerhin einiges von L’Hermites Vergangenheit in Erfahrung gebracht hatte, würde beim Anblick all dieser Kolben und Retorten sicherlich auf einige für Europa bestimmte Nihilistenbomben gerathen haben, wenn nicht Nogat-Ehre so ganz den Stempel des Friedens getragen und Obadja selbst bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit einer besonderen Vorliebe von Monsieur L’Hermitc gesprochen hätte.

Lehnerts Verweilen an diesem ersten Besuchsabend war nur von kurzer Dauer gewesen, aber es hatte doch ausgereicht, beide einander zu nähern und in weiterer Folge sogar regelmäßige Zusammenkünfte herbeizuführen. An jedem dritten Tage, wobei zwischen hüben und drüben gewechselt wurde, traf man sich zu ziemlich später Stunde und plauderte dann bis Mitternacht. Das war die Regel, die, wenn Lehnert Wirth war, streng galt. An den L’Hermite-Abendcn aber – an denen, außer einigen anderen Berpflegungs-finessen, auch ein in Galveston erstandener und mit Cognac und Absynthflaschen reichlich ausgestatteter Rosenholzkastcn eine Rolle spielte – ging ihr Geplauder gelegentlich bis über die zwölfte Stunde hinaus. Obadja wußte von diesem Rosenholzkasten und daß ihm, vor allem von L’Hermitc selbst, fleißig zugesprochcn würde, was er, wie sich denken läßt, mißbilligte; trotzdem ließ er es geschehen, einmal weil ihm alles Erziehen, wenn es sich nicht von selbst machte, zuwider war und fast mehr noch, weil er sich nicht das Recht zuschricb, die Lebensgewohnheiten eines Mannes zu regeln, der, wenn auch ein Flüchtling, so doch immerhin ein unbeanstandeter Gast und auch eine Person von praktischer Bedeutung für Nogat-Ehre war. Und so störte denn niemand diese Zusammenkünfte, die bald beider Freunde besondere Lust und Freude wurden.

Nur eines, was übrigens die Freude nicht minderte, fiel Lehnert bei diesen abendlichen Zusammenkünften auf, und das war die Zurückhaltung, mit der L’Hermitc seine „große Zeit“, seine historische Vergangenheit behandelte. Nicht als ob er Lust bezeigt hätte, sich von ihr loszusagen, durchaus nicht, er vermied nur einfach, ohne Veranlassung davon zu sprechen, und beschränkte sich, ^ wenn diese Veranlassung eintrat, auf das unbedingt Nöthigste. Der furchtbare Ernst der Scene, darin er mitgespielt hatte, war ihm gegenwärtig und ein feines ästhetisches Gefühl, das ihn überhaupt auszeichnete, hielt ihn ab, von einem Hergange zu sprechen, dessen Erwähnung, wenn es die Verhältnisse nicht geradezu geboten, entweder renommistisch oder cynisch berühren mußte. Als Lehnert erst klar darin sah, stimmte er seinem Flurgenossen zu, vorher aber war er doch wochenlang von dem Verlangen erfüllt, über den interessanten Hergang Ausführlicheres zu hören, und schwankte nur, nach welchem Plane er Verfahren solle, um seine Neugier zu befriedigen. Schließlich entschied er sich dafür, auf einem Umwege vorzugehcn und das Gespräch zunächst auf die langen Einschließungstage von Paris zu lenken. Es seien langweilige Tage gewesen, auch für sie draußen, und das Zerstreuliche Hab’ erst eigentlich begonnen, als die Franzosen untereinander ins Scharmützeln gerathen seien, die Versailler gegen die Pariser. Da haben er und seine Kameraden oft viele Stunden lang auf dem Höhenzuge zwischen St. Germain und St. Denis gestanden und dem Kriege wie einem richtigen Kriegsschauspiel zugesehcn. Und einmal Hab’ er ganz deutlich beobachten können, wie die Parisischen durch eine geschickte Bewegung über die Brücke von Asnisres alles, was von Regierungstruppen in der großen Seine-Schleife gestanden, abgeschnitten hätten. Aber das sei freilich auch der letzte Sieg gewesen und schon am nächsten Tage sei der Triumphbogen von dem von St. Cloud vorgehenden Bataillone erstürmt worden. Und wenn er sich vergegenwärtige, was er bei der Gelegenheit alles gesehen habe, so begreif’ er nur zu gut, was seitens der Kommunarden geschehen sei, und könne von Grausamkeit keine Rede sein.

Monsieur L’Hermitc hatte, während Lehnert so sprach, still vor sich hingeblickt und eine Cigarette gedreht und erst nach einer Weile das Wort genommen. Es sei so, wie Lehnert sage. „Die Sache da draußen am Trocadero war kein Spaß und daraus hin wurden die Geiseln erschossen … Und der letzte war der Erzbischof … Ich übernahm selber das Kommando … Er ist gestorben wie ein Held!“

Lehnert sog jedes Wort ein, als L’Hermitc so sprach, und glaubte, jetzt sei der Augenblick für vertrauliche Mittheilungcn gekommen. Aber er sah sich abermals getäuscht, und sein Wißen blieb im wesentlichen auf dem Punkt, auf dem es schon vorher gestanden hatte.

Nicht viel besser erging es ihm, als er auf einem ähnlichen Umwege den Versuch machte, näheres über seines Flurgenossen Flucht aus Numea, wohin dieser deportiert worden war, herauszuholen. L’Hermitc wiegte den Kops hin und her und sagte dann, während er, um damit zu spielen, eine große Feile vom Arbeitstische nahm: „Es machte sich schnell. Wir waren unser drei, die’s wagten, weil wir, gut schwimmen konnten, und schwammen denn auch wirklich, trotz Brandung, auf ein Schiff zu, von dem wir wußten, daß der Kapitän mit unserer Sache sei. Meinen beiden Kameraden aber ging die Kraft aus; ich für mein Theil konnte noch gerad’ ein Tau fassen, das mir von Deck aus zugeworfen wurde. Das ergriff ich denn auch und eine Minute später zogen sie mich an Bord. In derselben Stunde noch ging’s nach Portland. Und da war ich frei. Das andere wißt Ihr; Ihr kommt ja auch von San Francisko her. Ist eins wie das andere.“

So knapp waren Monsieur L’Hermites Erzählungen, wenn es seine historische Zeit galt, aber desto mittheilsamer war er, wenn er auf seine mit Technik und Mechanik und vor allem mit dem Bergwerkswescn in Zusammenhang stehenden Pläne zu sprechen kam. War er doch vor allem ein Entdecker und Erfinder, und wenn er auch unzweifelhaft an seiner kommunistischen „Idee“ mit einem stillen Fanatismus fcsthiclt, so gab es doch eins, was in seinen Augen der „Idee“ gleich kam, das war das „Projekt“. Ja, er war vielleicht über alles andere hinaus seiner ganzen Natur nach nichts als ein Projektenmacher, und was er die „Durchführung seiner Idee“ nannte, war eigentlich auch nur Projekt und hätt’ ihn, wenn es anders gewesen wäre, schwerlich in seinem Gemüthe derart ergriffen, wie’s jetzt thatsächlich der Fall war. Er hielt Lesseps für den größten Mann des Jahrhunderts, und Jsthmusdurchstechung oder eine Tunneleisenbahn unter dem Kanal zwischen England und Frankreich hin, Ausschöpfung der Zuydersee und Füllung der Saharawüste mit Oceanwaffer waren Dinge, die seiner Seele mindestens so hoch standen, vielleicht noch höher als der Sieg der Kommune.

Es war in einer Nacht nach einem solchen Gespräch mit L’Hermitc. Lehnert schlief noch nicht lang, als ein Klopfen ihn weckte. Wer es sein könne, war ihm kaum zweifelhaft, und erging auf die Thür zu und öffnete. Wirklich, es mar L’Hermitc, nur in Pantoffeln und weitem Beinkleid und sein Käppi wie gewöhnlich im Nacken. In der Linken hielt“ er einen Leuchter, drin ein Lichtstümpfchen, mit einem Dieb am Docht, steckte, das ein rußigqualmendes, flackerndes Flämmchen gab. Das Groteske ging unter in dem Schmerzlichen der Erscheinung. Er mühte sich, [150] ^ 1^0

überlegen drein zu schauen, und schien über sich und die Welt lachen zu wallen. aber ein mächtigeres Geflchl hielt seinen Spvtt im Bann, und er sah aus wie der Tab auf der Maskerade, ber tanzen will. Endlich nahm er Platz, während Lehnert sich ihm gegenüber setzte.

"Ihr könnt nicht schlafen, Monsieur L^Hermite. Was giebt es?"

"Es sah wer in mein Fenster^

"Wer?"

"Ich sah ihn nicht. Aber er hielt ein Kreuz vor der Brust."

"Das war das Fensterkreuz und der Mondschein dahinter.

.L^Hemmte lächelte. Lehnert aber, der das Grauen, das ihn mit ersaßt hatte, dem Freunde wie sich selber wegreden wollte, suchte bei seinem zwattgsweis angeschlagenen Heiterkeitstone zu be- harren und sagte: "Sinnestäuschung, Monsieur L^Hermite l Wer Euch ins Fenster sehen will, muß von unten heret^e .Leiter anlegen."

".Oder von oben l^

Er sprach das so , daß .Lehnert verstummte. Unb uuu saßen sie sich eiuander gegenüber unb zwischen ihnen schwebte das Licht, deflen Flackerschetn^bon dem Spiegelcheu zurückgeworfen wnrde.

So verging eine Weile. Dann sagte Lehnert: "Es giebt eine Himmelsleiter und die Engel steigen hernieder , so steht ge- schrieben . . Und vielleicht auch die des Gerichts. Glaubt Ihr solche Dinge?"

"Nein! Aber das Märchen hat nun 'mal Gewalt über uns, das Eiapopeia, das uns schon von der Wiege her gesungeu wird. .^aliegt es. Wir zittern vor dem Spuk und haben kein Mark in der Seele."

Lehnert schwieg. Endlich sagte er: "Monsieur LHertnite, drüben ist der Mond und der Mond ist nicht jedermanns Sache. Bleibt hier, legt Euch auf das Nuhebett!"

LHertuite aber erhob sich wieder von seiueln Platz, legtr seine Hand aus Lehnerts Schulter und sagte : "Nein, wir wollen lieber in die Kapelle gehen; ich will da das Kreuz vom Altar .nehmet i und es hochhalten unb den Geist atirirsen. Denn der Geist ist ^ die Idee. Die Kapelle soll ^ 'iuäl etwas anderes hören, als bie Geschichte von Pharaos Traum und deti ewigen sieben Kühen. .i Obadja persönlich ist eine fette Kuh, aber seine Predigt ist eine magere. Kommt! Ich will sein Tabernakel in einen Tempel der Idee verwandeln illtd will bloß vor zweien sprechen, yor Euch nnd dem Mond. Das ist mir geniig." -

Es war nicht leicht, Monsieur .L'Herntite von seinem Vorhaben ab- und in sein Zimmer zurückzubringen. Endlich gelang es, itttd nachdem Lehnert, des noch immer dtäußenstehenden Mondes halber, die Läden des einen Fensters geschlossen hatte, ging er iii seitt eigenes Zimmer zurück, uni hier wieder sein Lager aufzusuchen. Er war nun selber Zenge gewesen von der gelegentlichen Geistes,- gestörtheit L'Hermites, von der er schon gehört hatte. "Wenn es tticht sein Gewiflen ist", hatte Toby damals hinzugesetzt. Utid Lehnert . wiederholt^ jetzt Tobys damalige Worte.

Der andere Tag war ein Sonntag. Lehnert erschien zur Morgenandacht, beurlaubte sich aber gleich danach für deti gattzeti Tag, um ins Gebirge zu reiten, in die Ozark-Mouutaitis , deren viele Meilen langen Zug er nun seit einer Neihe von Wochen iti beinich nächster Rühe vor sich sah, ohne daß es ihm bisher möglich gewesen wäre, sie zu besuchen. Die Woche gehörte der Arbeit uud der Sonntag der Betrachking und Nuhe, worauf Obadja mit einer ihm sonst nicht eigenen Strenge hielt. Ausnahmen waren aber statthaft, und Lehnerts musterhafte Innehaltting aller Hausgrsetze während seiner jetzt mehr^ als zweimonatigen An,- wesenheit iti Nogat-Ehre ließ es .Ohadja nicht schwer fallen, heute einen solchen Ausnahmefall eiutreten zu lassen.

Es war der zweite September , und als Lehnert eben eine lei.s ansteigende Ebereschenallee hinauf ritt - er hatte sich für eitteti keinen Umweg entschieden - entsaitti er sich mit einer gewissen Frendigkeit, daß es der Sedantag war. Er versenkte sich wieder in die Vorgänge von damals und sah wieder den Angrifl der Ehassenrs d'Asriaue und wie die Säbel und rotheti Käppis der ukakerenden Schimmelschwadron in der Sonne blitzten.

Solche Bilder vor der Seele, ritt er weiter, allmählich aber bog die Ebereschenallee wieder tiach^ links ein und ging iii . einen Birsenweg über, der sich alsbald iii geringer Entfernung von dem in Truntmern liegenden Fort .O'Brien ins Gebirge hineinzog. Als er in Höhe dieser Stelle war, stieg er ab und band sein Pferd an einen Baum, um, eh^ er weiter ritt, erst dem merkwürdigen .

Trümmerhaufen, auf den sich, von seinem Fenster aus, sein Auge manches liebe Mal gerichtet hatte, seinen Besuch zu machen. Fort .i^Brien war vor kaum mehr als zwanzig Jahren in einem der dielen kleineu Kämpfe mit den Indianern von diesen erstürmt nnd zerstört worden, wobei Dach und Inneres gänzlich verbrannt, der Wallgang aber sammt seinen Palissaden und vor allem ein an einer Ecke stehender abgeflachter Steinthurm in leidlich gutem Zu. stunde verblieben waren. Lehnert kroch, als er das Fort erreicht hatte, überall umher, erstieg den Thurm auf einer noch wohl,- erhaltenen Wendeltreppe und sah nun znrück nach Nvgat--Ehre hin. Die Entfernung war ziemlich bedeutend, aber die wuudervolle Klarheit der Luft ließ ihn alles aufs bestimmteste erkennen. Das Ebenster zur Linken, das mar das seine, und das an der anderen Ecke, da wohnte Nuth. Es war 1hm, als säh^ er sie, und indem er ihrer gedachte, gedacht' er auch schon des Angenblicks der Nück,- kehr und sah sich die Treppe hinaufsteigen und vernahm andächtig deti Ehoral, den sie mit klarer Kinderstimme sang. Und nun bog er in den Korridor ein und hörte wieder deutlich, wie die Thür

ins Schloß siel, und wie sich Motisieur L'Hermite wie herkömmlich von seinem Lauscherposten zurückzog. Und während er das alles im Geiste vorwegnahm, trat er, sich.. wieder erinnernd, wo er war, att die Brtistung des alten Thnrmes heran und pflückte, sich bückend, allerlei kleine Blumen, die hier aus dein zerbröckelten Gestein reichlich aufsproßten , und band einen Strauß, den er mitnehmen uud Nuth überreichen wollte.

Das Pferd nagte noch ruhig an den Birkenzweigen, als er ttach einer Weile zurückkam, uni wieder in den Sattel zu steigen. Der Weg aber, der immer steiler austieg, erschien ihm jetzt mehr und mehr wie die Krummhübler Skraße zwischen dem "Goldenen Frieden" und dem "Waldhaus", und der Gebirgsbach, der da neben ihtti schäumte, das war die Lomnitz, die vom Mittagsstein und den Teichen herunter kaut. Utid unwillkürlich sali. er auch nach dem Inselcheu aus und ob er das Haus sähe, sei u Haus, mit den zwei Brückenden itttd dem Schindeldach und dem sich am Halts hin und bann bis "aufs Dach hinaufrankenden gelben Nosettstranck). Er sah aber nichts als Tannen utid wieder Tannen uud dann und wann eine Lichtung, " und dabei wurde der Weg immer enger utid steiler, bis zuletzt ein .....Uiell kam, der aus einer niedrigen, aber senkrechten Felswand sprang und dicht daruuter iti einen aus .vier mächtigen Steinen gebildeten Kessel siel. Und an

dem Keflel hin lies eiti Pfab und dahinter kam ein Moorstreifett, nnd verdorrtes Gras und Huflattich ... Und dann kam ein Kusjetgebüsch " ... Und da lag wer ....

Und Lehnert hielt an und fuhr niit der Haud über Stirn itttd Auge, wie wenn er das Bild verscheuchen wollte. Aber es wich tticht. Und zuletzt gab er dem Pferde die Sporen und ritt, so rasch es der Weg. zuließ, ittttner höher bergan.

Nur einmal noch sah er nach der Stelle zurück.

"Das ist der, der bei .L'Hermite ins Fenster sah"^

20.

Mitte September war herangekommen. Die Ernte war herein nnd es tratett Tage der Nahe eiti für Lehuert. Nicht so für .Obadja ; denn ihm brachte der Herbst das große Fest der Fuß- waschuttg, welches die Gemeinde der Mennoniten alljährlich um diesem Zeit zu feierti pflegte. Aus weitem Umkreise kamen die Lehrer und Prediger, und mit ihnen viele bekehrte Nothhäute, Männer und Frauett , die während des Festes in die Gemeinde der "Taufgesinuteti" ausgenommen werden sollten. In dem großen Betsaal zu Nogat-Ehre waren überall .Laub,- und Blumengewinde gezogen, atu reichsten an der dem Eitlgaug gegenüberliegenden Empore, aus welcher Nuth mit dein Ehore der Mennonitentöchter ihren Platz hatte.

Die feierliche Taufhandlung war vorüber itttd Obadja war vott dem Taufbecken wieder an den Altar getretett, um die eigenkiche Predigt zu halten, die wie gewöhnlich bei diesen Jahresfesten - die Haupkinterscheidungspunkte der nienuonitischen Lehre betonen sollte. Der Ter.t aber, den er seiner Predigt zu Grunde gelegt hatte war der: "Wer das Schwert ttintnit, soll durch das Schwert umkommen" uud daneben der andere Spruch : "Die Nache ist mein, spricht der Herr". Er sah, als er diese Worte sprach, zu Lehnert hinüber, der sein Auge vor dem ruhigen Blicke des Alten senkte. Dantt aber wandte sich dieser der Auslegung seiner Ter.tesworte zu und [151] stellte die Bilder kriegerischen und sriedlichen Lebens einander gegen-’ über. Alles Blut, das flösse, flösse zum Unheil, und nur einmal sei Blut zum Heil geflossen, freilich nicht zum Heile derer, die’s vergossen, wohl aber zum Heile der Menschheit, um dcretwillen es floß. Alles andere Blutvergießen aber sei Sünde, zumeist wenn es flösse der Rache des einzelnen zu Liebe, Das führe zu sicherem Untergang und Verderben. Aber auch der große Krieg sei Sünde, auch das Blutvergießen um Land und Herrscher und selbst um des Glaubens und der Freiheit willen. Und so Hab’ er denn auch in diesem gesegneten Lande den Krieg beklagt, den Nord und Süd um die Frage der Befreiung ihrer schwarzen Brüder geführt hätten, so sehr er dieser Befreiung “selbst entgcgengcjubelt habe, Fortschritt und Freiheit sollten freilich ihren Einzug halten in die Welt, aber auf einer Palmenstraße, nicht auf einer Straße, da die Kriegsknechte zu beiden Seiten am Wege stehen. Absage dem Krieg, das sei die Lehre der Taufgesinnten. „Unds so höret beim zum Schluß: Uebcrmuth macht Krieg, Demuth macht Frieden. Und der Frieden im Gemüth ist das Glück und die Vorbereitung zum ewigen Heil. Selig sind die Friedfertigen, selig sind, die reines Herzens sind. Die Rache ist mein, spricht der Herr.“

Obadja schwieg jetzt, und im Augenblick, als er die Stufen verließ, klangen von der Mittelempore her die Töne eines Chorals.

Es war Ruth, deren Stimme mit wunderbarer Klarheit durch den Saal drang, während die jungen sie umstehenden Mädchen die Palmenzweige, die sie in ihren Händen trugen, immer Höher über ihr emporhielten. Lehncrt sah hinauf, zitternd vor innerster Bewegung, und wollte die Friedcnsstätte meiden, die sei n e Stätte nicht mehr war. Aber eh’ er sich erheben konnte, da war der letzte Vers zu Ende und Ruth trat, fast verdeckt von den über sie gehaltenen Zweigen, in den Hintergrund der Empore zurück.

L’Hermite, der trotz seiner abweichenden Ansichten dieser Feier mit großem Eifer folgte, wurde nicht müde, stille Zeichen des Beifalls zu geben und huldigend hinauf zu grüßen, aber ehe er noch einen Gegengruß eintanschen konnte, vernahm er unmittelbar neben sich einen schweren Fall und sah, sich wendend, daß Lehncrt, wie vom Schlage getroffen, zusammengehrochen war.

Alles drängte herzu, Marnschka und Tvbh und zuletzt auch Obadja und Ruth.

„Er ist todt.“

„Nein, erlebt,“ sagte Ruth im festen Glauben ihres Herzens.

Und ihr Auge leuchtete, als sie so sprach.

Am andern Tage aber wurde Lehncrt, nach vvraufgegangener Beichte, selbst in die Gemeinde der Taufgesinnten ausgenommen.

Tobias und Ruth hatten von Anfang an eine Liebe zu Lehncrt gehabt, die sich jetzt, nachdem er ein Mitglied der Gemeinde geworden war, unbefangener zeigen durfte, was dann selbstverständlich auch das Vertrauen auf Lehnerts Seite steigerte, so weit, daß es allmählich zur Vertraulichkeit wurde. L’Hermite, ganz unkleinlich und jedenfalls frei von jeder Eifersuchtsregung, hatte seine Freude daran, und so begann denn bei beiden ein Wetteifer nicht nur in ihrer Liehe zu den Geschwistern, sondern auch in der Erfüllung aller Wünsche, die Ruth und Toby hegten. Ja, die beiden sonderbaren Schwärmer, von denen der eine den Erzbischof von Paris und der andere den Förster Opitz auf dem Gewissen hatte, kannten nichts Schöneres, als für Miß Ruth zu denken und zu arbeiten, und fühlten sich belohnt, wenn sie lachte, nickte, dankte.

Der gemeinsamen Abende Lehnerts und L’Hermites wurden in natürlicher Folge davon immer weniger und an ihre Stelle traten Familienabende, zu deren Abhaltung man sich auf Ruths Zimmer versammelte., L’Hermite, so sehr er sich dieser Abende freute, kam sreilich seinerseits imr selten und immer nur auf besondere Aufforderung, desto häufiger aber stieg der Alte die Treppe hinauf und mit herzlicher Genugthuung erzählten alsbald die Kinder, daß der Vater, seit der Mutter Tode, kaum jemals in ihrer Mitte so fröhlich und guter Dinge gewesen sei wie gerade jetzt.

Musikabende wechselten mit Leseabcnden, und an einem der letzteren kam Pestalozzis „Licnhardt und Gertrud“ an die Reihe. > Die Geschichte zog bald Alt und Jung ins Interesse, voran s in lebhafter Theilnahme stand aber Lehnert, vielleicht weil er aus vielem, was da erzählt wurde, seine eigene Lebensgeschichte heraushörte. Licnhardt, das war er selbst, und der böse Vogt, der den armen Licnhardt quält und zum Schlechten verführt, das j war Opitz. Er wollte immer mehr hören und war beinahe mißgestimmt, als man auf Obadjas Geheiß plötzlich abbrach und die Vorlesung bis auf den andern Abend vertagte. Wenigstens das nächste Kapitel, das sich „Niedriger Eigennutz“ betitelte, hätt’ er gern noch kennen gelernt, und so nahm er denn, als man sich bald danach zurückzog, das von Ruth auf einen Ecktisch gelegte - Buch zur Befriedigung seiner Neugier mit in sein Zimmer hinitber ^ und las bis Mitternacht. Dann schritt er noch eine Zeitlang auf s und ab, um seiner Aufregung Herr zu werden, und öffnete dabei das Fenster und lehnte hinaus und sah nach dem in klaren Um-j rissen daliegenden Gebirge hinüber. Darüber flimmerten die Sterne. Ihm war es. als erblick’ er die Leiter, von der L’Hermite, in jener Mond- und Spuknacht gesprochen hatte, nur mit dem Unter ’ schiede, daß er statt ihn ängstigender Schatten Engel und Licht-! gestalten auf- und nicdersteigen sah. Und nun schloß er das Fenster wieder und sah Ruth, wie sie drüben in halber Beleuchtung ge-! sesscn und in den Lesepausen des Vaters Hand gestreichelt hatte.

„Ja, wer so geboren wird, wen das Leben so wiegt und trägt… Armer Mensch, ich, arm und elend und verloren, wenn Gott nicht ein Wunder thut … Aber wie s auch komme, doch j gut, daß ich das alles noch erlebt. .. Und wenn er ein Wunder thäte! Hah’ ich es verwirkt? Ist ein Wuyder unmöglich? Me, sonst wär’ es kein Wunder.“ .

Und er lebte sich in diese Vorstellung ein und legte sich’s zurecht und sah wieder heiter in die Zukunft. Unklare, verschwimmende Bilder von Besitz und Glück und Ruhe stiegen vor ihm auf.

2L.

So verstrich die Zeit bis Weihnachten, und ehe man sich’s versah, war der heilige Abend da. Die Bescherung für die Haus-! genossen Obadjas und für die Mennonitenkinder war vorüber, I und unter den Klängen von, Obadjas Lieblingslied „Balet will ich Dir geben.

Du arge falsche Welt“

waren die Kinder mit den Lehrern hinausgezogen aus der großen Halle, sich in die benachbarten Farmen zu vertheilen, wo sie für die Nacht Unterkommen finden sollten. Die Häusangehörigen hlieben noch beisammen, in traulichem Gespräche um den Kamin gruppirt.

„Hast Du das Lied gekannt, das die Kinder sangen?“ fragte Obadja, zu Lehnert gewendet.

Ja, sagte Lehnert, er Hab’ es gekannt, denn es habe dem Liederschätze seiner Heimathlichen Dorskirche mit angehört.

„Dann weißt Du auch wohl, von wem es ist?“

„Rein.“

„Aber das solltest Du doch. Es ist ein Landsmann von Dir, der es gedichtet hat, er hieß Valerius Herberger. Ihr Schlesier seid überhaupt bevorzugt in solchen Stücken, und ich möchte wohl, i ich könnte von meiner alten heimischen Weichsel- und Nogatgegend dasselbe sagen. Wir sind arm und Ihr seid reich. Da habt Ihr den herrlichen Mann, den Zinzendorf, denn die Sachsen und Lausitzer sind schon wie halbe Schlesier, und da habt Ihr den herrlichen Paul Flemming und vor allem auch den Opitz.“

Lehnert verfärbte sich.

Als er aber sah, daß der Name voll Unbefangenheit gesprochen worden war, kam er rasch wieder zu sich und folgte mit scharfem Ohr, während Obadja fvrtfuhr i „Und zu diesen Erwählten unter Euch, die nun dastehen als eine Säule der neuen Kirche, zählt auch der Valerius Herberger, und wie sein Glaube in seinen Liedern lebt, so lebt er auch in seinen Werken. Und ich beuge mich vor diesem Manne. Kein Märtyrer, im Sinne der alten Kirche, hat er doch dem Tode Tag um Tag ins Auge gesehen. Er war Prediger in Fraustadt in Schlesien und in neun Wochen starb die Stadt aus, denn der schwarze Tod ging in ihr um. Mehr als dreihundert hat er persönlich unter Schulgesang mit bestatten helfen und doch blieb er bis zu Ende ohne Furcht. Manche Leiche begrub er mit dem Todtengräber ganz allein. Er ging voran und sang; der Todtengräber aber führte ihm die Leiche auf einem Karren nach, an dem ein Glöckchen hing, damit die Leute der Begegnung ausweichen konnten. Sein Trost war: wer Gott im Herzen und ein gut Gebet und’ einen ordentlichen Beruf hat und den Vorwitz meidet, dem kann der Teufel nicht ankommen und die Seuche noch weniger.“

[154] 1^4

das ist schöne sagte Ruth Obadja aber nickte Ruth zu und fuhr dann fort. Und als die Seuche fort und aus dem Lande war, da schrieb er: ,es war an die Zeit über. als ob ein Engel mit dem Schwert mein Hans vertheidigt hätte- so daß mir kein ^eid widerfahren dursten Und während diesem Zeit war es auch, daß er das schöne Lied dichtete, das, wie^s ihn ansrichtete, seitdem so diel tausend andere mit aufgerichtet hat.^

Die Lichter am Baum waren schon lange vorher gelöscht worden. Auch im Kamin siel das Feuer zusammen und glühte nur noch dunkel. Aber die goldnen Russe blinkten in dem tiefen ^icht nur n'm^s.o goldner und der Ehristengel schwebte da.eiiber.

,,Jch denke, wir trennen uns^ sagte ...^bädja. ,,Ruth, finge mir noch einmal die erste Strophe. Das soll heute mein Racht- gebet sein.^

Ruth that. wie ihr geboten.

Dann nahm Obabia das zunächststehende Licht, grüßte die noch Versammelten und ging auf sein Zimmer zu.

Auch die andern erhoben sich. Jn Lehnert aber reiste in dieser Racht ein Entschluß, mit dem er seit Wochen und Monaten gerungen. Unter den überwältigende Eindrücken der ^eier, wahrend der Ton von Ruths Gesang noch fortklang in seinem Ohre, drang .^s in ihm durch: es muß ein Ende gemacht werden, so oder so.

Jn) der Halle war es um die Mittagszeit des folgeuden Festtages leer und still. Die Jndianerkinder hatten nach dem Frühgouesdieust die Erlaubniß bekommen, die Geschenke- die sie am Abend zuvor erhalten, von der großen Tafel wegzunehmen, und waren fröhlich lärmend nach ihren Dörfern abgezogen. Rur der Weihnachtsbaum ragte in dem Dämmerlichte der Tag war trüb und grau empor und erzählte von den g.mcklichen Stunden, die an ihm vorubergerauscht waren.

Obadja haue sich in sein Zimmer znrückgezogen^ und eine halbe Stunde später erschien Ruth, um ihm das Frlchstlick zu bringen. das er um diese Zeit zu nehmen pflegte. ^ Sie setzte das Tablett vor ihn hin und wollte wieder gehen, aber er hielt sie fest.

,-Dn bist so still, Ruth. Hast Du mir nichts zu sagend

,,Rein. Oder doch nur das eine, das Du längst weißt, daß ich glücklich bin und Dich liebe. ^

,,Und bist Du glucklich ^

,,Ja.^

Sie sagte das mit einem Ton, der jeden Zweisel ansschloß. Und dann küßte sie seine Hand und verließ das Zimmer.

Sie wollte an dem Weihnachtsbaum vorüber die Halle durch- schreiten, fuhr aber zusammen. als ihr Lehnert. den der Baum bis dahin verdeckt hatte, plötzlich entgegen trat. Jndessen es währte nicht lang^ im nächsten Augenblicke lachte sie wieder. ..Lehnest.

Du hier^ Du schleichst ja wie durch den Forste

Sie wußte nicht.. wie das Wort ihn traf. und setzte scherzhast

und in wiedergewonnener guter Laune hinzu. ,,Du darfst nicht

vorher die goldnen Russe zähleu, dazu ist Zeit heut abends wenn

wir den Baum plündern.^

Lehnert versprach alles und fragte dann, ob der Vater in

seinem Zimmer sei.

Willst Du zu denr^

,,Und das heut am Weihuachtstag und gleich nach der ^redigt^ Ei, das muß etwas Großes sein.^

,,Jst es auch. Jch will ihn um etwas bitten. Und höre, Ruth, dabei fällt mir ein. Dn könntest mir Glück dazu wünschen.^ ,,Wenn es etwas lautes ist.^ ,,Jch glaube, daß es etwas Gutes ist.^

s gesagt habe. Das hab^ ihn dte ganze Racht nicht schlafen lassen. i Er sichle, daß das das rechte .Leben sei : sich, mit Gott im Herzen, vor dem Tode nicht zu furchten. Und solches Leben zu führen, ^ das sei so recht seine Sehnsucht. Und wenn ihn der Teufel der Eitelkeit und Selbstgerechtigkeit nicht verblende, so möchte er wohl sagen dürfen- er glaube, daß er nicht bloß die Sehnsucht, sondern auch die Kraft dazu habe.^

Glaube- Lehnert, glaube. Aber Du wolltest mir etwas anderes sagen.^

,,Ja),^ bestätigte Lehnert. ,-das wollte ich. Und wenn es vermessen und hoffnungslos ist, was ich sagen werde. dann will ich sort und zwar lieber hent wie morgen.^

Und nun hielt er inue, gewärtig dessen, was Obadja sagen wurden Der aber schwieg beharrlich und schien nur durch Blick und Handbewegung andeuten zu wollen. daß Lehnert weiter sprechen möge.. Da stel denn auch alle Furcht von ihm ab und er ließ fem Herz nicht bloß reden. sondern ihm alle Zügel schießen. Er liebe Ruth. Er wisse wohl^ daß er ein schlechter Mensch und des Glückes, das er begehre, durchaus unwürdig sei. Selbst- gerecht und getnaltthätig sein. das seien die Fehler seiner Jugend gewesen und die Wurzeln des Verbrechens, um dessentwegen er seine Heimath habe meiden müssen. aber er glaube sagen zu dürfen. das alles liege jetzt weit zurücke und seit dem Tage- der seine Ve kehrung gebracht, steh^ es fest in ihm, daß die Reinheit und der Friede des Herzeus das einzige Heil seien. Das Lied, das damals gesungen worden sei, das hab^ ihn bekehrt und wenn nicht das Lied, so die Stimme.

,,Und wenn nicht die Stimme, so Ruth ,^ .lächelte Obadja. Aber Lehnert sah es nicht. Er hörte nur heraus, was freundlich darin klang, und wiederholte mit Uubesaugenheit: ,,Ja, Ruth. Sie ist es,. der ich alles schulde- und sie wird mir auch dann noch das Glück bedeuten, wenn ich es in diesem Augen- , blicke stir immer. hinschwinden sehe. Jn Roth und Armuth und in noch Schlimmerem bin ich großgezogen worden. Das heimatliche Haus hat nichts für mich gethan und die Schule nicht viel. und alles, was ich bin. das hat zu Gutem und Schlimmem das Leben aus mir gemacht. Jch sehe hinauf zu Ruth. Aber merne^Liebe ist groß und gleich groß mein Wille, sie glücklich zu machen. Mein Wille und hoffentlich auch meine Kruft. ^

Und nun sah er Obadja fest an und erwartete sein Urtheil. Der Alte schwieg aber und begegnete seinem Blicke mit nichts als sreundlicher Ruhe. Dann erhob er sich, ging auf Lehnert zu

und

eiß Ruth davon^

sagte:

,,Rein^

,,Rnn. dann gedulde Dich Lehnert. Es ist Rahel. um die Du tmrbst . Jch werde Dir Antwort sagen. ^

-,Ruu, dann von ganzem Herzen l

Sie gab ihm die Hand, und während sie nach links hin und weit um den Tisch herum ^ auf den .offenstehenden Flur^zuschritt, ging Lehnert auf Obadjas Zimmer zu, von dessen Thür er den Vorhang zurückschlug.

Obadja saß an seinem Arbeitstisch, genau wie damals, als Lehnert zum ersten Male hier eintrat, und ganz wie damals gab er sich und seinem Stuhl eine rasche halbe Wendung und sagte: ..Run.. Lehnert. was bringst Du^ Rimm Platze

Lehnert setzte sich auch wirklich, schwieg aber befangen. Endlich war er seiner Verlegenheit Herr und begann damit- ihm für das zu danken. was er gestern abend über den Valerias Herberger

Gedulde Dichl Jch werde Dir Antwort sagen. ^ Hundert mal wiederholte sichts Lehnert, und als Obadja am andern Morgen die Andacht gehalten und wie herkömmlich ein Bibelkapitel gelesen hatte, hoffte Lehnert , daß nun das Worte das über sein Leben entscheiden sollte,. gesprochen werben würde. Aber das Wort blied aus und er verzehrte sich tagelang darüber. daß es ausblieb. Er wurde wie krank im Gemüth und mied es nach Möglichkeit- mit Ruth und mehr noch mit Obadja zusammenzutreffen. Als aber, ohne daß ein Wort laut geworden wäre, das neue Jahr ange- brachen war, war er entschlossen. mit dem Elend ein Ende zu machen und sich wieder in sein altes Leben zurückzusinden.

Das war^ ihm nun freilich einfach unmöglich gewesen, wenn die Haltung Obadjas irgend etwas gezeigt hätte, was auf Miß^ stimmung oder gar auf Uebelwollen und Ablehnung hätte gedeutet werden können. Aber eher das Gegentheil war der Fall. Keine Begegnung verging- ohne daß Lehnert einen freundlichen Blick erhascht hätte. was noch wuchs, als Obadja sich überzeugte, daß in der That keine Heimlichkeiten zwischen den jungen Leuten bestanden und, Ruth ohne jede Ahnung von dem Schritte war, den Lehnert gethan hatte. So kehrte denn ein gewisser Zustand der Ruhe. wenigstens äußerlich, zurück, und wenn Lehnert jetzt. was nur zu oft geschah , seines^ Weihnachtzwiegefpräche.^ ^mit ^ Obadja gedachte, so hielt er sich immer nur das eine vor. daß der Alte hinzugesetzt hatte: ,,es ist Rahel, um die Du wirbst.^ Das wart das sah er jetzt ein. mit gutem Bedachte gesagt worden [155] 1^

und jedenfalls zu dem Iwech ihn wissen zu lassen. das.i e^ einer langen Probezeit bednrse.

Ja, der früher^ anstand der Ruhe kehrte zurück, und als der Winter auf die Neige ging und der Frühling anbrach, wurden auch die Feldarbeiten im ganzell Umfange wieder aufgenommen. Ueberall gab es ein Pflügen und Säen, und Lchulnitmarl.ri Beaustlchklgmlg der Arbeit oft bi^ halben Weg^ nach Darlington oder auch, nach der andern Seite hin, bis an den Abhang der Berge hinauf. Auch Tobt) war mit Uneas viel draußen, um auf Hühner zu jagen, welche Form der Jagd der ..klte, trai-. grundsätzlicher Bedenken, gelten ließ, ja geradezu begünstigte, da zu seinen kleinen Schwächen auch dte gehörte, den Freuden der Tafel nicht abgestorben und besonders in Bezug auf Bekassinen ein Feinschmecker zu lein.

Eine dieser Jagden aus Hühner hatte sich an einem schönen Märztage bis an eine fast schon zu Fussen von Fort il;l'Brien gelegene Sumpfstrecke gezogen, und Tobt),. gegell abend mit reicher Ausbeute heimkehrend, zeigte sich entzückt von dem landschaftlichen Anblick, den er kurz oor Beendigung seinem Jagdau^fluge^ von dem Wallgange des halbverfallenen Forts aus gehabt habe, der ganze Hügelabhang habe ihm den Anblick eines großen Blumeu. gartens gewährt, viel, viel schöner als irgend etwa^ derart, wa^ er je gesehen habe, denn in beinahe felderartigen Streifen sei die ganze Schrägung niit Frühlingsblumen überdeckt gewesen. Ruth, anfänglich ungläubig, war endlich doch voll seiner Begeisterung mit hingerissen worden und hatte bei dem abschließenden Borschlage, am andern Nachmittag eine Partie hillaus zu machen und aus der von Palistaden umstellten Bastion ein Picknick abzuhalten, ihre alte Dienerin liRaruschka wie selig am .llrm genommen und war mit ihr durch die Stube getanzt. Iugleich aber hatte sie sich vorsorglich erboten, den Vater nicht bloß zur Iustimmung, sondern selbst zur Theilnahme bewegen zu wollen, was ihr, wie sie wohl wußte, nicht schwer werden konnte, da sie seine Pläne kannte, das Fort von der Regierung zu kaufen und nach erfolgtem ^lu^batt zum Mittelpunkl eines neuen Borwerks zu machell. Ein solcher Aus- fliug aber, ...rechnete sie, würde ihm erwünschte Gelegenheit bieten, die ganze Sache mit unbefangenem Auge nochmals zu prufen.

Und stehe da, Ruth hatte sich nicht verrechnet. il.)badja war auf alles mit bemerkenswerter Freudigkeit eingegangen, und so ward denn die zweite Rachlnittagsftuude des folgenden Tages stir den Ausflug nach Fort O.Brien sestgesetzt.

- In zwei Wagen fuhr mall hinaus und saild die mit deli Est- vorräthell vorausgesahrenen Kaulbarse bereits am Eingang in die Bergschlucht vor, an einer geschützten Stelle, von der aus eine links einbiegende Steintreppe beinahe unmittelbar bis nach Fort O^Brieu hinaufführte. Man begrüßte sich herzlich, und als man, oben all- gelaugt, an ein Auspacken der seitens der Kaulbarse mitgebrachten Körbe ging, überzeugte man sich, daß dieselben in ausgiebigster Weise für das leibliche Wohl vorgesorgt hatten. Tops- und Blech- kuchell, Mohnstrietzel und Marmeladentöpfe stiegen in großen Mengen aus der Tiese der beiden Körbe herauf

„Aber nun ein Feuer,“ sagte Toby. „Wir können nicht die Verwegenheit habeil, uns trocken durch diesen Kuchenberg hindnrch essen zu wollen: daran würde selbst Maruschka scheitern Also Kastee, viel Kaffee, fonft sind wir verloren, und hier unter dieser Ahoruplatane, die nicht bloß Schatteu giebt, sondern auch warm und behaglich uuterm Wälde liegt, hier wollen .wir das Feuer machell. Ich denke, wir holen uns alte Bretter aus dem Fort, das Jungholz hier herum ist noch zu naß, und wenn wir keine Bretter stnden, nun, so brechen wir eitlen Psahl heraus, sind ihrer ja die Menge vorhanden, und aus Vernichtung von Staats- eigenthum werden wir wohl nicht verklagt werden.'.

Und so sprechend, trat er an die mit spitzen Pfählen dicht umstellte Brüstung des alten Wallganges heran und versuchte niit aller Anstrengung, eine der Palissadelt herauszuwuchten; Ruth wollte ihm behilslich sein und mühte sich, einen ziemlich großen Stein loszumachen, der dicht neben eben diesem Palissaden- psahl eingebettet lag. Ihre kleinen Hände waren aber zu schwach, und so sprang deuu Lehnert herzli, um ihr bei dem Lockern des Steins nach Möglichkeit behilslich zu sein. Und es gelang auch. Aber im selben Augenblicke, wo der Stein sich löste, fuhr eine Kreuz- otter daruuter hervor, biß Ruth in das Handgelenk und war dann im Nu die Palissade hinab und in dem Blumeugewirr verschwunden Mit einem Schrei sank Ruth in die Kniee und sagte mit un- aussprechlich trauriger Stimme: „Nun muß ich sterben.“

A.der kaum daß sie diese Aborte gesprochen hatte, warf sich Lehnert neben sie nieder, ergrist ihre Hand und sog mit leidenschaft- licher Gewalt lind ehe sie's hindern konnte, da^ Gift au^der.Wunde

Das Ganzewar wie el)n Blitz; Gefahr undRettungnur an Augenblick. Ruth aber verblieb inchrer kltieendeu Stellung und sagte: „Nun stirbst Dtt.^'

„Rem, Ruch, mein l Und wenn . . . Wa^ liegt. an mrrl“' .

Lehnert wurde tags daraus von einem heftigen Fieber be- fallen und alle stlrchteten für sein Leben Ruth und Maruschka waren in Thrauen und L'Hermkle wetterte durch das Haus hin und hielt Reden. Ieder klagte, selbst Martin Kaulbars, der steiklch seiner glücklichen Beanlagung nach nicht umhin konnte, seiner Klage zugleich etwas von einer Anklage zu geben - „Das Gist aus- kluschen sei der reine Unsinn und sollte bloß so 'was sein: aus- breuuen, das sei das Richtige, das wisse jedes Kind, und das wäre auch stlr Mis^ Ruth das Beste gewesen und stir den guten Schlesier auch. Nu werd. er wohl dran glauben müssen Und ob Miß Ruth durchkäme, das war auch noch so so. Aber das käme davon, wenn man von nichts wisse und in allem zurück sei.“ 8um i^lück kam es anders und alle 's;lerzensnoth Ruths und i alle Nennmalweisheit .Martkll Kaulbars' erwiesen sich als un- gerechtsertigt. Das Fieber, das Lehnert heimsuchte, hatte mit dem Gist nichts zu schaften und warrinsach eine Folge großer Aufregung und hinzugekleteuer Erkältung, so daß am dritten Tage scholl der aus der Rachbarschaft von Fort Mae Eunoch herbeigerufene Doktor Morrisoll die Versicherung einer vollständigen Genesung geben und selbstveritändlich an dem Fest- und Frendenmahl, das Obadja den- selben Abend noch veranstaltete, iheilnehmen konnte.

Lehnert war sehr glücklich und empstng, als nun alle Sorgen abgethan waren, noch einmal die Danksagungen der Familie. Sein Glück wuchs aber noch, als am andern Morgen Obadja das Gebet sprach, worin es mit besonderer Betonung hieß, daß di^ Liebe der einzige Lohn stir trenes Dienen sei. Und gleich danach nahm der Alte die Bibel und las: .,,Und Iakob gewann die Rahel lieb und sprach; Ich will Dir sieben Jahre um Rahel dielten. Und Laban antwortete ; Es ist besser, ich gebe sie Dir, denn einem i andern. Also dienete Iakob um Rahel sieben Jahr und däuchten ihn als wären es einzelne Tage, so lieb hatte er sie.“

Ruth erröthete. Denn ohne daß ein Wort zwischen ihr und Obadja gesprochen worden wäre. wußte sie doch tlur zu wohl, daß der Vater in ihrem Herzelt gelesen hatte.

Ja, Lehnert war glücklich, und nur eines war es, was ihm fehlte; sich über seilt Glück aussprechen zu können. Er sühlte, so widerstrebend er sich dies auch eingestand, noch kein Recht dazu, denn das ^ort, das ihm Obadja verheißen hatte, war noch immer ungesprochen geblieben, und so hielt er es denn einfach stlr seine Pflicht, in Iuriickhaltung und Schweigen zu verharren.

.Vielleicht, daß er trotz dieses starken Gestihls von dem, was sich vorläufig einzig und allein für ihn zieme, sein Schweigelt dennoch durchbrochen hätte, wenn ihm L'Hermite, sein kleuer Ge- sährte, mit mehr Reugier entgegengekommen wäre. Dieser vermied es aber ostenbar, irgend eine Frage zu thun, ja zeigte sich geradezu sorglich beslisseu, einem Gespräch über Ruth und Lehnert und ihr Verhältnis) zu einander aus dem Wege zu gehen. Lehnert zerbrach sich den Kopf daruber, und zu der Pein des Schweigenmttssens gesellte sich auch noch die Frage, warum L'Hermite seinerseits jede Frage vermeide. Vou Neid oder Cistrstichtelei konnte .keine Rede sein, das lag nicht in L.Hermites Charakler oder war etwas längst Ueberwuudenes , und wenn dieser, wie ganz augeuscheinlich, der Liebe seines Freundes Lehnert zu Rlith trotzdem nicht froh wurde, so mußte 'was anderes vorliegen Das Unbehagen, das Lehnert über diese Wahrnehmung empfand, war so groß, das.l er schließ- lich, allen entgegenstehenden Selbstgelöbnisfen zum Trotz, doch den Entschluß faßte, sich bei nächster Gelegenheit Gewißheit darüber verschaffen zu wollen

Diese Gelegenheit bot sich denn auch bald. Es war ein Musikabend gewesen und Ruth hatte Lehnerts und auch L'Herlnites Wunsch nachgegeben und ganz zum Schlusse noch einmal das Lied vorgetragen, das sie während der Septembersesttage so schön und stlr Lehnert so entscheidungsvoll gesungen hatte. Dieser [156] war denn auch, ähnlich wie damals, von den Liedesworten und mehr noch von Ruths Stimme ergriffen worden und hatte Thronen im Auge, als das Lied schwieg. Auch L’Hcrmite war bewegt, und beide, wie wenn sie gewillt gewesen wären, sich den Eindruck nicht stören zu lasten, brachen früher als gewöhnlich auf und gingen in ihren Korridor hinüber. Einen Augenblick schwanken sie hier, wohin sich wenden, aber L’Hcrmites Zimmer, überhaupt das bevorzugtere, ward es auch heut, und nach rechts hin eintretend, nahmen beide Platz, Lehnert auf einem Schaukelstuhl, L’Hcrmite wie gewöhnlich mit untcrgeschlagenen Beinen auf seinem Arbeitstisch, den Schraubstock neben sich.

„Nun,“ sagte L’Hermite, während er eine kleine Eisenstange aus dem Schraubstock hcrauszog und damit zu spielen begann, „Lehnert, was giebt’s? Ich glaube, Ihr wollt mir etwas sagen.“

„Ja, seit lange schon.“

„Nun denn.“

„Ich liebe Ruth.“

L’Hermite lächelte. „Wer nicht?“

„Ah, ich versteh’… Ihr findet es anmaßlich“ – L’Hcrmite schüttelte den Kopf – „oder vielleicht ein Unrecht.“

„Weder das eine noch das andere.“

„Oder Ihr meint, sie liebe mich nicht?“

„Im Gegcntheil.“

„Nun, was dann?“

„Mein lieber Lehnert,“ sagte L’Hermite und setzte sich in eine Art Positur, „Ihr wißt, daß ich nicht viel glaube. Aber ich glaube an Eines, an ein Fatum. Und weil es ein Fatum giebt, geht alles seinen Gang, dunkel und räthselvoll, und nur mitunter blitzt ein Licht auf und läßt uns gerade so viel sehen, um dem Ewigen und Räthselhaften, oder wie sonst Jh^s nennen wollt, seine Launen und Gesetze abzulauschen.“

„Nun?“

„Und ein solches Gesetz ist es auch: wenn man erst ’mal heraus ist, kommt man nicht wieder hinein. Und da hilft kein Hoherpriester und kein Prophet, und wenn es Obadja selber wäre, gleichviel ob der alte oder der neue. Das Fatum ist eben stärker, und es ist das beste, lieber Lehnert, Ihr lebt Euch mit diesen, Gedanken ein. Ich Hab’ es gethan. Und wenn Euch das glückt, so werdet Ihr wenigstens Eines davon haben, dasselbe, ivas ich davon gehabt habe: das Glück der Einsamkeit. Und Ihr steht dann von Stund an über dieser armen Komödie, die Welt und Leben heißt.“

Lehnert starrte ihn an.

L’Hermite aber, dessen Bewegungen immer nervöser wurden, fuhr fort: „Gebt Ruth auf! Ihr kriegt sie nicht. Und wenn morgen die Hochzeit sein soll und die gute Frau Kaulbars so viel Kringel und Krausgebackenes bäckt, daß der Fettgeruch bis ans Ende der Welt zieht – ich sag’ Euchn Lehnert, Ihr kriegt sie doch nicht, Ihr fallt todt vorm Altar nieder. Und wenn nicht Ihr, so Ruth. Glaubt niir, es soll nicht sein. Es ist da so was Merkwürdiges in der Weltordnung, und Leute wie wir – Pardon, ich sage mit Vorbedacht, wie wir – die nimmt das Schicksal unter die Näder seines Wagens und zermalmt sic, wenn sie glücklicher sein wollen, als sie noch dürfen.“

(Schluß folgt.) [180] H u i L1.

Roman von Thesdor Fontnnc. (Schluß.) schneit war, als er nach L’Herinites Worten in sein Zimmer ^ zurnckkehrte, wie vom Blitz getroffen, doppelt, weil er sich wenn auch mit Widerstreben gestand, aus dem Munde L’Herniites nur das gehört zu haben, was ihm eine innere Stimme selber schon zugerufen hatte. Was unheimlich seinen Freund umschlich, umschlich auch ihn, immer wieder war es da. Warum war er so miterschüttert gewesen, als der mit dem Kreuz auf der Brust in jener Nacht bei L’Hermite ins Fenster gesehen hatte, und warum lag da wer am Weg, als er am Tage danach von Fort O’Brien aus zum ersten Mal ins Gebirge hinaufritt’? Sinnestäuschung? Rein. Gewissen! Es half nicht Reue, nicht Beichte; was geschehen war, war geschehen, und im selben Augenblicke, wo nur noch ein Schritt, ein einziger, ihn von seinem Glücke zu trennen schien, sah er, daß dieser Schritt ein Abgrund war.

Er konnte keine Ruhe finden und zermarterte, sein Gehirn mit dem, was kommen müsse. So verging ihm die Nacht und erst gegen Morgen schlief er ein.

Mcht lange schlief er. Aber so kurz der Schlaf gewesen war, so war es doch, als wären ihm Kraft und Muth zu gutem Theile zurückgekehrt, und als er das Fenster aufstieß und Frühlingsluft und Morgensonue hereindrangen, lösten sich die Vorstellungen, die sich während der Nacht, als wären es Gespenster, seiner Seele bemächtigt hatten, auf wie die Nebel, die drüben am Gebirge hinzogeu. Eine Schuld lag auf ihm: aber hieß es nicht in dem Gebet, das Christus selbst uns gelehrt, „und vergieb uns unsere Schuld“ ? Und wenn Christus so gelehrt und geboten hatte, so mußte doch auch eine Möglichkeit der Erhörung sein und bei rechter Demuth und Zerknirschung auch wohl eine Gewißheit. So sann er weiter, und als er fich’s zurecht gelegt und bei der Morgenandacht das Auge des Alten so fest und freundlich wie nur je zuvor auf sich ruhen gefühlt hatte, war alles, womit L’Hermite ihn ^– und was schwerer war, er sich selber – geängstigt hatte, besiegt und verschwunden.

L’Hermite, der wohl sah, was in der Seele seines Freundes vorging, vermied es, aus seine düstere Prophezeiung zurückzukommen, ja er schlug umgekehrt, als sie wieder einmal bei einander saßen, einen halb heiteren Ton an, der darauf aus war, die Wirkung seiner Worte wieder abzuschwächen. Und so gut Lchnert einsah, daß das alles nur geschah, um ihn zu beruhigen, so trug es trotzdem nicht wenig dazu bei, seine Hoffnungen neu zu beleben. [182] ^ 18.... ^

Auch Obadjas wachsend freundliche. Gefitttlung gab ihm viel von seiner alten Freudigkeit und Frische zurück; was aber bies (Gefühl der Frische vielleicht am meisten belebte, das war, daß sich Tobys in letzter Zeit eitle wahre Id.gdleidettschaft bemächtigt hatte, zu deren Befriedigung, wie sich denken läßt, .tuen^u^' geeigneter erschien als .Lehnert, der die Tugenden eine.., gnte^ Schützen mjt denen eitles ersahrenen Bergsteigers in sich vereinigte. Dies .letztere war die Hauptsache. Detttt voll einem beanemett Absuchen wie spicher an den niedrig gelegenett Sümpfen und Teichen hitt war schon lange keine Nede mehr, vielmehr ging es hei jeder sich bietenden Gelegenheit hoch ins Gebirge hinein , und Weihen und Bussarde wegschießen, vder auch wohl einen Bartgeier desgleichen, das war jetzt das Jagdverguü gen, nach dem Toby bürstete.

Der Alte mißbilligte das und würde dagegen eingeschritten sein, wenn er nicht Tvdys Eharakter gekannt hätte, der alles mit Feuereifer angriff, aber nur um es nach kurzer Zeit wieder fallen zu lasten. Hierin fand er seine Beruhigung und ließ es geschehen, wenn Lehnert Toby auf seinen Ausflügen begleitete.

So war Ende Mai gekommen und Toby verlangte danach, einen Steinadler zu schießen, der -.er wußte genau die Stelle, wo ........ hoch im Gebtrge nistete. Dann aber wollt' er zu dem Neste

hinaufklettern und die zwei Iuttgen ausnehmen und großziehen, um sie dem Zoologischen Garten in Galveston zum Geschenk ztt machen. Bei seiner letzten Anwesenheit daselbst war er nämlich eitel und unvorsichtig genug gewesen. b^m Vorstande des Gartens eiu solches Versprechest zu machen, und hielt nun die Durchführung sür Ehrensache, worin er sich sogar von seilen Nnths bestärkt sah.

Es war am letzten Tag des Monats, daß sich Toby zu diesem Fange rüstete. Lehnert, der ins Feld mußte, konnte nicht mit, weshalb - wie schon bei früheren Gelegenheiten ein jünger Ara.p^ für ihn eintrat, her ein besondere^ Webling vott

Nuth und Toby war. Er hieß ^.bort-urm. b. h. "Kurzarm", weil er, istfolge eines Armbruchs, eiueu etwas zu furzen Arm hatte.

Beide, Toby und Shortarm, waren sehr früh, schon bald nach Mitternacht, aufgebrochen und hoflten, mit Sonnenaufgang oben und spätestens um Mittag in Nogat-Ehre zurück zu sein. Aber die vierte Stunde war schon heran, ohne daß sich Toby ge^ meldet hätte. .L^Hermite, von Nuth und Marttschka, die sich zu .ängstigen begannen, ins Vertrauen gezogen, ging in Lehuerts Zimmer hittüber, um von dort aus nach dem Gebirge hitt Ans,. schau zu halten, aber, so klar der Tag war, auf der ganzen zwischen- liegenden Strecke war zunächst für ihn niemand sichtbar, bis er nach einer Weile Lehnerts gewahr wurde. Er kaut von einent zu Nogat-Ehre gehörenden Vorwerk zurückgeritten, auf dem der. zeit die Knulbarse ihren Ausenthalt hatten. Die Sonne, die stark blendete. keß den ruhige Herautrottenden anfänglich bei seinem Ausblick nicht viel erkennen, als er aber eine Wette danach den mit seinem Käppi winkenden L^Hermite deutlich be- merkte, wurd' er stutzig und setzte sich, während er seinem Pferde b.^ Sporen gab, in einest rascheren Trab. Und nun war er heratt uttd ersuhr von dem in der Flurhalle seiner bereits harrenden Freunde, daß man Tobys halber in Sorge sei. Sie sprachest ttoch , als auch Obadja hinzutrat und seiner Unruhe , der er bis dahin nicht hatte nachgeben wollen, den allerlebhaftesten Ausdruck gab. Die .Sanduhr schlug halb. Halb fünf. Auch Nuth ttnd Maruschka waren die Treppe herabgekotntueu und die gute Alte weinte hestig. Sonst schwieg alles^ und doch war es eine Seene voll immer wachsender Aufreguttg" Lehttert fuhr überlegend mit der Hand über die Stint, L^Hermite psist und Obadja richtete sein Auge nach oben. Zwischen ihnen htu und her aber lief Utteas ttttd winselte, und wenn er vor Lehnert stand, setzte er sich und. sah ihtt an und schien zu fragen: "Wo ist Toby? ^ Das kluge Thier wußte: der allein kann helfen: Ihr anderen seid nichts.

Itt diesem Augenblicke that Nuth eittett Schrei; Shorturnt war die Nampe heraufgekommen, athemlos," und aus Obadja zustürzend, warf er sich vor dem Altett auf die Kniee und sagte. "Meister Toby . . ."

"Ist todt?"

"Neinl Er hat sich verirrt. Wir verloren ntts. Ich kottttte ihtt nicht mehr sindett.

Und nun erzählte er mit zitternder Stimme, daß Toby, dicht nebest dem "L.ook.ont^, dem höchstert der Berggipfel, auf ein ige dort anf dem l.^.rat znsuttttttettgewürfelte Steinfrülttttter hittanfgeskegen, aber ttach einer halben Stunde und länger noch int.uer nicht zurück- gekommen sei.. Attch kein Hilferuf. Nichts. Da sei er selber hinauf.

gekeltert. Aber kein Toby da. Todt köttn^ er nicht fern" Denn es sei n.icht hoch gewesen und ....eiltlte.^efahr. Aber er ser. weg. .Er müsse sich in den Fensen oder weiter unten im Walde verirrt haben.

Obadja rang nach ^Fassung. ^eine Tage waren gezählt. Wenn das der Ausgaug umr, da^ ihm Gott den .Jungen tmhm, den Erben, für den er gelebt hatte." . . Und sonst so ruhig und übe^fe^en, war er jetzt wieruthlos und schritt aus utsd ab. "Ich will beten,^ sprach er vor sich hin. " Aber Gebete . . . Gott wi^ sticht bloß Gebete . . . Wir sollen auch thun, mit thun" So will es Gok. Dann lntst er . . . lehttert . . Alles, alles."

Uttd dabei nahm er Lehnerts H..tnd.

^ch uber Lehnert... .Züge flog e^ wie ein Glanz von Glück nttd er fichlte deutlich, der Tag, der über ihnentscheiden müsse,. sei nun g^tnmem ^Er ging aus ^hortarsn zn, rss1 ihm Gewehr und Jagdtasche twu der Senker und sagte. "Komm, Uneass"

Und bor Freude heulend, sprang das schöne Thier in die Höh^ .und folgte dem v orauschreitenden Lehnert.

2^

Lehnert ging in starkem Schritt auf das Vorwerk zu, bog aber, eh' er herau war, nach rechts hin in einen O^uerpsad ein, der jus Gebirge hissauf stieg. .Oben wollt' er dann den Kamm . entlang gehest und vost den höchsten Punkten aus Umschau halten. ^ Er war von einem festen Vertrauen erfüllt, daß er Toby stnden ^ würde, wentt nicht unterwegs, so doch in Nähe der weit vor- ^ springenden Felspartie, die wegett der mit Vorliebe darauf nistenden ^ Adler schon von alter Zeit her den Namen "Eagles Points ^ "Adlerspitze^, führte. Ieder Punk an dieser Stelle war ihm, nach den ^ vielen gemeinschaftlichen Jagdausflügen der letzten Monate, ^ ziemlich genau bekannt^ was aber sein Vertrauen noch stärke, war . der Umstund, daß etwa tansend Schritt von Eagles Point entfernt eitt noch höherer Kegel anfragte, der erwähnte "^Look-out", der tticht bloß wundervolle Fernblicke, sondern einen genauen und leichten Einblick^ in die nächstgelegenen Felspartieen.. atn besten aber in die

von Eagles Point gewährte. Vom Lookunt aus mttßt^ er Tobst

sehen oder ihn anrufen können, denn dieselbe klare Lust, die das l Sehen erleichterte, trug auch den Schall fort.

Es war um die siebettte Stunde, daß er an der Stelle hielt, i wo der Look-out-Kegel erst in einer mäßigen Schrtigung, datttt t aber einen Knick, eine Stufe machend, in beinah senkrechter Steile anstieg. Am Fuße der gesummten Felsmasse, Sockel wie Spitze, sprang ein ^ttell^ und siel in eittett au^i^^l^ Stein. Uttd hier bückte sich Lehnert, um zu krinkett, und stieg dann den unteren

^ Absatz bis zu dem Einknick hinauf. Er war müde geworden und hätte

t hier gern eine kleine Weile gerastet, um neue .K.'raft zu sammeln; , aber die Sontte stand schon tief, und so war denn keine Zeit mehr . zu verlieren , wenn er noch mit Hilfe des Tageslichts einen leid- . lich guten Eittblick in die Spalten und Klüfte habetl wollte. So ... warf er denn nur die Jagdtasche bei Seite, die ihm beim Klettern ^ bloß hinderlich gewesen wäre, und stieg höher hinaus. Uneas wollte ^ tttit. .Es war aber zu steil und zu glatt für ihn ttttd, unglücklich, '. Lehnert nicht folgen zu können, blieb er auf dem breiten Nande, ^ den der Einkttick bildete, zurück und legte sich neben die Jagdtasche. t Daß er etwas zu hütest hatte, schien ihm ein Trost.

Der Aufstieg ging bester, als Lehnert erwartet hake. Die ^ Steile zeigte sich freilich beträchtlich , aber überall waren Spuken ^ und Nisten die dem Fuß einen Halt gaben, und an mehr als ^ einer Stelle stand Zwergholz und hier und da selbst ein Busch, daran der Kletternde sich halten und mit nicht allzuviel Schwierig-

keit hinaufziehen kottute. Die ganze Höhe betrug keine hundert Fuß, und ehe fünf Minuten um waren, war .Lehnert oben ttttd genoß eines wuttdervollett Utttblicks. Zur Linken, uttntittelbar über dent Kamm, stand der Sonnenball und goß seine Gluth derart über die ganze lange Berglinie hin ans, daß beide Seiten des ^ Kamms in einem hellen Lichte lagen. Weiter abwärts speilich herrschte schon Dämmerung, was übrigens nicht hinderte, daß Lehttert die weite Thalmulde, bis zu den Shawnee-Hills hin, überblickest kottttte. Das da drübett mußte Fort Holmes sein und die vereinzelt aufblitzenden .Lichter im Thal bezeichneten die Linie, wo die Buhn lief. Und zuletzt weilte sein Blick nuf Nogat-Ehre. Ta lag es. Das erste Haus, das war .Obadjas, da wohnte Nuth t und er grüßte hinüber. In, einen Augenblick vergaß er fast, ltttt . was er hier war, und erst als er sichs wieder vor die Seele [183] l^ ^

gesteht l)ake, rie.s er ^vbys Raulen. Aber ttitr das Echo antwortete. Sv vergingen Minuten. Alles blieb still. Das über den Kamln lull ausgebreitete Licht ^erlosch lllld Lehuert fühlte,daß es keitlell Sinn mehr habe, altf seiner Felsetchöhe zu verweilen, Ulld so wollt' er denn rasch wieder hinab, um wenigsi.ett^ dar .^egimt völliger Dnnkechrit noch bis Eagles Point zu kommen, wo, wenn das Rufen vergeblich bliebe Ultras ihm Beistand leisten und in dent Gestrüpp tlmhersltchetl krnnte" Fand er ihll nicht - und seilte frühere Zuversicht hatte ihn zu nicht keinem Theil verlassen -so wollt' er nach dem Vorwerk zurück und am andern Morgen von dort aus das Suchen erneuern.

Er hatte sich die Stelle gemerk, wo er aufgrstiegen war, lind an eben dieser Stelle wollt' er auch - schon der ziemlich vielen Strältcher und Zwergbüsche halber - wieder zurück. Die waren ihm eine Hilfe". wenn er ins Gleiten und Glitschen kaut. Zwei- , dreimal hatte er betm Ausrutschen zufassen und sich halten können; auch der Gewehrkolben kam ihm mehr als einmal zu paß, und bis zu der Stelle hiu, wo Uneas die Iagbtasche be- wachte, warell keine dreißig Fuß lttehr" Auch die Steile war hier geringer, und so gab Lehnert denn die Vorsicht ans, die er bis dahitl geübt hatte. Aber nicht zu seinem Hell'. Denn mit e.nemlnal kam er in ein halbes Skirzen, und weil zufällig krin Strauch mehr da war, dran er sich klammern konnte, schoß er wie von einer Nntschbahn mit aller Gewalt aus delt Plateauraltd llieder uud mußte froh seilt, unterwegs auf eine stumpfe Steinkattte zu stoßen, die den ^ Sturz eilngermaßen anfhielt. In der That war die Erschütterung, als er auf dem Plateanrand ankam, nicht allzu groß, ebenso wenig empfand er eittett Schmerz, ttltd so staud er denn auf dem Puuk, zu dem Stein des Anstoßes, der delt jähen Absturz gehemmt hatte, sich aufrichtig zu beglückwiinschetl, als er bei dem Versuche sich aufzurichten erkennen mtlßte, daß der Stellt des Atrstoßes wohl gehoben,.aber doch noch mehr ge-- schadet habe. Der Hüfnnocheit mußte ihm, als er. .mit der Hiifte gegen den Stein fuhr, aus dem Gelenk gesprungen seiu. Er erhob sich mit äußerster Attstreugung, aber nur um im selben Augenblick wieder zusammenzubrechen. Jetzt kamen auch Schmerzen, begleitet von inner schweren Ohnmacht, und als er ttach einiger Zeit .-.er wußte nicht, nach wie ^an^er - wieder ermachte, standen schon die Sterlle am Himmel.

Ueber sich die Sterne und uutelt die Lichter volt Nogat-Ehre, sonst alles dunkel um ihn her. Dazu kam ein Frösteln. Er hing sich mühsam die nebelt ihm liegende Jagdtasche um und schob sich seitwärts bis alt eitle Stelle, wo ein Erlenbnsch stand, verkrüppelt, lllit halb ant Bodelt ansgestrecktem Gezweig. Unter dies Gezweige kroch er. Es gab^ Schutz gegen den Nachtwind; Uneas legte sich neben ihtt und als ..^t'itternacht heralt war, schlies Lehnert eitt.

Er schlief mehrere Stnndelt und die Sonne stand schon über dettt Horizont, als er aufwachte. Die Schmerzen hattelt ttachge- lassen, aber das Bewußtseiu seiner Lage packte ihn jetzt mit doppelter Gewalt. Gewiß, daß lllall im Laase des Tages nach ihm suchen werde. Gewiß, gewiß! Und sie würden ihlt auch sitlden. Aber waun? Bis dahin war es vielleicht um ihu ge- schehett. "Und wenn es so kommen soll, wettlt kein Entrinnen, dann, Du Vater im Himmel, mach es rasch, laß es rasch voenber seitt!"

Das war das Morgeugebet, mit dem er seinen Tag einleitete.

Die Sollne zog heraus, immer höher, und als es Mittag war, meldete sich Hunger und bald auch ein brennender Durst. Er durchsuchte die Jagdtasche nach etwas, das ihn erfrischen mochte, aber er fand uichts als etwas Brot, das ihm miderstanb Und fo warf er s dem Hunde hin. T.er aber minselte nur und kroch wieder zu Lehnert heran und leckte ihm die Hand.

Lehnert freute sich dieses Liebeszrichens und streichelte das schöue Thier. Und mit eins schoß es ihm .durch den Kopf. "Uneas, Du kaunst mich rotten, Tu bist klug. Ultd nun höre gut zu! Sieh, wenn Du jetzt nach Haufe trabst, zu Ruth, zu Miß Ruth, hörst Du, dauu kannst Tu sie hierher führen, ultd dann sinden sie mich und dauu retten sie mich. Und nun auf!"

Umas hatte jedes Wort verstanden, aber er schüttelte nur den Behang und streckte sich still wieder nieder und sah Lehnert an. Und dieser las aus dem treuen Auge mit Schrecken heraus' ich bleibe.

"Geh, Uneas! Lans! Fort!"

Und als alles nichts half, nahm er das Gemehr und stieß nach ihtn. Und bald danach erhob sich Uneas auch wirklich und trabte langsam und ohlte sich umzusehen den unteren und ver-

hältni^näßig wenig steilen Theil der Felspartie hitlab. Lehnert sah ihm nach und rin Hofsüutlgsschimiller umleuchtete seine Stirn. Aber ^tne^ Viertelstunde, so war der Hund wieder da. Er war nur bis alt den .^uell geaalt gelt und. hatte getrunken, und kaum wted^ war er auch frisch wieder in seiner Psticht und seinem Vorhaben. Uttd kurzum, da war er wieder.

"Es soll srin,^ sagte Lehnert, über den plötzlich eine volle Erhebung ttt fem Schicksal kam. "Es ist Gottes, Wille . . . Komm, nneas . . . Es rst mir eine schöne Lehre: Treue . thun, was^ recht ist . . . aushasten""

Uttd er verfiel alsbald ilt eilt sieberhastes Tr.fumen und wltrde erst wieder wach, als rin Läuten aus dem Thale herauf drang. Es war die Glocke, die sonst zum Gottesdienst läutete. "Sie wollen mir eitt Zeichelt geben. Und ich will ihltett antworten, so gut ich kann.^

Und dabei nahm er das neben ihm liegende Gewehr und schoß, nnd der Ranch zog allt Gebirge hin und das Echo trug den Schall immer weiter und weiter und vielleicht bis hillunter zu Thal. Er

horchte ttach, bis es verklang. Uttd nun schwieg es und im selbelt Augenblick war esthm, als höre er voll weit her eiltelt Ruf: "Hilfe." Wessen Stimme war das?

Er richtete sich aus und horchte noch einmal hinüber lllld eitlell Augenblick überkam ihlt der Gedanke, daß es Toby sein könnte.

,,Nritt, es war rin anderer, 'der rief . . . Gut . . .Ich diu sertig ... Ich komme."

Uud null fiel er mit dem Kopf auf das Lager zurück, das er sich gewacht hatte.

26.

Zwischen den Felderll hin huschte 'was. Was es war, war tticht deutlich erkettttbar, das Korn stand zu hoch, und die Dänl- merung war noch zu dicht, Aber jetzt katn rin gemähter Wieselt- grund, der ganz zuletzt zwischen delt Maisfelderll und dem Dorse lag, und uuu ließ sich's erkennen, daß es Uneas war, der in

.S.prüngen auf Nogat-Ehre zujagte. Nur noch das Stück Park,- land und die Brücke war zu durchlaufen. Utld uuu war er heralt lind gab einen lauten Blast, zwei-, dreimal, ttud sprang dann an dem Erdgeschoß in die Höh' und kratzte all den Läden , die das Fenster von .Obadjas Zimtner schlossen.

.Obadja stand auf und wars einen Pelzrock über, den zu tragen er sich ilt den laugen Wintertagelt voll Dakota gewöhnt hatte. Dann ging er hinaus auf den Flur, den Hund riltzu- laflen. ^lber Uneas sprang ihm schon entgegen, weil L'Hermite - der sich für alle Fälle halb angekleidet anfs Bett geworfen hatte - schneller als .Obadja zur Haltd gewesen war. Gleich danach kanten auch Rtith und Maruschka die Treppe herab, und mit ihnen Toby; Toby, der noch am selben Abend, wo Lehnert auf die Suche nach ihm ausgezogen, mohl und munter und völlig unverletzt heimgekommen war. Ultd ein wunderlicher Anblick war es, den die Halle jetzt bot. Front- lllld Hosthür standen offen und von beiden Seitelt her siel ein fahles Dämmerlicht herein, während das Licht in der herabhängenden Flurlampe zu verschweelelt begann. Uneas lief hin nnd her und sprang etupor und beschäftigte sich vor allem mit Ruth, all deren Kleid er zerrte, wie um zu zeigen, daß sie solgen solle.

Ieder wußte, was geschehen, und war erschüttert. Am meisten Toby, der, wenn auch schuldlos, die Veranlassung von all dem war, was jetzt auf jedem lastete.

.Obadja faßte sich zuerst und gab, als er sah, daß Uneas, wie .um die einzuschlagende Richtung anzugeben, immer wieder auf die Steinbocke zulief, kurze Weisungen für das, was znttächst zu thun sei.

Toby solle mit Shortmnt und rinem andern Indianer,

^ellow Eat, volt dem bekannt war, daß er wie eine Katze klettere,

zunächst nach dem Vorwerk ausbrechen lllld dort die weitere Führung an Kaulbars abtreten. Er, .Obadja, so sehr er es

wünsche, könne sich dem Zuge nicht anschließen, das würde nur

Hindernisse schaffen. Und krine 'fünf Minnten mehr, so brach denn auch Toby mit den zwei Gefährten anf, während Uneas abwechselnd vorantrabte und dann wieder an Tobys Seite war. Man sah dem Hnnde an, wie er seine Freude bezeigte, daß mau ihn endlich verstunden.

Es war vier Uhr und die Sonne stieg eben heraus, als

Toby auf dem Vorwerk eintraf. Das Ehepaar Kaulbars war schon auf und nahm eben seinen Morgenkaffee. [186] Vorherbestimmtc Tagesarbeit unterbrechen, das kannte bei Kaulbars in erster Reihe nur Verstimmung wecken, weil er ganz und gar zu jenen ausgesprochenen Bauer- und Landwirthsnatureu gehörte, die, wenn ihnen Vater und Mutter wahrend der Ernte sterben, zunächst mir unter dem Gefühl stehen: Vater und Mutter ^ hätten sich auch eine bessere Zeit aussuchen können. Als indessen dies erste selbstische Gefühl in unserem Kaulbars erst überwunden war, war er nicht bloß gutwillig, sondern vor allem auch um- sichtig in all seinen Anordnungen und wählte neben allerlei Rettungssachcn, die man muthmaßlich brauchen würde, zugleich drei seiner besten Leute zur Verstärkung des nun von ihm zu führenden Zuges aus. Auch eine Leiter sammt einer Schütte Stroh nahm er mit, weil er der bestimmten Ansicht war, daß der Verunglückte, verwundet oder nicht, noch am Leben sein müsse; dreißig Stunden könne man’s aushalten, und Tobys Bemerkung, daß Uncas ihn sicher erst verlassen habe, als es mit ihm vorbei gewesen, wollt’ er nicht gelten lasten. Der Hund sei klug, c-ber doch bloß eine unvernünftige Kreatur. „Und reden kann er nicht.“

Es war gegen sechs Uhr, als man oben war und eine kurze Rast nahm. Uneas jagte beständig hin und her, so lange die Rast dauerte, immer auf denselben Punkt zu, so daß Toby nun in aller Bestimmtheit wußte, wohin man die Schritte zu richten habe.

„Er ist auf den Look-out hinaufgesticgen, uni nach mir aus--usehen. Und bei dem Aufstieg ist er verunglückt.“

Auf den Look-out also schritten sie zu, Kaulbars voran. Und nur noch wenige Minuten, so waren sie bis an den Fuß der Felspartie gekommen und tranken hier aus dem Quell – denn es war, trotz früher Stunde, schon heiß – und stiegen nun höher hinauf bis auf den Einknick, von dein aus der eigentliche Kegel anhob.

Und nun hatte man die Stufe glücklich erreicht und schritt um den mäßig breiten Rand, den sie bildete, herum. Das erste, was man sah, war der Brotrcst, den Lehnert auf ein paar Schritt Entfernung dem Hunde zugeworfen, den dieser aber nicht berührt hatte.

„Hier müssen wir ihn finden,“ sagte Toby, und die Zweige des am Fuße des Kegels festeingewurzelten Gebüsches zurückschlagend, sah er den, dem die Suche galt. Unwillkürlich ließ er das Gezweig, das er in Händen hielt, wieder zurückfahren und seine Augen füllten sich mit Thränen. -Könnt’ es anders sein? Der da lag, war gestorben um ihn, um seinetwillen. Und er sprach ein kurzes Gebet, während die andern noch zurnckstanden. Nun näherte sich auch Shortarm und brach’die weitvorgcstrecktcn Zweige fort, und nun traten alle heran und schlossen einen Halbkreis und blickten auf den Todtcn. Er sah ernst aus, aber nicht von Schmerzen verzerrt oder entstellt, und hatte die Jagdtasche unter dem Kopf; – neben ihm lag das Gewehr, und ein kurzes Jagdmesser, das er noch in seiner letzten Stunde gebraucht haben mußte, war mit der Klinge in den Sand gestoßen. Sein Rock war halb geöffnet und man sah ein zusammengefaltetes Zeitungsblatt, das er in die Rocköffnung wie in eine Brusttasche gesteckt hatte. Darunter ruhte seine linke Hand, auf deren Oberfläche man geronncues Blut sah, aber nür wenig, wie von einem kleinen Riß mit dem Messer. Und nun bückte sich Toby, um das Zeitungsblatt zu nehmen, auf das der Todtc, wie’s schien, in seiner letzten Stunde seine letzten Worte geschrieben hatte. Zwischen den Fingern der rechten Hand hielt er noch ein zugcspitztes Hoizstäbchen.

27.

Am zweiten Tage danach saß Obadja an seinem Arbeitstisch und schloß einen längeren Brief mit der geschnörkelten Aufschrift: An den Kirchen- und Gemeindevorstand zu Wolfshau bei Krummhübel in Schlesien, (krussia.) Der Brief selbst aber lautete: „Dem verehrlichen Kirchen- und Gemeindevorstande zu Wolfshau jÄrummhübel) habe ich in Nachstehendem die Pflicht, das Hinscheiden ihres Ortsangehörigen Lehnert Menz bekannt zu geben Er starb hier am 1. Juni d. I. und wurde den 4. in unserer Familiengruft zu seiner letzten Ruhe bestattet, lieber sein Vorleben und seine Schuld war ich durch ihn selbst unterrichtet, aber ebenso war ich, von dem Tage seines Eintritts in unser Haus au, auch ein Zeuge seiner Reue. Seine Tüchtigkeit bei der Arbeit, seine kleinen gesellschaftlichen Gaben, seine Demuth und Bescheidenheit, wohl erst durch den Gang seines Lebens erworben, vor allem aber seine gute Sitte machten ihn zum Liebling unseres Hauses, und es war beschlossen, ihn, noch im Laufe dieses Sommers, meiner Familie näher zu verbinden: die Hand meiner Tochter Ruth, die er durch seinen Muth und seine Geistesgegenwart vom Tode gerettet hatte, war ihm bestimmt.’ Als er mir auch den auf einem Jagdausfluge begriffenen und in eine fährliche Lage gerathenen Sohn erhalten wollte, war es ihm nach Gottes unerforschlichem Rathschluß vorher bestimmt, diese neue Liebesthat mit seinem Leben zu bezahlen Im eifrigen Suchen nach dem, den er in unserem Gebirge verirrt glaubte, glitt er einen steilen Bergkegel, den wir den Look-out nennen, herab und verletzte sich dabei derart – der Hüftknochen sprang aus dem Gelenk –, daß er unfähig war, sich von der lln-glücksstelle fortzubcwegen, geschweige denn seinen Rückweg nach unserem Dorfe hin zu finden. Und in Einsamkeit ist er dort oben gestorben, nicht ohne daß sich zu seineni körperlichen Schmerz auch noch der Schmerz des Gewissens gesellt hätte, wie seine letzten Worte mit aller Bestimmtheit bezeugen. Wir fanden ihr dm zweiten Tag, hoch auf dem Kamm des Gebirges, todt, mit einem in die Brusttasche gesteckten Zettel, auf den er, nachdem er sich eigens die Hand mit seinem Messer geritzt, all das niedergeschriebe.i, was ihm in seiner letzten schweren Stunde das Herz bewegt hatte. Das Holzstäbchen, das ihm dabei gedient, hielt er noch in seiner Rechten. Die niedergeschriebenen Worte aber lauten: ,Batcr unser, der Du bist im Himmel … Und vergieb uns unsere Schuld ..: Und Du, Sohn und Heiland, der Du für uns gestorben bist, tritt ein für mich und rette mich … Und vergieb uns unsere Schuld . ..

I Ich hoffe: quitt?“

  1. Sahne.