Der Bergsturz zu Caub

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Autor: Dr. H. Kruse
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Titel: Der Bergsturz zu Caub
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 252–254
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Der Bergsturz zu Caub.


Das verflossene Jahr 1875 war, wie bekannt, im Vergleiche zu den Vorjahren, ungewöhnlich reich an unglücklichen Ereignissen der mannigfachsten Art, die, meistens durch elementare Gewalten, einzelne durch Fahrlässigkeit und infolge Mangels zureichender Vorsichtsmaßregeln herbeigeführt, sowohl für Hab und Gut die verderblichsten Folgen hatten, wie auch den Verlust vieler Menschenleben verursachten. Nicht viel Besseres scheint das neue Jahr 1876 versprechen zu wollen, denn in seinem bis jetzt verflossenen Theile gab es bereits wieder von manchen Unglücksfällen zu berichten. So verbreitete sich auch am Morgen des 11. März von einer Stadt am Rheine aus eine Schreckensbotschaft, welche in dem weitesten Umkreise das schmerzlichste Aufsehen erregte.

Das Städtchen Caub, historisch berühmt durch den denkwürdigen Uebergang Blücher’s über den Rhein in der Neujahrsnacht 1814, bei welchem die Bewohner durch hülfreiche Bethätigung sich verdient gemacht, bekannt durch seine romantische Lage, besonders durch die auf einem Stromriffe sich pittoresk erhebende Pfalz, mußte nun auch zu einer traurigen Berühmtheit gelangen, indem es kürzlich von einem Elementarereignisse heimgesucht wurde, das in seiner Art hier noch selten, dabei schreckenvoll und furchtbar genug war und manchem Bewohner zum Verderben gereichte.

An einer Stromenge belegen, zieht sich der Ort in der Länge von einer Viertelstunde am rechten Rhein-Ufer hin. Der Fluß, im Winter wild und ungestüm, führt seine rauschenden Wogen mit rapider Schnelligkeit vorbei. Seine Ufer weit übersteigend, hat er auch jetzt Strand und Rheinstraße unter Wasser gesetzt und nöthigt die Anwohner der letzteren, die hinter dieser führende Hochstraße zu passiren, deren eine Häuserreihe sich fast unmittelbar an das steil ansteigende Gebirge anlehnt. Enge Gänge verbinden beide Straßen. Auch zwischen den Gasthöfen „Zum grünen Wald“ und „Zum Adler“ an der Rheinstraße führt ein schmales Gäßchen zur Hochstraße hinauf. Die hinter dieser Oertlichkeit, im sogenannten District Kalkgrube sich erhebenden Berghänge waren es, welche unheildrohend über der Stadt schwebten.

Der Tag des 11. März hatte sich geneigt. Die Bewohner waren zur Ruhe gegangen. Friedlich schlummerten Vater, Mutter, Sohn und Tochter neben einander, keiner Gefahr sich bewußt, nicht ahnend, daß Manchem der Tag zum letzten Male erschienen. Nächtliche Stille, zuweilen von einem kurzen heftigen Windstoß und stärkerem Rauschen des Wassers unterbrochen, hatte sich über der Stadt gelagert, eine Frühlingsnacht, die uns Uhland’s Worte „Horch, wie brauset der Sturm und der schwellende Strom durch die Nacht hin“ in’s Gedächtniß rief, war angebrochen. Nur vereinzelte Bewohner mochten sich dem Schlafe noch nicht überlassen haben, wie es auch mir erging. In dem genannten Gasthof „Zum grünen Wald“ wohnend, saß ich an gedachtem Abend in meinem im zweiten Stock nach der Gebirgsseite zu gelegenen Zimmer mit Schreiben beschäftigt. Plötzlich – es mochte elf und ein halb Uhr sein – empfand ich eine momentane heftige Erschütterung. Der Boden schien unter meinen Füßen zu schwanken. Ich hatte indeß nicht Zeit, hierüber nachzudenken; denn unmittelbar darauf erfolgte ein donnerähnliches Getöse, das, mit einem ungemein scharfen und hellen Rascheln, dem Geräusche eines gewaltigen Schloßengerassels nicht ganz unähnlich, beginnend, in einem Krachen und Knattern endete, wie wir es den einschlagenden Blitz begleitend zu vernehmen pflegen. In demselben Moment drangen auch schon Angstschreie und verzweifelte Hülferufe an mein Ohr. Sofort mir bewußt werdend, was vorgegangen, doch starr vor Schrecken, da die Nacht jedes furchtbare Ereigniß doppelt furchtbar macht und ich wegen der anscheinend in unmittelbarster Nähe erfolgenden Detonation nicht anders glaubte, als das Haus stürze zusammen, fuhr ich jäh von meinem Sitze auf. Schon erfolgte ein zweites gleich starkes Getöse – wiederum herzzerreißendes Hülfegeschrei. Mit dem Rufe: „Heraus, der Bergsturz kommt“ stürmte ich die Treppe hinunter, die Hausbewohner zu wecken. Bestürzung und Entsetzen im Antlitz traten diese, mit dem Nothdürftigsten bekleidet, mir entgegen; noch fehlte die Magd, die, im Hinterhause schlafend, in größter Gefahr schwebte. Unmittelbar nach unserem Schrei aber erschien sie staubbedeckt und mit verstörten Mienen; kaum dem Lager entsprungen, war dasselbe hinabgesunken und nur mit vieler Anstrengung hatte sie die bereits versperrte Thür noch aufzureißen vermocht. Doch es galt kein Zaudern. Eine dritte Detonation – alles zusammen vielleicht das Werk einer Minute – trieb uns in größter Eile zum Hause hinaus. Dicke Staubwolken schlugen uns entgegen. Aus den Nebenhäusern flohen die Bewohner bereits ebenfalls in ihren Nachtgewändern, hier weinende Kinder im Arm tragend, dort nach ihren Angehörigen schreiend. Der mächtig aufwirbelnde Staub hatte anfangs die Vermuthung an Brand entstehen lassen, und bald drang der bange Ton der Sturmglocke durch die schauerliche Nacht. Auf diesen ungewohnten Ruf stürmte die aus ihrem ersten Schlummer aufgescheuchte Einwohnerschaft der ganzen Stadt zur Unglücksstätte herbei, noch ungewiß darüber, was geschehen.

Die Schrecken und das Entsetzen dieser Nacht sich zu vergegenwärtigen, [253] bedarf es wohl keiner allzu lebhaften Phantasie. All der Jammer und das Elend, welche derartige Katastrophen zu begleiten pflegen, blieb auch hier nicht aus. Von dunkler Nacht umhüllt, auf der vorderen Seite eingeengt von dem wilden Strome, der die Rheinstraße überfluthet, auf der andern Seite die jeden Moment neues, größeres Unglück drohenden Berghänge, vor sich den Trümmerhaufen, unter dem viele Menschen begraben und aus dem schwache Hülferufe hervordrangen, konnten wir uns kaum in einer grauenhafteren Situation befinden. Doch man säumte keinen Augenblick. Nicht achtend der durch das ungewisse Dunkel der Nacht noch vergrößerten drohendsten Lebensgefahr, ging man unter Leitung des Bürgermeisters unverzüglich mit muthiger Hand an’s Werk. In der nächsten Secunde schon konnte ein neuer Sturz die Tapferen ebenfalls verschütten. Lobend muß anerkannt werden, daß hier die Menschenliebe in wahrhaft edler, heldenmüthiger Weise sich bethätigte; das eigene Leben einsetzend, war man nur von dem Gedanken an die Rettung Anderer beseelt.

Der flackernde düsterrothe Schein aufgestellter Petroleumfackeln beleuchtete bald in unheimlicher Weise die Unglücksstätte, ließ aber die Zerstörung nur in unbestimmten Umrissen erkennen. Von Häusern keine Spur; in gewaltiger Höhe ragte ein Schutthaufe empor, aus dessen unterem Theile vereinzelte Balken und Sparren hervor sahen. Eiskalt überlief es Jeden bei dem Gedanken an die unglücklichen Verschütteten. Was war aus ihnen geworden? Hatte ein schneller, leichter Tod sie weiteren Qualen entrissen, oder wartete ihrer das Schicksal einen langsamen Erstickungstod zu sterben? Hab und Gut war indeß noch einer möglichen Zerstörung durch einen neuen Sturz preisgegeben, und die Bewohner der zunächst bedrohten Häuser begannen das Nothwendigste und Werthvollste zu sichern. Auch wir – aber kaum hatten wir das Haus betreten, als uns der Mahnruf „Heraus“ zur schleunigsten Flucht gemahnte und die auf der Straße befindliche Menge eiligst aus einander stob. Trotz der so augenscheinlichen Lebensgefahr betrieb die Bürgerschaft das begonnene Rettungswerk mit größtem Eifer und denkbarster Energie, und ihrer angestrengtesten Thätigkeit gelang es, drei der Verschütteten, die, im dritten Stocke wohnend, sammt dem Stockwerke über die Straße hinausgeschoben und hinabgesunken waren, unter den Trümmern hervorzuziehen, schon halb verschmachtet und fast erstickt.

Von der Katastrophe, die so plötzlich hereingebrochen, daß eine Rettung für die Unvorbereiteten schlechterdings unmöglich war, in den Betten überrascht, hatten sie ihr Leben nur einer zufällig günstigen Lage der über sie gestürzten Gegenstände zu verdanken. Nur eine der drei Geretteten hatte bedeutende gefährliche Quetschungen davongetragen. Einige der Bewohner der verschütteten Häuser waren bei Eintritt der Katastrophe dem Verderben nur durch schleunige Flucht entronnen. Durch den Ruf der noch wachen Mutter gewarnt, rettete sich ein junges Ehepaar nur durch einen schnellen Sprung aus dem zweiten Stocke; eine Dienstmagd war ebenfalls so glücklich; eine andere Magd, in demselben Hause schlafend, verfehlte das rechte Fenster und wurde sofort verschüttet. Anderen war es gleichwohl mißlungen, zu entkommen. Eine Frau nebst ihrem Sohne hatte der Tod ereilt, als sie sich mit ihm durch’s offene Fenster retten wollte; über die Fensterbrüstung gebeugt, fand man die Frau von dem Sohne umfaßt, ein wahrhaft herzerschütternder Anblick. Langsam, zu langsam schlich die Nacht hin. Gegen Morgen, der, heiß und sehnlichst erwartet, endlich erschien, hatte man bereits fünf Leichen, schrecklich verstümmelt, herausgefördert.

Durch die ungewöhnliche Aufregung abgespannt und ermattet, suchte ich ein wenig Ruhe. In Halbschlummer verfallen, fuhr ich bei jedem leisesten Geräusch in die Höhe; noch lag das entsetzliche Getöse, noch das klägliche Hülfegeschrei in meinem Ohre. Der Morgen ließ das Unglück in seiner ganzen Ausdehnung übersehen. Neun Häuser, davon sechs Vorderhäuser der Hochstraße und drei Hinterhäuser der Rheinstraße, waren größtentheils mit den Bewohnern verschüttet. Die haushohe Schuttmasse, welche Alles bedeckte, ließ kaum ahnen, daß hier Häuser gestanden, wenn nicht die vereinzelt hervorragenden Trümmer solches verrathen hätten. Eine rege Thätigkeit herrschte auf der Stätte. Von den benachbarten Oertern Lorch und St. Goarshausen war die Feuerwehr herbeigeeilt. Gegen halb neun Uhr traf dann das in der Nacht durch eine telegraphische Depesche (welche, da hier zur Nachtzeit keine Depeschenbeförderung statt hat, erst durch eine Staffette über den brausenden Strom nach Bacharach gesandt werden mußte) beorderte Pionierdetachement von Coblenz ein, das sich sofort rüstig an die Arbeit machte. Der nächste Schnellzug führte die Herren Regierungspräsident von W., Regierungs- und Baurath C. und Bergrath G. von Wiesbaden, Landrath F. von Rüdesheim und Andere nach hier, um Einsicht von dem stattgehabten Ereignisse zu nehmen. In der Hoffnung, noch vielleicht Lebende herauszufördern, da man am Morgen noch deutliche Hülferufe gehört haben wollte, wurde unablässig weiter gearbeitet; man hatte nur den Erfolg, die Leiche einer Frau auszugraben, welche nach ärztlichen Gutachten noch mehrere Stunden nach der Katastrophe gelebt haben soll und somit einen schrecklichen, qualvollen Tod gefunden hat. Unerwarteter Weise aber wurden Sonnabend Nachmittag drei Uhr auf höheren Befehl die Arbeiten eingestellt, wie es hieß, veranlaßt durch die außerordentliche Lebensgefahr, in der die Arbeiter schwebten, was übrigens unter der Bürgerschaft, wie den anwesenden Fremden ernstliche Mißstimmung hervorrief.

Nachdem am Sonnabend Abend ein weiteres Pionierdetachement von Castel-Mainz eingetroffen, wurde die Arbeit mit vielen Kräften am Sonntag Vormittag wieder aufgenommen, indem dem commandirenden Officiere die Leitung übertragen wurde. Ernstes Glockengeläute rief dann am Sonntag Nachmittage die Bewohner in die Kirche, um dem feierlichen Acte der Einsegnung der sechs Leichen beizuwohnen; unter zahlreichster Betheiligung der Bevölkerung, wie der anwesenden Fremden, wurden dieselben zur Ruhe bestattet. Wohl war bei diesem Unglücke der Verlust an Hab und Gut nicht gering, ungleich größer und schmerzlicher aber der an Menschenleben. Achtundzwanzig Menschen waren im Ganzen verschüttet, wovon drei gerettet wurden, fünfundzwanzig also den Tod fanden, darunter mehrere Familien mit je vier Kindern. Die Leichen wurden nacheinander gefunden, die letzte am 23. März. Die ärztliche Leichenschau ergab, daß sämmtliche Verschüttete, mit Ausnahme von einem oder zweien, wohl einen schnellen Tod gefunden, was aus gefährlichen Quetschungen, Brüchen und anderen Verletzungen ersichtlich. Die Ansicht übrigens, daß die tödtlichen Verletzungen erst durch spätere Druckwirkungen entstanden, dürfte immerhin nicht ausgeschlossen sein. Merkwürdiger Weise wurden verschiedene Thiere, selbst noch einige Tage nach der Katastrophe, lebend zu Tage gefördert, so zwei Ziegen, von denen eine unversehrt, ein Canarienvogel in seinem bis auf eine kleinste Stelle zerdrückten Käfige, eine Kuh und eine Taube. In dem Wohnzimmer der einen Familie hingen am Morgen nach der Katastrophe Uhr und Bilder unversehrt an der Wand.

Der elektrische Draht hatte die Schreckenskunde schnell nach allen Richtungen hin verbreitet, und aus benachbarten, wie entfernten Orten strömten Schaaren von Fremden herbei; jeder Zug führte Hunderte nach der unglücklichen Stadt. Da nur ein verhältnißmäßig kleiner Theil des Berghanges herabgestürzt, aber der größte mit den mächtigen Felsblöcken stehen geblieben war, so mußten die bedrohten Häuser geräumt werden. Hätte in der Nacht die ganze Masse sich auf einmal losgelöst, so wäre das Unglück ungleich gräßlicher, viele Häuser verschüttet, viele Menschenleben noch vernichtet worden. An einer anderen Stelle, nach dem sogenannten Blücher-Thale zu, hatte sich zur Zeit ebenfalls eine Bewegung des Berges gezeigt; auch hier mußten Häuser geräumt werden, sodaß für zweihundertvierundachtzig Personen mit all ihrer Habe anderweitige Unterkunft zu beschaffen war. Alle irgend vorhandenen Räumlichkeiten sind völlig in Anspruch genommen; trotzdem müssen die Mitglieder von mehr als einer Familie getrennt wohnen. Die gegenwärtige Lage mag man danach bemessen.

Traurig ist der Anblick der Unglücksstätte, und nicht ohne unheimliches Grauen passirt man in später Abendstunde die leeren Häuser. Nur um ein Geringes hat sich die gewaltige Schuttmasse vermindert, und noch lange wird man an der Wegräumung zu arbeiten haben. Die Berghänge, früher mit Weinreben bepflanzt, bilden jetzt ein verwüstetes Terrain.

Es dürfte vielleicht für den einen oder andern der geneigten Leser von Interesse sein, einiges Nähere über den Bergsturz zu erfahren, und wir schließen nachstehend die betreffenden Mittheilungen darüber an. Bereits vor einigen Jahren hatte man eine Bewegung der Gebirgsmasse wahrgenommen. Diese im Laufe der Zeit wiederholt eintretende Erscheinung, durch große [254] Spalten und Risse bekundet, ließ Schlimmes befürchten. Nach angestellter genauer Untersuchung durch Sachverständige hielt man, um die drohende Gefahr zu beseitigen, eine Abtragung und Planirung des Berges für nothwendig. Nachdem die Regierung, an welche die Gemeinde, da sie selbst unfähig, die bedeutenden Kosten aufzubringen, sich um Beihülfe gewandt, nach langen Verhandlungen endlich sich zur Hülfe bereit erklärt[WS 1] und eine erhebliche Summe (9/10 der veranschlagten Kosten) bewilligt hatte, war man seit den letzten Monaten des vorigen Jahres mit der Arbeit beschäftigt. Wohl blieb die Möglichkeit eines Rutsches nicht ausgeschlossen, doch hielt man durch Inangriffnahme der Arbeit die Gefahr für weniger drohend. Kaum vierundzwanzig

Die Gartenlaube (1876) b 254.jpg

Der Bergsturz zu Caub aus der Vogelperspective.
Nach der Skizze eines Laien.

Stunden vor der Katastrophe war noch die technische Commission, welche gleichzeitig Einsicht von dem Stande der Arbeiten nahm, anwesend, eine schlimme Wendung selbst nicht befürchtend. Wie sehr indeß elementare Kräfte menschlicher Kenntniß und Berechnung spotten, bewies uns leider der 10. März.

Als eigentlicher Bergsturz im strengen Sinne des Wortes läßt sich das Ereigniß wohl nicht bezeichnen; der Eintritt eines solchen kann immerhin je nach innerer Festigkeit und Zusammenhang der Masse noch erfolgen. Drohender als zuvor hangen die jetzt eines unteren Haltes beraubten Felsmassen über der Stadt. In Folge der seit langen Jahren nicht mehr in dieser Menge erlebten atmosphärischen Niederschläge und der dadurch angesammelten ganz abnormen Regenmenge hatte sich das lose Gerölle des Berghanges in kolossaler Masse plötzlich gelöst und war mit der hinter einer trockenen dreißig Zoll dicken Schutzmauer (bei Abtragung der Masse entstandenen) hoch aufgehäuften Schuttmasse jählings zu Thal gefahren. Aus dem zerklüfteten Gesteine oben auf der Bergeshöhe quollen zahlreiche Wasser hervor, und mehrere Tage hindurch rieselte eine Quelle von bedeutender Stärke den Berghang hinab.

Das Unglück ist geschehen und fünfundzwanzig Menschen mußten ihr Leben verlieren; wir wollen wünschen, daß der Ort von weiterem Unheile verschont bleibe.

Die Stadt Caub, welche unter ihrer Bevölkerung viele Steuerleute, deren Geschäft überdies in den Wintermonaten völlig brach liegt, und viele in den hiesigen bekannten Dachschiefergruben, den ersten Deutschlands, beschäftigte Bergleute zählt, besitzt mit ganz wenigen Ausnahmen keine nennenswerthe Wohlhabenheit. Genöthigt, außer der für ihre Verhältnisse schon bedeutenden Schuldenlast, welche bereits eine der Staatssteuer fast gleichkommende Gemeindesteuer nothwendig gemacht, auch noch zehn Procent der Kosten für die Bergarbeiten zu übernehmen, ist sie durch das Ereigniß hart und empfindlich betroffen und in bedrängte Verhältnisse gerathen. Um so mehr glauben wir hoffen zu dürfen, daß die Regierung es sich wird angelegen sein lassen, das Ihrige zu thun, um der unglücklichen Stadt diesen Schlag so wenig wie möglich fühlbar werden zu lassen. Hoffen wollen wir ferner, daß der deutsche Mildthätigkeitssinn hier nicht zurückbleiben wird. Ist dann dieser harte Schlag erst ein wenig überwunden, sind einigermaßen bessere Verhältnisse herbeigeführt, so dürfte die Stadt auch wieder einer besseren Zukunft entgegen gehen.

Dr. H. Kruse.





Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: erkärt