Der Berliner Gänsemarkt

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Textdaten
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Autor: Max Ring
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Titel: Der Berliner Gänsemarkt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 748–751
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Berliner Bilder.
3. Der Berliner Gänsemarkt.

„Eine jute, jebratene Jans und ein juter Jurkensalat ist eine jute Jabe Jottes,“ sagt der richtige Berliner. In der That ist die Gans der Lieblingsvogel unserer modernen Weltstadt und genießt eine größere Popularität nach ihrem Tode als mancher berühmte Mann bei seinem Leben. – In welcher Gestalt sie auch erscheinen mag, ob als knuspriger, goldbrauner Braten, mit Borsdorfer Aepfeln gefüllt, als herzhaftes Gänseweißsauer, von delicater Gallerte umgeben, oder als zarte, rosige Spickgans, immer ist sie Allen ein willkommener Gast. Jeder einzelne Theil, das Gänseklein, die Leber, das Schmalz und die Grieben erfreuen sich einer besonderen Verehrung und haben ihre Liebhaber.

Bei ihrem Anblick verklären sich die Gesichter der Kinder, lächelt die Hausfrau, schmunzelt der Vater und begrüßt die selige Freundin, deren saftiges Fleisch nun des zerlegenden Messers

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Die Gartenlaube (1879) b 749.jpg

Berliner Gänsemarkt. Von Albert Conrad.
Nach einer Photographie aus dem Verlage der „Photographischen Gesellschaft“ in Berlin.

[750] wartet, mit zärtlichen Blicken und einer Libation von Rothwein oder Kümmel, die um so reichlicher fließt, je fetter und saftiger die Gans ist. – Dem bürgerlichen Magen erscheint sie als der Inbegriff der höchsten culinarischen Genüsse und als die Zierde des häuslichen Tisches an Sonn- und Feiertagen wie bei allen sonstigen festlichen Gelegenheiten. Kein Geburtstag, keine Hochzeit, keine Kindtaufe, keine Fröhlichkeit, kein Vergnügen, keine Heiterkeit ohne Gänsebraten! – Die Gans ist die Freundin des Mittelstandes, die Wohlthäterin der bürgerlichen Familie. Noch nach langen Jahren erinnern wir uns mit wehmüthiger Wonne der Sonntagsgans im elterlichen Hause und gedenken dabei der schönen Zeit, wo wir sehnsuchtsvoll die Edle erwarteten, wo ihr bloßer Duft uns schon entzückte. – Aber auch der aristokratische Feinschmecker und Lebemann liebt und verehrt sie, allerdings nur, so lange noch alle Reize der Jugend sie schmücken.

Kein Wunder, daß die Gans in Berlin ein sehr begehrter Artikel ist, und daß die Nachfrage öfters das Angebot übersteigt, Millionen dieser bescheidenen, nützlichen und angenehmen Geschöpfe werden jahraus jahrein hier gekauft und verzehrt. Der Berliner Gänsemarkt genießt eines wohlverdienten Rufes und wird ebenso stark und noch stärker als die Börse besucht. Auch hier giebt es Tage, wo das Geschäft eine Schwindel erregende Höhe erreicht und Tausende in wenigen Stunden umgesetzt werden, und wieder stillere Zeiten, wo der Absatz stockt und die Preise erheblich fallen.

An bestimmten Tagen der Woche kommen die Verkäufer aus der Nähe und Ferne, die ländlichen Gänsezüchter von den Ufern der Spree und Havel bis aus dem fernen Pommern und Mecklenburg zu Fuß und zu Roß, meist in großen Planwagen, und bieten ihre gesuchte Waare auf den dazu angewiesenen Plätzen aus, unter denen der frühere Gensd’armenmarkt, jetzt Schiller-Platz, den ersten Rang einnimmt. Dort, wo sich vor dem königlichen Schauspielhaus, dem Tempel der Musen, das Standbild des idealsten deutschen Dichters erhebt, zwischen der französischen und deutschen Kirche, entwickelt sich jeden Mittwoch und Sonnabend ein ebenso interessantes wie eigenthümliches Schauspiel – der größte „Berliner Gänsemarkt“.

Wie durch einen Zauber verwandelt sich der würdige, sonst der Kunst und Religion hauptsächlich gewidmete Schiller-Platz in einen lärmenden, wogenden Markt. Die Musen weichen vor den Hökerinnen, und statt der frommen Predigt und der heiligen Orgeltöne hört man nur das Schreien und den Ruf der Händler und der Käufer.

Damen aus den mittleren Ständen, Handwerkerfrauen, Dienstmädchen und Köchinnen drängen sich durch das tobende Gewühl, handeln und feilschen um die Wette. Hier ladet eine dicke Hökerin mit lauter Stimme die Vorübergehenden ein, ihre frische Butter zu kosten, „süß wie Mandeln“; dort schimpft eine rothhaarige Fischhändlerin mit der diesen Damen eigenen scharfen Zunge in drastischen Ausdrücken über das niedrige Angebot einer Käuferin, die sich eilig aus dem Bereich der gefährlichen Gegnerin zurückzieht. Galante Schlächtergesellen scherzen und lachen mit artigen Dienstmädchen zum Aerger ihres Meisters oder der eifersüchtigen Meisterin. Concurrenten oder übervortheilte Kunden gerathen in Streit und drohen, mit einander handgemein zu werden. Ein Marktdieb wird auf frischer That ertappt und der Polizei zur Bestrafung übergeben. Dazwischen drängen sich genäschige Kinder, Straßenjungen, alte Weiber, Träger und Trägerinnen, die sich zum Fortschaffen der gekauften Waaren, der Körbe und Taschen anbieten, besonders aber zahlreiche Landleute aus der Umgegend, die ihre Erzeugnisse nach der Residenz bringen. Da wird gehandelt und gekauft, geschäkert und gelacht, geklagt und geschimpft, geliebt und gehaßt, ein Stelldichein gegeben und ein Rendezvous verabredet, ein Portemonnaie gestohlen und ein heimlicher Händedruck gewechselt.

Ebenso interessant und bunt wie das Bild der wimmelnden Menschen, ist das der mannigfach feilgebotenen Waaren: In großen Wassertrögen und Bütten zappeln und springen Hechte, Karpfen, Zander und Aale, Krebse und Hummern. In den Körben der Obsthändler und Grünzeugkrämer liegen die schönsten Aepfel, Birnen, Pflaumen, Weintrauben und Melonen, reizen die riesigen Köpfe des zarten Blumenkohls, die dicken Spargelstangen, die würzigen Suppenkräuter den Appetit der Feinschmecker. – Eine Fülle von blühenden Rosen, Camellien, Azaleen und schlanken Palmen zieren die Tische der Gärtner und verleihen, vereint mit einfachen Blumensträußen und eleganten Bouquets, mit großen und kleinen Kränzen, dem Ganzen einen poetischen Anblick und Duft, mit dem sich allerdings die weniger angenehmen Gerüche von altem Käse, Häringen und Flundern vermischen.

Daneben stehen alte und junge Liebhaber vor den Käfigen der Vogelhändler und bewundern die bunten Tauben mit schillernden Hälsen und Köpfen, all die singenden, zwitschernden und pfeifenden Canarienvögel, Finken, Amseln, Drosseln, Staare und Hänflinge. In einiger Entfernung sitzen stämmige Schlächter in weißen Schürzen, am Gürtel den herabhängenden Stahl zum Schärfen der Messer, und bieten mächtige Ochsenviertel, Kalbskeulen und Hammelrücken zur Auswahl, während die feineren Geflügel- und Wildprethändler Hasen, Rehe, Hirsche, Fasanen und Schnepfen für die vornehmen Kunden aushängen.

Doch vor Allem übt die bürgerliche, bescheidene und doch so nützliche Gans ihren unwiderstehlichen Zauber auf das Herz oder vielmehr auf den Magen des Berliners.

Dort, wo von der Treppe des königlichen Schauspielhauses die Götter des Olymp auf das prosaische Treiben zu ihren Füßen niederblicken, steht der Wagen mit Gänsen, der in diesem Augenblicke eine größere Anziehungskraft für die Menge hat, als der geflügelte Pegasus und der poetische Thespiskarren.

Von der schützenden Leinwand bedeckt, liegen und hängen die Lieblinge des Volkes, umgeben und umworben von ihren kauflustigen Verehrern. Die dralle Köchin prüft mit Kennerblicken und wiegt in ihrer Hand vorsichtig den Vogel, bevor sie der wohlgenährten, ihrem Geschäft gleichsam zum Aushängeschild und zur Empfehlung dienenden Händlerin ein Angebot macht. Jeder Blick, jede Miene der würdigen Frau verkünden das Lob der Gans, und ihr rundes, lächelndes Gesicht scheint für die Güte, Schwere und Gediegenheit der Waare zu bürgen.

„Wo jiebt es noch eine Jans, die sich mit dieser verjleichen läßt! Der reine Speck, und frisch, wie die Semmel aus dem Ofen kommt. Davor steh ich Sie, und wenn Sie mich nich jlauben, brauchen Sie nur zu riechen. Ein wahres Prachtstück! Wenn man sie nur ansieht, läuft Einem das Wasser im Munde zusammen. So ’ne Jans finden Sie nich auf dem janzen Markt. Mit der können Sie Staat machen und Ehre einlegen bei Ihrer Madam.“

„Was soll sie denn kosten?“

„Unter zehn Mark kann ich sie nich lassen. Aber weil Sie immer bei mich kaufen, sollen Sie die Jans für neun haben.“

„Ich denke, daß sieben genug sein werden. – Die Madame schilt, daß ich zu theuer einkaufe.“

„Sie dienen wohl in dem billigen Jeheimrathsviertel, wo man Alles jeschenkt haben will? – Da können Sie mich wirklich leid thun. Das bloße Schmalz ist ja unter Brüdern sechs Mark werth. Wo bleibt das Fleisch und das Klein? Da müßt’ ich ja aus meiner Tasche noch Jeld zulegen.“

„Mit acht Mark will ich sie nehmen, mehr aber kann ich wirklich nicht geben.“

„Na, meinetwegen! Sie sollen sie haben, nur weil Sie es sind und wir uns schon so lange kennen. Aber vor der Madame müssen Sie sagen, daß die Jans neun Mark kostet. Sie haben mich doch verstanden?“

Lächelnd und von der Aussicht auf einen kleinen Nebenverdienst erfreut, hebt die Köchin triumphirend ihre Gans, um die sie von ihrer Umgebung, besonders von dem alten Mütterchen beneidet wird, dessen einziger, aber leider unerreichbarer Wunsch ein ähnlicher Braten ist.

Unterdessen hat der Besitzer des Wagens ein großes Geschäft mit einem bekannten Restaurateur abgeschlossen und ihm acht Gänse verkauft, womit er jetzt einen zuverlässigen Träger beladet, der unter der Last fast zu erliegen droht. – Der alte, arme Mann hat noch nie in seinem ganzen Leben eine Gans gekostet, obgleich er jahraus jahrein viele Hunderte auf seinem gebeugten Rücken trägt und dabei im Stillen über die Ungerechtigkeit des Schicksals nachdenken mag, das dem Einen den Braten und dem Andern nur die Last und die Knochen bescheert.

Da um ein Uhr der Markt polizeilich geschlossen wird, beeilen sich Käufer und Verkäufer, noch in der letzten Stunde handelseinig zu werden. Schnell wird der Vorrath bis auf einige alte oder gar schon anrüchige Exemplare losgeschlagen und der Wagen geleert.

Gewöhnlich scheiden Händler und Kunden vergnügt und zufrieden von einander, doch fehlt es auch nicht an schmerzlichen [751] Enttäuschungen und schweren Klagen, wenn die gekaufte Gans bei genauerer Prüfung nicht die Probe aushält und sich bald zu mager, bald zu zäh erweist. Dann giebt es statt der gehofften Freuden Trauer und Zwist, und nicht selten wird der Borsdorfer Apfel im Innern der Gans zum Erisapfel zwischen der Hausfrau und ihrer Köchin.

Auch zum Gänsekauf gehört Glück und Verstand, wie folgende kleine Geschichte zeigt, die sich hier vor Kurzem zugetragen haben soll.

Da die Gans nicht nur den Beifall und die Liebe der Christen, sondern fast noch mehr die Verehrung Israels genießt, so wollte eine jüdische Hausfrau zum Sonnabend auf dem Markt von einer Bauerfrau eine noch lebende Gans kaufen. Nach langem Hin- und Herhandeln einigen sich endlich Beide über den Preis.

Schon zieht die erfreute Jüdin ihr Portemonnaie aus der Tasche, um das Geld der Bäuerin zu zahlen, als diese sich schmerzbewegt zu der Gans herniederbeugt und von dem Thier traurig Abschied nimmt:

„Zehn Jahre habe ich dich gefüttert, und nun sollen dich die Juden essen!“

So leise diese Worte auch geflüstert werden, entgehen sie nicht den scharfen Ohren der Käuferin. Schnell steckt sie ihr Portemonnaie wieder in die Tasche.

„Gott bewahre mich vor Ihrer Gans! Wenn sie so alt geworden ist, werden sie die Juden nicht essen.“