Der Burggeist auf Rodeck

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Textdaten
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Autor: Alois Wilhelm Schreiber
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Titel: Der Burggeist auf Rodeck
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch II, S. 61–63
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Quelle: Commons und Google
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Der Burggeist auf Rodeck.

Ohngefähr eine Stunde von der Stelle, wo sich Türenne’s Denkmal erhebt, zieht sich das Gebirge hinauf ein wildromantisches, aber starkbevölkertes Thal, das Kapplerthal, das von einem kräftigen, kühnbeherzten Menschenschlage bewohnt wird. In dieses Thal schaut von einer Anhöhe das Schloß Rodeck herab, von welchem noch folgende Sage sich erhalten hat.

Zur Zeit des Bauernkrieges hatte auch dieses Schloß seinen eigenen Burggeist, der aber ein gutmüthiger Knirps war und gar nichts übel nahm, außer wenn man über seine Gestalt spottete oder irgend etwas Unrechtes verübte. An der Familie von Rodeck hing er mit aufrichtiger Liebe, und als der Burgherr [62] eines Tages keinen Rath mehr wußte, sein Schloß und seine Lieben noch länger vor der Uebermacht der schon nah heranstürmenden aufrührerischen Bauern zu sichern, vertraute ihm der getreue Zwerg, er habe tiefer im Gebirg eine Reihe unterirdischer Felsenkammern entdeckt, deren Eingang aller Welt verborgen läge und nur durch Zufall aufgefunden werden könne. Dahin rieth er dem Rodecker, sich mit seiner Familie und dem Besten seiner Habe zu flüchten, dabei auch den nöthigen Vorrath von Lebensmitteln nicht zu vergessen.

Der Vorschlag wurde mit freudigem Dank angenommen. Die meisten Knechte hatten bereits das Schloß verlassen und waren, in der Hoffnung, ihre Habsucht zu befriedigen, den beutemachenden Bauern zugelaufen, und auf die Treue der wenigen noch Zurückgebliebenen konnte der Ritter fest bauen. Die Wanderung ins Gebirge mit Weib, Kind und Hausgesinde nach dem bezeichneten Platze geschah bei tiefer Nacht; nur der Zwerg weigerte sich mit zu gehen und bestund hartnäckig darauf, man solle ihm die Hut des Schlosses anvertrauen. Der Rodecker willigte lächelnd ein, denn es war vorauszusehen, daß seine Burg dem Ueberfall von den Bauern doch nicht entgehen würde.

Kaum hatten die flüchtigen Auswanderer die Mauern von Rodeck hinter sich, als der Zwerg in aller Eile die Laufgraben mit Wasser füllte und die Thorbrücke aufzog. Schon Tags darauf erschien ein bewaffneter Bauernhaufe und forderte das Schloß zur Uebergabe auf; als aber nirgendsher Antwort erfolgte und sie doch Alles im besten Vertheidigungsstande fanden, besorgten sie eine dahinter steckende Kriegslist, beschlossen aber nichts desto weniger, das Wasser aus den Gräben abzuleiten und sodann Sturm zu laufen. Sogleich wurde Hand ans Werk gelegt und bereits stunden die nöthigen Leitern und Geräthe zum Sturm in Bereitschaft, als man plötzlich aus den benachbarten Seitenthälern den Schall von Trommeln und Pfeifen, immer näher und näher kommend, vernahm. Zu gleicher Zeit erschien der Zwerg oben auf der Thurmwarte und schlug ein gellendes Gelächter auf. Die Bauern überfiel Todesangst; sie wähnten nicht anders als, das ganze schwäbische Bundesheer rücke heran, und ergriffen so schleunig als möglich die Flucht. Und auch als sich später herausstellte, daß die ganze Gegend [63] weit und breit umher leer sey von den Truppen sowohl der Städte, als der Fürsten, wagten sich doch die Bauern nicht mehr in die Nähe dieses Schlosses, da der Glaube, dasselbe sey verzaubert, feste Wurzel in ihnen geschlagen hatte. Sonach blieb die Burg, Dank ihrem guten Geiste, von allen Schrecknissen des Bauernkrieges verschont und die Familie fand, als der Frieden ihr die Rückkehr nach Rodeck gestattete, Alles in der Burg noch in derselben Ordnung, wie sie es verlassen hatte.

Aloys Schreiber.