Der Donnerstag in Sage und Culturgeschichte

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Textdaten
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Autor: H. Salchow
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Titel: Der Donnerstag in Sage und Culturgeschichte
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 590–591
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Der Donnerstag in Sage und Culturgeschichte.

Aus der Umarmung des obersten Gottes der alten Deutschen, des Wotan, und der Göttin der Erde, Nirdu, entsproß der Gott des Luftkreises, des Wetters und der Geister, Donar. In seiner Person vereinigen sich also die Kräfte des Himmels und der Erde; er ist der starke Herr der ganzen Natur und zugleich auch der Schützer der Ehe, des Ackerbaues und der Viehzucht. Die goldhaarige Sippia, die Göttin des Getreidefeldes, nannte er seine Gemahlin; Ostara, die Göttin des Frühlings und Morgens, und Paltar, der Gott des ruhig strahlenden Sonnenlichtes, sind seine Geschwister.

Unsere Altvordern sahen in dem Gewitter mit Donner und Blitz, seinen Schrecknissen und Segnungen die Gegenwart eines Gottes, und dieser Gott war eben der Donar. Sobald die den Menschen und Göttern feindlichen Riesen, in denen die Mythologie der alten Deutschen die schädlichen Naturkräfte personificirt, sich aus ihren Höhlen und Schlupfwinkeln hinausbegeben, da spannt Donar eilig seine beiden stattlich gehörnten Ziegenböcke, Zahnknirscher und Zahnknisterer, vor seinen Donnerwagen, legt sich eine schwarze Wetterwolke als Gürtel um die starken Lenden, zieht die Eisenhandschuhe an und ergreift seinen Hammer. So ausgerüstet, zieht er gegen die Riesen los: mit zorniger Kraft schüttelt er seinen rothen Bart; Feuer flammt hellleuchtend aus seinen Augen und ein Unwetter mit zuckenden Blitzen und krachendem Donner bricht aus. Rasch, wie der Blitz selbst, durcheilt er die Luft und streckt mit wuchtigem Schlage seines Hammers die Riesen nieder, welche sich nicht zeitig genug vor seiner Alles zermalmenden Kraft geflüchtet haben. So ist er der Beschützer und Schirmherr der Menschen, der König der Erde und ihrer Bewohner, der Gott des Segens und der Fruchtbarkeit.

Aber Donar ist nicht nur dieses, er ist mehr: er ist wohl der volksthümlichste Gott der alten Deutschen. Sie stellten sich ihn als einen schönen, rothbärtigen Jüngling mit aufbrausender Jugendkraft vor, der leutselig sich unter die Menschen mischt, schlicht zu Fuße einhergeht und Hoch und Niedrig gleich achtet. Er treibt seine Scherze mit dem niederen Volke, läßt sich von ihm an seinem rothen Barte zupfen, schwingt seinen Hammer in der Schmiede und schmiedet gar herrliche Waffen. So hatte sich das deutsche Volk den Gott des Donners zu seinem Vertrauten gemacht. „Ein Volk aber,“ – um mit Th. Colshorn zu reden – „das im Donnerhall die Nähe eines Freundes erkennt, das sich wohl und heimisch fühlt im brausenden Tumult der flammenden und rollenden Wetterwolke, das bekundet rüstigen Sinn und urkräftiges Leben.“

Es ist daher kein Wunder, daß Vieles in Sitten und Gebräuchen der Deutschen an diesen Gott gemahnt. Vor Allem ist sein Name dadurch unvergänglich, daß der fünfte Tag in der Woche nach ihm benannt ist, der Donnerstag. Die ursprünglichen Namen für denselben lauten verschiedentlich: Donrestag, Donresdach, Donarestag, Donderdag, Dönderdag, woraus sich dann unser Donnerstag entwickelte. Im germanischen Norden aber nannte man den Gott Donar: Thor, und danach den ihm geweihten Tag: Tornsdei, Tongersdey, Thunoresdäg, Thursday, Thorsdagr, Thorsdag, wovon Thursday ja noch heute im Englischen vollständig erhalten ist. Als das Christenthum nach [591] Deutschland kam, blieb der Name ruhig bestehen und ebenso auch die alten heidnischen Gebräuche, welche mit dem Donnerstage verknüpft waren, wenn ihnen auch ein christliches Gepräge verliehen ward. Unter den heidnischen Donnerstagen ragte besonders einer hervor, der, an welchem das große Donarsfest im Frühjahre gefeiert wurde. Die christliche Kirche verbot natürlich die Feier in diesem Sinne, aber sie konnte die alten, liebgewordenen Gebräuche nicht gänzlich unterdrücken, sondern dieselben wurden auf christliche Feiertage übertragen und zwar theils auf die beiden hohen Festdonnerstage der christlichen Kirche, den grünen Donnerstag und den Himmelfahrtstag, theils auf das Osterfest, wie z. B. die Freudenfeuer. Aber auch der nicht durch besondere Feste ausgezeichnete Donnerstag spielt noch immer in Sitte und Brauch eine große Rolle. Es soll unsere Aufgabe sein, die hauptsächlichsten dieser mit dem Donnerstage verknüpften Gewohnheiten und Bräuche hier aufzuführen.

Wie Donar die Riesen bekämpfte, so war er dagegen Schutzherr des Volkes der Kleinen, der Zwerge, worauf mancherlei Sitten, die ihren Ursprung aus der heidnischen Urzeit herleiten, zurückzuführen sind. In Berlin sagt man z. B.: Am Donnerstag muß man Erbsen essen. Erbsen sind aber das Lieblingsgericht der Zwerge, und Donar selbst ging manches Mal mit ihnen in die Schotenfelder, um dort zu naschen. Den Zwergen und ihrem Herrn opferte man in früheren Zeiten eine schwarze Henne und nahm besonders Hennen, die am Donnerstag dem Ei entschlüpft waren, woher das Wort stammt: Hähne aus einem Donnerstag-Ei gehören dem Teufel. Dieser nämlich trat häufig da an die Stelle Donar’s, wo sein Cultus durch die Heidenbekehrer mit Gewalt unterdrückt und sein Name verflucht wurde. An den Küsten Pommerns, besonders aber in Swinemünde, findet man die eigenthümliche Forderung: Am Donnerstage soll man sich nicht kämmen, damit den Zwergen das Ungeziefer nicht in die Schüssel fällt. In Holstein hat man einen der Zwerge nach ihrem Herrn und Meister benannt, denn es heißt daselbst ein gewisser Zwerg Hans Donnerstag, während ebendaselbst der Donnerstag auch zum Fluchen dient, indem man sagt: Hät’ ihn de Donnerstag! In vielen Gegenden lebt noch die Erinnerung an die alte Gewohnheit, den Donnerstag durch Aussetzung der Arbeit zu heiligen, denn früher hieß es: Am Donnerstagabend darf nicht gesponnen, gedroschen und gehauen werden. In gewissem Sinne ist übrigens dieses Feiern am Donnerstage in manchen Gegenden noch erhalten, man feiert nämlich die Kirmessen am Sonntag und Montag, arbeitet dann Dienstag und Mittwoch, und am Donnerstag ist noch einmal ein Festtag, womit die Kirmeß beschlossen ist. Oder man sieht den Donnerstag auch als Vorfeiertag der Kirmeß an, wie in Schlesien. Wie wir oben gesagt haben, war Donar auch der Beschützer des Land- und Ackerbaues, aber er verlangt, daß am Donnerstag kein Mist ausgetragen werde (Altmark). Wer hiergegen fehlt, sowie am Donnerstagabend drischt, haut oder dergleichen thut, der wird von Donar, vom Donner, erschlagen. Eigenthümlich scheint es auf den ersten Blick, daß man in der Mark den Donnerstag für besonders unglücklich als Hochzeitstag ansieht, wogegen er in Hessen und Holstein hierzu als sehr glückbringend gilt. Dies ist aber ebenso zu erklären, wie das Vertauschen Donar’s mit dem Teufel.

Die meisten auf Donar Bezug habenden heidnischen Gebräuche knüpfen sich jedoch, wie gesagt, an das große Fest, das man ihm zu Ehren im Frühling jedes Jahres feierte und wovon die Gebräuche später theils auf den Gründonnerstag, theils auf den Himmelfahrtstag übergingen. Besonders Schwaben ist reich an einer Menge mit dem Himmelfahrtstage verknüpfter heidnischer Bräuche. So läßt zunächst Paltar, der Bruder Donar’s, an diesem Tage ihm zu Ehren die aufgehende Sonne drei Freudensprünge machen, wie es besonders in Reutlingen, Tübingen und Umgegend heißt. Am Himmelfahrtstage erwartet man aber auch ein Gewitter, welcher Glaube besonders im Schwarzwald herrscht. Damit nun die Häuser vor Donar geschützt und vor dem Blitzstrahl gefeit seien, windet man für diesen Tag in vielen Landstrichen Immortellenkränze, wozu das sogenannte Himmelfahrtsblümchen (Gnaphalium dioicum) verwandt wird. In Schwaben ziehen die Mädchen zu diesem Behufe schon in der Nacht um zwei Uhr aus, gewöhnlich in größeren Gesellschaften, und bekränzen die Häuser vor Sonnenaufgang. In den katholischen Gemeinden Schwabens hielt man noch vor nicht sehr ferner Zeit an jedem Himmelfahrtstage den sogenannten Flurgang oder die Eschprocession, bei welcher die Saatfelder gesegnet wurden. Während früher die ganze Gemarkung durchzogen ward, geht man jetzt dort, wo die Sitte noch besteht, nur so mitten hindurch, daß man den größten Theil des Landes überschauen kann. An vier Grenzpunkten aber liest man Stücke aus den vier Evangelien vor und spricht den Wettersegen. Nach der Rückkehr vom Felde werden die Häuser gesegnet und mit Weihwasser besprengt.

Allen Nähterinnen und Flickschneidern rathen wir, am Himmelfahrtstage die Nadel ruhen zu lassen, denn, sagt man im Harz, Osterode, Ilsenburg etc., in das Haus, wo am Himmelfahrtstage genähet oder geflickt, oder sonst gearbeitet wird, schlägt das Gewitter. Die Laboranten aber wissen, daß Kräuter, auf Himmelfahrt gesucht und gepflückt, besondere Heilkräfte besitzen und als Mittel gegen alle Krankheiten dienen. Ein eigenthümliches Fest, dessen Bezug auf den Gott Donar noch recht erkennbar ist, wird an den Dörfern Fienstedt, Gödewitz, Gordeleben, Krimpe und Zornitz am Himmelfahrtstage gefeiert. Bei demselben wird eine Tonne Bier getrunken und dann in einer dicht neben der Kirche errichteten Scheune, der Himmelfahrtsscheune, getanzt. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts fand vor dem Tanze außerdem eine Versammlung am Brunnen des Dorfes statt, woselbst die Geschichte des Festes vorgetragen und sieben Eimer Bier vertilgt wurden. Der Vorsteher gemahnte sodann die Gemeinde, die Feier des Festes nicht untergehen zu lassen, denn wenn dies geschähe, so müßte man der Obrigkeit den Zehnten, ein schwarzes Rind mit weißen Füßen, einen Ziegenbock mit goldenen Hörnern und ein vierspänniges Fuder Semmeln liefern. Diese Gegenstände weisen auf das Deutlichste auf Donar hin: das Rind auf den Beschützer der Viehzucht, die Semmeln auf den Segenspender des Ackerbaues; den Wagen Donar’s aber zogen, wie erwähnt, die beiden Ziegenböcke Zahnknirscher und Zahnknisterer.

Mit dem Gründonnerstage sind nicht weniger heidnische Gebräuche und Gedanken verknüpft. Am bekanntsten ist wohl die Regenschene oder Regenstärke, welche man am Gründonnerstag aus den neun verschiedenen Kräutern: Taubnessel (Lamium album), Spinat, Körbel, Pimpinelle, Giersch (Aegopodium podagraria), Sauerampfer, Braunkohl, Kuhblume (Taraxacum officinale) und Porree anzufertigen hat, um stark zu werden, wie vornehmlich die Meinung der Ribbesbüttler, aber auch anderer guter Leute ist. Ebenso sagt man in Ribbesbüttel: Gründonnerstags-Flachs friert nicht ab, während es am Rhein heißt: wer am Gründonnerstage fastet, bekommt keinen Zahnschmerz. In Ribbesbüttel hat man noch einen solchen an den Gründonnerstag geknüpften Glauben: alles Wasser ist nämlich um Mitternacht dieses Festes Wein. Besonders erwähnenswerth in Bezug hierauf ist sodann die Wetterau. Hier sagt man: die Kohlpflanzen, die unter dem Kirchenläuten am Gründonnerstag gesäet werden, gerathen am besten, und überhaupt an das an diesem Tage Gesäete wagen sich die zerstörungslustigen Erdflöhe nicht. Ferner bringe man an diesem Tage seine Kleider in die Luft! Dann kommen keine Motten hinein. Endlich aber geben Eier, die am Gründonnerstag gelegt worden sind, Hühner, welche alle Jahre die Farbe wechseln. Sieht man in der Kirche durch solch ein Ei bei Sonnenschein, so erkennt man die Hexen der Gemeinde, da sie nämlich dem Altar den Rücken zuwenden. In Schorndorf existirt übrigens ein ähnlicher Glaube: Man mache sich einen runden Holzstuhl aus Tannenholz und sehe während des Gottesdienstes durch eines der drei Löcher, in welche die Beine des Stuhls hineingesteckt werden; man wird sodann alle Hexen verkehrt sitzen sehen.

So lebt das Andenken Donar’s noch immer lebendig in den Sitten, Gebräuchen und Erinnerungen des deutschen Volkes; und wenn diese auch der Alles vertilgende Zahn der Zeit schließlich ganz dem lebendigen Bewußtsein entziehen sollte, so wird der Name des Gottes selbst doch nie verlöschen, so lange es einen Donnerstag giebt.

H. Salchow.