„Nach Mercator’s Projection“

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Textdaten
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Autor: J. Lwbg.
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Titel: „Nach Mercator’s Projection“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 592–594
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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„Nach Mercator’s Projection“.

Wer kennt nicht die Erdkarte in jedem Schulatlas mit der Aufschrift „Nach Mercator’s Projection“? Wer erinnert sich nicht an die Eigenthümlichkeit dieser Karte, daß sie die ganze Oberfläche der Erde nicht in zwei Bildern, in zwei Hälften, der östlichen und westlichen Halbkugel, darstellt, sondern in einem einzigen Bilde, das alle Länder und Meere unserer Erde mit einem Male veranschaulicht? Wer wüßte nicht, daß alle Längen- und Breitengrade auf einer Karte „Nach Mercator’s Projection“ sich nicht als Kreise darstellen, wie auf Hemisphären oder Halbkugeln, sondern als gerade Linien, die einander senkrecht schneiden? – Und wie Vielen ist die Erinnerung, ja die Kenntniß von alledem doch nur ein ungelöst aus der Jugend in das Leben hinüber genommenes Räthsel geblieben!

Am 2. September dieses Jahres wurde in Duisburg ein unserem Mercator geweihtes öffentliches Denkmal mit den schönsten Ehren enthüllt, und dies ist es, was uns zur Erinnerung an Mercator, sein Leben und wissenschaftliches Leisten in diesem Augenblicke Veranlassung giebt.

Das Leben Mercator’s liegt der Hauptsache nach in seinen geistigen Werken; die äußeren Momente desselben lassen sich in wenigen Daten zusammenfassen.

Gerhard Kremer, oder mit späterem Namen Mercator, wurde am 5. März 1512, zufällig während eines Besuchs seiner Eltern im Hause seines Oheims Kremer, in Rupelmonde in Flandern geboren. Sein Geburtsort war sonach allerdings in Flandern, aber zu einem Vlaming oder Vlamländer hat ihn derselbe nicht gemacht. In der Widmung seiner „Tabulae Galliae et Germaniae“, die im Jahre 1585 zu Duisburg erschienen, sagt er mit Nachdruck: „Obwohl ich in Flandern geboren bin, so sind doch die Herzöge von Jülich meine angestammten Herren, denn unter ihrem Schutze bin ich im jülicher Lande und von jülichischen Eltern erzeugt und erzogen.“ Er sagt also selbst ausdrücklich, daß er ein Deutscher sei.

Auf Kosten seines Oheims im Hause der „Brüder vom gemeinsamen Leben“ in Herzogenbusch erzogen, ging er 1530 auf die Universität Löwen, wo er sich humanistischen Studien widmete. Die Philosophie brachte ihn aber in zweifelvolle Conflicte mit seinem Glauben. Die Lehren des Aristoteles ließen sich mit der mosaischen Schöpfungsgeschichte nicht vereinigen. So kam es denn, daß er, früh verheirathet, die Mathematik als eigentliches Brodstudium wählte. Er erfreute sich dabei der gelegentlichen Unterweisungen des in der Geschichte der mathematischen Geographie ausgezeichneten Arztes Gemma Frisius, welcher kurz zuvor die damals weitverbreitete Kosmographie des sächsischen Astronomen Peter Bienewitz (Apianus) aus Leisnig herausgegeben hatte. Daneben verfertigte Mercator, ähnlich wie früher Regiomontanus und damals Gemma, mathematische und astronomische Instrumente und gab, als ein charakteristisches Zeichen seiner wissenschaftlichen und religiösen Richtung, bereits 1537 sein Erstlingswerk, eine Karte vom heiligen Lande, heraus. – Die reformatorische Bahn in der Kartographie betrat er 1541 mit einer Abhandlung über den Gebrauch und Schnitt der Cursivschrift, wodurch auch in Deutschland für Karten die lateinische, das heißt die sogenannte Antiqua-Schrift, allein und ausschließlich in Anwendung gekommen ist. Mehrere Arbeiten erwarben ihm die Aufmerksamkeit Kaiser Karl’s des Fünften und verschiedene Aufträge. – Damals schon mochte er nach der Gelehrtensitte der Zeit seinen deutschen Namen Kremer in Mercator latinisirt haben.

Als er aber im Jahre 1544, um den Nachlaß seines verstorbenen Oheims zu ordnen, nach Rupelmonde ging, wurde er, der schon auf der Universität sich den Vorwurf glaubenswidriger Grübelei zugezogen hatte, unter dem Verdachte der Ketzerei gefangen gesetzt. – Wie lange er im Kerker schmachten mußte, ist nicht bekannt geworden. Der Eifer seiner Freunde, zu denen Cardinal Granvella gehörte, kam ihm indeß zu Gute und entzog ihn dem Schicksale der geographischen Märtyrer seiner Zeit, des Deutschen Sebastian Frank und des Spaniers Serveto.[1]

Werfen wir nunmehr einen Rückblick auf das frische, weitverbreitete Interesse, welches schon früher und damals in Deutschland für geographische Studien heimisch war.

Deutschland hatte sich als Staat an den großen geographischen Entdeckungen des fünfzehnten und sechszehnten Jahrhunderts nicht betheiligt, aber Deutsche waren es, die durch ihre Arbeiten in Werkstatt und Studirstube ihnen den wesentlichsten Vorschub geleistet haben. Die kunstreichen Werkstätten Nürnbergs lieferten den iberischen Seefahrern die besten nautischen Instrumente; Johannes Müller, genannt Regiomontanus, der Heros der damaligen Mathematiker, hatte für die Jahre 1474 bis 1506 die vortrefflichsten astronomischen Ephemeriden berechnet, welche die deutsche Astronomie mit der portugiesisch-spanischen Schifffahrt verbanden und auf den Entdeckungsreisen des Diaz, Columbus, Vespucci, Gama gebraucht wurden; – Martin Behaim aus Nürnberg saß im Rathe der königlichen Entdeckungsjunta zu Lissabon und verfertigte schon im Jahre der Entdeckung Amerikas, 1492, in Nürnberg den ersten Erdglobus. Von den 21 Ausgaben des Ptolemäus, die überhaupt im sechszehnten Jahrhundert gedruckt wurden, waren in Deutschland allein nicht weniger als 16 erschienen. In Deutschland war es, wo die ersten Briefe und Berichte von den großen Entdeckungen in verschiedenen deutschen Uebersetzungen, selbst in’s Plattdeutsche, die früheste und weiteste Verbreitung fanden. Ein deutscher Professor in Lothringen Namens Waldseemüller, oder wie er sich gräcisirt nannte, Hylacomilus, war es, der die Berichte Vespucci’s in’s Deutsche übersetzte und im Jahre 1507 der Neuen Welt den später vielbestrittenen Namen „Amerika“ für alle Zeiten beigelegt hat. Ein deutscher Kartenzeichner war es, der bereits erwähnte Peter Apianus, der 1520 die erste Landkarte mit dem Namen „Amerika“ herausgab, wie denn überhaupt deutsche Kartenzeichner die Meisterschaft in der bildlichen Darstellung der Erdoberfläche bis zu dem späteren Emporblühen der Kartographie in den Niederlanden ruhmvoll behaupteten.

Die Kunst, Landkarten, Bilder von der Erde zu verfertigen, kann nur da gedeihen, wo gewisse darstellende Künste schon eine höhere Ausbildung erreicht haben. Es ist daher kein Zufall, daß die besten Landkartenzeichner in Italien, Deutschland, den Niederlanden auch in der Blüthezeit der dortigen Malerschulen lebten. Die deutsche Kartographie erwuchs mit dem Holzschnitt und Kupferstich Albrecht Dürer’s. Aber zur Fertigkeit der bildlichen Darstellung gehört auch die Kenntniß der mathematischen Wissenschaft, und im sechszehnten Jahrhundert begann auch die Zeit unserer großen Mathematiker und Astronomen, und deutsche Mathematiker ersannen damals die verschiedensten Arten zur Darstellung des Oberflächenbildes unserer Erdkugel, die verschiedensten „Projectionen“.

Auch Mercator nahm bald nach seiner Freilassung die geographischen und kartographischen Arbeiten mit Eifer wieder auf. Die Zahl seiner Werke, die Folge ihrer Entstehung braucht in einer nur skizzenhaften Federzeichnung, wie diese Zeilen sein sollen, nicht streng angegeben zu werden. Und so sei nur Einiges hervorgehoben.

Mercator’s Untersuchungen über die Abweichung der Magnetnadel, welche von Seefahrern beobachtet war, sind zuerst in einem Briefe an Granvella vom 23. Februar 1546 niedergelegt. Sie sind epochemachend. „Es ist mir ein vollständiges Räthsel,“ sagt sein vortrefflicher Biograph, der Director der Steuermannsschule in Bremen, Dr. Breusing, „wie es Mercator mit den damals vorhandenen Hülfsmitteln möglich gewesen ist, eine so genaue Untersuchung durchzuführen.“ Er ist der Erste, der die Anfänge einer Theorie des Erdmagnetismus giebt. Auch hat Mercator selbst auf seine Feststellung des magnetischen Pols einen ganz besonderen Werth gelegt und sich auf einem noch erhaltenen Bilde (nach welchem unser Portrait gezeichnet ist) den Globus zur Seite malen lassen, auf dem er mit dem Cirkel den magnetischen Pol [593] absetzt. Diese Untersuchungen haben ihn dann naturgemäß auf ein verwandtes kartographisches Feld geführt, auf die zweckmäßigste Darstellung der Seekarten. Seine Ideen hierüber führten ihn vor nunmehr 300 Jahren zu der weltberühmten Projection, die nach ihm Mercator’s Projection heißt.

Hochberühmt wurde besonders seine große Seekarte in dieser Projection vom Jahre 1569, also gerade zweihundert Jahre vor der Geburt Alexander von Humboldt’s. „Das Jahr 1569,“ sagt Breusing, „wird in der Geschichte der Geographie und der Schifffahrtskunde ein ewig denkwürdiges bleiben. Im Monat August desselben vollendete Mercator den Stich der großen Weltkarte zum Gebrauche der Seefahrer. Von ihr datirt die Reform der Kartographie; durch sie wird eine neue Epoche in der Steuermannskunst begründet.“

Seefahrer, Geographen, Historiker sind voll seines Lobes. „Mercator,“ sagt Ranke, „ist es, der die erste durchgreifende Verbesserung der Land- und Seekarten herbeiführte,“ und Peschel erklärt: „Die Geschichte kennt nur drei große darstellende Geographen, Ptolemäus und seine Reformatoren Mercator und De l’Isle.“

Mercator’s hohe wissenschaftliche Leistungen bestehen vor Allem in der Erfindung und Einführung neuer Netzentwürfe zur Uebertragung von Kugelflächen in die Ebene, also neuer Projectionsarten. Eine Klarlegung dieser seiner Projectionen erfordert eine mathematische, strengwissenschaftliche Behandlung. Es ist dies aber ein Thema, das weder allgemein zugänglich, noch interessant ist. Und wir mögen uns nicht schmeicheln, die Feinheiten des höheren Calcüls unseren Lesern in homöopathischer Verdünnung wie ein Wundertränkchen beibringen zu können.

Begnügen wir uns daher, uns mit Peschel’s Worten über „Mercator’s Projection“ zu verständigen.

Die Gartenlaube (1878) b 593.jpg

Nach einem alten Stiche.

„Die Mercator-Projection,“ sagt Peschel, „ist ein walzenförmiger Entwurf. Die Erde wird nicht mehr als Kugel, sondern als Cylinder gedacht. Denkt man sich die Achse der Walze so lang wie den Drehungspol und ihren Durchmesser wie den Durchmesser der Erde, so erhalten wir durch Abrollen ein zu verjüngendes Rechteck, noch einmal so breit wie hoch, auf dem die Mittagskreise gleichabständige senkrechte, die Breitengrade gleichabständige wagrechte Linien bilden, durch deren Kreuzungen lauter Rechtecke abgeschnitten werden. Auf der Kugel sehen wir dagegen, daß die Abstände der Mittagskreise, die in der Nähe des Aequators fast genau den gleichwerthigen Abständen der Breitenkreise entsprechen, je mehr wir uns den Polen nähern, immer schmäler und am Pole selbst Null werden. Um nun beim Entwurfe in der Ebene den Gang dieses Gesetzes auszudrücken, behielt Mercator die gleichen Abstände für die Mittagskreise bei, verlängerte aber dafür die Abstände der Breitenkreise in entsprechender Weise und gab dadurch dem Bilde eine streng symmetrische Auflockerung von dem Aequator nach den Polen. Der einzige unvermeidliche Uebelstand dieses Entwurfes ist nur, daß er nicht gut über den 80. Breitegrad ausgedehnt werden kann, weil in größeren Polhöhen die Breitengrade zu rasch, jenseits von lat. 89 Grad aber in das Unendliche wachsen müssen. Die Vortheile dieses Entwurfes sind sonst gar nicht zu überschätzen, denn in allen zwischen zwei Breitenkreisen eingeschlossenen Vierecken bleiben die Verhältnisse richtig, nur daß der Maßstab sich mit jedem Breitenkreise ändert. Einzig auf einer Karte nach Mercator-Projection lassen sich die Himmelsrichtungen, in welchen irgend ein irdischer Punkt zu allen anderen irdischen Punkten liegt, streng einsehen, weil alle Himmelsrichtungen als gerade Linien durch das Bild laufen. Ohne Mercator-Projection war den Seeleuten eine strenge Ermittelung ihres Courses ebenso wenig wie eine schärfere Berechnung des zurückgelegten Weges, außer durch astronomische Ortsbestimmung, möglich. Für alle thermischen, für erdmagnetische, für pflanzen- oder thiergeographische, für Fluthbewegungs-, überhaupt für alle physikalischen Karten ist die Mercator-Projection unerläßlich; sie ist mit einem Worte der Stein der geographischen Weisheit geworden.“

Und Mercator war nicht blos praktischer Kartenzeichner, Geodät (Erdmesser), Kupferstecher und Mechaniker; er war auch Astronom, Mathematiker, Physiker, Geschichtsforscher, Chronolog. Die Erfindung der „Mercator-Projection“ für Seefahrtskarten hat indeß seine zahlreichen Arbeiten weit überstrahlt, denn sie hat Bedeutung für alle Zeit, für alle Welt. Und wie diese Projection nach ihm ihren Namen, so hat sich auch von ihm der Name „Atlas“ erhalten, den er zuerst für eine einheitliche Sammlung von Karten gebraucht hat.

Das in diesen Tagen zu Duisburg, wo Mercator vom Jahre [594] 1552 bis zu seinem Tode, 2. December 1594, gelebt hat, enthüllte stattliche, überlebensgroße Standbild, vom Bildhauer Reiß in Düsseldorf, ist sinnig geschmückt mit allegorischen Kinderfiguren, welche Meßkunst, Schifffahrt, Handel, Industrie repräsentiren. Möge diese Zierde der deutschen Stadt dauernd an eine der ersten Zierden deutschen Geistes erinnern![2][WS 1]

J. Lwbg.
  1. Frank, der Verfasser der ersten in deutscher Sprache (1534) erschienenen allgemeinen Geographie: „Weltbuch, Spiegel und Bildtnis des gantzen Erdtbodens“, ist verschollen auf der Flucht vor dem Anathem des protestantischen Kirchentags zu Schmalkalden. – Michael Serveto, der treffliche Herausgeber des Ptolemäus, wurde 1553 in Genf durch das protestantische Ketzergericht Calvin’s unter anderem auch deshalb lebendig verbrannt, weil er dem „gelobten Lande“ nicht den nämlichen Reichthum an Naturgaben zuschrieb, wie die Bibel, und daher Moses der Unwahrheit in seinen Schilderungen geziehen habe.
  2. Das Denkmal Mercator’s besteht in einem sich aus einem Wasserbassin erhebenden Pfeileraufbau, welcher mit Rundbögen und einem Kuppelgewölbe geschlossen ist; über diesem Pfeilerbau ragt das Standbild auf einem Postament empor, an welchem sich vier mit Inschriften versehene Nischen befinden; neben diesen sitzen auf den vier Ecken allegorische Kinderfiguren. Die überlebensgroße Figur Mercator’s, welche den Aufbau krönt, ist nach vorhandenen Gemälden und Kupferstichen in der kleidsamen Tracht jener Zeit hergestellt, eine halb entrollte Karte in der einen, einen Zirkel in der andern, in die Seite gestemmten Hand haltend; ein Globus steht zu Mercator’s Füßen. Im Innern des Pfeileraufbaus ist eine bronzene, überlaufende Schale mit springendem Wasserstrahl angebracht, und darunter lagern vier wasserspeiende Seeungeheuer, wie sie Mercator auf den Rand seiner Karten zu zeichnen pflegte. Ein Wasserbassin, welches auf einer achteckigen Platte ruht, umgiebt den ganzen Bau. Die Höhe des Denkmals beträgt 9,2 Meter. Das ganze Werk, mit Ausnahme der Schale, ist aus weißem Trierer Sandstein hergestellt. Der Entwurf rührt von dem Stadtbaumeister Schultze zu Duisburg her, während der Bildhauer Jos. Reiß in Düsseldorf die Ausführung des Denkmals besorgt und die Figuren selbst modellirt und gemeißelt hat; die architektonischen Steinmetzarbeiten sind von den Steinmetzen Kaufhold und Berndt in Düsseldorf beschafft worden.
    Die Redaction.

Anmerkungen (Wikisource)