Der Einfluß des Denkens auf den Puls

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Textdaten
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Autor: C. St.
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Titel: Der Einfluß des Denkens auf den Puls
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 408
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[408] Der Einfluß des Denkens auf den Puls. Alte Schriftsteller erzählen bewundernd von dem Arzte Erasistratus, daß er die tiefverschwiegene Ursache der zehrenden Krankheit des jungen Antiochus lediglich an der Aufregung seines Pulses erkannt habe, als die Königin Stratonice, des Prinzen schöne Stiefmutter, plötzlich in’s Krankenzimmer getreten sei. Aber dabei ist am Ende so gar besonderer Scharfblick nicht nöthig gewesen, denn wir Alle wissen ja, wie mächtig die Seelenregungen und Leidenschaften den Puls beeinflussen. In unserer Zeit, wo man die Blutwelle und den Herzschlag mit allen ihren Eigenheiten, Unterbrechungen, Unregelmäßigkeiten, Zuspitzungen der Wellenberge etc. photographirt und so den Augen sichtbar macht, will das wenig bedeuten; hat man doch Apparate ersonnen, die aus der Stärke der Blutwelle im Arme sofort erkennen lassen, ob eine Person, die während des Versuches eintritt, uns völlig oder nicht völlig gleichgültig ist, ob schwere oder leichte Gedanken vor der Seele vorüberziehen, ob ein Schlafender träumt oder nicht etc. Prof. Fick in Würzburg dürfte der Erste gewesen sein, welcher (1869) einen Apparat herstellte, um die Anschwellung der Blutgefäße im Arme oder in anderen Körpertheilen genau zu messen. Sein Verfahren bestand einfach darin, daß er den Arm oder Fuß wasserdicht in einem völlig mit Wasser gefüllten Gefäße, vor dem sich eine enge gläserne Maßröhre abzweigt, abschloß. Sobald die Blutgefäße im Arme sich stärker füllen und ihn anschwellen, wird eine entsprechende Wassermenge aus dem Gefäße in die gradweise eingetheilte, enge Maßröhre getrieben und giebt sich dort durch gleichmäßiges Steigen zu erkennen.

Mit einem solchen Volumeter, welches vermittelst eines Schwimmers die rhythmischen Niveauschwankungen auch auf einer rotirenden Trommel aufzuzeichnen vermag und welches neuerdings von A. Mosso in Turin mit einer kleinen Abänderung der Aufzeichnungsmethode als Plethysmograph beschrieben worden ist, läßt sich nun leicht zeigen, daß der Eintritt eines Bekannten oder Freundes die Blutwelle, ohne daß wir es mit dem Daumen an der Pulsader fühlen würden, merklich beeinflußt, sodaß man die Freundschaft und das Interesse, welches uns eine bestimmte Person einflößt, nach ihrem Umfange direct messen kann. Aber noch mehr, wenn wir den Geist unseres Versuchsmenschen beschäftigen, sehen wir die Blutmenge in seinem Arme sofort abnehmen, weil das Blut nunmehr dem in Thätigkeit gesetzten Denkorgane lebhafter zuströmt, und wenn wir ihm ein philosophisches Buch, ein Räthsel oder eine Rechnungsaufgabe geben, werden wir ein um so auffallenderes Sinken des Seelenbarometers wahrnehmen, je schwieriger die gestellten Aufgaben und je mehr der Denker darüber „schwitzen“ muß. Das Gehirn arbeitet und braucht dann viel Blut auf seine Mühle, welches den anderen Körpertheilen entzogen werden muß, die sich dafür im Schlafe schadlos halten, es aber nicht allezeit willig hergeben, z. B. während der Verdauung, woher es kommt, daß man mit vollem Magen so ungern studirt. Mit dem Augenblicke, wo das Buch weggelegt, die Lösung des Räthsels oder das Facit des Exempels ausgesprochen wird, steigt auch die Wassersäule wieder, da die Nerven des Gehirns ebenso schnell den Bedarf abbestellen, wie sie ihn fordern.

Reichen wir jetzt dem von der geistigen Arbeit ermatteten Versuchsmenschen ein Schlafmittel, so werden wir, sobald die Wirkung eingetreten, das Seelenbarometer seinen höchsten Standpunkt gewinnen sehen, das Gehirn, welches im wachen Zustande sehr viel Blut anzieht, begnügt sich jetzt mit ganz wenig, um alles den Gliedern zu ihrer Stärkung zukommen zu lassen. Gelingt es uns aber, durch den immer offenen Gehörscanal, zum Beispiel mit Hülfe eines charakteristischen Geräusches, einen Traum einzuschmuggeln, so werden wir an dem Sinken der Wassersäule wahrnehmen, daß das Gehirn wiederum, wenn auch nur mit halben Kräften, arbeitet. So hat man hier in der That eine Art Seelenbarometer, wie es Hogarth auf seinem drastischen Bilde der Methodistengemeinde darstellte, viel empfindlicher, als jene kleinen Weingeistthermometer, die man sonst zum Scherz von jungen Leuten in der Hohlhand halten ließ, um zu sehen, „wie heiß ihre Liebe sei“.
C. St.