Der Genius von New-York

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Titel: Der Genius von New-York
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aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 241–244
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[241]
Der Genius von New-York.
oder
Abenteuer eines geflüchteten Kurhessen.

Auch ich war in Arcadien geboren, nämlich in Kurhessen, und dort auch Maler geworden. Aber was ist ein Maler, der nicht trifft? Ich war brodlos und wurde auch heimathlos, nachdem ich einen berühmten Mann gemalt und nicht getroffen hatte. Besonders, weil die Finger zu lang gerathen waren. – Glücklich war ich in London angekommen; aber wie hier glücklich durchkommen? Ich hatte mir die Stiefeln schief und die Sohlen abgelaufen. Niemand wollte mir Gehör, geschweige Arbeit und Brod geben. Niemand hatte Zeit, am Wenigsten dazu, Geld für Kunst auszugeben. Ich glaube auch, daß die Leute hier nur deshalb so reich sind, weil sie niemals Zeit haben, Geld auszugeben. Die Zeit reicht kaum hin, um es zu verdienen.

Gott, rief ich, was ist das für eine Welthauptstadt, wo die Leute Alles haben, nur keine Zeit! Nicht einmal gemeine, nach Stunden und Minuten gemessene Zeit, geschweige Muße. Ohne Zeit keine Muße, ohne Muße keine Musen. Ich traf manche deutsche Brüder, die mir alle riethen: habe Geld und fang’ ein Geschäft an, sonst gehst Du zu Grunde. Andere meinten’s noch redlicher und gaben mir noch bestimmtere gute Regeln: Nicht blos Geld sollt’ ich haben, auch feine Wäsche und Kleider, einen Backenbart und glanzlackirte Stiefeln, sonst komme man unter den Engländern nicht fort. Das rieth man mir, der ich schon 14 Tage lang nach Verwirklichung meines nächsten Ideals strebte, ohne es zu erreichen: neuer Sohlen unter meine kurhessischen Stiefeln.

Doch ich will mich über diese sich immer mehr ausdehnenden Zwischenräume zwischen Oberleder und Sohle nicht zu weit ausdehnen, zumal da ich dann der Vollständigkeit wegen auch die Gründe auseinander setzen müßte, warum ich den rechten Arm immer sehr knapp um die Seite hielt, was nicht meine Gewohnheit war, als ich unter dem Arme noch nicht zu erröthen brauchte. Ich dachte: Streckt sich doch Mancher, der mehr hat und ist, als ich, nach der Decke; warum soll ich nicht wenigstens den Arm nach einer Stelle, die nicht gehörig bedeckt ist, strecken? Aber, wie gesagt, ich will an diesen meinen Gebrechlichkeiten nicht zum Maler werden und über eine Zeit hinwegeilen, in der ich jedenfalls verhungert wäre, wenn nicht meine Wirthin, eine sehr arme Frau, Erbarmen und Brod für mich gehabt hätte. Ich schreibe keine Dichtung, sondern ein Stück Leben, wie sich’s eben wirklich zusammensetzte.

Ich bin angestellt. Brod! Eine Stelle! Etwas Gewisses jede Woche! Was will der Mensch mehr heut zu [242] Tage? Die Wirthin hatte auch dafür gesorgt. Konnte mich die arme Frau zum Hofmaler machen oder bei einem Lord einführen? Nein, aber doch in einen Lumpenboden mit fünf Schillingen wöchentlich. Lum – Ja, ich schreibe keine Dichtung, ich meine auch nicht etwa einen blos lumpigen, sondern einen großen, wirklichen Lumpenboden (pag-Shop) mit sechszehnverschiedenen Beamten in den Departements der leinenen und kattunenen, der wollenen und halbwollenen und der gemischten Lumpen, der verschiedenen Maculatursorten und der Knochen. Blos acht Tage arbeitete ich im Knochen-Departement, dann avancirte ich schon zum Papiere und zwar gleich zum Sortiren des feinen und gröbern. Freilich nach vier Wochen waren meine Augen schon so entzündet, daß ernstlich an einen Arzt gedacht werden mußte. Auch hier schaffte die brave, dicke Wirthin Rath und sogar ein Hospital, das deutsche Hospital weit oben in Dalstow (einem äußersten, nordöstlichen Stadttheile Londons). Der brave Doctor Heß heilte nicht nur die Augen, sondern verschaffte mir auch Eintritt in einige deutsche Familien, die mich aus Gnad’ und Barmherzigkeit Portraits malen ließen. Das schwerste, sauerste Brod, das ich je gegessen! Es klingt wieder sehr unzart, wenn ich melde, daß ich mich in den Lumpenboden zurücksehnte, aber es ist doch wahr, und vor der Wahrheit muß man immer Respect haben, in welcher Gestalt sie auch auftrete. Aber was half’s? Dort war keine Stelle vacant und so fuhr ich fort, Leute auszuspioniren, die sich portraitiren ließen. Man hatte mir die Gegenden jenseits des Towers empfohlen, wo viele deutsche Capitains und Matrosen zu finden seien. Und wirklich, dort erblühte mein Glück. Diese Art Herren haben nicht so feine Physiognomien und Ansprüche und waren leicht zu treffen und zu befriedigen. Mancher Matrose zahlte nicht nur Geld, sondern auch herzlichen Dank für die Freude, daß er nun seine Physiognomie einer alten Mutter oder einer jungen Liebsten schicken könne. So kam ich durch Praxis und Empfehlung immer weiter in den Hafen hinein, einmal auch auf ein Schiff, das auf Wind für Amerika lauerte. Dort hatte ich namentlich den Steuermann gut getroffen. Sogleich versprach mir der Capitain zehn blanke Thaler, wenn ich ihn eben so gut träfe. Ich ging an’s Werk, aber natürlich nicht als freier Künstler, sondern als eine für zehn Thaler verkaufte Seele. Und dazu der steife Grog! Und dabei das immerwährende Aufspringen und Donnern unter den Matrosen von Seiten des Capitains! Der Wind wurde günstig, ehe ich ihn nur im Umrisse günstig conterfeit hatte. Ich entschloß mich kurz, mitzufahren. Ein Bischen Seekrankheit ärgerte mich anfangs, ging aber bald vorüber. Am Tage spielten wir Karte und tranken Grog, des Nachts wurde geschlafen.

So kamen wir mit wenigern Abenteuern, als auf der kürzesten Poststation, eines Nachmittags in New-York an. Matrosen und Capitain sahen weder links noch rechts und würdigten das Gewühl am Strande keines Blicks. Alle hatten’s schon hundertmal gesehen. Auch mir fällt es nicht ein, New-York zu beschreiben. Was gibt’s denn hier zu schildern? Geschäfte, große und kleine Geschäfte, verdorbene oder verschlissene Deutsche, Louis Drucker, Linden-Müller, Irländer. – Inwendig mag manches Herz schlagen und manches edle Gefühl und manche schöne That blühen – ich habe nichts davon bemerkt. Ich portraitirte mich bald immer weiter nach Südwesten hinein, ohne daß mir dabei etwas Besonderes passirt wäre. Alles, was ich erlebte, beschränkt sich auf pecuniäre oder appetitionäre Verlegenheiten, aus denen ich mich dann immer so ziemlich mit etwas farbiger Kreide herausstrich. Nur Musikanten und Portraitmaler können so in die Welt hineinlaufen, wie ich, allenfalls noch Handwerksburschen. Andern Leuten mag ich’s nicht rathen.

Endlich bin ich in einer kleinen, jungen Stadt weit innen im Lande. Ich will sie nicht nennen, denn ich habe es mit lauter wirklich lebenden Personen zu thun. In der kleinen Stadt bin ich Gehülfe bei einem Franzosen, der fabrikmäßig portraitirt. Er macht die Gesichter, ich die Haare und Kleider, ein Anderer die Rahmen u. s. w. Die Personen brauchen blos 1/2 Stunde zu sitzen. Drei Stunden nachher wird ihnen das Portrait mit Glas und Rahmen und einer quittirten Rechnung in’s Haus geschickt. Letzteres besorgt ein hübscher Junge mit einem Tressenkragen. Eines Tages kömmt ein schönes Mädchen herein. Der Fabrikherr wirft eben die Züge eines alten Herrn auf’s Papier, während eine dicke, rothlockige Mutter mit ihrem Jungen aus einer Tasche ißt und öfter fragt, ob sie bald dran kämen. Die junge, schöne Dame eröffnet, daß sie gar keine Zeit habe, und es müsse überhaupt sehr rasch gehen, sonst sei sie genöthigt, sich an einen Andern zu wenden. Wer aber läßt die Kunden in einem Geschäft gerne gehen? Der Portraitfabrikherr fragt mich, ob ich’s wagen wolle? Ei warum nicht! Die junge, schöne Dame setzt sich mir gegenüber, und daß nun der Zeitpunkt gekommen ist, wo die Liebesgeschichte anfängt, versteht sich. Sie war selbst unter den schönen Amerikanern schön, außerdem wohl kaum 17 Jahre alt. Auch ich bin nicht häßlich, so viel weiß ich als Portraitmaler, und hab’ ich nicht einen Schnürenrock und einen schönen Bart rings um und langes Haar mit etwas natürlicher Lockung? Außerdem mußte sie durch das viele gegenseitige Ansehen bald merken, daß ich mit einem nicht schlechten Herzen voll heiliger Bewunderung für dieses feine, frische, edele, schöne Gesicht war. Doch wozu so etwas schildern? Die Sache ist, daß wir uns in der ersten Stunde gegenseitig liebten und zwar sehr eifrig. Sie war viel zu offen und naiv, als daß ihr das Versteckspielen hätte gelingen sollen. Sie wohne „sechste Straße,“ die nur aus einem einzigen Hause bestehe, sagte sie, als sie sich verabschiedete. Man möge eine bestimmte Zeit festsetzen, wenn das Portrait abgeliefert werden solle, damit sie’s im Garten in Empfang nehmen könne; Vater sollt’ es nicht sehen. Die armen Amerikaner haben keine Geschichte, keine Könige, keine großen Kriegshelden, nach denen sie ihre Straßen taufen könnten, und so helfen sie sich mit magern Zahlen, um sich in ihren nüchternen geraden Straßenzeilen zurechtzufinden.

Sechste Straße – einziges Haus! Das ist ja kinderleicht zu finden, dacht’ ich und trug das Portrait natürlich selbst hin. Aber die vierte und fünfte Straße und die siebente und achte Straße bestanden auch erst aus einzelnen, zerstreuten Häusern, deren Linien in der Dämmerung sich gar arg verwirrten. Nachdem ich vergebens an mehreren einzelnen Häusern herum spionirt hatte, ob sich das liebe Gesicht zeige, kam sie mir endlich entgegen, nahm das Portrait in Empfang, fragte nach der Rechnung und öffnete ihr Taschenbuch.

„Es kostet mehr, als Sie da in dem Buche haben,“ [243] antwortete ich mit beleidigtem Künstlerstolze, „es ist nicht mit Geld zu bezahlen.“ –

Sie sah in das Taschenbuch, blickte nur einmal halb darüber hinweg auf mich und sah dann noch tiefer hinein. Also vollkommen verstanden. Ich wollte das Honorar selbst von ihren Lippen entnehmen, aber sie wendete das schöne Köpfchen so rasch, daß die braunen Locken flogen, und flüsterte, ob ich das Capital nicht noch etwas stehen lassen wolle.

„Wenn ich hoffen darf, daß mir gute Zinsen nicht vorenthalten werden!“ erwiederte ich.

„Ich denke es so gut anzulegen, daß mir auch hohe Zinsen nicht schwer fallen werden,“ kicherte sie kindlich, aber doch auch so süß und gedämpft, daß offenbare Liebe der Jungfrau aus dem Kinde sprach.

Es war eine so einfache Situation, aber nie hatte ich in meinem Leben etwas Höheres, Gewaltigeres, Schöneres gefühlt und empfunden. Wir waren uns so fremd, zwei verschiedene Erdtheile hatten uns aufwachsen lassen und doch gingen wir nun nach diesen wenigen, ersten Worten so innig bekannt und verwandt, so vertrauungsvoll neben einander, als hätten wir uns schon immer alle Tage gesehen, gesprochen und allmählig lieben lernen.

Da ich hier nicht als Romanheld florire, brauche ich mich nicht weiter zu idealisiren. Und so gesteh’ ich offen, daß ich sowohl in Kurhessen, als auch in London, als ich die schiefgetretenen Stiefeln trug, geliebt habe, ohne an Dauer und Ehe zu denken. Als ich meinen Fabrikherrn das Erlebniß in der sechsten Straße erzählte, um meine Bitte, den Betrag von meinem Honorare abzuziehen, damit zu begründen und er mich auslachte wegen meiner deutschen Gutmüthigkeit der pfiffigen Yankeetochter gegenüber, die eben nur die zwei Dollars habe sparen wollen, dachte ich auch wieder so, wie in Kurhessen. Meine Schwärmerei war dahin. Dessenungeachtet fand ich den folgenden Abend das Haus sehr gut und auch sie wieder – Aurelia. Natürlich war nun sogleich wieder aller Zweifel vorbei, solche offene, zarte, naive, schöne Weiblichkeit und kindliche Frische, um zwei Dollars zu sparen? Ich schämte mich ordentlich, dem Fabrikmaler nur einen Augenblick geglaubt zu haben.

Vorläufig ist nun aber nichts Besonderes in unserer Geschichte. Wir kamen jeden Abend im Garten zusammen, selbst wenn es regnete. Nie wurde ein Capital reichlicher verzinst, das versteht sich. Aber das Wort „Garten“ ist nicht ohne Erklärung zu verstehen. Es war kein gewöhnlicher, es war der schönste Garten, der mir je vorgekommen. Blos eine Sorte Grünes wuchs darin, welches man im gemeinen Leben Gras nennt. Wo blieben denn die Bäume? Nun was kümmerten uns Bäume? Wir wollten weder klettern, noch Häuser von Holz bauen. Früchte sind auch sehr schön im Garten, wenn man Früchte essen will; Blumen gehören auch in den Garten, wenn man Blumen sehen will; aber Aurelia und ich wollten weder Aepfel essen noch Blumen sehen; wir wollten eben blos Arm in Arm einherwandeln und uns zuweilen etwas setzen und Auge im Auge sehen und Capital und Zinsen für mein Portrait in Unordnung bringen, so daß von beiden Seiten immer genommen und zurückgegeben werden mußte, ohne daß es je stimmte, und nichts Anderes übrig blieb, als immer von vorn anzufangen. Die Sache war idyllisch bis „der Alte“ dahinter kam. Der Alte war ein Kaufmann, der Geld machte, ich ein Malergehülfe. Eines Abends überraschte er uns, sprach sehr freundlich zu mir und traute mir zu, daß ich selbst die Unmöglichkeit einer ehelichen Verbindung einsehen würde, da das Malen immer ein sehr unsicheres „Geschäft“ bleibe. Er erwarte daher bestimmt, daß ich mich nie wieder sehen lassen werde.

Natürlich kamen wir doch wieder zusammen. Mehrmals wieder ertappt, mußten wir endlich scheiden. Aurelia sollte zur Mutter gebracht werden, die in einer andern Stadt einem andern Geschäfte vorstand. Der Alte war so freundlich, mich im Hause förmlich Abschied nehmen zu lassen, denn gegen meine Person hatte er durchaus nichts.

Aurelia drückte mir beim Abschied ein Zettelchen in die Hand. Es stand darin, daß wir uns den folgenden Nachmittag auf dem Eisenbahnhofe treffen und „fliehen“ wollten. Natürlich stellte ich mich ein. Sie war schon da mit einer bauschigen Reisetasche. Da der Zug im Vorbeigehen blos eine Minute hielt, war Pünktlichkeit nöthig. Wir flogen daher, sowie der Zug hielt, hinaus und stießen zugleich Beide auf den „Alten.“

„Hallo, junges Völkchen!“ rief er scherzhaft, „’n Bischen ’n Ausflug machen, wie? Wohin denkt man denn? Und was hat denn da meine liebe Aurelia für einen mörderlichen Reisesack?“

„Oh, Papa!“ schluchzte sie und weinte so leidenschaftlich, daß es ein Erbarmen war.

„Na, sagen Sie mal, junger Herr, was ist denn das nun hier eigentlich?“ wandte er sich an mich, indem er seine joviale Miene ablegte.

„Nun,“ sagte ich mit desperater Courage, „nichts als dies, daß wir uns hätten davon gemacht und trauen lassen, wenn Sie nicht so unberufen dazwischen gekommen wären!“

„Hm! Hm! gibt’s da vielleicht einen bestimmten Grund für solche Eile?“ Der Alte sah mich dabei ungemein fest an.

„Allerdings,“ sagte ich.

„Was?“ schrie jetzt der Alte. „Was für ein Grund?“

„Wir lieben uns!“ antwortete ich mit fester Stimme und festem Blick in sein Auge.

„Leben Sie wohl!“ sagte er, nachdem er mich und Aurelia wechselweise prüfend angesehen, „und besuchen Sie mich, wenn Sie mir 5000 Dollars oder ein sicheres Einkommen von 2000 Dollars jährlich nachweisen können, aber nicht eher!“ Mit diesen Worten nahm er Aurelia’s große Reisetasche in den einen und sie an den andern Arm und ging sehr ruhig und fest ab.

Der Garten war und blieb leer. Sie war fort. Nun galt es, 5000 Dollars anzuschaffen. Ich wollte sie unter allen Bedingungen schaffen, oder sterben. Das stand fest bei mir. Ich lernte nun portraitiren, wie Einer und schon nach einem Vierteljahre hatte ich 100 Dollars in der Bank. Da kam ein Brief. Mein ehemaliger Herr, jetziger Freund, war gerade bei mir. Der „Alte“ schrieb mir, daß seine Tochter seit drei Wochen verstorben sei.

Ich weinte wie verzweifelt und wurde dann still.

„Woran denken Sie?“ frug der Franzose.

„An Tod!“

„Selbstmord, denke ich.“

Ich gab keine Antwort.

„Haben Sie ihr Portrait?“

[244] „Nur eine schlechte Skizze von meiner eigenen Hand, auch ein Daguerreotyp, aber kalt und duftlos.“

„Genug, Leben und Liebe copiren Sie aus Ihrem eigenen Herzen. Malen Sie Aurelia. Schaffen Sie ein Kunstwerk und dann bringen Sie sich um, wenn’s gefällig ist. Aber wir Deutschen und Franzosen sollten nicht um Kleinigkeiten sterben.“

„Kleinigkeiten?“

„Sicherlich. Wir haben eine Mission in den neuen Welten. Die Anglo-Sachsen machen Geld und haben zu nichts Anderem Geschick und Geschmack. Die Menschheit geht in ekelhafter Geldmacherei unter, wenn wir nicht schöne, große Ideen unter sie werfen. Sehen Sie in England, in Amerika, in Australien sind es überall Deutsche und Franzosen, die Kunst, Literatur, Wissenschaft säen und schaffen. Tragen Sie zu unserer Mission ein Werk bei. – Sie haben gerade jetzt die rechte Stimmung und Weihe dazu – und dann schießen Sie sich todt, wenn Sie glauben, hier fertig zu sein. Ich habe bald Geld genug, um dann auch als Künstler anfangen zu können. Das Gesicht ist wundervoll und Ihr Schmerz groß; damit können Sie etwas leisten.“

Das packte mich durch und durch. In sechs Wochen sollte eine Kunstausstellung in der nächsten großen Stadt eröffnet werden. Nach einem Monate war das Bild vollendet. Ich hatte während der Zeit Essen und Trinken vergessen, aber es war fertig. Acht Tage lang dämpfte und hob ich noch an den Farbentönen; dann thaten wir’s in einen Rahmen, den mir der Franzose creditirte, packten es ein und schickten es nach dem Eisenbahnhofe.

Mehrere Zeitungen sprachen gleich am zweiten Tage mit Enthusiasmus von der Perle der Ausstellung, dem über New-York schwebenden und bittend herniederblickenden Genius der Kunst, nur tadelten sie, daß der Genius „zu Deutsch“ aussähe. New-York sieht in der Vogelperspective erhaben aus. Die beiden Theile von Meerwasser getrennt und stets tausendfältig durch elegante Dampfer verbunden, dieses Meerleben ringsum – und das viele Morgenroth und die vielen derben, körperlichen Farbentöne dazwischen bildeten einen effectvollen Gegensatz zu dem vom Aether getragenen Genius oben, dessen Gewandung, aus lichten durchsichtigen Wolken gewoben, sich weit in den Himmel hinein immer leichter und unsichtbarer verlor. Vom Gesicht ging alles Licht aus, das sich aber vertheilte, nur das untere vom irdischen Morgenroth. So konnte man das Gesicht zugleich für eine höhere, überirdische Sonne nehmen. Doch ich will nicht weiter aus den Zeitungen abschreiben; aber ich kaufte mir alle möglichen Zeitungen und borgte mir bei dem Franzosen Geld dazu, nachdem ich ihm Alles, was irgendwie entbehrlich erschien, versetzt hatte. Ich war lauter Gluth und Aufregung. Ehrgeiz, Künstlerstolz und Sehnsucht nach dem Originale meines Bildes, das mir zugleich vermodernd aus dem Sarge entgegenstarrte, verzehrten mich. So saß ich eines Abends matt und aufgeregt in meinem Zimmer und ließ mich geduldig brennen und glühen von Bildern und Leidenschaften aller Art. Sie schwebte vor mir lächelnd in den Wolken; sie streckte todt und angstvoll bittend mir ihre Hände aus dem Grabe entgegen. Nun öffnete sie leise die Thür, und ihre geisterhafte, weiße Wange erröthete, und ihr weißes Gewand rauschte, ihr süßer Mund bewegte sich und flüsterte:

„Ottomar kennst Du mich nicht mehr?“

„O meine Aurelia, Dich nicht kennen?“

„Und Du liebst mich noch?“

„Du bist mein unsterbliches Selbst. Ich Dich nicht lieben?“

„Nun warum bewillkommst Du mich nicht? Ottomar, warum empfangen mich Deine Arme nicht?“

Von Furcht und Schrecken niedergedrückt, aber plötzlich von wahnsinniger Leidenschaft erhoben, stürzte ich mich auf das Phantom los und schloß es in meine Arme, meine süße, lebenswarme, wirkliche Aurelia. Das waren wirkliche Arme, wirkliche Küsse.

„Mein Gott! Mein Gott! Wie ist das möglich? Wie lange hab’ ich Dich als todt beweint!“

„Und ich Dich als begraben.“

Doch nun wurde unsere Unterhaltung so lebendig und Fragen und Antworten so schnell und verwickelt, daß ich’s nicht mehr aufschreiben kann.

„Der Alte“ hatte uns für einander todt gemacht, um die Tochter an seinen „Co.,“ wie so ein Theilnehmer am Geschäft in der kurzen, kaufmännischen Kunstsprache titulirt und geschrieben wird, zu verkaufen. Sie hatte aber nicht ihn, sondern ein Fieber bekommen, wovon sie noch so blaß ausgesehen hatte, bis unsere Umarmungen kamen. Nun hatte der Alte „eingewilligt,“ nur um sie gesund zu machen, dann aber gleich wieder von seinem „Co.“ angefangen und sie gequält, bis sie auf der „Ausstellung“ gewesen waren. Da hatte sie gemerkt, daß ich nicht todt sein könne, obgleich sie mir vorwarf, ich habe gar zu sehr „geschmeichelt.“ Ich unterbrach sie und meinte, nun wollten wir sogleich fliehen.

„Das ist nicht nöthig. Alterchen hat nichts mehr dagegen. Und da hinten steht er selbst. Frag’ ihn nur.“

„Sir!“ sagte der Alte, indem er vortrat, „jetzt ist’s etwas Anderes. Jetzt gebe ich natürlich meine Einwilligung, da Sie die verlangten 5000 Dollars nachweisen können.“

„Ich 5000 Dollars?“ O selbst meine 100 waren längst wieder dahin.

„Ist der Brief mit der Anweisung noch nicht da?“ fragte der Alte. „Nun die Compagnie in New-York, welche Ihr Bild kaufte, hat Credit bei mir. Und wenn Sie heute Abend in der sechsten Straße Ihren Thee trinken wollen, soll es mir sehr angenehm sein. Hoffentlich hat der Genius über New-York nichts dagegen.“

Gewiß nicht. Wir tranken den Abend Thee und kurz darauf saß ich eines Nachmittags mit meinem Genius als Hauptheld unter lauter langen, schmalschulterigen, backenbärtigen Yankees und ihren Damen. Viele bestellten bei mir Bilder. Jeder wollte einen in der Luft schwebenden Gegenstand haben, unter Anderm Einer seine Großmutter, weil sie ihm bei ihrem Tode viel mehr hinterlassen, als er erwartet hatte. Die Kunst ist noch kindlich in Amerika, ich aber bin gegenwärtig ein glücklicher Ehemann und renommirter Künstler.