Der Gott der Jugend

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Textdaten
Autor: Friedrich Hölderlin
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Titel: Der Gott der Jugend
Untertitel:
aus: Friedrich Schiller:
Musen-Almanach für das Jahr 1796, S. 152 – 155
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1796
Verlag: Michaelis
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Erscheinungsort: Neustrelitz
Übersetzer:
Originaltitel:
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Quelle: HAAB Weimar, Kopie auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[152]
Der Gott der Jugend.


      Gehn dir im Dämmerlichte,
Wenn in der Sommernacht
Für selige Gesichte
Dein liebend Auge wacht,

5
Noch oft der Freunde Manen

Und, wie der Sterne Chor,
Die Geister der Titanen
Des Alterthums empor;

      Wird da, wo sich im Schönen

10
Das Göttliche verhüllt,

Noch oft das tiefe Sehnen
Der Liebe dir gestillt;
Belohnt des Herzens Mühen
Der Ruhe Vorgefühl,

15
Und tönt von Melodieen

Der Seele Saitenspiel;

[153]

      So such’ im stillsten Thale
Den blüthenreichsten Hain,
Und gieß’ aus goldner Schaale

20
Den frohen Opferwein!

Noch lächelt unveraltet
Des Herzens Frühling dir,
Der Gott der Jugend waltet
Noch über dir und mir.

25
      Wie unter Tiburs Bäumen,

Wenn da der Dichter saß,
Und unter Götterträumen
Der Jahre Flucht vergaß,
Wenn ihn die Ulme kühlte,

30
Und wenn sie stolz und froh

Um Silberblüthen spielte,
Die Flut des Anio;

      Und wie um Platons Hallen,
Wenn durch der Haine Grün,

[154]
35
Begrüßt von Nachtigallen,

Der Stern der Liebe schien,
Wenn alle Lüfte schliefen,
Und, sanft bewegt vom Schwan,
Cephisus durch Oliven

40
Und Myrtensträuche rann;


      So schön ist’s noch hienieden!
Auch unser Herz erfuhr
Das Leben und den Frieden
Der freundlichen Natur;

45
Noch blüht des Himmels Schöne,

Noch mischen brüderlich
In unsers Herzens Töne
Des Frühlings Laute sich.

      Drum such’ im stillsten Thale

50
Den düftereichsten Hain,

Und gieß’ aus goldner Schaale
Den frohen Opferwein,

[155]

Noch lächelt unveraltet
Das Bild der Erde dir,

55
Der Gott der Jugend waltet

Noch über dir und mir.

HÖLDERLIN.