Der Hahn mit den Goldfedern

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Textdaten
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Autor: Ernst Meier
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Titel: Der Hahn mit den Goldfedern
Untertitel:
aus: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben, S. 259-267
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1852
Verlag: C. P. Scheitlin
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Quelle: Google und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[259]
75. Der Hahn mit den Goldfedern.

Es waren einmal zwei englische Offiziere, die hatten sich unter das preußische Militär aufnehmen laßen und dienten hier schon lange Zeit. Da gefiel’s ihnen endlich nicht mehr und sie beschloßen, heimlich das Heer zu verlaßen, und besprachen eben ihre Flucht, als ihr Bedienter, der Bernhard hieß, zu ihnen wollte und an der Thür horchte und also ihren ganzen Plan erfuhr. Da besann er sich nicht lange, [260] sondern trat zu den Offizieren in’s Zimmer und sagte: er habe Alles gehört, was sie vorhätten, und wenn sie ihn nicht auch mitnähmen, so würde er’s dem General anzeigen, daß sie desertiren wollten. Da sagten sie: ja, sie wollten ihn wohl mitnehmen und machten sich gleich am andern Morgen ganz in der Stille auf und davon, und marschirten Tag und Nacht durch, obwohl das Wetter kalt und naß war. Weil sie aber nicht wagten, in ein Wirthshaus einzukehren, so mußten sie unter freiem Himmel übernachten.

So blieben sie auch einmal in einem Walde und ließen ein Feuer anmachen, um ihre Kleider zu trocknen, und legten sich nieder unter einen Baum und schliefen ein; der Diener aber mußte wachen und das Feuer unterhalten. Da war das Holz abgebrannt und der Bediente gieng hin, um frisches zu suchen und zu brechen; allein eh’ er zurückkam, war das Feuer schon ganz erloschen, also, daß er den Platz, wo seine Herren ruhten, nicht wieder finden konnte und nun im Walde hin und her irrte, bis er endlich ein Licht sah und darauf zugieng und an ein großes Haus kam. Da freute er sich und hoffte, hier etwas zu eßen zu bekommen, denn schon seit mehren Tagen war Schmalhans bei ihm Koch gewesen, und außerdem war er durch das Wachen und das Marschiren bei dem schlechten Wetter ganz müd und matt geworden.

In dem Hause aber war keine menschliche Seele zu finden; alle Zimmer waren leer. Da legte sich endlich Bernhard in dem letzten Zimmer, in das er kam, nieder, um sich zu erholen, weil’s hier so gut warm war, und wollte eben [261] einschlafen, als er einen Hahn krähen hörte. Da suchte er im ganzen Zimmer umher, aber nirgends war ein Hahn zu sehen. Nach einer Weile krähte der Hahn zum zweiten Mal; aber er mochte suchen so viel er wollte, es war kein Hahn zu finden. Wie er nun recht genau aufpasste, wo der Ton wohl herkomme, da krähte der Hahn zum dritten Mal und da merkte er deutlich, daß der Ton aus dem Tische kam und zog sogleich die Schublade auf und richtig: da saß ein „Gokeler“ mit goldnen Federn darin. Nun zog er geschwind sein Meßer aus der Tasche und wollte den Hahn nehmen und schlachten und verzehren; denn er hatte großen Hunger; aber der Hahn redete ihn an wie ein Mensch und sagte: er solle ihn nicht umbringen, sondern sich nur eine Feder aus seinem Schwanze ziehen: mit der könne er sich Alles herwünschen, was er wolle; er brauche es bloß mit der Feder zu schreiben und sogleich werde es da sein. Darauf riß er dem Hahn eine Goldfeder aus und schrieb damit, daß er sich ein gutes Eßen wünsche. Und auf der Stelle war der Tisch mit den besten Speisen und Getränken besetzt, und nachdem er sich gesättigt und gestärkt hatte, schrieb er: er wünsche, daß das Feuer im Walde brenne und er bei seinen Herren wäre und daß diese gut schlafen und ihre Kleider trocken sein möchten. Und kaum war er mit dem letzten Worte fertig, so war er auch schon wieder bei den Offizieren, die schliefen noch fest und ihre Kleider waren getrocknet und das Feuer brannte hell und lustig. Dann weckte er die beiden und reiste mit ihnen weiter; sagte aber nichts von seiner goldenen Feder, weil’s der Hahn ihm verboten hatte.

[262] Nach einigen Tagen, als der große Wald noch immer kein Ende nehmen wollte, blieb der Bediente einmal zurück und schrieb flink mit seiner Feder: „er wünsche, daß er und seine Offiziere bald in die Gegend von England kommen möchten, wo sie zu Haus seien.“ Da dauerte es kaum eine Viertelstunde, da gieng der Wald zu Ende und sie befanden sich in einer freundlichen Gegend und der eine Offizier blieb stehen und sagte zu seinem Kameraden: „aber sieh nur die Berge und dieß Thal und die Stadt dort! wüßte ich nicht, daß wir hier noch auf preußischem Boden sind, so würde ich sagen, dieß wäre unsere Heimath.“ Der Andere sagte das Nämliche. Als sie aber im nächsten Dorfe einkehrten und nach den Namen der Ortschaften und des Landes fragten, da erfuhren sie, daß sie in England waren, ganz nahe bei ihrer Heimath, und konnten gar nicht begreifen, wie das nur möglich sei. – Bald darauf traten die Offiziere wieder in englische Dienste und wollten auch den Diener bereden, daß er bei ihrem Regiment dienen möchte; allein er sagte, er habe das Soldatenleben satt und wolle sein Glück anderswo versuchen und nahm Abschied von seinen Herrn und wanderte fort in die weite Welt hinaus.

Da kam er nach langer langer Zeit auch einmal in eine große schöne Stadt und hörte, daß die einzige Tochter des Königs schon viele Jahre lang krank sei und Niemand ihr helfen könne. Da ließ er beim König sich melden und gab sich für einen Doktor aus und verlangte die Prinzessin zu sehen und versprach, sie zu kuriren. Allein der König traute keinem Doktor mehr und mochte seine Tochter, [263] die am ganzen Leibe mit bösen Geschwüren bedeckt war, nicht einmal mehr sehen laßen und wies deshalb den fremden Doktor ab. Der aber ruhte nicht, bis der König endlich es zugab, daß er die Prinzessin besuchen und ihr etwas verordnen durfte. Da schrieb er ihr mit seiner Goldfeder ein Getränk auf und wünschte, daß es ihr darnach ein klein wenig beßer gehen möchte. Und so geschah es auch, und die Freude in dem königlichen Schloße war groß. Dann verordnete er ein zweites Getränk und wünschte, daß es danach allmählig immer beßer werden möchte, und da gieng’s denn auch von Tage zu Tage beßer, so daß die Prinzessin es kaum erwarten konnte, bis ihr Doktor wiederkam. Als er ihr nun ein drittes Getränk gab, hatte er gewünscht, daß sie danach vollkommen gesund werden möchte, und da dauerte es nicht lange, da war sie frisch und wohl wie der Fisch im Waßer und wußte gar nicht, wie sie ihrem Retter genug Dank und Liebe erweisen sollte, denn sie hatte ganz fest gemeint, sie müße sterben. Auch der König war über die Maaßen froh und bot dem Doktor so viel Geld und Gut, als er nur verlange; aber Bernhard wollte nichts nehmen. Als der König jedoch ihm keine Ruhe ließ und zuletzt fast mit Gewalt ein goldenes Scepter ihm aufnöthigte, so nahm er’s zwar hin, um nur fortzukommen; legte es draußen aber in ein Nebengäßchen nieder, weil’s ihm nur Mühe machte, es zu tragen, und wanderte weiter.

Nach einiger Zeit sagte die Prinzessin eines Tags ihrem Vater: „ich bin nun wieder gesund wie der Fisch im Waßer und möchte nicht als alte Jungfer sterben, sondern heirathen.“ [264] Ei, da war der König so froh, daß er seiner Tochter gelobte und versprach: „sie sollte nur sagen, welchen Mann sie gern haben möchte, den sollte sie bekommen.“ Da sagte sie: „keinen andern, als den Doktor, der mich geheilt hat.“ –

Nun erschrack der König zwar nicht wenig und hätte gern sein Wort zurückgenommen, wagte es aber doch nicht, weil er seine Tochter sehr lieb hatte. Deshalb sandte er Boten aus, die suchten den Doktor und brachten ihn zum König, und der verlobte ihn dann mit seiner Tochter, und nicht lange nachher war die Hochzeit; die beiden Leute aber waren so vergnügt und glücklich mit einander, daß es eine rechte Freude war, sie nur zu sehen.

Von den unermeßlichen Schätzen, die Bernhard sich gewünscht hatte, um als Prinz leben zu können, baute er sich zuerst ein prächtiges Schloß und daneben eine große Kirche, die man nach seinem Namen die Bernhardskirche nannte, und stiftete in dieselbe ein großes Kreuzbild von lauterm Golde; in eine verborgene Röhre dieses Bildes legte er die goldne Hahnenfeder, der er all sein Glück verdankte; denn er glaubte reich genug zu sein für sein Lebenlang und wollte zugleich die Wunschfeder beseitigen, weil er versprochen hatte, Niemanden etwas davon zu sagen. – Als später aber seine Gemahlin ihm keine Ruhe ließ und gar zu gern gewußt hätte, durch welche Mittel ihr Mann sie geheilt habe, da widerstand er endlich ihren Bitten nicht länger und sagte ihr Alles wie es gekommen, und nannte ihr auch den Ort, wo er die Feder verborgen hatte.

[265] In ihrer Herzensfreude erzählte die Tochter nun alsbald auch ihrem Vater diese Geschichte und ahnte nichts Schlimmes. Der König aber, der seinen Schwiegersohn nicht leiden konnte, faßte sogleich einen bösen Anschlag gegen ihn und gieng in die Kirche und ließ die Feder aus dem Goldbilde herausholen und schrieb dann damit: „er wünsche, daß ein Sturmwind käme und seinen Tochtermann bis an den äußersten Rand des Meers verschlage.“ Da erhob sich sogleich ein heftiger Sturm und führte den Schwiegersohn des Königs durch die Luft, weit weg über’s Meer und warf ihn endlich auf ein Schiff; darin waren Seeräuber und die erschracken recht ordentlich, als da mit Einem Male ein ganz fremder Mensch in ihr Schiff geflogen kam. Doch nahmen sie ihn mit und verkauften ihn an einen Edelmann; da wurde er Bedienter. Nicht lange so machte ihn der Edelmann zu seinem Kammerdiener und er hatte es gut bei ihm, besonders weil die Tochter des Edelmanns so verliebt in ihn war und täglich ihren Vater mit Bitten angieng, daß er ihr doch den schönen Kammerdiener zum Manne geben möchte. Endlich erlaubte es der Edelmann und verheirathete seine Tochter mit dem Kammerdiener, und der mußte sich’s gefallen laßen.

Als er nun eines Tags sich in einen leichten Kahn setzte und am Ufer des Meers spazieren fuhr, kam plötzlich ein starker Wind und trieb den Kahn mitten auf’s hohe Meer, ohne daß er es hindern konnte, und trieb ihn immer weiter und weiter, bis er endlich nach mehren Tagen an der entgegengesetzten Seite des Meeres landen konnte und [266] sich ganz nahe bei der Stadt befand, wo seine Gemahlin lebte. Da wollte er eilig zu ihr gehen; aber am Stadtthor wurde er von den Soldaten festgenommen, denn so hatte es der König befohlen; und als man dem König jetzt meldete, daß sein Tochtermann wieder da sei, ließ er ihn in einen tiefen Kerker werfen, wo weder Sonne noch Mond hinein scheinen konnten; seiner Tochter aber sagte er nichts davon, obwohl sie keine frohe Stunde mehr hatte, seit ihr Gemahl verschwunden war und sie gar nicht wußte, wo er sein mochte.

Nachdem nun Bernhard lange Zeit in dem unterirdischen Loche geschmachtet und schon die Hoffnung aufgegeben hatte, daß er noch daraus erlöset werden würde, da schien eines Tags in sein Gefängniß etwas Helles herab, das sah aus wie ein Lichtstrahl und rief ihm zu: „Bernhard, was machst Du? Ich bin der Hahn, der Dir die Feder gegeben. Warum hast Du nicht reinen Mund gehalten, wie ich Dir geboten hatte?“ Da klagte ihm Bernhard seine Noth und bat ihn dringend, daß er ihm doch noch einmal helfen möchte; und da gab der Hahn ihm endlich eine zweite Goldfeder, mit der er sich Alles wünschen konnte.

Nun schrieb er zuerst: er wünsche, daß die erste Goldfeder nie wieder an das Tageslicht kommen möchte; für’s zweite wünschte er sich in’s Schloß, in das Zimmer des Königs und sagte hier seinem Schwiegervater: „weil er so bös und grausam an ihm gehandelt, so solle er barfuß, mit dem Felleisen auf dem Rücken als Handwerksbursch bei Tag und Nacht durch die Welt reisen.“ Dann wünschte er sich [267] zu seiner Gemahlin und war im Augenblick bei ihr. Das war aber eine Freude! Nachdem er dann die Strafe für den alten König aufgeschrieben hatte, sah man ihn alsbald barfuß mit dem Ranzen auf dem Rücken zum Schloße herauskommen und fortwandern und hat ihn nie zurückkommen sehen. Da wurde Bernhard König und regierte viele Jahre lang zum Segen des Volkes und war glücklich mit seiner rechten Gemahlin bis an sein Ende.

Anmerkung des Herausgebers

[316] 75. Der Hahn mit den Goldfedern. Aus Nördlingen.